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Kommissar Freitag soll in einer Karnevalsmaske einen Banküberfall begangen haben. Alle Beweise sprechen gegen ihn. Roselie steht zwischen zwei Männern. Reinhold will sie loswerden, in Randolph ist sie verliebt… Kriminalhauptkommissarin Bernauer hat einen Mord aufzuklären. Verdächtigt wird der Ehemann der Toten. Die Beweislast ist erdrückend und sein Ruf nicht der beste. Barbara führt den heruntergewirtschafteten Hof ihrer Eltern. Drei schräge Typen wollen ihre Ferienwohnung mieten. Dass die Dreck am Stecken haben, riecht sie drei Meilen gegen den Wind. Doch sie braucht dringen das Geld! Im Flugzeug nach Dubai lernt Fritz Reich eine attraktive Blonde kennen. Er verabredet sich mit ihr in Dubai, doch zu ihrem Date kommt es nicht mehr … Sieben Krimis, in denen es um Liebe und Verbrechen geht.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2015
Ronda Hendrikus
Geliebter Mörder
Sieben Ladykrimis für zwischendurch
Alle Menschen sind klug –
die einen vorher, die anderen nachher.
(Voltaire)
Impressum
Copyright © 2015 by arp
Herausgeber by arp
Ledererstraße 12, 83224 Grassau, Deutschland
Ausgabe Januar 2023
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und darf auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden.
Covergestaltung by arp
Foto: Angeline Bauer
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Sieben Geschichten um Liebe und Verbrechen
Inhaltsverzeichnis:
Geliebter Mörder
Bittere Liebe und saurer Wein
Jeder ist zu allem fähig
Nur auf Bewährung
Kein unbeschriebenes Blatt
Zimmer mit Frühstück
Flug nach Dubai
Es war Samstag, und wie immer, wenn es ihr Dienst erlaubte, lief Hauptkommissarin Lucia Sommer gegen acht Uhr morgens ihre Joggingroute durch den Münchner Ostpark. Sie war unkonzentriert, deshalb kam sie aus dem Rhythmus, was zur Folge hatte, dass sie Seitenstechen bekam. Am Eisstadion blieb sie stehen, rang vornübergebeugt nach Atem.
Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie ihn. Er kam von der anderen Seite auf sie zu, schenkte ihr im Vorbeilaufen ein hinreißendes Lächeln und war auch schon wieder verschwunden. Noch immer keuchend sah sie ihm nach. Er war Ende vierzig, blond, schlank, und er hatte einen Popo zum Anbeißen.
Sie joggten hier im Park nicht zum ersten Mal aneinander vorbei. Seit etwa einem Vierteljahr, seit Lucia am Ostpark wohnte, kreuzten sich ihre Wege für Augenblicke. Keine Ahnung, warum sie sich ausgerechnet in ihn verguckt hatte, blond und blauäugig war doch eigentlich gar nicht ihr Typ.
Zu Hause ließ sie sich ein Bad einlaufen, legte sich später mit einem Buch aufs Sofa und kochte am Abend. Seit ihrer Trennung von Armin wurden ihr die Wochenenden manchmal zu lang, sie musste erst wieder lernen, mit sich alleine zu sein.
Zum Glück war sie mit dem Essen bereits fertig, als ihr Handy klingelte. Ulrich, ihr Partner war dran. Sie hatten Wochenend-Notdienst.
„Ja hallo?“, meldete sie sich.
„Tut mir leid dass ich dir den Samstagabend versemmeln muss, aber wir haben einen Mordfall. Die Kripo Rosenheim ersucht um Amtshilfe. Am Tüttensee, der liegt einen Steinwurf vom Chiemsee entfernt, wurde in einem Wochenendhaus eine Leiche gefunden. Herbert Schrade aus München. Fabrikant. Stellt Fitnessgeräte her und irgendwelche Bauteile für Flugzeugmotoren. Ist schwerreich, und auf den ersten Blick sah es so aus, als wäre er in seinem Wochenendhaus überfallen und ausgeraubt worden.“
„Aber?“, hakte Lucia nach.
„Der Fundort der Leiche kann unmöglich der Tatort sein. Zu wenig Blut. Die Rosenheimer Kollegen bitten uns, in München die Familienmitglieder zu befragen.“
„Trotzdem sollten wir zuvor ins Chiemgau fahren und uns am Tatort umsehen – was meinst du?“
„Finde ich auch. Hab den Rosenheimer Kollegen bereits gesagt, dass wir kommen.“
Kommissar Fritz Seibold erwartete sie im Haus am Tüttensee. Die Leiche war schon fortgeschafft worden, die Spurensicherung abgeschlossen. Am Küchentisch saßen zwei Männer, blond, sportlich, Mitte vierzig. Sie schlürften heißen Tee.
„Die beiden haben die Leiche gefunden“, erklärte Seibold seinen Münchner Kollegen. „Sie kamen vom Bergwandern, wollten die Nacht hier verbringen. Der Blonde, Ralph Schrade, ist der Sohn des Opfers, der andere, ein Freund, heißt Eberhard Elfer.“
„Hm“, machte Lucia, ging auf die beiden zu und reichte ihnen die Hand. „Mein Name ist Lucia Sommer, Mordkommission München. Das ist mein Kollege Ulrich Böhme. Wir arbeiten mit den Rosenheimer Kollegen zusammen. Dürfen wir uns setzen?“
„Bitte.“ Ralph Schrade machte eine einladende Geste. „Möchten Sie auch eine Tasse Tee?“
„Gerne.“
Lucia wartete, bis er eingeschenkt hatte, dann fragte sie: „Sie waren in den Bergen, wollten hier übernachten?“
Ralph nickte. „Wir nutzen das Haus hier alle zusammen.“
„Wer ist wir?“, wollte Lucia wissen.
„Mein Vater, der eine Segelyacht am Chiemsee hat, meine Brüder Michael und Anselm, die die Yacht ebenfalls nutzen, und ich. Ich komme öfter mal zum Bergwandern her. Meist mit Eberhard. Wir gehen schon seit dem Abi gemeinsam in die Berge und sind ein eingespieltes Team.“
„Sie haben also zwei Brüder?“ Lucia trank, sah dabei Ralph Schrade über den Rand der Tasse hinweg an.
„Wir nennen uns scherzhaft das Viermännerhaus, denn wir leben alle noch beziehungsweise wieder bei unserem Vater. Aus praktischen Erwägungen. Unser Elternhaus hat achtzehn Zimmer. Genug Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Unsere Mutter starb vor fünf Jahren, Vater hätte dann mit Michael alleine in dem großen Haus gewohnt. Anselm kam schließlich auf die Idee, die Villa in vier Wohneinheiten zu unterteilen. Jeder hat seinen Bereich mit eigenem Bad, die Haushälterin und das Hausmädchen teilen wir uns.“ Er lachte über seinen Scherz.
„Dann erzählen Sie mal, wie Sie den Tag verbracht haben“, forderte Lucia ihn auf.
„Eberhard, also Herr Elfer und ich fuhren morgens um neun Uhr in München los, haben in Marquartstein geparkt und sind auf die Hochplatten gegangen. Gegen 18 Uhr waren wir hier, wollten übernachten und morgen sehr früh auf den Hochgern aufsteigen.“
Eberhard Elfer nickte zur Bestätigung.
„Als wir festgestellt haben, dass die Tür aufgebrochen war, hatten wir mit einem Einbruch gerechnet. Das ist schon einmal passiert, vor vier Jahren. Ich habe geflucht und bin ziemlich forsch voraus, erst in die Küche, dann ins Wohnzimmer, und dort fand ich dann meinen Vater auf dem Boden liegend. Der Hinterkopf voller Blut. Irgendwie wusste ich gleich, dass er tot ist und erschlagen wurde.“
„Wir haben sofort die Polizei angerufen“, führ Elfer fort. „Zuerst kam die Funkstreife, dann auch gleich Kommissar Seibold.“
„Und ist Ihnen etwas aufgefallen? Etwas Außergewöhnliches? Vielleicht eine verdächtige Person?“
„Nein.“ Beide schüttelten den Kopf.
„Außer natürlich, dass das Auto fehlt.“
„Sie meinen das Auto Ihres Vaters?“
„Genau“, bestätigte Ralph. „Vermutlich hat der Einbrecher es gestohlen. Ich meine, das war doch ein Raubmord, oder? So wie es hier aussieht! Überall die aufgerissenen Schubladen, alles durcheinander und zerwühlt. Vielleicht hat mein Vater den Einbrecher überrascht. Es kam zum Kampf, der Einbrecher hat ihn niedergeschlagen und ist in Vaters Wagen geflüchtet.“
„Dann müsste der Einbrecher zu Fuß gekommen sein oder einen Komplizen gehabt haben“, sagte Lucia. „Außerdem gehen wir davon aus, dass Ihr Vater nicht hier ermordet wurde.“
Sie stellte ihre Tasse ab und stand auf. Es war inzwischen 23 Uhr. Hier konnte sie nichts mehr ausrichten, sie fuhr besser nach München zurück und sprachen mit den beiden anderen Söhnen.
„Den Bericht der Spurensicherung bekommen Sie morgen per E-Mail“, sagte Kommissar Seibold zum Abschied. „Den von der Rechtsmedizin in München vermutlich erst in zwei, drei Tagen. Aber da sitzen Sie ja sozusagen an der Quelle und werden schneller informiert sein als wir hier.“
Die Villa lag ganz in der Nähe von Lucias Wohnung. Gründerzeit, erbaut um 1890. Es dauerte lange, bis endlich geöffnet wurde. Eine Frau Mitte fünfzig erschien.
„Ja, bitte?“
„Mordkommission München.“ Lucia zeigte ihren Ausweis. „Wir möchten bitte die Herren Schrade sprechen.“
Die Frau trat zurück, damit sie eintreten konnten. „Bitte warten sie hier.“
Nach einer Weile erschien ein Mann, der Lucia an ihre Joggingbekanntschaft aus dem Park erinnerte, allerdings war er fünf, sechs Jahre jünger. „Michael Schrade“, stellte er sich vor, „was kann ich für Sie tun?“
„Ist Ihr Bruder, Anselm Schrade auch zu Hause?“
„Frau Reichenbacher holt ihn bereits. Am besten, wir gehen in den Salon.“ Er wies auf eine der Türen.
Lucia und Ulrich sahen sich schmunzelnd an. Hier hatte man noch einen Salon! In anderen Fällen betraten sie Wohnküchen, die eher an Rattenlöcher erinnerten. Das war das spannende an diesem Beruf, man stolperte gleichsam von einer in die nächste Welt und nie wusste, mit wem man es zu tun bekam.
Die beiden Kommissare standen vor einem großen Kamin, in dem Michael Schrade herumstocherte. Als er den Rest Glut freigelegte hatte, warf er ein Scheit Holz darauf. Im selben Moment wurde die Tür geöffnet und Anselm Schrade trat ein. Lucia, die sich umgedreht hatte, erstarrte mitten in der Bewegung. Er! Es war ihre Joggingbekanntschaft.
Auch er war sichtlich verdutzt. „Anselm Schrade. Freut mich!“ Lächelnd reichte er ihr die Hand.
Ulrich sah seine Kollegin stirnrunzelnd an. Kam selten vor, dass jemand sich freute, einen von der Mordkommission kennen zu lernen.
„Lucia Sommer ist mein Name, und das ist mein Kollege Ulrich Böhme. Leider haben wir eine schlimme Nachricht für Sie.“
Die beiden Brüder tauschten Blicke. „Ist etwas mit unserem Vater?“, fragte der jüngere.
„Wie kommen Sie darauf?“
„Weil er seit heute Vormittag verschwunden ist. Wir dachten, vielleicht ist er zum Segeln an den Chiemsee gefahren – allerdings tut er das sonst nie, ohne wenigstens Frau Reichenbach, unserer Haushälterin, Bescheid zu geben.“
„Wir haben versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen, aber er meldete sich nicht“, fügte Anselm an.
„Und Ihr Bruder Ralph hat Sie auch nicht angerufen?“
Beide schüttelten den Kopf. „Hätte er das tun sollen?“
Statt darauf zu antworten, sagte Lucia: „Ihr Vater wurde ermordet, es tut mir leid. Ihr Bruder Ralph und sein Freund Herr Elfer haben ihn in Ihrem Wochenendhaus gefunden.“
„Ermordet?“ Anselm Schrade sah Lucia fassungslos an. Alles Blut wich aus seinen Wangen, er rang nach Worten. „Ja aber ...“
„Wie ermordet?“, fragte Michael Schrade.
„Erschlagen.“, gab Lucia Auskunft.
„Raubmord?“
Ulrich sah Michael Schrade erstaunt an. „Wie kommen Sie darauf?“
„Weil vor vier Jahren schon einmal eingebrochen wurde. Das Haus liegt ziemlich abseits im Wald, keine Nachbarn. Wir haben unserem Vater mehrmals gebeten, nicht alleine dort hinzufahren. Immerhin ist – immerhin war er 81 Jahre alt.“
Anselm hatte sich inzwischen gesetzt. Er starrte ins Feuer. „Ermordet“, flüsterte er. „Und ich ...“ Er brach ab.
„Und Sie?“, hakte Ulrich nach.
Anselm benetzte sich die Lippen. Unsicher sah er von seinem Bruder zu Ulrich. „Ich hatte heute Morgen noch Streit mit ihm“, gab er schließlich zu.
„Worum ging es dabei?“, wollte Lucia wissen.
Anselm sah sie an, als hätte er ihre Frage nicht verstanden. „Es war privat“, sagte er schließlich.
Ulrich wies ihn zurecht: „In einem Mordfall gibt es nichts Privates, Herr Schrade.“
„Ich möchte trotzdem nicht darüber sprechen.“
„Sie werden es ja doch herausfinden“, sagte Michael, fixierte Anselm dabei mit Blicken.
Sein Bruder schwieg, starrte wieder ins Feuer.
„Wo waren Sie heute den ganzen Tag über?“, fragte Lucia Anselm.
„Nach dem Aufstehen bin ich rüber in den Park zum Joggen. Danach habe ich geduscht und mit meinem Vater gefrühstückt. Das war so gegen acht Uhr. Dabei gerieten wir in Streit, und ich ließ ihn alleine zurück. Bin runter in den Fitnessraum, habe etwa eine Stunde an den Geräten trainiert, dann war ich in der Sauna. Dreimal 20 Minuten, dazwischen jeweils 20 Minuten ruhen. Gegen elf Uhr ging ich hinauf zu mir, habe Musik gehört und mir die Zeit vertrieben. Wie immer um 16 Uhr brachte mir Angelika, also Frau Reichenbacher, Tee. Um 18 Uhr 30 gab es Abendessen. Ich aß alleine. Weder mein Vater noch meine Brüder waren da.“
„Hat Sie tagsüber jemand gesehen?“, fragte Lucia.
Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht, dabei sah er Lucia in die Augen. „Morgens beim Joggen traf ich eine andere Joggerin. Dann erst wieder unsere Haushälterin, als sie mir den Tee brachte.“
„Kein Mittagessen?“, wunderte sich Ulrich.
Anselm zuckte die Schultern. „Das ist normal. Samstags esse ich mittags meist nur Obst, und davon steht immer genug in einer Schale auf meinem Wohnzimmertisch. Dafür gibt es abends drei Gänge. Unser Vater legt“, Anselm seufzte und verbesserte sich, „er legte großen Wert auf ein richtiges Menü am Samstagabend. Das war so ein Familienritual. Egal wohin uns die Woche über alle Winde verstreut, am Samstagabend trafen wir uns bei den Eltern zum Essen. In den Jahren, als wir alle noch verheiratet waren, kamen wir mit Frauen und Kindern. Inzwischen ist der Kreis klein geworden. Oft war ich mit meinem Vater und Michael alleine. Michael und ich sind geschieden, und Ralph, unser ewiger Junggeselle, fährt übers Wochenende lieber in die Berge.“
„Und Sie?“, fragte Lucia Michael. „Sie waren heute nicht beim gemeinsamen Abendessen?“
„Ich hatte bei meiner Freundin übernachtet, war morgens nur kurz nach Hause gefahren, um meinen Tennisschläger zu holen. Den hatte ich vergessen. Ich wollte eigentlich mit Vater und Anselm frühstücken, hörte dann aber, dass sie stritten, und verzog mich schleunigst. Bin zurück zu Andrea. Der ging es dann aber nicht gut, ihr war plötzlich übel, deshalb wollte sie nicht mehr Tennis spielen. Aus diesem Grund sind wir abends auch nicht zum Essen gekommen. Ich habe Frau Reichenberger gegen 16 Uhr angerufen und Bescheid gegeben. Ich blieb den ganzen Tag bei Andrea, habe mich um sie gekümmert, denn aus der anfänglichen Übelkeit wurde eine ausgewachsene Durchfallerkrankung. Gegen 9 Uhr fuhr ich nach Hause, wollte noch etwas arbeiten.“
„Das heißt, Ihre Freundin kann das bezeugen?“
„Selbstverständlich. Sagen Sie, verdächtigen Sie etwa uns, unseren Vater erschlagen zu haben? Das ist doch Unsinn!“
„Sicher ist, Ihr Vater wurde nicht in seinem Wochenendhaus getötet, sondern bereits als Leiche dort hingeschafft. Der oder die Mörder haben dann etwas Unordnung geschaffen, um es wie einen Raubmord aussehen zu lassen. „Lucia kam noch einmal auf Michaels Angaben zurück. „Sie arbeiten zu Hause?“, hakte sie nach.
„Nein, wir arbeiten alle im Werk unserer Familie. Da wir aber am Montagvormittag eine wichtige Versammlung haben, wollte ich noch einiges durchsehen und mich vorbereiten. Doch wenn Vater gar nicht im Wochenendhaus ermordet wurde, und wenn es kein Raubmord war ...“ Er brach ab. „Ich verstehe das alles nicht!“
„Hatte Ihr Vater Feinde?“, fragte Lucia.
Anselm schüttelte den Kopf. „Er war in letzter Zeit etwas altersstarrsinnig, aber er war im Grunde ein freundlicher und liebenswerter Mann.“
„Was fährt Ihr Vater für einen Wagen? Können Sie uns den bitte einmal zeigen?“
„Der Wagen?“ Michael Schrade sah sie stirnrunzelnd an. „Ein Mercedes, aber der steht nicht in der Garage. Wie gesagt, wir gingen davon aus, Vater sei mit dem Wagen ins Wochenendhaus gefahren.“
Die beiden Kommissare tauschten Blicke.
„Sie sollen ihn so schnell wie möglich gestohlen melden, Herr Schrade.“ Lucia wandte sich wieder an Anselm. „Können wir Ihre Haushälterin sprechen?“
„Ich habe ihr gesagt, sie kann zu Bett gehen. Aber wenn Sie möchten, klopfe ich bei ihr.“
„Nicht nötig.“ Lucia gab ihm die Hand. „Wir kommen morgen noch einmal, um mit ihr zu reden.“
„Und Sie erwarten wie am Montag um 8 Uhr auf dem Präsidium“, fügte Ulrich mit einem festen Blick in Anselms Augen an. „Da ist noch einiges zu klären. Der Streit zum Beispiel. Sie können natürlich gerne Ihren Anwalt mitbringen.“
Ulrich setzte Lucia zu Hause ab. Sie wohnte nur drei Straßen vom Haus der Schrades entfernt. Er stellte den Motor ab, und sie sprachen noch mal alles durch.
„Du kennst diesen Anselm?“, fragte er misstrauisch.
„Kennen? Nein.“ Sie versuchte gleichgültig zu wirken. „Aber ich bin die Joggerin, die er am Morgen im Park traf. Samstags und sonntags begegnen wir uns fast immer. Er kommt von rechts, ich von links, wir joggen aneinander vorbei, grüßen uns, das war‘s.“
„Ach so. Und was hast du für einen Eindruck von den Schrades?“
„Mir ist dieser Michael irgendwie suspekt.“
„Wieso denn der?“, wunderte sich Ulrich. „Der hat schließlich ein Alibi. Anselm nicht!“
„Stimmt, Anselm nicht. Aber da ist so ein seltsames Gefühl. Michaels Betroffenheit wirkte nicht echt, sie kam nicht von Herzen. Anselm hingegen schien wirklich betroffen. Darum ist er auch mit dem Streit herausgeplatzt, hat erst später begriffen, dass ihm das schaden könnte.“
„Aber er hat als einziger kein Alibi!“, beharrte Ulrich.
„Richtig, das Alibi. Wir befragen morgen diese Freundin von Michael, diese Andrea Penkelberg. Im Übrigen könnte es rein theoretisch auch Ralph gewesen sein. Fährt morgens mit der Leiche an den Tüttensee, täuscht den Einbruch vor, geht dann Bergwandern und ‘findet‘ abends die Leiche.“
„Dann müsste allerdings dieser Sportskamerad in der Sache mit drinstecken“, gab Ulrich zu bedenken.
„Stimmt. Weshalb sollte der für ihn lügen?“ Sie seufzte. „Es könnte natürlich auch ein Außenstehender gewesen sein. Vielleicht wirklich Raubmord? Vielleicht ging es um den Wagen? Vielleicht ein persönlicher Feind des Seniors, von dem wir nichts wissen? Ich frage mich allerdings, ob ein Fremder die Leiche ausgerechnet im familieneigenen Wochenendhaus abgelegt hätte!“
„Eben. Für mich war das einer der Söhne, und da steht Anselm ganz oben auf meiner Liste“, sagte Ulrich.
Am nächsten Morgen fuhren sie als erstes zu Michaels Freundin.
„Frau Penkelberg? Kripo München, Mordkommission.“ Lucia hielt ihr den Ausweis hin.
„Ja, kommen Sie rein, weiß schon Bescheid.“
Sie brachte Lucia und Ulrich in ihr Wohnzimmer. „Michael hat mich gerade angerufen und mir erzählt, was passiert ist. Das ist ja entsetzlich!“
„Wir möchten von Ihnen wissen, ob und von wann bis wann Sie Herrn Schrade gestern gesehen haben.“
„Er hat die Nacht bei mir verbracht. Morgens ist er kurz nach Hause gefahren, um seinen Tennisschläger zu holen. Er ist gegen acht Uhr hier weg. Kam auch bald wieder.“
„Und dann blieb er hier bei Ihnen?“
„Den ganzen Tag. Mir ging es plötzlich nicht gut, etwas mit dem Darm. Erst abends so gegen neun Uhr ist er wieder gefahren. Wollte noch was arbeiten. Ich war wirklich sterbenskrank, wollte einfach nur schlafen. Was sollte er da in meiner Wohnung herumsitzen? Notfalls konnte ich ihn ja auf dem Handy erreichen.“
Lucia nickte. Sie stand auf. „Das war‘s schon, auf Wiedersehen.“ Doch an der Tür hielt sie plötzlich nochmals inne. „Wäre es wohl möglich, einen Blick aus Ihrem Schlafzimmerfenster zu werfen?“
„Wieso das denn?“
Fragte sich Ulrich allerdings auch!
„Das ist reine Routine, hat nichts zu bedeuten. Wir machen das grundsätzlich immer, um uns einen Überblick zu verschaffen.“
Andrea Penkelberg sah Ulrich an, er lächelte verbindlich. „Na gut.“ Sie öffnete die Tür.
Lucia ging zum Fenster, warf einen Blick hinaus, kehrte dann zurück, blieb aber plötzlich stehen und deutete auf das Bild über dem Bett. „Hübsch!“
„Ein Picasso. Ist aber nur ein Druck.“
Lucia nickte. Sie ging näher, um genauer zu gucken. „Selbstverständlich ein Druck. Wer kann sich schon einen echten Picasso leisten!“
Kaum auf der Straße, zog sie ein Notizbuch aus der Tasche, um etwas zu notieren.
Ulrich sah zu, fragte, als sie das Notizbuch wieder wegsteckte: „Sag mal, was war das denn eben?“
„Hat mich nur interessiert, was für Medikamente auf Frau Penkelbergs Nachttisch stehen. Ich meine, wenn sie gestern und heute Nacht wirklich so krank war, hat sie bestimmt etwas eingenommen.“
„Medikamente könnte sie ja auch im Bad aufbewahren“, warf Ulrich ein.
„Stell dir vor, du bist schwerkrank, und immer, wenn du was nehmen musst, quälst du dich aus dem Bett und robbst halb tot ins Bad?“
„Eher unwahrscheinlich“, gab er zu.
„Na siehst du! Und da stand ja auch tatsächlich einiges rum. Werde mal im Internet recherchieren, was sie da so alles eingenommen hat. So, und jetzt auf zur Haushälterin!“
Diesmal öffnete Ralph Schrade. „Seit wann sind Sie sind zurück?“, fragte Lucia.
„Bin gestern Nacht angekommen, kurz nachdem Sie gegangen waren. Musste ja zuerst Eberhard nach Hause bringen.“
Lucia nickte. „Wir haben uns übrigens gefragt, weshalb Sie Ihre Brüder nicht angerufen hatten, um ihnen zu sagen, dass Ihr Vater nicht mehr lebt.“
Ralph zuckte die Schultern. „Zuerst war ich zu schockiert. Wir warteten wie gelähmt auf die Polizei. Dann wurden wir befragt, da fehlte mir die Gelegenheit, und später“, er seufzte, „später war ich froh, dass Sie das übernehmen würden.“
Die Haushälterin gab zu Protokoll, dass sie früh morgens den Frühstückstisch gedeckt und den Kaffee in die Maschine gerichtet hatte. Dann sei sie mit dem Rad zu ihrer Mutter ins Seniorenheim gefahren. „Eine halbe Stunde hin, eine halbe zurück. Ich nehme immer das Rad, wenn das Wetter passt, die Bewegung tut mir gut. Um 15 Uhr 30 war ich wieder hier, hab um 16 Uhr Anselm den Tee gebracht.“
„Sie nennen ihm beim Vornamen?“, wunderte sich Lucia.
