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Das Vermächtnis einer Mutter ist die Geschichte der Suche des zwanzigjährigen Richard Roggenblum nach dem Verbleib seines Vaters – einerseits; andererseits ist es auch die Geschichte von Elisabeth Pressard, seiner Mutter. Elisabeth hat ihren geliebten Friedrich am Bahnhof verabschiedet, in der Erwartung und Hoffnung, dass der Vater ihres noch ungeborenen Kindes nach dem Krieg zu ihr zurückkommt. Als er auch bei den letzten, ganz späten Heimkehrern nicht dabei ist, gilt ihre große Liebe als in Italien vermisst. An ihrer Hoffnung auf ein Wiedersehen hält sie dennoch fest. Im Grunde steht Elisabeth für ein ganzes Land, für Deutschland nach dem Krieg: Sie ist gleichzeitig klein und verzagt, besiegt, genauso wie sie stark und mutig ist und die Ärmel hochkrempelt, um sich und ihren vaterlosen Sohn Richard durch die schwierigen Jahre des Neubeginns nach dem Krieg zu bringen.
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Seitenzahl: 889
Veröffentlichungsjahr: 2022
Giacchin Modamico
Vermächtnis einer Mutter
Copyright: © 2022 Giacchin Modamico
Lektorat: Sabine Büsgen
Umschlag & Satz: Sabine Abels | www.e-book-erstellung.de
Coverbild: Georg Sattler (Fotograf), Bearbeitung durch Mattia Noal
Verlag und Druck/Publisher:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
Softcover 978-3-347-66968-0
Hardcover 978-3-347-66970-3
E-Book 978-3-347-66974-1
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Die Handlung und alle handelnden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Gewidmet allen würdigen, verschwiegenen, unsichtbaren, leisen Elisabeths Deutschlands, denen Ähnliches widerfahren ist.
Giacchin Modamico wird in Italien geboren. Mit Anfang zwanzig unternimmt er eine Reise quer durch Europa. Eine unterwegs entstandene Freundschaft führt ihn schließlich nach Süddeutschland, wo er sich niederlässt. Einige Jahre später übersiedelt er, beruflich bedingt, nach Süd-Hessen, wo er heute noch lebt und arbeitet.
Prolog
… ich bin nackt von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren …
Aus dem Buch Hiob
Morate in Italien. Es ist früh am Morgen an einem kalten Dezembertag des Jahres 2005. Bodennebel steigt langsam in Schwaden auf und verschleiert die Sicht auf die Stadt und die gesamte Landschaft. Selbst die Spitzen der Zypressen verlieren sich im trüben grauen Himmel. Die archaisch anmutenden, kadenzierten Töne der Totenglocken klingen seltsam gedämpft durch eine graue Wand, die kein Echo zurückwirft. Kein Vogelruf ist zu hören, kein Wind, einzig die Geräusche des Verkehrs sind mehr zu erahnen als zu hören.
Gemessenen Schrittes kommt ein junger Priester in seinem Ornat die Allee herunter. Zwei Friedhofsbedienstete in Schwarz, mit Zylinder und Handschuhen, ziehen den mit violettem Samt bezogenen Handwagen. Ein einfacher brauner Holzsarg steht darauf, nur mit einem einzigen Kranz geschmückt. Unmittelbar hinter dem Wagen folgen zwei Männer mit gesenktem Haupt, beide dem Anschein nach in fortgeschrittenem mittleren Alter, sie bilden das Trauergeleit. Im dunklen Mantel der eine, mit einer grauen Windjacke bekleidet und finsterem Blick der andere, haben sie die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Jeder hält eine einzelne weiße Rose, die bei jedem Schritt auf dem nassen, knirschenden Kiesweg leicht hin- und herschaukelt.
Der kleine Trauerzug folgt zuerst der Hauptallee, biegt dann in einen schmaleren Weg ab, vorbei an hohen Zypressen und Zedern, an alten, vergessenen, zum Teil unter wildem Efeu verborgenen Grüften und neueren, mit frischen bunten Blumen geschmückten Grabsteinen, bis er an einem frisch ausgehobenen Grab ankommt, das fast an der Begrenzungsmauer liegt. Dort bleibt er stehen.
Nachdem sie den Sarg vom Wagen gehoben haben, seilen die beiden Friedhofsbediensteten ihn langsam in das Grab hinab, nehmen stumm ihre Zylinder vom Kopf und verneigen sich. Dann gehen sie gemessenen Schrittes davon.
Als der Geistliche die letzten Sätze aus Hiobs Prolog zu Ende zitiert hat, bleibt er still und andächtig einige Augenblicke vor der Grabstelle stehen. Dann rückt er zur Seite, wendet sich dem Mann mit der Windjacke zu, drückt ihm die Hand und sagt mit verhaltener Stimme: „Sit tibi terra levis.“ Der Mann nickt dankend; sichtlich gerührt sieht er dem Priester in die Augen und bejaht: „Möge Dir die Erde leicht sein.“
Während der Geistliche sich auf dem anderen Herrn verabschiedet, bleibt der Mann mit der Windjacke am Rand des Grabes stehen. Zutiefst erschüttert und alles um sich herum ignorierend, liegt sein Blick auf dem in der Tiefe ruhenden, braunen Holz des Sarges.
Plötzlich geht er in die Knie, in sich gekehrt lässt er die weiße Rose hinabfallen. Eine Weile lang rührt er sich nicht. Bedrückende Stille tritt ein, gebrochen nur vom einfallslosen Gekrächze einer scheuen Krähe, die wie einer unsichtbaren Seele Botin ihr Abfliegen ankündigt. Danach ergreift der Mann eine Handvoll Erde, will sie hinabwerfen, scheint dann aber von seinem Gedanken abgerückt zu sein, irgendetwas hat ihn davon abgehalten; für einen Augenblick hält er die Faust voller Erde regungslos vor sich – Nein! Lass es sein! scheint er zu denken – dann, wie erschöpft, lässt er den Arm gleich einem schweren Gewicht auf die Grabkante fallen. Er nimmt voller Reue von der groben Geste Abstand. In jenem Moment kommt es ihm nicht wie eine rituelle Abschiedsbezeugung vor. Den Sarg zu steinigen käme einer derben Schmähung gleich, der Toten nicht würdig. Man sieht, wie seine Hand schwerfällig und kraftlos langsam aufgeht. Die lose Erde rieselt hinunter und fällt neben dem Sarg zu Boden.
Man hat den Eindruck, dass der Mann weint, zumindest zucken seine Schultern. Der Mann im dunklen Überzieher, der die ganze Zeit hinter ihm gestanden hatte, tritt nun zu dem Trauernden und legt ihm eine Hand auf die Schulter.
Er hebt den Kopf, sein Gesicht ist voller Schmerz, die Augen sind feucht und der Blick verloren. Sein Begleiter reicht ihm die Hand. „Komm, steh auf. Wir werden ihr folgen … wir werden ihr folgen müssen.“
Die Worte hängen schwer in der Luft. Die beiden Männer bleiben noch einen kurzen Augenblick am Grab stehen. Dann wendet der Mann im Mantel sich langsam um und geht. Eher widerwillig folgt der andere. Immer wieder dreht er sich um, blickt trostlos zum Grab zurück. Er scheint sich nicht entscheiden zu können, ob er noch verweilen will oder ob er zusehen soll, dass er hinter dem anderen Mann nicht zurückbleibt. Vielleicht befürchtet er, dass ein Schatten aus dem Jenseits – der Schatten der Toten? – ihnen folgen könnte, ihnen auf Schritt und Tritt nahe bleiben, sie vielleicht ab jetzt begleiten würde.
Er lässt seinen unruhigen Blick in alle Richtungen schweifen, selbst nach oben, dem kaum sichtbaren Himmelsgewölbe entgegen. Es ist eine eher instinktive Handlung, die ihm wohl sein Unterbewusstsein diktiert.
Er glaubt zu spüren, dass sie nicht allein sind, er fühlt sich beobachtet und glaubt einen imaginären, fast unsichtbaren Geist wahrzunehmen, einen Szenebetrachter, unweit von ihnen. Ein Wesen ohne körperliche Substanz, es braucht sich nicht einmal zu verbergen.
Der Mann fürchtet, nein, er ahnt Unsägliches, dreht sich noch einmal um. Er meint, schwach umrissene menschliche Gesichtszüge zu sehen, ähnlich denen der Verstorbenen. Das Trugbild – er ist sich nicht sicher, was genau er sieht – blickt gut getarnt zwischen den Bäumen und den nackten Ziersträuchern hindurch. Es ist das Schattenbild des Todes, das zurückgeblieben ist und allein am Grab verweilt.
„Hast du mich nun endgültig verlassen?“, scheint es ihn zu fragen.
Wie versteinert bleibt der Mann stehen. Er traut seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr.
Der andere Mann, der vorausgegangen war, ist zurückgekehrt und berührt ihn sacht an der Schulter. Er sagt kein Wort und senkt seinen Blick. Schweigend gehen sie zum Ausgang.
Allmählich verliert sich der Klang ihrer Schritte, und die beiden dunklen Gestalten werden nach und nach von Nebelschwaden verschlungen – aber nur scheinbar. Dem Blick und den Gedanken ihres geheimnisvollen Beobachters entgehen sie nicht.
„… Ich habe dich hauptsächlich deswegen angerufen, weil ich mir Gedanken mache, nicht dass du denkst, ich will ihr hinterherspionieren. Es ist alles so seltsam …“, die Stimme der Anruferin klingt ernst und besorgt.
„Danke für deinen Anruf“, gibt Richard zurück, „ich fahre gleich los. Sobald ich da bin, melde ich mich.“
Richard schaut auf die Uhr, es ist nach fünf. Schon wieder kam ein Anruf. Alle klangen gleich beunruhigend. Jeder wollte von ihm wissen, wo Elisabeth sei. Er hatte selbst schon ein paar Mal versucht, seine Mutter anzurufen, vergeblich. Sie war offenbar nicht zu Hause und auch auf ihrem Handy war sie nicht zu erreichen. Die letzte Anruferin hatte gesagt, sie habe vor Elisabeths Haustür gestanden und lange geklingelt, sie habe aber nicht geöffnet. Zuletzt gesehen habe sie sie vor knapp zwei Monaten, aber vor gut einer Woche habe sie mit ihr telefoniert.
Spätestens jetzt wird Richard unruhig. Ohne weiter zu überlegen, beschließt er auf der Stelle, selbst hinzufahren. Er verlässt seinen Betrieb, muss aber zuerst in seine Wiesbadener Wohnung, um die Hausschlüssel seiner Mutter zu holen, dann steuert er Richtung Darmstadt.
Frau Grell, die alarmierte letzte Anruferin und Nachbarin von gegenüber, sieht ihn einparken und kommt herüber. Sie betreten das Haus gemeinsam, es ist nur mäßig warm, die Heizung ist wohl absichtlich gedrosselt. Beunruhigt und voller Bangen schaut Richard überall nach: im Bad, in der Küche, im Wohnzimmer, alles ist in der für seine Mutter üblichen Ordnung, sie finden nichts Auffälliges.
Es klingelt, ein anderer Nachbar hat das Licht gesehen und will schauen, was los ist. Auch er hat Elisabeth schon seit Tagen nicht gesehen.
Richard setzt sich in die Küche und fängt an, bei Leuten anzurufen, von denen er annimmt, dass sie etwas über den Verbleib seiner Mutter wissen könnten. Aber auch dort weiß niemand etwas. Er muss versprechen, sich wieder zu melden, sobald er etwas erfahren hat. Auch Hildegard, die jüngere Schwester seines Freundes Klaus und eine Vertraute seiner Mutter, ruft er an. „Richard, verlier keine Zeit, ruf gleich bei der Leitstelle der Rettungsdienste oder die einzelnen Krankenhäuser an“, rät sie ihm.
Eins nach dem anderen telefoniert er sämtliche Krankenhäuser aus der Umgebung ab. Die meisten verschanzen sich hinter dem Datenschutz. Ohne Nachweis seiner Identität sind sie nicht einmal bereit, ihn anzuhören. „Ach, Sie und diese ganze irrsinnige Bürokratie, es geht um meine Mutter! Soll ich vielleicht mit meiner Geburtsurkunde kommen, um zu bezeugen, dass ich ihr Sohn bin?“, schreit Richard ungehalten in sein Handy, nachdem er wieder einmal abgewiesen wurde. Aber auch dort, wo man nach dem stereotypen „Wie kann ich Ihnen helfen?“ tatsächlich willig ist zu helfen, taucht in keiner Aufnahmeliste der Name Elisabeth Magdalena Pressard auf, auch eine bisher namenlose weibliche Person, die die von ihm beschriebenen Merkmale aufweist, wurde nicht eingeliefert.
Die Nachbarn – mittlerweile ist noch ein dritter hinzugekommen – versuchen mehr oder weniger aufgeregt das Geschehen der vergangenen Woche zu rekonstruieren. Es ist tatsächlich schon über eine Woche her, dass einer von ihnen Elisabeth gesehen oder mit ihr telefoniert hat. Keiner kann sich erklären, warum und vor allem wohin sie so plötzlich verschwunden ist.
Fassungslosigkeit breitet sich aus. Zur Polizei gehen und Vermisstenanzeige stellen, meinen die einen, man sollte vielleicht noch abwarten, die anderen. Schon einmal war Elisabeth einige Tage verschwunden, ohne sich abzumelden, aber das hatte an einem Unwetter und an ausgefallenen Zugverbindungen gelegen.
Schließlich verabschieden sich die Nachbarn und bitten Richard, sie auf dem Laufenden zu halten.
Als Richard wieder allein ist, bricht sich ein tiefes und banges Gefühl Bahn. In einer Mischung aus Hilflosigkeit und Tatendrang, als müsste er sich selbst auf die Suche nach seiner Mutter begeben, nimmt er den Mantel vom Haken und geht aus dem Haus.
Es ist eine kalte Dezembernacht. Tief beunruhigt bleibt er einige Augenblicke auf dem Bürgersteig stehen; wo soll er hin? Langsam bewegt er sich in Richtung seines geparkten Autos, bemerkt aber sofort, dass sich trotz später Stunde hinter dem einen oder anderen Fenster der Nachbarn die Gardine bewegt und ihm einige neugierige Augen folgen. Er ignoriert sie alle, beschleunigt seine Schritte, zieht an seinem Auto vorbei und geht weiter. Soll ich gleich zum Polizeirevier fahren? Und, einmal dort, was soll ich denn sagen? Ich vermisse meine Mutter, ich weiß nicht, wo sie ist?
Er läuft und läuft, er geht einfach weiter, eigentlich ziellos. Sein Herz und sein Bauchgefühl zwingen ihn dazu, etwas zu unternehmen, er muss, und seine Beine folgen ihm und tragen ihn, um sein selbst auferlegtes Versprechen nicht zu verraten.
Immer wieder versucht er, sie auf ihrem Mobiltelefon zu erreichen, erfolglos, es scheint ausgeschaltet zu sein. Ob sie es überhaupt dabei hat? Und wahrscheinlich ist die Batterie längst leer. Das Ladegerät hat er bei ihr zu Hause gesehen, es lag neben dem Festnetz-Telefon. Ohne dass es seine Absicht gewesen wäre, ist er unbewusst dem alten Weg gefolgt, den er früher als Jugendlicher, Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre, immer zu Fuß gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren war, wenn er seine Mutter an der Straßenbahnhaltestelle abholte; oder wenn sie gemeinsam den Weg entlanggingen. In der fast menschenleeren Straße erfasst ihn ein merkwürdiges Gefühl, als müsste sie ihm jederzeit entgegenkommen. Er verliert sich in seinen Erinnerungen. Aus dieser Falle muss er sich schnell wieder befreien.
Entzaubert und nüchtern kehrt er um, steigt in sein Auto, fährt zum Polizeirevier und erstattet eine Vermisstenanzeige. Das Einzige, worüber er keine Auskunft geben kann, ist, was Elisabeth anhatte, als sie offenbar vor Tagen schon das Haus verließ.
„Wir starten keine gezielte Fahndung; wenn Sie zustimmen, schalten wir erst einmal eine Radiodurchsage …“, schlägt der Polizist vor. Richard nickt ohne Widerrede.
„Es kommt immer wieder vor, dass ältere Menschen, aus welchem Grund auch immer, die Orientierung verlieren und sich verlaufen …“ Richard liest das Blatt, das ihm vorgelegt wird, unterschreibt und reicht es mit einem fragenden Blick zurück.
„Was soll ich sagen, es ist nicht das erste Mal, dass ich sowas aufnehme. Gewiss, wenn schon mehr als drei Tage verstrichen sind, ohne ein Zeichen oder eine Spur …“ Der Polizist zuckt hilflos mit den Schultern. „Aber jeder Fall ist anders und auch eine ganz neue Erfahrung.“ Der Beamte blickt Richard, der sein Vater sein könnte, verständnisvoll an. „Sobald wir etwas in Erfahrung bringen, rufen wir Sie an. Man muss sich auf alles gefasst machen, Herr Roggenblum. Meistens, auch wenn es unangenehm ist, erfährt man …“
Richard will nicht noch mehr hören, hinterlegt seine Telefonnummer und die Adresse, unter der er vorerst zu finden ist, und verlässt das Polizeirevier.
Er verbringt die Nacht in Darmstadt im Haus seiner Mutter, am nächsten Morgen fährt er nach Wiesbaden in seine Druckerei.
Während des Tages klingelt das Telefon wieder und wieder, wie in jedem gut florierenden Betrieb. Jedes Mal wird er von seinen bangen Erwartungen überwältigt. Es sind aber immer wieder Kunden – oder nahe Bekannte seiner Mutter, die sich erkundigen wollen, ob es schon Neuigkeiten gibt. Die quälende Ungewissheit und das, was er auf der Polizeiwache gehört hat, versetzen ihn in eine ständige, verzweifelte Unruhe.
Am späten Nachmitttag fährt Richard ins Haus seiner Mutter zurück. Mehr als jemals zuvor spürt er heute das Bedürfnis, dort zu sein. Vielleicht ist sie ja wieder zu Hause, wünscht er sich. Noch auf dem Bürgersteig wird er von ein paar neugierigen Nachbarn eine Zeit lang aufgehalten.
Im Haus ist alles so, wie er es am Morgen verlassen hat, nur stiller und unheimlicher. Er hat den ganzen Tag fast nichts gegessen, geht in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen. Sein Handy klingelt.
„Ja, Herr Roggenblum … Es gibt etwas zu berichten …,“ die trockene Stimme des Polizisten verheißt nichts Erfreuliches.
„Wo ist sie?“, fragt er gespannt.
„Wie können wir Sie erreichen? Am besten wäre es, wenn wir uns im Haus Ihrer Mutter treffen.“
Nur wenige Minuten später sind die Beamten da. Bemüht taktvoll verkünden sie ihm, was ihnen übermittelt worden war.
„… in Italien, in der Stadt Pescara, hat sich … etwas ereignet. Anhand der uns übermittelten Akten müssen wir … also, davon ausgehen, dass es sich bei der … ähm, Verunglückten tatsächlich um Ihre Mutter handelt. Es wird aber mit Sicherheit notwendig sein, dass Sie oder ein anderes nahes Familienmitglied ihre Identität bestätigen.“ Der Kommissar legte ihm einige Kopien der aus Italien gefaxten Unterlagen vor. „Bei den bisherigen Ermittlungen geht man davon aus, dass …“ der Polizeikommissar unterbricht sich und steht vom Stuhl auf, „dass es sich um Selbstmord handelt. Alle Daten stimmen überein … sogar Ihre Wiesbadener Adresse ist angegeben …“
„Pescara? Italien …“, die Worte wollen kaum über seine Lippen, sprachlos, bestürzt und als wolle sein Herz gleich stehenbleiben, hält sich Richard mit kalkweißem Gesicht an der Rückenlehne eines Stuhls fest.
Der Polizist überreicht ihm ein Papier und eine Visitenkarte. „Sie können sich gleich an die Staatsanwaltschaft oder an die Polizei in Pescara wenden. Hier ist die Adresse mit Telefonnummer. Es tut uns aufrichtig leid“, sagt er mitfühlend, und er und sein Kollege geben Richard die Hand. „Auf Wiedersehen, Herr Roggenblum.“ Richard begleitet sie hinaus, schließt die Tür hinter ihnen und bleibt mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt stehen. Erschüttert und fassungslos, ohne zu merken, dass ihm die Kraft aus den Knien weicht, gleitet er an der Tür entlang nach unten und geht in die Hocke. Was haben sie gesagt? Meine Mutter ist tot? In Italien? Wie ist sie dahingekommen? Und wann? Und … wieso? Nein, nein!
Er hält das Fax mit der Visitenkarte noch in der Hand, liest „Polizeikommissariat“ und denkt an die Worte des Polizisten. „In Italien, in der Stadt Pescara, ist sie schwer verletzt aufgefunden worden und dann gestorben.“
Warum? Warum war sie jetzt, kurz vor Weihnachten, in Pescara? Ist sie wirklich selbst …? Was ist ihr durch den Kopf gegangen? Ausgerechnet dort, wo ihr Friedrich, wo mein Vater so tragisch sein Leben verloren hat, was hat sie um Himmels willen getan?
Die Nachbarin von gegenüber klopft an die Haustür. „Ich habe den Polizeiwagen wegfahren sehen, ist …“
„Sie ist tot.“ Er zeigt ihr das Fax, das er noch in der Hand hält.
„Mein Gott! Nein! In Italien? Wie ist das passiert? Ein Unfall?“ Stumm und innerlich zerrissen nickt Richard mit dem Kopf.
Wieder allein und von Verzweiflung überwältigt, geistert er in den nächsten Stunden durch das ganze Haus, ohne es zu merken. Bis nach Pescara ist sie … sie muss irgendetwas hinterlassen haben, sie muss … Erschöpft setzt er sich auf die Treppenstufen, blickt zur Bodenluke hinauf und starrt sie eine Weile mit leerem Blick an. Da oben, auf dem Speicher, hatte alles angefangen, damals. Richard nimmt eine Taschenlampe und steigt hinauf. Einiges hatte Elisabeth umgestellt. Die Ecke, in der er damals, Anfang März 1964, einen ganzen Samstagnachmittag gehockt hatte, sieht noch fast genauso aus, wie er sie in Erinnerung hat. Mein Gott, war das gestern … oder vor einer Ewigkeit? Er setzt sich auf die nächstbeste Kiste. Damals kam ich gerade aus der Eisdiele …
Erstes Kapitel
Schon frühzeitig hatte Laura Cantarini mit Richards Hilfe die Tische und Stühle auf der Terrasse des Eissalons aufgestellt. Sie waren gerade fertig, die Primel- und Vergissmeinnicht-Pflänzchen mit Sorgfalt in die Blumenständer umzutopfen, als dunkle Wolken den Himmel verfinsterten und Regen ankündigten. Die Pächterin der Eisdiele runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
„Eigentlich sollten Sie sich schon an unser launenhaftes Wetter gewöhnt haben“, kommentierte Richard scherzhaft. „Wir sind doch nicht in Italien, wo die Sonne fast nach Wunsch scheint.“ Auch ihm missfiel der plötzliche Regen.
„Ich hatte dir doch geraten, noch eine halbe Stunde zu warten“, brummte Lorenzo Cantarini, der vor die Tür getreten war und einen Blick in den Himmel warf. „Sehr schön habt ihr das gemacht! Jetzt baut alles ab und bringt’s wieder rein.“
„Wenn ich bedenke, dass der Tag so schön und sonnig angefangen hat …“ Schon hatten Laura und Richard angefangen, alles wieder hineinzutragen. „Komm, Enrico! Hilf doch mit!“, rief sie, als sie den jungen Mann sah, der sich vor dem drohenden Regen in die Eisdiele flüchtete. „Es muss alles wieder rein, ehe es nass wird!“
„Was für ein Mistwetter!“, fluchte Enrico fast verzweifelt. „Mein Onkel hatte wirklich recht, als er sagte, dass man in dieser Gegend die wirklich schönen Tage zählen kann.“
„Na ja, wenn man nur die wirklich heißen Tage nimmt, dann …“ Lorenzo machte eine wegwerfende Handbewegung.
„… dann reichen die Finger einer einzigen Hand, um sie zu zählen“, beendete Enrico.
Wie bei allen Bewohnern der gemäßigten Klimazone so beliebt, setzte sich das Gespräch über das Wetter und seine Unbeständigkeit fort.
„Vor zwei Jahren, zum Beispiel, gab’s nur …“
„Ach, hört endlich auf zu meckern, ihr Miesmacher! Habt Geduld! Der Frühling wird kommen, ganz gewiss!“, rief Signora Cantarini, die gerade den letzten Stuhl zusammenklappte. Dabei schaute sie zu Richard, in dessen Gesicht Bedauern über das schlechte Wetter zu lesen war, und zwinkerte ihm zu.
„Macht nichts. Das nächste Wochenende wird schon besser“, sagte Richard resignierend, und zog sich schon den Kragen der Jacke hoch, um sich zu verabschieden.
„Es tut mir wirklich leid, dass du umsonst gekommen bist.“ Sie begleitete ihn zur Tür. „Grüße deine Mutter ganz herzlich von mir.“
„Gewiss, werde ich ihr ausrichten. Auf Wiedersehen allerseits!“
Gern hätte Laura an jenem Samstag die Eiscafé-Saison eröffnet. Gerade waren aus Italien die neuen Tische, Stühle und die bunten Sonnenschirme eingetroffen. Wie die meisten italienischen Eiskonditoren, die Eiscafés in Deutschland führten, waren auch die Cantarinis nach der Winterpause des Jahres 1963 nach Darmstadt zurückgekehrt, um ihre „Gelateria Goldoni“ wieder zu eröffnen.
Richard stieg auf sein Fahrrad und fuhr langsam los. Ein unangenehmer Regen hatte eingesetzt, zuerst fein und kalt, wandelte er sich langsam in kleine Graupelkörner, die durch die eisigen Windböen auf den Asphalt aufprallten, als wären sie kleine weiße Perlen.
Richard hatte nun den ganzen Nachmittag frei. Seine Mutter würde noch nicht zu Hause sein, sie wollte nach der Arbeit zu einer Bekannten fahren, um der alten Dame ein wenig bei der Hausarbeit behilflich zu sein.
Er dachte zunächst an seinen Freund Klaus, war aber unsicher, ob der schon zu Hause sein würde. Unschlüssig und ohne ein bestimmtes Ziel fuhr er durch die Straßen von Darmstadt. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihm schon öfter in den Sinn gekommen war. Bisher aber hatte er aus einer unerklärlichen Furcht davor, was er finden könnte, immer wieder Abstand davon genommen.
In diesem Moment aber zögerte er nicht mehr. Alle Bedenken und Ängste, die ihn bisher zurückgehalten hatten, schienen plötzlich kein Hindernis mehr zu sein. Gestärkt durch die Überzeugung, dass letztlich alle seine Bedenken im Grunde keine Berechtigung hatten, trat er nun kräftig in die Pedale. Er senkte den Kopf, als könnte er sich auf diese Weise besser vor dem Regen und der Kälte schützen, und fuhr geradewegs nach Hause.
Elisabeth öffnete die Haustür, nahm in der kleinen Diele Hut und Mantel ab und warf im Vorbeigehen einen Blick die Treppe hinauf. Erstaunt sah sie, dass die Luke zum Dachboden offen war. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Sohn schon zu Hause war.
„Richard“, rief sie etwas unsicher. Da sie keine Antwort bekam, rief sie noch einmal lauter. „Richard! Bist du da oben?“
„Ja, Mama, ich komme gleich runter“, kam die Stimme ihres Sohnes von ganz oben.
Beruhigt zog Elisabeth die Straßenschuhe aus, stieg die Treppe in den ersten Stock hoch, ging in ihr Zimmer und wechselte die Kleidung. Vor dem Spiegel an der Wand des kleinen Flurs blieb sie stehen, löste die Frisur, ließ ihre Haare auf die Schultern fallen und band sie mit einer Spange zusammen. Wieder schaute sie durch die offene Bodenluke, um ihren Sohn zu erspähen, konnte ihn aber nicht sehen.
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass du zu Hause bist.“
„Es hat angefangen zu regnen, da haben wir alles von der Terrasse wieder reinbringen müssen. Und dann bin ich nach Hause gekommen“, antwortete er, bemüht, seine Stimme möglichst ruhig klingen zu lassen.
„Verstehe“, sagte sie gelassen. „Komm runter und mach die Luke zu. Es ist kalt, die ganze Wärme zieht nach oben ab“, fügte sie entschieden hinzu.
Elisabeth stieg die Treppe hinunter, ging in die Küche und band sich die Küchenschürze um. Sie legte das letzte Feuerholz nach und stellte einen Topf voll Wasser auf den Ofen.
„Ich habe vorhin deinen Freund Klaus getroffen. Er hat mir gesagt, dass er heute Abend am Eiscafé vorbeikommen will“ sagte sie, während sie vor die Tür trat, damit er sie besser hören konnte. Richard antwortete nicht.
„Ich fange dann schon mal an, das Abendbrot vorzubereiten, ja?“, fuhr sie fort in der Hoffnung, dass irgendeine Antwort kommen würde. Elisabeth schaltete das Radio ein. Die Nachrichten lenkten sie für einige Minuten ab. Inzwischen hatte sie ein paar Brotscheiben mit Butter bestrichen und mit Räucherspeck belegt. Um das Ganze etwas appetitlicher zu gestalten, hatte sie ein Glas selbst eingelegte Essiggurken aufgemacht.
„Kann man erfahren, womit du so wichtig beschäftigt bist, dass du mir kein Gehör schenken kannst?“, rief sie laut nach oben. Am Ton ihrer Stimme konnte er erkennen, dass seine Mutter nun deutlich ungehalten war.
Immer, wenn sie deutlich und klar, ohne jeden Dialekt sprach, bedeutete das, dass ihre Geduld ziemlich am Ende war. Es reichte aus, um ihm ein wenig Furcht einzuflößen.
Besorgt, dass seine Mutter plötzlich hinter ihm auftauchen könnte, räumte er vorsichtig alle Briefe, die er um sich herum ausgebreitet hatte, wieder zusammen, legte sie ordentlich zurück ins Tagebuch, packte alles wieder zusammen in Zeitungspapier – möglichst in der ursprünglichen Reihenfolge –, verschnürte dieses Bündel und packte alles in den Koffer. Er legte ihn genau an die Stelle zurück, wo er ihn gefunden hatte. Dann stieg er hinunter, zog die Bodenluke hinter sich zu und ging in sein Zimmer.
Nachdem er ein paar Minuten später die Fassung wiedergefunden hatte, ging er leise hinunter ins Parterre, lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen und blieb dort stehen. Stumm und regungslos beobachtete er die Mutter, während sie Kräutertee zubereitete, das übliche Getränk zum Abendbrot.
Elisabeth bemerkte, dass ihr Sohn auf der Türschwelle stehengeblieben war. „Bevor wir uns an den Tisch setzen, lauf geschwind hinaus und hol eine Kiste Feuerholz“, forderte sie ihn auf, ohne sich umzudrehen.
Die Selbstverständlichkeit, mit der die Mutter ignorierte, dass er doch offenbar etwas auf dem Herzen hatte, irritierte ihn. Er schüttelte kurz den Kopf, ging dann hinaus und kam kurz darauf mit der Kiste voller Holz wieder zurück. Er stellte sie neben den Ofen, der im Winter auch als Kochherd diente, und fachte das Feuer an. Still blieb er dann daneben stehen und wärmte sich die Hände, die in der langen Zeit, die er auf dem Dachboden verbracht hatte, kalt geworden waren.
Schweigend und beklommen folgte er mit seinem Blick den Bewegungen der Mutter, die den Tisch deckte. Er empfand ihr gegenüber heute ein ganz besonderes, unbeschreibliches Gefühl. Noch nie hatte er jemals Ähnliches empfunden. Mit weit offenen Augen und voller Befremden schaute er ihr zu. Was er sah, war nicht seine Mutter, sondern ihr Schatten: die Projektion einer erlebten Vergangenheit, deren Existenz ihm bis vor wenigen Augenblicken noch völlig unbekannt gewesen war.
Knapp über vierzig Jahre alt, war Elisabeth eine fürsorgliche Mutter und eine immer noch faszinierende Frau. Seit Richard kein kleines Kind mehr war, hatte er das wahrgenommen. Es erfüllte ihn mit Stolz, manchmal aber auch mit Eifersucht, vor allem dann, wenn er merkte, dass seine Mutter, schön und attraktiv wie sie war, begehrliche Männerblicke auf sich zog.
Ihr eigener Blick war offen und ehrlich und strahlte eine gewisse Treue aus. Die Konturen ihrer Gesichtszüge waren wohlproportioniert und schienen wie ein Rahmen, der ihr sanftes und liebenswürdiges Antlitz umgab. Sie hatte hellbraune Haare, eine glatte, nicht zu hohe Stirn, symmetrische Augenbrauen und wunderschöne große, dunkle Augen. Die fast perfekte Nase und die feinen Konturen ihrer Lippen, die ihrem Mund eine vollkommene und harmonische Form gaben, vervollständigten ihr attraktives Äußeres.
In den Jahren zuvor hatte es mehrere Männer gegeben, die versucht hatten, ihr den Hof zu machen. Ihr geistiges Niveau erregte durchaus Aufmerksamkeit bei Männern, gleich, ob sie ihr ebenbürtig waren oder nicht. Sie hatte aber, stets sachlich und höflich, allen zu verstehen gegeben, dass sie nicht interessiert war. Ihr angenehm freundliches und zurückhaltendes Verhalten gab ihr den Anschein, so mindestens ließ sie es vermuten, als sei sie eine Witwe, die vor allem den Männern das unmissverständliche Zeichen gab, respektvoll Abstand zu halten. Dies weniger, um sich in ungewöhnlicher, geistiger Entsagung zu üben, sondern vielmehr, ähnlich einer das heilige Herdfeuer hütenden Vestalin, um sich, uneingestandenermaßen, vor Enttäuschungen zu schützen.
Plötzlich wünschte sich Richard, dass seine Mutter bemerken würde, dass er sie beobachtete, und irgendetwas sagte, und wenn es auch nur eine Belanglosigkeit wäre. Wichtig war, dass sie redete: ein Wort, einen Satz oder eine Frage. So wie sie ihn unzählige Male nach irgendwelchen Dingen gefragt hatte, auch wenn ihm das meistens lästig war. In jenem Augenblick aber blieb sie stumm. Sie bemerkte nicht einmal, dass er sie ungewohnt schweigsam beobachtete.
Auch wenn sie beschäftigt war, hatte Elisabeth schon seit sie zu Hause war bemerkt, dass das Verhalten ihres Sohnes ungewöhnlich war. Sie brauchte sich gar nicht umzudrehen und nach ihm zu schauen, seinen Gesichtsausdruck kannte sie zur Genüge, und auch seine Gemütsverfassung war ihr nicht fremd. Immer war es ihr gelungen, diese zu erahnen, selbst wenn er sich hinter seiner Schweigsamkeit verschanzt hatte.
Bald würden sie sich an den Tisch setzen, und sie wusste schon jetzt, dass ihr ein einziger Blick genügte, um von seinem Gesicht abzulesen, was ihn gerade beschäftigte. Es war nicht das erste Mal und würde sicherlich auch nicht das letzte Mal gewesen sein.
Tief erschüttert konnte Richard kaum glauben, dass das, was er gerade entdeckt hatte, wahr sein könnte. Die Tatsache, dass es Briefe seines Vaters gab, die ihm bis dahin verborgen geblieben waren, und mehrere lose Papierblätter, von seiner Mutter handbeschrieben, die bis Anfang der Fünfzigerjahre datierten und ihm bis jetzt ebenfalls völlig unbekannt gewesen waren, hatte ihn überrascht, und ihr Inhalt stürzte ihn nun in trostlose Verzweiflung.
Was ihn jedoch am meisten bestürzt hatte und fassungslos zurückließ, war das Entdecken eines Tagebuchs, das seine Mutter als junges Mädchen geführt hatte.
Er hatte lange Zeit auf dem Dachboden verbracht, und nur weil seine Mutter nach Hause gekommen war, hatte er aufhören müssen zu lesen.
Ohne ihr Wissen hatte er in Dingen gestöbert, die zu den intimsten Geheimnissen seiner Mutter gehörten und die sie mit größter Sorgfalt hütete.
Verwirrt und gequält empfand er eine Art seltsames Schuldgefühl, fast eine Reue. Sein Herz fing an, schneller zu schlagen, und die Atmung wurde länger und tiefer. Plötzlich kam es ihm vor, als habe er ein Sakrileg begangen: Er hatte etwas verbrochen, geschändet. Er hatte ein Geheimnis seiner Mutter verletzt.
Vielleicht, dachte er sich dabei, wäre es an diesem Tag besser gewesen, sich nicht von jenem Instinkt verleiten zu lassen und wie all die anderen Male die neugierigen Gedanken zu verdrängen. Nun, nach der Entdeckung, empfand er nur Zorn und Beklemmung.
Elisabeth setzte sich an den Tisch und schaute ihm in die Augen.
„Warum guckst du mich so an?“, fragte er nach kurzer Zeit, überrascht und leicht irritiert.
„Du machst einen seltsamen Eindruck. Scheinst so nachdenklich zu sein“, antwortete sie.
Richard schwieg daraufhin und rührte sich nicht. Erfreut, dass sie ihn endlich wahrgenommen hatte, drehte er nur den Kopf zum Fenster, als würde er sie ignorieren.
Von normaler Größe und Körperbau, hatte Richard eine hohe und breite Stirn. Auch die Nase, Mund und Kinnprofil hatte er von seinem Vater geerbt. Der dichte und wellige Haarwuchs sowie die Form und die Farbe der Augen ließen ihn der Mutter ähneln. Richard trug die Haare etwas länger, als es üblich war. Dadurch aber bekam er ein einzigartiges und sympathisches Erscheinungsbild.
„Was ist los? Was hast du? Warum sagst du nichts mehr?“, fragte sie leicht ungeduldig. Richard drehte den Kopf zu ihr hin und blieb weiter still. „Denk daran“, fuhr sie mit sanftem Ton und angedeutetem Lächeln auf den Lippen fort, „manche Mütter brauchen ihre Kinder nur anzuschauen, und sie wissen nicht nur, was sie gerade denken, sondern auch, was sie sagen wollen.“
„Und wenn das so wäre, dieses Mal bin ich mir sicher, wird es dir ganz gewiss nicht gelingen“, erwiderte er scheinbar so ruhig, als hätte sie nur eine Belanglosigkeit ausgesprochen.
„Wenn du glaubst, dass es so ist, dann antworte mir, und Schluss“, sagte sie, gereizt durch seinen intensiven und geheimnisvollen Blick. „Komm, sag es mir! Warum schaust du mich so an?“ Dieses Mal war ihr Ton bestimmend.
Trotz seiner erzwungenen Beherrschung zuckte Richard erschrocken zusammen. „So, einfach nur so“, antwortete er mit sanfter, aber zitternder Stimme. Für einen Augenblick täuschte er vor, sich durch das Radio ablenken zu lassen. Das, was er verbergen wollte, war sein wahrer Seelenzustand. Er fuhr sich mit fahriger Geste durchs Haar. „Ich versuchte gerade mir vorzustellen, wie du als Sechzehnjährige ausgesehen hast.“ Verdutzt und stirnrunzelnd wusste Elisabeth nicht, was sie davon halten sollte. Wenn ihm so sehr daran gelegen war, warum hatte er nicht einfach danach gefragt, anstatt es so umständlich zu machen? Gleichzeitig erwachten Zweifel: Diese plötzliche und seltsame Art zu fragen – war das nur reine Neugier, oder steckte noch etwas dahinter?
„Wie ich war? Wie alle Mädchen in jenem Alter sind. Nicht mehr und nicht weniger. Oder wie hast du gedacht, dass ich gewesen sei?“, gab sie zurück. „Und darüber hast du eine halbe Stunde nachgedacht?“ Sie versuchte, die Neugier des Sohnes für nebensächlich zu halten. „Komm, setz dich hin und iss mit mir.“
„Hattest du nicht … besondere Eigenschaften?“, fügte er in einem leicht befangenen Ton hinzu.
„Ach! An was für Sachen du denkst.“ Elisabeth hob die Augenbrauen und machte eine wegwerfende Handbewegung, um anzudeuten, dass diese Zeit schon längst vergangen war.
„Ja, aber an irgendetwas wirst du dich noch erinnern können. Es ist immer schön, sich zu entsinnen …“, fuhr er fort.
Elisabeth lächelte kurz vor sich hin. „Ich gebe zu, dass ich alle Eigenschaften besaß, die Mädchen in dem Alter wichtig sind. Mittlerweile müsste dir schon aufgefallen sein, wie die … Fräulein sind.“
Richard reagierte nicht, fast schien es, als hätte er ihre Worte nicht gehört.
Ohne dem Sohn zusätzliche Aufmerksamkeit zu schenken, lenkte Elisabeth ihren Blick auf die Titelseite eines Magazins auf dem Stuhl neben ihr. „Was stehst du dort wie ein Besenstiel? Komm, das Abendbrot wartet auf dich“, sagte sie, als ob nichts gewesen wäre. Richard kam an den Tisch und setzte sich seiner Mutter gegenüber. Er hatte keinen Hunger, trank ein wenig Tee und stellte die Tasse wieder ab. „Alle! Wirklich alle, nicht wahr?“, fragte er mit leicht ironischem Unterton.
„Was, alle?“ Sie war verunsichert.
„Alle Eigenschaften, die dir sozusagen … die Missgunst aller anderen BDM-Mädchen sicherte. Und ich meine … nur diese Eigenschaften“, sagte er zögernd und fügte nach kurzem Überlegen noch an: „Vielleicht könnte man es Selbstgefälligkeit nennen.“
Elisabeth war seltsam erstaunt, fühlte sich aber auch getroffen. Obwohl ungehalten, blieb sie dennoch gelassen und beherrscht.
„Es müssen sonderbare Tugenden gewesen sein, wenn sogar … Lieselotte und Erna dir Blicke wie … Blitze zuwarfen …“
Elisabeth reagierte nicht, hob nicht mal den Kopf. Der Titel der Zeitschrift schien ihr interessanter, als den bohrenden Fragen des Sohnes Aufmerksamkeit zu schenken.
Unschlüssig, fast verlegen, senkte Richard den Kopf. Um sich selbst von seiner Beunruhigung abzulenken, nahm er die Serviette und rollte sie um die Finger. Dann, noch immer mit gesenktem Blick, um seine Furcht zu verbergen, fuhr er fort.
„Ich rede nicht von deinen … körperlichen Eigenschaften, sondern von all den anderen …“, er räusperte sich, „erlesenen und noblen Tugenden, wie zum Beispiel Kühnheit, Aufrichtigkeit, Pflichtbewusstsein. All das, was es dir erlaubte, so zu erscheinen, wie ein … nachahmenswertes Vorbild. Die ganzen Eigenschaften, mit denen du wie berufen stets beweisen musstest, dass du auf der Höhe bist, um deinen Pflichtauftrag zu erfüllen.“
Nun sah er auf, um den Blick der Mutter zu suchen. Es war aber unmöglich: Sie wirkte teilnahmslos. „Das alles hat dich natürlich … mitgerissen. Du warst voller Stolz, du hast triumphiert …“
Obwohl Elisabeth versuchte, soweit es ging unbeeindruckt und entspannt zu erscheinen, fühlte sie sich angegriffen, beleidigt und bis tief in die Seele gekränkt. Ihr Gesicht wurde blass und wirkte versteinert. Sie seufzte tief und fixierte ihren Blick auf einen imaginären Punkt.
Es folgten einige stille Augenblicke.
Richard stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch und legte das Kinn auf seine verschränkten Hände. „Ich habe mich einzig und allein auf jene Eigenschaften bezogen, sonst keine anderen“, sagte er und betonte jedes einzelne Wort.
Es war ihm bewusst, dass er eine Grenze überschritten hatte, die von einem tiefen Schweigen überdeckt wurde: die Vergangenheit seiner Mutter, die für ihn immer noch unbekannt und verborgen war. Er hatte nicht nur ein Tabu gebrochen, er hatte den jugendlichen Stolz der Mutter angetastet, ihre Haltung in einer Zeit verunglimpft, als sie nicht viel mehr als ein junges Mädchen gewesen war. Er hatte auch einen Mythos entheiligt, nämlich jenen, den er selbst von seiner Mutter aufgebaut hatte.
Schweigend stand Elisabeth auf, räumte das Geschirr weg, nahm eine Zigarette aus der Schublade der Anrichte, zündete sie an und setzte sich wieder.
Verleitet durch die Worte des Sohnes erinnerte sie sich mit Abscheu an eine längst vergangene Zeit. Durch ihre Erinnerungen an Geschehnisse, die zwar lange zurücklagen, aber in ihrem Gedächtnis immer noch lebendig waren, verschwand aus Elisabeths Gesicht ihre natürliche Anmut. Stattdessen bekam sie eine vergrämte, beschämte Miene. Und dann erschien plötzlich auf ihren Lippen ein höhnisches, abfälliges Lächeln.
Es war Sommer 1939. Elisabeth war sechzehn Jahre alt. Bei einer politischen Veranstaltung der NSDAP, wo für eine kurze Zeit auch Adolf Hitler erschienen war, hatte einer der offiziellen Redner, Baldur von Schirach, die bewundernswerten Tugenden von Elisabeth Pressart hochgelobt: die Treue zum Führer, ihre absolute Hingabe an den Nationalsozialismus, den unangefochtenen patriotischen Geist … Außerdem hatte er auch ihre hervorragenden organisatorischen Fähigkeiten gerühmt.
An jenem Tag war sie unbestritten die Hauptperson, das Schulbeispiel, die Beschützerin, die Volksheldin. Sie, Elisabeth Magdalena Pressart, war es: das Beispiel der BDM-Mädchen, das Vorbild für gesunde und bodenständige weibliche Grundsätze, würdig, die deutsche Rasse zu ehren.
Gern hatte sie akzeptiert, dass ihr Name eingedeutscht wurde: Pressart. Pressard, wie sie vorher hieß, klang zu französisch. Und auch die Haare hatte sie sich blondieren lassen, sie waren nicht hell genug, um deutsch auszusehen. Ihr Sohn trug jedoch später den Namen seines verstorbenen Vaters, Roggenblum, was auch ohne Ehe unter bestimmten Voraussetzungen möglich war – in Friedrichs Abwesenheit bezeugte dessen Mutter auf dem Standesamt die Vaterschaft.
Gerührt vom Aufsehen und von den Zurufen war sie unter den ekstatischen Klängen der Marschkapelle das Podium emporgestiegen. Mit dem Hitler-Gruß hatte sie alle Würdenträger gegrüßt, und unter der gebührenden Ehrerbietung hatte sie die Auszeichnung in Empfang genommen.
Sie erinnerte sich an den Moment, in dem sie tief berührt dem fahrigen und abwesenden Blick Adolf Hitlers begegnet war. Flüchtig hatte er ihr die Hand gereicht, die sie gedrückt hatte und nicht wieder waschen wollte, als ob sie von Gott selbst gesalbt worden sei.
Sie dachte auch an die Berichte der lokalen Zeitungen und an das große Foto, das sie gerade in jener Geste verewigte, über die sie jetzt, nach vielen Jahren, ihrem Sohn gegenüber Scham empfand.
Jetzt verstehe ich den Grund, warum er auf dem Dachboden war. Wer weiß, was er noch gelesen hat. Aber das Foto? Nein! Er kann es nicht gesehen haben, ich selbst habe es verbrannt, dachte sie beruhigt. Wenn er das gelesen hat, was er mir jetzt erzählt, muss er einiges beiseitegeschoben haben … vielleicht hatte Richard sogar die Möglichkeit, mit jemandem zu sprechen, der mich schon als junges Mädchen kannte. Oder, schlimmer noch, vielleicht hatte er die Gelegenheit, irgendeinen Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit zu finden. Viele Leute bewahren noch heute genug davon auf.
Richard war sich ziemlich sicher, dass seine Mutter verärgert reagieren würde, wenn sie hörte, was er in Erfahrung gebracht hatte. Nur wie sie ihren Unmut äußern würde, hatte er nicht ahnen können. Über ein so heikles Thema hatte er mit ihr noch nie gesprochen, und auch sie hatte sich davor gehütet, es zu erwähnen – selbst ansatzweise.
Ja, er hatte darüber nachgedacht, wie sie es aufnehmen würde, während er da oben auf dem Dachboden saß. – Hinter welchem Vorwand sie sich verstecken würde – ob sie alles leugnen würde – welche Ablenkungsmanöver sie sich einfallen lassen würde – vielleicht würde sie um jeden Preis eine Ausrede suchen, um sich einem peinlichen Wortgefecht zu entziehen.
Oder ob sie sich einfach davon befreien würde, indem sie flüchtig und oberflächlich alles abtat, weil sie nur eine von vielen war? Oder würde sie sich in Stillschweigen hüllen? Und wenn sie … und wenn sie … Es wird ihr ungeheuer schwerfallen, sich der Verantwortung zu stellen, dachte er in seiner Hilflosigkeit, in der er sich immer allein und ungewiss fühlte, trotz seiner unbeirrten Überzeugung, seine Mutter sehr gut zu kennen.
Nun bekam er ernsthafte Zweifel, ob es wirklich so war, wie er glaubte. Plötzlich schien alles schwieriger geworden zu sein: Die Fragen waren zahlreich und unheimlich, die Reaktion seiner Mutter unvorhersehbar. Die ganze Atmosphäre entwickelte sich seltsam und rätselhaft. Unbehagen breitete sich aus und wurde zunehmend erdrückend.
Elisabeth drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und nahm die gleiche Position ein wie vorher der Sohn. Sie ließ ihren leeren und abwesenden Blick durch den Raum schweifen, schaute dann zum Fenster und beobachtete für eine Weile einen Fink, der zwischen den Ästen eines hohen Gebüsches sein Nest baute. Sie wandte den Kopf ein wenig, sodass sie den Sohn von der Seite sehen konnte.
„Was hat der BDM mit meinen sechzehn Jahren zu tun?“, fragte sie plötzlich argwöhnisch und mit vorgetäuschter Gelassenheit.
Nichts von alldem geschah, was sich Richard hatte vorstellen können. Ganz im Gegenteil, die Mutter erschien ihm unerschütterlich und selbstsicher. Dies jedenfalls war der Eindruck, den er von ihr gewann.
„Ja, du hast recht. Was haben deine sechzehn Jahre mit dem BDM gemeinsam?“, erwiderte er mit ängstlicher Gelassenheit. Er gab sich größte Mühe, ungerührt zu bleiben. „Ja, Mama, ich weiß es. Es ist mir klar, dass du gern verzichtet hättest, wenn es möglich gewesen wäre. Gewiss, du wirst mir sagen, dass die Zugehörigkeit nicht nur eine Pflicht gewesen ist, nein, sie war sogar … ein Muss! Und weil es eine Auferlegung war, musstest du wenigstens versuchen, das Beste daraus zu machen. Und wenn man dann … richtig bezaubert und fasziniert, unzweifelhaft überzeugt … na dann …“, er wollte das Wort „Mama“ aussprechen, sagte es aber nicht, „welche besseren, bedeutenden, außergewöhnlichen, herausragenden, einzigartigen Qualitäten musste man besitzen, wenn nicht die, die du verkörpert hast? Und sie waren so besonders, dass manche sie beneidenswert fanden. Zur höchsten Ehre hat dir das alles gereicht, nicht wahr?“
Er unterbrach seinen emotionsgeladenen Monolog und sah zu seiner Mutter, die wie versteinert den Anschein erweckte, als ob sie sich langweilen würde.
Nach einem kurzen Zögern setzte er sein Selbstgespräch unsicher fort. „Es reichte, wenn das Hirn vom neuen Glauben ordentlich durchgewaschen und umnachtet war und als Frau wie fruchtbare Erde auf den Empfang des reinen, gesunden, teutonischen Samens vorbereitet zu sein.“
„Auch der Samen deines Vaters war ein solcher, und du bist sein Sohn“, unterbrach sie ihn in resolutem Ton.
„Nein! Das ist nicht wahr!“, entgegnete er energisch. „Mein Vater war anders, ganz anders. Nicht wie alle diejenigen, die …“
„Diejenigen, die was?“, fragte Elisabeth abrupt.
„Willst du, dass ich die Namen erwähne? Soll ich?“, fragte er lauter. Er zögerte nicht mehr und sprach auch nicht mehr stockend, er wollte keine Rücksicht mehr nehmen. Seine Stimme war laut und wirkte plötzlich draufgängerisch.
„Brauchst du nicht! Die Stadt ist voll! Sie wurden doch nicht alle verhaftet und umgebracht“, sagte sie regungslos und kalt.
„Also weißt du es! Du kennst sie? Du weißt, wer die Kerle sind? Warum sagst du nichts, warum verrätst du sie nicht? Oder deckst du sie auch noch?“, entgegnete er zornig.
„Sag mal!“, rief sie empört. „Was erlaubst du dir, in diesem Ton mit mir zu sprechen?“ Brüskiert durch den Affront des Sohnes schlug Elisabeth kräftig mit der Faust auf den Tisch. „Was ist denn mit dir los? Bist du verrückt geworden? Was sind das für Umgangstöne? Schäm dich, so mit mir zu sprechen.“ Ihre Worte waren leer und ohne Sinn. Elisabeth sprach sie aus, eher um ihre eigene Unsicherheit zu kaschieren, als den Sohn einzuschüchtern.
In der Zwischenzeit war er aufgestanden, hatte das Radio ausgeschaltet, und um zu vermeiden, dass er von der Mutter eine Ohrfeige verpasst bekam, hatte er sich an die Fensterbank gelehnt. „Weißt du, ich weiß, wer du warst und was du damals gemacht hast“, fuhr er rücksichtslos fort. „Es ist doch wahr, dass es so gewesen ist, oder willst du mich etwas anderes glauben lassen?“
„Was glauben? Was weißt du?“, unterbrach sie ihn laut und in herablassendem Ton. Je mehr sie sich angegriffen fühlte, desto weniger konnte sie die Anklagen des Sohnes ertragen. „Du hast nicht die geringste Ahnung, wie mein Leben in jenen Jahren wirklich war, wie ich lebte, unter welchen Bedingungen. Es war nicht so, wie du glaubst, oder wie manche Heuchler und Besserwisser es glauben machen wollen. Nein, mein Lieber, es war nicht so. Es war ganz anders, als du meinst.“ Sie schüttelte erregt den Kopf. „Hör mal gut zu!“, setzte sie mit ruhiger und trotzdem entschlossener Stimme hinzu. „In den Jahren, als ich sechzehn war, war das Leben so. Es gab, wenigstens für mich, keine andere Möglichkeit. Ich hatte keine andere Wahl. Annehmen oder ablehnen, nachgeben oder sich dagegen sträuben. Damals, lieber Richard, musste man und sonst nichts. Begreifst du das?“
„Ja, ja, gewiss“, sagte er eifrig und mit ironischem Unterton, „man musste, man musste, und jeder machte natürlich, was er gerade konnte. Du hast ja gesehen, wohin die, an die du geglaubt hast und denen du angehört hast, dich geführt haben.“
„Schluss! Hör auf! Du redest nur … dummes Zeug, ohne zu wissen, worüber du sprichst. Hast du damals gelebt? Nein! Also, sei still! Plappere nicht wie ein Papagei nach, was du hörst. Überlege es dir, bevor du verurteilst!“ Elisabeth schrie plötzlich. Mit Wut im Bauch und schriller Stimme hatte sie Mühe, im trockenen Mund die Worte zu artikulieren. Ihr Gesicht war rot geworden, ihre Stimme wurde immer lauter. Es war das erste Mal, dass der Sohn so mit ihr sprach und ihr einiges unterstellte. „Es gibt viele, sehr viele Dinge, die du noch verstehen musst. Vielleicht wird dir das ganze Leben nicht reichen, um es zu begreifen“, sagte sie weniger heftig, aber immer noch mit fester Stimme.
Richard entgegnete nichts. Er schloss die Augen und verzog sein Gesicht.
Beleidigt durch die Frechheit und den Hohn ihres Sohnes, schüttelte Elisabeth den Kopf; viel zu selbstsicher hatte er den Mund zu voll genommen. Sie ging zu ihm, packte seinen Arm und schüttelte ihn kräftig. „Du tust mir leid. Ja, du bist nur zu bedauern, du und all diejenigen, die dir solchen Unsinn in den Kopf setzen. Mach dir keine Illusionen, wenn du damals so gelebt hättest, wie ich lebte, du hättest dich wohl oder übel genauso verhalten. Und wenn nicht, wärst du … dazu gezwungen worden.“ Sie hielt ihn kräftig am Arm gepackt und blickte unverwandt in seine Augen. „Und wenn du dich … nicht hättest überzeugen lassen, hätten sie dir das Leben schwer gemacht, sehr schwer.“ Sie ließ ihren Sohn los, lehnte sich an die Wand und verschränkte die Arme. „Glaube mir, es ist unmöglich, das Recht zu beanspruchen, die Vergangenheit mit den Augen der Gegenwart zu sehen“, sagte sie mit resignierter Stimme.
Beschämt ließ Richard den Kopf sinken und verharrte schweigend.
Elisabeth setzte sich wieder und ließ die Hände langsam über Stirn und Gesicht fahren. Sie blickte wieder zu ihrem Sohn, als hätte sie vergessen, ihm noch etwas zu sagen. „Ich weiß nicht, ob diese Gedanken von dir sind, oder ob sie dir irgendjemand in den Kopf gesetzt hat. Aber eines will ich dir sagen: Dein Ton, deine Verbissenheit, deine laute Gewissheit bringen mich zurück in jene Jahre, als andere Schlauköpfe mit schreienden Hälsen ihre Wahrheiten verkündeten. Deswegen, wenigstens mir gegenüber, sei still und rede keinen Unsinn, ohne Sachkenntnis zu haben. Du hast mich verstanden, nicht wahr?“
Still verbarg sie ihr Gesicht zwischen den Händen. Erneut kreiste die Erinnerung an die Vergangenheit in ihrem Kopf und warf einen dunklen Schatten auf alles um sie herum. Jedes Mal wieder fühlte sich Elisabeth erdrückt von einer herzzerreißenden Traurigkeit. War der Preis nicht schon hoch genug für das Unheil, das sie hatte erleben müssen? Und jetzt kam ihr Sohn und riss mit seinen Anschuldigungen ihre tiefen Wunden noch weiter auf.
Richard setzte sich wieder an den Tisch und sah seine Mutter regungslos an. Er fand weder die Kraft noch den Mut, etwas zu sagen oder zu widersprechen.
Mit tränennassen Fingern rieb sich Elisabeth die Augen. „Es wird für mich unmöglich, es dir verständlich zu machen“, sagte sie mit gebrochener Stimme und gesenktem Blick. „Mir fehlen die Worte, um dir erklären zu können, was ich erlebt habe. Für dich, heute, ist das Leben so viel einfacher. Was damals geschah, wirst du wahrscheinlich nie verstehen können.“
Elisabeth hob den Blick und sah auf den gesenkten Kopf des Sohnes. Sie wartete eine kurze Weile, um seinen Blick aufzufangen, aber er rührte sich nicht. „Weil du es zum Glück nicht erleben musstest, und ich hoffe mit all meiner Liebe, dass du nie, nie in eine solche Lage gezwungen wirst.“
Ohne noch ein einziges Wort zu sagen, verließ Richard die Küche, schloss die Tür hinter sich, zog seine Jacke an und ging aus dem Haus.
Es regnete nicht mehr, aber die Luft war noch kälter geworden. Er sprang auf sein Fahrrad und fuhr in Richtung Innenstadt. Die Mutter hatte gesagt, dass Klaus im Eiscafé nach ihm gefragt hätte. Vielleicht wäre er noch dort.
Die hart und schwer ausgesprochenen Worte seiner Mutter hatten sich in sein Gewissen gegraben und drückten nun wie ein großer Stein. Sie waren zweifelsohne echt gewesen, und sie hatte gelitten. Das verwirrte ihn noch mehr.
Alles war viel zu schnell passiert, und nun schien es unglaublich und irreal zu sein. Er hatte etwas entdeckt, was er sich bis dahin nicht hätte vorstellen können, und seiner Mutter vorgeworfen, was sie geglaubt und getan hatte, ohne darüber nachzudenken, da sie damals noch ein sehr junges Mädchen gewesen war.
Er fragte sich im Nachhinein, wie er überhaupt darauf gekommen war, auf dem Dachboden herumzustöbern. Er hatte sich gefühlt, als triebe ihn eine Art Instinkt an – wie ein Jagdhund, der mit seinem natürlichen Trieb seine Beute aufspürt und verfolgt, bis er sie findet. Als folgte er einer Art sechstem Sinn, hatte er angefangen zu kramen.
Es gab jede Menge Zeug: Regale, verschiedene Haushaltsgeräte, einige Stühle, eine Truhe, unmodernen Nippes, Bilderrahmen, eine alte Petroleumlampe, verstaubte Holzkisten voller alter Kleider und Wäsche, abgetragene Schuhe, alte Bücher, Zeitschriften, Zeitungsausschnitte. Alles, was seine Mutter im Laufe der Zeit gesammelt hatte.
In einer Ecke, dicht unter dem Dach, standen einige Koffer. Er hatte alle in die Hand genommen, einen nach dem anderen, den Inhalt erahnend. In dem kleinsten, mit Schur zugebunden und etwas schwerer, rührte sich trotz Schütteln nichts.
Er kniete sich hin und machte ihn auf: in einer Stofftasche Stifte, eine Papierschere, ein alter Brieföffner, alter Schmuck. Eingewickelt in einer anderen Tasche: Feldpostbriefe des Vaters, ein dickes Tagebuch der Mutter, viele handgeschriebene Seiten, Flugblätter, in denen die deutsche Bevölkerung aufgefordert wurde, sich gegen das Naziregime zu stellen, die seinerzeit von englischen und amerikanischen Flugzeugen abgeworfen worden waren; und eine Liste von Ziffern und Zeichen auf einem gezeichneten Schachbrett.
Voller Staunen fing er an zu blättern, las einige Briefe des Vaters und wunderte sich, warum seine Mutter sie ihm nicht gezeigt hatte. Er kannte Briefe und Postkarten des Vaters aus Italien. Schon vor Jahren hatte er sie gelesen, aber die, die ihm jetzt in die Hände gerieten, waren ihm neu. Er las, und nach und nach enthüllte sich eine größere Überraschung als die Entdeckung selbst. Er konnte nicht begreifen, warum seine Mutter sie ihm vorenthalten hatte. Immerhin hatten sie oft über die Briefe des Vaters gesprochen – über die, die er kannte! Über die anderen war nie auch nur ein Wort gefallen.
Zorn packte ihn. Er empfand es als Vertrauensbruch seitens der Mutter. Eine Verfehlung, die er ihr nicht würde verzeihen können – um keinen Preis –, hatte er sich geschworen, als er da auf dem Dachboden hockte. Die Briefe, alle Briefe seines Vaters, gehörten auch ihm.
Über die Jahre hinweg hatte er versucht, sich den Charakter seines Vaters vorzustellen, durch die Erzählungen seiner Mutter, seiner Großmutter und durch seine Fantasie. Aber plötzlich änderte sich alles.
Was ihn fast noch mehr verstörte, waren einige Seiten des Tagebuchs seiner Mutter, das sie als junges Mädchen geschrieben hatte. Sie erschütterten ihn und machten ihn unendlich unsicher und verwirrt. War das Bild, das er von seiner Mutter hatte, denn wirklich so falsch gewesen? Bis zu diesem Tag hätte er nicht im Traum die Aufrichtigkeit seiner Mutter infrage gestellt. Ihre Werte und ihre ethische Integrität waren es doch, die sie ihm beigebracht und vor allem vorgelebt hatte.
Das Luftschloss, das er sich selbst gebaut hatte, fiel plötzlich in sich zusammen. Nun sah er in ihr eine verlogene und ehrfurchtslose Person. Nichts entsprach mehr dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte.
Ihm fielen die Erzählungen seiner Mutter und auch seiner Großmutter ein über die Einberufung des Vaters, die Abfahrt an die Ostfront, das Warten auf seine Briefe, die Hoffnung, dass er am Leben sei; sein zweiter kurzer Urlaub im Februar 1943, die darauffolgenden Briefe bis Dezember 1943. Danach kam nichts mehr. Elisabeth hatte ihm weiterhin geschrieben, aber ohne gültige Feldpostnummer hatte es keinen Sinn mehr. Seine Briefe kamen wieder zurück. Es folgten lange, unendliche Tage, Wochen, Monate voller Hoffnung und Verzweiflung.
Im Juni 1945, der Krieg war schon zu Ende, erfuhr Elisabeth, dass Friedrich, der Vater ihres Sohnes, in Italien als vermisst galt.
Richard wurde während des Krieges geboren, Ende November 1943.
Für viele lange Jahre, so war es ihm vorgekommen, hatte die Mutter ihn vergebens an eine Illusion glauben lassen. Er hatte während seiner ganzen Kindheit gehofft, dass der Vater eines Tages zurückkommen würde. „Papa wird kommen, ich spüre es“, hatte sie fast jeden Tag wiederholt, und während sie es sagte, sah er, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten und wie sie mit der Zeit lernen musste, sie zu schlucken. Letztendlich, mit derselben Erwartung, mit der sie mir falsche Hoffnungen gemacht hat, hat sie sich selbst betrogen, und insgeheim macht sie es heute noch. Sie hat nie den Gedanken akzeptieren wollen, dass ihr Hoffen vielleicht ins Leere geht…
Er dachte zurück an die vielen Male, wenn sie bei den Geräuschen eines Fahrrads aus dem Fenster geblickt hatte und glaubte, der Briefträger käme und brächte ihr die so sehnsüchtig erwartete Nachricht.
Er erinnerte sich an jenes Kleid, das seine Mutter sich hatte nähen lassen, und ihr Versprechen, es erst an dem Tag anzuziehen, an dem ihr geliebter Friedrich zurückkommen würde. Sie hatte es nach einem italienischen Muster, das er ihr geschickt hatte, fertigen lassen. Es war ein dunkelblaues Kleid mit großen, weißen Punkten. Damit es noch schöner aussah, hatte sie sich aus der weißen Fallschirmseide der Alliierten, die sie auf dem Schwarzmarkt besorgt hatte, einen Schal genäht. Dieses Kleid und das Halstuch hingen all die Jahre im Kleiderschrank und wurden alt, wie auch ihre Erinnerungen und Illusionen.
Er wusste, dass er seiner Mutter sehr viel schuldig war – nicht nur, dass sie ihn auf die Welt gebracht hatte. Es war nicht einfach und selbstverständlich, in jenen Jahren als unverheiratete Frau ein Kind allein großzuziehen. Genauso war es für ihn nicht leicht, eine einsame, starke, aufrichtige und tüchtige Frau wie sie als Mutter zu haben und die Möglichkeit zu bekommen, das Gymnasium zu besuchen. Das alles aber verstand er erst, als er schon fast ein junger Mann geworden war.
Inzwischen hatte es wieder angefangen zu regnen. Er trat schneller in die Pedale, um so schnell wie möglich das Eiscafé der Cantarinis zu erreichen: Er wollte gern Klaus treffen und sich mit ihm austauschen.
„Ach! Guck mal da! Hast du so große Sehnsucht, dass du uns auch dann besuchst, wenn du nicht arbeiten musst?“, fragte Laura erfreut, als sie ihn vor der Tür sah.
„Gleich soll mein Freund hier eintreffen, deswegen bin ich noch mal vorbeigekommen“, antwortete Richard.
„Wer, Klaus? Der war vor einer Viertelstunde hier und hat nach dir gefragt und …“
Richard fragte nicht weiter. Klaus war wieder fortgegangen.
„Was hast du? Du siehst niedergeschlagen aus. Hat dir jemand Ärger gemacht?“
„Nein, nein. Es geht mir gut. Danke.“
„Was denn, hast du Liebeskummer? Dein Mädchen hat dich enttäuscht?“, hakte sie in heiterem Tonfall nach.
Richard war nicht danach zumute, auf die scherzhafte Anspielung der Signora Cantarini einzugehen. Es tat ihm nur leid, dass er nicht rechtzeitig gekommen war.
Er grüßte in aller Eile, nahm sein Fahrrad und ging. Er wusste allerdings nicht, wohin. Er hätte seinen Freund suchen können, aber wo? Zurück nach Hause wollte er nicht. Er setzte sich aufs Fahrrad und fuhr los, unter einem feinen, kalten Regen durch die Straßen Darmstadts.
Er hatte genug Gedanken im Kopf, mit denen er sich beschäftigen konnte. Er sah ein Schuhgeschäft und ihm fiel ein, dass er die besohlten Schuhe beim Schuster abholen sollte. Hier könnte er bleiben, bis es aufhörte zu regnen. Er kannte den Schuhmacher gut. Schon als Kind war er oft in Begleitung seiner Großmutter oder seiner Mutter bei ihm gewesen. Unzählige Male hatte er seine traurige Geschichte gehört: den Verlust seiner Frau, die durch Hautverbrennungen nach einem Brandbombenangriff auf langsame und grausame Art gestorben war. Der einzige Sohn, der zur Marine einberufen wurde und nie wieder nach Hause zurückkehrte, und der jüngere Bruder, der in Russland gefallen war.
Richard betrat das Geschäft und unterhielt sich wie üblich kurz mit dem Schuster. Gebeugt und vom Leben gezeichnet, sah der Schuster älter aus, als er war. Plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, empfand Richard eine seltsame Ungeduld. Obwohl seine Gestalt und seine Stimme ihm mehr als vertraut waren, spürte er eine gewisse Distanz, sogar Aversion gegen den Schuhmacher. Ja, ja, auch er hatte gelitten und die Tragödie des Krieges ertragen müssen. Aber das waren die Folgen, das Ende, der Abschluss. Sicher war er ein Opfer … Und vorher? Was hatte er getan? Vielleicht, oder ganz bestimmt, war auch er begeistert und hatte dem deutschen Patriotismus gehuldigt und den Nationalsozialisten zugejubelt. Auch er war jemand, der sicher seinen Anteil geleistet hatte, dachte Richard.
Er zahlte, nahm die Schuhe und verließ mit knappem Gruß den Laden. Verunsichert und schlecht gelaunt fuhr er weiter. Er dachte an den Schuster und wunderte sich über sich selbst: Wie konnte er nur so denken? Der Schuster war ein freundlicher Mensch, seit er ihn kannte. Für ihn hatte er immer ein Lächeln, ein Streicheln und manchmal auch ein kleines Geschenk gehabt. Er, Richard, hatte für ihn immer Mitleid empfunden und ihn deshalb auch respektiert. Weswegen nun, ganz plötzlich, zweifelte er sogar an dessen Gutmütigkeit? Was hatte der Schuhmacher damit zu tun, dass Richard schlecht gelaunt war? Er war doch nicht daran schuld. Es war absurd, so etwas Unvernünftiges über ihn zu denken. Und die Art und Weise, wie er mit seiner Mutter diskutiert hatte, war das vielleicht vernünftig gewesen? Was war die Ursache seiner trübseligen Gefühle? Das, was er in dem Tagebuch seiner Mutter gelesen hatte? Die versteckten Briefe seines Vaters? Wieder kamen sie ihm in den Sinn. Einer hatte ihn ganz besonders getroffen. Er sah ihn beinahe wörtlich vor sich. Anders als die restlichen Briefe war er mit Bleistift geschrieben, ohne Datum und Briefumschlag. Mit getrockneten Wasserflecken lag er zwischen den Seiten des Tagebuchs der Mutter. Viel länger als die anderen beschrieb er die blutige und grauenvolle Wirklichkeit von dem, was er im Krieg erlebt hatte. Durch eine spätere Antwort von Elisabeth konnte er herauslesen, dass er während des Februarurlaubs im Jahr 1943 geschrieben worden war.
Liebe Elisabeth,
es war unmöglich für mich, über das alles zu sprechen. Nein, es ist nicht die Kraft, die mir gefehlt hat. Du hättest mir nicht glauben wollen und können. Es zu schreiben, fällt mir leichter. Es ist so, als ob ich es mir erzähle.
Zahlreich sind die Gräuel, von denen ich Zeuge war. Ich war nur ein paar Meter entfernt, habe Kinder gesehen, von unseren Soldaten mit Gewehren gezwungen, Gräber auszuheben, in denen sie selbst die Leichen der eigenen Mütter und Väter begraben mussten. Frauen und Männer, die kurz davor von anderen deutschen Soldaten erhängt worden waren. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schrecklich die Angst war, die ich auf den Gesichtern der Kinder gesehen habe. Ich höre immer noch das Echo des Weinens und Schluchzens und ihr jammervolles Leiden, das mich wie ein Albtraum verfolgt und meine Seele peinigt. Ich habe Mädchen rennen gesehen, auf die, nachdem sie vergewaltigt worden waren, geschossen wurde. Wir Deutschen lassen das menschliche Mitleid in den Tränen unserer Opfer ertrinken, ersticken … Viele von uns, die zu Hause keine noch so absurde und pingelige Vorschrift überträten, sehen sich berechtigt, wie vom Sadismus ergriffen, skrupellos, ohne die geringste Reue, unschuldige Menschen anzubrüllen, sie zu malträtieren, ja, sie zu ermorden. Um sich zu enthemmen, schlucken sie Pervitin-Pillen. Sie betrinken sich und ersäufen ihren mangelnden Mut, sich dem zu widersetzen. Es gibt keine Worte, die Gräueltaten zu beschreiben. Die üblichen reichen nicht aus, sie erfassen nicht den Sinn.
