Verlorene Zeiten der Liebe - Heidi Lackner - E-Book
SONDERANGEBOT

Verlorene Zeiten der Liebe E-Book

Heidi Lackner

0,0
8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Nach einer Gehirnblutung und einigen Tagen im künstlichen Koma, spricht die junge Übersetzerin Penelope Brink plötzlich eine Sprache, die niemand versteht. Ihr Arzt zieht Professor Quinn hinzu, der Sprachen lehrt. Er identifiziert das seltsame Kauderwelsch als Irisch. Aber wie kann das sein? Wieso spricht Penelope plötzlich Irisch und nennt sich selbst Anu? Ihre Mutter, die vielleicht Licht ins Dunkel bringen könnte, verhält sich zugeknöpft, weicht Fragen aus. Doch Penelope lässt sich nicht beirren. Sie ahnt, es muss ein Familiengeheimnis geben – und die Antworten wird sie nur in Irland finden. Gegen den Willen ihrer Mutter reist sie in dieses fremde Land, um herauszufinden wer sie … wer Anu ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Heidi Lackner

Verlorene Zeiten der Liebe

Ein Irlandroman

Impressum

Copyright © 2023 by arp

Herausgeber Verlag by arp

Ledererstraße 12, 83224 Grassau, Deutschland

Ausgabe Mai 2023

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und

darf auch auszugsweise nur mit Genehmigung

des Herausgebers wiedergegeben werden

Cover und Gestaltung by arp

www.by-arp.de

Ein paar Worte zum Irischen

Das Irische (von den Iren selbst Gaelge genannt) ist nicht mit dem Englischen verwandt, sondern gehört zu den gälischen bzw. keltischen Sprachen. Die Ursprünge des Irischen liegen im Dunkeln; erst ab dem 3. Jahrhundert existieren erste Belege für das Vorkommen in Irland. Über die Jahrhunderte hinweg unterlag die irische Sprache der wechselvollen Geschichte der grünen Insel: Einflüsse des Britannischen, Norwegischen und Englischen veränderten die Sprache. Das Irische hatte vor allem in ländlichen Gebieten trotz der Besiedelung durch englische und schottische Farmer im 16. und 17. Jahrhundert noch lange Bestand. Doch mit der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts, die Tod oder Emigration fast eines Drittels der damaligen Bevölkerung Irlands zur Folge hatte, wurde das Irische mehr und mehr durch Englisch verdrängt.

Heute ist Irisch die offizielle Hauptamtssprache in Irland. Obwohl die Sprache Pflichtfach im Schulunterricht ist und der Erhalt der irischen Kultur gefördert wird, gibt es nur noch wenige, meist ältere Menschen, die ausschließlich Irisch sprechen. Diese findet man hauptsächlich in den Gaeltacht genannten Regionen Irlands. Unter anderem zählen Gebiete der Grafschaft Donegal dazu, wo dieser Roman spielt. Besonders hier werden die Wurzeln irischer Sprache, Musik und Literatur weiter gepflegt.

Die Aussprache des Irischen ist sehr kompliziert und wird noch dadurch erschwert, dass es keine standardisierte ‘Hochsprache‘ gibt, sondern Begriffe und Aussprache je nach Dialekt variieren. Für den interessierten Leser habe ich hier ein paar im Roman vorkommende Wendungen und Namen aufgelistet. Der Einfachheit halber habe ich nicht die offiziellen phonetischen Zeichen, sondern die eingedeutschte Schreibweise verwendet.

Da Duit (Hallo) - dier gwit

Slainté (Prost) - slantje

Tà mé (ich bin) - o mei

Fáilte (willkommen) - foltsche

Deirdre - Diedra

Saoirse - Sierscha

Niamh - Nijev

Ciara - Kiera

Tygh - Taig oder Tig 

Heidi Lackner

Verlorene Zeiten der Liebe

 Es war ein zähes Erwachen, wie mühsames Aufsteigen nach einem tiefen Tauchgang. Ein zögerlicher Atemzug, als hätte sie das Atmen gerade erst erlernt. Nebelschwaden waberten in ihrem Kopf, die sich nur schwer auflösten.

Die junge Frau hob ihre Hände, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Sofort spürte sie einen ziehenden Schmerz in ihrem Unterarm. Blinzelnd sah sie herab. Etwas Namenloses stach in ihrem Arm. Der Schmerz ließ nach, sobald sie den Arm ruhig hielt. Von links schlich sich gleichmäßiges Piepsen in ihren Gehörgang.

Durch den Nebel drang das Wort Krankenhaus in ihr Bewusstsein. Das Wort tauchte ganz unvermittelt auf, ohne Vorankündigung. Sie ahnte, es beschrieb die Umgebung, in der sie aufgewacht war. Jedoch fehlten die klaren Konturen, die einem Wort Bedeutung verleihen. Es war, als bestünde ihr Gehirn aus zwei Teilen, die nicht miteinander kommunizierten.

Vielleicht bin ich noch nicht richtig wach, dachte sie. Dieser Gedanke stand einfach so da, wortlos, in ihrem Kopf. Es war, als formten sich ihre Gedanken, ohne dass sie deren Inhalt greifen konnte. War das normal?

Mehr verwirrt als verängstigt blickte die Frau um sich. Alles war hell, sauber und warm. Vertraut und fremd zugleich.

Wie bin ich hierhergekommen?

Es klopfte an der Tür. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte jedoch keinen Ton heraus außer einem leisen Krächzen. Offenbar hatte sie ihre Stimme eine Weile nicht benutzt.

Eine elegant gekleidete Frau mit reserviertem Gesichtsausdruck trat ein. Ihrer beider Blicke trafen sich, und wieder drang ungebeten ein Wort an die Oberfläche. Mutter.

„Penelope“, sagte die Frau. Sonst nichts. Sie schien auf Antwort zu warten.

Penelope. So wie die Frau das Wort ausgesprochen und sie dabei angesehen hatte, musste es ihr Name sein. Auch wenn sie keinen Bezug zu ihm herstellen konnte. Sie lauschte dem Klang nach und öffnete schließlich den Mund, ohne zu wissen, was herauskommen würde.

„Penelope“, wiederholte sie schließlich vorsichtig, tastend. Der Name lag fremd auf ihrer Zunge. Klang ungewohnt in ihren Ohren. Aber sie klammerte sich an die Gewissheit, dass es ihr Name sein musste. Es war die einzige Gewissheit, die sie hatte in diesem Moment.

Mutter lächelte sie unsicher an. Als versuche sie, eine Verbindung zu ihr herzustellen, die zuvor verloren gegangen war. Sie konnte nicht sagen, was sie zu dieser Vermutung brachte. Und doch fühlte sie eine unbestimmte Spannung zwischen ihnen.

Ihr vages Unbehagen wuchs. Sie wollte die Frau mit Fragen bestürmen und wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihre Zunge war wie gelähmt. Sie brachte all ihre Willenskraft auf und spuckte dann mühsam ein paar Brocken aus.

„Cá bhfuil mé?“

Sie fühlte, wie ihr blankes Unverständnis entgegenschlug, als wäre eine Mauer hochgezogen worden. Panik stieg in ihr auf.

Versteht sie mich denn nicht?

Sie wiederholte die Frage. Der Klang ihrer eigenen Stimme brachte sie aus der Fassung. Es war, als spräche jemand anders.

Jetzt öffnete die Frau den Mund. Endlich, endlich würde sie erfahren, was mit ihr geschehen war.

Doch Mutter erbrach nur unverständlichen Wortbrei. Begriffe wie Aneurysma, Krankenhaus, OP, Koma schwammen darin herum – Dinge, die sie schon einmal gehört zu haben glaubte, doch sie sagten ihr nichts. Im nächsten Moment waren die Worte mitsamt ihrer Bedeutung unwiederbringlich verschluckt.

Sie schloss die Augen, den Tränen nahe. Sie war allein.

Als sie die Augen wieder öffnete, hatte eine zweite Person das Zimmer betreten. Ein Mann in weißem Kittel, mit Stethoskop um den Hals. Arzt, schoss es ihr durch den Kopf. Das Wort klang einen Moment nach, ohne dass dessen Bedeutung zu greifen gewesen wäre.

Die wachsende Angst schien plötzlich ihre Zunge zu lösen.

„Cad atá ar siúl? An féidir le duine cabhrú liom?“

Wo bin ich hier? Kann mir jemand helfen?

Arzt sah sie einen Moment ratlos an, bevor er murmelnd das Zimmer verließ. Mutter hatte sich nicht vom Fleck gerührt.

Einige Zeit später - waren Minuten vergangen oder Stunden? - kehrte Arzt zurück und mit ihm ein Mann mittleren Alters. Der Mann lächelte sie auf eine Weise an, als würden sie sich kennen, und auch seine Erscheinung - mittelgroß, schlank, silbrig-blondes Haar, gepflegter Vollbart - kam ihr vertraut vor. Doch ihr Gedächtnis verweigerte weiter störrisch seine Dienste. Sein Lächeln ermutigte sie dennoch, den Mund zu öffnen.

„Hi“, sagte sie unsicher.

“Dia dhuit“, antworte er, ohne zu zögern.

Ihre Augen weiteten sich, als sie die Begrüßung hörte. Ihr war, als würde ein gähnendes Loch in ihrem Kopf plötzlich mit einem See aus Sprache gefüllt.

Er versteht mich.

„Penelope, weißt du, dass du Irisch sprichst?“, fragte er sie in ihrer Sprache. Der warme Bariton seiner Stimme ließ ein schnappschußartiges Bild vor ihrem inneren Auge entstehen: Eine Umarmung, so warm wie seine Stimme. Woher….?

Das Bild verschwand. Zurück blieb die Frage, warum er sie Penelope nannte, ein Name, der sich so fremd anfühlte wie die Nadel in ihrem Arm.

„Ich bin nicht Penelope.“ Sie sprach es laut aus, in der Sprache, die offenbar nur er verstand. „Wieso nennt mich jeder bei diesem Namen?“

„Wer bist du dann?“ Sie spürte, wie er gespannt auf ihre Antwort wartete.

„Anu“, sagte sie und fühlte eine ungeheure Ruhe, als sie den Namen aussprach. Sie war nicht einmal erstaunt, dass der Name plötzlich mit einer solchen Gewissheit aufgetaucht war. Er war einfach da, und endlich wusste sie wieder, wer sie war.

Sie hob den Blick und sah in die Augen der Anwesenden. Ihr Lächeln erstarb.

Offensichtlich hatten die anderen ihren Namen noch nie zuvor gehört.

Verrückte Geschichte, dachte Professor Quinn, als er das Krankenhaus wieder verließ.

Quinn hatte schon seit fast einem Jahr nichts mehr von Dr. Mahler gehört, mit dem er seit Studienzeiten befreundet war. Sie hatten sich jedoch nie ganz aus den Augen verloren, zumal sie in derselben Stadt lebten und arbeiteten – Mahler als Chefneurologe des Münchner Klinikums Rechts der Isar, er selbst als Anglistikprofessor an der LMU. Er war froh, dass Mahler bei seinem medizinischen „Sonderfall“, wie er es am Telefon genannt hatte, sofort an ihn gedacht und ihn angerufen hatte.

„Meine Patientin hat eine Hirnblutung erlitten infolge eines geplatzten Aneurysmas. Wir mussten operieren und sie anschließend für 3 Tage ins künstliche Koma versetzen. Seit heute ist sie wach und eigentlich ansprechbar.“

„Was heißt eigentlich?“, wollte Quinn wissen.

„Sie versteht ihre Muttersprache nicht mehr. Solche Fälle sind äußerst selten.“

„Was kann ich dabei tun?“

Quinn hörte seinen Freund am anderen Ende der Leitung seufzen.

„Keiner hier von uns kann verstehen, was für eine Sprache sie spricht. Ich hatte gehofft, dass du als Sprachwissenschaftler vielleicht weiterhelfen kannst.“

Quinn dachte kurz, dass auch ein Sprachwissenschaftler nicht automatisch jede Sprache verstehen oder auch nur einordnen konnte, ebenso wenig wie ein Facharzt für Neurologie einen gebrochenen Knöchel operieren konnte. Aber er unterdrückte eine entsprechende Bemerkung und versprach seinem Freund, sich sofort auf den Weg zu machen.

In der neurologischen Station des Krankenhauses wartete Dr. Mahler bereits auf ihn und wiederholte seine Geschichte nochmals ausführlicher, während sie die Flure der Neurologie entlang in Richtung des Krankenzimmers eilten.

„Hier liegt die Patientin, Frau Brink.“

Bei dem Namen Brink stutzte Quinn kurz. Aber so selten war der Name ja auch nicht. Es wäre doch wirklich ein zu großer Zufall, wenn …

Beim Eintreten fiel sein erster Blick auf die Frau, die ein Stückchen entfernt vom Krankenbett der Patientin stand. Sie wirkte gefasst auf Quinn, doch ihm entging nicht das nervöse Flackern ihrer kühlen hellgrünen Augen, die fahrige Handbewegung, mit der sie ihr Haar zurückstrich.

„Frau Brink, ich habe einen Freund von mir konsultiert, der Anglistikprofessor ist. Erlauben Sie, dass er sich kurz mit Ihrer Tochter unterhält? Vielleicht kann er etwas herausfinden.“

„Natürlich, bitte.“

Professor Quinn trat zu Frau Brink, um sich vorzustellen. Ihr Blick drückte aus, dass er ihr kein Unbekannter war, obwohl sie keine Bemerkung in dieser Richtung machte. Er kramte ein paar Sekunden erfolglos in seinem Gedächtnis, bevor er sich der Patientin zuwandte, die beim Klang seiner Stimme den Kopf in seine Richtung gedreht hatte.

Was er sah, ließ ihn zunächst innerlich zusammenzucken. Durch den riesigen Verband um den Kopf wirkte sie ungeheuer zerbrechlich. Er versuchte, sich seinen Schock nicht anmerken zu lassen und lächelte sie an, während er dachte, du bist es tatsächlich, Penelope. Jetzt ließ sich auch ihre Mutter wie ein fehlendes Puzzleteilchen ins Gesamtbild einfügen. Er war ihr vor ein paar Jahren auf Penelopes Abschlussfeier an der Uni begegnet.

Quinn trat zu Penelope ans Bett. Ein surreales Gefühl, sie dort liegen zu sehen, die geisterhaft durchsichtige Haut, die übergroßen Augen, die denen ihrer Mutter so sehr glichen. Der eigenartig leere Gesichtsausdruck schwand, als sie ihn erblickte, und er sah ein kleines Lächeln. Das Lächeln, das er immer an ihr gemocht hatte. Jetzt war es gedämpft und erreichte ihre Augen nicht.

“Dia dhuit“, sprach sie ihn an. Sie klang, als glaube sie selbst nicht daran, dass er sie verstehen würde. Doch er verstand.

“Hallo, Penelope”, antwortete er in ihrer Sprache.

"Du kennst sie?“, fragte Dr. Mahler.

"Penelope hat bei mir Anglistik studiert.“

Das erfasste nicht annähernd sein Verhältnis zu Penelope, aber Quinn verzichtete darauf, seinem Freund Einzelheiten zu offenbaren, die hier belanglos waren. Es ging einfach darum, Dr. Mahler bei seinem Fall zu helfen.

„Es ist aber kein Englisch, was sie da spricht“, wandte sein Freund ein.

„Es ist Gälisch, genauer gesagt Irisch. Sie hat im ersten Semester einmal einen Kurs bei mir belegt. Aber dass sie es gerade jetzt spricht und kein Deutsch mehr versteht, ist … kurios.“

Bei dem Wort Irisch sah Quinn, wie sich Frau Brinks Mundwinkel für einen Moment verzogen. Beinahe, als hätte das Gesagte eine unangenehme Erinnerung geweckt. Sie räusperte sich und blickte dann hilfesuchend zu Dr. Mahler. Dieser ergriff das Wort.

„Solche Fälle sind sehr selten, daher bin ich vorsichtig mit einer vorschnellen Diagnose. Aber offenbar greift das Gehirn der Patientin durch das Trauma der Hirnblutung auf andere Teile des Sprachzentrums zu. Ich gehe davon aus, dass sie in ein paar Tagen wieder ihre Muttersprache spricht, wenn sich die betroffenen Areale erholt haben. Bis dahin wäre es für ihre Genesung sehr gut, wenn du viel mit ihr sprichst, Ian.“

„Mein Irisch ist zwar etwas eingerostet, aber ich gebe mein Bestes“, versprach Quinn.

Frau Brink schien den Tränen nahe.

„Wir haben uns gestritten, und auf einmal wurde sie ohnmächtig. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander sprechen können. Ich möchte ihr so gerne sagen, wie leid es mir tut.“

„Das werden Sie auch, wenn sich Ihre Tochter erst einmal erholt hat.“

Quinn hatte sich wieder Penelope zugewandt. Er musste sich sprachlich an die Situation herantasten. Aneurysma, Sprachverlust, das war nicht gerade das Vokabular, das sonst in Gesprächen mit seinen irischen Freunden oder bei der Lektüre irischer Romane vorkam.

„Penelope.“

Sie sah ihn direkt an. Die Verwirrung in ihrem Gesichtsausdruck war verschwunden. Etwas war anders, fühlte er. Vielleicht, weil sie wusste, jemand verstand sie. Sie wirkte jetzt gelassener, aber auch merkwürdig in sich gekehrt.

„Ich bin nicht Penelope“, korrigierte sie ihn.

„Wer bist du?“ Er blickte ihr in die Augen. Es war, als blicke er hinter eine Tür zu einer gänzlich fremden Person.

„Anu“, antworte sie ruhig.

Der Wortwechsel beschäftigte Quinn noch, als er längst wieder zu Hause war und mit einer Tasse Tee am Küchentisch saß. Ihre letzten Worte wollten ihm nicht aus dem Kopf gehen.

Anu.

Wer war Anu?

“Hallo, Professor.”

Sie stand vor seiner Tür, schüchtern lächelnd. Ihre Haare, feucht vom Frühlingsnieselregen, kräuselten sich an der Schläfe und ließen sie sehr mädchenhaft aussehen. Jetzt, vier Monate später, trug sie längst keinen Verband mehr über dem Kopf, und die vernarbte Stelle knapp über ihrem linken Ohr wurde allmählich durch nachwachsende Haare bedeckt.

“Bitte, komm doch rein.“ Du kennst ja den Weg, fügte er in Gedanken hinzu.

Er ließ sie vorausgehen und trat hinter ihr ins Wohnzimmer. Ihm fiel auf, wie sie den Blick über die gut gefüllten Bücherregale, das alte Ledersofa und die Grünlilie auf dem Fensterbrett schweifen ließ. Als wollte sie feststellen, ob sich seit ihrem letzten Besuch etwas verändert hatte.

Wann war sie überhaupt das letzte Mal hier?, dachte Quinn. Es ist schon zu lange her. Er räusperte sich, für den Moment war jede Leichtigkeit verflogen. Er suchte den Gesprächseinstieg.

“Wie soll ich dich jetzt eigentlich nennen? Penelope oder Anu?”

Sie sah einen Moment verwirrt aus, als wüsste sie nicht recht, was die Frage sollte.

“Penelope“, antwortete sie dann.

“Weil du jetzt wieder Deutsch sprichst?”

“Ich denke schon ...“ Ihr Blick verriet Unsicherheit.

Quinn beschloss, vorerst nicht weiter darauf einzugehen, und ging wortlos in die Küche, um zwei Tassen Tee aufzubrühen. Er goss das kochende Wasser auf die Teeblätter in den Tassen und stellte den Wecker auf genau drei Minuten. Die Zeit, bis der Tee gezogen war, blieb ihm, um sich wieder zu sammeln. Er ging kurz ins Bad nebenan, spritzte sich Wasser ins Gesicht, fuhr mit den feuchten Fingern durch die Haare. Dann atmete er ein paarmal tief und betrachtete sein Spiegelbild über dem Waschbecken. Ihm kam es vor, als wären seit Penelopes Erkrankung ein paar graue Haare mehr hinzugekommen. Die Fältchen um seine Augen hatten sich vertieft.

Was war es, das sie damals angezogen hat?

Er wusste, die 20 Jahre Altersunterschied hatten ihm mehr ausgemacht als ihr. Als er damals ihre Abschlussarbeit betreut hatte und sie mehrmals bei ihm zu Hause gewesen war, waren sie sich schnell näher gekommen. Quinn war sich damals sicher gewesen, dass sie nicht nur aus dem Kalkül einer guten Abschlussnote die Grenzen ihres Professor-Studentin-Verhältnisses überschritten hatte. Mit Penelope war alles leicht gewesen, die Gespräche, die Zusammenarbeit, die Umarmungen …. Wenn er ehrlich war, hatte er es auch genossen, dass sie zu ihm aufblickte - er, der mit jungen Jahren schon Professor geworden war, weit gereist, belesen, fünf Sprachen fließend, charmant und weltgewandt.

Du eingebildeter Trottel.

Er schüttelte den Kopf, während er wieder in die Küche ging. Seine Eitelkeit war ihm wohl zum Verhängnis geworden, als Penelope ihn einmal in sehr vertrautem Gespräch mit einer anderen Studentin zusammen gesehen und daraufhin ‘Abstand‘, gebraucht hatte. Dann hatte sie jemand anderen kennengelernt. Der Rest war, wie man so schön sagt, Geschichte. Sie waren einander auch danach noch freundschaftlich verbunden, hatten sich aber immer weniger gesehen. Quinn hatte den Verdacht, dass er an dem ‘Abstand‘ länger zu knabbern hatte als sie.

Manche Dinge schienen einen im Leben aber immer wieder einzuholen. Wie seine ehemalige Studentin, die er nie ganz vergessen hatte und die jetzt in seinem Wohnzimmer saß. Ob sie noch Gefühle für ihn hegte? Nun, das war unwichtig - jetzt, da sie seine Hilfe benötigte. Quinn seufzte. Es würde nicht leicht für ihn werden, sie wieder in sein Leben zu lassen.

Er kam mit den beiden Tassen Tee zurück und nahm ihr gegenüber auf einem abgenutzten Lesesessel Platz. Er ließ Penelope Zeit, das Gespräch wieder aufzunehmen und rührte derweil bedächtig Milch und Zucker in seinen Tee. Schließlich brach sie das Schweigen und kam ohne Umschweife auf den Grund ihres Besuchs.

“Was hast du herausgefunden, Quinn?”

Ihre Stimme klang wie immer, freundlich, vertrauensvoll. Sie benutzte seinen Nachnamen, duzte ihn jedoch – eine alte Gewohnheit zwischen ihnen. Nur weil er sie so gut kannte, glaubte er den leicht reservierten Unterton zu vernehmen. Aber immerhin: Sie war es, die ihn kontaktiert hatte, gut vier Monate, nachdem sie aus der Klinik entlassen worden war. Er hatte zwar in der Klinik einige Tage Zeit mit ihr verbracht, da er als Einziger in der Lage war, mit ihr auf Irisch zu kommunizieren. Sobald sie sich jedoch wieder auf Deutsch verständigen konnte, hatte er sich erneut zurückgezogen und abgewartet. Über ihre plötzliche Kontaktaufnahme war er umso überraschter.

“Wo soll ich anfangen... “ Er suchte nach Worten. “Erst einmal danke für dein Vertrauen. Danke, dass ich deine Aufzeichnungen lesen durfte.”

“Du bist der Einzige, der mir helfen kann.“ Sie klang nicht bittend, sondern sprach lediglich eine Tatsache aus. Dennoch fühlte er sich um Jahre zurück versetzt. Sie hatte ihn auch damals um Hilfe gebeten, und wie damals konnte er auch dieses Mal nicht Nein sagen. Nicht nur, weil sie es war, die ihn darum bat. Sondern weil er die Geschichte einfach viel zu verrückt fand, um nicht Teil davon sein zu wollen.

Er räusperte sich.

“Ich habe mir die Notizen deiner letzten Therapiesitzung mehrmals durchgelesen. Davon abgesehen, dass es Irisch ist, sind sie auch nur bruchstückhaft. Es ist sehr schwierig, daraus etwas Zusammenhängendes zu rekonstruieren. Aber das hast du ja sicher selbst bemerkt.“

„Das Problem ist, Quinn, dass ich meine Notizen gar nicht mehr verstehe und mich auch nicht mehr daran erinnern kann, überhaupt etwas notiert zu haben.“

„Wie meinst du das?“

„Wie ich es gesagt habe. Ich erkenne meine Handschrift, kann aber nicht lesen, was dort steht.“

Quinn fiel ein, dass sie sich auch nicht so richtig an die Tage im Krankenhaus zu erinnern schien. Er hatte es als Folge ihrer Hirnblutung abgetan. Jetzt fragte er sich, ob es mehr zu bedeuten hatte. Er nahm den Gesprächsfaden an anderer Stelle wieder auf.

„Vielleicht erzählst du noch einmal von vorne. In den ersten Sitzungen hast du Deutsch gesprochen, oder? Möchtest du mir erzählen, worum es da ging?“

Sie zögerte einen Moment, offensichtlich unschlüssig. Als er schon dachte, mit der Frage zu weit gegangen zu sein, fing sie an zu erzählen, stockend zunächst.

„Ich habe sechs Wochen nach der Hirnblutung mit der Gesprächstherapie begonnen.“

Er half ihr mit einem aufmunternden Blick auf die Sprünge.

„Ich hatte Angstzustände“, sagte sie schließlich. „Wenn ich Schmerzen hatte, nahm ich immer gleich das Schlimmste an. Es war wie ein Sorgenkarussell, das sich immer schneller dreht. Meine Mutter hat mich mit ihrer Fürsorge auch noch in meinen Ängsten bestärkt. Ich wäre ohne fremde Hilfe da nicht rausgekommen.“

Quinn sah, dass es sie Kraft kostete, von ihren Ängsten zu erzählen und ihnen gleichzeitig nicht zu viel Raum zu geben. Nach einem Moment fragte er: „Hilft dir die Therapie jetzt schon?“

„Ich habe noch viel vor mir, aber es ist ein Anfang.“ Sie schien sich damit selbst Mut zuzusprechen.

„Wie kam es dazu, dass du plötzlich angefangen hast, Irisch bei den Sitzungen zu reden?“

„Frau Dr. Haselmann stellte mir ein paar Fragen zu meiner Kindheit. Sie wollte noch weitere Ursachen für meine Angstzustände herausfinden, um ein Gesamtbild zu erhalten. Erst war alles wie immer. Ich habe von meinem Elternhaus erzählt, dass ich Einzelkind bin und dass das Verhältnis zu meinem Vater immer besonders eng war.“

„War?“

„Er ist letztes Jahr gestorben.“

Quinn unterdrückte einen Seufzer. Sie standen sich schon lange nicht mehr nahe genug, als dass sie ihm vom Tod ihrer wichtigsten Bezugsperson erzählt hätte. Seinen Unmut beiseite schiebend, fragte er weiter.

„Hat das Dr. Haselmann als weitere Ursache für deine Ängste gesehen?“

„Zunächst schon. Ich habe im letzten Jahr meiner Mutter geholfen, mit dem Verlust klarzukommen und Dr. Haselmann meinte, daher hätte ich selbst nicht in gesundem Maße getrauert und losgelassen.“

Quinn hing gebannt an ihren Lippen, alle Behutsamkeit vergessen. „Wie ging es weiter?“

„Dann fing ich in der letzten Sitzung plötzlich an, Irisch zu sprechen. Dr. Haselmann hat mich natürlich nicht verstanden und ich ihre Fragen auch nicht. Aber sie war so geistesgegenwärtig, mir Zettel und Stift zu geben.“

„Und du weißt tatsächlich nichts mehr davon?“

„Nein. Mein Gedächtnis setzt erst wieder ein, als sie mich zur Tür gebracht hatte und mir meine Notizen in die Hand drückte. Notizen, die ich geschrieben haben soll, aber jetzt selbst nicht mehr lesen kann.“

„Dann lese ich dir jetzt vor, was du geschrieben hast. Es sind deine Erinnerungen, Penelope ...“

Tiefstehende Sonnenstrahlen flackern durch die Wolkendecke und werfen helle Flecke auf das verwilderte Stückchen Garten. Hinter der gelb blühenden Hecke, die den Garten zum Meer hin begrenzt, bleibt von den Windböen des Atlantiks nur noch ein sanftes Lüftchen übrig. Es trägt den lieblichen Kokosduft des Ginsters herüber.

Das kleine Mädchen sitzt auf einem der verwitterten Steine, die das Rosenbeet einfassen, und summt selbstvergessen vor sich hin. Ihr Schlaflied für die Feen, die sich dort unter dem Weißdornbusch verstecken.

Óho óho óho mo leana

Óho mo leana agus codail go fóill.

Óho óho óho mo leana

Óho mo leana ina chodladh gan brón.

Oh, my child,

oh my child still asleep

Oh, my child,

oh my child asleep without any care.

Es ist das Lied, das ihre Mutter ihr abends vorsingt, wenn sie wieder einmal nicht einschlafen kann. Sie hat es nur wenige Male hören müssen, um den Text zu können, und ist sich ganz sicher, dass es in der wundersamen Sprache der Feen geschrieben wurde. Ein Junge, nur wenig älter als sie - ist er ihr Bruder? - spricht sie auch, und aus seinem Mund klingt es fast wie Gesang. Wenn er denkt, er sei allein im Garten, singt er manchmal tatsächlich leise vor sich hin, während sie, verzückt lauschend und mit angehaltenem Atem, hinter dem Ginsterbusch kauert. Sie hat ihn einmal gefragt, ob er ihr abends zum Einschlafen etwas vorsingt, aber das Singen möchte er für sich ganz allein haben und mit niemandem teilen. Wenn ihre Mutter Irisch spricht, klingt es immer ein bisschen holprig, als würde sie mit ihrer Zunge Kieselsteine im Mund herum schieben. Aber sie wirkt glücklich dabei. Wenn ihre Mutter aber mit ihr schimpft, benutzt sie diese andere Sprache, die abgehackt und hölzern und so gar nicht nach Feen und Märchen klingt.

„Anu!“

Das Mädchen blickt von den Gräsern in seiner Hand in Richtung Haus. Der Junge steht mit verschlossenem Gesichtsausdruck und wirren dunklen Haaren auf der kleinen Terrasse. Sie weiß, Mama hat ihn geschickt; es ist Zeit hineinzugehen.

'An bhfuil tú ag teacht?“

„Ja, ich komme gleich“, antwortet sie in seiner Sprache.

Sein ernsthaftes Gesicht erhellt sich für einen Moment. Er scheint zu wissen, „gleich“ ist ein sehr dehnbarer Begriff für ein verträumtes kleines Mädchen wie sie. Er kommt mit großen Schritten auf sie zu, und sie sieht, dass er Verstärkung mitgebracht hat. In seinen Händen hält er einen abgegriffenen Teddy, dem das linke Auge fehlt. Wenn Teddy dabei ist, lässt sie sich vielleicht überreden, die Feen allein zu lassen und mitzukommen.

Er zieht sie geschwind an einer Hand empor, drückt ihr Teddy in die Hand und nimmt gnädig die schon etwas zerdrückten Margeriten entgegen, die sie für ihn gepflückt hat.

„Tá an dinnéar réidh. A-bend-es-sen.“ Er versucht sich ab und zu in der für ihn ungewohnten Sprache und bringt sie jedes Mal damit zum Lachen. Vergessen sind für diesen Moment die Feen, denen sie bis eben noch ihr Schlaflied gesungen hat. Sie folgt ihm den schmalen Pfad entlang, der um das Haus herum zum Vordereingang führt.

Das kleine Mädchen schaut sich kurz um, ob einer der Feen so mutig war, ihnen bis hierher zu folgen, aber sie sind zu schüchtern. Vor allem, wenn Erwachsene anwesend sind, lassen sie sich nie blicken. Aus den Augenwinkeln sieht sie einen großgewachsenen Mann von der Straße in Richtung des Hauseingangs eilen. Er bleibt kurz stehen und lächelt sie an. Ihr Blick bleibt an seiner schief sitzenden Baseballkappe hängen. Die Kappe, die er nie abzulegen scheint und dessen Schriftzug sie schon tausendmal gesehen hat. Sie kann noch nicht lesen, aber ihre Mutter hat ihr einmal erklärt, was auf der Kappe steht.

McNamara's Pub. Drinks and Carvery since 1950.

„Ich halte das für keine gute Idee, Penelope.“

Ihre Mutter hatte die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und ihren So-nimm-doch-Vernunft-an-Kind-Gesichtsausdruck aufgesetzt. Außer dem leisen Tick-Tack der Standuhr im benachbarten Wohnzimmer herrschte Stille. Sie standen einander gegenüber in der blitzblanken Küche, in der seit dem Tod des Vaters kaum noch Mahlzeiten zubereitet wurden. Es war Frank gewesen, der den marmornen Arbeitsplatten, den spiegelnden Schranktüren und glänzenden Kochutensilien Leben eingehaucht hatte. Er hatte die Familie abends zusammen an den Esstisch gebracht, als alles noch heile Welt war oder man zumindest so tun konnte, als ob. Er war auch der einzige gewesen, der seiner Frau ein spontanes Lachen, Unbeschwertheit oder gar eine humorvolle Bemerkung entlocken konnte. Auch wenn ihm das in den letzten Jahren zusehends weniger gelungen war.

Penelope wischte die Gedanken an ihren Vater beiseite. Sie würde sonst nur in diese weiche, verletzliche Stimmung verfallen, die sie für das Gespräch, das sie jetzt mit ihrer Mutter führen musste, ganz und gar nicht gebrauchen konnte.

„Und warum nicht?“

Penelope hatte kaum ihre Stimme erhoben. Sie hasste die Konfrontation. Warum hatte sie ihre Mutter nicht einfach vor vollendete Tatsachen gestellt? Jetzt war sie in die Ecke gedrängt, ließ sich auf einen Streit ein, den sie nicht wollte.

Seltsam, dass ihre sonst in jeder Lebenslage so tadellos höfliche Mutter kein Problem damit hatte, es auf Unfrieden in der Familie ankommen zu lassen. Wie oft waren die harmonischen Familienabende am gemeinsamen Esstisch in Streitigkeiten ausgeartet? Wie oft hatte sie als Jugendliche hilflos daneben gesessen und sich gewünscht, sie wäre in der Lage, den Krach ihrer Eltern in Luft aufzulösen?

Aber heute würde sie dem Gespräch nicht ausweichen.

Ihre Mutter antwortete nicht, aber das musste sie auch gar nicht. Ihr Blick sagte alles. Penelope sah sich gezwungen, weiterzusprechen.

„Es ist meine Entscheidung. Ich muss einfach dort hin!“

„Ich verstehe nicht, warum du nicht genauso gut von zu Hause aus Nachforschungen anstellen kannst! Als Übersetzerin bist du doch Spezialistin im Recherchieren. Musst du unbedingt gleich nach Dublin fliegen, ohne Anhaltspunkte?“

„Wer sagt dir, dass ich keine Anhaltspunkte habe?“ Den Trumpf hatte sie eigentlich später ausspielen wollen. Aber ihre Mutter ging ohnehin nicht darauf ein; die Wirkung verpuffte.

„Du verrennst dich da in etwas und willst es nicht wahrhaben.“

„Wie erklärst du dir denn, dass ich auf einmal Irisch sprechen kann? Das muss doch irgendeinen Grund haben!“

„Deswegen musst du doch aber nicht gleich alles hier abbrechen und nach Irland reisen, mein Kind.“ Der Tonfall ihrer Mutter war gönnerhaft, wie so oft, wenn sie Penelope von ihrer eigenen Meinung überzeugen wollte. Dieses Mal würde sie jedoch nicht einlenken. Sie holte tief Luft.

„Erstens bin ich nicht dein Kind, sondern erwachsen und treffe eigene Entscheidungen. Zweitens tust du ja gerade so, als würde ich auswandern. Dabei geht es doch nur um eine Reise.“

Das beinahe ausgespuckte dein Kind schien ihre Mutter für einen Moment aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihre rechte Hand griff reflexartig zu der goldenen Halskette, ließ sie sogleich wieder los. Sie erhob ihre Stimme jedoch nicht, als sie entgegnete: „Es ist eben nicht nur eine Reise! Du willst in deiner Vergangenheit herumgraben und wirst bitter enttäuscht werden, weil du nichts finden wirst.“

„Das sagst du. Ich bin da anderer Meinung. Und ich sage dir auch, wieso.“

Sah sie dort im Gesicht ihrer Mutter etwa so etwas wie Furcht? Der Eindruck war so schnell verschwunden, dass sie beinahe glaubte, sich getäuscht zu haben. Der nächste Satz klang jedoch eindeutig nach einem Ablenkungsmanöver. Eines, das es in sich hatte.

„Jetzt sage ich dir einmal etwas, Penelope. In deinem Zustand solltest du keine Reise unternehmen.“

„Was soll das denn heißen?“

Natürlich wusste sie so gut wie ihre Mutter, dass es ihr noch nicht gut ging. Sie ging regelmäßig zur Osteopathin, um ihrer Kopf- und Rückenschmerzen Herr zu werden. In den Sitzungen mit der Therapeutin näherte sie sich erst langsam der Erkenntnis, dass sie ein Trauma erlitten hatte und nicht unverwundbar war. Eine Hirnblutung und drei Wochen Klinik, da konnte sie schließlich nicht einfach mit dem Leben weitermachen, als wäre nichts geschehen. Sie konnte sich glücklich schätzen, keine motorischen Schäden davongetragen zu haben. Dass sie unter partiellem Gedächtnisverlust litt und sich die Episoden, in denen sie Irisch sprach, nicht erklären konnte, war ihr bewusst. Warum sonst sollte sie wohl nach Irland wollen, wenn nicht, um hinter das Geheimnis dieser Sprachausfälle zu kommen?

Ihre Mutter sah sie abschätzig an.

„Du befindest dich noch immer in Therapie. Du bist emotional nicht stabil genug.“

„Das kannst du ja wohl überhaupt nicht beurteilen!“

„Mir reicht, was Frau Dr. Haselmann am Telefon gesagt hat.“

„Sie darf dir doch gar nichts erzählen!“ Penelope kochte innerlich. Ihre Mutter machte ein Gesicht, als bedaure sie die ärztliche Schweigepflicht tatsächlich.

„Das musste sie auch gar nicht. Ich sehe doch selbst, dass bei Dir offensichtlich eine Persönlichkeitsstörung vorliegt.“

Penelope hätte mit den Augen gerollt, wenn sie nicht so wütend gewesen wäre. Irgendwann mal zwei Semester Psychologie studiert, und ihre Mutter nahm sich ständig das Recht heraus, andere zu analysieren. Und ihre Schlussfolgerungen dann noch in diesem pompösen Tonfall vorzutragen.

Nicht mit mir, dachte sie.

„Komisch, mir gegenüber hat sie diese Diagnose nie in den Mund genommen. Und ich sag dir auch warum: Weil es einen anderen Grund für meine Symptome gibt.“

Sie legte eine wirkungsvolle Pause ein, bevor sie entschied, den Schuss ins Blaue zu wagen.

„Was weißt du über den Namen McNamara?“

Das darauffolgende fassungslose Schweigen sagte ihr alles.

Einen bedeutungsgeladenen Moment lang sahen sie einander an. Penelope registrierte, wie sich ihre Mutter innerlich sammelte, um schließlich betont neutral zu fragen: „Wie kommst du auf diesen Namen?"

"Das spielt doch jetzt keine Rolle. Sag mir einfach, ob der Name mit meiner Vergangenheit zu tun hat." Penelope trat ein paar Schritte auf ihre Mutter zu. Sie würde nicht zurückweichen, ehe sie eine Antwort hatte.

Sie sah ihrer Mutter in die Augen. Resignation lag in ihnen, und noch etwas anderes, das sie nicht einordnen konnte. Bevor sie jedoch weiter nachbohren konnte, passierte es. Eben noch hatte sie sich flüchtig gefragt, ob ihre Mutter wohl ein neues Parfum trug. Sie atmete ein paarmal tief ein und versuchte, den Geruch einzuordnen, der sich in irgendeinem unzugänglichen Winkel ihres Gehirns festgesetzt hatte.

Im nächsten Moment – Minuten oder Stunden später? – kam sie auf der Couch langsam wieder zu sich. In ihrem noch leicht verschwommenen Gesichtsfeld vermeinte sie die Silhouetten zweier Gesichter zu erkennen.

„Poppy, geht’s dir gut? Du warst für eine Weile ganz weggetreten.“

Das war nicht die Stimme ihrer Mutter. Ihre Mutter würde sie auch nicht Poppy nennen. Eher würde sie sich die Zunge abbeißen, als sich zu einer Koseform herabzulassen. Felicitas Brink war sich zu fein für solche Verballhornungen. Selbst das zärtliche Feli ihres Vaters hatte sie eher geduldet als gemocht.

Es gab nur einen einzigen Menschen, der sie Poppy genannt hatte. Mühsam wandte sie den Kopf in Richtung der Stimme. Und blickte in ein Paar sehr blaue Augen. Sie gehörten der Person, die sie in ihrer Lage so ziemlich als letztes sehen wollte.

„Was machst du denn hier?“

„Ich freu mich auch, dich zu sehen.“

Penelope ignorierte den ironischen Unterton geflissentlich. Auch wenn sie sich fragte, was Theo hier zu suchen hatte, war das noch ihre geringste Sorge. Sie versuchte, sich an die vergangenen Momente zu erinnern; vergeblich. Sie musste sich eingestehen, auf die Hilfe ihrer Mutter angewiesen zu sein.

„Hätte einer von euch die Güte, mir zu sagen, was gerade passiert ist? Ohne mich anzustarren, als wäre ich ein Geist? Oder ist das zu viel verlangt?“

Sie wusste, dass sich ihre Mutter über den Tonfall ärgern würde. Sie wusste auch, dass es eine Trotzreaktion war – aus Unsicherheit darüber, dass sie nicht wusste, was passiert war. Dass Theo hier war, machte alles nur noch schlimmer. Hatte ihre Mutter ihn etwa gerufen? Was versprach sie sich davon? Theo tat doch nur wenig mehr, als dazustehen, an seinen Haaren herumzuzupfen und mit seinen schlaksigen Einsneunzig auf sie herabzusehen. Keine große Hilfe.

Aber wann war er das überhaupt in letzter Zeit, dachte sie ungnädig.

Frau Brink reagierte auf Penelopes trotzige Worte mit wenig mehr als einer hochgezogenen Augenbraue.

„Jetzt hör mir mal zu, Penelope. Du hast von einem auf den anderen Moment wieder Irisch gesprochen. Du hast mich nicht mehr verstanden und schienst nicht mehr zu wissen, wo du bist. Ich wusste nicht mehr weiter und habe Theo angerufen.“

„Theo und ich sind nicht mehr zusammen. Das hier geht ihn nichts an.“ Penelopes Stimme hatte einen klirrenden Unterton angenommen.

„Von mir lässt du dir ja nichts sagen. Aber Theo kann dich vielleicht überzeugen, dass es keine gute Idee ist, zu verreisen, wenn du noch nicht wieder gesund bist. Sieh dich doch an!“

Bevor Theo sich in die Diskussion einschalten konnte, hatte Penelope schon weitergesprochen.

„Mein Entschluss steht fest. Versuch es gar nicht erst.“ Theo, der etwas dazu sagen wollte, schnitt sie das Wort ab. „Nein, Theo. Ich mache diese Reise für mich. Hier, zu Hause, werde ich keine Antworten auf meine Fragen finden.“

„Was ist mit deiner Arbeit?“, versuchte ihre Mutter es ein letztes Mal.

„Ich habe genug Reserven für eine Auszeit. Im letzten Jahr habe ich so viele Übersetzungsaufträge angenommen, dass ich mir jetzt ein paar Wochen frei nehmen kann.“

Bevor Penelope türenschlagend das Elternhaus verließ, warf sie ihrer Mutter einen letzten Blick über die Schulter zu. Für einen Moment meinte sie, in der blitzschnell hochgezogenen glatten Fassade Risse der Verzweiflung gesehen zu haben.

Was verschweigt sie mir?

Landeanflug auf Dublin. Penelopes Herz schlug dumpf durch den Druckausgleich in ihren Ohren. Ihre Gedanken waren meilenweit voraus, flogen über tausendgrüne, mit schafwolligen Tupfern übersäte Wiesen, über glitzernde Loughs und wogende Hügel, über jäh abbrechende Klippen und uralte Friedhöfe. Die Bilder schienen aus den Untiefen ihres Gehirns zu kommen und legten sich wie ein schwereloser Schleier auf ihr aufgewühltes Gemüt. Zum ersten Mal, seit sie in München in die Maschine der AerLingus gestiegen war, fühlte Penelope alle Unruhe von sich abfallen.

Sie nahm kaum wahr, wie das Flugzeug schließlich aufsetzte. Erst das Klicken sich öffnender Sicherheitsgurte um sie herum versetzte sie zurück ins Hier und Jetzt. Sie griff nach ihrem Handgepäck und bewegte sich langsam mit den anderen Fluggästen zum Ausgang. Ein paar Schritte durch die Gangway in grauer, klimatisierter Luft. Dann betrat sie die Ankunftshalle. Atmete tief ein.

Ich bin auf irischem Boden, dachte sie.

Nach den rauschhaften Bildern, die ihr beim Landeanflug durch den Kopf gegeistert waren, war ihre eigentliche Ankunft ernüchternd. Sie befand sich auf einem Flughafen, wie er überall auf der Welt hätte sein können, ließ das Gepäckband stoisch an sich vorbei kreiseln und beobachtete verstohlen die anderen Reisenden. Das ältere Ehepaar, das soeben einen überdimensionalen pinken Rollkoffer vom Band hievte. Die junge Backpackerin, deren tiefschwarze Mascara ihr etwas Eulenhaftes verlieh, und die unablässig in ihr Handy brabbelte. Von ihrem vernuschelten Redeschwall verstand Penelope kaum ein Wort.

Ihr Blick fiel auf ein etwa vierjähriges Mädchen, das die Hand seiner Mutter umklammert hielt, während diese mit müdem Gesichtsausdruck auf ihren Koffer wartete. Das Mädchen hatte Penelope bemerkt und warf ihr ein schüchternes Lächeln zu. Grüne Augen blickten fragend unter einem wirren dunklen Haarschopf. Penelope fühlte sich einen surrealen Moment lang, als wäre sie es, die dort stand; ein kleines Mädchen, das verwundert die fremde Umgebung betrachtet. Für eine Sekunde befürchtete sie, eine Halluzination zu haben. Nach allem, was ihr in den letzten Monaten seit der Hirnblutung passiert war, würde sie sich darüber auch nicht mehr wundern. Als sie jedoch ihren Koffer vom Band hob und durch die Sperre zum Ausgang ging, sah sie, wie Mutter und Tochter von einem Mann liebevoll begrüßt wurden. Keine Halluzination also. Sie atmete auf.

Endlich war sie hier. In Irland. Noch ganz am Beginn ihrer Reise ins Unbekannte. Heute allerdings war alles noch überschaubar. Für heute musste sie sich um nichts mehr kümmern außer in den Metrobus zu steigen, der sie ins Stadtzentrum von Dublin bringen würde. Für die erste Nacht hatte sie auf Quinns Empfehlung hin ein Zimmer im zentral gelegenen Fleet Street Hotel gebucht. Morgen würde sie Quinns alten Freund Oren aufsuchen, der ihr hoffentlich etwas über den Namen McNamara würde sagen können. Alles Weitere würde sich finden. Ohne einen genaueren Plan und mit nichts als einem Namen diese Reise zu wagen, war vielleicht ein unmögliches Unterfangen. Nicht hierher zu kommen war aber keine Option.

Draußen empfing sie gleichmäßiges Nieseln und ein für Mai äußerst ungemütlicher Ostwind. Dämmeriger Abendhimmel hing tief über den Flughafengebäuden. Das Klischee vom schlechten Wetter stimmt also, dachte sie fröstelnd. Den Rollkoffer hinter sich herziehend, hechtete sie die wenigen Meter zur rettenden Überdachung der Metrobusstation.

Der ankommende Bus empfing sie mit sonnengelbem Interieur und einem ebenso sonnigen Busfahrer.

„Wo soll’s hingehen, junge Frau?“

Übermüdet wie sie war, durchdrang Penelope zunächst den englischen Singsang des Fahrers nicht, meinte aber herauszuhören, dass er sie nach dem Reiseziel fragte.

„City Centre“, sagte sie aufs Geratewohl und reichte ihm ein paar Münzen. Die Antwort schien ihn zufriedenzustellen.

Er händigte ihr Ticket und Wechselgeld aus. Sie wollte sich einen Platz suchen, aber das Gespräch war offensichtlich noch nicht zu Ende.

„Das erste Mal in Irland?“ Sein bebrillter Blick ruhte für einen Moment in ihrem, freundlich, aber nicht aufdringlich. Sie hätte ihm gerne eine klare Antwort gegeben.

„Das versuche ich herauszufinden“, sagte sie wahrheitsgemäß. Es fühlte sich seltsam an, einem Wildfremden davon zu erzählen.

„Oh lovely. Ein Geheimnis, wie aufregend!“ Er sah aus, als wolle er Penelope noch weiter dazu ausfragen. Doch eine kleine Gruppe angetrunkener Jugendlicher drängte sich zwischen sie, nachlässig mit den Tickets wedelnd und lautstark diskutierend.

„Oi, passt doch auf!“ Er schaffte es, den Jugendlichen einen bösen Blick zuzuwerfen und Penelope gleichzeitig entschuldigend anzulächeln. Dann setzte der Bus sich in Bewegung.

Die nächste halbe Stunde verbrachte Penelope damit, aus dem Fenster in die finster werdenden Vororte zu starren, die an ihr vorüberzogen. Häuserdächer glänzten nass in den Strahlen der Abendlaternen. Gleichförmige Reihenhäuschen mit Parkplätzen anstelle von Vorgärten duckten sich unter der niedrigen Wolkendecke. Nur wenige Menschen auf den Straßen trotzten dem ungemütlichen Wetter. Ein jähes Gefühl von Trostlosigkeit überkam Penelope; es legte sich erst wieder, als der Bus sich dem Stadtzentrum von Dublin näherte.

Sie stieg an der belebten O'Connell Street aus und stellte erfreut fest, dass der Regen beinahe aufgehört hatte. Einen Moment blieb sie stehen, um sich zu orientieren. Um sie herum herrschte die Geschäftigkeit der abendlichen Rushhour. Anzugträger mit Handy am Ohr und Geschäften im Kopf eilten vorbei, ohne Augen für ihre Umgebung. Trauben von lachenden Studenten vom nahegelegenen Trinity College unterhielten sich am Straßenrand. Eine Gruppe junger Frauen, mit Einkaufstüten beladen, verließ gerade das mondäne Kylemore Café. Auf der anderen Straßenseite stand das altehrwürdige Post Office. Aus ihrem Studium wusste sie, dass es einst Schauplatz der gewalttätigen Easter Risings gewesen war. Es war aber etwas ganz anderes, das Gebäude jetzt vor sich zu sehen. Unbeeindruckt von so viel Historie machte sich ein McDonalds daneben breit, grell erleuchtet und bevölkert von Jugendlichen. Sie hatte Hunger, widerstand aber dem Drang, gleich die erstbeste Fastfoodplastikhölle zu betreten. Das Essen musste warten; erst wollte sie ihren Koffer loswerden. Sie wandte sich von dem Trubel ab, schaute kurz auf ihren Stadtplan und machte sich dann auf dem Weg über die O'Connell Bridge und in Richtung des Szeneviertels Temple Bar, in dem ihr Hotel lag.

Eine Stunde später saß sie im nahegelegenen Porter House Pub mit einem Sandwich im Bauch und einem Cider vor sich auf dem Tisch. Im Hintergrund begleitete eine sandige Stimme melancholische Gitarrenakkorde.

Es war beinahe unmöglich, in einem Irish Pub nicht ins Gespräch verwickelt zu werden. Eigentlich hatte Penelope nur in Ruhe etwas trinken und ihren Gedanken nachhängen wollen. Der Streit mit ihrer Mutter kurz vor der Abreise machte ihr immer noch zu schaffen. So sehr sie auch ihren eigenen Kopf haben mochte, bei ihrer Mutter verfiel sie immer und immer wieder in ihr diplomatisches Verhaltensmuster. Sie hasste es. Und schwor sich jedes Mal, wenn sie wieder einmal klein beigegeben hatte, sich beim nächsten Mal nicht vornehm zurückzuhalten. Auch dann nicht, wenn ihre Mutter die ‘ich-bin-sehr-enttäuscht-von-dir‘-Nummer abzog. Bei dem Gedanken daran bekam sie schon verspannte Schultern. Doch wenn sie ehrlich war, hatte sich das letzte Gespräch auch nicht gelöst, obwohl Penelope ihrer Mutter die Meinung gesagt hatte. Stattdessen war sie kopfüber in ihren nächsten Blackout gestolpert. Immerhin – auch Theo hatte sie nicht daran hindern können, abzureisen. Was immer ihre Mutter damit bezweckt hatte, ihn herzuholen, der Schuss war nach hinten losgegangen.

Penelope wurde unvermittelt aus ihren kreiselnden Gedanken gerissen, als sie eine heitere Stimme dicht an ihrem Ohr hörte.

„So ganz allein hier, schöne Frau? Möchtest du was trinken?“

Über dem Lärm der Musik verstand sie nur die Wortfetzen buy und drink und wollte gerade zu einem höflichen No, thanks ansetzen, aber der junge Mann, dem die Stimme gehörte, sprach schon weiter.

„Na, was soll’s sein - Bulmers?“

Verdammt. Sie war noch nie gut im Neinsagen gewesen. Wie sollte sie das Angebot höflich, aber deutlich ausschlagen? Etwas hilflos erwiderte sie den wässrigblauen Blick des Blondschopfs. Ganz nüchtern schien er ihr nicht mehr zu sein.

„Ah, come on, Shane. Lass doch die Frau in Ruhe. Ist eh nicht deine Liga.“

Shanes Begleiter zwinkerte Penelope kurz zu und zog seinen Freund energisch von ihr weg. Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu, bevor sie sich wieder der Musik zuwandte. Immerhin, das Intermezzo hatte sie abgelenkt. Sie hatte sich beruhigt und genoss die Stimmung im Porter House, ihre Anonymität in der Menge vergnügter Menschen und die Gitarre im Hintergrund. Die Musik schien jetzt etwas lauter zu werden. Sie legte sich wie ein warmer Schal aus heiterer Melancholie um sie. Penelope fühlte sich, als würde der Sänger, den sie nie zuvor gesehen hatte, nur ihr ganz persönlich mit seiner Musik etwas sagen wollen. Es war wie ein Wegdriften in eine andere Dimension.

Einen Moment später schaute Penelope ungläubig auf die kümmerlichen Reste in ihrem Glas. Sie konnte sich nicht daran erinnern, es geleert zu haben. Geschweige denn, wie viel Zeit vergangen war, seit sie hierhergekommen war. Wie spät war es überhaupt? Sie verspürte leichte Kopfschmerzen.

Ich sollte besser gehen.

Auf dem Weg zum Ausgang traf sie Shane und seinen Freund wieder. Shane lächelte ihr entschuldigend zu. Sein Freund machte eine einladende Handbewegung und einer Eingebung folgend, ging sie zu ihm herüber an die Bar. Dass sie eigentlich nach Hause gehen wollte, war aus einem schwer zu fassenden Grund plötzlich nicht mehr wichtig.

„Hi, ich bin Rory. Ich hoffe, Shane hat dich nicht zu sehr genervt.“

„Nein - ich bin Anu. Trinken wir was zusammen?“

Er sah sie verblüfft an, schien dann einen Moment nachzudenken, bevor er ihr zögerlich antwortete.

„Gerne.“

„Guinness?“

„Kilkenny’s.“

Sie lächelte ihm zu und gab dem Barkeeper die Bestellung weiter. Statt der gewünschten Getränke bekam sie ein verständnisloses Gesicht.

Hatte er sie nicht verstanden? Sie wiederholte ihre Bestellung, mit demselben Ergebnis. Eine dunkle Vorahnung beschlich sie. Sie wurde bestätigt, als Rory ihr von hinten auf die Schulter tippte.

„Er versteht kein Irisch.“

Irisch? Penelope schwante Böses. Zögerlich öffnete sie erneut den Mund. Gleichzeitig, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, war die Musik verstummt. Sie hörte den Klang ihrer eigenen Stimme.

„Pionta amháin, le do thoil.“ Ein Pint, bitte.

Ihr war plötzlich schwindelig.

Penelope saß stöhnend hinter dem Steuer des betagten Golfs, vor sich eine Straßenkarte mit viel zu kleinem Maßstab, die ihr der freundliche Mitarbeiter des Autoverleihs mitgegeben hatte. Er war es auch gewesen, der sie für „no extra charges“ in eine höhere Wagenklasse gebucht hatte und sie dann in den mit kleinen Kratzern übersäten Golf gesetzt hatte – vermutlich, weil er an ihren Fahrkünsten zweifelte und die Vollkasko nicht überstrapazieren wollte.

Da hat er wohl Recht, dachte Penelope. Sie war schon froh, ohne Blessuren aus Dublin herausgekommen zu sein. Ihr war schwindelig von den unzähligen Kreisverkehren, die die verwirrend vielen national roads und motorways in alle Himmelsrichtungen auf die Reise schickten. Um sich zu orientieren, hatte sie die Kreisverkehre oft mehrmals umrunden müssen. Ihrem verkaterten Kopf bereitete der ungewohnte Linksverkehr zusätzliche Kopfschmerzen. In ihrer Aufregung, an der richtigen Ausfahrt abzubiegen, hatte sie es einmal tatsächlich fertiggebracht, sämtliche rote Ampeln eines mehrspurigen Kreisverkehrs zu ignorieren. Wenn sie nur daran dachte, bekam sie wieder Schweißausbrüche.

Angefangen hatte das Chaos am Morgen, als Penelope mit einem schalen Geschmack im Mund und einem Vorschlaghammer im Kopf erwacht war. Die vagen Erinnerungen an den gestrigen Abend verdrängte sie vorerst, während sie unter der heiß-kalten Dusche versuchte, wach zu werden.

Dass sie mitten in einem Pub wieder eine ihrer ‘Episoden‘, erlebt hatte, verunsicherte sie zutiefst. Auch dieses Mal konnte sie sich nicht erklären, was der Auslöser gewesen war. Sie konnte sich an schwache Kopfschmerzen erinnern und dass sie eigentlich vorgehabt hatte, nach Hause zu gehen. Irgendetwas musste sie genau in diesem Moment zum Bleiben veranlasst haben. Sie sah das erstaunte Gesicht von Rory genau vor sich, als sie die Getränke auf Irisch bestellt hatte. Das Nächste, woran sie sich erinnerte, war die Eingangstür des Hotels, bis zu dem Rory sie ganz gentlemanlike begleitet hatte. Die Nacht hatte sie dann mehr schlecht als recht verbracht. Die Kopfschmerzen hatten sich verstärkt und eine der selten gewordenen Panikattacken ausgelöst. Sie hatte zwar kaum eine Erinnerung daran, wie die Hirnblutung genau abgelaufen war, aber das Gefühl der Hilflosigkeit war nur allzu präsent. Gepaart mit ihrem unerklärlichen Ausflug in das Reich der Feensprache war Angst eine verständliche Reaktion.

Feensprache?Wo kommt dieses Wort nun wieder her? Sie beschloss, die herumirrenden Gedanken auszusperren und sich auf das zu konzentrieren, was vor ihr lag. Immerhin stand ihr das Treffen mit Quinns Freund Oren bevor. Doch dazu musste sie ihn erst einmal finden.

Es hätte so einfach sein können: Quinn hatte ihr eine Adresse in der Nähe ihres Hotels genannt, wo sie Oren treffen sollte. Ihre SMS an Oren, ob der Termin klappte, hatte er zwar nur mit einem kargen „yes“, beantwortet, aber mehr war ja auch nicht nötig. Und nun das. Halbwegs erfrischt war sie aus der Dusche getreten, ein Handtuch um die nassen Haare geschlungen, und hatte noch schnell eine Aspirin mit einem Glas Wasser hinuntergespült. Dabei war ihr Blick zufällig auf das Handy gefallen. Es lag auf dem Nachttisch und zeigte einen eingegangen Anruf, zehn Minuten zuvor.

Nachdem Penelope sich angezogen hatte – bequemer Wollrock, roter Rollkragenpulli, Schnürstiefel – hörte sie die Nachricht ab.

Dann noch ein zweites Mal, stirnrunzelnd. Wo auch immer der Anrufer sich gerade aufgehalten hatte, der Empfang dort musste fürchterlich sein. Sie verstand kaum etwas.

„Hello ... ah … Ms. Brink? Ich bin’s Oren. Sorry, kann nicht in die Stadt kommen. Muss mich um Delilah kümmern.“

Dass er sie nicht in der Stadt würde treffen können, verstand sie nun zumindest. Sie spulte weiter. Seine Nachricht wurde plötzlich von einer eindeutig weiblichen, aber merkwürdig quietschigen Stimme unterbrochen.

„Delilah hat Hunger. Frühstück.“

„Oi, Delilah! Hör sofort auf!“ Man hörte einen empörten Schrei, der wohl von Orens Tochter (oder Enkelin?) zu kommen schien, dann eine zuschlagende Tür und eine jetzt wesentlich deutlichere Stimme.

„Sorry, dieses Miststück.“

Penelope hörte mit wachsendem Unbehagen zu. Wer ein so vulgäres Wort für seine Tochter benutzte, konnte doch wohl kein enger Freund von Quinn sein? Aber vielleicht hatte sie sich ja auch verhört. Sie tat sich immer wieder schwer mit dem irischen Akzent, der sich so deutlich von ihrem Universitätsenglisch unterschied. Oren beschrieb ihr mit knappen Worten den Weg zu seinem Wohnort etwa eine Stunde nordwestlich von Dublin, in der Nähe von Trim. Nach nochmaligem Abhören hoffte Penelope, sich einigermaßen zurechtzufinden. Sie schrieb ihm dennoch eine kurze Nachricht, dass sie sich erst einen Mietwagen nehmen müsse und es daher später werden würde – und ob er ihr seine genaue Anschrift schicken könne.

Das tat er zwar, aber die kryptische Adresse „Joyfield Manor, Moyrath Hill, Kildalkey, Trim“ half weder ihr noch der Navigationsapp auf ihrem Handy. Und nun stand sie hier, am Straßenrand der Kleinstadt Trim, und starrte mit wachsender Verzweiflung auf die nutzlose Karte. Unter anderen Umständen hätte sie sich die düstere Normannenburg Tram Castle angeschaut, von der sie wusste, dass sie einst Drehort für Braveheart gewesen war. Doch heute hatte sie keinen Blick dafür übrig. Sie hätte auch nicht die Muße gehabt, auszusteigen und auf dem üppig grünen Gelände entlang des geschichtsträchtigen Boyne River spazieren zu gehen.

„Haben Sie sich verfahren, Lady?“

Die Stimme gehörte einem hageren Jungen, kaum 17 Jahre alt, der sein vom lebhaften Wind gerötetes Gesicht in Höhe des halb geöffneten Seitenfensters hielt. Er sah sie fragend an, während er gleichzeitig den tänzelnden Border Collie an seiner Seite beruhigen musste, der Herumtollen und nicht Stillstehen im Sinn hatte.

„Yes ...“, brachte sie erleichtert hervor und nannte ihm Namen und Adresse von Oren.

„Oh, Sie sind eine Freundin von Oren? Komischer Kauz, nicht?“ Er zwinkerte ihr zu.

Sie nickte nur, nicht sicher, dass sie ihn richtig verstanden hatte. Kauz? Hieß das, er war ein schwieriger Zeitgenosse? Aber nachfragen wollte sie auch nicht.

Den Jungen schien ihr Schweigen nicht zu stören. Er setzte an, ihr den Weg zu erklären, wobei er beinahe ebenso umständlich wie vorher Oren am Telefon war. Mitten im Satz unterbrach er sich, kam auf die andere Seite des Autos gelaufen und öffnete die Beifahrertür.

„Ist einfacher, wenn ich mitfahre und Ihnen den Abzweig zeige.“

„Aber dann musst du zurücklaufen“, wandte sie ein, unsicher, ob sie einen Fremden in ihrem Auto haben wollte.

Er ließ den Einwand nicht gelten.

„Kein Problem. Mein Pete“, er deutete auf seinen Hund, der ohne viel Federlesens vom Beifahrersitz auf die Rückbank gesprungen war. „Er liebt lange Spaziergänge. Und ich helfe gerne einer hübschen Lady wie Ihnen.“ Bei seiner letzten Bemerkung war er offensichtlich von seiner eigenen Courage erschreckt und errötete bis über beide seiner abstehenden Ohren. Sie beschloss, dass sie ihn mochte. Außerdem konnte es nicht schaden, wenn er ihr den Weg zeigte. Sie war jetzt schon viel zu spät.

Sie kurvten durch die gewundenen Straßen Trims, bis sie auf der R154 landeten. Während der kurzen Fahrt stellte sich der Junge kurz vor – „Gavin, aus Kildalkey“ – sagte aber ansonsten nicht viel, bis auf „nächste links“ oder „gleich sind wir da“. Sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft und merkte erst jetzt, wie der Stress der Autofahrt von ihren angespannten Schultern abfiel. Sie musste nur Gavins Anweisungen befolgen und hin und wieder etwas Small Talk machen. Beinahe tat es ihr leid, als er sich schließlich von ihr verabschiedete.

Er hatte recht behalten: Die Abzweigung, von der Oren am Telefon gesprochen hatte, hätte sie allein nie gefunden. In Deutschland gab es solche Straßen höchstens unter der Bezeichnung ‘Feldweg‘. Sie bedankte sich überschwänglich bei Gavin, tätschelte Pete den Kopf zum Abschied und bog in das winzige Sträßchen ein, das von hohen Hecken gesäumt, wie ein Hohlweg aussah. Hier galt laut Verkehrsschild ein Tempolimit von 80. Sie schnitt eine ungläubige Grimasse. Schneller als 30 konnte hier niemand fahren, der sich nicht den Hals brechen wollte. Als sie schon beinahe glaubte, der Weg würde nie ein Ende nehmen, machte die Straße einen scharfen Rechtsknick und sie stand unversehens vor Joyfield Manor, wie ihr das Schild auf dem windschiefen Holzzaun verriet.