Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Als eine der wenigen Frauen ihrer Generation besteht Vera Brittain 1914 die Aufnahmeprüfung zum Oxford College, zudem mit Bravour. Nur wenig später verliebt sie sich in den hochbegabten Roland, einen Freund ihres älteren Bruders Edward. Doch der jähe Ausbruch des Ersten Weltkriegs macht nicht nur die Träume der außergewöhnlichen Frau, sondern die einer ganzen Generation zunichte: Roland und Edward kommen, wie so viele ihrer Freunde, in den Schlammwüsten des erbarmungslosen Kriegs zu Tode. Sie selbst bricht das Studium ab, geht als Hilfskrankenschwester an die Front und wird Zeugin unausdenkbarer Qualen der Opfer und der Überforderung der Helfer in London, Malta und Étaples. Als sie 1918 völlig desillusioniert nach England zurückkehrt, weiß sie mit Bestimmtheit: Nur wenn der Pazifismus die Menschen so erregt, wie es die Anspannung in Kriegszeiten tut, kann die sinnlose Vernichtung von Leben und Zukunft aufgehalten werden. Die eindrücklichen, präzisen autobiografischen Schilderungen der Erfahrungen von Frauen im Krieg, ihres Einsatzes, ihrer Hoffnungen, Ängste und ihrer Trauer rücken die konkreten Schrecken und Folgen für das eigene Leben so nahe wie kaum ein anderes literarisches Zeugnis.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 777
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
VERA BRITTAIN
AUS DEM ENGLISCHEN VON EBBA D. DROLSHAGEN
FürR. A. L. und E.H.B.Im Gedenken
Andere blieben ohne Nachruhm; sie sind erloschen, als wären sie nie gewesen. Sie sind, als seien sie nie geboren worden, ebenso auch ihre Kinder. Aber sie waren ehrenwerte Männer, deren Rechtschaffenheit unvergessen ist … Ihre Leiber sind im Frieden begraben; aber ihr Name lebt ewiglich. Die Menschen werden von ihrer Weisheit sprechen, die Gemeinde ihr Lob verkündigen.
Sirach – Kapitel 44
VORWORT
TEIL I
I ANFÄNGE IN NEWCASTLE
II ALS DEBÜTANTIN IN DER PROVINZ
III OXFORD VERSUS KRIEG
IV LERNEN VERSUS LEBEN
V CAMBERWELL VERSUS TOD
TEIL II
VI IN DIESER EINSAMSTEN ZEIT
VII DIE LOHFARBENE INSEL
VIII ZWISCHEN DEN DÜNEN UND DEM MEER
IX ›DIE EINSAMSTE ALLER STUNDEN‹
TEIL III
X ÜBERLEBENDE UNERWÜNSCHT
XI TROMMELN FÜR DEN FRIEDEN
XIII EIN ANDRER
NACHWORT
LITERATUR
Seit bald zehn Jahren verspüre ich den immer dringender werdenden Wunsch, darüber zu schreiben, was die Kriegs- und Nachkriegszeit – die Jahre vor 1914 bis etwa 1925 – für jene Männer und Frauen bedeutet, die, wie ich, bei Kriegsausbruch an der Schwelle zum Erwachsensein standen. Ich wollte einen Eindruck davon vermitteln, wie diese Epoche das Denken und das Leben sehr vieler Menschen verändert hat, die, in all ihrer Unterschiedlichkeit, wie meine eigene Familie der breiten Mittelklasse angehören.
Ich wusste, dass ich versuchen musste, Geschichte anhand meines eigenen Lebens zu erzählen, um so einige Aspekte von Wahrheit, Hoffnung, Sinn zu retten, die die Zerschlagung meiner Jugend durch den Krieg überlebt haben und die möglicherweise noch von Wert sind. Dazu muss ich auf eine Vergangenheit zurückblicken, derer viele von uns überdrüssig sind, weil wir lieber auf das Morgen schauen als auf das Gestern. Aber nur im Lichte dieser Vergangenheit können wir – eine erschöpfte Generation, die jetzt auf das öffentliche Leben Einfluss zu nehmen beginnt und sowohl die Gegenwart gestalten als auch die Zukunft entwerfen muss – uns selbst verstehen oder hoffen, von unseren Nachkommen verstanden zu werden. Ich wusste, dass ich nichts anderes, auch nur entfernt Sinnvolles würde schreiben können, bevor ich versucht hatte, etwas zu diesem Verständnis beizutragen.
Wie dies zu tun sei, schien zunächst offensichtlich: Es ging um die Schilderung, auf welche Weise sich die englische Mittelklasse, ihre Interessen, Werte, gesellschaftlichen Ideale und auch die politischen Ansichten seit meiner ersten bewussten Erinnerung gewandelt hatten, um dann, vor dem Hintergrund dieser Veränderungen, eine persönliche Geschichte zu erzählen. Zunächst dachte ich an einen langen Roman und begann mit den Vorarbeiten. Zu meiner Enttäuschung erwies sich das als hoffnungsloses Unterfangen; ich kam über die Planung nie hinaus, weil mir die Menschen und die Ereignisse, über die ich schrieb, noch zu nah waren, um Gegenstand einer distanziert-fiktionalen Rekonstruktion sein zu können.
Dann versuchte ich, Teile des umfänglichen Tagebuchs, das ich von 1913 bis 1918 geführt hatte, neu zu schreiben und dabei die realen Namen durch erfundene zu ersetzen, um so auf jene Rücksicht zu nehmen, die noch am Leben waren und die ich in meinen Aufzeichnungen mit jugendlicher, mitunter recht harter Offenheit geschildert hatte. Auch das misslang. Zum einen endeten die Tagebuchaufzeichnungen zu früh, um ein vollständiges Bild abgeben zu können, zum anderen verfälschten die erfundenen Namen die Atmosphäre, das Ganze wirkte unecht.
Am Ende blieb nur, meine eigene, durchaus typische Geschichte vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse zu erzählen, dies so ehrlich wie möglich zu tun und dabei Gefahr zu laufen, all jene zu brüskieren, für die eine private Geschichte nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte, selbst wenn sie allgemeingültig und für diese Öffentlichkeit überaus relevant sein mochte. Aber mir schien, dass ich nur so meinen Plan ausführen konnte, das Leben eines ganz normalen Menschen im Kontext der zeitgenössischen Geschichte zu schildern und auf diese Weise zu zeigen, wie weltweite Ereignisse und Bewegungen das persönliche Schicksal von Männer und Frauen beeinflussen.
Ich habe mich um Ehrlichkeit bemüht, denn ein solches Buch ist nur sinnvoll, wenn es über mich und alle anderen die Wahrheit sagt, wie ich sie sah und noch sehe. Ich zitiere so oft wie möglich aus alten Briefen und Tagebüchern, denn so unausgegoren und konstruiert die Ansichten der jungen Menschen jener Zeit sein mögen, für mich gehören sie mindestens ebenso sehr zu ihrem Vermächtnis wie Reflexionen, die rückblickend mit weitaus mehr Erfahrung entstanden sind. Ich entschuldige mich nicht dafür, dass einige der zitierten Texte die harten Kämpfe wiederaufleben lassen, die meine Generation in ihren frühen Zwanzigern so schonungslos ausgefochten hat. Die Abgeklärtheit eines »mit Gleichmut erinnerten Gefühls« war nicht mein Ziel, vielmehr möchte ich dem allzu einfachen, allzu bequemen Rückzug ins Vergessen entgegenwirken, der die Wiederholungen der entsetzlichen Gräuel in der Geschichte herbeiführt. Es ist kein Zufall, dass mein Buch de facto eine Anklageschrift gegen die zivilisierte Welt ist.
Es war schwierig, eine Struktur für diese Aufzeichnungen zu finden, denn es ist im Grunde unmöglich, sich selbst und die wichtigen Menschen in unserem Leben unverfälscht so zu sehen, wie sie vor sieben, fünfzehn oder gar zwanzig Jahren waren. Die Ähnlichkeit zwischen uns und vielen Gleichaltrigen scheint heute, allen Unterschieden in Lebensumständen und Herkunft zum Trotz, erheblich größer zu sein als die zwischen uns und dem Menschen, der wir selbst vor zwei Jahrzehnten waren, denn die ungeheuren Ereignisse und die tiefgreifenden Wandlungen in den Anschauungen, die uns geprägt haben, prägten auch sie. Wie Charles Morgan in The Fountain treffend schreibt: »In jeder Sekunde seines Lebens stirbt der Mensch aufs Neue. Nicht die Zeit entfernt sich von ihm, er ist es, der vor der Gleichmäßigkeit und der Unwandelbarkeit der Zeit zurückweicht, sodass er, wenn er später auf sich zurückschaut, nicht sich selbst sieht, nicht einmal – auch wenn man das so sagt – sich selbst, der er einmal war, sondern einen fremden, nach dem eigenen Bilde geschaffenen Geist, mit dem ihn nichts verbindet.«
Die Schwierigkeiten, eine Erzählperspektive zu finden, haben die Fertigstellung des Buches immer wieder verzögert; selbst wenn ich als Angehörige dieser Generation von der Flut der Kriegsliteratur hätte profitieren wollen, ich hätte es nicht eher schreiben können. Als Nachzüglerin und in einem Alter, in dem die prägendsten Jahre meines Lebens schon weit zurückliegen, habe ich nun mein Möglichstes getan, um in einem persönlichen Bericht von den beispiellosen Umwälzungen in den ersten dreißig Jahren meines Lebens zu erzählen.
V. B.
Es war einmal ein Kaufmann, der war über alle Maaßen reich, und hatte solche Schätze, wie sie nicht einmal der König hatte. In seinem Zimmer, wo er Audienz gab, standen drei wunderschöne Stühle, der eine war von Silber, der zweite von Gold, der dritte von Diamanten. Dieser Kaufmann hatte eine einzige Tochter, die hieß Caterina und war schöner als die Sonne.
Eines Tages saß Caterina in ihrem Zimmer. Auf einmal sprang die Thüre ganz von selbst auf, und es trat eine schöne, hohe Frau herein, die hielt in ihren Händen ein Rad. »Caterina,« sprach sie, »wann willst du lieber dein Leben genießen, in der Jugend oder im Alter?« Caterina schaute sie ganz verwundert an, und wußte sich nicht zu fassen, und die schöne Frau frug noch einmal: »Caterina, wann willst du lieber dein Leben genießen, in der Jugend oder im Alter?« Da dachte Caterina: Wenn ich sage: in der Jugend, so werde ich dafür im Alter leiden müssen. Deshalb will ich lieber im Alter mein Leben genießen, und in der Jugend gehe es mir nach dem Willen Gottes. Also antwortete sie: »Im Alter!« »Dir geschehe, wie du gewünscht hast,« sprach die schöne Frau, drehte einmal ihr Rad, und verschwand. Diese hohe, schöne Frau aber war das Schicksal der armen Caterina.
Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen
In Stadt und Land begann unser Geschick,in Örtchen, abgehängt vom Zug der Zeit.Früh höhnte mit Tschingbum und Marschmusikdie alte Welt unsere Kindlichkeit.Doch hörten wir darin kein Warngeläut,ahnten in süßen Stunden das Gewichtdes Leids, das unserm Eifer drohte, nicht,nicht das Gericht.
So wuchsen wir im Nachhall auf, der kaumvon frührem Krieg verweht war, doch vergessenzu bald, zu schwach, zu stören unsern Traumvom Glück, das sicher wir gewähnt – indessenharrte auf seine Stunde, grimm, besessen,da eine Jugend vor der Blüte stand,das Schicksal, das uns hielt, noch unerkannt,in seiner Hand.
V. B., 1932
Der Ausbruch des Großen Krieges* war für mich zunächst keine unvergleichliche Tragödie, sondern eine überaus ärgerliche Störung meiner persönlichen Pläne.
Um diese egoistische Sicht auf die größte Katastrophe der Geschichte zu verstehen, muss man – wenn auch nur für einen Moment – etwas zurückgehen, und zwar bis zu den dekadenten Neunzigern, in denen ich zur Welt kam.
Die Familie meines Vaters stammte aus Staffordshire; meine frühesten Erinnerungen an erste Ortsnamen sind die an die »Fünf Städte« sowie die der umliegenden Dörfer in North Staffordshire. Ich war noch sehr klein, als ich durch das Zugfenster die Flammen aus den Schloten der Keramikfabriken sah, die wild in den schwarzen Winterhimmel loderten und mich sehr beunruhigten. Mein Vater und die meisten seiner elf Geschwister waren in einem alten Haus in Barlaston geboren.
Über die weiter zurückreichende Reihe der Ahnen ist wenig bekannt, sie gehörten vermutlich zur Schicht einheimischer Kaufleute und wohlhabender Landbesitzer, was in den Midlands nicht selten war. Diese Familien lebten seit Generationen in unmittelbarer Nähe der Keramikstädte und waren sehr von sich eingenommen, obwohl nichts darauf hinweist, dass auch nur einer von ihnen etwas geleistet hätte, was über das Lokale hinaus von Bedeutung war. Nach unseren spärlichen Familienunterlagen hat nur ein einziger Vorfahr etwas vorzuweisen, ein Richard Brittain, der im Jahr 1741 Bürgermeister von Newcastle- under-Lyme war.
1855, als das viktorianische England, wie die Weltausstellung von 1851 gezeigt hatte, in seinem Reichtum schwelgte, gab mein Urgroßvater seine Anstellung bei einer Privatbank in Newcastle auf, zog von Staffordshire in eine Gegend, die wegen ihrer vielen Töpfereien den Beinamen Potteries trug, und kaufte dort eine kleine Papiermühle von einer hugenottischen Familie, die Papiermaschinen erfunden hatte. Das Unternehmen wuchs, und gegen Ende des Jahrhunderts – mein Vater hatte es schon zum Juniorpartner gebracht – kam eine weitere kleine Mühle bei Leek dazu. Aus dieser Fabrik, in der 1889 die wöchentlichen Lohnkosten weniger als £ 12 betrugen, stammt der überwiegende Teil unseres Familieneinkommens. Bis er im Krieg in den Ruhestand ging, war mein Vater einer der vier Direktoren, und ich selbst bin insofern Kapitalistin, als ich einige Aktien besitze.
Aus dem Wagnis meines Urgroßvaters ist ein großes und blühendes Unternehmen geworden, das mit modernsten Verfahren und Maschinen ausgezeichnete Papiere produziert, selbst wenn die Haltung seiner Direktoren bis heute Spuren eines wohlwollenden Wirtschaftsfeudalismus des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts aufweist. Die Grundstimmung der Gegend während meiner Kindheit fasst ein Satz zusammen, der in Staffordshire einmal sprichwörtlich war: »Lassen wir den Lärm hinter uns, gehen wir nach Leek.«
Mein Vater war der bestaussehende und vernünftigste Spross einer ebenso vielköpfigen wie starrsinnigen Familie. Die Verwandten missbilligten seine Heirat mit meiner Mutter, denn deren Eltern hatten weder Vermögen noch gesellschaftliches Ansehen, der einzige Posten auf ihrer Habenseite war ihre melancholische Schönheit. In den Augen meiner wohlhabenden Großeltern wäre fraglos die Erbin eines örtlichen Würdenträgers die angemessene Partie für ihren ältesten Sohn gewesen, meine Mutter hingegen war die zweite von vier Töchtern eines notorisch geldknappen Musikers aus Wales, der an einer Kirche in Stoke-on-Trent Organist geworden war. Da sein Gehalt für eine Ehefrau und sechs heranwachsende Kinder nicht ausreichte, gab er Musik- und Gesangsunterricht, was ein bisschen einbrachte, und komponierte Lieder und Orgel-Präludien, was nichts einbrachte.
In jungen Jahren gefiel meinem Vater seine Stimme, er nahm bei dem freundlichen Organisten Gesangsstunden und lernte auf diese Weise meine Mutter kennen, eine anmutige Einundzwanzigjährige, die unter der Fuchtel ihrer lebensfreudigen Mutter und ihrer Schwestern stand. Meine Eltern heirateten in Southport, und zwar in aller Stille, weil mein charmanter, aber mittelloser Großvater plötzlich und viel zu jung gestorben war. Die Eltern meines Vaters legten nach einem Anstandsbesuch seiner Mutter bei ihrer Mutter keinen Wert auf weiteren Umgang mit diesen bescheidenen neuen Verwandten, und so wohnten die beiden Familien mehrere Jahre lang nur wenige Meilen voneinander entfernt, sahen sich aber fast nie.
Als ich alt genug war, um die Erzählungen meiner jungen und hübschen Mutter zu verstehen, begriff ich, wie verächtlich die Familie meines Vater sie anfangs behandelt hatte. Jahrelang erstaunte mich das. Ich war eine sehr kritische Jugendliche, die Verwandten väterlicherseits waren mir mit ihren strengen Kleidern und dem Staffordshire-Englisch fast alle unsympathisch, obendrein schüchterten sie mich ein. Die Schwestern meiner Mutter hingegen sahen gut aus und waren freundlich; sie hatten schöne Singstimmen und kleideten sich geschmackvoll, außerdem ging jede ihren Weg und das lange, bevor von einer Frau der Mittelklasse berufliche und finanzielle Unabhängigkeit erwartet wurde. Nach meinem Schulabschluss lehrte mich eine kurze Erfahrung mit Buxtons »eleganten Kreisen«, dass die Vorstellung einer Familie von der eigenen Bedeutung nicht immer auf Eigenschaften beruht, die Außenstehende sofort zum gleichen Schluss kommen lassen.
Die ersten Ehejahre verbrachten meine Eltern in Newcastle-under- Lyme, das gemeinsame Leben war zunächst etlichen Schicksalsschlägen ausgesetzt. Ihr erstes Kind, ein Junge, kam tot zur Welt, wenig später erkrankte mein Vater an einer Blinddarmentzündung, die für die grobschlächtigen Provinzchirurgen jener Zeit ein unlösbares Rätsel darstellte und ihn fast zwanzig Monate lang ans Bett fesselte. Doch dann tauchte ich zu früh, aber gesund in der hübschen kleinen Villa in der Sidmouth Road auf, mein Vater war gerade nicht zu Hause, weil er sich in Hanley ein Krippenspiel ansah.
Als ich achtzehn Monate alt wurde, zogen meine Eltern nach Macclesfield, das eine erschwingliche, wenn auch wenig komfortable Eisenbahnfahrt von den Potteries entfernt lag. Die Kindheit, die ich und mein knapp zwei Jahre jüngerer Bruder Edward in unserem Garten, auf dem Feld hinter dem Haus sowie der geraden, schönen Chester Road mit ihren Hecken und Wildblumen verbrachten, war so heiter und ereignislos, wie eine Kindheit nur sein konnte.
Die frühesten Erinnerungen meiner Generation sind zwangsläufig die an gemeinsam gemachte Erfahrungen, dramatische nationale Ereignisse, Lieder, Schlachten und das abrupte Ende von Kämpfen, die viel weiter von uns entfernt und auch viel begrenzter tobten als die, die uns verschlingen sollten. Wie alle Gleichaltrigen begann auch ich um die Zeit des Südafrikanischen Krieges, reales Geschehen von Fabeln und Fantastereien unterscheiden zu können. Vor 1900 war ich zwar lebhaft und eigensinnig, aber eine bewusste Beobachterin dessen, was um mich herum vorging, war ich mit Sicherheit nicht.
Aus dem Nebel einer vage erinnerten Kindheit treten Liedfetzen, »We’re Soldiers of the Queen, my lads« und »Good-bye, Dolly, I must leave you«. An einem kalten Frühlingsmorgen intonierte eine Orgel triumphierend das erste der beiden Lieder, aus allen Fenstern flatterten Banner und bunte Papierschlangen.
»Das ist, weil unsere Soldaten Ladysmith befreit haben«, beantwortete meine Mutter meine aufgeregten Fragen. Endlich seien die Buren besiegt, »und jetzt kommt Onkel Frank nach Hause.«
Aber Onkel Frank – ein jüngerer Bruder meines Vaters, der Farmer in Südafrika gewesen war und sich bei Kriegsausbruch als Kavallerist der Armee Königin Victorias angeschlossen hatte – kam nie mehr heim; er starb eine halbe Stunde vor Eroberung der Stadt an Typhus.
Ich hatte ihn schon vergessen, als ich ein knappes Jahr später, an einem grauen Januartag, gemütlich in unserer warmen Küche saß und Vögel, Drachen und Prinzessinnen mit sehr langen Haaren zeichnete. Am Kamin saß die kleine dicke Köchin und las dem Hausmädchen aus der Zeitung vor.
»Nun ruhet die Königin«, sagte sie mit Grabesstimme. Ich, eifrig mit meinen Malstiften beschäftigt, konnte natürlich nicht ahnen, dass damit sehr viel mehr endete als ihre Regentschaft, ganz zu schweigen davon, dass nur dreizehn Jahre später die lange Phase des Wohlstands, in die ich hineingeboren worden war, mit einem Knall zerbersten würde, der in meinem Leben auf ewig nachhallt.
Nach vermeintlich wenigen Wochen – tatsächlich waren es achtzehn Monate und der Friedensvertrag mit Südafrika war unterzeichnet – schmückten Edward und ich den Zaun zwischen dem Rasen und der Heuwiese hingebungsvoll mit Fähnchen, als mein Vater mit besorgtem Gesicht und der Zeitung in der Hand die Auffahrt heraufkam.
»Ihr könnt eure Dekoration wieder abnehmen«, sagte er düster, »Es gibt keine Krönung. Der König ist krank!«
In jener Nacht betete ich inbrünstig, Gott möge den lieben König gesund machen und am Leben lassen. Wer bei Victorias Tod zwanzig Jahre oder älter war, sieht Edwards kurze Regentschaft – ungeachtet der Frage, welchen Anteil dieser unermüdliche Paris- und Biarritz- Besucher an jener Sintflut hatte, die 1914 über uns hereinbrach – vermutlich als eine Atempause zwischen dem viktorianischen Zeitalter und dem Einmarsch der Deutschen in Belgien. Für uns, die Kriegsgeneration, bedeutete diese Zeit viel mehr, denn in diesen neun Jahren wuchsen wir von Kindern zu Jugendlichen oder jungen Erwachsenen heran. An den König selbst habe ich nur zwei Erinnerungen: seine ungelegene Blinddarmentzündung und die fromme Elegie, die ich in bester Edward’scher Manier verfasste, als meine Klasse aus Anlass seines Todes ein Gedicht schreiben sollte.
Unser Haus in Macclesfield hieß Glen Bank und war ein weiß gestrichenes Doppelhaus. Nicht allein wegen der Jagdgemälde und Marcus Stone-Stiche, der schweren Vorhänge, der Mahagonimöbel und der fehlenden Bücher war es typisch für eine Familie der Mittelklasse im Vorkriegsjahrzehnt.
In der langen Tradition meiner väterlichen Großeltern sprachen wir vor dem Frühstück sogar ein Gebet, das alle – angefangen bei meiner Mutter, die unruhig die kochende Kaffeemaschine auf dem Tisch beäugte, bis zu den Dienstmädchen, die nervös auf ihren Stühlen herumrutschten, während der Postbote an der Vordertür klopfte und der Milchmann an die Hintertür polterte – ungeduldig und unaufmerksam über sich ergehen ließen. Die Zeremonie endete oft mit einem Tobsuchtsanfall meines Vaters, weil Edward immer zu langsam war und das Vaterunser nicht so schnell sprach wie die anderen.
Mein Vater, ein eigensinniger junger Mann in den Dreißigern, neigte zu solchen Wutausbrüchen, aber sie ängstigten mich nicht, denn er war der Held meiner Kindheit, mein zuverlässiges Bollwerk gegen die verwirrenden Attacken seiner piesackenden jüngeren Brüder und Schwestern.
Weitaus verstörender war ein sonderbares Gemenge irrationaler Ängste, die mich jederzeit überfallen und martern konnten – Angst vor Donner, Sonnenuntergängen, Vollmond, Dunkelheit, dem Ende der Welt und dem Teufel, der mir hinter der nächsten Ecke auflauerte. Ich konnte nicht unter Eisenbahnbögen stehen oder auf einer Brücke einen tobenden Fluss überqueren.
Es gab in meinem Leben niemanden, von dem ich Verständnis für diese demütigende Ängstlichkeit erwarten konnte oder der im Kampf gegen die mysteriösen, mich derart quälenden Phänomene auf meiner Seite stand. Ich wuchs auf, ohne dass rationale Erklärungen diese Ängste erträglicher gemacht hätten, und trug sie unverändert in mir verschlossen ins Erwachsenenalter. Ich sollte später noch oft bedauern, dass ich als Kind nicht gelernt hatte, wie man ihnen begegnet.
Trotz solch sporadischer Schrecken waren die Kindheitsjahre, in denen das Leben so selbstverständlich scheint, alles in allem recht angenehm, wenn auch nicht gerade ruhig. So lange ich zurückdenken kann, war unser Haus voller Musik, und auch wenn sie nie erstklassig war, hat sie im Gegensatz zu anderen, vermutlich wichtigeren Erinnerungen eine erstaunliche Kraft, die Zeiten zu überdauern. Zur Irritation meines Vaters, der sich trotz seiner frühen Gesangsstunden nicht viel aus Musik machte, wurden ständig Lieder, Klaviersolos und später Geigenstücke geübt.
Meine Mutter hatte eine angenehme Sopranstimme und nahm in Manchester Gesangsstunden; bei Hauskonzerten sang sie »When the Heart is Young«, »Whisper and I Shall Hear« oder »The Distant Shore« – typischer viktorianischer Pathos. Mich beflügelte vor allem das Lied »Robert the Devil«, kaum kehrte meine Mutter mir den Rücken zu und jauchzte inbrünstig »Mercy! Mercy! Mer-sussy!«, stürmte ich in masochistischer Ekstase auf dem Kaminvorleger auf und ab.
Meine erste Begegnung mit der Literatur war weniger inspirierend. Die elterliche Bibliothek in Macclesfield bestand aus ein paar Romanen mit verblichenem Einband, zwei oder drei Handbüchern über Papierherstellung sowie Household Medicine, einem dicken Band voller Anweisungen eher moralischer als hygienischer Natur. Damit niemand die Familie literarischer Neigungen verdächtigte, standen die Bücher im kalten, dunklen Speisezimmer versteckt hinter einem dichten Vorhang.
Nachdem ich meine Kinderbücher durchgelesen hatte – Märchenbücher von Andrew Lang und kitschige Kindergeschichten von L. T. Meade –, griff ich heimlich zu den verblichenen Romanen. Das waren vor allem Wilkie Collins, Walter Besant und James Rice, außerdem Mrs. Henry Wood. Ich vergoss etliche Tränen der Rührung über den Kummer von Poor Miss Finch und Lady Isabel Vane.
Mit zehn Jahren entdeckte ich die vielfältigen Attraktionen von Household Medicine. Für mich hatte das Thema Geburt nichts mit Sexualität zu tun, darüber wusste ich nichts und es interessierte mich auch nicht im Geringsten. Was mich allerdings tief beeindruckte, waren verschiedene Anweisungen für Schwangere gegen Ende der Wehen, auch wenn ich mich heute nur noch daran erinnern kann, dass sie die Haare zu zwei Zöpfen flechten und unter dem Nachthemd einen alten Flanellunterrock tragen sollten.
Ich mag etwa acht Jahre alt gewesen sein, als auf einem Kartentisch im Wohnzimmer zwei versprengte Klassiker – möglicherweise ungeliebte Weihnachtsgeschenke – auftauchten. Es handelte sich um die in hässliches senfbraunes Leder gebundene Gesamtausgabe von Longfellows Gedichten sowie um Matthew Arnolds Gedicht Rostam and Sohrab. Longfellows Gedichte – auch die schier endlosen »Tales of a Wayside Inn« und »The New England Tragedies« – konnte ich schon bald auswendig. Rostam and Sohrab fand ich aber noch faszinierender, und sobald ich sicher war, das Wohnzimmer für mich allein zu haben, ließ ich meinem schauspielerischen Temperament freien Lauf, das mir schon bei »Robert the Devil« so viel Vergnügen gemacht hatte, und stellte in wilder Pantomime die Leiden des unglückseligen Sohrab nach.
Lovely in Death,upon the common sand.
Meine Mutter tat pflichtschuldig ihr Bestes zur Förderung unserer literarischen Bildung, indem sie uns sonntagnachmittags Dickens vorlas. Auf diese Weise ackerten wir uns durch David Copperfield und Nicholas Nickelby, was vielleicht erklärt, warum ich von Dickens nie etwas anderes zu Ende gelesen habe als A Tale of Two Cities. Ein erheblich wirkungsvolleres Gegengewicht zur mangelnden Anregung von außen waren die fünf »Romane«, die ich vor meinem elften Geburtstag in besondere Hefte schrieb, die eine treue Gouvernante aus dickem Abfallpapier der Mühle mit viel Geduld für mich gemacht hatte. Ebenso wichtig waren aufregende Geschichten einer sagenhaften Gemeinschaft namens »The Dicks«, die ich Edward erzählte, wenn wir beide abends im Bett lagen, ich im Kinderschlafzimmer, er auf der anderen Seite des Durchgangs im zweiten Kinderzimmer. Ich war immer der Erfinder, er immer der Rezipient dieser fesselnden Geschichten; das begann, als ich etwa sechs Jahre alt war, und hörte erst auf, als ich im reifen Alter von elf zur Schule kam.
Edward war immer ein guter Zuhörer, sein Beitrag bestand darin, auf seiner kleinen Geige geisterhafte und für mich völlig sinnlose Geräusche zu machen. Wenn ich an ihn als Siebenjährigen zurückdenke, sehe ich einen ernsten kleinen Jungen mit braunen Augen und wunderbar geschwungenen Brauen vor mir. Selbst als Kinder stritten wir selten, und auch während der anschließenden Internatszeit, den paar sorglosen Jugendjahren, die unserer Generation gewährt wurden, blieben wir engste Vertraute.
Als ich elf Jahre alt war, verließ uns meine Gouvernante, und wir zogen von Macclesfield nach Buxton, das als »Kurort« des Distrikts Derbyshire galt, in eine graues Steinhaus, damit Edward und ich fortan »gute« Grundschulen besuchen konnten. In seinem Fall war das eine kleine Privatschule, die damals von einem tatkräftigen Bux- toner geleitet wurde; meine bezeichnete sich selbstverständlich als »Schule für die Töchter von Gentlemen«. Die Schule meines Bruders, auf der ihm fraglos eine bessere Bildung zuteil wurde als mir in meiner, bleibt für mich auf ewig mit einem kleinen Vorfall verbunden.
Edward hatte gerade dort angefangen, als ich zufällig am Schulhof vorbeikam, wo die Jungs lärmend ihre Nachmittagspause verbrachten. Ich sah Edward und blieb stehen, er rief einige seiner neuen Freunde, mit denen zusammen wir kurz an der niedrigen Mauer standen und ein bisschen miteinander scherzten. Ich war völlig arglos und bemerkte nicht, dass uns meine Mutter und eine bei uns wohnende Tante auf ihrem Heimweg sahen. Beim Nachmittagstee herrschte eine mir unerklärliche Spannung; wenig später brach der Sturm los, ich wurde heftig ausgeschimpft, weil ich öffentlich mit Edwards Freunden gesprochen hatte.
Diese kleine Episode war ein erster Hinweis darauf, dass die ältere Generation einen freien und unbekümmerten Kontakt zwischen Jungen und Mädchen unanständiger fand als alle prüden Vorstellungen über das andere Geschlecht zusammen. Das weckte in mir einen rebellischen Trotz, der mir seither zu eigen ist.
An meine Grundschule habe ich kaum noch Erinnerungen, nur, dass ich anfangs von zwei unangenehmen kleinen Mädchen schikaniert wurde. Sie waren älter und größer, hatten aber an dieser offensichtlichen Überlegenheit bald keine Freude mehr und begannen, mich zu quälen, indem sie mir, arglos wie ich war, die abstoßendsten sexuellen Details aufdrängten. Meine Eltern hatten sich über meine harmlose Unterhaltung mit Edwards Freunden aufgeregt, aber von dieser wirklichen Gefahr für meine Moral und meinen Seelenfrieden ahnten sie nichts, und ich schwieg aus Scham – allerdings nicht über die widerlichen Äußerungen meiner Mitschülerinnen, sondern weil ich bei ihren körperlichen Attacken die Tränen nicht zurückhalten konnte.
Es gab in der Schule einige Internatsschülerinnen, aber die meisten stammten aus der Gegend, sodass es im Unterricht praktisch keine Konkurrenz gab. Schon mit zwölf Jahren spreizte ich in einer der oberen Klassen das bunte Gefieder meiner jugendlichen Selbstgefälligkeit, und da die sterbenslangweiligen Sechzehn- und Siebzehnjährigen beharrlich so taten, als sei ich ein Wunderkind, verlor ich bald das letzte bisschen Selbstkritik, um noch erkennen zu können, wie begrenzt meine Leistungen in Wirklichkeit waren.
Als ich in die erste Klasse kam, wurde die Schule von einer steinalten Lehrerin geleitet, eine typische Vertreterin aus guter Familie und ohne Ausbildung, nur wenig später aber folgte eine neue Direktorin mit einem einwandfreien Abschluss von Cheltenham. Dergleichen galt im Buxton jener Tage als außergewöhnliche Qualifikation für eine Schulleiterin, der Bildungsstand meiner Eltern war ähnlich bescheiden. Sie hatten keine Gelegenheit zu mehr Bildung gehabt; meine Mutter hatte die Schule nur sehr unregelmäßig besuchen können, mein Vater, der in den 1870ern mit einem für ihn typischen, aber durchaus nachvollziehbaren Eigensinn gegen Malvern aufbegehrt hatte, war auf die High School in Newcastle-under-Lyme geschickt worden, wo die Jungs sich die Zeit vor allem damit vertrieben, die leidgeprüften Lehrer zu piesacken.
In den rebellischen Tagen meines Vaters an der High School von Newcastle besuchte ein Junge namens Enoch Arnold Bennett die Middle School der Stadt, er stammte aus Hanley, war etwas jünger als mein Vater und ein sehr guter Schüler. Die Schüler der Middle School und die arroganten jungen Tyrannen der High School hatten selbstverständlich so gut wie keinen Kontakt miteinander, und auch als der Verfasser von The Old Wives’ Tale bereits einen festen Platz in der englischen Literatur hatte, sahen meine Verwandten immer noch auf die Bennetts herab und bezeichneten sie oft als »gewöhnlich«.
Die Schulbildung meiner Eltern entsprach hinsichtlich ihrer Qualität und Dauer dem, was für die provinzielle Mittelschicht jener Zeit üblich war und dieser völlig ausreichend erschien. Die Freunde meiner Eltern hatten auch nicht mehr Bildung genossen als sie, ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den Jahren meiner Kindheit in Macclesfield und Buxton jemals jemanden zu Besuch gehabt hätten, den ich interessanter fand als meine Verwandten oder die intellektuell beschränkten Nachbarn mit ihren noch viel beschränkteren Ehefrauen.
Es waren typische Kleinstadtfamilien, wie es sie noch heute gibt; die Ehefrauen »blieben zu Hause«, die Ehemänner waren Filialleiter einer Bank, ängstliche und uninspirierte Anwälte, bescheidene Kaufleute, die Sicherheit jedem Wagnis vorzogen, oder »Hausärzte«, deren gute Manieren ihre diagnostische Unsicherheit vertuschten. Lehrer wurden nicht eingeladen, weil mein Vater sie langweilig fand. Als unerschütterlicher Verfechter des Freihandels war er immer bereit, mit Fürsprechern von Joseph Chamberlain die ewige Kontroverse zwischen Freihandel und Zolltarifreform zu diskutieren, aber er ließ sich nur sehr ungern von der spannenden Erörterung der Papierherstellung auf uninteressante Themen wie die Bombardierung von Port Arthur oder die blutige Errichtung einer Duma durch die russische Revolutionspartei bringen.
An meine kindlichen Ohren drang kaum je ein Echo von solchen Ereignissen in entlegenen Teilen der Welt, selbst Fragen der Steuergesetzgebung, ein zweifellos interessantes Thema, galten als zu anspruchsvoll für ein Schulmädchen. Ich vermute, dass es eben diese Absolutheit war, mit der mir alle Türen und Fenster zur bunten, abenteuerlichen Welt der Literatur, Bildung, Kunst, Politik und des Reisens verschlossen blieben, die meine Kindheit eine Zeit lang so glücklich sein ließ. Auf dem Internat erfuhr ich etwas über die fernen Paradiese des Lernens, der Entdeckungen, etwas über Beziehungen von Menschen mit gemeinsamen Werten, ich lernte, was jenseits der hohen Provinzmauern liegt, die die Stickigkeit eines selbstgefälligen Bürgertums hermetisch nach außen hin abschirmten. Das machte mich sehr unzufrieden und ich beschloss, durch diese Mauern hindurch in ein Paradies der Anmut und des Lichts vorzustoßen, das mich, wie ich sicher glaubte, im Süden erwartete.
Ich denke, es war der Amerikaner Albert Edward Wiggam, Autor von The Fruit of the Family Tree, der ausgerechnet hat, dass die Hälfte aller herausragenden Männer und Frauen auf der Welt einem Prozent der Bevölkerung entstammt und die vielen mittelmäßigen Millionen der restlichen Menschheit die zweite Hälfte beisteuern. Wenn ich aber wie in meinen späteren Jugendjahren darüber nachdenke, welch unschätzbare Vorteile es mit sich bringt, in eine Familie wie die der Huxleys, der Haldanes, Frys, Darwins oder Arnolds hineingeboren zu sein, dann erstaunt mich an Wiggams Entdeckung nicht, dass der Durchschnitt nur die Hälfte aller Hochtalentierten hervorbringt, sondern dass es überhaupt einem von ihnen gelungen ist, diesem Schattendasein zu entkommen.
Mit dreizehn, klein für mein Alter und trotz der erfahrenen Mitschülerinnen aus der fünften Klasse noch sehr kindlich, kam ich nach Kingswood in Surrey in das kürzlich eröffnete Internat St. Monica’s – eine sichere Wahl, denn die älteste und begabteste Schwester meiner Mutter war eine der beiden Leiterinnen.
Deren Kollegin Louise Heath Jones, eine hochintelligente, lebhafte Frau, hatte ihre Ausbildung in Cheltenham und Newnham erhalten und verstand es, nicht nur die Schülerinnen, sondern auch die Lehrerinnen mit ihrem religiösen Idealismus und überaus eigenwilligen Unterrichtsstil ebenso zu beflügeln wie einzuschüchtern. Ihr leidenschaftlicher Intellekt ließ sie ihr Leben in einem Tempo führen, dem ihre zarte Konstitution nicht gewachsen war; kurz nachdem ich von der Schule abgegangen war, erlitt sie einen Zusammenbruch, der den verfrühten Ruhestand erzwang. Sie starb 1931 nach langjähriger Krankheit.
Meine Tante, besonnen und selbstsicher, blieb von 1914 bis Ende 1930 im Amt, und auch ohne Collegeabschluss oder eine spezielle Lehrinnenausbildung brachte sie allein durch ihre Persönlichkeit und ihr natürliches Organisationstalent St. Monica’s auf ein beachtliches Niveau. Im Vergleich zu anderen privaten Mädchenschulen war der Lehrplan bemerkenswert aufgeklärt und weltoffen.
Als ich einige Jahre vor dem Krieg nach St. Monica’s kam, hatte die junge Schule noch nicht den hohen Bildungsstandard erreicht, für den sie später bekannt sein sollte, und obwohl mein Wunsch, das College zu besuchen – in dem Moment geboren, als ich von der Existenz und Bedeutung der Frauencolleges (oder Colleges für Damen, wie sie damals noch hießen) erfuhr – bei Leiterinnen wie Lehrerinnen auf echtes Wohlwollen stieß, wurde ich von ihnen nicht auf die Aufnahmeprüfungen vorbereitet. Sicherlich hielt die meine ganze Schulzeit beherrschende eiserne Entschlossenheit meines Vaters, mich zu einer ausschließlich dekorativen jungen Frau zu machen, sowohl meine Tante als auch Miss Heath Jones von jeder Unterstützung ab, die sie mir sonst gewährt hätten.
Meine Mitschülerinnen zeigten, was nicht weiter erstaunt, weder Interesse noch Verständnis für meine ehrgeizigen Ziele. Es waren modebewusste junge Frauen, für die Universitäten nur die sinnlose Verlängerung des unnützen und beschwerlichen Lernens darstellten; dass ich unbedingt Klassenbeste werden und bleiben wollte, befreite sie auf befriedigende Weise von allen Anstrengungen, das selbst zu werden.
Die meisten Eltern, die damals ihre Tochter auf eine private Mädchenschule schickten, dachten bestenfalls halbherzig daran, ihr Kind damit auf eine anstrengende Berufstätigkeit oder auch nur eine sinnvolle Betätigung vorzubereiten. Das oberste, unangefochtene Ziel der jungen Frauen und ihrer Mütter war die Ehe, und obwohl die Schulleiterinnen unverdrossen den Dienst am Gemeinwohl als Ideal propagierten, verließ praktisch jede Schülerin die Schule mit zwei Vorsätzen – bei der erstmöglichen Gelegenheit zurückzukehren, um ihre Mitschülerinnen mit der Pracht einer erwachsenen Toilette zu beeindrucken, und, wichtiger noch, als Erste verlobt zu sein.
Ich dachte damals zwar entschieden mehr an Universitäten als an Verlobung, die Sehnsucht nach einer erwachsenen, zumindest teilweise selbstgewählten Garderobe aber teilte ich, denn die Mädchenkleidung jener Zeit folgte offenbar dem Diktat, keinen Teil des menschlichen Körpers der Sonne oder der Luft auszusetzen, der sich irgendwie mit Flanell verhüllen ließ. Wenn ich mich heute in der Andeutung eines Badeanzugs an einem belebten plage der Riviera sonne und die kleinen Mädchen mit ihren schmalen braunen Körpern fast nackt und frei von Scham am Wasser spielen sehe, erfasst mich immer noch bittere Wut beim Gedanken an die Konventionen, die vor zwanzig Jahren meinen hübschen, heranwachsenden Körper in Wollkombinationen hineinzwangen, in schwarze Kaschmirstrümpfe, Leibchen, Strickunterhosen, Flanellunterröcke und dazu oft noch einen langärmeligen, hochgeschlossenen Wollspenzer.
Ich fand in Kingswood nur zwei Freundinnen, eine kleine, dunkle Halbengländerin und eine hübsche, blonde, sanftmütige Angelsächsin, die ich hier Mina und Betty nennen werde. Mina, jüngste Tochter einer großen und wohlhabenden Familie, ließ in der Schule echtes künstlerisches Talent erkennen, Betty hatte einen klugen Kopf, scherte sich allerdings nicht darum, sie wollte nichts anderes als heiraten und Kinder bekommen.
Während des Krieges und unter einer aufwühlenden Liebesgeschichte leidend, kam Mina auf den Gedanken, dass ich ihrer Freundschaft nie würdig gewesen war. Als ich Anfang 1916 in London als Krankenschwester arbeitete und sie an einer Kunstschule ihr Zeichentalent schulte, verabredete sie sich mit mir – und zwar von allen denkbaren Orten für eine Moralpredigt ausgerechnet am Albert Memorial –, um mir zu eröffnen, ich sei egoistisch, unehrlich und ehrgeizig und daher ihrer Zuneigung nicht mehr würdig. Sie stand, klein, stämmig und auffällig in Mantel und Rock von sonderbarem Rosa, vor dem gewaltigen Steinsockel des untadeligen Albert und beschimpfte mich wegen der harten, verbitterten Unzugänglichkeit, in der ich nach der ersten großen Tragödie meines Lebens erstarrt war.
»Du hast dir nie wirklich etwas aus Roland gemacht; du wolltest ihn nur aus Ehrgeiz heiraten! Wenn du ihn wirklich geliebt hättest, würdest du dich nicht aufführen wie in den letzten Wochen!«
Es war typisch, dass eine wohlhabende junge Frau jener Zeit glaubte, dass Macht, die Frauen genauso anstreben wie Männer, nur durch die Sicherung eines brillanten Ehemannes zu erlangen sei. Ich weiß nicht mehr, in welcher Stimmung ich die lange Busfahrt nach Camberwell antrat, vermutlich ging mir das alles sehr nah. Jedenfalls trennten wir uns für immer, ich kann mich nicht erinnern, Mina jemals wiedergesehen zu haben.
Die Beziehung zu Betty hielt länger, ihr verdanke ich viel; während des Krieges sorgten wir dafür, dass wir fast zwei Jahre lang im selben Militärhospital arbeiteten, danach pflegten wir jene Art Freundschaft, die durch Klassentreffen und regelmäßige Weihnachtskarten immer wieder neu belebt wird. Der Krieg, der private wie nationale Hoffnungen zerstörte, bescherte ihr eine ungewisse Zukunft, bis sie 1922 einen sehr viel älteren Mann heiratete, einen Parlamentsabgeordneten der Konservativen.
Ich weiß noch genau, wie Kingswood vor zwanzig Jahren aussah, das unbebaute Hügelland reichte bis Smithham, die dichten Wälder waren noch frei von den Placken der rosa und grauen Vorstadtvillen. Einer der schönsten Ausflüge an Sommerabenden führte durch die sanft geschwungenen, nach Thymian und Wildrosen duftenden Felder zwischen Kingswood und Chipstead; in der Dämmerung suchten wir am dunkler werdenden Himmel aufgeregt den angeblich von furchtbaren Katastrophen kündenden Kometen Halley oder lauschten, unbesorgter, den Nachtigallen. Die große Stille wurde äußerst selten von dem gemächlichen, auf der Spielzeugbahnlinie durchs Tal zuckelnden Züglein gestört.
Als ich in den Monaten vor meinem Studienbeginn in Oxford allein und ohne fremde Hilfe den langweiligen Stoff für die Prüfungsaufgaben durchackerte, grollte ich meinen Eltern insgeheim, weil sie mich nicht auf ein renommiertes Mädcheninternat wie Cheltenham und Roedean oder wenigstens auf eine normale High School geschickt hatten, wo erfahrene Lehrkräfte mich in speziellen Prüfungskursen auf diese akademischen Mysterien vorbereitet hätten. In den letzten Jahren habe ich begriffen, dass St. Monica’s keine schlechte Wahl war, auch wenn sie weniger Fächer anbot als andere Privatschulen damals. In St. Monica’s gab es nicht jene strenge, jahrelange Erziehung, die inzwischen eine unverzichtbare Voraussetzung für jede akademische Karriere ist; diese Art der Studiumsvorbereitung war damals fast nur an Schulen möglich, die jeden weiblichen Charme ihrer Schülerinnen abtöteten und sie in völlig gehemmte hockeyspielende Bengel mit rüden Manieren verwandelten.
St. Monica’s hat mich selbstverständlich auch nicht auf die ungeheuren Belastungen der späteren Jahre vorbereitet, aber ich bezweifele, dass das einer abgeschotteten Welt der Hockeyspiele und High School-Prüfungen besser gelungen wäre. Vielleicht wäre die frühe Erziehung zu einem kritischeren, weniger idealistischen Denken auf lange Sicht eine wirksamere Waffe gegen die vernichtende Katastrophe gewesen. Ich habe häufig genug Oxford-Dozenten beobachtet, um mich auch bei den irregeleiteten und betrogenen Jungen und Mädchen der Kriegsgeneration zu fragen, ob ein überaus kritischer Geist nicht mindestens so gefährlich gewesen wäre wie ein überaus unkritischer. Letzterer zerstört auf jeden Fall nicht die Lebendigkeit, die man mehr als alles andere braucht, um mit den Hindernissen, Rückschlägen und der dummen Häme fertigzuwerden, die einem in jungen Jahren mehr zu schaffen machen als in jedem anderen Alter.
Wir waren zu jung, um den unbarmherzigen Schlag der Geschichte abwenden zu können; vermutlich wären wir ganz unabhängig von unserer Seelenlage in den Krieg gezogen, und vielleicht trugen die Anfangsmonate, in denen wir wirklich an die Sache glaubten, dazu bei, dass einige von uns schließlich ins Leben zurückkehrten. Jedenfalls ließen in St. Monica’s die geringen Anforderungen des Unterrichts, der fehlende Wettbewerb und der ungestörte Frieden der schönen Landschaft eine ausgiebige Lektüre von Dante und Shakespeare, Shelley, Browning und Swinburne zu, und sie ließen auch Raum für Träume, von denen viele auf verschlungenen Wegen und gegen jede Wahrscheinlichkeit wahr wurden.
Eine Kollegin, Journalistin wie ich, sagte mir einmal halb spöttisch, halb amüsiert, ich hätte die Gleichheit der Geschlechter in einem viel besseren Licht dargestellt, als sie es bei einem derart ominösen Thema für möglich gehalten habe, bis ich begonnen hätte, in allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften Artikel über gleichen Lohn und berufstätige Ehefrauen zu veröffentlichen. Sollte das zutreffen, kann ich nur erwidern, dass das Fundament meiner Überzeugungen, so eigenartig das klingen mag, an einer Schule gelegt wurde, der viele Eltern ihre Töchter anvertrauten, damit sie lernten, sich dem Mann dekorativ und zufrieden unterzuordnen.
Miss Health Jones, von der ich inzwischen glaube, dass sie insgeheim mit den militanten Suffragetten sympathisierte, war eine glühende, aber immer diskrete Frauenrechtlerin. Sie erzählte mir oft von Dorothea Beale und Emily Davies, lieh mir Bücher über die Frauenbewegung und nahm mich sogar zu einem – vermutlich sehr gemäßigten und verfassungskonformen – Suffragetten-Treffen im Städtchen Tadworth mit. Meine erste Begegnung mit der Frauenfrage bleibt für mich auf immer mit der außergewöhnlichen Hitze jenes aufgeregten Sommers, den Eisenbahnerstreiks, dem Machtkampf zwischen Ober- und Unterhaus um den Parliament Act um die Beschneidung der Rechte des Oberhauses und der französisch-deutschen Marokkokrise verbunden, all diese Themen fanden sich in meinem engagierten Leitartikel für das Schulmagazin von 1911 wieder.
Ich erinnere mich gut an einige von Miss Heath Jones’ Geschichtsund Bibelstunden – Stunden, in denen sie binnen fünf Minuten von der Französischen Revolution zur Unterhauswahl von 1910, den Prophezeiungen des Jesaja, Italiens Invasion von Tripolis im Jahr 1911 und zurück zur Französischen Revolution sprang. Als Vorbereitung auf die blutleeren Vorkriegsexamina war dergleichen natürlich wenig sinnvoll, als Unterricht im eigentlichen Sinne aber – der schrittweisen Befähigung unreifer junger Menschen, zu denken, sich zu veranschaulichen, Analogien zu erfassen – war es kaum zu übertreffen. Als Österreich-Ungarn 1908 Bosnien und Herzegowina annektierte, ließ sie uns Landkarten der Balkanhalbinsel zeichnen, als Deutschland 1911 das Kanonenboot Panther nach Agadir schickte, initiierte sie eine Schuldebatte über die Marokkokrise.
Sie verlangte sogar von uns, Tageszeitungen zu lesen, was für den Lehrplan einer privaten Mädchenschule damals ausgesprochen ungewöhnlich war. Selbstverständlich bekamen wir nie die komplette Zeitung – unsere unschuldigen Blicke hätten von der Auslandsberichterstattung zu Artikeln über die Internationale Pariser Konferenz zur Abschaffung des Mädchenhandels wandern können; die sorgfältig ausgewählten Ausschnitte stammten grundsätzlich aus The Times oder The Observer und wurden nicht durch andere politische Meinungen infrage gestellt, aber dass wir sie überhaupt bekamen, zeugt von Miss Heath Jones’ wirklich ungewöhnlichem Gespür für die Bedeutung der Tagespolitik. Für die meisten Schulleiterinnen waren Politik und Wirtschaft für die Erziehung heiratsfähiger junger Frauen völlig irrelevant.
Nicht alle Mädchen mochten Miss Heath Jones’ Unterricht, die meisten behüteten jungen Frauen jener Epoche hatten kein Interesse an der Schulung ihrer Intelligenz. Offenbar wissen immer noch zu wenige Lehrer, dass die Lust am Denken geweckt werden muss, bevor sie sich entfalten kann. Aber die meisten Menschen, ob Männer oder Frauen, lieben die Bequemlichkeit, und Denken ist per se unbequem.
Zwischen fünfzehn und achtzehn las ich unter Miss Heath Jones’ unkonventioneller Anleitung sehr viel, besonders wichtig für meine weitere Entwicklung waren ein Gedicht, ein Roman sowie eine ebenso provokante wie triumphale Streitschrift. An einem stürmischen Herbstabend im Internat St. Monica’s, der Wind fauchte um die Mauern, im Dachfenster jagten Wolken vor einer schmalen Mondsichel, las ich während der Prüfungsvorbereitungen zum ersten Mal Shelleys »Adonais«. Auf erstaunliche und beeindruckende Weise lehrte es mich, was Schönheit in Literatur ist. Durch dieses Gedicht wurde der undeutliche Traum von einem Leben als Schriftstellerin, den ich seit meinem siebten Lebensjahr hegte, zum festen Entschluss. Nichts kann erregender sein, als zum ersten Mal und mit sechzehn diese mittlerweile tief vertrauten Zeilen zu lesen:
Das Eine bleibt, das Viele geht; entstrebendie Schatten auch, Himmels Licht scheint allzeit.Wie eine Buntglaskuppel färbt das Lebenden weißen Strahlenglanz der Ewigkeit …
Der Roman war, eigenartig genug, das religiöse Traktat Robert Elsmere. Wenn ich geahnt hätte, dass dessen Verfasserin Mrs. Humphry Ward, just als ich das Buch las, auf äußerst unangenehme Weise die Gegner des Frauenwahlrechts zusammenrief, wäre ich vielleicht nicht so beeindruckt gewesen, aber von Mrs. Wards politischen Machenschaften erfuhr ich erst Jahre später, und so verwandelte mich ihr Buch von einer unkritischen, im Grunde gleichgültigen Kirchgängerin zu einer tief grübelnden Agnostikerin.
Olive Schreiners Die Frau und die Arbeit – die »Bibel der Frauenbewegung« und ein Buch, das die Welt von 1911 weckte wie der Trompetenstoß, der die Gläubigen zum alles entscheidenden Kreuzzug ruft – machte mich endgültig zur Frauenrechtlerin. Miss Heath Jones lieh mir das Buch kurz nach seinem Erscheinen. Wie fast alle Mittelklassetöchter war auch ich in dem Glauben erzogen, ein Leben in ewiger, demütigender und unausweichlicher Bevormundung führen zu müssen, und ich spüre noch heute die Erregung, die der folgende Abschnitt in mir auslöste; er bestätigte mich in meinem Entschluss, das College zu besuchen und zumindest die Grundlage für ein Leben zu schaffen, das unabhängiger war als das einer jungen Lady aus Buxton:
Jede Arbeit gehört in unser Gebiet!
Vom Richterstuhl bis zum Parlamentssitz, vom Kabinett des Staatsmannes bis zum Kontor des Kaufmanns, vom chemischen Laboratorium bis zur Sternwarte, nirgends ist eine Stelle oder eine Arbeitsgelegenheit, für die wir nicht die Absicht hätten, uns tauglich zu machen. Es gibt keine verschlossene Tür, die wir nicht aufbrechen wollen, keine Frucht im Garten der Erkenntnis, von der wir nicht zu essen entschlossen wären.
Ich saß im Garten von St. Monica’s neben einem kleinen, zugewachsenen Teich, in dem dicke Goldfische gemächlich aus den Schatten heraus und wieder in sie hinein glitten, als ich mir zum ersten Mal in kindlicher Ekstase eine Welt vorstellte, in der Frauen nicht mehr die zweitrangigen, unbedeutenden Geschöpfe waren, sondern ebenbürtige und respektierte Gefährten der Männer.
Als Sechzehnjährige begann ich davon zu träumen, dass die Männer und Frauen meiner Generation – wobei ich in dieser Galaxie der Leonardos selbstverständlich an prominenter Stelle stand – eine neue, umfassende Renaissance begründen und dabei ganz beiläufig all die dummen Fehler unserer Vorfahren korrigieren würden. Später sollte ich in diesem Garten meine immer wieder aufgeschobenen Berufspläne wesentlich realistischer überdenken und nach den College-Prüfungen Ruhe finden. Dort erwartete ich Neuigkeiten aus dem Krieg, dort spürte ich das bedrohliche Beben der Geschütze an der belgischen Küste, das sich unterirdisch fortpflanzte und Caterham Valley erschütterte. In den frühen zwanziger Jahren unterrichte ich in den höheren Klassen von St. Monica’s Geschichte und internationale Beziehungen, aber auf dem Spaziergang nach dem Unterricht dachte ich an ganz andere Beziehungen, ich fragte mich, ob ich heiraten sollte.
Aber ich greife vor. In meinem letzten Jahr machte ich als Klassenbeste keine Prüfungen und lernte kaum noch, eine Ausnahme war der ungewöhnliche Geschichts- und Literaturunterricht einer Vertretungslehrerin. Diese Miss F. war wie Miss Heath Jones eine jener seltenen eigensinnigen Lehrerinnen mit einem echten Talent, ihre Schülerinnen zu eigenem Denken anzuregen. Ihre Begabung zeigt sich in meiner von ihr geweckten Begeisterung für die Werke von Carlyle und Ruskin.
Obwohl meine Eltern eine Frau wie die elegante, nachdenkliche und temperamentvolle Miss F. im Grunde nicht billigten, war sie einmal für ein paar Tage zu Gast bei uns in Buxton und sagte mir dort an einem langweiligen Nachmittag die Zukunft voraus: »Ich denke schon, dass du heiraten wirst,« – dieser Satz implizierte, dass dies immer noch die größte Sorge eines intelligenten Mädchens war – »aber wenn du mit einundzwanzig nicht verheiratet bist, musst du bis dreißig warten. Bis dahin wirst du einen guten Beruf ausüben, ich weiß nicht, welchen, aber das wird gutgehen und deine Ehe nicht stören.«
Unmittelbar bevor ich St. Monica’s verließ, spielte ich in dem Weihnachts-Mysterienspiel Eager Heart von Miss Alice Mary Buckton die Madonna, was meine letzten Internatswochen bewegend und erinnerungswürdig machte. Die Rolle passte jedenfalls gut zu mir, wer das sentimentale und mystische Stück mit seiner Distanz zu den Niederungen des Alltags kennt, ahnt, in welch geistiger Verfassung ich vor meinem achtzehnten Geburtstag die Schule verließ, um in die fremde Welt der Buxtoner Gesellschaft ›eingeführt‹ zu werden.
Ich glaube nicht, dass sich heute ein junges Mädchen in diesem Alter auch nur entfernt vorstellen kann, wie desaströs ahnungslos, schwärmerisch idealistisch und unfassbar provinziell meine empfindsameren Gleichaltrigen und ich damals waren. Das Tagebuch, das ich kurz nach Abschluss der Schule begann und bis weit in den Krieg hinein führte, muss man gelesen haben, um zu begreifen, wie naiv wir waren. Die Titelseite der »Gedanken-Aufzeichnungen, 1913« benennt folgende großen Ambitionen:
»Liebe geben, Denken fördern, Leiden mindern, Gleichgültigkeit bekämpfen, Handeln inspirieren.«
»Von Etwas alles und von Allem etwas wissen.«
Auf der gleichen Seite steht ein Lieblingszitat aus Rostands Princesse Lointaine:
Ah! l’inertie est le seul vice, Maître Erasme,Et le seul vertu, c’est … l’enthousiasme.
Ein Eintrag nach einem Ball am 20. Dezember 1913 lautet: »Es macht mich unsäglich unzufrieden, dass ich so viele dumme und oberflächliche Männer kennenlerne, von denen die anderen Mädchen offenbar alle angetan sind. Ich wünschte, ich würde einem guten, starken, großartigen Mann begegnen, voller Kraft und Enthusiasmus, der es ernst meint mit seinem Leben. So einen muss es geben!«
Meinem Ehemann habe ich diesen sehnsüchtigen Seufzer nie gezeigt, weiß also nicht, ob er sich in dieser Beschreibung wiederfindet.
1916 waren die optimistischen Ideale früherer Jahre von der ersten Seite des Tagebuchs verschwunden; nun stand dort ein Vierzeiler von Paul Verlaine, der für mich so treffend wie kein anderes Gedicht das bleierne Gefühl einfängt, das nach den ersten beiden Kriegsjahren von meiner Generation Besitz ergriffen hatte.
Oh, qu’as tu fait, toi que voilà,Pleurant sans cesse?Dis, qu’as tufait, toi que voilàDe tajeunesse?
Ähnlich betrauerte William Noel Hodgson, der mit gerade einmal 23 Jahren an der Somme fiel, in einem der traurigsten Lieder des Krieges die verlorene Jugend und die verlorenen jungen Männer. Als ich The Death of Youth 1919 in der Albert Hall von Topliss Green hörte, lagen vier Jahre Arbeit in Lazaretten, viele Trennungen und letzte Abschiede hinter mir, ich war zu Tränen gerührt:
Nehmt den Jüngling, der heut starb –er war lebensfroh und kühn –,legt ihn auf ein Rosengrab,aufs zermalmte Haupt legt ihmRosen, rot vor Liebesglühn,die rasch fliehen erdenab.
Macht das kleine Grab recht schlicht,nie geschaut vom Auge mein,keinen Stein setzt, jammert nicht,dass mein armes Herz nicht bricht –doch weil schwach ich bin, mag seinRaute dort und Rosmarein.
Doch ich greife wieder vor. Passagen aus den Tagebüchern meiner Jugend, die ich zitiert habe und noch zitieren werde, sollen einen Eindruck davon vermitteln, wie der Krieg mit seiner schonungslosen Desillusionierung und dem unverhüllten Elend auf ein behütetes Mädchen wirkte, das (in streng gesellschaftlichem Sinne) bei Kriegsausbruch »erwachsen wurde«.
Sicherlich waren junge Frauen aus der Provinz wie ich kindlicher, romantischer und versponnener als Gleichaltrige in London; denke ich aber an meine Londoner Klassenkameradinnen zurück, erscheint mir der Unterschied gering. Ich erinnere mich an eine, die gerade in die Gesellschaft »eingeführt« worden war und mir sagte, sie habe immer Angst, mit einem Mann zu weit zu gehen, weil sie nicht wisse, was »zu weit« bedeute. Ich konnte ihr nicht weiterhelfen, aber ein Erlebnis wenige Jahre zuvor ließ mich vermuten, dass dieses undefiniert Gefährliche etwas äußerst Peinliches und zutiefst Unangenehmes sein musste.
Ich war, wie immer, am Ende des Schuljahres von einer Lehrerin an Bahnhof St. Pancras in den Zug nach Buxton gesetzt worden. Wegen der vielen Warnungen vor Mädchenhandel gab es die strenge Regel, dass eine Schülerin nie allein mit Männern in einem Abteil sitzen durfte, daher wählte die Lehrerin eines mit einem einzelnen Passagier und einer seriösen älteren Dame. Diese stieg leider an der ersten Station nach St. Pancras aus, und kaum war der Zug wieder angefahren, rückte der dunkelhäutige Fremde, schwarzhaarig, mit unstetem Blick und großen, behaarten Händen, aus seiner Ecke und setzte sich neben mich.
»Hab nur darauf gewartet, dass die alte Ziege geht, damit wir uns mal nett unterhalten können«, begann er aufgeräumt. Beunruhigter, als ich mir den Anschein gab, blickte ich hilfesuchend zur geschlossenen Abteiltür, die auf den Gang hinausführte. Sie schützte mich durch ihre schiere Existenz besser, als ich damals wusste, aber zwischen ihr und mir war dieser Klotz eines sich aufdrängenden Mitreisenden.
»Ich sehe, du fährst nach Buxton«, sagte er mit Blick auf meinen Kofferanhänger. »Wie schade, dass ich in Leicester aussteigen muss! Sagst du mir denn, wie du heißt?«
Ermutigt durch die Erwähnung von Leicester, das nur eine halbe Zugstunde entfernt war, erwiderte ich erfindungsreich, dass ich Violet Brown hieße und gar nicht in Buxton wohne, sondern dort eine Woche lang Freunde besuchen wolle – Grund für diese Lügengeschichte war die panische Angst, diese Gestalt könne plötzlich an unserer Tür stehen und nach mir fragen.
»Und wie alt bist du?«, wollte er wissen, rückte noch näher und schien enttäuscht, als ich wahrheitsgemäß antwortete, ich sei vierzehn.
»Ach«, rief er aus, »du hübsches kleines Ding – und ich war mir sicher, du bist schon siebzehn! Wenn du nach Hause kommst, musst du mir eine Fotografie von dir schicken.« Er rückte noch näher, ich drückte mich noch tiefer in meine Ecke.
Da bemerkte ich, dass der Zug, der mich nach Leicester und in Sicherheit bringen sollte, stehen geblieben war. Am Gleis waren Rufe zu hören; mein Widersacher schnappte sie auf und berichtete zufrieden, wir seien liegen geblieben und erreichten Leicester in allerfrühestens einer Stunde.
»Was ein Glück, dass wir zusammen sind!«, sagte er leise und nahm meine Hand – die recht schmuddelige, tintenbefleckte Hand einer Schülerin, die Nägel von Sport und Gartenarbeit abgebrochen. »Ein hübsches Mädchen wie du sollte nicht Nägel kauen«, murmelte er und betrachtete versonnen meine Finger. »Hör mir zuliebe damit auf, ja? – und gib mir einen Kuss, damit ich weiß, dass wir Freunde sind.«
Die lüsternen schwarzen Augen, die fummelnden Hände und seine Alkoholfahne ließen mich panisch werden. Plötzlich verzweifelt und offenbar um einiges kräftiger, als mein Quälgeist vermutet hatte, riss ich mich mit ungeheurer Anstrengung aus dieser bedrängenden Umarmung und stürmte in den Gang. Die unauffällige Frau mittleren Alters, in deren Abteil ich hochrot und ohne Hut stolperte, sah mich erstaunt an, akzeptierte aber meine gestotterten Hinweise auf einen »furchtbaren Mann« und beruhigte mich, indem sie ihr Lunchpaket mit mir teilte. Als wir schließlich mit einstündiger Verspätung in Leicester ankamen, holte sie mit mir meinen Koffer aus dem Abteil, wo ich meinen Angreifer anzutreffen fürchtete, aber er war fort.
Meinen Eltern habe ich das nie erzählt – der Gedanke an das Tohuwabohu, den der Vorfall zu Hause und in der Schule auslösen, und die Aufregung, die jede künftige Bahnfahrt begleiten würde, wollte ich tunlichst vermeiden –, doch die ganze Sache war für mich so unaussprechlich widerwärtig, dass ich mich daran erinnere, als sei es erst letzte Woche passiert. Tatsächlich begriff ich erst im Sommer 1922 bei einer Kundgebung der feministischen Six Point Group, während derer ich selbst von einer Bühne im Hyde Park herab die Verabschiedung der Criminal Law Amendment Bill durch das Unterhaus forderte, dass es ein sexueller Übergriff gewesen war. Die Änderung des Strafrechts beinhaltete eine offizielle Anerkennung der unsittlichen Angriffe auf Minderjährige und die Heraufsetzung des Schutzalters.
Soweit ich das heute beurteilen kann, fand ich mit achtzehn gesellschaftliche Probleme und das, was man damals als »Tatsachen des Lebens« bezeichnete, mindestens ebenso interessant wie die meisten Gleichaltrigen, aber meine literarischen Ambitionen waren viel stärker als meine sexuelle Neugier. Und doch war mir als Einundzwanzigjährige bei Kriegsausbruch nicht wirklich klar, was Homosexualität, Inzest oder Sodomie konkret bedeuteten, der Schatten auf dem Namen Oscar Wilde, dessen Theaterstücke ich 1913 entdeckt und wegen ihrer Epigramme mit großer Begeisterung gelesen hatte, verwirrte mich.
Die meisten meiner älteren Schulkameradinnen diskutierten unentwegt heimlich darüber, wie Kinder eigentlich entstanden; manchmal wurden sie von Eltern oder Lehrern dabei erwischt, was die faszinierten Mädchen zu noch größerer Geheimniskrämerei verdammte und zu einer gründlichen Durchforstung der Bibel nach Geburtsdetails führte, etwas, das bei den Jugendlichen meiner Generation offenbar gang und gäbe war. Dieser bruchstückhaften Aufklärung in Verbindung mit den bebilderten Erklärungen in Household Medicine verdankte ich eine recht umfassende, wenn auch ziemlich viktorianische Vorstellung davon, auf welch primitive Weise die Nachkommen selbst hochgebildeter Eltern zur Welt kamen. Die Vorstellung, was genau der Geschlechtsakt war, blieb indes äußerst vage.
Dieses Halbwissen führte dazu, dass ich jeden Gedanken an eine körperliche Beziehung, die nicht mit Liebe einherging, vehement von mir wies. Als ein Nachbar mir kurz nach meinem Schulabschluss einen Heiratsantrag machte – ein sportlicher, junger, etwas beschränkter, protestantischer Mann, der meine »unweiblichen« Ziele missbilligte und fraglos nur mein niedliches Äußeres anziehend fand –, war meine spontane und einzige Reaktion ein Gefühl von Ekel und unerträglicher Erniedrigung.
Als ich zum ersten Mal einen Patienten mit einer Geschlechtskrankheit pflegen musste – die ich bisher nur aus der Presse unter dem rätselhaften Namen »die heimliche Seuche« kannte –, wusste ich nicht, was das war. Das erfuhr ich erst 1917 in einem Malteser Krankenhaus, als ich mit ansehen musste, wie ein an Syphilis erkrankter Krankenpfleger nach einer Salvarsanspritze unter Krämpfen starb. Mein gesamtes Vorkriegswissen über Armeeärzte und Krankenschwestern stammt aus Kiplings reichlich idealistischen Gedichten und half mir nicht, die Anspielungen und Gesten, die verzweifelten, heimlichen Manöver von Männern und Frauen zu verstehen, die unter den unnötigen Trennungen litten.
Spätestens jetzt ist sicher klar geworden, dass zum einen die Jungen und Mädchen meiner Generation mit ihrer Begeisterung und naiven Selbstlosigkeit ein leichtes Opfer der Kriegspropaganda waren – zumal es in England damals noch keine Wehrpflicht gab – und zum anderen, dass es nur wenige junge Frauen gegeben haben dürfte, die auf den Krieg im Allgemeinen und den Dienst in einem Armeehospital im Besonderen weniger vorbereitet waren als ich.
* In England und Frankreich heißt der Erste Weltkrieg bis heute »the Great War«, bzw. »la Grande Guerre«. 1933, als Vermächtnis einer Jugend erschien, war es – vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – die einzige Bezeichnung. (Anm. d. Übers.)
Im Rosengarten
Tau auf erröteten Blüten,Rosenpracht hold entpellt:Was, dachte ich, gibt’s Schönresauf dieser Welt?
Schritte, sacht und dann zagend(Sollte sie etwa nicht?),gingen vom Laubenschattenins Sonnenlicht.
Mittag und duftige Zierden,Golden, rosa und rot.»Wozu«, sprach ich, »sind Rosenmir letztlich not?«
R. A. L., 11. Juli 1914
Doch als ich Debütantin wurde, ausstaffiert mit Kleidern aus London, die ich nicht zu tragen verstand, lagen der Krieg noch zwei und mein Krankenhausdienst drei Jahre weit entfernt. Wir wuchsen am Ende einer beispiellosen Epoche großen Wohlstands und ungestörter Sicherheit auf, die wir so nie wieder erleben sollten, glaubten aber, sie bestünde seit undenklichen Zeiten und bis in alle Ewigkeit.
Meinen ersten Ball, den High Peak Hunt Ball, absolvierte ich sittsam gekleidet in konventionellem weißem Satin und Perlen; in dieser Uniform wirbelte ich in den folgenden Wochen unentwegt zu den Klängen von »Dreaming« und »The Vision of Salome« in den Armen junger Männer mit ungestümen Körpern und dürftigen Gesprächstalenten. Diese Bälle waren keineswegs so zwanglos, wie sie aussahen; auf ihnen wurden die Heiratschancen der jungen Frauen anhand ihrer Beliebtheit als Tanzpartnerinnen ermittelt und sie wurden folglich von zahlreichen miteinander konkurrierenden Anstandsdamen besucht, die das Geschehen mit größter Erwartung und Besorgnis verfolgten.
Als ich drei Jahre später meinen Schreibtisch aufräumte, um als freiwillige Hilfspflegerin nach London zu gehen – nicht ahnend, dass ich Buxton für immer verließ –, fand ich in einer Schublade meine mit einem Seidenbändchen zusammengebunden Tanzkarten von damals. Zu diesem Zeitpunkt waren schon so viele der unbedarften jungen Männer in Frankreich oder den Dardanellen gefallen, dass mir diese Tanzlisten wie ein ganz und gar unpassendes Souvenir einer längst untergegangenen Welt vorkamen – einer Welt, in der nur der Untergang der Titanic die Menschen plötzlich an ihre Hybris erinnert hatte. Ich legte die Karten mit jener Mischung aus Nachsicht, Trauer und Verachtung einer Frau in den mittleren Jahren zurück, die auf das Relikt irgendeiner Jugendsünde stößt.
Während der letzten Monate des Jahres 1912 und in der ersten Hälfte von 1913 besuchte ich noch mehr Bälle, machte offizielle Besuche, lief Schlittschuh, rodelte, spielte oft Bridge, Tennis und Golf, nahm Musikstunden und trat in Laientheaterstücken auf; ich verbrachte meine Tage also mit all den herkömmlichen Beschäftigungen von Generationen wohlhabender junger Damen, um eine Zeit zu füllen, für die sie keine sinnvolle Verwendung hatten.
Meine planlose Lektüre von George Eliot, Thackery, Mrs. Gaskell, Carlyle, Emerson und Mereschkowski änderte an diesem Programm wenig, auch wenn diese Schriften seine völlige Sinnlosigkeit hin und wieder kompensierten. »Die Lektüre von Romola«, vermerkte ich am 7. April 1913 enthusiastisch in meinem Tagebuch, »ließ mich innerlich jubeln! Wie wunderbar, dass man so viel Begeisterung für 2s. 6d. kaufen kann! … Nun frage ich mich, wann jene Momente höchsten Empfindens in mein Leben kommen, die das eigene Gemüt für alle Zeiten verändern.«
In den Monaten, als der erste Balkankrieg ausbrach, der Dreierbund erneuert wurde und immer wieder Aufregung über deutsche Spione herrschte, bedrängte ich – wenn auch gelegentlich mit sinkendem Mut, da die Aussichten immer geringer und die sich auftürmenden Hindernisse immer größer zu werden schienen – pausenlos meine Eltern, mich aufs College gehen zu lassen. Mein Vater konterte meine beharrlichen Bitten mit dem immer gleichen Hinweis, er habe für meine Ausbildung bereits mehr als genug ausgegeben, »kleine Mädchen« müssten einsehen, dass ihre Eltern wüssten, was am besten für sie sei. Mich brachte diese vermeintlich wohlwollende Ablehnung vor allem deswegen zur Verzweiflung, weil ich in meinen Augen natürlich kein »kleines Mädchen« war, sondern eine Heilsbringerin des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Mission es war, das Universum aus der geistigen Finsternis ins Licht zu führen.
Besessen von dem Wunsch nach einem ereignisreichen Leben und einem größeren Horizont kam ich nie auf den Gedanken, die Ehe als möglichen Weg in die Freiheit zu sehen. Nach all dem zu urteilen, was ich über Männer schon wusste, schien es mir eher wahrscheinlich, dass ein Ehemann meine Möglichkeiten noch mehr einschränkte. Eine Annahme, die dadurch gestützt wurde, dass nicht nur fast alle Männer, die ich kannte, in Buxton lebten, sondern die Stadt darüber hinaus auch für Englands besten Wohnort hielten.
Jede neuerliche Weigerung, einen weiteren Penny für meine Ausbildung auszugeben, ließ mich noch trübsinniger werden; ich fühlte mich gefesselt und gefangen; nach einigen Monaten zu Hause hasste ich Buxton mit einer Verachtung, die ich danach nie mehr für irgendetwas empfunden habe – da halfen auch die strenge Schönheit seiner Berggipfel und Täler oder die gute Luft nichts, wegen der sich so viele Rheumakranke hoffnungsvoll in die Hotels einquartierten und seine Heilwasser tranken. Fast zweihundert Meilen von London entfernt war ich an den Ort und meine Familie gefesselt. Ich hatte nichts zu tun und keinen, mit dem ich reden konnte; Edward verbrachte den überwiegenden Teil des Jahres in seinem Internat in Uppingham, der Kontakt zu Mina und Betty riss im Laufe der Monate immer mehr ab.
