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Ein Privatdetektiv, der spurlos verschwindet, ein Ehemann, der sich als Mörder entpuppt, Erpressung, Betrug und Einbruch … den Leidtragenden dieser Geschichten bleibt wohl nichts erspart. Doch auch die Ermittler sind nicht von gestern und kommen den Tätern fast immer auf die Spur. Neunmal Spannung für zwischendurch, geschrieben von der Krimiautorin Ronda Hendrikus.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2020
Seine letzte Bahnfahrt
Neun Kurzkrimis
von
Ronda Hendrikus
Impressum
Copyright © 2020 by arp
Herausgeber by arp
Ledererstraße 12, 83224, Grassau, Deutschland
Ausgabe Mai 2020
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und darf auch auszugsweise
nur mit Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden.
Covergestaltung by arp
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Inhaltsverzeichnis:
Seine letzte Bahnfahrt
Die zweite Frau
Die große Chance
Süßes mit Gift
Frau Helgers Großneffe
Ein Collier, das es in sich hat!
Karibische Nächte
Die Heiligen Drei Könige
Das Au-pair-Mädchen
‚Lesefutter‘ aus unserem Verlag
Für heute hatten sich Ralph und Sabine freigenommen. Sie würden den Tag im Bett verbringen, nichts als faulenzen und die Liebe genießen!
Als Sabine aufstand, nur um kurz ins Bad zu gehen, sah Ralph ihr mit zärtlichem Blick nach. Kaum zu glauben, dass diese wunderbare Frau die Tochter seines Chefs war - ein vierschrötiger Mistkerl, der sich auf Kosten anderer durchs Leben hangelte. Und kaum zu glauben, dass sie ausgerechnet ihn liebte!
Sabine kam zurück. Sie hatte sich die Zähne geputzt. „Kussfrisch!“, sagte sie und legte sich wieder neben ihn. „Na mein Schöner mit den zweifarbigen Augen, willst du nicht Gebrauch machen, von meinem Angebot?“ Sie lachte. Ihre Hand griff in seinen Nacken und zog sein Gesicht zu sich, um ihn heiß und voller Leidenschaft zu küssen.
Sie ahnte nicht, dass seine zweifarbigen Augen der Grund dafür waren, dass er den Dienst quittiert hatte. Dass er lieber als kleiner, unbedeutender Detektiv arbeitete und seinen Job allein machte, als sich auf einem Revier mit ein paar Idioten herumzuärgern, die nicht fähig waren, über den Rand ihres Suppentellers hinauszusehen. Sein rechtes Auge war blau, das linke braun. Man nannte dieses Phänomen Heterochromie, und es war nichts Anderes als eine mangelnde Melanin-Pigmentierung in Abschnitten des blauen Auges. Doch wenn Sabine ihn darauf ansprach, meinte sie es nicht böse. Im Gegenteil. Sie fand es ‚interessant‘ und irgendwie auch sexy.
Er fing gerade an, sich unter ihrem Kuss zu entspannen, als ihr Telefon klingelte. Sie fischte es unterm Bett hervor und sah auf das Display. „Seltsam, es ist das Büro meines Vaters“, sagte sie, „da muss ich ran.“
Ralph wusste, dass sie ständig Angst hatte, dem Alten stößt etwas zu. Und so unberechtigt war ihre Angst auch gar nicht, denn schon öfter hatte er sich auf krumme Geschäfte eingelassen.
Am anderen Ende der Leitung war offenbar Annika Frentzen, die den Bürokram in der Detektei erledigte. Er beobachtete Sabines Gesichtsausdruck, der sich langsam von ärgerlich über erstaunt in besorgt verwandelte.
„Und er ist auch nicht auf seinem Handy zu erreichen?“, fragte sie. „Das ist wirklich seltsam!“ Sie sah Ralph an. Dass sie und er ein Paar waren, wusste niemand. Deshalb verschwieg sie auch, dass er gerade bei ihr war. Stattdessen sagte sie: „Sie sollten Ralph Kröger informieren. – Ach, er geht auch nicht an sein Telefon? Dann versuchen Sie es weiter! Vielleicht duscht er ja gerade. Ich melde mich später bei Ihnen, bis dann.“ Sie legte auf und wandte sich an Ralph.
„Das war die Frentzen. Sie sagt, Papa sei nicht zu einem Termin mit einem Klienten erschienen und hätte sich auch nicht gemeldet, um ihm abzusagen. Ihr kommt das spanisch vor. Und erreichen kann sie Papa auch nicht. Weder dich noch ihn.“
Ralph stand auf, suchte in seiner Jacke, die er gestern Abend über eine Stuhllehne gehängt hatte, nach seinem Telefon. Er schaltete es ein, und prompt klingelte es.
„Guten Morgen, Frau Frentzen“, meldete er sich.
„Guten Morgen. Ich versuche schon seit einer Stunde, Sie zu erreichen.“ Leiser Vorwurf schwang in ihrer Stimme mit.
„Nun, ich habe meinen freien Tag, da hatte ich das Telefon ausgeschaltet.“
„Der Chef ist nicht zu seinem Termin gekommen, und erreichen kann ich ihn auch nicht. Wissen Sie, wo er steckt?“
„Nein, keine Ahnung.“
„Ich verstehe das nicht. Einen Termin hat er noch nie unentschuldigt versäumt.“
„Stimmt, das ist seltsam!“ Man konnte Gregor Arnold vieles vorwerfen, aber zu Terminen erschien er immer. Schon wegen der Aussicht auf ein Honorar, das ihm sonst durch die Lappen ginge. „Ich bin in einer halben Stunde im Büro“, sagte er, „dann sehen wir weiter.“
Als er aufgelegt hatte, suchte er seine Sachen zusammen. „Dein Vater hatte am Freitag ein Treffen mit einem Klienten. Aber dort ist er angeblich nicht erschienen. Und heute kam er nicht ins Büro. Ich werde mal nach dem Rechten sehen.“
Als er aus dem Bad kam und sich angezogen hatte, küsste er Sabine flüchtig. „Tschüss, Schatz! Ich halte dich auf dem Laufenden.“
„Danke.“ Sie schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln. „Ich liebe dich!“
„Und ich dich erst!“ Noch ein zweiter Kuss, dann fiel die Tür hinter ihm zu.
„Ist der Chef noch immer nicht da?“, fragte Ralph zur Begrüßung.
„Nein, ich bin wirklich in Sorge“, antwortete die Frentzen. „Ich arbeite jetzt sieben Jahre für ihn, und in der ganzen Zeit hat er noch nie einen Termin platzen lassen. Da stimmt etwas nicht!“
Ralph wusste, dass die Frentzen Gregor Arnold mehr als nur mochte. Keine Ahnung warum! Sie war eine gepflegte und immer noch gutaussehende Frau Mitte vierzig, während Gregor, Ende fünfzig, nicht viel auf sich hielt. Sie hatte bestimmt keinen Grund, sich ihrem Chef an den Hals zu werfen. Aber gut, man steckte nicht drin in den Herzen und Gedanken anderer Menschen.
„Ganz meine Meinung!“, sagte er laut. „Da ist etwas oberfaul!“
Ralph telefonierte mit Ewald Burger, dem Klienten, den Gregor am Freitag in Würzburg treffen sollte. Er war mit dem Zug hingefahren, aber dort, wie Ewald Burger behauptete, nie angekommen.
Anschließend sah Ralph sich in Gregors Wohnung um. Auch dort keine Spur von seinem Chef oder irgendein Hinweis, wo er sich aufhalten könnte.
Was konnte er sonst noch tun? Ihn suchen? Aber wo? Er arbeitete zwar als Detektiv, aber mehr als untreue Ehemänner beschatten oder sich mit Kleinkriminellen herumzuschlagen hatte er nicht auf dem Schirm.
Er rief Sabine an. „Ich gehe jetzt zur Polizei“, sagte er. „Es ist besser, die kümmern sich darum. Was könnte ich allein schon ausrichten, ich habe nicht die nötigen Möglichkeiten.“
Auf dem Revier gab er eine Vermisstenanzeige auf. Dann bat er, Hauptkommissar Blume sprechen zu dürfen.
„Na, wen haben wir denn da – den Mann mit den verschiedenfarbigen Augen!“ Blume reichte Ralph die Hand. „Was führt Sie zu uns?“
Wie er diese Anspielungen auf seine Augen hasste! Ralph biss die Zähne zusammen, um nichts Unüberlegtes zu erwidern. Immerhin wollte er etwas von Blume. „Mein Chef ist verschwunden. Habe gerade eine Vermisstenanzeige aufgegeben.“
Ralph erzählte, was er wusste, und Hauptkommissar Blume hörte sich in Ruhe an, was er vorzubringen hatte. „Hm“, machte er dann, kniff dabei die Augen zusammen. „Wann haben Sie Ihren Chef zum letzten Mal gesehen?“
„Am Freitag, kurz nach 13:40 Uhr. Ich hatte ihn mit meinem Wagen zum Bahnhof gebrachte. Er wollte den Zug um 13:55 nach Würzburg nehmen. Dort sollte er um 14:54 Uhr ankommen. Ein Klient, Ewald Burger, wollte ihn abholen, um einen Auftrag mit ihm zu besprechen.“
„Warum ist er mit dem Zug gefahren?“, fragte Hauptkommissar Blume. „Mit dem Auto ist es doch von Nürnberg bis Würzburg nur ein Katzensprung.“
„Weil er den Führerschein für einen Monat abgeben musste. Er wurde geblitzt, ist hundertachtzig gefahren, wo nur Hundertzwanzig erlaubt waren. Und kurz danach hat er einen Unfall gebaut. Totalschaden. Dass er aus dem Wagen noch heil rauskam war ein Wunder.“
Blume nickte. „Worum ging es bei diesem Auftrag in Würzburg.“
„Tut mir leid“, Ralph zuckte die Schultern, „darüber weiß ich nichts. Auch Frau Frentzen hat keine Ahnung. Es gib Fälle, da weiht er niemanden ein.“
„Kann es sein, dass ein krummes Ding lief?“
Ralph zögerte. Es konnte sehr wohl sein! Allerdings wollte er Sabines Vater nicht unnötig in Verruf bringen. Sie tat ihm leid, so einen Vater hatte sie nicht verdient! „Ich kann Ihnen dazu wirklich nichts sagen“, antwortete er ausweichend.
Hauptkommissar Blume sah ihn still und lange an. Dass Ralph Kröger seinem Blick auswich, gab ihm zu denken. „Haben Sie diesen Ewald Burger bereits befragt?“, erkundigte er sich.
„Ja, ich habe ihn angerufen. Gleich heute Morgen, als mein Chef nicht zu seinem Termin erschienen war und unsere Assistentin mich informiert hatte. Er stellte die Vermutung auf, dass Gregor Arnold gar nicht erst nach Würzburg gefahren sei, sonst wäre er schließlich dort angekommen. Angekommen sei er aber nicht. Auch nicht mit dem nächsten Zug.“
„Burger hat den nächsten Zug abgewartet, statt Arnold anzurufen und sich nach ihm zu erkundigen?“
„Er sagte, er hätte sehr wohl versucht, ihn anzurufen. Aber mein Chef hätte sein Telefon abgestellt. Und im Büro sei auch niemand an den Apparat gegangen. Klar, war ja Freitagnachmittag, da ist Frau Frentzen nicht mehr im Büro.“ Ralph zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht warum, aber irgendwie traue ich diesem Burger nicht. Etwas an seiner Stimme irritiert mich; die Art wie er redet. Da schwingt etwas mit, etwas Falsches. Mein Bauchgefühl sagt mir, der ist nicht koscher! Ich wollte schon hinfahren, mit ihm persönlich sprechen, aber …“
„Das überlassen Sie besser uns!“, fiel ihm Hauptkommissar Blume gleich ins Wort und fragte: „Haben Sie ein Foto von Ihrem Chef?“
„Nicht dabei. Ich kann Ihnen natürlich eins besorgen und auf Ihr Handy schicken, sofern Sie mir Ihre Nummer geben. Allerdings sind alle Fotos, die wir haben, nicht mehr aktuell. Seit seinem Unfall hat er eine auffällige Narbe am Kinn und unter dem rechten Auge. Darum trägt er jetzt getönte Brillengläser in einer ziemlich geschmacklosen Brille.“
Blume gab Ralph seine Visitenkarte und brachte ihn zur Tür. „Schicken Sie das Foto so bald wie möglich!“
Nachdem Hauptkommissar Blume den Detekteiinhaber Gregor Arnold hatte überprüfen lassen, glaubte auch er an eine Straftat im Zusammenhang mit dessen Verschwinden.
„Würde mich nicht wundern“, sagte er zu seinem Kollegen Kommissar Rittmeister, „wenn da einmal einem Auftraggeber der Kragen geplatzt wäre und er sich dazu hätte hinreißen lassen, diesen Arnold umzubringen. Jedenfalls hat Arnold keine weiße Weste! Bereits dreimal hat man ihm ein Verfahren angehängt. Betrug, versuchte Erpressung und unlauterer Umgang mit Geheimmaterial wurden ihm vorgeworfen.
„Und man konnte ihn nie verurteilen?“, wunderte sich Rittmeister.
„So ist es. Der Mann scheint ziemlich gerissen zu sein. Er konnte seinen Kopf jedes Mal aus der Schlinge ziehen. In allen Fällen wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen.“
„Und wie sieht es mit Ralph Krögers Leumund aus?“ Rittmeister griff sich einen Apfel, der auf seinem Schreibtisch lag, und biss hinein.
„Der“, erzählte Hauptkommissar Blume, „war mal Polizist. Das war noch vor deiner Zeit. Eigentlich kein schlechter Mann. Aber irgendwie kam er mit den Kollegen nicht zurecht. Er ließ sich schließlich von Arnold anheuern, vermutlich, weil sich nichts besseres bot. Seitdem schimpft er sich Privatdetektiv.“
„Heißt, er schnüffelt untreuen Ehemännern hinterher?“
„Das, und was sonst so üblich ist in diesem Geschäft. Beschaffung von Informationen und Beweismaterial von Angestellten, die verdächtigt werden, sich an Firmeneigentum zu bereichern. Und so ’n Kram.“
„Das Spektakulärste, das Ralph Kröger jemals gelungen ist“, sagte Rittmeister, der inzwischen im Computer nachgesehen hatte, „war die Sache mit dem Mädchen.“
„Du meinst, die Kleine, die einem Loverboy auf den Leim gegangen war, und die er in Hamburg wiedergefunden und aus seinen Klauen befreit hat?“
„Genau. Darüber steht hier was in einem Zeitungsartikel. Da haben sie ihn gefeiert, wie einen Helden.“
„Held hin oder her, du solltest ihn auf jeden Fall genau unter die Lupe nehmen. Man kann ja nie wissen, vielleicht steckt er hinter dem Verschwinden von Arnold. Er war schließlich der letzte, der ihn gesehen hat.“
„Und du?“, fragte Rittmeister.
„Ich bitte einstweilen bei der Kriminalpolizeiinspektion Würzburg um Amtshilfe. Die sollen mal herausfinden, was mit diesem Ewald Burger los ist.“
Das Foto von Arnold kam bereits eine Stunde später. Auf einen Bericht aus Würzburg musste Hauptkommissar Blume, obwohl er es eilig gemacht hatte, zwei Tage warten. Denn Burger war verschwunden! Seine Frau hatte behauptet, er sei zum Wandern in die Berge gefahren. Eine Adresse gäbe es allerdings nicht, er sei auf irgendeiner Hütte. Und eine Handyverbindung konnte sie auch nicht herstellen – Funkloch! Die Würzburger waren schon kurz davor, ihn zur Fahndung ausschreiben zu lassen, als er plötzlich wieder auftauchte.
„Und was steht nun in dem Bericht?“, fragte Rittmeister.
„Nichts Neues. Er hätte auf Arnold am Bahnhof gewartet, der sei aber nicht gekommen. Und zu seinem Auftrag wollte er sich nicht auslassen. Muss er auch nicht, das ist seine Privatsache.“
„Dafür habe ich etwas über Ralph Kröger herausgefunden.“ Rittmeister sah seinen Kollegen und Vorgesetzen mit leichtem Triumph an.
„Und das wäre?“
„Kröger hat ein Verhältnis mit der Tochter seines Chefs. Sabine Arnold, 27 Jahre alt, arbeitet an der Rezeption eines Hotels. Von ihrem Kollegen habe ich das mit Kröger erfahren.“
„Na und?“ Das riss Blume nicht unbedingt vom Hocker.
„Ein heimliches Verhältnis! Die Assistentin, Frau Frentzen, war völlig perplex, als ich sie darauf ansprach. Und ihrer Meinung nach hat Gregor Arnold ebenfalls keine Ahnung, dass sich sein Angestellter im Bett seiner Tochter rumtreibt! Er würde das wohl auch nicht tolerieren. Sagt zumindest Frau Frentzen.“
„Was geht es den Mann an, seine Tochter ist schließlich volljährig. Es ist ihre Sache, mit wem sie schläft.“
„Klar. Aber Arnold ist als Choleriker bekannt, und vermutlich hätte er nicht lange gefackelt und Kröger entlassen.“
Jetzt verstand Blume. „Du meinst, die beiden haben was miteinander und hätten auch was davon, wenn der Alte von der Bildfläche verschwände? Dann könnte Kröger den Laden übernehmen – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute? Ein ziemlich dünnes Motiv für einen Mord, und darauf liefe es deiner Meinung nach ja hinaus.“
„Stimmt. Aber angenommen, Arnold hat es herausgefunden und ein riesen Tam-Tam veranstaltet. Es kam zum Streit, dabei ist der Alte gestürzt, mit dem Kopf aufgeknallt und lag tot vor Sabine und Ralph? Immerhin möglich. Dann haben sie ihn verschwinden lassen, und Kröger hat ihn als vermisst gemeldet.“
„Möglich. Doch in diesem Fall wäre es kein Mord gewesen, sondern ein Unfall. Den hätte Kröger doch melden können.“
„Vielleicht hatte er Angst, man würde ihm nicht glauben?“
„Na ja, ist jedenfalls eine Spur.“
„Die einzige, die wir haben!“, sagte Rittmeister.
„Trotzdem“, Hauptkommissar Blume schüttelte den Kopf. „Ich hatte bei Kröger nicht das Gefühl, dass er mich belügt. Und meine Intuition hat mir nur selten einen Streich gespielt.“ Eine Weile kaute er nachdenklich auf seinen Lippen, dann griff er plötzlich zum Telefon.
„Wen rufst du an?“, fragte Rittmeister.
„Hauptkommissar Hartmut in Würzburg.“
Als sich sein Würzburger Kollege meldete, fragte Blume: „Was ist dieser Ewald Burger für ein Mann? Ließ sich bei ihm überhaupt kein Haar in der Suppe finden?“
Hauptkommissar Hartmut lachte über diesen Spruch. „Nein, nicht mal eine Bartstoppel“, antwortete er.
„Wie verlief denn das Gespräch zwischen Burger und Ihnen?“, bohrte er weiter.
„Recht nichtssagend. Er gab an, rechtzeitig am Bahnsteig gewartet zu haben. Arnold sei aber nicht angekommen. Darüber hätte er sich geärgert, hätte dann zuerst auf Arnolds Handy angerufen, danach im Büro. Weder hier noch da hätte sich jemand gemeldet, also sei er ins Bahnhofsrestaurant, um etwas zu trinken und die Zeitung zu lesen, und dann zum nächsten Zug nochmals an den Bahnsteig gegangen. Als Arnold wieder nicht unter den Passagieren war, sei die Sache für ihn erledigt gewesen. Jemandem der so unzuverlässig ist wollte er keinen Auftrag erteilen. Egal welche Ausrede er für sein Nichterscheinen vorbringen würde. Am Montagmorgen rief dann Kröger bei ihm an, und so erfuhr er vom Verschwinden Arnolds.“
„Und um was für einen Auftrag es sich da handelte, konnten Sie nicht herausfinden?“
„Dazu wollte Burger sich nicht auslassen. Da kein Verdacht gegen ihn vorliegt, konnte ich diesbezüglich auch nicht weiter intervenieren. Es ist schließlich seine Sache, warum er einen Privatdetektiv anheuert. Allerdings erwähnte er, dass Arnold vor etwa einem Dreivierteljahr schon mal einen Auftrag für ihn erledigt hätte, und damals sei er zuverlässig und pünktlich gewesen. Seitdem hätten er und Arnold allerdings nur noch telefonisch Kontakt gehabt, um sich zur Besprechung seines neuen Anliegens zu treffen.“
„Konnte Burger den Detektiv am Bahnsteig nicht übersehen haben?“, fragte Blume.
„Das hatte ich auch in Erwägung gezogen, aber Burger lachte darüber. Er meinte, einen Mann mit so einer Narbe am Kinn und einer derart seltsamen Brille könne man nicht übersehen, das sticht doch jedem gleich ins Auge.“
„Das hat er gesagt?!“, fuhr Hauptkommissar Blume auf.
„Ja, hat er – offensichtlich wundern Sie sich darüber? Warum?“
„Nun, die Narbe an Arnolds Kinn rührt von einem Unfall her. Den Unfall hatte Arnold aber erst vor einem knappen halben Jahr. Burger will Arnold jedoch seit einem Dreivierteljahr nicht mehr gesehen haben!“
„Das ist allerdings mehr als verdächtig!“, gab Hartmann zu. „Da müssen wir ihn wohl noch einmal kontaktieren.“
Hauptkommissar Blume dachte gründlich nach, bevor er seinen Einwand vorbrachte: „Ich bin nicht sicher, ob wir ihn auf diese Unstimmigkeit ansprechen sollten. Vielleicht wäre es besser, ihn zu beschatten.“
„Ihn beschatten?“
„Nun, es gibt nicht so viele Gründe, weshalb ein Mensch verschwindet. Grund eins, er hat Dreck etwas auf dem Kerbholz oder sein derzeitiges Leben einfach nur satt, deshalb taucht er unter. Scheint mir hier allerdings nicht der Fall zu sein. Grund zwei, er hat sein derzeitiges Leben satt und hat sich deshalb ins Jenseits befördert. Aber auch Selbstmord kann man bei Arnold ausschließen. Ein weiterer Grund wäre Entführung. Doch darauf gibt es keinen einzigen Hinweis. Bliebe als letzter Grund noch, dass man ihn getötet hat. Allerdings gibt es keine Leiche. Trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass Arnold nicht mehr lebt. Und dann kann es gut sein, dass Burger etwas damit zu tun hat.“
„Ich kann Ihnen folgen und verstehe, was Sie meinen.“ Jetzt war Hartmann derjenige, der lange und ausführlich nachdachte. „Gut“, sagte er schließlich, „ich kümmere mich darum. Wir lassen Burger beschatten.“
Als Sabine Arnold an Ralph Krögers Seite im Präsidium auftauchte, wunderte sich nicht nur Blume, dass ein Mann wie Arnold eine so gutaussehende und sympathische Tochter haben konnte.
„Bitte setzen Sie sich“, forderte er seine Besucher auf. „Ich kann Ihnen auch eine Tasse Kaffee anbieten. Unser Kaffee ist erstklassig!“
Die beiden lehnten dankend ab.
„Wissen Sie inzwischen etwas über den Verbleib meines Vaters?“, fragte Sabine. „Er ist bereits seit über einer Woche verschwunden.“
Sie war blass und wirkte verzweifelt. Ihre Hand lag in der von Ralph Kröger, der sie streichelte.
„Nein. Tut mir leid. Wir verfolgen allerdings eine heiße Spur. Doch darüber kann ich Ihnen momentan noch nichts verraten.“
„Eine heiße Spur?“ Sie tauschte Blicke mit Ralph. „Was heißt das? Vermuten Sie, dass er …“ Sie brach ab.
Dass er tot ist – diese unausgesprochene Vermutung lag im Raum. Ja, das vermutete er, aber er behielt es für sich. „Eine ‚heiße Spur‘ heißt, dass wir an der Sache dranbleiben und Ihren Vater finden werden“, sagte er stattdessen. „Derzeit sind rund um die Uhr sechs Leute mit dem Fall beschäftigt.“
…Sabines Augen füllten sich mit Tränen, wortlos starrte sie den Hauptkommissar an. Sie schien echt verzweifelt, fast tat es Blume leid, dass er sie und Ralph Kröger kurzzeitig verdächtigt hatte. Allerdings rief er sich gleich wieder zur Raison. Was hübsche jung Frauen mit sanften, tränennassen Rehaugen betraf, hatte er in achtundzwanzig Jahren bei der Kriminalpolizei schon so manche Überraschung erlebt. Der Fall Sonnberger fiel ihm ein. Da hatte eine zierliche Zweiundzwanzigjährige mit blonden Haaren, großen braunen Kinderaugen und einem Gesicht wie eine Elfe ihren sechsundzwanzigjährigen Bruder vergiftet, nur um an sein Geld zu kommen. Ob einer ein kaltblütiger Mörder oder ein liebevoller und mitfühlender Mensch war, konnte man ihm leider nicht an der Nasenspitze ansehen.
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen nichts Anderes sagen kann, Frau Arnold.“ Hauptkommissar Blume stand auf, um die beiden zu verabschieden. „Ich verspreche Ihnen jedoch, wir tun, was in unserer Macht steht. Und wir werden uns selbstverständlich sofort bei Ihnen melden, sobald wir mehr wissen.“
Er sah aus dem Fenster und beobachtete das Paar, wie es Arm in Arm den Hof überquerte. Kurz bevor sie auf die Straße traten, küsste Ralph Sabine in einer liebevollen Geste aufs Haar.
Edmund Burger wurde rund um die Uhr überwacht, jeder seiner Schritte verfolgt. Dabei fiel auf, dass er mehrmals ein Waldstück aufsuchte und dort einen bestimmten Weg entlang spazierte, wobei er auf den Boden blickte, als suchte er etwas. Ein paarmal schien er auch etwas erspäht zu haben. Doch bevor er sich danach bückte, schaute er sich stets um, ob ihn auch niemand beobachtete.
Dieses Verhalten, zusammen mit seiner Äußerung über Arnolds Narbe, war verdächtig genug, an ihm dran zu bleiben.
„Wenn er so verzweifelt nach etwas sucht, dann muss es etwas sein, das ihn verraten könnte. Und es muss klein sein“, überlegte Blume.
„Oder er hat auf einem Spaziergang einfach nur etwas Wertvolles verloren“, hielt Hartmann, der weniger euphorisch war, dagegen. „Ein Schmuckstück zum Beispiel.“
„Alles möglich“, gab Blume zu.
Als Ewald Burger zum dritten Mal in den Wald fuhr, spazierte er denselben Weg noch einmal. Suchend, wie immer. Doch diesmal ging er vom Weg ab, ein Stück in den Wald hinein. Auf einer kleinen Lichtung blieb er stehen, schaute mit zusammengekniffenen Augen um sich hin. Offensichtlich befürchtete er, beobachtet zu werden. Vielleicht spürte er auch die Gegenwart der beiden jungen Beamten, die ihn verfolgt hatten und sich hinter Bäumen versteckten. Schließlich blickte er auf den Boden, suchte ihn ab. Zweimal bückte er sich, hob etwas auf und warf es wieder weg. Danach drehte er sich um und ging zurück zu seinem Wagen.
Hartman rief Blume an, um Bericht zu erstatten. „Ich bin überzeugt, wenn wir dort im Wald graben, werden wir Arnold finden“, sagte er.
„Dann graben Sie!“, rief Blume.
„Ich habe eine bessere Idee – wir schicken Kommissar Spürnase vor.“
„Einen Hund – einen Mantrailer?“
„Richtig. Falls Arnold auf dieser Lichtung begraben liegt, oder irgendwo auf dem Weg dorthin, wird der Hund ihn finden.“
Tags darauf parkten drei Autos an der Abzweigung zu besagtem Waldweg. Aus einer schwarzen Limousine stieg Hauptkommissar Hartmann in Begleitung eines jüngeren Kollegen aus. Aus einem Polizeiauto folgten zwei junge Polizeibeamte, die sich mit Spaten bewaffneten, die im Kofferraum lagen. Aus dem dritten Wagen, ebenfalls ein grüner Polizeiwagen, folgten ein Polizeihauptmeister mit einem schwarzhaarigen Schäferhund.
Der Hundeführer ging voraus, die Kommissare und Polizisten folgten. Solange sie sich auf dem Weg befanden, blieb der Hund ruhig. Er schnüffelnd und setzte seinen Weg zielstrebig fort. Doch als sie auf die Lichtung kamen, schlug er an.
Das mit dem Hund hätten sie sich allerdings sparen können, denn die Arbeit hatten für ihn die Wildschweine übernommen. Der Boden zwischen den Bäumen war umgepflügt, eine Hand mir nur drei Fingern ragte aus dem schwarzen Grund. Ein Gemälde mit dem Titel ‘Die Auferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts‘ fiel Hartmann ein. Auch da ein schwarzer Grund. Gliedmaßen reckten sich gen Himmel, von dem Gott zornig auf die Menschheit herabblickte.
Die beiden jungen Beamten hatte noch nie eine Leiche gesehen. Dies hier war sozusagen ihre Feuertaufe. Der eine gab sich einen Ruck und fing an zu graben, der andere übergab sich, was ihm einen strafenden Blick des Hauptkommissars einbrachte. „Reißen Sie sich zusammen, Mann! Wir sind hier an einem Tatort, Spuren müssen gesichert werden!“
Als sie die Leiche freigelegt hatten, war klar, dass es sich um Gregor Arnold handelte. So lange war er noch nicht tot, dass man ihn nicht mehr erkennen konnte. Und sein Gesicht hatten die Wildschweine netterweise verschont.
Bei Burgers Verhör dabei zu sein, ließ sich Hauptkommissar Blume nicht nehmen. Hartmann und sein Kollege saßen im Verhörraum vor Burger am Tisch, Blume und Rittmeister standen hinter der Sichtglasscheibe und verfolgten von da aus das Geschehen.
Ewald Burger war achtundvierzig Jahre alt, schlank und elegant gekleidet. Er hatte ‘die Jalousien runtergelassen‘ - so nannte Blume es, wenn einer vollkommen zugemacht hatte. Das half ihm jedoch nichts, man hatte genügend Beweise gegen ihn in der Hand, um ihn zu knacken.
„Sie waren vermutlich nur zufällig auf dieser Lichtung“, begann Hartmann mit von Ironie durchtränkter Stimme.
„Genau“, sagte Burger im selben Tonfall.
„Und ganz zufällig haben Sie genau über der Leiche nach etwas gesucht. Wonach eigentlich?“
„Wer sagt, dass ich etwas gesucht habe?“ Burger sah ihn mit provozierend arrogantem Blick an.
„Ihre Körpersprache hat uns das gesagt, wir haben Sie beobachtet. Sie haben sich mehrmals gebückt, etwas aufgehoben, es wieder weggeworfen. War wohl nicht, wonach Sie Ausschau hielten. Ein Knopf vermutlich?“
Als Hartmann von einem Knopf sprach, weiteten sich Burgers Augen. Und als der Kommissar in der nächsten Sekunde einen Silberknopf in einem Plastikbeutel aus der Tasche zog und auf den Tisch legte, sackte er sichtlich in sich zusammen.
„Auf dem Knopf ist Ihr Monogramm zu sehen“, sagte Hartmann.
„Na und? Viele heißen irgendwas mit E und B.“
Hartmann stand auf und ging ein paar Schritte. Er setzte sich wieder, legte seine Hände auf den Tisch und sah Burger ernst an. „Herr Burger“, sagte er ganz ruhig. „Wir haben so viele Beweise gegen Sie in der Hand, dass selbst der Allerdümmste kapieren würde, dass Sie Arnold getötet haben. Erstrecht ein Richter, seine Beisitzer, ein Staatsanwalt …“
„Was irgendwer glaubt, interessiert mich nicht.“
„Hm“, machte Hartmann. „Es dürfte Sie aber interessieren, dass sich ein Geständnis strafmildernd auswirkt. Und wenn man bedenkt, dass sie ohnehin verurteilt werden, auch wenn Sie nicht gestehen, wäre es geradezu blöd von Ihnen, nicht endlich den Mund aufzumachen.
