Verlorene Töchter - Ronda Hendrikus - E-Book

Verlorene Töchter E-Book

Ronda Hendrikus

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Beschreibung

Siebenmal Spannung - Ein Vater sucht verzweifelt nach seiner Tochter, die von einem Loverboy verführt wurde. An Heiligabend platzt eine verwahrloste Frau in ein Familienfest, um die Eltern eines kleinen Mädchens zu erpressen. Ein Mann nimmt seine Familie als Geiseln, ein anderer liegt morgens tot in Mandys Bett – das und mehr sorgt für Spannung in sieben Kurzkrimis von Ronda Hendrikus.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ronda Hendrikus

Verlorene Töchter

Sieben Ladykrimis für zwischendurch

Alles, was dir begegnen wird,

ist leider nicht zu vermeiden.

(Sören Kierkegaard)

Impressum

Copyright © 2016 by arp

Herausgeber by arp

Ledererstraße 12, 83224,Grassau, Deutschland

Ausgabe Dezember 2016

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und darf auch auszugsweise

nur mit Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden.

Covergestaltung by arp

Besuchen Sie uns im Internet: http://www.by-arp.de

Inhaltsverzeichnis:

Verlorene Töchter

Besuch an Heiligabend

Entführt und verloren

Die Geiselnahme

Rache ist süß

Eine Leiche in Mandys Bett

Im Schatten der Liebe

Verlorene Töchter

Das kleine Büro, das Elena und Sabine für ihre Selbsthilfegruppe angemietet haben, war ein ehemaliges Fotostudio und lag in einem Hinterhof. Eigentlich war es nicht viel mehr als eine Baracke. Im Winter zog es durch alle Ritzen, im Sommer regnete es durch das Flachdach, aber etwas Besseres konnten sie sich von den knappbemessenen Spendengeldern nicht leisten.

Wie ein Blatt mit dem Sturmwind wehte plötzlich ein Mann herein. Er sprach Sabine an, die am vorderen Schreibtisch saß und Fotos von ihrem Handy mit Fotos auf dem Laptop verglich. „Habe ich gerade mit Ihnen telefoniert?“, fragte er.

Sabine schüttelte den Kopf und wollte auf ihre Mutter verweisen, aber da sagte der Mann auch schon: „Dann war es bestimmt Ihre Schwester!“ Dabei sah er Elena an.

Elena schmunzelte. Sie war nur neunzehn Jahre älter als ihre Tochter, von der sie beim Vornamen genannt wurde, und so hielt man die beiden, die sich sehr ähnlich sahen, häufig für Schwestern. „Ich nehme an, Sie sind Herr Ravensburger?“, fragte sie.

„Richtig. Magnus Ravensburger, und es geht um meine Tochter!“

Elena nickte. „Bei uns geht es so gut wie immer um eine Tochter. Jetzt setzen Sie sich erst einmal.“ Sie reichte ihm die Hand und deutete auf den Besucherplatz an ihrem Schreibtisch. „Ich bin Elena Franke, und das ist meine Tochter Sabine.“

Erstaunt sah Magnus Ravensburger von einer zur anderen. „Mutter und Tochter?“

„Ja. Und wir haben diese Selbsthilfegruppe gegründet, weil wir genau das erleben mussten, was Sie im Moment erleben.“

Sabine war inzwischen aufgestanden, hatte aus einer Thermoskanne Kaffee eingegossen, die Tasse mit Zucker und Milch auf ein Tablett und das Tablett vor Magnus auf den Tisch gestellt.

„Am besten, wir duzen uns, das ist bei uns so üblich. Das gleiche Schicksal verbindet. Aber jetzt erzähl uns erst einmal die ganze Geschichte. Es geht also um deine Tochter, und sie heißt Meike?“

Magnus atmete tief durch. „Ja, sie heißt Meike und ist seit vier Tagen verschwunden. Vor drei Monaten wurde sie achtzehn, und das macht die Sache noch schwieriger, denn sie ist volljährig und kann tun und lassen, was sie will. Zumindest findet sie das.“

Er schaufelte vier Löffel Zucker in seine Tasse, goss Milch dazu, trank und verzog das Gesicht. Offensichtlich war ihm der Kaffee zu süß geworden. Er nahm trotzdem noch einen Schluck und fuhr fort: „Alles begann an ihrem achtzehnten Geburtstag. Sie feierte ihn mit Freunden im Moonlight – Sie kennen die Disko?“

Elena und Sabine tauschten Blick. „Ja, wir kennen die Disco“, sagten sie wie aus einem Mund.

„Dort lernte sie diesen Marco kennen. Zugegeben, ein hübscher Junge. Dunkelhaarig, schlank, etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Sie hat sich stehenden Fußes in ihn verknallt. Sie nennt es allerdings Liebe!“ Magnus lachte bitter auf und machte ihre Stimme nach: „Es war Liebe auf den ersten Blick! - Er ist der Mann meines Lebens! - Er oder sterben!“ Magnus trank von seinem Kaffee und knallte die Tasse wieder auf den Unterteller. „Der Typ hat ihr total den Kopf verdreht! Und wenn ich etwas gegen ihn sage, dann bellt sie mich an, ich sei ja bloß eifersüchtig, ich würde ihr ihr Glück nicht vergönnen, und es wäre Zeit für mich, sie endlich loszulassen.“

„Könnte es sein, dass sie Recht hat?“, fragte Elena.

Magnus sprang auf. „Natürlich nicht!“ Er starrte sie an. „Ich hatte gedacht, ihr seid nicht so stur und verbohrt wie die bei der Polizei und ich bekomme hier Hilfe!“

Elena seufzte. Sie kannte das zur Genüge. Kamen die Eltern erst einmal zu ihnen, war die Situation bereits so verfahren, dass jede Frage einem Zündholz am Pulverfass glich. Die Väter tobten, die Mütter heulten und waren einem Nervenzusammenbruch nahe.“

„Jetzt beruhige dich erst einmal“, bat Elena. Sie lächelte sanft und deutete auf den Stuhl.

Magnus setzte sich. Er ließ Luft ab und sagte: „Ich habe Angst um meine Tochter! Wenn sie erst einmal verschwunden ist, weil dieser Typ sie an irgendeinen Zuhälter verschachert hat, dann finden wir sie nie wieder. Sie ist doch meine Tochter und hat nur mich! Ich muss sie beschützen.“

Elenas Herz krampfte sich zusammen. Sie wusste genau, wie er sich fühlte. Damals, als Sabine ihr wegen eines sogenannten Loverboys entglitten war und eines Tages spurlos verschwand, wäre sie beinahe wahnsinnig vor Angst geworden.

Sie sah Magnus fest an: „Natürlich helfen wir dir. Die Fragen, die wir stellen, sind aber wichtig, damit wir uns ein Bild machen können. Und dabei sollten wir einen klaren Kopf behalten.“

„In den drei Jahren, in denen es unsere Selbsthilfegruppe gibt“, fügte Sabine an, „waren hundertfünfundvierzig Mütter, Väter oder Elternpaare bei uns, die davon ausgingen, ihre Töchter seien Opfer eines Loverboys geworden. Wir nennen diese Männer auch ‚Schlepper‘, denn nichts Anderes machen sie ja, sie schleppen die Mädchen ab, umgarnen sie, bis sie wie Butter in ihren Händen sind, lügen ihnen das Blaue vom Himmel und ‚verkaufen‘ sie dann an einen Bordellbesitzer. Aber weißt du, von diesen hundertfünfundvierzig Fällen waren acht der Mädchen tatsächlich Opfer, alle anderen waren einfach nur verknallt, aufsässig, unausstehlich geworden und mit ihrem Märchenprinzen durchgebrannt.“

„In den letzten zwölf Jahren“, erklärte Elena weiter, „gab es insgesamt vierhundert nachweisbare Fälle in ganz Deutschland, und das sind genau vierhundert zu viel, deshalb haben wir uns gegründet.“

Magnus sah Sabine an. „Und du warst einer dieser Fälle?“ Er hatte es auf der Internetseite vom Selbsthilfeverein ‚Verlorene Töchter‘ gelesen.

„Ja und nein. Ich hatte Glück, meine Mutter hat mich gefunden, bevor es zu spät war. Vermutlich hätte ich ihr selbst da noch nicht geglaubt, aber sie konnte mir beweisen, dass es neben mir noch zwei andere Mädchen gab, mit denen mein Loverboy dasselbe Spiel spielte. Durch ihre Beweise ist er aufgeflogen und konnte schließlich verhaftet werden.“ Sabine sah Elena dankbar an. „Ich werde ihr das nie vergessen.“

„Also, wieder zu deiner Tochter“, wandte sich Elena an Magnus, „hast du diesen Marco schon einmal gesehen?“

„Ja.“ Er blickte verlegen auf seine Hände. „Ich bin Meike einmal gefolgt. Ich weiß, es ist nicht die feine Art, sein Kind zu bespitzeln, aber“, er zuckte die Schultern, „was bleibt einem anderes übrig.“

„Schau mal hier“, sagte Sabine und deutete auf ihren Laptop, „ist es vielleicht einer von denen?“

Er stellte sich hinter sie und betrachtete eine Reihe Fotos. All die Männer sahen gut aus und waren nicht viel älter als zwanzig. „Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber dem da sieht er irgendwie ähnlich, könnte sein älterer Bruder sein.“

„Hm“, machte Sabine. „Das Foto ist auch schon drei Jahre alt. Seitdem haben wir nichts mehr von Amor gehört.“

„Amor?“ Magnus sah sie irritiert an.

„So nennt er sich in der Szene. Wie er wirklich heißt, wissen wir nicht.“

„Dann ist er also wirklich ein Loverboy?“

„Wenn es sich um diesen Mann handelt – ja. Aber du sagtest ja eben, er ist es nicht.“

Magnus war blass geworden. Er setzte sich wieder und schüttelte den Kopf. „Was machen die nur mit so einem Mädchen, dass es ihren gesunden Menschenverstand verliert?“

„Sie verwöhnen es in jeder erdenklichen Beziehung“, antwortete Elena. „Die Mädchen fühlen sich wunderschön, endlich ernst genommen und unglaublich wichtig, so als ob sie ganz Außergewöhnlich wären.“

„Aber Meike ist doch schön, sie ist wichtig und etwas Besonderes, das weiß sie doch. Ich meine, ich habe ihr nie das Gefühl gegeben, sie nicht ernst zu nehmen oder hässlich zu finden.“

Ein Schmunzeln lag auf Elenas Gesicht, sie tauschte Blicke mit ihrer Tochter. „Es ist eben etwas ganz Anderes, ob ein ‚richtiger Mann‘ oder bloß der eigene Vater diese Meinung vertritt.“

Als Magnus wieder auffahren wollte – von wegen ‚bloß‘ und ‚kein richtiger Mann‘ – nahm sie ihm mit einem hinreißenden Lächelnd den Wind aus den Segeln: „Ich spreche auch von Zärtlichkeiten und Sexualität. Es geht darum, Frau zu sein und nicht ewig Papas kleines süßes Mädchen zu bleiben.“

„Es ist wie ein Rausch“, fügte Sabine an. „Als ob man Drogen nimmt. Das Herz schlägt Purzelbäume, der Kopf ist ausgeschaltet, und man wird wirklich süchtig danach. Vielleicht warst du ja auch einmal bis über beide Ohren verknallt, damals als Junge, und deine Hormone haben verrückt gespielt?“

„Klar.“ Er sah von Sabine zu Elena. „Aber ich bin deshalb nicht einfach tagelang weggeblieben, habe meinem Vater kein Geld gestohlen, um mir neue Klamotten zu kaufen, habe ihn nicht behandelt, als wäre er das allerletzte und wollte mir nur Böses! Und die Schule wollte ich auch nicht so kurz vor dem Abi schmeißen!“

Elena nickte und kam wieder auf Fakten zu sprechen. „Du warst also schon bei der Polizei?“

„Ja, aber dort hieß es, sie sei erwachsen und verliebt, da kann es schon mal vorkommen, dass ein Mädchen ein paar Tage wegbleibt. Sie hielten mich ebenfalls für einen eifersüchtigen überbesorgten Vater.“

„Wo wohnt der Freund deiner Tochter, wie heißt er mit Nachnamen, was weißt du sonst noch über ihn?“, fragte Sabine.

„Nichts“, war seine Antwort. „Ich weiß nichts. Als ich Meike folgte, das war vor acht Tagen, trafen sie sich in einem griechischen Lokal. Sie gingen dann zum See, und er ruderte sie eine Stunde herum. Unterwegs schmusten sie auf Teufel komm raus, aber soweit ich das beobachten konnte, blieb es bei der Schmuserei. Später brachte er sie nach Hause und vergaß auch nicht, ihr im Stadtpark eine Rose zu klauen.“ Magnus‘ Stimme klang voller Ironie. „Früher hätte Meike sich über so ‚romantischen Kitsch‘ krumm und schief gelacht! Aber auf einmal ... dieser Typ kann tun was er will, jeder Wind den er lässt duftet einfach wahnsinnig toll!“

Elena schmunzelte. „Habt ihr ... habt du und deine Frau bei all ihren Freunden nach ihr gefragt?“

„Meine Frau? Ich bin Witwer“, erklärte er. „Würde meine Frau noch leben, wäre vermutlich alles einfacher.“ Er seufzte, dann nickte er. „Ja, ich habe alle ihre Freunde angerufen, soweit sie mir bekannt sind.“

„Wie heißt dieses Lokals, in dem sie sich getroffen haben?“

„Mykonos - Ecke Rosenheimer Straße.“

„Was fährt Meikes Freund für ein Auto?“

„Keine Ahnung. Sie sind mit dem Bus gefahren, als ich ihnen folgte.“

„Hm“, machte Elena, dachte eine Weile nach, fragte dann: „Hast du uns ein paar Fotos von Meike mitgebracht?“

„Ja.“ Er gab sie ihr.

„Sie ist wirklich sehr hübsch.“ Elena reichte die Fotos ihrer Tochter, sagte zu Magnus: „Wir überlegen uns, wie wir vorgehen und melden uns dann bei dir.“

Sie schob ihm einen Zettel hin. „Lass uns noch deine Adresse und deine Handynummer da, deine E-Mail-Adresse haben wir ja.“

Er tat es, stand auf und gab ihr die Hand. „Danke!“

Sabine kam aus dem Bad und ging in die Küche, wo Elena die Spülmaschine ausräumte. „Wie sehe ich aus?“, fragte sie.

Elena zog die Stirn in Falten. „Schrecklich!“ Sie lachten beide.

„Dann geh ich mal. Ich nehme das Auto, damit ich für alle Fälle gewappnet bin.“

„O.K., und ich esse heute mit Magnus im ‚Mykonos‘ und schau mal, ob ich dort etwas über Meike herausfinden kann. Ist riskant, wenn die dort mit dem Jungen unter einer Decke stecken, ist er gewarnt. Andererseits ist das Mädchen jetzt schon über eine Woche verschwunden, wir können nicht länger abwarten.“

Sabine hängte sich ihr Täschchen um, nahm den Autoschlüssel und zog los.

Als sie die Disco betrat, dröhnte die Musik in ihren Ohren und blitzte ihr grellbuntes Licht entgegen. Vor drei Jahren hatte sie das noch ‚megageil‘ gefunden, ebenso diese knallengen Glitzerfummel, von denen sie jetzt einen trug. Heute verstand sie das selbst nicht mehr, aber die Dinge änderten sich eben. Nein – sie berichtigte sich in Gedanken – nicht die Dinge, man selbst änderte sich, wenn man erlebt hat, was sie erleben musste. Zuerst der siebte Himmel und die ganz große Liebe, dann ein Absturz ins tiefe dunkle Tal. Ihre naive Blauäugigkeit hatte sie damals mit ihren Discokleidern abgelegt, nur langsam begann sie, das Vertrauen in die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, wiederzuerlangen.

Sie bestellte einen KiBa und verdrückte sich damit auf die Balustrade. Von dort aus konnte sie alles überblicken. Sie war heute den dritten Abend hier. Die Fotos hatte sie eingehend studiert, sie würde das Mädchen auf jeden Fall erkennen, aber bisher von Meike keine Spur.

Fast hätte sie schon aufgegeben und wäre wieder nach Hause gegangen, als ihr ein Mädchen mit einer rotschillernden Mütze auffiel, unter der man nur schwer ihr Gesicht erkennen konnte. Sie tanzte mit einem dunkelhaarigen Jungen, der diesem Amor wirklich sehr ähnlich sah.

Sabine ging hinunter und drängte sich auf die Tanzfläche. Tanzend näherte sie sich den beiden, zog dabei ihr Handy aus der Tasche und machte einige Aufnahmen von ihnen. Sie schienen Stress zu haben, denn er redete fortwährend auf Meike ein, und sie sah nicht gerade glücklich aus. Als Meike die Tanzfläche Richtung Toilette verließ, folgte Sabine ihr, blieb aber vor der Toilette stehen und wartete. Sie besah sich die Fotos, auf denen leider kaum etwas zu erkennen war. „Mist“, zischte sie, dachte nach, was sie jetzt tun sollte. Meike ansprechen? An ihre Vernunft appellieren? Ihr Instinkt sagte ihr, dass es zu einem Frontalangriff noch zu früh war. Besser, sie hielt sich im Hintergrund und folgte den beiden, sobald sie die Disco verließen, um herauszufinden, wo Meike jetzt wohnte.

Sie spielte mit ihrem Handy, hielt es dabei so, dass sie ein Foto machen konnte, sobald Meike aus der Toilette kam.

Die Tür öffnete sich, Sabine drückte ab und spürte im nächsten Moment einen Stoß gegen ihre Schulter. „He, was machst du da!“ Es war Amor. Aus zusammengezwickten Augen starrte er sie an.

Das Herz wäre ihr vor Schreck fast in die Hose gerutscht. Doch sie fing sich schnell und reagierte ebenso aggressiv. „Was soll ich schon machen, mein Hany ausprobieren. Ist neu, Idiot!“ Sie schob ihn zur Seite und ging davon. Als sie sich umdrehte sah sie, wie er auf Meike einredete, sie dann am Arm nahm und mit sich zum Ausgang zog.

Sabine folgte ihnen, versuchte sich dabei so gut es ging hinter anderen Leuten zu verbergen. Doch vor der Disco hatte sie keine Deckung mehr, und als Amor sich umdrehte, zeigte er ihr den Stinkefinger, riss dann eine Autotür auf, schob Meike hinein, stieg selbst ein und fuhr davon. Es war ein roter BMW, Sabine merkte sich das Kennzeichen und fotografierte auch den Wagen, dann war er im Straßenverkehr verschwunden.

Elena war absichtlich eine Viertelstunde zu früh gekommen, um zu vermeiden, dass Magnus alleine im ‚Mykonos‘ saß. Ein nervöser und verzweifelter Vater war zu allem fähig, womöglich würde er selbst Fragen stellen, und das konnte ins Auge gehen. Schließlich war es möglich, dass dieser Amor mit dem Besitzer des Lokals verwandt oder verbandelt war.

Sie wählte den Tisch bei der Theke, um das Personal beobachten zu können und möglichst viel von ihren Gesprächen mitzubekommen.

Ein Mann um die Fünfzig und zwei junge Frauen bedienten. Der Mann schien der Chef zu sein - Línos Kraikos, wie sie im Internet herausgefunden hatte. Die Frau hinterm Tresen war wohl die Chefin.

Herr Kraikos brachte Elena eine Speisekarte. „Möchten Sie schon etwas trinken?“

Sie schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln. „Rotwein. Empfehlen Sie mir etwas.“

„Ich habe einen wunderbaren Wein aus der Heimat meiner Frau, einem Dorf auf Kreta. Leider gibt es den nur in der Flasche.“ Auch sein Lächeln war hinreißend.

„Dann warte ich noch, bis mein Bekannter kommt, vielleicht trinkt er ja mit.“

„Natürlich.“ Herr Kraikos verschwand in der Küche.

Magnus erschien. Er wirkte gehetzt. Unruhig schweifte sein Blick hin und her, bis er Elena entdeckte und auf ihren Tisch zusteuerte. „Bin ich zu spät?“ Er reichte ihr die Hand.

„Nein, ich war zu früh.“ Sie sah ihm forschend in die Augen. „Gibt es etwas Neues?“

Er setzte sich. „Ja, Meike war heute zu Hause.“

„Ach!“ Elena wollte sich schon freuen, aber Magnus machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Sie hat natürlich gewartet, bis ich die Wohnung verlassen habe, hat ein paar Sachen gepackt und ist wieder verschwunden. Ich hätte es vermutlich noch nicht einmal bemerkt, aber eine Nachbarin sah sie und erzählte es mir, als ich von der Arbeit nach Hause kam.“

„Na, wenigstens ...“ Elena biss sich auf die Lippen - ist sie noch nicht im Bordell gelandet, wollte sie sagen, konnte es sich aber gerade noch verkneifen. Sie räusperte sich: „ ... wenigstens geht es ihr gut. Trinkst du Wein? Wir könnten eine Flasche Roten bestellen. Eine Empfehlung des Chefs. Und es kommt immer gut, wenn man eine Empfehlung des Chefs annimmt.“ Sie zwinkerte Magnus zu.

„Ja, Rotwein ist in Ordnung.“

Zum Essen bestellten sie Kleftiko. Es war schon relativ spät, nur noch wenige Gäste im Lokal. Kraikos wirkte sehr sympathisch, kaum zu glauben, dass er etwas mit Amor zu tun haben konnte. Er trällerte hin und wieder ein Lied, arbeitet flink und lachte offensichtlich gerne.

„Und konnte deine Tochter etwas herausfinden?“, fragte Magnus.

„Bisher leider noch nicht, aber vielleicht hat sie ja heute Glück. Sie ist gerade wieder in der Disco.“ Elena hob ihr Glas und lächelte Magnus an.

„Du hast gut lächeln“, sagte er verbittert.

„Ich versuche dich ein wenig abzulenken. Es bringt ja nichts, wenn du dich so zermürbst.“

„Aber können wir denn gar nichts tun? Sitzen hier und lassen es uns gut gehen, und mein Mädchen ist vielleicht schon ...“ Er brach ab.

Elena griff nach Magnus‘ Hand, drückte sie und sah ihm in die Augen. „Aber wir tun doch etwas. Wir konnten die Polizei überzeugen, sie fahnden nach ihr. Sabine, ist in Meikes Stammdisco, zwei andere junge Frauen und drei Männer halten in weiteren Szenelokalen Ausschau nach Meike, und wir beide versuchen hier ihre Spur zu finden.“

„Bis jetzt essen und trinken wir nur.“ Magnus schob seinen Teller von sich, er hatte keinen Appetit.

„Lass mich nur machen. Man darf nichts überstürzen. Es könnte ja sein, dass Amor ein Verwandter oder Freund von den Kraikos‘ ist.“

„Stimmt“, Magnus zog die ‚Stirn in Falten, „darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“

Als der Chef die Teller abräumte, flirtete Elena ein wenig mit ihm, machte Komplimente über sein schickes Lokal und bat um einen Mokka.

„Bitte schön.“ Herr Kraikos stellte die Tasse vor ihr auf den Tisch.

„Meike hat wirklich Recht gehabt“, sagte sie zu ihm, „man isst hier vorzüglich.“

„Freut mich, dass es Ihnen geschmeckt hat.“

„Meike kommt öfter hier her, Sie müssten sie eigentlich kennen. Sie sind doch der Chef hier?“

„Ja, Línos Kraikos ist mein Name. Meike? Nein, der Name sagt mir nichts.“

„Meike Ravensburger.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich wüsste nicht, wen Sie meinen.“ Sein Gesicht verriet keine Regung.

Elena gab sich fröhlich. „Ach!“, rief sie aus, „ich habe ja ein Foto von ihr bei mir. Schauen Sie,“ sie kramte in ihrer Tasche, reichte es ihm, „das ist Meike.“

Er schürzte die Lippen, betrachtete das Bild lange, reichte es ihr dann zurück. „Irgendwie kommt sie mir schon bekannt vor. Ja, ich glaube, sie war mal hier. Freut mich, dass sie zufrieden war und uns weiterempfohlen hat.“

Er wollte gehen, doch Elena streckte ihm schnell ein anderes Foto hin. „Vielleicht kennen Sie ja ihren Freund?“

Herr Kraikos warf einen Blick darauf und schüttelte wieder den Kopf. „Vielleicht, ich weiß nicht. Es kommen so viele Leute hier her.“

Elena hatte ihn keinen Moment aus den Augen gelassen. Entweder der Mann war ein verdammt guter Schauspieler, oder er kannte ihn wirklich nicht. Sie tauschte mit Magnus Blicke, ging dann zum Frontalangriff über. „Herr Kraikos, haben Sie Töchter?“

Erstaunt über diese Frage sah er sie an. „Ja, zwei. Dort drüben, das sind sie.“ Er deutete auf die beiden jungen Frauen, die bedienten.

Elena nickte. „Ich will Ihnen reinen Wein einschenken. Ich bin Elena Franke, die Leiterin der Selbsthilfegruppe ‚Verlorene Töchter‘, und das ist Herrn Ravensburger. Meike ist seine Tochter.“ Sie deutete auf Magnus. „Und sie ist seit einer Woche verschwunden. Wir haben schlimme Befürchtungen. Dieser Mann“, sie tippte auf das Foto von Amor, „ist vielleicht ein Loverboy – kennen Sie den Ausdruck?“

Er schüttelte den Kopf.