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Anna kommt nach Linz, um die Wohnung ihrer Mutter nach deren Tod zu räumen. Dabei findet sie in einem Geheimfach Briefe - Jahre alte Liebesbriefe eines offensichtlichen Geliebten ihrer Mutter. Um mehr über ihre Mutter zu erfahren, mit der sie zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis verbunden hat, beschließt sie, nach dem Geliebten zu suchen und deckt nach und nach ein Familiengeheimnis auf, welches die ganze Familie in einen Strudel der Ereignisse reißt.
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2021
Anna kommt nach Linz, um die Wohnung ihrer Mutter nach deren Tod zu räumen.
Dabei findet sie in einem Geheimfach Briefe – Jahre alte Liebesbriefe eines offensichtlichen Geliebten ihrer Mutter.
Um mehr über ihre Mutter zu erfahren, mit der sie zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis verbunden hat, beschließt sie, nach dem Geliebten zu suchen und deckt nach und nach ein Familiengeheimnis auf, welches die ganze Familie in einen Strudel der Ereignisse reißt…
Frühjahr 1963
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Epilog
Irene spazierte in ihrem neuen, luftigen Sommerkleid am Bach entlang.
Es war einer der ersten schönen Frühlingstage Anfang März, und eine fahle Sonne schien von einem blassen Himmel.
Es war ein bisschen zu kühl für das luftige Kleid, doch sie hatte es unbedingt ausführen wollen, es war nach der neuesten Mode geschnitten. Und der Winter war hart und lang gewesen, es dürstete sie danach, endlich die dicke Winterkleidung ablegen zu können. So trug sie anstelle ihres Wintermantels nur eine dünne Weste.
Sie schlenderte an einem Sportplatz vorbei, wo eine Gruppe junger Männer unter lautstarker Unterstützung etlicher Zuschauer gerade ein Fußballspiel absolvierte.
Einige der Burschen hockten in kleinen Gruppen auf einfachen Holzbänken am Spielfeldrand und schrien und johlten, um ihre Freunde, die auf dem Spielfeld mehr oder weniger talentiert dem Ball nachjagten, lautstark anzufeuern.
Einer fiel ihr ganz besonders auf – er saß etwas abseits am Rande und beteiligte sich nicht am allgemeinen Geschrei, er beobachtete die Spieler mit ausdruckslosem Gesicht und ohne Begeisterungsbekundungen, als ob er jeden einzelnen Spielzug eingehend studieren würde.
Der junge Mann war schlank, richtiggehend schlaksig, hatte dunkle Locken, die sich ungebändigt fast bis in den Nacken kringelten, und trug eine recht schäbige Lederjacke, die schon bessere Zeiten zu gesehen haben schien. Er beobachtete ruhig das Geschehen auf dem Spielplatz, wo ein Spieler soeben ein Tor geschossen hatte, was die übrigen Zuschauer erneut zu lauten Beifallsrufen trieb. Es wirkte geradezu, als würde er die Spielzüge analysieren.
Irgendetwas an ihm faszinierte sie außerordentlich, so dass sie einen Augenblick stehenblieb und so tat, als würde sie ihre Strumpfhose zurechtzupfen, um ihn aus den Augenwinkeln ein wenig beobachten zu können.
Als sie sich wieder aufrichtete, begegneten sich ihre Blicke.
Und nichts war mehr wie zuvor.
In dem zugigen alten Hausflur war es fast vollkommen dunkel. Eben noch in der strahlenden Frühlingssonne, musste Anna blinzeln, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Umrisse der alten Stiegen waren nur undeutlich zu erkennen. Anna tastete nach dem Lichtschalter, der sich, wie sie sich flüchtig erinnerte, gleich rechts an der Wand neben dem Haustor befand. Grelles Licht flammte auf und tauchte den Hausflur in kalte Helligkeit.
Anna gab sich einen Ruck und ging entschlossen zum Stiegenaufgang. Sie musste in das zweite Stockwerk, dort befand sich die kleine Wohnung, in der ihre Mutter die letzten 50 Jahre bis zu ihrem Tod gelebt hatte.
Vor drei Wochen war Irene Behringer gestorben und nun mussten ihre Erben die Wohnung räumen.
Erben!
Anna konnte sich eines ironischen Lächelns nicht erwehren, wenn sie an die Bezeichnung dachte, die der Vermieter gebraucht hatte. Als ob etwas zu erben vorhanden gewesen wäre. Ihre Mutter hatte keinerlei Reichtümer besessen und Anna hatte sich schon seelisch darauf vorbereitet, eine mit Kitsch und altem Plunder vollgestopfte Wohnung vorzufinden, wie dies nun meistens bei alleinstehenden alten Frauen so war. Irenes Ehemann, Annas Vater, war bereits seit fast 20 Jahren tot, seitdem hatte ihre Mutter allein gelebt. Und Anna war seit Jahren nicht mehr in der Wohnung gewesen, in der sie und ihre Schwester ihre Kindheit verbracht hatten.
Vor der Tür Nr. 11 stapelten sich Werbesendungen. Anna hatte den Hausmeister zwar gebeten, diese zu entfernen, aber offensichtlich hatte ihm die Zeit dazu gefehlt. Seufzend sperrte sie die Tür auf und betrat die Wohnung. Ein muffiger Geruch schlug ihr entgegen, es war nicht gelüftet worden, seitdem ihre Mutter vor vier Wochen mit einem akuten Herzinfarkt in ein Spital eingeliefert worden war. Seit dieser Zeit hatte niemand mehr die Wohnung betreten.
Seit acht Jahren war sie nicht mehr hier gewesen. Anna lebte in Wien, im Gegensatz zu ihrer Mutter, die ihre Heimatstadt Linz nie verlassen hatte. Mehr als ein loser telefonischer Kontakt und gelegentliche Besuche der Mutter in der Hauptstadt, wie sie Wien stets nannte, hatte nie bestanden.
Das kleine schmale Vorzimmer führte geradeaus ins Wohnzimmer, links befanden sich das WC und ein schmaler Abstellraum, auf der rechten Seite gelangte man in ein kleines Bad und in die Küche.
Außer dem Wohnzimmer gab es noch ein Schlafzimmer und ein weiteres kleines Kabinett, in dem Anna und ihre Schwester Irene gelebt hatten.
Anna betrat die Küche und öffnete rasch das Fenster, so weit es ging. Sonnenlicht flutete in den Raum.
Danach ging sie durch sämtliche anderen Räume und tat das gleiche, um für gründliche Durchlüftung zu sorgen, bevor sie mit ihrer Arbeit begann.
Die Sonne schaffte eine unwirkliche, fast heitere Atmosphäre. Die kleine Wohnung war ausgesprochen sauber und penibel aufgeräumt, darauf hatte ihre Mutter immer großen Wert gelegt. Ordnung ist das halbe Leben, hatte sie ihren beiden Töchtern schon von Jugend an gepredigt, wobei die damit erzielte Wirkung unterschiedlich ausgefallen war. Irene, Annas ältere Schwester, war ein Musterbeispiel an Ordnungsliebe, sie selbst jedoch neigte zum Chaos und brachte damit auch noch als Erwachsene Max, ihren Mann, regelmäßig zur Verzweiflung.
Angesichts der penibel aufgereihten Glasfiguren auf der Anrichte, die nun allerdings ziemlich verstaubt waren - etwas, was es zu Mutters Lebzeiten nie gegeben hatte - musste Anna leicht lächeln. Ihre Mutter hatte diese zierlichen Tierfiguren aus Glas geliebt, seitdem sie als junges Mädchen den Film Die Glasmenagerie im Kino gesehen hatte. Zu einer großen Sammlung hatte sie es allerdings nie gebracht, das hatte ihre Sparsamkeit verhindert – aber ungefähr 50 oder 60 verschiedene bunte und teilweise auch sehr kitschige, nur ein paar Zentimeter große Tiere in allen Farben und Ausformungen teilten sich den Platz auf dem schmalen Kasten.
Obwohl sie schon so lange nicht mehr in dieser Wohnung gewesen war, waren ihr die Einrichtung und persönlichen Gegenstände ihrer Mutter noch immer vertraut. Es kam Anna so vor, als atme die Wohnung noch ihre Seele. Obwohl es keine sehr enge Bindung zwischen ihnen gegeben hatte, stiegen ihr doch die Tränen in die Augen und sie musste dagegen ankämpfen.
Sie betrat den kleinen Raum, der ihr, und anfangs auch das Zimmer ihrer Schwester gewesen war. Bevor die mit 18 nach Wien gezogen war. Von dem Zeitpunkt an war er Annas alleiniges Reich gewesen.
Das Zimmer sah nicht viel anders aus, als sie es in Erinnerung hatte – an der Wand zur rechten Seite stand noch der alte Kleiderschrank, allerdings fehlten die vielen bunten Klebebildchen, mit denen Anna zum großen Missfallen ihrer Mutter das Möbelstück im Laufe der Zeit verziert hatte. Stattdessen war er in einem cremigen Weiß lackiert worden. Die kleine Kommode mit den offenen Fächern an der gegenüberliegenden Seite, in der Anna ihre Schätze aufbewahrt hatte, war ebenfalls im selben Farbton aufgefrischt worden. Darüber an der Wand hing noch ihr Bücherregal. Ihre Kinderbücher standen ordentlich geschlichtet darauf. Dort, wo sich Annas Bettbefunden hatte, stand nun ein kleines Sofa mit dezent geblümtem Stoff, auf dem passende Kissen drapiert waren. Davor stand ein kleines Beistelltischchen mit einer hübschen Lampe. Die Wände waren inzwischen in einem eleganten Cremeton gestrichen worden.
Anna trat zu dem Regal und nahm eines der Bücher aus einem Fach – Der Flug ins Karfunkelland, sie hatte dieses Buch als Kind geliebt und mit der Hauptfigur mitgelitten, es war ihr Lieblingsbuch gewesen. Gern wäre sie mit dem Knaben Karfunkel und seinem Kater Flox in die Welt geflogen und das Geheimnis von dessen zwei verschiedenfärbigen Augen ergründet, sie hatte sich oft an seine Seite geträumt.
Anna strich sanft über das Buch und stellte es wieder in das Regal zurück
Auch einige Ausgaben der Buchreihe Fünf Freunde standen da in Reih und Glied – ihre Mutter hatte alles aufgehoben. Ihr Blick fiel auf ein weiteres Buch, das sie einige Jahre später dann mit 12 gelesen hatte. Bergwinter - die Heldin des Buches, Amanda, ein Mädchen ungefähr in ihrem Alter, hatte sie fasziniert, und sie hatte fest vorgehabt, einmal ihre Tochter so zu nennen. Sie hatte es mehrmals gelesen. Obwohl es in den rauen Bergen Amerikas spielte und sich das Leben der Hauptfigur völlig von ihrem eigenen unterschied, hatte sie sich in sie hineinversetzt und mit ihr mitgelebt.
Anna blätterte in dem Buch, es war durch das mehrmalige Lesen ziemlich abgegriffen. Dass ihre Mutter ihre Bücher tatsächlich aufbewahrt hatte, hatte sie nicht für möglich gehalten.
Auf der Kommode stand der kleine Plattenspieler, der ihr ganzer Stolz gewesen war – auf dem hatte sie in einer Dauerschleife ihre ersten Schallplatten abgespielt und ihre Mutter damit ziemlich genervt. Ihr Vater war untertags wenig zu Hause gewesen, er hatte viel gearbeitet.
Dann stutzte sie – auf dem obersten Regal, halb zwischen den Büchern versteckt, saß ein Stofftier. Sie zog es heraus und betrachtete es ungläubig. Es war Stofferl, ihr geliebter Stoffhase, der sie in den ersten Jahren überallhin begleitet hatte. Ohne dieses Stofftier hatte sie als Kleinkind nicht einschlafen können. Überall hatte sie den Hasen mitgeschleppt – und ihre Mutter hatte ihn mehrmals flicken müssen, weil sie ihn so sehr geliebt hatte und auch nicht wirklich pfleglich mit ihm umgegangen war.
Irgendwann, als Anna größer geworden war, war er dann in einer Ecke gelandet und völlig aus ihren Gedanken verschwunden gewesen.
Ihn jetzt wieder auf dem Regal zu entdecken, kam für sie völlig unerwartet. Sie betrachtete ihn eingehend. Er war sauber und alle Nähte waren geflickt. Ihre Mutter hatte ihn in Ordnung gebracht und für sie die ganzen Jahre aufgehoben. Anna drückte ihn an die Brust und ließ sich auf das kleine Sofa sinken. Tränen schossen in ihre Augen. Erinnerungen strömten auf sie ein. Erinnerungen, die sie längst vergessen hatte.
Wie oft hatte Mutter in der ganzen Wohnung danach suchen müssen, weil sie Stofferl irgendwo liegenlassen hatte, aber nicht ohne ihn ins Bett hatte gehen wollen. Sie hatte darauf bestanden, dass Mutter ihn suchte. Anna hatte noch ihren recht ungeduldigen Ton im Ohr, mit dem sie das stets begleitet hatte.
Aber die Tatsache, dass diese das kleine Stofftier so liebevoll repariert und sorgfältig aufgehoben hatte, berührte sie zutiefst.
Sie drückte sich den weichen Stoff ans Gesicht und atmete tief den leichten Duft ein, der daran haftete. Es war das Parfum ihrer Mutter, Chanel Nr. 5, welches diese jahrelang getragen hatte. Anna hatte es ihr wiederholt zu ihren Geburtstagen geschenkt, sie hatte dafür jedes Mal eisern gespart.
Sie schüttelte energisch den Kopf und stand wieder auf. Sie musste endlich anfangen, hier ihren Gedanken und Erinnerungen nachzuhängen, würde sie nicht weiterbringen. Das konnte sie auch noch ausführlich tun, wenn sie fertig sein würde, schalt sie sich selbst.
Sie nahm Stofferl mit ins Wohnzimmer und setzte ihn zu ihrer Tasche. Sie wollte ihn mitnehmen.
Schnell packte sie dann die mitgebrachten großen Müllsäcke aus und überlegte, wo sie beginnen sollte. Sie beschloss, im Schlafzimmer anzufangen und sich dann durch die einzelnen Räume zu arbeiten.
Einige Stunden später hockte sie auf dem Bett, inmitten von aufgetürmter Kleidung, Bettwäsche und sonstigen Schrankinhalten. Fünf vollgepackte und säuberlich verschnürte Säcke hatte sie bereits ins Vorzimmer geschleppt. Es fehlte nur noch die altmodische Kommode aus Nussholz an der Wand gleich neben dem Fenster. Mutter hatte dieses alte Möbelstück geliebt und entgegen den Protesten ihrer Töchter behalten. Es bot einen seltsamen Kontrast zu den doch wesentlich moderneren restlichen Möbeln in diesem Raum. Die Kommode hatte eine weitere Funktion als Schreibtisch, man konnte eine Schreibplatte herausziehen. Mutter hatte ihr Haushaltsbuch darauf geführt, hatte stets säuberlich alle Haushaltsausgaben darin eingetragen, was Anna als ziemlich altmodisch empfunden hatte.
Sie sah sie noch dort sitzen, auf dem unbequemen Holzstuhl, mit konzentriertem Gesichtsausdruck und mit Bleistift ihre Eintragungen vornehmend. Sie hatte das immer mit Bleistift getan, um gegebenenfalls etwas korrigieren zu können. Ihre Mutter hasste es, etwas durchstreichen oder überschreiben zu müssen, das sah nicht ordentlich aus, hatte sie ihr stets erklärt.
Eigentlich hatte sie genug für diesen Tag – doch Neugier trieb sie dazu, noch einen Blick in die Laden der Kommode zu werfen. Diese war für die Kinder immer tabu gewesen, daran konnte sie sich noch lebhaft erinnern. „Was magst du wohl hier versteckt haben?“, murmelte sie leise, als sie die erste Lade aufzog.
Darin lagen ein altmodischer bestickter Handspiegel und eine dazu passende Haarbürste, der man den oftmaligen Gebrauch ansah. Dazwischen konnte sie ein paar verstreute Haarklammern sehen. Ihre Mutter hatte ihr Haar zeitlebens hochgesteckt getragen. Anna konnte sich nicht erinnern, sie jemals mit einer anderen Frisur gesehen zu haben, auch in ihren jüngeren Jahren nicht. Täglich hatte ihre Mutter ihre sehr schönen Haare mit dieser Bürste gepflegt. „Hundert Bürstenstriche am Tag erhalten das Haar gesund!“ Anna hatte ihren Spruch noch immer in den Ohren.
Manchmal hatte Anna das tun dürfen, sie erinnerte sich noch an das Gefühl der seidenweichen Haare zwischen den Fingern.
In der zweiten Lade befanden sich weitere Frisierutensilien, sowie einige kleine Päckchen Duftseife.
Auch sonst war nichts Besonderes in dem Möbelstück zu entdecken, alles Kleinkram, der sich wohl in jedem Frauenschreibtisch finden ließ. Anna wollte schon die letzte der sechs kleinen Laden schließen, in der sich verschiedene Cremetuben befanden, als sie plötzlich stutzte.
Irrte sie sich, oder war diese Lade um ein gutes Stück kürzer als die anderen? Sie zog sie noch einmal in der ganzen Länge heraus – ja, sie war sicher um einiges kürzer als die anderen, die sie zuvor in der Hand gehabt hatte. Mit etwas Mühe gelang es ihr, sie vollkommen aus der Führung herauszuziehen, um sehen zu können, was sich dahinter verbarg. Mit den Fingern tastete sie die Holzwand ab. Da war nichts zu spüren. Doch als sie das Holz mit etwas mehr Druck berührte, sprang auf einmal eine Klappe auf und ein verschnürtes Päckchen fiel ihr entgegen.
Anna zog es heraus und betrachtete es. Es war ein ca. 15x10cm großes, in weißes Packpapier verschnürtes und 5cm hohes stabiles Paket. Unwillkürlich musste sie an ein Bündel Geldnoten denken und das Wort „Erben“ blitzte erneut in ihren Gedanken auf.
Hastig kramte sie in einer der oberen Laden, in der sich eine Nagelschere befand, und schnitt damit die Schnur auf. Als sie das Papier auseinanderschlug, sah sie, dass es sich um Briefe handelte, Briefe in verschiedenen Umschlägen. Beim Durchsehen sah sie, dass die überwiegende Zahl davon einen Poststempel aufwies und als Empfänger den Namen und die Adresse ihrer Mutter trugen. Es waren insgesamt 6 Stück, zwei davon waren in der schönen verschnörkelten Schrift ihrer Mutter beschriftet und waren offensichtlich nicht abgeschickt worden. Anna hatte die Schrift ihrer Mutter stets bewundert und ihre Schwester Irene glühend um eines beneidet: Irene schrieb mit dem selben kühnen Schwung. Ihre eigene Klaue dagegen konnte sie selbst oft nur mit Mühe entziffern.
Die Briefe waren alle an einen gewissen „Julian Lessing“ gerichtet. Diesen Namen hatte Anna noch nie gehört. Auch die Briefe, die offensichtlich an ihre Mutter gegangen waren, trugen den selben Namen – diesmal jedoch als Absender.
Sie runzelte die Stirn. Wieso hatte ihre Mutter diese Briefe versteckt? Und wer war dieser Mann?
Hatte ihre Mutter tatsächlich einen heimlichen Geliebten gehabt? Aber sie war seit 18 Jahren Witwe gewesen, warum hätte sie also ein Geheimnis daraus machen sollen? Oder war das vielleicht schon während ihrer Ehe gewesen? Anna wusste nicht mehr allzu viel über die Ehe ihrer Eltern. Sie stellte sich das Gesicht ihrer Mutter vor – ein hübsches Gesicht, das vielleicht durch den strengen Haarknoten strenger wirkte, als sie tatsächlich gewesen war. Wie mochte sie wohl auf Männer gewirkt haben? Sich ihre Mutter als Liebhaberin vorzustellen, fiel Anna schwer. Sie versuchte angestrengt, auf einem Poststempel ein Datum zu entziffern, doch das war unmöglich, die Tinte war völlig verwischt.
Ein kühler Luftzug schreckte Anna auf. Inzwischen war es dunkel geworden und ein frischer Abendwind wehte durch die Wohnung. Sie hatte tatsächlich vergessen, die Fenster wieder zu schließen. Ein Blick auf ihre Armbanduhr sagte ihr, dass es schon nach 19 Uhr war – höchste Zeit, für diesen Tag Schluss zu machen. Nun meldete sich auch ihr Magen vernehmlich. Sie hatte den halben Tag nichts gegessen, nur während des Einräumens hin und wieder einen Schluck Wasser getrunken.
Sie beschloss, die Briefe mit in ihr kleines Zimmer in der Pension zu nehmen und sie dort zu lesen. Sie hatte kurz erwogen, in der Wohnung ihrer Mutter zu übernachten, doch es hatte ihr widerstrebt, im Bett ihrer toten Mutter zu schlafen. Und das Sofa war zum Schlafen nicht geeignet.
Anna packte die Briefe in ihre Handtasche und verschloss sorgfältig alle Fenster.
Unterwegs stoppte sie bei einem italienischen Restaurant und bestellte sich eine Pizza zum Mitnehmen.
Während sie darauf bei einem Glas Rotwein wartete, dachte sie über die Briefe nach.
Sie spürte die Neugier in allen Fasern ihres Körpers. Ihre stets um Korrektheit bemühte Mutter! Nicht im Traum hätte sie jemals daran gedacht, dass diese ein solches Geheimnis gehütet hatte.
Anna schüttelte leicht den Kopf und schickte ein hilfloses Lächeln in Richtung des Kellners, der sie verwundert ansah.
Als man ihr kurz darauf die Pizza und eine Flasche Wein brachte, zahlte sie schnell und ging, ohne ihr Glas auszutrinken.
In ihrem Zimmer angekommen, zwang Anna sich dazu, zuerst zu essen und erst danach die Briefe zu lesen. Sie wollte keine fettigen Fingerabdrücke auf dem Papier hinterlassen.
Sie bemühte sich, das Essen nicht hastig in sich hineinzuschlingen, hätte jedoch danach nicht mehr sagen zu können, was sie eigentlich gegessen hatte. Ihre Gedanken kreisten ununterbrochen um den geheimnisvollen Fund.
Endlich mit dem Essen fertig, machte sie es sich mit ein paar Kissen auf dem großen Doppelbett bequem. Den Wein hatte sie aus Ermangelung eines Weinglases in ihren Zahnputzbecher gefüllt.
Sie konnte keinerlei Reihenfolge der einzelnen Briefe entdecken, deshalb fing sie mit dem obersten in dem Päckchen an. Ihre Mutter hatte ihn offensichtlich geschrieben und nicht abgeschickt.
„Mein liebster Julian!
Seitdem wir uns nicht mehr sehen dürfen, ist meine Welt dunkel und grau. Nur das Baby gibt mir Kraft. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll! Ich weiß nicht, wie ich das alles allein schaffen soll, ohne dich an meiner Seite. Aber es darf nicht sein, wir dürfen nicht zusammen sein.
Ich wünschte, es wäre anders gekommen, wünschte, ich könnte mit dir weit fortgehen, irgendwohin, wo uns niemand verbieten kann, uns zu lieben!
Ich…“
Hier brach der Brief ab. Es sah aus, als wäre die Schreiberin gestört worden und hätte dann keine Gelegenheit mehr gehabt, ihn zu vollenden und abzuschicken.
Anna schloss die Augen und lehnte sich in die Kissen zurück. Sie atmete schwer. Es war also tatsächlich wahr – ihre Mutter hatte ihren Vater betrogen. Und wen hatte sie mit dem Baby gemeint? Es konnte sich nur um Irene oder aber um sie selbst gehandelt haben. Sie überlegte. Aber wenn sie gemeint gewesen wäre, würde ihre Mutter dann nicht von den Kindern geschrieben haben? Also musste diese Geschichte bereits vor ihrer Geburt stattgefunden haben. Offensichtlich hatte ihre Mutter ihren Vater bereits in jungen Jahren betrogen…
Ihre Mutter!
Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie so gut wie gar nichts über die Frau wusste, die sich hinter diesem Ausdruck verbarg. Ihre Mutter hatte nie über private Dinge mit ihren Töchtern gesprochen. Anna überlegte, ob ihre Schwester Irene vielleicht von der Affäre gewusst hatte. Immerhin war sie 15 Jahre älter als sie und sie war sicher, dass Irenes Verhältnis zur Mutter einmal ein weitaus engeres gewesen war als ihr eigenes. Aber selbst das wusste sie nicht mit Bestimmtheit.
Sie spürte, dass sie kaum noch ihre Augen offen halten konnte vor Müdigkeit. Das Räumen, Sortieren und Einpacken war doch sehr anstrengend gewesen. Sie beschloss, ins Bett zu gehen, obwohl sie noch gern weitergelesen hätte. Aber sie wollte dies mit voller Aufmerksamkeit tun. Und sie wollte sich überlegen, was sie mit ihrem neuen Wissen anfangen sollte. Sie war ziemlich neugierig auf die weiteren Briefe, gespannt, was diese ihr noch enthüllen würden.
Aber zuerst musste sie einmal schlafen, das würde ihren Kopf wieder klar machen.
Anna erwachte mit dröhnendem Kopf. Sie fühlte sich wie zerschlagen. Fast die halbe Nacht hatte sie sich schlaflos in den Kissen gewälzt. Unaufhörlich waren ihre Gedanken um das geheimnisvolle Leben ihrer Mutter gekreist. Um halbwegs munter zu werden und ihre Lebensgeister wieder zu erwecken, bestellte sie sich telefonisch ein Frühstück.
Kurz darauf klopfte es an ihrer Tür und sie nahm eine große Kanne Kaffee und frisches Gebäck entgegen. Nachdem sie zwei Tassen Kaffee getrunken und eine Kleinigkeit dazu gegessen hatte, fühlte sie sich schon etwas besser. Eine ausgiebige Dusche ließ ihre Energie vollends wieder zurückkehren.
Mit dem letzten Rest Kaffee aus der Kanne setzte Anna sich wieder an den kleinen Tisch und überlegte, was sie als nächstes unternehmen sollte. Eigentlich wartete ja die Wohnung, weiter geräumt zu werden, doch nachdem sie am Vortag schon so viel geschafft hatte, konnte sie ruhig einige Stunden pausieren.
Kurz kam ihr der Gedanke, die Vergangenheit ruhen zu lassen, doch sie verwarf ihn rasch wieder. Der Brief hatte ihre Gefühle aufgewühlt. Die ganze Nacht lang hatte sie immer wieder darüber gegrübelt – und nun brannte sie darauf, mehr darüber zu erfahren.
Sie begann, den nächsten Brief zu lesen. Es war ein Schreiben des geheimnisvollen Julian.
„Liebste Nene!“
Anna stockte. Diesen Kosenamen ihrer Mutter hatte sie noch nie gehört. Ihr Vater hatte sie immer mit vollem Namen gerufen – Irene. Ihre Eltern hatten einander immer mit dem Vornamen angesprochen, sie konnte sich an keine zärtlichen Koseworte zwischen ihnen erinnern. Undeutlich fiel ihr jedoch ein, dass Mutter ihre Schwester hin und wieder mit diesem Namen angesprochen hatte, Irene jedoch hatte diese Verniedlichung ihres Namens gar nicht gemocht. Als hätte sie geahnt, dass dies eigentlich der zärtliche Rufname der Mutter durch ihren Geliebten gewesen war. Für ihre Mutter war es wohl ein Versuch gewesen, eine Erinnerung aufrecht zu erhalten. Anna schmunzelte, dann las sie weiter.
„Ich hoffe, wir können uns bald wiedersehen!
Ich liege in meinem Bett und träume, du bist bei mir. Ich gehe durch die Straßen und sehe nur dein Gesicht. Ich vermisse dich so sehr, dass es wehtut. Aber so fühle ich wenigstens etwas und meine Tage sind nicht umsonst gelebt. Ich stürze mich in meine Arbeit und fülle damit meine Gedanken. Aber mein Herz ist leer.
Ich würde nie von dir verlangen, mit mir fortzugehen, obwohl es nichts gibt, was ich mir mehr wünsche. Ich wäre deinem Kind ein guter Vater, das weißt du, doch ich darf es nicht sein. Nicht nach dem, was geschehen ist. Sie würden es nie erlauben, dass wir miteinander glücklich werden.
Meine Gedanken sind immer bei dir!
Dein Julian“
Der Brief war so romantisch und gleichzeitig so traurig, dass Anna die Tränen in die Augen stiegen. Was war geschehen, dass ihre Mutter und Julian nicht hatten glücklich sein dürfen? Und warum hatten sich ihre Eltern nicht einfach scheiden lassen? War Julian vielleicht auch verheiratet gewesen? War er es noch immer? Lebte er überhaupt noch? Und wenn – wo? War er vielleicht der Grund gewesen, dass ihre Mutter in Linz geblieben war, fern von ihren Töchtern?
Grübelnd drehte sie einen der Briefumschläge zwischen ihren Fingern. Bei Julians Absender stand seine Adresse.....- sollte sie sich vielleicht mit ihm in Verbindung setzen? Aber was konnte sie ihm sagen?
Vielleicht hatte er ja die Verbindung später abgebrochen und wollte von der alten Geschichte auch gar nichts mehr wissen? Aber die Aussicht, etwas mehr über die Frau, die ihre Mutter gewesen war, erfahren zu können, war plötzlich zu verlockend.
Anna hatte ihre Mutter als unglückliche und harte Person in Erinnerung, hatte dies jedoch stets mit dem viel zu frühen Tod ihres Vaters verbunden. War der Grund dafür aber tatsächlich ein ganz anderer gewesen?
Sollte sie zuerst mit ihrer Schwester sprechen? Irene wusste gewöhnlich, was zu tun war. Ihr rationaler Verstand fasste stets logische Entschlüsse. Aber sie konnte sich schon denken, was ihre große, vernünftige Schwester sagen würde: „Mutter und einen Geliebten? Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut! Und wenn, dann lass es doch einfach ruhen!“ Sie sah sie direkt vor sich – achselzuckend und zur Tagesordnung übergehend.
Anna konnte fast das stets etwas überlegene Lächeln in Irenes Gesicht vor sich sehen „Aber was nützt es dir denn, wenn du jetzt die alten Geschichten ausgräbst? Mutter ist tot und wir sollten mit ihr auch die Vergangenheit ruhen lassen!“ Irene lebte nur in der Gegenwart und hielt nichts von langem Nachdenken über Dinge, die längst geschehen waren. Warum auch? Ihrer Meinung waren sie passé und auch nicht mehr zu ändern. Nein, wenn sie etwas über diese Sache erfahren wollte, musste sie ihre Schwester aus dem Spiel lassen, zumindest vorerst. Sie konnte sie ja immer noch später, wenn sie etwas in Erfahrung gebracht hatte, darüber informieren.
Sie nahm Zettel und Stift und notierte darauf Name und Adresse:
Julian Lessing
Kaiserstraße 15
4020 Linz
Dann ging sie hinunter in die Lobby, um ein Telefonbuch ausfindig zu machen. An einer Seite, gleich neben dem Empfang, befand sich eine kleine altmodische Telefonzelle und darin lag, wie Anna es vermutet hatte, eine Ausgabe des Telefonbuchs der Stadt Linz. Mehr als eines war nicht nötig, in der oberösterreichischen Landeshauptstadt lebten überschaubare 170.000 Menschen und ihre Telefonanschlüsse fanden alle Platz in einem einzigen Telefonbuch.
Sie schlug die Seite bei „L“ auf und suchte mit dem Finger die Zeile mit dem Namen „LESSING“.
Es gab drei „J. Lessing“, Anna notierte alle drei Nummern und fuhr mit dem Lift zurück in ihre Zimmeretage.
„Ja, bitte?“ Die Stimme klang spröde und nicht allzu einladend. Am liebsten hätte Anna gleich wieder aufgelegt. Dann fasste sie sich ein Herz und sagte: „Guten Tag, ich suche nach Julian Lessing.“ „Hier gibt es keinen Julian, nur mich!“, kam die nicht sehr freundliche Antwort. „Was bedeutet denn das J -...?“
Sie kam nicht dazu, die Frage zu beenden, denn mit einem Knacken wurde die Leitung unterbrochen. Ihr Gesprächspartner hatte aufgelegt. „Na, sehr freundlich“, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Dann strich sie die betreffende Nummer von der Liste. Sie war sicher, dass es sich nicht um die richtige handelte.
Beim zweiten Versuch erklang nach dem dritten Läuten eine helle Kinderstimme: “Hallo! Hier ist die Familie Lessing - Johann, Susanne und Bianca. Leider ist derzeit keiner von uns da, hinterlass uns bitte deine Nachricht nach dem Klingelton, dann rufen wir ganz bestimmt zurück!“ Danach war fröhliches Kinderlachen zu hören.
Anna beendete die Verbindung noch vor dem Signal. Wieder Fehlalarm!
Nun stand nur mehr eine notierte Nummer auf dem Zettel.
Sie zögerte. Was, wenn sie auch hier nichts erreichen konnte? Nervös massierte sie ihre Unterlippe. Das war eine alte Angewohnheit aus ihrer Kindheit, und selbst jetzt noch, mit über 30 Jahren, tat sie es in bestimmten Situationen noch immer automatisch. Dann griff sie rasch nach dem Hörer und wählte die Nummer.
Es läutete. Einmal. Zweimal.
- Nach dem achten Läuten legte sie enttäuscht wieder auf. Es war offensichtlich niemand zu Hause. Gut! Das verschaffte ihr eine Nachdenkpause.
Es war später Vormittag, und Anna beschloss, zuerst eine Kleinigkeit zu essen und danach wieder in Mutters Wohnung zu fahren, um dort weiter zu arbeiten.
Eine Stunde später saß sie wieder in dem kleinen Wohnzimmer und beschäftigte sich mit den vielen Dingen, die ihre Mutter tagtäglich umgeben hatten. Die kleinen Glasfiguren wollte sie behalten, die hatte sie schon als kleines Mädchen immer sehr bewundert, wohl auch aus dem Grund, weil sie für die Mädchen immer tabu gewesen waren. Sie packte jede einzelne liebevoll in einen Bogen Papier und verstaute sie dann vorsichtig in einen Karton.
Als sie eine Elefantenfigur zur Hand nahm, stieg eine Erinnerung in ihr hoch. Sie untersuchte die kleine graue Figur genauer – der Rüssel war genau in der Mitte abgebrochen und sorgfältig wieder angeklebt worden, der feine Streifen war kaum zu sehen. Sie wusste noch genau, wie sie mit knapp 4 Jahren ungestüm durch das Zimmer gerannt war – sie hatte für ihre Mutter auf der Wiese einen Blumenstrauß gepflückt und wollte ihn ihr so schnell wie möglich überreichen. Dabei war sie gegen die Kommode gestoßen und ein paar Figuren waren zu Boden gefallen. Ihre Mutter hatte sich darüber so aufgeregt, dass sie sich danach nie wieder schneller durch das Zimmer bewegt hatte, sondern ganz vorsichtig und langsam. Drei Figuren hatte Mutter wegwerfen müssen, die waren in mehrere kleine Stücke zersprungen, den Elefanten jedoch hatte sie mühsam wieder zusammenkleben können.
Ihre blauen Flecken, die sie dabei auch davongetragen hatte, hatte sie rasch vergessen, die Traurigkeit ihrer Mutter über den Verlust ihrer Lieblinge jedoch nie.
Sie schloss die Schachtel und stellte sie zu ihrer Tasche. Alles andere wollte sie einer karitativen Organisation zur Verfügung stellen. Mutters Sachen waren zwar inzwischen weitestgehend unmodern, doch immer sehr gepflegt gewesen. Mochten die damit anfangen, was sie wollten.
Auch die Möbel würden von einer Entrümpelungsfirma abgeholt werden.
Irene hatte keinerlei Interesse an den Habseligkeiten ihrer Mutter gezeigt und auch keine Ambitionen gehabt, mit nach Linz zu kommen und eigenhändig mit anzupacken.
„Mach das allein, Kleine, ich habe für so was kein Talent“, hatte sie achselzuckend gemeint. „Warum lassen wir das ganze Zeug nicht überhaupt durch eine Firma räumen?“
Aber das hatte Anna nicht gewollt. Sie war der Meinung, es ihrer Mutter irgendwie schuldig zu sein. Allein die Vorstellung, irgendwelche Fremden in den persönlichen Dingen ihrer Mutter wühlen zu lassen, war ihr unbehaglich erschienen.
Anna wusste zudem, dass Irene zur Zeit große Schwierigkeiten mit ihrem Sohn Julian hatte, der gerade in einer schwierigen Phase steckte, wie sie es in ihrer etwas abgehobenen Ausdrucksweise zu bezeichnen pflegte. Auch aus diesem Grund wollte sie Wien derzeit nicht verlassen. Julian war knapp 23 und wie die meisten jungen Männer in diesem Alter nicht sicher, was er aus seinem Leben machen wollte. Er studierte an der Universität in Wien, die eingeschlagene Richtung - Jus - schien ihn aber nach 3 Semestern nicht mehr so recht zu interessieren. Dementsprechend bescheiden gestalteten sich auch seine Lernerfolge. Irene konnte und wollte das nicht gutheißen, in ihren Augen musste man eine einmal eingeschlagene Richtung auch beibehalten. Ihr Sohn rebellierte auf seine Weise gegen die strenge Hand der Mutter, er blieb nächtelang von zu Hause fort und sagte nicht, wohin er ging und wann er wiederkommen würde. Und Irene und ihr Mann Peter konnten im Grunde nichts dagegen tun, nur abwarten, bis er sich wieder gefangen hatte. Und wieder zur Vernunft kommen würde.
Irene sprach nicht gern über ihr Privatleben. Die beiden Schwestern hatten zwar ein gutes, jedoch etwas oberflächliches Verhältnis zueinander. Dies rührte wohl auch von dem Altersunterschied von 15 Jahren her. Es lag fast eine ganze Generation zwischen ihnen und ihrer beider Sicht für so Manches war oft doch sehr verschieden. Irene hatte Linz auch bereits mit 18 verlassen, zu einem Zeitpunkt, als Anna erst drei Jahre alt gewesen war. Eine Annäherung zwischen den beiden Schwestern hatte erst stattgefunden, als Anna selbst ebenfalls mit 18 nach Wien gezogen war. Als sie erwachsen geworden war, hatte sie nichts mehr in der Stadt ihrer Kindheit gehalten.
In gewisser Weise fühlte Anna sich Julian oft näher als ihrer Schwester. Seine Lebenseinstellung war typisch für die Jugend, sorglos und unbekümmert. Seine Mutter Irene hingegen hatte viel von der Strenge der vorangegangenen Elterngeneration, für sie war das Verhalten ihres Sohnes in vielerlei Hinsicht unverständlich.
„Lass ihn doch, er ist nur einmal jung!“ Nicht nur einmal hatten die beiden Schwestern über den in Irenes Augen zu sehr in den Tag lebenden Julian heftige Auseinandersetzungen geführt. „Kannst du dich nicht an deine eigene Jugend erinnern? Warst du da auch schon so ernst?“ Anna hatte immer wieder versucht, Irenes Verständnis herauszufordern, doch jedes Mal hatte sie als Reaktion ein nahezu bitteres Lächeln geerntet.
„Was weißt du schon von meiner Jugend?“ Mehr hatte Irene sich nie entlocken lassen. „Bei dir war doch alles anders als bei mir.“
Dabei wusste Anna insgeheim, dass das Desinteresse Julians am Lernen weniger einer Verantwortungslosigkeit, als vielmehr dem Umstand zu verdanken war, dass er einfach mit dem trockenen Thema nichts anfangen konnte, er war ein sehr kreativer junger Mann. Und insgeheim hatte er viel lieber an die Kunstakademie gehen wollen, als an die juristische Fakultät.
Versonnen räumte Anna Stück für Stück in dafür bereitgestellte Säcke und Kartons, während sie über ihre Schwester und deren Familie nachdachte. Die um sechs Jahre jüngere Katharina war nicht nur äußerlich das Gegenteil ihres Bruders: Julian, hochgewachsen und durch jahrelangen Sport muskulös gebaut, hatte dichte dunkle Locken, die er kaum mit Kamm und Bürste bändigen konnte, seine Schwester hingegen besaß feines blondes Haar, welches ihr glatt und glänzend über die Schultern fiel. Sie war zart und feingliedrig und musste zu ihrem Bruder hochsehen, der um fast zwei Köpfe größer war als sie. „Mein Zwerglein“, so nannte er sie zärtlich. Die Geschwister waren eng zusammengeschweißt. Anna wusste, dass Julian seine kleine Schwester sein ganzes Leben lang vor allem beschützen würde.
Katharina besaß einen messerscharfen Verstand, sie konnte komplizierte Zusammenhänge in Sekundenschnelle erkennen und die richtigen logischen Schlüsse daraus ziehen, dies würde sie wohl auch ihrem Studium hervorragend umsetzen, welches wie selbstverständlich schien. Sie wollte genauso wie ihr Vater Jus studieren, hatte sich mit voller Begeisterung dafür entschieden. Sie würde wohl geradlinig ihren Weg gehen.
Irene war aus diesem Grund auch sehr stolz auf ihre Tochter. Umso weniger konnte sie verstehen, dass ihr Sohn nicht den gleichen Ehrgeiz besaß. Dabei tat sie ihm unrecht, Julian hatte die Schulzeit mit glänzenden Noten hinter sich gebracht. Er war nur nicht so ehrgeizig wie seine Schwester, er verbummelte seine Studiensemester, währenddessen seine Schwester zielstrebig arbeitete. Außerdem lagen seine Talente eher auf künstlerischem Gebiet, was jedoch von seinen Eltern nicht ganz ernstgenommen wurde, Irene und Peter taten seine Ambitionen als Spielereien ab.
Anna liebte ihre Nichte und ihren Neffen. Umso mehr, als sie selber keine eigenen Kinder hatte. Sie und Max hatten sich bisher vergebens darum bemüht.
Max! Ein bitteres Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie an ihren Ehemann dachte. Wären die Dinge, so wie sie sein sollten, wäre er hier an ihrer Seite gewesen. Doch mit ihrer Ehe stand es nicht zum Besten. Anna hätte nicht sagen können, woran es lag. Max war ihre große Liebe gewesen, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Und an ihren Gefühlen für ihn hatte sich auch in den 8 Jahren ihrer Ehe nichts geändert. Sie waren nur noch tiefer geworden. Doch in den letzten Monaten hatte sich das Verhältnis fast unmerklich verändert. Es waren oftmals nur Kleinigkeiten, nichts wirklich Greifbares, das Anna bemerkte Es war nur einfach nicht mehr so wie früher. Mehr als eine schlaflose Nacht hatte sie damit verbracht, verzweifelt darüber nachzudenken, was sich verändert hatte und zu überlegen, ob Max das wohl genauso empfand wie sie. Äußerlich ließ er sich nichts anmerken und eine Aussprache würde wohl zu nichts führen. Anna hätte ihre Gefühle nicht einmal beschreiben können, vage, wie sie waren. Vielleicht lag es auch an der zermürbenden Enttäuschung Monat für Monat, wenn sie erkennen mussten, dass sie wieder nicht schwanger war.
Sie hatten sich sehr rasch nach ihrer Eheschließung für Kinder entschieden.
„Mindestens eine Fußballmannschaft“, hatte Max lachend gefordert, Anna hatte ihn auf den Boden der Realität zurückgeholt: „Ich denke, drei werden auch reichen“, dann hatten sie es jahrelang auf natürliche Weise versucht. Nach drei Jahren, in denen sich der ersehnte Nachwuchs nicht und nicht einstellen wollte, hatten sie sich beide fachärztlich untersuchen lassen.
Ohne Ergebnis – sowohl Max, als auch Anna war kerngesund, es gab also keinen Grund, warum es nicht klappen sollte. Dann hatte eine quälende Zeit begonnen, in der sie fast ausschließlich nach dem Kalender miteinander verkehrt hatten. Das verzweifelte Bemühen hatte sie einander nur noch nähergebracht. Als nach ein paar Monaten ihre Leidenschaft fast auf der Strecke geblieben war, weil sie für spontane Zärtlichkeit einfach keine Kraft mehr verspürten zwischen den Pflichtübungen, wie Max es anfangs noch ironisch herunterzuspielen versucht hatte, beschlossen sie, die ganze Sache gelassener anzugehen. Doch auch das führte nicht zum Erfolg, und nun saß Anna allein in der halbleeren Wohnung und fragte sich, wie es mit ihrer Ehe weitergehen sollte.
Was, wenn sie niemals Kinder bekommen würden? Würde ihre Liebe das überstehen? Anna musste sich eingestehen, dass sie sich ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen konnte. Diesen Gedanken hatte sie bisher stets verdrängt.
Und Max? Sie wusste, dass für ihn, der in einer großen Familie aufgewachsen war, ein Leben ohne Kinderlachen undenkbar war. Das Thema Adoption hatten beide bisher nicht angesprochen, doch immer öfter schlich es sich in ihre Gedanken. Sie wusste, dass sie dazu bereit sein würde, auch einem fremden Kind all ihre Liebe und Fürsorge zu geben, aber Max?
Und: Träumte nicht jeder Mann davon, sein eigen Fleisch und Blut in die Welt zu setzen und aufzuziehen?
Vielleicht lag es ja doch an ihr, Ärzte konnten irren. Was, wenn Max sich eines Tages doch dazu entschließen sollte, sein Glück mit einer anderen zu versuchen? Einer anderen Frau, die ihm die so lang ersehnten Kinder schenken würde? Er war jetzt 38 – im besten Alter also. Und Anna wusste, dass seine Geduld nicht unendlich sein würde.
Bei dem Gedanken, ihn zu verlieren, krampfte sich ihr Herz zusammen. Jedes Mal, wenn ihre quälenden Gedanken in dieser Frage mündeten und wie ein Karussell darum kreisten, wischte sie sie energisch fort und versuchte krampfhaft, sich abzulenken. So auch jetzt.
Anna stand auf, ihre Muskeln waren vom langen Sitzen auf dem unbequemen Boden ganz verspannt. Sie trat vor das Fenster und brachte mit ein paar dehnenden Bewegungen auch ihren Kreislauf wieder etwas in Schwung.
Auf der Straße unter ihr herrschte reges Treiben in der Frühlingssonne. Sie sah eine Weile den vorübergehenden Passanten zu. Das brachte sie auf andere Gedanken. Etwas erfrischt, konzentrierte sie sich wieder auf ihre Tätigkeit.
Als es Abend wurde, war sie wieder ein gutes Stück vorangekommen. Staubig und verschwitzt fuhr sie in ihr Hotel zurück. Sie gönnte sich ein heißes Bad und war danach von einer wohligen Müdigkeit durchdrungen, dass sie nur mehr ins Bett kroch. Sie hatte keine Energie mehr, sich um irgendwelche Briefe oder sonstige geheimnisvollen Dinge zu kümmern.
Durchdringendes Klingeln des Telefons neben ihrem Bett weckte Anna. Schlaftrunken sah sie auf ihren Wecker – 10.22. Sie tastete nach dem Hörer: „Hallo – Brix?!“
„Guten Morgen, Frau Brix, hier spricht die Hotelrezeption. Ich habe einen Herrn Max Brix für Sie in der Leitung“! Die freundliche Stimme der Rezeptionistin schien Anna unerträglich munter.
Max! Sie war mit einem Schlag hellwach. „Stellen Sie bitte durch“; murmelte sie.
„Na, du Langschläferin!“ Max Stimme klang fröhlich an ihr Ohr. „Wo hast du dich denn des Nächtens herumgetrieben, dass du um diese Zeit noch im Bett bist?“ Anna war eine notorische Frühaufsteherin und selten nach 8 Uhr morgens noch im Bett zu finden. Max war das genaue Gegenteil - ihn an Wochenenden vor 10 Uhr aus dem Bett zu bringen, war fast unmöglich.
„Ich habe schwer gearbeitet!“, erwiderte sie mit gespielter Empörung, „falls du weißt, was das ist?“ Max überhörte die kleine Spitzfindigkeit geflissentlich:
„Und – wie kommst du voran? Du weißt, ich würde mir frei nehmen – aber wir ersticken hier gerade in Arbeit.“
„Ist nicht nötig, ich bringe das schon allein fertig!“ unterbrach Anna ihn schnell. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, Max wäre falsch am Platz gewesen. Sie wollte allein mit der Vergangenheit abschließen, dazu brauchte sie nicht noch die Probleme ihrer Gegenwart. Sie konnte ihn sich auch nicht in der kleinen Wohnung ihrer Mutter vorstellen – mit einem alten Teller in der Hand und mit hochgezogenen Augenbrauen fragend: „Willst du den behalten, oder darf ich ihn wegwerfen?“ Diese Vorstellung hatte für Anna etwas völlig Irrwitziges an sich. Nein, es war gut, dass er 200 km weit weg war....
Dass er im Grunde das Gleiche empfand, hörte sie aus seinen nächsten Worten, in denen auch eine Spur Erleichterung mitklang. Er fasste kurz zusammen, was inzwischen in Wien so vorgegangen war – nichts Weltbewegendes, doch Max hatte das Talent, kleine Alltagsgeschehnisse so zu erzählen, dass sie sich vor Lachen kringeln konnte. Auch das war einer der Gründe dafür, dass sie sich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte. Max´ ansteckende Fröhlichkeit, mit der er sie, die etwas Schwermütigere, immer aus ihren Tiefs herausholen konnte.
„....und dann hat er doch tatsächlich Dr. Melnhofer angerufen!“ beendete Max lachend eine kleine Geschichte aus seinem Büro. Anna prustete los – er hatte es tatsächlich wieder geschafft, ihre dunklen Gedanken zu vertreiben. Sie kannte seine Kollegen und auch den etwas ältlichen Bürochef Dr. Melnhofer.
Als sie sich wieder gefangen hatte, fragte er: „Wie lange glaubst du, wirst du noch brauchen?“ Anna zögerte. „Ich glaube, ein paar Tage wird es schon noch dauern. Du ahnst ja gar nicht, was sich hier alles so findet!“
„Du wirst doch nicht in der Matratze versteckte Schätze entdeckt haben?“, neckte Max.
„Na gut, ich muss jetzt wieder an die Arbeit, Kurtchen schreit schon nach mir!“ setzte er dann hinzu. Er seufzte laut und vernehmlich und Anna wusste, dass das weniger für ihre Ohren, als für die seiner Sekretärin, Frau Kurt, gedacht war und musste schon wieder lachen.
„Ich melde mich dann wieder“, antwortete sie, und fügte hinzu: „Ich liebe dich...“
„Vice versa, mein Schneck! Und pass ja auf dich auf im gefährlichen Linz!“
Die liebevolle Neckerei, mit der sie für gewöhnlich ihre Telefonate beendeten, ließen bei Anna wieder ihre trüben Gedanken hochsteigen. „Schneck“, diesen Kosenamen hatte Max ihr in den Wochen ihrer ersten Verliebtheit gegeben.
Annas dunkles Haar umrahmte in vielen feinen Locken ihr schmal geschnittenes Gesicht. Auch mit über 30 verlieh es ihr noch immer ein mädchenhaftes Aussehen. Max hatte ihre Locken stets spielerisch mit einem gedrehten Schneckenhaus verglichen.
Schnell verscheuchte sie den Anflug von Melancholie – sie wollte sich ihre gute Stimmung, in die Max sie gebracht hatte, durch nichts verderben lassen.
Ihr Magen knurrte vernehmlich und sie beschloss, sich an diesem Tag ein ausgiebiges Mittagsmahl zu gönnen. In den letzten beiden Tagen hatte sie sowieso nicht viel zu sich genommen, zu sehr hatte sie die Räumung der Wohnung in Anspruch genommen - und nicht zuletzt die Briefe und der geheimnisvolle Geliebte ihrer Mutter.
Danach wollte sie die Suche nach Julian Lessing fortsetzen.
Es war kurz nach Mittag, als Anna zum Telefon griff und die bereits bekannte Telefonnummer wählte.
Sie konnte sie schon fast auswendig sagen, so lange hatte sie auf den Zettel gestarrt.
„Lessing!“
Eine energische Männerstimme. Sie klang jung, viel zu jung für ihre Mutter, fand Anna. Sie zögerte.
„Lessing – ja, bitte?“ wiederholte die Stimme mit einem kleinen Anflug von Ungeduld.
„Ja,... äh – spreche ich mit Julian Lessing?“ stammelte sie unsicher.
„Ja – mit wem habe ich denn das Vergnügen?“
„Mein Name ist Anna Brix und ich suche nach Julian Lessing“, antwortete Anna. Ihr Gesprächspartner klang eigentlich nicht unfreundlich.
„Sie haben ihn gefunden. Was kann ich denn für Sie tun?“
Was sollte sie darauf antworten? Sie konnte einem wildfremden Mann unmöglich die Geschichte von den Briefen ihrer Mutter am Telefon erzählen. „Das lässt sich nicht so einfach am Telefon in ein paar Worten sagen“, erklärte sie dann vorsichtig, „wäre es möglich, dass wir uns irgendwo treffen könnten?“
„Geht es um irgendein Geschäft? Sie betreiben doch keinen Kundenfang für irgendeine Firma? Das wäre schade, denn Sie haben eine bezaubernde Stimme!“ kam die prompte Rückfrage.
