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Lizzy ist 17 Jahre alt, als sie gezwungen wird mit ihrer Familie in den Urlaub zu fahren. Als ein Virus ausbricht, gerät die Stadt außer Kontrolle. Liz muss lernen Verantwortung zu übernehmen, um sich und ihre Familie zu schützen. Sie schafft es zu überleben, ihr Lebenswille jedoch stirbt mit zahlreichen Menschen. Doch das ändert sich, als sie in ein Flüchtlingscamp verschleppt wird. Dort lernt sie Adam kennen, der ihr mit seinen Ozean farbigen Augen Hoffnung auf ein neues Leben schenkt. Als die beiden sich nach einem schwierigen Kennenlernen annähern, vergisst Liz ihren eigentlich Plan ihr Zuhause zu suchen. Ihre Hoffnung auf noch lebende Freunde kehrt zurück, als eine Entdeckung gemacht wird, die sie zurück an ihr altes Leben denken lässt. Wird Adam Liz helfen und sich mit ihr auf eine Reise begeben, die nicht nur Gefahr für ihr Leben sondern auch für ihre Liebe bedeuten könnte?
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Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Michael und Dominik
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Ich erinnerte mich. Es war an einem Montag oder Dienstag schätze ich. Mitte Mai. Meine Füße wurden schwer und ich setzte mich auf einen großen Stein, der neben der ausgetrockneten Fahrbahn lag. Es war ein Dienstag. Ich war mir sicher, dass es ein Dienstag war.
Der Tag an dem alles begann. Ich wischte mir mit meiner Hand über die verschwitzte Stirn und schloss meine Augen um meine Gedanken, meine Gefühle zu sortieren. Ich erinnerte mich zurück.
Mein Wecker klingelte Sonntag früh. Verschlafen stand ich auf, um nach unten zu gehen. Ich wartete einen Moment am Treppengeländer, um mir einen Überblick über die heutige Stimmung zu verschaffen. Meine Mama und mein Papa packten ihre Koffer. Die Zimmertüre ihres Schlafzimmers stand offen, sodass ich ihnen dabei zu sehen konnte, wie sie zusammen lachten, während sie ein Teil nach dem anderen in die Koffer warfen. Ich sah meinen Papa schon etwas länger nicht mehr. Wir stritten viel und er war oft wochenlang auf Geschäftsreise. Er kam mit dem Taxi Zuhause an, nach einem sechswöchigen Aufenthalt in Dubai. Anna und Mama saßen zusammen am Tisch, um auf ihm zu warten, als er lachend durch die Tür spazierte. Ich verzichtete auf das Wiedersehen mit ihm und verkroch mich unter meiner Bettdecke. Am Morgen dann die große Überraschung. Er begrüßte mich mit einem gezwungenen Kuss auf die Stirn, den ich sofort mit meinem Ärmel weg rieb. Kurz darauf wedelte er mit vier Flugtickets in den Händen am Frühstückstisch umher. Sofort wurde ich hellwach als ich begriff was vor sich ging. Ein geplanter gemeinsamer Familienurlaub. Die Hölle auf Erden für eine Familie, die gerade noch durch ein Stück Klebeband hielt.
„Dann fliegt ihr eben zu dritt. Ich bin alt genug, um alleine hier zu bleiben!“
„Die Reise ist schon gebucht. Wir fahren nur eine Woche, die wirst du schon überleben.“
Mama lächelte mich an. Ich sah zu Papa.
„Da bin ich mir nicht so sicher.“
Nachdem ich meine Augen verdrehte, ging ich die ersten Stufen der Treppe hinauf, als Papa mich plötzlich am Handgelenk packte. Ich sah ihn genervt an und wartete bis er etwas sagte.
„Was ist?“, fragte ich ihn mürrisch.
„Nichts. Ich wollte dich nur bitten mit uns zu kommen.
Ich habe euch schon so lange nicht mehr gesehen.“
Seine Stimme war sehr ruhig.
„Deine Haare sind gewachsen.“
„Deine auch. Ach stimmt, du hast ja keine!“
Ich ging weiter die Treppen hoch, als er mir nachrief.
„Pack deine Sachen Lizzy! Ich sag dir das nicht noch einmal.“
Wütend sah ich ihn an und schlug die Tür hinter mir so fest zu, dass der Knall die Wände fast zum Zittern brachte. Ich hatte keine Lust auf diesen Urlaub, vor allem nicht mit Papa. Ich lehnte mich an meine Zimmertür, um zu verhindern, dass er mir nachlaufen und in mein Zimmer stürmen würde. Es dauerte nicht lange und es klopfte an meiner Tür.
„Ich fange ja schon an zu packen!“
Doch es war nicht Papa, der klopfte. Anna stürmte herein und fing an fröhlich durch mein Zimmer zu hüpfen.
„Wir fahren in den Urlaub!“
Ich stöhnte auf und schmiss meinen Koffer auf mein Bett.
„Sei nicht so zickig!“
Ich zog meine Brauen nach oben und sah sie an. Sie schlug ihre Arme vor der Brust zusammen und quetschte ihre Lippen zu einer komischen Schnute zusammen.
„Hör auf mich so anzusehen.“
Sie schüttelte ihren Kopf und blieb weiterhin so stehen.
„Du kannst so lange da stehen wie du willst, es ist mir egal.“
„Ok. Und was machst du, wenn ich das hier mache?“
Sie stürzte sich zu Boden und rollte am Boden hin und her.
„Sag mal spinnst du?“
Um sie zu stoppen, versperrte ich ihr den Weg. Sie streckte mir die Zunge entgegen und wurde frech.
„Ich mach den ganzen Tag so weiter, wenn du nicht mitfährst!“
Kniend neben ihr, sah ich sie geschockt an, bevor ich lachte. Ich verdrehte leicht den Kopf und biss mir auf die Lippen. Erwartungsvoll sah sie mich an.
„Schon gut, du hast gewonnen. Ich muss ja sowieso mitfahren.“
Sie stand auf, hüpfte wild herum und sprang mich an.
„Juhuuu! Wir werden Pferdchen reiten gehen!“
Sie umarmte mich.
„Ganz sicher nicht.“
Ich flüsterte zu mir selbst und verdrehte die Augen, während sie aus meinem Zimmer hüpfte. Anna, meine kleine Schwester, freute sich auf ihren ersten Urlaub.
Sie war erst sechs Jahre alt. Viel zu jung für das alles hier. Viel zu jung, um es zu verstehen. Niemand hier verstand wirklich was vor sich ging. Wer versteht schon den Tod, nicht wahr? Ich leckte mir über meine getrockneten Lippen und stand auf. Es war schwer ohne Kraft in den Beinen die Straße entlangzugehen aber ich setzte es mir als Ziel in den Kopf. Die Sonne brannte auf mich herab, sodass ich mir mein Tuch noch etwas mehr über meinen Kopf zog. Ich wischte mir über mein Gesicht und leckte mir erneut über die Lippen. Ich hatte Durst. Seit zwei Tagen trank ich kaum noch Wasser und es war Wochen her, als ich das letzte Mal einen Überlebenden sah. Es war für einen Menschen fast unmöglich noch zu stehen, doch aus welchem Grund auch immer trieb mich etwas voran. Meine Zunge fühlte sich an wie ein ausgetrockneter Boden, dessen Risse sich weiter und weiter durch den vertrockneten Grund schlängelten. Ich spürte den Schweiß in meinen Stiefeln nach unten tropfen. Es fühlte sich an, als würde sich ein See in meinem Schuh bilden. Ein See aus Angstschweiß und Hitze. Die knorrigen Bäume und ausgetrockneten Seen, die man an manchen Stellen noch sah, boten keinerlei Schutz. Durch die fehlenden Blätter der sterbenden Äste, boten die Bäume weder Deckung noch Schatten. Es war wie ein Wunder einen Fluss zu entdecken oder einen See mit etwas Wasser, falls man das bisschen Rest in den großen Kratern im Boden überhaupt Wasser nennen konnte. Ich zwang mich dazu aufzustehen und ging weiter die Straße entlang. Die Hitze wühlte den Sand auf, der sich überall verbreitete.
Die Luft war trocken, stickig und es fiel mir schwer gleichmäßig zu atmen. Dürre entstand überall und meine Sicht wurde durch die starke Hitze und den Sand in der Luft eingeschränkt. Die toten Bäume, die verteilt unter dem Sand wuchsen, konnten sich kaum retten vor Sandschichten auf den kahlen Ästen. Selten saßen Raben auf den Baumkronen, doch mit etwas Glück konnte man eines dieser Lebewesen sehen. Doch noch seltener war es ein Dorf ohne Böses zu sehen. Mehrere Meter vor mir standen Häuser. Zwei oder drei. Sie waren schlecht zu erkennen, doch je näher ich auf sie zu ging umso größer wurden sie. Der Ballast der neuen Welt wurde den Hütten zu viel, weshalb manche neben dem Sand auf dem Dach auch andere Schäden erlitten.
Meine Hände griffen nach meinem Gürtel und langsam näherte ich mich den alten, verdreckten Dächern. Ich lauschte, aber es war nichts zu hören. Kein Wimmern, kein Jammern oder Heulen. Kein Schluchzten und kein Knurren. Meine Hände umschlangen noch immer fest meinen Gürtel, bereit zu handeln, falls das nötig wäre.
Ich blieb eine Weile einige Meter vor den Ruinen stehen. Drei alte, hölzerne Häuschen standen unmittelbar vor mir. Sie sahen verlassen aus. An einem fehlte die Türe, an dem anderen war ein großes Loch im Dach, durch das Sand ins Innere des Hauses gelang.
Kaputte Fensterscheiben lagen unter den Rahmen. Das Dritte der Dächer wurde schon mehrmals repariert, denn an einigen Stellen erkannte ich dazu genagelte Holzbretter. Als ich mich dem ersten Haus näherte, sah ich das die Tür einen Spalt offen stand. Ich zog mein Messer und bestieg die knarrende Veranda. Mein Herz schlug schneller und schneller, sodass ich Angst hatte das laute Schlagen meines Organs würde mich verraten, als ich meine Hand in Richtung Türknopf streckte. Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst, doch nichts passierte. Die Türe quietschte, wie man es von einer alten Holztüre gewohnt war, doch nichts lief auf mich zu, nichts geschah. Die Sonne schob sich sofort zwischen mir und der Türe hindurch und malte sich ihre Wege. Ich versuchte den Kopf so langsam wie möglich ins Innere zu strecken, um mich zu vergewissern alleine zu sein. Als ich mir sicher war, dass das Haus verlassen war, fing ich an es zu durchsuchen. Nichts. Kein Mensch, keines dieser Dinger und kein Wasser. Der Raum war verwüstet. Die Stühle und die Tische lagen teilweise kaputt verstreut im Zimmer. Töpfe und leere Dosen lagen in den Ecken. Der Kühlschrank, der inzwischen nicht mehr wie ein Kühlschrank aussah, stand offen. Schnell ging ich hinüber, schmiss mein Messer auf den Boden und durchwühlte den kleinen Kühler. Nichts außer abgelaufenes Fleisch, Fliegen und Gestank. Ich legte enttäuscht meinen Kopf in den Nacken und schlug mit meiner geballten Faust auf den Boden. Ich durchsuchte weiter den Raum, fand aber wie erwartet nichts Brauchbares. Mit einem misstrauischen Gefühl beschloss ich die Nacht hier zu verbringen und meinen versäumten Schlaf etwas nachzuholen. Mit letzter Kraft schob ich den Tisch vor die Tür. Die Fenster waren mit Vorhängen, von denen einige Fetzen fehlten, ausgerüstet. Ich zog sie zu und der Raum wurde etwas dunkler. Mit angezogenen Knien setzte ich mich zwischen zwei Fenster, gegenüber der Türe. Meine linke Gesichtshälfte wurde von einem der Sonnenstrahlen, die durch die Vorhänge auf mich herab schien, geblendet.
Ich überlegte in wessen Zuhause ich mich gerade befand. Der Raum, das gesamte Haus, würde niemals für eine Familie reichen. Es gab nur einen einzigen Raum, einen kleinen und etwas größeren Tisch und einzelne Stühle. Eine kleine Küchenzeile mit einem passenden Kühlschrank. Nicht einmal ein Bett befand sich in dem Raum. Vielleicht war es auch nur ein kleiner Pausenraum von Feldarbeitern, die hier in der Gegend arbeiteten und diese Hütte nutzten, um mittags zu kochen. Die Hütte konnte für alles Mögliche benutzt worden sein. Ich starrte auf die Tür, auf den Tisch, der sich davor befand und versuchte mir einzureden für heute Nacht hier sicher zu sein. Meine Füße zitterten und nach einiger Zeit wurden meine Augen schwer. Ich setzte mich aufrecht hin, um noch einige Minuten durchzuhalten, doch die Müdigkeit siegte und meine wackelnden Augenlider halfen mir in den Schlaf.
„Jetzt komm schon Lizzy!“, rief Anna und zog mich an der Hand.
Mit voll gepacktem Koffer verließ ich das Haus.
Anna hüpfte vor Freude hin und her. Mama und Anna saßen bereits im Auto, als ich meinen Koffer stehen ließ und nochmal zurück ins Haus rannte. Ich hüpfte die Treppen nach oben und wühlte in meinen Schubläden.
„Wo bist du nur?“
Ungeduldig kramte ich in einer Kommode nach der anderen, als plötzlich Papa hinter mir auftauchte.
„Suchst du die hier?“
Erschrocken sah ich in seine Richtung. Meine Kamera baumelte an seinem Handgelenk.
„Sie lag unten in der Küche.“
„Danke.“
Er nickte und gab mir die Kamera. Ich fing an die Schubläden zu schließen und die nach draußen hängenden Kabel wieder hineinzustopfen. Papa stand noch immer hinter mir, weshalb ich ihn einen fragenden Blick zu warf. Zögernd und schüchtern sah er mir dabei zu wie ich die Schubläden schloss. Als er bemerkte, dass ich wartete bis er aus dem Weg ging, begann er in seiner Tasche zu wühlen. Er kramte ein kleines Päckchen heraus, verziert mit einem grünen Schleifchen und reichte es mir.
„Was ist das?“
„Dein Geburtstagsgeschenk.“
Ich schüttelte den Kopf und weigerte mich es anzunehmen.
„Nimm es Liz, tu es für mich. Ich hab deinen Geburtstag verpasst. Als ich in der Nacht heim kam, hast du schon geschlafen. Du lagst so friedlich in deinem Bett, dass ich dich nicht wecken wollte. Spontan musste ich am Morgen danach wieder abreisen und konnte es dir nicht geben.“
Ich unterbrach ihn sofort.
„Das ist ganze vier Monate her. In diesen vier Monaten hast du es nicht geschafft mir nachträglich zu gratulieren, obwohl du einige Wochen nach meinen Geburtstag wieder Zuhause warst. Du hast nicht angerufen und mir keine SMS geschrieben. Du kannst es behalten.“
Wütend sah ich ihn an.
„Ich weiß.“
Erstaunt sah ich ihn an. Ich weiß? Er bekam nicht mehr über die Lippen als ein ich weiß? Ich stand kurz davor vor Wut zu explodieren. Wir standen da und sahen uns an, schweigend. Niemand sagte auch nur ein Wort. Ich verdrehte die Augen und stöhnte. Das Hupen des Wagens unterbrach die peinliche Stille. Mit der Kamera in der Hand ging ich seitlich an ihm vorbei.
„Mach die Tür zu sobald du nach unten gehst.“
Er gab mir keine Antwort und blieb in meinem Zimmer zurück. Schnell trampelte ich die Treppen nach unten und stieg in den Wagen. Ich ignorierte seine Blicke, als er aus dem Haus trat und die Tür verschloss. Als wir die Koffer im Auto verstauten, warfen wir noch einen letzten Blick auf unser Haus und fuhren los. Wir wohnten in einem großen Haus, mit Garten und Pool in einer Kleinstadt namens Sirina. Offene Küche, großes Wohnzimmer und jeder hatte sein eigenes Zimmer.
Anna's Zimmer sah aus wie in einer Märchenwelt für Prinzessinnen. Jedes einzelne Detail in ihrem Zimmer war rosa. Ob es die Vorhänge, die Bettwäsche, die Lampen oder die Kuscheltiere waren. Mein Zimmer dagegen war schlicht in den Farben grün und weiß. Es war kein besonderes Zimmer, hier und da Bilder an der Wand, ein großes Bett und einen passenden Kleiderschrank. Dennoch liebte ich es. Anna und ich scherzten im Auto, bis sie irgendwann einschlief. Sie war mit ihren sechs Jahren noch so kindlich und süß. In Ihrer Hand hielt sie ihr pinkes Einhorn Stofftier, das ich ihr zum sechsten Geburtstag schenkte. Ich steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren und tippte auf meine Musikliste. Die Bäume rauschten an uns vorbei, bis meine Augen schwer wurden und ich, wie auch Anna, einschlief. Als wir am Flughafen ankamen wachte ich auf. Wir checkten ein und es dauerte nicht lange da saßen wir schon im Flugzeug. Es gab kein Gedränge, die Menschen verhielten sich ruhig. Das Flugzeug startete und wir hoben ab. Mama krallte sich in den harten Armlehnen der Sitze ein und kniff ihre Augen zusammen. Sie hasste es zu fliegen. Ich dagegen genoss es am Fenster zu sitzen und die Wolken zu beobachten.
Sie waren weiß, fest und frei. Wie Zuckerwatte die man mit einer geschickten Handbewegung durchbohren könnte. Anna schlief nach kurzer Zeit ein und vergrub ihren Kopf auf meiner Schulter. Sie sah sogar wenn sie schlief unschuldig und süß aus. Ich sah zu Mama, die sich mit Papa über ihre Frühlingspläne unterhielt. Ich hatte kein Verständnis für sie.Vor ein bis zwei Wochen saß sie noch weinend wegen Papa am Tisch und jetzt lachte sie mit ihm als wäre alles vergessen. Ich drehte meinen Kopf wieder zum Fenster. Ich sah zu wie wir von der einen Wolke in die andere flogen, bis auch ich einschlief. Aus dem Taxi ausgestiegen blieben wir vor unserem Hotel stehen und blickten auf die mindestens 30 Stockwerke. Papa bezahlte den Taxifahrer, bevor er Mama den Arm um die Schultern legte und sich mit uns das Hotel ansah. Annas Augen wurden riesig.
„Woow“
Sie fing an herumzuspringen und zog mich die ersten Stufen zur Eingangstür hoch. Zwei große Marmorpfosten hielten das Vordach über der Tür. Ein Mann mit einem Anzug öffnete uns die Tür. Mama bedankte sich und zusammen betraten wir die Lobby. Es war riesig, und überall liefen Menschen mit dem Personal hin und her. Große Pflanzen standen in den Ecken. Sofas mit kleinen Tischen waren überall und mehrere Gänge und Treppen schlichen sich in andere Räume. Das Personal trug lustige Hüte und Uniformen mit ihren Namen darauf. Sie sahen alle gleich aus, bis auf die unterschiedlichsten Haarfarben und Gesichtern.
An der Rezeption wartete eine Frau mit dunklen Haaren auf uns und übergab uns einen der vielen Schlüssel hinter ihr. Sie erklärte uns unseren Weg und wank uns eine Dame herbei. Ein junges Mädchen mit orangenen Haaren, die ein Schildchen mit der Aufschrift Clara trug, führte uns zu einen der Aufzüge. Mit einem Wagen nahm sie uns unsere Koffer ab und drückte einen Knopf im Aufzug, bevor sie verschwand. Einen kurzen Augenblick blieb der Aufzug stehen, bevor er sich schloss und nach oben fuhr. Furchtbare Aufzugmelodie begann zu spielen. An einer Anzeige über den vielen verschiedenen Knöpfen, war ein digitaler Pfeil zu erkennen, der nach oben zeigte und nach jeder Sekunde die Zahl änderte. Niemand stieg ein, was mich nicht wunderte bei den fünf Aufzügen, die ich bis jetzt sah.
Der Aufzug blieb stehen und öffnete die Tür. Ich sah auf die Anzeige, an der groß die Zahl 14 stand. Clara wartete mit ihrem Kofferwagen neben dem Aufzug auf uns. Mit perfektem Deutsch fing sie an zu reden.
„Willkommen in Hotel Gramour. Ihr Zimmer befindet sich im vierzehnten Stock. Frühstück beginnt um 08.00
Uhr morgens und endet um 10.00 Uhr. Es gibt eine große Auswahl an Brötchen, Gebäck und anderen Köstlichkeiten.“
Ich überlegte wie oft sie diesen Satz wohl schon sagen musste. Ihr orangenes Haar war unter ihrem Hütchen zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden, was ein bisschen lustig aussah.
„Abendessen, beginnt um 17.00 Uhr und endet um 19.00 Uhr. Mittagsspeisen können auf Wunsch gemacht werden. Unser Hotelrestaurant steht ihnen zu fast jeder Zeit zur Verfügung.“
Sie redete noch weiter über die Öffnungszeiten des Schwimm- und Fitnessbereiches, über die Nachtruhe und weiteren Regeln des Hotels. Ich konzentrierte mich viel mehr auf die Zimmertüren an denen wir vorbei gingen. 663, 665, 667, und so weiter. Jedes mal wurde eine Zahl übersprungen was mich wunderte aber nicht störte. Unser Zimmer hatte die Nummer 689. Clara hob unsere Koffer von den Wagen und stellte sie auf dem Boden ab.
„Viel Spaß in ihrem Zimmer und einen schönen Aufenthalt in Prag und unserem wunderschönen Hotel“
Sie nickte uns noch einmal kurz zu, bevor sie uns den Rücken kehrte und verschwand. Mama grinste uns an und öffnete das Zimmer. Sofort schlängelte sich Anna, mit ihrem pinken Einhorn in der Hand, zwischen uns und lief durch das Zimmer. Das Zimmer war sehr hell und schlicht in weiß und schwarz gehalten. Ein großes Bett stand in der Mitte, zwischen zwei kleinen Nachttischchen. Rechts befand sich eine Tür die vermutlich zum Badezimmer führte. Als ich in der Mitte des Raumes, neben dem großen Bett, stand bemerkte ich das etwas ältere Stockbett. Anna stand, mit ihren Händen gegen die große Glasfront gequetscht, am Fenster und sah nach unten. Ich setzte mich auf das Bett und betrachtete weiterhin unser Zimmer. Es war nicht wie erhofft ein Zimmer, das sich abgetrennt von dem anderen befand, sondern ein großes, das ich mir mit drei Menschen teilen musste.
„Mach Platz!“
Anna zog mich aus meinen Gedanken. Sie schmiss sich mit ihrem Fliegengewicht auf mich und fing an zu lachen.
„Kommt Mädels wir laufen noch ein bisschen durch die Stadt.“
Mama streckte ihre Hand nach Anna aus.
Ich legte meinen Koffer auf den Boden, klappte ihn auf und zog meine Tasche heraus. Schnell suchte ich noch meine Kamera und steckte sie mit meinem Geldbeutel und meinem Handy in die Tasche. Um in die Lobby zu gelangen, fuhren wir mit dem selben Aufzug wie vor einigen Minuten nach unten. Ich beobachtete den digitalen Pfeil, der nun nach unten zeigte und von 14 Rückwärts bis 0 zählte. Wir verließen das Hotel und ließen uns davor noch einen U-Bahn Plan geben. Ich nahm Anna an die Hand und wir gingen über die Straße.
Sie hasste es an meiner Hand zu laufen und obwohl sie es schon lange nicht mehr nötig hatte zwang ich sie dennoch dazu. Der Verkehr war ruhig, und nicht viele Menschen waren zu sehen. An der U-Bahn-Station angekommen versuchten wir den Plan zu lesen und stiegen in die erste Bahn. Wir suchten uns einen Sitzplatz und ich ließ Anna auf meinem Schoß sitzen.
Papa nahm Mama wieder in den Arm und sie lachten sich an, bevor sie sich küssten. Die Bahn hielt an und wir stiegen gemeinsam aus. Alles klappte und wir kamen in der Innenstadt an. Prag war eine schöne Stadt.
Überall alte Häuser, wunderschöne Gebäude, Sehenswürdigkeiten und verrückte Läden. An allen Ecken standen verkleidete Menschen, Touristen und Verkäufer. Leute liefen mit Stelzen an mir vorbei, fuhren mit Segways durch die Gegend und aßen Eiscreme mit bunten Smarties. Meine Mama holte sich einen Stapel Flyer, um die Woche zu planen. Wir liefen durch die Gassen und die Läden, um uns ein bisschen umzusehen.Zwischen den einzelnen Pflastersteinen, auf denen wir gingen, wuchs Gras oder es klebten Kaugummis in den Fugen. An einer Eisdiele machten wir halt und kauften uns ein Eis. Wir setzten uns auf eine Bank, die ein bisschen außerhalb der Menschenmassen auf dem Platz stand. Mama und Papa unterhielten sich über unseren Garten während Anna sich immer noch auf ihr Eis konzentrierte.
Taxis hupten und es gab viel zu sehen, es war lebendig im Vergleich zu Sirina. Anna leckte immer wieder an ihrem Eis aber aus irgendeinen Grund wurde es nicht weniger. Lachend ließ sie zu, dass Eiscreme über ihr Kinn lief und zu Boden tropfte. Mama und Papa lachten mit ihr und putzen ihr mit einem Taschentuch das Kinn ab. Plötzlich hörte ich jemand aus der Gasse hinter uns ungewöhnlich laut husten. Ich stand auf, um nach zu sehen. Langsam ging ich einige Schritte vorwärts, um den Hustenden zu finden. Ich ging über die Pflastersteine weiter in die Gasse. Häuser standen dicht an einander gepresst und Metallschlösser sicherten die Türen. Umso weiter ich hinein ging, umso enger und dunkler wurde es. Ich hatte ein ungutes Gefühl, beschloss aber dennoch weiterzugehen. Eine Hauswand neben mir endete. Ich ging zwei weiter Schritte nach vorne als ich den Hustenden gegenüber von mir an einer Hausmauer sah. Ein Mann lehnte sich mit seiner Hand an die Mauer, während er mit seiner zweiten Hand seinen Mund zu hielt. Seine Hose war zerrissen und sein grauer Pulli war dreckig. Er stand mit dem Rücken zu mir und sein Kopf ging mit jedem Husten, das er von sich löste weiter nach unten. Seine Hand löste sich von seinem Mund und rote Flüssigkeit tropfte auf den Boden. Wie angewurzelt stand ich da und sah ihn an.
„Geht, geht es Ihnen gut?“
Auf einmal bewegte er sich und sein Kopf drehte sich rasend schnell in meine Richtung.
„Verschwinde!“
Er schrie mit Akzent und sah mich mit unterlaufenen Augen an. Seine Augen waren kühl und die Flüssigkeit, die aussah wie Blut, verzierte seinen Mund. Er sah krank aus, als würde er dringend Hilfe brauchen. Ich ging mehrere Schritte zurück, bevor ich mich umdrehte und zurück zur Bank lief.
„Die Leute hier sind unfreundlich.“, sagte ich und blickte weiterhin in die Gasse.
„Du verstehst hier doch kein Wort, Liebes.“
Mama lachte und grinste mich an.
„Ich versteh genügend.“
Mit einem letzten Blick ins Dunkle, verschwanden wir und gingen auf gleicher Strecke zurück. Ich drehte mich noch einmal um, bevor Anna meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Wo gehen wir als nächstes hin?“
„Wo willst du denn hin?“
Ich nahm sie bei der Hand und lächelte sie an. Mit einem frechen Grinsen im Gesicht kniff sie ihre Augen leicht zusammen und flüsterte.
„Pferdchen?“
Wir lachten und fingen an schneller zu gehen. Als wir kurz davor waren zu laufen, schrie Mama wir sollen langsamer gehen damit wir uns nicht aus den Augen verlieren. Es war nicht nötig weiter zu laufen, denn wir fanden unsere Pferde, weggesperrt hinter einem riesigen Holzzaun.
„Die sehen nicht aus, als wären sie glücklich hinter dem Holz.“, nuschelte Anna. Papa zog uns von hinten an den Armen und meinte wir sollen lieber Abstand halten.
Ohne zu widersprechen, folgten wir Mama und Papa zurück zur U-Bahn. Anna, die enttäuscht an meiner Hand lief wie ein Hund an einer Leine, schoss mit ihren Füßen kleine Steine über den Boden der Innenstadt. Als wir bereits in der Bahn saßen, unterbrach Anna unsere Stille. Ich sah Mama und Papa dabei zu wie sie sich eine kleine Sitzbank teilten und sich zusammen kuschelten und lachten.
„Mama und Papa sind glücklich. Das macht mich auch glücklich.“
Ich gab ihr ohne zu zögern eine Antwort.
„Gewöhn dich nur nicht daran, das geht wieder vorbei.“
Ein viel zu harter Satz für eine Sechsjährige. Ich spürte ihren Blick, der mich förmlich durchbohrte. Niemand von uns beiden redete weiter. Wir verließen die Bahn und gingen zurück ins Hotel. Der Fernseher lief und als Papa sich vor die deutschen Nachrichten stellte, legte Mama die Fernbedienung zur Seite. Hinter ihm lief ein Video, dass ein Erdbeben zeigte. Der Nachrichtensprecher erzählte, dass weltweit Naturkatastrophen ausbrachen und die Krankenhäuser in den jeweiligen Orten voll belegt waren. Außerdem begann der Saharastaub sich überall zu verteilen. Ich runzelte die Stirn und achtete auf die nervösen Augen der Sprecherin, die versuchte ihre Angst zu überspielen.
Mein Papa unterbrach das Schweigen, indem er sich vor den Fernseher stellte und vorschlug, noch eine Kleinigkeit in der Hotellobby essen zu gehen. Anna und Mama waren sofort einverstanden, nur ich beschloss noch kurz zu bleiben und in wenigen Minuten zu ihnen zu kommen. Es waren keine Einwände zu hören und Mama verließ mit Anna als erstes das Zimmer. Papa blieb noch für einen Moment im Türrahmen stehen.
„Soll ich dir etwas zu trinken mit bestellen?“
„Nein schon ok, das schaff ich selbst.“
Er zögerte.
„Hör mal Liz, ich weiß unser Verhältnis ist angespannt aber..“
Er unterbrach kurz als ich ihm tief in die Augen sah.
„… können wir unsere Probleme nicht vergessen?
Wenigstens für diese Woche?“
Mit hoch gezogenen Augenbrauen sah ich ihn an, bevor ich dabei an Anna dachte.
„Nur für diese eine Woche und denk daran, ich tu das nicht für dich.“
Mit angestrengten Lächeln dankte er mir, bevor er die Tür schloss und verschwand. Ich schmiss mich aufs Bett und kramte mein Handy aus der Tasche. Kein Netz.
Kein Wlan. Keine Chance irgendjemanden zu erreichen.
Sogar der Fernseher ging schlagartig aus. Ich drückte an der Fernbedienung sämtliche Tasten, doch nichts geschah. Draußen hallte plötzlich eine laute Sirene durch die Fenster. Ich sprang von der Matratze auf und ging zur Scheibe. In der Dunkelheit fuhren mehrere Krankenwägen und Streifenwagen die Straße entlang.
Die Autos fuhren auf die Seite, um die lauten Einsatzwägen hin durchzulassen. Sie sammelten sich und der normale Verkehr entstand wieder. Ich schob die Vorhänge zu und beachtete die Straße nicht weiter.
Langsam fuhr ich mit den Aufzug nach unten und setzte mich zu meiner Familie an den Tisch, um noch eine Kleinigkeit zu essen. Papa tauchte auf und setzte sich auf den Platz neben mir. Ich bemerkte sein Fehlen kaum.
„Das dauerte aber lange.“, sagte meine Mama verwundert.
„Komisch, die Dame an der Rezeption meinte es fehlen plötzlich vier ihrer wichtigsten Angestellten, da sie allesamt krank wären.“, gab er ihr zur Antwort. Ich streckte meinen Kopf an ihm vorbei und versuchte die Dame an der Rezeption durch die aus Glas bestehende Raumteilung zu sehen. Der Essenraum, indem wir saßen war nur wenige Meter entfernt von der Lobby. Die Frau diskutierte lautstark mit einem Gast, der mit seinem Sohn in der linken und den Koffer in der rechten Hand vor dem Tresen stand. Er brüllte sie vermutlich an, denn er riss seinen Mund weit auf und zeigte mit der Hand nach draußen. Mit voller Wucht klatschte er gegen den Tresen, sodass die Dame und selbst ich erschraken. Er verließ das Hotel. Sein Sohn zog einen kleinen bunten Koffer hinter sich her und blickte der Dame noch ein letztes Mal in die Augen. Sie ließ sich nach hinten in ihren Stuhl fallen und pustete sich die Haare aus dem Gesicht. Mein Blick, der fest an ihr haftete wurde dunkel als ich auf die Schürze eines Obers blickte. Ich schüttelte meinen Kopf, kniff die Augen zusammen und konzentrierte mich auf die Stimme des Obers. Er nahm die Bestellung meines Getränks auf und übersetzte mir die Speisekarte. Er sprach brüchig meine Sprache, doch schaffte es verständlich zu übersetzen. Ich bestellte Bratkartoffeln mit geräucherter Forelle. Durch ein komisches Gefühl in meinem Bauch hatte ich plötzlich keinen Hunger mehr und tat mich anschließend schwer einzuschlafen.
Wie erwartet schlief ich nicht lange. Ich wachte zusammengekauert auf den alten Holzboden der Hütte auf. Nichts hatte sich verändert, alles befand sich dort, wo es sich auch gestern schon befand. Die Hoffnung das alles nur ein Albtraum ist, platzte erneut. Das tat sie jedes Mal nachdem ich aufwachte. Langsam kauerte ich mich auf und blieb noch einen Moment still sitzen und starrte die Wand an, bevor ich mich aufrappelte. Ich zog die zerfetzten Vorhänge beiseite und hielt Ausschau nach Bösem. Nichts war zu sehen, nichts war zu hören.
Ich zog sie wieder zu und kramte in meinem Rucksack.
Eine leere Trinkflasche, ein zweites Messer, eine Menge verstreuter Sand, mein Tagebuch mit einem ausgetrockneten Kugelschreiber, Annas Miniatur-Einhorn, meine Kamera, dessen Akku schon lange Zeit verbraucht war, und ein altes Bild von mir und meiner Familie. Das Einhorn steckte ich in ein Seitenfach meines Rucksacks, um es nicht immer sehen zu müssen sobald ich den Rucksack öffnete. Ich hörte auf in mein Tagebuch zu schreiben, lange bevor der Stift austrocknete. Die Seiten würden nicht reichen, um all das Geschehene niederzuschreiben. Ich setzte mich auf den Boden, zog meine Füße gegen die Brust und schleuderte meinen Rucksack gegen die Wand rechts von mir. Mit einem kurzen zögern kramte ich das Buch heraus und schlug es auf. In den ersten Seiten schrieb ich hauptsächlich über Fin, den Jungen aus der Klasse über mir. Über Jenna, meiner besten Freundin und meinen Mathelehrer Clark. Clark, oder besser gesagt Herr Holm, war nicht nur der hübscheste Mathelehrer, den ich jemals sah, sondern auch der lustigste. Er machte aus jeder dämlichen Matheformel eine Lachnummer, wodurch ich sie mir besser merken konnte. Jeder verliebte sich in ihn, ja wirklich jeder. Ich dagegen fand ihn nur als meinen Lehrer toll und schrieb mir seine Tipps zum Merken meiner Formeln auf.
Meine Augen gehörten nur Fin. Er war nicht nur der beliebteste Junge der Schule, sondern auch ein ziemlich guter Schüler. Seine braunen Haare sahen aus wie eine Tafel Schokolade, die es kaum erwarten konnte gegessen zu werden. Ich blätterte weiter und mehrere Bilder von mir und Jenna flogen auf meine angewinkelten Füße. Eines der Fotos erkannte ich sofort. Ich hielt es zwischen meinen Finger und wünschte mir diesen Moment noch einmal erleben zu dürfen. Es war Februar, achte Klasse. Wir verkleideten uns als pinke Monster und gingen mit unseren Anzügen durch die Flure der Schule. Wir hatten Freistunde und nur die Schüler der achten Jahrgangsstufe waren in der Schulaula. Lachend liefen wir in unseren Anzügen herum. Einige der Schüler lachten uns aus, andere lachten mit uns. Emma, eine Freundin, schmiss Konfetti über unsere Köpfe und knipste das Bild. Ich liebte dieses Bild. Es erinnerte mich an die Zeit, in der ich lachte, ohne es zu planen. Ich schob das Bild zurück in das Tagebuch und blätterte weiter. Ich fing an die ersten Worte zu lesen, als ich das seltsame Geräusch hörte.
Sofort klappte ich das Buch zu und starrte gegen die Türe. Am Anfang waren es nur leise Geräusche, bis sie näher kamen. Motoren. Es hörte sich an als würden Autos fahren. Ich sah schon Ewigkeiten keine Autos mehr fahren. Schlagartig stand ich auf und warf mir meinen Rucksack über die Schultern. Ich befand mich schon an der Tür als ich Stimmen hörte. Anfangs nur Gelächter, bis jemand schrie.
„Schaut auch in den Häusern nach, ob ihr was findet.“
Irgendetwas klickte, Waffen. Ich bekam sofort Gänsehaut und spürte wie sich meine Muskeln zusammen zogen. Langsam ging ich einige Schritte rückwärts, als jemand gegen die Tür schlug.
„Hei Chef, die hier ist abgeschlossen.“
Mehrere Fäuste schlugen gegen die Tür und der Tisch fing an sich zu bewegen. Ich suchte einen Ausweg und bekam plötzlich panische Angst. Die Menschen machten mir mehr Angst als diese Dinger dort draußen.
Schnell zog ich die Vorhänge auseinander und riss das Fenster auf der Rückseite der Hütte auf. Da das Haus nur aus einem Raum bestand, musste ich nicht springen oder klettern, um auf die Fensterbank zu gelangen. Mein Rucksack verfing sich an einem Nagel. Ich stöhnte auf als ich mit meinen Rücken gegen die Fensterbank prallte. Ich knallte mir meine Hand gegen den Mund, damit niemand auf mich aufmerksam wurde. Mein Herz pochte, ich befürchtete sogar, dass es laut genug schlagen könnte, um mich zu verraten. Leise rutschte ich aus einer der Schlingen meines Rucksacks und befreite ihn von dem Nagel. Ein leichter Windhauch durchfuhr meine Haare, als ich mit den Rücken die Hausmauer entlang schlich. Ich zog mir mein Tuch über den Kopf und leckte über meine noch immer ausgetrockneten Lippen. Trotz dem Gefühl auszutrocknen, musste ich verschwinden. Man musste sich vor den noch lebenden Menschen genau so in Sicherheit bringen, wie vor den Toten. Die Fäuste schafften es die Tür einzuschlagen und Schritte breiteten sich in der Hütte aus. Ich blinzelte um die Ecke der letzten Hütte und fing an zu laufen, als ich die leeren Autos sah. Plötzlich traf mich ein Stock mit voller Kraft mitten im Gesicht. Die Wucht des Schlages schleuderte mich zu Boden und ich fing an mich zu übergeben. Ich lag mit dem Rücken auf den heißen Sand, der sich durch meine Kleidung bohrte. Ich kniff sofort meine Augen zusammen. Mir wurde schwindelig. Meine Nase blutete.
Meine Wange brannte. Alles in mir bebte, mir war heiß und mein Kopf fühlte sich an als würde er sich in alle Richtungen drehen. Ich versuchte mich aufzusetzen, doch der Versuch scheiterte, als die Übelkeit zurückkam. Ich musste mich bemühen meine Augen wieder aufzumachen, so schwer waren sie. Im Sand des Bodens spürte ich Schritte, die auf mich zukamen und den heißen Sand aufschleuderten. Mein Kopf tat höllisch weh. Ich konnte nicht gleichmäßig atmen. Ich versuchte etwas zu sagen aber als ich meine Mund öffnete schmeckte ich nichts als Blut. Alles was ich sah war eine Art Nebel, der sich über meine Augen legte, bevor mein Kopf wieder auf dem Sand landete und ich das Bewusstsein verlor.
Als die Seuche, oder wie auch immer die Leute das ganze hier nannten, ausbrach, waren wir in einer Stadtführung mit einem wirklich süßen Tourguide. Anna lief wie immer an meiner Hand und gemeinsam trotteten wir hinter den jungen Mann her.
„Boah ist das langweilig hier.“, maulte Anna.
„Findest du die vielen wunderschönes Häuser etwa nicht toll?“ fragte ich mit einer Ironie, die kaum zu überhören war. Wir lachten und holten Mama und Papa ein, die mehrere Schritte vor uns gingen. Anna wurde ungeduldig und riss sich von meiner Hand. Als ich realisierte, wie weit sie sich von uns entfernte, schrie ich mehrmals ihren Namen, bevor ich anfing zu laufen.
Mama und Papa bemerkten meine Schreie sofort und liefen mir nach. Anna näherte sich der Hauptstraße, als sie eine davon laufende Katze verfolgte, als ob sie ein Hund wäre.
„Anna, bleib stehen!“
Mama schrie hinter mir. Ich verschwand in der Menschenmasse und Mama verlor den Überblick über uns beide. Meine Schwester verschwand aus meinem Blickfeld, als sich mehrere Menschen vor mir kreuzten.
Ungeduldig schlängelte ich mich hindurch und bemerkte Annas Schuhe, die nur noch mehrere Meter von mir entfernt waren. Sie lief gerade auf die Straße, als ich sie in letzter Sekunde gewaltsam an der Schulter packte und nach hinten zog. Autos fingen an zu hupen und quietschende Reifen waren zu hören. Ich landete mit den Rücken auf den Boden, wodurch Anna auf mich fiel. Meine Arme schlangen sich um ihren kleinen Körper und ließen nicht locker. Als ich meinen Griff öffnete, sprang sie von mir und wurde blass.
Erschrocken stand ich auf und blieb auf meinen Knien am Boden sitzen. Ich holte tief Luft und bildete meine ersten Wörter auf der Zunge als sie anfing zu weinen.
Mama und Papa blieben hechelnd neben uns stehen.
Ohne zu überlegen fing Papa an sie anzuschreien.
„Sag mal spinnst du? Was hast du dir dabei gedacht Anna? Hier fahren Autos und es ist gefährlich! Mach sowas noch einmal und ...“
Er packte sie am Arm, als ich seine Hand wegschlug und sie verteidigte.
„Lass sie in Ruhe! Sie weiß, dass das ein Fehler war, ok?“
Meine Augen prallten mitten in seine. Er sah wütend aus und zog seine Augenbrauen zusammen. Anna stand immer noch weinend vor mir. Ich sah zu ihr und flüsterte.
„Du machst das doch nicht wieder, oder?“
Sie schüttelte erschrocken den Kopf und ließ sich in meine Arme fallen. Mit nass geweinten Gesicht klebte sie an meinem Brustkorb und rotzte mich voll. Mama kam näher, nachdem sie mit Papa diskutierte und streichelte ihr über den Kopf. Die Lage beruhigte sich und Anna wandte sich von mir ab. Selbstständig zog sie sich ein Taschentuch aus Mama's Tasche und wischte sich das Gesicht ab. Mama drückte sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr während Papa mit verschränkten Armen hinter uns stand und zusah. Ich wich seinen Blick aus, der nun auf mich gerichtet war. Als er näher kam und wir alle auf einem Fleck standen, uns schweigend beruhigten, fuhren plötzlich mehrere Streifenwagen und Notärzte an uns vorbei. Es war eine richtige Schlange, die sich bildete und die Hauptstraße entlang fuhr. Die Menschen hinter uns fingen an zu reden, doch ich verstand kein Wort. Papa legte die Hand auf meine Schulter.
„Kommt schon wir gehen weiter.“
Wütend stieß ich seine Finger von meiner Schulter und suchte nach Annas Hand. Mit ihrer kleinen zitternden Hand griff sie nach mir und wich mir nicht von der Seite. Mama und Papa liefen neben uns, doch nicht mehr Hand in Hand, sondern links und rechts von uns beiden. Obwohl es nicht so aussah, wusste ich das Papa in diesem Augenblick überfordert war und nachdachte.
Mama überlegte vermutlich, ob sie eher handeln hätte sollen und machte sich vermutlich Vorwürfe. Aber anstatt über sich selbst nachzudenken, hätte sie sich lieber Gedanken über die aufgewühlte Stadt machen sollen. Das wir unseren süßen Stadtführer nicht mehr finden würden war uns klar, doch was dann vor sich ging war viel schlimmer als unseren Stadtführer zu verlieren. Die Menschen liefen schreiend durch die Gegend und machten Platz für die vielen Ärzte. Papa packte Anna und hob sie zu sich hoch. Wir standen dicht aneinander und sahen uns die Lage der Stadt an. Massen an Menschen flüchteten in Häuser, Autos oder öffentlichen Verkehrsmittel. Als sich der Boden langsam von den vielen Füßen befreite und man das Pflaster erkennen konnte, bemerkte ich den Ernst der Situation.
Papa hielt Anna die Augen zu und zog mich mit seiner freien Hand näher an sich. Mama bohrte ihr Nägel in meinen Arm und ließ mich nicht mehr los. Ein Dutzend blutender Menschen lag verletzt am Boden. Sie hatten Kratzer und es sah aus als hätte man ihnen Löcher in die Haut gebissen. Hupen unterbrach das Schreien vieler Menschen und Rauch schlich sich durch die Hausdächer. Männer und Frauen mit weißen Kitteln stürzten sich auf die am Boden liegenden Personen. Wie angewurzelt blieb ich stehen, als Mama und Papa sich umdrehten und in die Richtung der U-Bahn gingen.
„Lizzy!“, schrie Mama und zog mich mit ihren Fingern näher an sich. Wir liefen die Treppen nach unten und sahen das Ausmaß der Katastrophe. Wellen der Menschen stürzten sich auf den Treppen nach unten und schlängelten sich an uns vorbei. Eine humpelnde Frau zog mich ein Stück nach unten und riss mich von Mamas Hand, die aber sofort wieder an mir klebte, als sie mich einholte. Einige purzelten die Treppen nach unten, und wurden ohne Mitgefühl überrannt. Anna presste ihre Hände gegen ihre Ohren und kniff sich die Augen zu. Die digitalen Tafeln der U-Bahn hatten ein Störsignal. Sie blinkten und veränderten andauernd ihr Bild. Das Ausmaß der Katastrophe nahm seinen Lauf, als die Bahn in Schritttempo einfuhr. Die Menschen drängelten sich nach vorne, um als erstes in die Bahn zu kommen. Viele von ihnen schrieen, weinten oder bluteten. Überall herrschte Panik. Plötzlich fielen Menschen auf die Gleise. Ich schrie auf und drückte mich an Mama. Obwohl ich mir am liebsten die Augen zugehalten hätte, konnte ich nicht weg schauen. Eine Frau stand plötzlich wieder auf und riss ihre Hände nach oben, um nach anderen zu schnappen. Doch es gab keine anderen. Niemand war bereit der Frau zu helfen.
Niemand griff nach ihr. Frauen, Männer und Kinder stürzten sich die Treppen nach unten. Immer mehr wurden einfach überrumpelt. Papa presste sich gegen das Gelände der Treppe, um nicht mit gerissen zu werden. Mama zog mich hinter sich her und wir schmiegten uns an ihn. Sie zitterte vor Anst. Ich sah zu wie die Bahn die Menschen am Gleis erreichte und unter sich erdrückte. Trotz der niedrigen Geschwindigkeit riss sie die Menschen in die Tiefe unter sich. Die Frau schrie und ihre Tränen flogen durch die Luft, als sie nach hinten gerissen wurde und die Bahn sie unter sich begrab. Menschen, die nicht bereit waren ihr zu helfen, schrieen und einige fingen sogar an zu schluchzen. Für die Menschen auf den Gleisen war es nun zu spät. Falls einer von ihnen unter der Bahn überlebte, würden sie bei der Weiterfahrt der Waggons getötet werden. Als die Bahn stehen blieb, öffneten sich die Türen und die Menschen stürzten hinein. Es war zu laut um die Durchsagen des Personals zu verstehen, außerdem hätten wir sie sowieso nicht verstanden. Als die Bahn sich füllte und gewaltsam die Türen versperrte, quetschte sie die Hand eines Mannes ein. Er streckte seinen Arm nach seiner Tochter aus, die vor der Bahntür am Boden lag. Sie blutete aus der Nase und den Mund und sah nicht ansprechbar aus. Die Türe öffnete sich einen Spalt, schloss sich wieder und fing an zu fahren.
Der Mann klatschte von innen gegen die Scheibe, um die Türe erneut zu öffnen. Er brüllte hysterisch und mit jedem Mal, das er gegen die Scheibe klatschte, verbreitete er Blutabdrücke auf dem Glas. Die Bahn fuhr überfüllt im Schritttempo los und der Mann verschwand im Tunnel. Als nach einigen Sekunden die lange Bahn an uns vorbei rauschte, war der gesamte Bahnsteig noch überfüllt mit Menschen. Es wurde weniger Menschen die an uns vorbei sausten, um nach unten zu gelangen. Stattdessen liefen einige wieder nach oben, andere setzten sich auf den blutigen Boden neben ihre Angehörige und weinten oder warteten auf den nächsten Zug. Keiner der Personen, die auf dem Gleis landeten, überlebte. Sie wurden zerquetscht und erdrückt und hatten keine Chance. Überrannte Kinder lagen auf den Boden und zeigten keinerlei Reaktion.
Mama zog mich nach oben, um das viele Blut nicht zu sehen. Dort angekommen hörten wir die Schreie, die auch von Anna kamen. Mama begann vor Schreck zu weinen. Papa dagegen sah geschockt die Treppen nach unten. Ich wischte mir mit den Ärmeln meiner Jacke über die Wangen und schluckte mehrmals. Doch als ich mich umdrehte und in die Stadt blickte wurde mein Schock nur größer, als er bereits war. Autos rauchten und lagen in Gebäuden oder prallten gegen andere Autos. Zerfetzte Klamotten lagen herum und verlassene Busse standen an den Haltestellen. Ein Kleinkind mit geschätzten vier Jahren stand an einem Baum. Sie weinte und schrie bitterlich. Die Mutter war nirgends zu sehen. Niemand half ihr. Vor Schreck liefen die Menschen herum, rammten uns und schrieen. Ich presste Mamas Hand fest zusammen.
„Mama wir müssen hier weg!“
Ich schrie sie an. Sie schielte mit ihren Augen hin und her bis sie mich ansah und mit gestockten Atem nickte.
Ich zog mein Handy aus der Tasche heraus und wählte die Notrufnummer. Alle Leitungen waren belegt. War das überhaupt möglich? Auch beim zweiten Mal hob niemand ab. Ich versuchte es aber trotzdem immer und immer wieder. Papa setzte Anna ab und wir alle sahen uns einen Moment an. In den drei Augenpaaren vor mir spiegelte sich Verzweiflung, Angst, Überforderung und dennoch etwas Hoffnung. Es kam mir vor als würden die drei warten, bis ich etwas sage und einen Plan habe.
Ich rieb mir am Kopf und versuchte klar zu denken.
Kniend hob ich mit meinen Händen Annas Kopf nach oben und sah ihr in die Augen. Ich wischte ihre Tränen weg und begann zu sprechen.
„Anna, du musst jetzt aufhören zu weinen und an meiner Hand laufen hast du das verstanden?“
Als sie mir nicht sofort eine Antwort gab, fragte ich sie erneut.
„Verstanden?“
Sie nickte und griff nach meiner Hand. Wir liefen zusammen die Hauptstraße entlang. Anna lief an meiner und Mamas Hand. Sie war still. Um ehrlich zu sein hab ich sie noch nie so still erlebt. Papa lief neben mir und gemeinsam wählten wir die Richtungen, in die wir liefen. Wir gingen eine Straße entlang, die aus der Stadt raus führte und bemerkten die Menschen, die sich in ihre Häuser einsperrten. Niemand war bereit uns ein Zeichen zu geben, um sich mit ihnen in das Haus zu schließen oder um uns auch nur im geringsten zu helfen.
Im Gegenteil, sie saßen an den Türen und versuchten sie mit Stühlen von innen zu verschließen. Die laute Sirene wurde leiser umso weiter wir aus der Stadt hinaus liefen. Wir wurden langsamer als Annas kleine Füße sie nicht mehr trugen. Ein Taxi kam uns entgegen. Ich blieb stehen und wank wie verrückt, in der Hoffnung der Fahrer würde uns mitnehmen. Eine Frau lag bewusstlos am Beifahrersitz. Ihr Gesicht war blass und ihre Mundwinkel hingen schlaff nach unten. Plötzlich griff eine Hand vom Rücksitz nach vorne und riss die Kehle des Fahrers auf. Blut strömte aus seinen Hals und er verlor sofort die Kontrolle über das Steuer. Der Fahrer löste sich vom Lenkrad und griff mit beiden Händen nach seinen Hals. Ich zog Anna zurück und versuchte selbst nicht hinzusehen, versuchte mich zu kneifen und endlich aufzuwachen. Doch es war kein Traum, es war Realität, die sich innerhalb weniger Sekunden verschlimmerte. Mit weit aufgerissenen Augen öffnete der Fahrer seinen Mund und versuchte nach Luft zu schnappen, während nicht nur die Scheibe, sondern auch alles um ihn herum mit Blut bespritzt wurde. Die Hand vom Rücksitz war jedoch wie verschwunden. Das Auto zog nach links und steuerte geradewegs auf einen Baum zu. Durch den lauten Aufprall, zuckte Mama zusammen und duckte sich. Das Taxi prallte gegen den Baum, überschlug sich und rutschte knirschend auf dem Dach liegend auf uns zu. Funken sprühten. Ich legte mir sofort schützend die Hände über den geduckten Kopf.
Das Auto wurde schneller und prallte erst gegen eine Gebäudewand neben uns, bevor es Papa die Füße weg zog und ihn zu Boden riss.
Mit einem Schwung riss ich die Augen auf und bewegte meine Hände an meinen Gürtel. Ich konnte sie nicht bewegen. Sie wurden mit einer Art Schnalle an das Bett gefesselt. Ich hob meinen Kopf soweit ich konnte und schielte auf meine fest gebundenen Handgelenke. Mit geballter Faust versuchte ich sie zu bewegen. Mit dem kleinen Spielraum, den ich hatte, schlug ich immer wieder auf das Bett ein, bis ich bemerkte, was hier vor sich ging. Ich war gefesselt. Von der Brust abwärts bis zu den Füßen. Lederstriemen umwickelten meinen dünnen Körper. Ich lag in einem Zelt, in einer Art Pavillon. Mehrere kleine wackelige Schränke standen auf den unebenen Betonboden verteilt. Verbandskasten hingen an jeden einzelnen Pfosten, der dem Pavillon Halt gab. Metallstangen standen in den Ecken, um die Infusionsbeutel zu halten. An einem kleinen Metallwagen lagen mehrere verschiedene Scheren, Pinzetten, Feilen und andere Werkzeuge. Es roch stark nach Desinfektionsmittel und durch den Wind, der sich ab und zu gegen die Hitze wehrte, lagen mehrere Schichten Sand vor dem Stofffetzen, der die Aussicht nach draußen versperrte. Ich versuchte mich zu beruhigen und mir einen Überblick zu verschaffen, doch das war leichter gesagt als getan. Schon wieder begann mein Herz wie verrückt zu schlagen, ich bekam Gänsehaut und atmete schnell und ungleichmäßig. Ich spürte, wie sich wieder diese Panik in mir ausbreitete, die meinen Körper zum Zittern brachte. Ein Boden aus Beton, Sand und dieser Krankenhausgeruch, war alles, was ich aufnehmen konnte. Ich lag direkt gegenüber dem Fetzen, der sich immer wieder leicht bewegte, sobald kleine Windstöße ihn dazu brachten. Neben mir lagen weitere Betten, die allerdings leer waren. Es war kein Bett, auf dem ich lag, sondern eine Metallplatte mit einer überzogenen Decke. Mein Gürtel fehlte, meine Lippen waren noch immer ausgetrocknet und dennoch fühlte ich mich anders. Etwas besser. Meine Kopfschmerzen waren kaum noch da und auch meine vermutlich gebrochene Nase tat nicht mehr so stark weh wie zuvor. Sogar meine Augen fühlten sich nicht mehr an, als würden sie jede Sekunde austrocknen. Ich hing an einer Infusion. Ohne zu zögern, bewegte ich meinen Kopf so weit ich konnte an meinem Arm entlang, um die Nadel aus meiner Ader zu befreien. Nach mehreren Versuchen gelang es mir tatsächlich mit meinen Zähnen den Schlauch zu zerbeißen. Die Flüssigkeit tropfte auf den Boden und nach etwa einer Minute wurde mir schwindelig, was vermutlich bedeutete, dass die Infusion wichtiger für mich war als ich dachte. Wollten die Menschen mir helfen? Als ich an Anna dachte, spürte ich wie sich wieder dieser Zorn in mir ausbreitete. Die Leute hier hatten vor irgendwelche Untersuchungen oder Versuche an mir durchzuführen.
Sie wollen irgendwelche Gegenmittel an mir testen, indem sie mich erst beißen lassen, um dann versuchen mich zurückzuholen. Ich war mir sicher, dass das der einzige Grund war, wieso ich gefesselt auf einer Liege lag. Ich versuchte meine Hände so weit nach hinten zu biegen wie ich konnte, doch es gelang mir nicht einmal richtig meine Augen offen zu halten. Ich ließ meinen Kopf nach hinten fallen und kniff meine Augen zusammen. Mein Körper brauchte die Infusion. Ich brauchte sie. Obwohl ich wusste, dass dieses Mittel in dem Beutel mir half, redete ich mir das Gegenteil ein und versuchte mir etwas auszudenken, um hier weg zu kommen. Ich kniff meine Augen fest zusammen und ließ meine Augäpfel unter meinen Lidern hin und her wandern. Denk nach Lizzy, denk nach. Die Schreie in meinem Kopf wurden lauter und das Hämmern gegen meine Stirnhöhle stärker. Komm schon, denk nach. Auf einmal wurde es still um mich. Die Schreie waren wie abgestellt. Meine Gedanken begannen sich zu sortieren.
Wie lange befand ich mich wohl schon hier an diesem Ort? Eigentlich war das auch egal, denn ich musste hier sofort raus, bevor jemand merken würde, dass ich wach war. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder konzentrieren konnte. Ich hob erneut meinen Kopf, um mir die Situation an meinen Händen nochmals anzusehen. Mein Handgelenk hatte keine Chance sich aus dieser Lage zu befreien. Ohne nur den Gedanken daran zu verschwenden jetzt aufzugeben, fummelte ich erneut mit meinen Fingern herum, als ich etwas glitzerndes erkennen konnte. Sie vergaßen mir meine Schuhe auszuziehen. Mein Ersatzmesser war immer noch dort, wo ich es als letztes hin steckte. In meinem Stiefel! Tief genug, um es von außen nicht zu sehen, jedoch auch tief genug, um mich bei manchen Schritten zu verletzen. Meine Freude blieb nicht lange, sie verschwand, als ich feststellte, keine Möglichkeit zu haben, um an meinen Schuh zu kommen. Das Messer steckte zu fest im Stiefel, um es hoch schleudern zu können. Ich überprüfte erneut die Hände. Schnallen aus dünnem abgenutzten Leder. Durch Klettverschlüsse, die an beiden Seiten zusammen genäht wurden, hielten sie stand. Ich fing an mit meinen Nägeln an der Naht zu popeln. Meine Finger wurden rot und nicht nur die übrige Infusion tropfte zu Boden. Schweigend biss ich mir auf die Zähne und schloss meine Augen nach jedem Brechen meiner Nägel. Ich spürte, dass ich mir meinen Zeigefinger wund riss und sich der Nagel nicht mehr finden ließ, weshalb ich anfing, mit meinem Mittelfinger an der Naht zu zupfen. Ich spürte ein Stück der Naht zwischen meinen blutigen Fingern und machte weiter.
Rasch bewegte ich mein Handgelenk, um die Fessel zu lösen. Es funktionierte nicht. Nach weiteren Minuten popeln und zupfen, tropfte immer mehr Blut und einzelne Nagelstückchen auf den unebenen Boden. Der Geruch, des Gemisches aus Medizin und Tod, brachte mir Erschöpfung und Ekel vor mir selbst. Hinter mir fing etwas an zu piepsen, ich zuckte sofort vor Schreck zusammen. Ich versuchte das laute Piepsen zu stoppen und meinen Kopf nach hinten zu drehen. Erfolglos.
Sand wirbelte nach oben und eine Person betrat das windige Zelt. Ich stellte mich sofort schlafend und versuchte meine Hände zu verstecken. Eine Frau stand neben mir und drückte an dem Kasten herum.
Irgendjemand schrie einen Namen und sie ging zurück auf den Stofffetzen zu. Plötzlich blieb sie stehen und überlegte kurz, bevor sie wieder auf mich zu kam.
Langsam ging sie auf die linke Seite meines Bettes zu und erschrak, als sie die Pfütze auf dem Boden sah. Als sie näher kam und gerade den Mund öffnete, um nach Hilfe zu rufen, ergriff ich die Chance. Ich riss meine Hand so schwungvoll und kräftig nach oben, dass das Band riss. Es flog sofort auf dem Boden und landete vor ihren Füßen. All das spielte sich in nur wenigen Sekunden ab. Die Frau wurde sofort blass. Ihre Augen so groß, dass sie für uns beide gereicht hätten. Mit meinem linken Arm schleuderte ich mich über ihren Hals und drückte ihr die Kehle zu.
„Mach einen Murks und du schwimmst in der Pfütze!“
Sie fühlte sich sofort schwächer, bedroht und vermutlich auch gedemütigt. Sie schloss ihren Mund. Ich befahl ihr, mich aus den restlichen Fesseln zu befreien. Während sie mit einer Hand die Schlingen öffnete, lag mein Arm noch immer an ihrer Kehle bereit. Bereit mich zu verteidigen. Als ich aufstand, lag ihr Hinterkopf fast in meinem Gesicht. Ich rollte meine Handgelenke und bewegte sie in alle Richtungen. Mit meiner rechten Hand zog ich mein Messer aus meinem Stiefel und tauschte es mit meinem Arm an ihrer Kehle. Als sie das Messer glitzern sah, wurde sie noch blasser und steif wie ein Ast. Sie streckte ihren Kopf nach hinten, um dem Messer so gut wie möglich auszuweichen. Ich hievte meine Füße über das harte Bett und machte meinen ersten Versuch aufzustehen. Es gelang mir sofort und ich stand wackelig in der Pfütze, gemischt aus Blut und Medizin. Als ich mir sicher war festen Stand zu haben, fing ich an mit dem Messer an der Kehle der jungen Frau die ersten Schritte zu gehen. Sie begann vor Angst zu schwitzen und Tränen liefen über ihre Wangen. Ihr Hals wurde mit meinem Blut gefärbt, als ich die linke Hand an ihren Hals und die rechte auf ihren Mund legte.
„Wir werden jetzt ganz langsam aus diesem Gefängnis verschwinden. Du wirst vor mir gehen, den Vorhang zur Seite schieben und mich hier raus bringen. Wenn du mich zu einem Auto geführt hast und ich bis dahin noch lebe, wirst du auch lebend hier raus kommen. Wenn nicht.. dann nicht!“
Ich wartete einen Moment, um ihr die Informationen durch den Kopf gehen zu lassen, bis ich weiter redete.
„Verstanden?“
Sie nickte ziemlich deutlich und hastig, während sie ein weiteres Schluchzen zurückhielt. Ich drückte ihr mein Knie gegen das Bein, um ihr ein Signal zu geben, vorwärts zu gehen. Sie schob den Vorhang zur Seite und wir traten nach draußen. Ich atmete die heiße Luft ein und blinzelte mehrmals zum Schutz vor der Sonne, bevor ich mich umsah. Nachdem ich den Kopf wieder gerade rückte, und meine Pupillen sich an die Sonne gewöhnten, ließ ich meinen Augen in alle Richtungen wandern. Alles hier war aufgebaut wie ein kleines Dorf.
Zwar bestanden die Häuser überwiegend aus Zelten, doch es war seltsam, was die Menschen sich hier errichteten. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich es ihnen Böse nehmen sollte, mich gefangen zu halten und Versuche an mir testen zu wollen. Die Frau vor mir wurde wackeliger, deshalb zog ich meinen Arm näher an ihre Kehle und konzentrierte mich nur noch auf den Weg vor uns. Mehrere Meter entfernt standen zwei Autos. Still zeigte ich mit meiner Messerspitze auf einen der beiden Wägen. Sie zuckte, verstand aber was ich von ihr wollte. Zögerlich gingen wir mehrere Schritte, vorbei an einem etwas kleineren Zelt. Hier und da bemerkte ich einige Stimmen, jedoch sah ich keinen der Menschen. Als wir an mehreren Zelten vorbei gingen, bemerkte ich wieso. Es waren etwa fünfzehn Personen, ausgenommen die Kinder, die allesamt ein Loch in einem Zaun reparierten oder Holz auf einen Holzstapel legten. Sie lachten und redeten, ja sie sangen sogar. Ein Hund lief zwischen den Zelten hindurch, ein Mädchen hinterher. Ich zog meinen Oberkörper zurück, um nicht mit der Frau gesehen zu werden. Durch den leichten Wind wackelten die Planen der neben mir stehenden Zelte. Mehr als die Hälfte der anwesenden Menschen waren Männer, dunkel gekleidet. Sie besaßen Waffen. Mein Puls wurde sofort schneller, ich wurde nervös. Ich überlegte, was ich als nächstes tun sollte. Ich verstand nicht, wie sie in so einer Situation gute Laune haben konnten oder glücklich sein konnten. Wie konnten Menschen, die so freundlich aussahen, etwas derart furchtbares planen? Tränen der Frau liefen über meine Hände und tropften neben meinem Blut auf den Sand. Kleine Klümpchen bildeten sich, vermischten sich mit den Körnern der Hitze. Als ein erneutes Winseln der Frau einzelne Blicke auf sich zog, fing ein kleines Mädchen an zu schreien. Durch die wackelige Zeltplane wurden wir sofort entdeckt, wurde ich sofort entdeckt.
Eine Frau drehte das Mädchen von mir weg und verschwand mit ihr hinter einem Zelt. Sie erinnerte mich sofort an Anna. Alle Blicke waren auf mich und die Frau vor mir gerichtet. Von fast allen Ecken kamen mehrere bewaffnete Männer. Sie entsicherten ihre Pistolen und zielten auf mich. Die Frauen packten die Kinder und verschwanden. Ich zog die Frau noch fester an mich, da ich meinen Körper stabilisieren wollte und verhindern wollte, dass mein Druckmittel fliehen konnte. Ich schluckte schwer als ich die Maschinengewehre klacken hörte. Aus der Masse kam ein Mann hervor, die Waffe auf mich gerichtet.
„Ganz ruhig, beruhige dich. Wir wollen doch nicht, dass hier irgendjemand verletzt wird, oder?“
Er versuchte mich mit seinen Handbewegungen zu beruhigen und lies seine Waffe zurück in seine Tasche gleiten. Ich starrte ihn an und wunderte mich über seinen dämlichen Versuch mich zu täuschen. Ich schwor mir nie wieder auf die Nettigkeit der Menschen hereinzufallen, denn in Zeiten wie diesen war jeder nur auf Lebensmittel oder Waffen aus, ganz egal zu welchem Preis.
„Willst du wirklich von zwanzig Kugeln durchlöchert werden? Ein unschöner tot oder nicht?”
Bei jeder seiner Bewegungen zuckte ich etwas zusammen weshalb er wieder stehen blieb. Ich sah in die einzelnen Gesichter der Männer vor und neben mir.
Jeder einzelne war bereit, mich auf der Stelle zu töten.
Sie hatten Ahnung vom Umgang mit Waffen. Aus der Ferne kamen weitere Soldaten, darunter auch eine schwarzhaarige Frau und ein paar Jugendliche. Der Mann, der aussah wie ein Soldat und mit mir sprach, deutete mit seiner Hand nach hinten, um ihnen zu zeigen, dass sie stehen bleiben sollen. Das taten sie auch, die schwarzhaarige zückte jedoch ebenfalls eine Waffe. Der Soldat ging wieder mehrere Schritte auf mich zu, worauf ich die Frau noch fester an mich zog.
Sie hob den Kopf nach oben, um nicht mit dem Messer in Berührung zu kommen. Ich fühlte mich in die Enge getrieben und sah mich um, um einen möglichen Fluchtweg zu entdecken. Das gesamte Gelände war eingezäunt. Selbst wenn ich weg laufen würde, würden die Schüsse mich vermutlich durchbohren, noch bevor ich den Zaun erreichen könnte. Der Mann zog seine Aufmerksamkeit auf mich, indem er stehen blieb und seine Arme hob, um mir zu zeigen, dass er seine Waffe weg steckte. Doch das hatte keinen Einfluss auf mich, da ich seine Waffe immer noch sah. Ich flüsterte der Frau ins Ohr.
„Geh hinüber zu dem Wagen dort.“
