Cognac mit Schuss - Ronda Hendrikus - E-Book

Cognac mit Schuss E-Book

Ronda Hendrikus

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Beschreibung

Corinna entdeckt, dass ein wertvolles Gemälde aus ihrem Besitz gegen eine Fälschung ausgetauscht wurde. Maikes Freundin und Mitbewohnerin wird vom Balkon in den Tod gestürzt, auf Inka ein Killer angesetzt. Susannas Ex dreht mal wieder ein krummes Ding. Die arbeitslose Schauspielerin Paula lässt sich auf einen gefährlichen Deal ein. Verenas Bruder wurde auf offener Straße absichtlich überfahren, und Dr. Schopf versucht, seine spröde Frau loszuwerden ... Acht Kurzkrimis, die sich um Eifersucht, Liebe, Mord und Betrug drehen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ronda Hendrikus

Cognac mit Schuss

Acht Ladykrimis für zwischendurch

Was immer du tust,

irgendwann wirst du es bereuen.

(Thomas von Aquin)

Inhaltsverzeichnis:

Der Hinker

Das Glück steht in den Karten

Der unscheinbare Sessel

Die Lippenleserin

Die Doppelgängerin

Die Spur verläuft im Sand

Heiße Ware

Cognac mit Schuss

Der Hinker

Ein Klirren ließ Corinna aus dem Schlaf schrecken. Sekunden später saß sie aufrecht im Bett. „Kater Mischka“, dachte sie im ersten Moment, doch dann fiel ihr ein, dass sie ihn zu Friederike, ihrer Putzhilfe, gebracht hatte, weil sie an diesem Wochenende eigentlich zu einem Seminar nach Berlin fahren wollte. Vielleicht war ja wieder ein Wandteller heruntergeknallt, so wie vor einem Vierteljahr. Damals hatte sich die Halterung gelöst, und das wertvolle Stück lag in Scherben.

Seufzend knipste sie das Licht an, zog ihren Morgenmantel über und ging zur Tür, doch gerade, als sie öffnen wollte, hörte sie ein zweites Klirren. Diesmal klang es, als wäre jemand in einen Haufen Scherben getreten.

Corinna schlich auf die Galerie hinaus, die wie ein Balkon über dem Wohnzimmer schwebte. Drunten hatte jemand ganz ungeniert Licht gemacht! Vorsichtig beugte sie sich über die Balustrade und sah zuerst Männerbeine. Dann tauchte auch der Rest des Kerls auf. Er hinkte, hatte dunkles Haar, einen Schnauzbart und war korpulent.

Als er sich plötzlich umdrehte, drückte sie sich an die Wand, schlich zurück ins Schlafzimmer und griff zum Telefon.

Mit pochendem Herzen wählte sie die Notrufzentrale. „Hier spricht Corinna Herrmann, Leopoldstraße 28. Bei mir wird gerade ein ...“

Weiter kam sie nicht. Ein Schlag auf den Hinterkopf, dann war es dunkel um sie hin.

Sie musste lange bewusstlos gewesen sein, denn als sie sich aufrappelte, war es bereits nach Mitternacht. Sie hielt sich den Kopf und stöhnte, versuchte ihre Gedanken zu ordnen.

„Du musst die Polizei rufen!“, sagte sie sich, suchte nach dem Telefon, fand es am Boden liegend, aber die Batterien fehlten.

Sie schleppte sich nach unten zur Hauptstation. Auch dort fehlten die Batterien!

Gerade wollte sie ihr Handy aus der Handtasche nehmen, als es an der Haustür klingelte. Das schrille Läuten fuhr ihr wie ein Stich ins Herz. So spät? Wer konnte das sein. Vielleicht war ja der Hinker zurückgekommen! Doch dann schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Ein Einbrecher würde wohl kaum klingeln.

Durch das kleine Seitenfenster erkannte sie Arnd, ihren Bruder. Erleichtert öffnete sie und fiel ihm in die Arme.

„Himmel, was ist denn mit dir los?“, fragte er.

Als er ihr über den Kopf strich um sie zu trösten, zuckte sie vor Schmerzen zurück. Ihr Blut war an seiner Hand. „Du bist ja verletzt!“

„Ein Einbrecher hat mich niedergeschlagen“, Corinna schleppte sich zum Sofa. „Ich wollte gerade die Polizei rufen.“

„Ein Einbrecher? Ach, herrje!“ Arnd zog ein Taschentuch aus seinem Jackett und wischte sich die Hand ab. Er setzte sich neben Corinna. „Ich war auf dem Heimweg, sah Licht bei Dir und habe mich gewundert. Dachte doch, du seist in Berlin! Deshalb habe ich geklingelt.“

„Das Seminar wurde im letzten Moment abgesagt. Ich war schon aus dem Haus, da kam der Anruf übers Handy.“

„Ach so.“ Er sah noch mal nach der Blutverschmierten Stelle auf ihrem Kopf. „Und dieser Einbrecher hat dich niedergeschlagen?“

„Ich wollte gerade die Polizei rufen, hatte schon jemanden am Apparat, dann der Schlag. Danach weiß ich nichts mehr. Vermutlich wusste der Kerl, dass ich eigentlich nicht da sein wollte, er hat ja sogar Licht gemacht! Dann sah er vermutlich, dass die Hauptstation des Telefons blinkte und plötzlich war ihm klar, dass doch jemand zu Hause sein muss.“

Corinna fing an zu weinen. Sie war mit dem Nerven am Ende.

„Und hast du ihn erkannt?“, fragte Arnd. „Ich meine, war es einer, den du kennst?“

„Nein. Aber ich könnte ihn identifizieren. Er hat gehumpelt, hatte dunkles Haar und einen Schnauzbart, und er war korpulent. Also nicht wirklich fett, aber ziemlich kräftig.“

„Sein Gesicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das konnte ich nicht genau genug sehen.“

„Hm“, machte Arnd. „Fehlt etwas?“

„Weiß nicht.“ Sie sah sich um. Eine Tonfigur, die Arnd ihr von einer seiner Reisen nach Afrika mitgebracht hatte, lag zerschlagen auf dem Boden, die war wohl heruntergefallen, als der Hinker die kleine Tischlampe anknipsen wollte, aber sonst schien alles auf seinem Platz zu sein, und es standen auch keine Schublande offen. „Auf den ersten Blick nichts“, sagte Corinna. „Ich frage mich nur, wie er hereingekommen ist!“

„War irgendwo ein Fenster offen?“

„Bestimmt nicht.“

„Und im Keller? Vielleicht hat ja Friederike aus Versehen eins offengelassen.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie ist immer so ordentlich und zuverlässig.“

Corinna wollte aufstehen und nachsehen, aber Arnd drückte sie aufs Sofa zurück. „Lass nur, ich gehe schon. Und dann bringe ich dich zu Gerhard.“ Das war ihr Hausarzt, sie waren seit Kindesbeinen befreundet.

„Zuerst rufe ich die Polizei“, wandte Corinna ein.

Arnd sah sie skeptisch an. „Meinst du wirklich? Es fehlt doch nichts. Und vielleicht haben wir dann wieder die Presse am Hals. Gerade jetzt, wo sich die Firma langsam erholt.“

Corinna seufzte. „Du hast Recht, negative Schlagzeilen können wir nun wirklich nicht gebrauchen.“

Während Arnd im Keller die Fenster kontrollierte, dachte sie über die alte Geschichte nach. Vor zwei Jahren hatte sich ihr Mann das Leben genommen, nachdem er betrunken ein Kind überfahren und dann Fahrerflucht begangen hatte. Zum zweiten Mal Fahrerflucht! Er war bereits vorbestraft. Sie hatten damals schon getrennt gelebt und wollten sich scheiden lassen. Trotzdem hatte der Skandal Corinnas Firma - sie stellte Biokosmetik her - schwer getroffen, sie wäre fast Konkurs gegangen.

Als Arnd aus dem Keller zurückkam, sah er sie bekümmert an. „Das Fenster im Waschraum war nicht verschlossen, da ist er vermutlich rein. Und jetzt? Was willst du tun? Polizei? Arzt? Es ist deine Entscheidung.“

Corinna schüttelte den Kopf. „Du hast Recht, besser keine Polizei.“

Sie rief Gerhard an. Er erwartete sie in seiner Praxis und nähe die Wunde. „Sollte dir allerdings übel werden ...“

„Dann habe ich eine Gehirnerschütterung und melde ich mich sofort“, nahm ihm Corinna das Wort aus dem Mund.

Am nächsten Morgen, es war Samstag, fuhr sie zu Friederike, um Mischka abzuholen. Er drückte sich schnurrend an sie, gab ihr Näschen und leckte an ihrem Pulli.

Friederike schüttelte den Kopf, als sie von dem Einbruch hörte. „Ich bin sicher, dass das Fenster im Keller zu war. Mittwoch hatte ich stoßgelüftet, danach alles wieder verriegelt.“

Corinna schob Mischka in die Transportbox. „Mein Bruder fand es aber offen“, sagte sie während sie die Box schloss. „Möglicherweise war es nicht richtig eingeklinkt.“

„Verstehe ich nicht“, murmelte Friederike.

Am Montag fuhr Corinna wie gewöhnlich in die Firma. Gegen zehn Uhr telefonierte sie mit dem Labor, um Arnd zu sprechen. „Lust auf eine Tasse Kaffee?“

„Ich komme in einer Viertelstunde hoch“, antwortete er, „wir gehen gerade den Wochenplan durch.“

Arnd war fünf Jahre älter als sie. Sie waren Halbgeschwister. Nachdem seine Mutter jung gestorben war, hatte ihr Vater ein zweites Mal geheiratet. Ein Jahr später kam Corinna zur Welt. Als sich der alte Herr mit 70 Jahren zur Ruhe setzte - er stellte Waschmittel und Kosmetika her - übernahm Arnd die Firma, und Corinna wurde ausbezahlt. Mit dem Geld gründete sie ihre Biokosmetikfirma und war damit schon bald sehr erfolgreich. Arnds Firma hingegen ging, als er sich an der Börse verspekulierte, den Bach runter. Zum Glück hatte ihr Vater das nicht mehr mitbekommen, er war ein paar Monate zuvor gestorben, aber Arnds Ehe zerbrach daran. Um ihm wieder auf die Beine zu helfen, hatte Corinna ihn als Leiter ihres Labors eingestellt und war zufrieden mit seiner Arbeit, alles lief reibungslos.

Zwanzig Minuten später erschien Arnd in im Büro. Besorgt sah er sie an. „Geht es dir gut? Hast Du Kopfschmerzen?“

„Geht schon.“

Sie tranken Kaffee, den ihnen die Sekretärin brachte.

„Friederike meinte, sie hätte das Kellerfenster ganz sicher geschlossen“, erzählte Corinna.

Arnd zuckte die Schultern. „Vielleicht war es nicht richtig eingeklinkt. Jedenfalls war es nur angelehnt. Seltsam finde ich aber, dass dieser Einbrecher offensichtlich wusste, dass du nicht da sein würdest. Mit wem hast du darüber gesprochen?“

Corinna dachte nach. „Außer mit dir natürlich mit Friederike. Dann mit Frau Brechmeyr“, das war ihre Nachbarin, „und meine Sekretärin wusste es auch. Und Möller, der wollte nämlich am Samstag den Funktüröffner fürs Garagentor einbauen, darum musste ich ihm sagen, dass ich nicht da sein würde.“

Arnd seufzte. „Dann wussten es mit Sicherheit auch sein Geselle und sein Lehrling, und die Brechmeyr kann ja ihren Mund sowieso nie halten!“

„Stimmt“, gab Corinna zu. „Das sind eine Menge Leute.“

„Wann fährst du heute nach Hause? Soll ich zu dir kommen und etwas für dich kochen?“

„Nein, ich muss noch einiges nacharbeiten, vor acht Uhr bin ich hier bestimmt nicht fertig.“

„Du arbeitest zu viel!“ Er stand auf und küsste sie, dann ging er.

Als Corinna am Abend nach Hause fahren wollte, fand sie einen Brief unter ihrem Scheibenwischer. Erstaunt öffnete sie das Kuvert und zog einen Zeitungsausschnitt heraus. Es ging um den Unfall damals, als Karl das Kind überfahren hatte.

Plötzlich hörte sie ein Rumpeln. Sie hob den Kopf und sah von oben etwas auf sich zukommen. Geistesgegenwärtig sprang sie zur Seite und stürzte dabei, das Etwas landete knapp neben ihr auf dem Boden. Es war ein Schild, der Wegweiser für die Lieferanten. Ein großer Pfeil wies nach links, darunter stand Warenannahme.

„Kommen Sie!“ Ein Mann ging neben ihr in die Hocke, um ihr aufzuhelfen. „Mein Name ist Frank Walters“, stellte er sich vor. „Ich bin Dermatologe, und arbeite für Sie.“

Ach ja, jetzt erinnerte sich Corinna. Ihre Personalchefin hatte ihn letzte Woche eingestellt, als sein Vorgänger aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden musste.

Sein Blick fiel auf das Schild, dann sah er sie bekümmert an. „Irgendeine Ahnung, wer Ihnen ans Leder will? Das war ein glatter Mordanschlag!“

„Wie bitte? Nein, das war Zufall!“

„Kein Zufall.“ Er deutete nach oben. Über der Stelle an der das Schild angebracht war, befand sich ein Fenster, es stand offen. „Ich wollte gerade in mein Auto einsteigen, da sah ich, wie das Schild herabstürzte und nahm am Fenster eine Hand wahr.“

„Eine Hand?“ Corinna wurde blass. „Sind sie sicher?“

„Ganz sicher. Kommen sie.“ Er ging mit ihr zu seinem Wagen, deutete wieder auf das Fenster. Die obere Hälfte wurde von hier durch einen Dachvorsprung verdeckt. „Verstehen Sie jetzt, warum ich nur eine Hand und nicht die ganze Person sehen konnte?“

Corinna nickte. Ihr war plötzlich übel.

„Sie sollten die Polizei rufen“, sagte Frank Walters.

Corinna starrte auf den Zeitungsausschnitt, den sie immer noch in der Hand hielt. „Nein“, sagte sie, „keine Polizei.“

„Dann gehe ich jetzt rein und durchsuche das Gebäude. Mal sehen, wen ich finde.“

Corinna hielt ihn zurück. „Der Wachmann muss jeden Moment kommen, es ist seine Aufgabe.“

Sie hatte es kaum gesagt, als ein schwarzer Kombi mit der Aufschrift: ‚Reiters Wachdienst‘ auf den Hof fuhr. Corinna sprach mit dem Mann, er holte seinen Hund aus dem Wagen, nahm seine Waffe aus der Halterung, ging hinein und kam eine Viertelstunde später wieder heraus.

„Da ist ganz sicher niemand drin, Frau Herrmann.“

Sie tauschte Blicke mit Frank Walters. „Danke“, sagte sie.

Ihre Hände zitterten, als sie ihr Auto aufschließen wollte. Walters nahm ihr die Schlüssel ab. „So können Sie nicht fahren. Ich bringe Sie mit meinem Wagen nach Hause.“

Während der Fahrt betrachtete sie ihn aus den Augenwinkeln. Er war Ende vierzig, hatte blondes, kurzes Haar, eine schöne gerade Nase und sinnliche Lippen. Automatisch ging ihr Blick zu seiner Hand. Lange, gepflegte Finger, kein Ehering.

Er lächelte, als er spürte, dass sie ihn musterte. Verlegen sah sie wieder auf die Straße. „Da vorne bitte abbiegen. Es ist das vierte Haus rechts.“

Er stoppte, betrachtete den modernen Bungalow mit einem sehr alten Apfelbaum im Vorgarten.

„Weiß auch nicht, wie es gelungen ist dieses Haus zu bauen und dabei den Baum zu erhalten“, sagte Corinna. „Ich habe es vor drei Jahren gekauft. Damals, als ich mich von meinem Mann trennte.“

„Ich dachte, Sie seien Witwe“, sagte Frank.

„Das eine stimmt, das andere auch. Zur Scheidung kam es nicht mehr, denn Karl hat sich drei Wochen vor unserem Termin das Leben genommen.“ Sie sah ihn an. „Darf ich Sie zu einem Glas Wein einladen?“

„Ein alkoholfreies Bier wäre mir lieber.“ Er klopfte aufs Lenkrad. „Muss ja noch fahren.“

Sie lächelte. „Hab‘ ich auch im Kühlschrank!“

Kater Mischka lag auf dem Sofa. Als er den fremden Mann sah, verzog er sich durch die Katzenklappe nach draußen.

„Der mag mich nicht“, sagte Frank.

„Nehmen Sie es nicht persönlich. Fremde sind ihm ganz allgemein suspekt.“

Corinna brachte das Bier und goss sich statt Wein einen Cognac ein. Dabei fiel ihr Blick auf den Kaminski, der über dem Schrank hing, in dem sich die Hausbar befand. Das Bild hatte sie von ihrem Vater geerbt. Es war eine Menge wert. Einst hatte er es für 150 000 Mark ersteigert, heute dürfte es das Fünffache einbringen. Ein tanzendes Paar war darauf zu sehen.

Sie liebte dieses Bild, eine wahre Farbexplosion! Als sie Mischka letzten Sommer zu sich nahm, damals knapp ein halbes Jahr alt, und er beim Toben aus purem Übermut seine Krallen in den unteren linken Rand des Bildes schlug, hätte sie heulen können. Ein winziger Riss war seither in der Leinwand. Man sah ihn nur, wenn man es wusste, und wer sah schon auf den linken unteren Rand eines Bildes. Für sie war es allerdings zu einer Art Zwang geworden, den Schaden anzustarren und sich zu ärgern. So auch jetzt – doch der Riss war verschwunden!

„Ist etwas?“, fragte Frank, der ihre erstarrte Haltung bemerkt hatte. Er kam zu ihr, folgte ihrem Blick.

„Der Riss“, sagte sie.

„Ich sehe keinen Riss!“

„Eben.“ Sie streckte ihre Hand aus und fuhr über die Stelle, die eigentlich kaputt sein sollte. „Hier war ein Riss, jetzt ist er verschwunden.“

Corinna nahm das Bild ab und drehte es um, so als würde sie kontrollieren wollen, ob es von hinten geflickt worden war. Aber nein, nichts! Die Leinwand war vollkommen unbeschädigt.

Fassungslos öffnete und schloss sie mehrmals den Mund, ehe sie herausbrachte: „Das ist nicht das Original. Es muss eine Fälschung sein!“

Frank Walters zog die Stirn in Falten. „Ist es denn so viel wert, dass es sich lohnt, eine Fälschung anzufertigen?“

Corinna musste sich setzen, ihre Beine fühlten sich wie Pudding an. „Vor einem halben Jahr wurde ein ähnliches Bild desselben Malers für knapp eine Million versteigert.“

„Und da lassen Sie es einfach so hier hängen? Ich meine ohne Allarmanlage?“

„Könnten Sie mir bitte mein Glas rüberreichen?“, antwortete Corinna mit einer Gegenfrage.

Er brachte es ihr, sie trank es in einem Zug aus. Dann erzählte sie ihm von der Fahrerflucht ihres Mannes und den verheerenden Folgen für die Firma. „Ich wäre damals fast bankrottgegangen; wegen der Presse einerseits und weil ich 300 000 Euro für das Unfallopfer bezahlen musste. Wir waren ja noch nicht geschieden, und wir hatten keine Gütertrennung vereinbart. Da blieb mir wirklich kein Geld für eine Allarmanlage. Im Gegenteil, ich wäre fast so weit gewesen, das Bild zu verkaufen. Dann ging es aber mit der Firma doch wieder aufwärts, und weil ich das Bild nun einmal sehr liebe, habe ich vom Verkauf abgesehen.“

Frank nickte. „Und weshalb wollten Sie vorhin die Polizei nicht holen? Ich meine, mit einem Mordversuch ist schließlich nicht zu spaßen! Und jetzt auch noch der Diebstahl Ihres Bildes.“

„Wegen des Zeitungsartikels, den mir jemand an die Windschutzscheibe geklemmt hatte. Ich habe eine panische Angst davor, wieder in die Schlagzeilen zu geraten. Einmal konnte ich das Schlimmste abwenden, eine zweite Schmutzkampagne würde die Firma nicht überstehen.“

Corinna spürte plötzlich einen Luftzug an ihren Füßen. Wie immer galt ihr erster Gedanke Kater Mischka – die Katzenklappe vielleicht? Aber da hätte sie ein Geräusch hören müssen, und durch die kleine Katzenklappe kam auch nicht so viel Wind. Jemand musste die hintere Tür geöffnet haben, die in den Garten und zum Swimmingpool führte.

Plötzlich stellten sich ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Haare auf, und ihr Instinkt schlug Alarm. Der Hinker! Auch wenn sie ihn nicht sah, sie wusste, dass er wieder im Haus war.

Frank wollte etwas sagen, doch sie legte den Finger auf ihren Mund, gab ihm Zeichen, ihr zu folgen und floh durch die vordere Tür auf die Straße.

„Was ist?“, fragte er, als sie keuchend neben seinem Wagen stehen blieb.

„Wir müssen weg hier! Schnell, bitte!“

Er zog seinen Autoschlüssel aus der Jackettasche, sie stiegen ein und fuhren los. Als das Licht des Scheinwerfers den Apfelbaum im Vorgarten streifte, sahen sie unter seinen Ästen einen Mann in schwarzer Kleidung. In seiner Hand blitzte etwas auf – es war eine Schusswaffe.

Ein paar Straßen weiter stoppte Frank in einer dunklen Einfahrt und sah Corinna an. „Was ist hier los?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es ja selbst nicht!“ Sie berichtete von dem Einbruch Freitagnacht. „Er war es“, sagte sie, „ich bin sicher! Der Hinker war wieder da!“ Weinend sank sie in Franks Arme. Dr hielt sie fest, bis sie sich ein wenig beruhigt hatte. Dann sagte er: „Ich bringe Sie jetzt zur Polizei. Firma hin oder her, Ihr Leben ist wichtiger!“

Der Polizist auf dem Revier schickte eine Streife zu Corinnas Haus, dort fand man jedoch alles abgeschlossen vor, nichts deutete auf Fremdeindringen hin. Genervt sah der Beamte sie an. Es gab immer wieder Leute, die sich wichtigmachen wollten oder meinten, es sei ein Spaß, nachts auf einem Revier Märchen zu erzählen! „Kommen Sie morgenfrüh, wenn die Kommissare im Haus sind“, murrte er und schob Corinna das Protokoll zum Unterzeichnen über den Tisch.

Als sie wieder im Auto saßen, sagte Frank: „Sie können unmöglich in Ihrem Bungalow bleiben. Am besten, Sie kommen mit zu mir.“

Corinna nickte erleichtert. „Danke. Das Angebot nehme ich gerne an.“

Franks Wohnung lag am Stadtrand in einem Haus mit sechs Einheiten, immer zwei Wohnungen nebeneinander, drei übereinander. Die Anlage war treppenförmig an einen Hügel gebaut, so dass die Dachterrasse der einen Wohnung über dem großzügigen Wohnzimmer der anderen lag. Man hatte einen herrlichen Ausblick auf die Stadt, ein wahres Lichtermeer lag ihnen zu Füßen, als sie nebeneinander auf einem gemütlichen Terrassensofa saßen, ein Glas Wein tranken, dazu Käse, Brot und Oliven aßen.

Einmal griffen sie beide gleichzeitig nach der Butter, dabei berührten sich ihre Hände. Ein angenehmer Schauder durchzuckte Corinna, und sie dachte darüber nach, wie lange sie schon alleine war. Fünf, sechs Jahre? Denn wenn sie auch bis vor drei Jahren noch mit Karl unter einem Dach gelebt hatte, ihre Ehe war längst ein Scherbenhaufen gewesen. Kein Vertrauen, keine Gespräche, keine Zärtlichkeiten mehr. Nur noch Streit, Hass, manchmal halbherzige Versöhnungsversuche, auf die neuer Streit folgte. Schließlich seine Alkoholexzesse, Fahrerflucht. Und am Ende gab er sich auch noch feige die Kugel und ließ sie mit all den Scherben zurück, die er angerichtet hatte.

Damals hatte sie geschworen, sich nie wieder auf einen Mann einzulassen! Nie wieder Lügen im Namen der Liebe! Und jetzt? Jetzt spürte sie auf einmal ein unbändiges Verlangen, sich in die Arme dieses Mannes zu schmiegen, die Augen zu schließen und auf das Pochen seines Herzen zu lauschen.

Als hätte er ihre Gedanken erraten, griff er nach ihrer Hand, zog sie an sich und hielt sie einfach nur fest.

Sie schlief in seinem Arbeitszimmer, in dem auch eine Ausziehcouch stand. Als er sie am Morgen mit einem Frühstück weckte, sagte er: „Wenn gestern, als die Streife dein Haus kontrollierte, tatsächlich alle Türen verschlossen waren, dann muss dieser Hinker einen Schlüssel besitzen.“

„Ja, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber warum macht er sich die Mühe abzuschließen, bevor er das Weite sucht?“

„Um dich unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Es ist ihm ja auch gelungen. Der Beamte auf dem Revier hat deine Aussagen angezweifelt.“

Corinna schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht.“

„Wir fahren jetzt zu dir, du holst ein paar Sachen und bleibst vorerst hier“, beschloss Frank.

„Ich könnte auch bei meinem Bruder wohnen“, warf Corinna ein, worauf Frank ihr zärtlich in die Augen sah und sagte:

„Das wäre wirklich schade!“

Arnd erwartete sie bereits in ihrem Büro. „Da bist du ja endlich!“, begrüßte er sie. „Als du um zehn Uhr noch immer nicht in der Firma warst, habe ich bei Dir zu Hause angerufen, du hast aber nicht abgenommen. Auch dein Handy ist ausgeschaltet! Nach allem was passiert ist, habe ich mir Sorgen um dich gemacht! Wo warst du denn?“

„Bei Frank Walters.“

„Bei unserem Dermatologen?“ Erstaunt blickte er sie an.

Sie nickte, setzte sich und erzählte, was gestern geschehen war.

„Ich kann das alles kaum glauben!“, sagte Arnd. „Dieser Mann, dieser Hinker wie du ihn nennst, besitzt einen Schlüssel zu deinem Haus? Er hat das Bild gegen eine Fälschung ausgetauscht, und trachtet dir nach dem Leben? - Ja um Gottes Willen, da kannst du keinesfalls länger dort wohnen bleiben!“

„Deshalb werde ich vorübergehend zu Frank ziehen.“

Arnd zog Stirnfalten. „Du nennst ihn beim Vornamen und willst zu ihm ziehen? Hast du etwas mit ihm?“

„Nein. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“ Corinna lächelte verliebt und änderte das Thema. „Jedenfalls habe ich heute Morgen mit einem Kommissar gesprochen.“