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Der Feind in meinem Haus: Der fesselnde Psychothriller »Vermissen wird dich niemand« von Laura Wilson jetzt als eBook bei dotbooks. Wie dunkle Wolken schwebt die Gefahr über ihr … London in den 60ern: Alice führt ein glamouröses Leben in der Welt des Showbiz. Gemeinsam mit ihrem Verlobten, dem Comedian Lenny, und dessen Freund Jack Flower feiert sie ausufernde Partys – bis Lenny plötzlich und unerwartet Selbstmord begeht. Erschüttert zieht Alice sich in ihr Landhaus in Oxfordshire zurück. Als Jack dort sieben Jahre später auftaucht, freut Alice sich, einen alten Freund begrüßen zu können. Doch etwas stimmt nicht mit ihm: Ist er noch der Mann, den sie einmal kannte? Auf einmal fühlt sie sich wie eine Gefangene in ihrem eigenen Haus – und während sie sich fragen muss, was damals in London wirklich geschah, nimmt ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel seinen Lauf … »Laura Wilson lässt die Welt des Showgeschäfts der 60er Jahre wiederaufleben – in einem beklemmenden Thriller um eine Frau, die in höchster Gefahr schwebt … fesselnd und mitreißend.« Observer Jetzt als eBook kaufen und genießen: Psychologische Spannung vom Feinsten im Thriller »Vermissen wird dich niemand« von Laura Wilson. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Über dieses Buch:
Wie dunkle Wolken schwebt die Gefahr über ihr … London in den 60ern: Alice führt ein glamouröses Leben in der Welt des Showbiz. Gemeinsam mit ihrem Verlobten, dem Comedian Lenny, und dessen Freund Jack Flower feiert sie ausufernde Partys – bis Lenny plötzlich und unerwartet Selbstmord begeht. Erschüttert zieht Alice sich in ihr Landhaus in Oxfordshire zurück. Als Jack dort sieben Jahre später auftaucht, freut Alice sich, einen alten Freund begrüßen zu können. Doch etwas stimmt nicht mit ihm: Ist er noch der Mann, den sie einmal kannte? Auf einmal fühlt sie sich wie eine Gefangene in ihrem eigenen Haus – und während sie sich fragen muss, was damals in London wirklich geschah, nimmt ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel seinen Lauf …
»Laura Wilson lässt die Welt des Showgeschäfts der 60er Jahre wiederaufleben – in einem beklemmenden Thriller um eine Frau, die in höchster Gefahr schwebt … fesselnd und mitreißend.« Observer
Über die Autorin:
Laura Wilson kommt aus London und studierte englische Literaturwissenschaft am Somerville College in Oxford und an der UCL in London. Heute lebt sie in Islington, London, ist als Krimi-Rezensentin für den Guardian tätig und lehrt Kreatives Schreiben an der City University. Für ihren Thriller »Wenn die Nacht kommt« gewann sie in Frankreich den Prix Polar Europeen. Ihre Thriller erreichen regelmäßig die Shortlists bekannter Literaturpreise.
Bei dotbooks erscheinen von Laura Wilson die Thriller »Blinder Gehorsam«, »Wo die Wahrheit ruht«, »Kehre nicht zurück«, »Ein reines Herz« und »Wenn die Nacht kommt«.
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eBook-Neuausgabe Januar 2021
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2003 unter dem Originaltitel »Hello Bunny Alice« bei Orion, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Im Dunkel der Angst« bei Goldmann.
Copyright © der englischen Originalausgabe 2003 by Laura Wilson
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2004 Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Zoran Krstic, James_Lindsey, Laura Facchini
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)
ISBN 978-3-96655-143-4
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Laura Wilson
Vermissen wird dich niemand
Psychothriller
Aus dem Englischen von Caroline Einhäupl
dotbooks.
Für all jene, die ihre Hundein Lincoln's Inn Fields spazieren führen –und natürlich auch für die Hunde selbst
THE DAILY MIRRORMontag, 18. Mai 1970
LENNY MAXTEDTOT AUFGEFUNDEN
Abschiedsbrief: Bitte verzeih mir
Lenny Maxted, einst Englands Topkomiker, hat sich erhängt – nur drei Tage, nachdem er seine Verlobung bekannt gegeben hatte. Seine Verlobte fand die Leiche inmitten von Schlaftabletten und leeren Ginflaschen in einem Cottage in Wiltshire. Maxted, 40, war zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Stunden tot. Die Polizei glaubt nicht an Fremdeinwirkung.
Nach dem überwältigenden Erfolg der Serie wurde Lenny Maxted zusammen mit seinem Partner Jack Flowers einer der beliebtesten Komiker der Nation. Maxteds träge Art und sein oft gepriesenes präzises Timing waren der perfekte Kontrast zu Jack Flowers' explosionsartiger Vorstellung. Doch als er bei einem Gastauftritt in der Talkshow Direkt gefragt zusammenbrach, wurden die Zuschauer Zeugen seiner bislang in der Öffentlichkeit nicht bekannten persönlichen Tragödie. Der Moderator, Altmeister Geoffrey Wallace, wurde heftig kritisiert, weil er den in Tränen aufgelösten Maxted auch noch ermutigte, den Zuschauern von seinem Alkoholproblem zu erzählen. Flowers kommentierte anschließend: »Lenny ist kein glücklicher Mann. Er ist überarbeitet und braucht eine Auszeit.«
Seit der Bekanntgabe seiner Verlobung mit Alice Conway, einer vierundzwanzigjährigen ehemaligen Hostess in einem Nachtklub, hatte man Maxted in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, der an Miss Conway adressiert ist, in dem er unter anderem schrieb: ›Ich liebe dich, bitte verzeih mir.‹ Donald Findlater, der Agent der beiden Komiker, sagte gestern Abend: »Ich weiß nicht, wie ich es Jack beibringen soll. Sie mögen künstlerisch nicht immer einer Meinung gewesen sein, aber sie waren die besten Freunde.« Jack Flowers befindet sich derzeit im Urlaub am Mittelmeer.
Maxteds Kampf mit der Flasche: Seite 5
Maynard's Farm, Duck End, OxfordshireDonnerstag, 19. August 1976
Letzte Nacht hatte ich wieder diesen Traum. Ich bin auf dem Grund eines Sees und blicke durch die Scheibe eines Wagens in sein Inneres. Alles ist grün wie eine Ginflasche und schlammig, und hinter dem Lenkrad sitzt ein Skelett in einem Bunnykostüm. Die Hasenohren sitzen fesch am Schädel, Schlips und Kragen hängen um die Halswirbel, und der Körper steckt in dem Satinkostüm, es ist schwarz, die Farbe, die wir alle am liebsten wollten, weil sie schlank macht, und vor den Rippen sitzen zwei kegelförmige Schalen.
Von hinten nähert sich jemand und reibt mein Gesicht mit Seegras ab. Zuerst habe ich nichts dagegen, denn es ist angenehm, sinnlich sogar – aber dann fangen sie an, das Gras um meinen Kopf und meinen Hals zu wickeln, und ich kriege keine Luft und versuche, danach zu greifen, es wegzuziehen, aber ich schaffe es nicht. Ich beuge mich vor, um an die Scheibe zu klopfen, damit mir jemand hilft, aber ich komme nicht dran. Daraufhin werde ich nach unten gezogen und kann nicht entkommen, und ich glaube, ich muss sterben.
Dann wache ich auf, und die Laken haben sich um meinen Hals gewickelt. Ich fühle mich schuldig und kann das Gefühl nicht vertreiben. Weil ich genau weiß, wer es ist. Das Skelett in dem Auto.
Er hat den Lenny-Traum abgelöst, den, in dem ich seine Leiche finde. Seit ich vor drei Tagen den Zeitungsausschnitt in der Post fand.
WASSERLEICHE GEFUNDEN
Der konstant niedrige Wasserstand führte gestern zu einem grausigen Fund: Aus einem See auf dem Gutshof Ivar Park in Wiltshire wurde ein Wagen mit menschlichen Überresten gefischt. Ein Polizeisprecher sagte, dass das Skelett noch nicht identifiziert sei und möglicherweise seit mehreren Jahren im Wasser gelegen habe.
Ich weiß nicht, wer ihn geschickt hat. Es war kein Brief dabei, nur der Zeitungsausschnitt, über den oben das Datum gekritzelt war: 14. August '76. Die Schrift kenne ich nicht. Abgestempelt in London. Kann jeder gewesen sein. Aber warum schickt jemand mir den Ausschnitt? Das ist es, was ich nicht verstehe.
Ich erinnerte mich an das Mädchen, das verschwunden war. Auch ein Bunny. Kitty. Lenny hatte mit ihr geschlafen. Gott bewahre, er war nicht der Einzige, bei weitem nicht. Es war im Sommer 1969, als es uns nicht so gut ging – sieben Jahre zuvor also. Ich dachte, ich hätte das alles weit hinter mir gelassen. Jedenfalls habe ich es versucht. Deswegen bin ich hierher gezogen.
Es hat überhaupt niemand bemerkt, dass Kitty fehlte. Was eigentlich auch keine Überraschung war, denn auf der Party müssen über zweihundert Leute gewesen sein, und so weit ich mich erinnere, waren die meisten derart jenseits von Gut und Böse, dass sie wahrscheinlich nicht mal wussten, auf welchem Planeten sie selbst gerade waren, geschweige denn jemand anderes. Ich glaube, es hat ein paar Wochen gedauert, ehe von ihrem Verschwinden berichtet wurde, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Polizei nie jemanden gefunden hat, der sie nach dieser Nacht noch einmal gesehen hat. Das haben jedenfalls alle gesagt.
Ivar Park ist in der Nähe der Salisbury Plain. Ein massives Gutshaus mit Ställen, einem Park, Wald, einfach allem. Und einem See. Mit Sicherheit gab es einen See. Kitty trug ihr Bunnykostüm. Wir durften es eigentlich nicht aus dem Klub mitnehmen, aber irgendwer – vielleicht sogar Lenny, denn er hat sie mitgebracht – muss dem Wachmann was zugesteckt haben, damit er ihre Tasche nicht kontrolliert. Ich weiß noch, wie sie die riesige Treppe in Ivar herunterkam und die Leute gelacht haben, aber mehr auch nicht.
Doch seltsam war es trotzdem, weil man niemanden fand, der Kitty mitgenommen oder gesehen hat, wie sie die Party verließ, und sie war nicht gerade eine graue Maus. In der Zeitung stand nichts über das Kostüm, aber nach so langer Zeit ist es wahrscheinlich verrottet, oder die Fische haben es gefressen. Ich nehme an, es wäre nie wieder aufgetaucht, wenn wir nicht eine solche Trockenheit gehabt hätten. Da draußen muss es jemanden geben, der wünscht, es wäre so.
Ehrlich gesagt, habe ich damals gar nicht so genau hingehört. Ich und Kitty waren nicht gerade das, was man Busenfreundinnen nennt, aber wie auch immer, unser Leben – unsere Welt, wenn man so will – war ziemlich frei und unbeschwert, und die Menschen kamen und gingen. Sogar Kittys Mitbewohnerin dachte, sie wäre bei ihrem Freund, sie wusste nur nicht, wer es war. Auch nicht überraschend, denn Kitty war kein Kind von Traurigkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Wenn ich hätte raten müssen, hätte ich gesagt, sie hat sich irgendeinen reichen Börsenspekulanten geangelt und ist mit ihm auf Reisen gegangen. Man kommt ziemlich gut durch, wenn man seine Karten richtig ausspielt, und sie war immer recht gut darin, sich die Nummer eins auszugucken.
Ich weiß nicht, ob sie es ist. Da sind nur Überreste. Skelett. Aber anscheinend sollte ich es wissen – wer soll es also sonst sein? Ich mochte Kitty nicht. Aus gutem Grund, könnte ich hinzufügen, weil sie ein richtiges Miststück war. Mein Großvater hätte gesagt: »Die hat es faustdick hinter den Ohren«, und ich war ganz schön froh – nein, mehr als froh, ich war hocherfreut, als sie nicht in den Klub zurückkehrte. Aber so einen Tod würde man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünschen. Schon der Gedanke ist unerträglich. Und jetzt geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Manche Dinge kann man einfach nicht ausblenden. Man versucht es, macht die Tür zu, aber sie sind immer da und warten darauf, dich anzufallen. Wie Lennys Tod. Als ich ihn gefunden habe. Ich meine, normalerweise denke ich an Lenny, wie er war, als er noch lebte, aber wenn ich nachts aufwache oder wenn ich nicht damit rechne oder so, dann ist alles wieder da.
Wenn sich der Tag jährt und in der Woche davor ist es am schlimmsten. Schon die Furcht, das Wissen, wie es sein wird. Jedes Jahr, wenn er näher kommt, denke ich, diesmal wird es besser, aber das wird es nie.
Ich bin in Lennys Körper reingelaufen. Es war ziemlich dunkel im Zimmer, und ich wusste nicht, was es war, doch als ich hochschaute, sah ich ein paar Sekunden lang nur diese hervorquellenden Augäpfel, die mich direkt anstarrten. Sein Kopf war aufgeblasen wie ein Ballon, dunkelrot, oben unter der Decke, und sein Körper hing wie ein Sack herunter. Er hatte es mit einem Gürtel getan. Einem breiten Ledergürtel. Aber das habe ich erst später erfahren, denn ich habe nur einmal hingesehen und bin sofort wieder rausgerannt. Der Mann, der bei mir war – der Taxifahrer –, hat die Polizei geholt. Er sagte, ich hätte geschrien, aber daran erinnere ich mich nicht. Ich erinnere mich nur an so ein stumpfes Gefühl – als müsste mein Verstand geschärft werden. Man hatte mir ein Beruhigungsmittel gegeben, und als ich später versuchte zu schlafen, waren ständig diese Augen da, die aussahen, als würden sie aus den Höhlen fallen. Und ich habe mir immer wieder gesagt: Das ist nicht mein Lenny. Mein Lenny ist tot.
Eigentlich habe ich Jeff deswegen geheiratet. Ich habe mir einzureden versucht, dass ich mein Leben meistere und darüber hinwegkomme, aber in Wirklichkeit konnte ich mich nicht von Lenny lösen oder wollte wenigstens das Gefühl von Nähe haben, das Leben, das ich mit ihm gehabt hätte. Irgendwie habe ich versucht, dieses Leben weiter zu leben. Erst als alles kaputtging, wurde mir klar, dass das der Grund war, und vielleicht ... oh, mag sein, dass ein Teil von mir immer wusste, dass es nicht funktionieren würde, aber nach dem, was mit Lenny geschehen war, war ich völlig fertig und brauchte jemanden, und er war da.
Ich meine natürlich nicht, dass ich jeden genommen hätte. Jeff sah super aus, war charmant und begabt – er ist Fotograf, darüber haben wir uns überhaupt kennen gelernt. Er erklärte, sich um mich kümmern zu wollen, und Gott weiß, das brauchte ich. Ich habe natürlich nicht so getan, als wäre er Lenny, aber ich glaube, etwas in der Art habe ich von ihm erwartet, was nicht fair war. Jeff hatte keinen sehr ausgeprägten Sinn für Humor und war ein ziemlich verschlossener Mensch. Rau. Eher wie Jack als wie Lenny, wenn ich es jetzt bedenke. Er war auf eine Art schwierig, die ich nicht gewohnt war, und ich dachte, das heißt, dass er stark ist, weil Lenny so ... nicht schwach, aber ... nun, auf Lenny hat man aufgepasst.
Nicht nur die Frauen – jeder hat auf ihn aufgepasst, sogar Jack. Die Leute haben ihm jeden Gefallen getan, und weil er so bezaubernd und freundlich und schrecklich dankbar war, hatten sie das Gefühl, etwas Nützliches und Gutes zu tun. Er hat es natürlich ausgenutzt, es im richtigen Moment eingesetzt, aber manchmal war er wirklich ein hoffnungsloser Fall. Ich werde nie vergessen, wie ich ihn einmal bei dem Versuch, eine Dose Baked Beans zu öffnen, beobachtet habe, und da war er nüchtern. Aber der Punkt war, Lenny hatte einen Draht zu den Menschen und Jeff nicht. Nicht so. Er wollte den anderen immer etwas voraushaben, und ich habe das nie verstanden. Ich glaube, deswegen hatte er ständig Affären, ihm gefiel das Geheimnis besser als der eigentliche Sex. In der Lage zu sein, sich mit jemandem zu unterhalten und zu wissen, dass er es mit dessen Frau oder Freundin trieb und der andere keinen blassen Schimmer davon hatte. Ich habe mir immer wieder gesagt, dass es unwichtig ist – nicht die Affären, von denen habe ich erst nach ein paar Jahren erfahren – nein, einfach seine Art. Ich meine, man darf jemanden nicht verurteilen, nur weil er nicht jemand anderes ist, oder? Und wir hatten ein hübsches Heim und ein schönes Leben, nur dass es nie richtig zusammenpasste. Ich mache Jeff keinen Vorwurf, es war genauso meine Schuld. Schon der Zeitpunkt, abgesehen von allem anderen, war schlecht, denn wir haben nicht mal zwei Jahre nach Lennys Tod geheiratet, und ich war einfach noch nicht so weit.
Ich hatte mal einen Kalender mit Sinnsprüchen, und einer lautete: »Das Leben wird nach vorne gelebt und im Rückblick verstanden.« Das stimmt doch, oder? Wenn man es überhaupt versteht. Langsam fange ich an, mich das zu fragen. Ich meine, ich habe Lennys Tod in Gedanken hundert Mal durchgespielt und nie irgendwelche Antworten gefunden. Außer dass ich versagt habe. Darauf läuft es immer hinaus. Es ist wie diese Worte, die man manchmal auf Grabsteinen sieht: Wenn Liebe ihn hätte retten können, wäre er nicht gestorben. Aber man kann Menschen mit Liebe nicht retten, oder? Es sollte so sein, und es geschieht in Büchern und so, aber nicht im richtigen Leben.
Das Cottage, in dem Lenny sich umgebracht hat, war auf demselben Besitz. Es gehörte dem Kerl, der die Party gegeben hat. Marcus' Vater war der Earl of Ivar. Er ist vor ein paar Jahren gestorben. Marcus meine ich, nicht sein Vater. An einer Überdosis Drogen. Er kann nicht älter als fünfunddreißig gewesen sein.
Der Zeitungsausschnitt ist aus dem Mirror. Das ist die Zeitung, die ich kaufe, wenn ich mir überhaupt eine kaufe. Und selbst wenn, komme ich selten dazu, sie zu lesen. Ich benutze sie nur für den Meerschweinchenstall. Mit dem Ausschnitt könnte man nicht mal eine Streichholzschachtel auslegen. Am besten werfe ich ihn weg, konzentriere mich wieder mehr auf den Alltag. Die Tiere versorgen, reiten – mein Leben.
In die Hände spucken und weitermachen, wie mein Großvater immer zu sagen pflegte.
Nicht leicht, wenn man meistens allein ist. Ich wünschte, es gäbe jemanden, mit dem ich reden könnte, dem ich vertrauen könnte, aber ich kenne eigentlich niemanden.
Ich dachte, ich wäre hier in Sicherheit, aber ich fühle mich nicht mehr sicher.
Ich habe Angst.
Seit ich hierher gezogen bin, habe ich versucht, nicht an die Vergangenheit zu denken, aber manchmal holt sie mich einfach ein. Schon bei Kleinigkeiten. Wie gestern, als ich nach einem Paar Socken gesucht habe und die Schublade nicht mehr zuging. Und als ich nach dem Grund suchte, klemmte ganz hinten dieses haarige, graue Ding. Ich dachte, es wäre eine tote Maus, doch als ich es mit Gummihandschuhen herausfischte, war es ein Hasenschwanz. Schmutzig und mit einem dicken, schwarzen Streifen, da wo er festgeklemmt gewesen war. Ich stand da, hielt ihn in der Hand und dachte, es kann nicht wahr sein, dass ich mal einen Job hatte, bei dem ich mir so ein Ding an den Hintern stecken musste.
Wehe, wenn man mit so einem Exemplar zur Bunny-Mutter gekommen wäre. Sie hat uns jedes Mal kontrolliert, ehe wir rausgeschickt wurden, hat geguckt, ob unsere Fingernägel lackiert waren, die Strümpfe keine Laufmaschen hatten oder Klopapier aus den Oberteilen schaute. Man wickelte es um die Hand, stopfte es oben rein, rückte es ein wenig zurecht und bingo: ein wunderbares Dekolleté, und es wirkte ganz echt. Die Kostüme wurden für jede angefertigt, aber es gab nur zwei verschiedene Körbchengrößen, 80D oder 85D, und die meisten von uns füllten sie ohne ein bisschen Unterstützung nicht aus. Wir haben auch alte Strumpfhosen oder überzählige Hasenschwänzchen benutzt. Als ich Lenny das erzählt habe, dachte ich, er stirbt vor Lachen. Richtig wild war er auf meinen Hasenschwanz. Er hat sogar einen in unserem Souvenirladen gekauft. Der klebte auf einer Plakette, und drunter stand: »Erwischt im Bunny Club« oder so was Ähnliches.
Der, den ich gefunden habe, war mein ganz spezieller. Auf der Rückseite stand mein Name. Hab ihn immer mit nach Hause genommen, selber gewaschen und mit einer Hundebürste aufgefrischt, damit er richtig gut aussieht. Kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie lange ich immer gebraucht habe, um mich fertig zu machen. Heute widme ich den Pferden mehr Zeit als mir – ganz selten benutze ich Wimperntusche, geschweige denn falsche Wimpern. Irgendwo sind wahrscheinlich noch ein paar Sets. Wenn ich daran denke, wie schrecklich das heute aussehen würde – wie zwei alte Spinnen, die über die Augenlider krabbeln. Tatsächlich – Generalbeichte – habe ich ein komplettes Kostüm behalten, als ich im Klub aufhörte. Das war ungezogen, weil sie uns nicht gehörten, aber ich wollte ein Andenken haben, und ich hatte über drei Jahre dort gearbeitet, weshalb ich fand, ich hatte es verdient. Weiß der Himmel, wo es jetzt ist, wahrscheinlich auf dem Dachboden, ich habe es seit Jahren nicht gesehen.
Lenny wusste nicht, dass ich ein Bunny war, als wir uns das erste Mal begegneten. Das war auf der Autobahn. Es handelte sich nicht um mein eigenes Auto, ich hatte es gewissermaßen ausgeliehen. Wenn ich geliehen sage, meine ich nicht gestohlen, weil ich es nachher wieder zurückgebracht habe, aber es gehörte diesem Typ namens James Clarke-Dibley, ein Stammgast im Klub. Das war 1967, ich hatte gerade angefangen, dort zu arbeiten. Jedenfalls war er ganz schön scharf auf mich. Hab ihn in einem Fotostudio kennen gelernt. Ich stand Modell für Badeanzüge oder so, und er kam herein und lud mich ein, mit ihm auszugehen. Ich bin einmal mitgegangen, aber dann konnte ich nicht mehr, weil ich abends im Klub arbeitete, und so wurde er dort Stammgast.
Er war steinreich – soviel ich mitbekommen hatte, gehörte seinem Vater praktisch halb Schottland – und sah ziemlich gut aus, aber wie auch immer, gebacken, gebraten oder frittiert, ich mochte ihn nicht besonders. Eine Regel im Klub war, dass man mit Gästen nicht ausgehen durfte, die benutzte ich als Entschuldigung. Doch er hat mir Fahrstunden bezahlt, und als ich den Führerschein hatte, besaß ich natürlich kein Auto, und er ließ mich immer mit seinem fahren, aber nur, wenn er dabei war. Ich sage Ihnen, wenn es mein Auto gewesen wäre, ich hätte mich nicht fahren lassen, niemals, ich bin nämlich gefahren wie eine Verrückte, und er hatte dieses wunderschöne, weiße Mercedes Cabriolet, das ein Vermögen wert gewesen sein musste.
Es war nach einer Party in seinem Haus. Ich war nach meiner Schicht hingegangen – natürlich in einem eigenen Kleid, nicht im Kostüm – und habe dort übernachtet. Nicht in seinem Bett. Das hätte er gerne gehabt, aber er war viel zu betrunken, um irgendwas dafür zu tun, und ich trinke nicht viel, so dass es mir gut ging und ich es mir einfach in einem kleinen Zimmer in einem der oberen Stockwerke gemütlich gemacht habe.
Am nächsten Morgen schliefen alle, die noch da waren, ihren Rausch aus, also bin ich auf Zehenspitzen runtergeschlichen und hab die Autoschlüssel aus seiner Jackentasche genommen. Ich dachte, ich könnte meine Mutter besuchen. Na ja, das war meine Ausrede, in Wirklichkeit wollte ich einfach mal allein mit dem Wagen fahren und sehen, ob ich es konnte.
Es war ein wunderschöner Tag im Juli. Der Himmel war leuchtend blau wie auf einer Postkarte, und ich flog mit offenem Verdeck dahin, meine blonden Haare wehten hinter mir im Fahrtwind, ich fuhr mit bloßen Armen, trug eine Sonnenbrille. Einfach perfekt. Ich kam mir vor wie ein Mädchen in einem Film. In meinem Kopf spielte Musik, ich spürte dieses süße Prickeln im Magen und auf den Schenkeln und fühlte mich so lebendig, so sexy und zu allem fähig.
Es war kaum jemand auf den Straßen unterwegs, und ich habe Vollgas gegeben, hundertfünfzig in der Stunde, es war mir egal, Hauptsache schnell. Ich fuhr in der mittleren Spur, als ich plötzlich diesen Wagen neben mir auftauchen sah, einen metallicblauen Aston Martin Coupé. Merkwürdig, dachte ich, warum überholt der nicht, schaute hinüber und sah diesen umwerfend aussehenden Mann hinter dem Lenkrad sitzen.
Schwarze Haare, gebräunte Haut, Sonnenbrille, der oberste Hemdknopf geöffnet, alles verschwommen, dann nickte er leicht und zog an mir vorbei. Okay, dachte ich, denn ich fasste es als Herausforderung auf, und beschleunigte. Hundertsechzig, hundertsiebzig, dann waren wir gleich auf, und ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Beinahe fuhr ich einem alten Mann in einem Ford hinten drauf. Ich schrie und hielt die Hand vor den Mund, er zischte an mir vorbei, und als er sich umdrehte, um mich anzuschauen, sah ich, dass er lachte. Also scherte ich hinter ihm auf die Überholspur aus, verfolgte ihn und überholte ihn alsbald – wie ungezogen – auf der mittleren Spur. Er spielte dasselbe Spiel, schnitt jemanden, der natürlich ärgerlich hupte, und jetzt lachte ich. Dann schwenkte er vor mich, so dass ich scharf bremsen musste, um ihn nicht zu rammen. Wir spielten dieses Spiel eine Weile, winkten uns zu und lachten uns an, dann grinste er und deutete mit dem Arm auf den Straßenrand. Er schoss an mir vorbei auf die rechte Spur und zeigte an, dass er rausfahren würde, und ich folgte ihm ohne nachzudenken – ich tat es einfach. Er verließ die Autobahn, bog in eine Straße ein – und schon befanden wir uns auf einer dieser kurvigen Landstraßen, die von Bäumen und Hecken gesäumt sind, fuhren siebzig Stundenkilometer, ich direkt hinter ihm, beinahe an seiner Stoßstange klebend, während er alle paar Sekunden einen Blick in den Rückspiegel warf, um sich zu vergewissern, dass ich noch da war. Weiß Gott, was passiert wäre, wenn uns jemand entgegengekommen wäre, denn die Straße bot nur Platz für ein Auto, aber es ging gut.
Gerade als ich daran dachte, vielleicht ein bisschen langsamer zu fahren – es war schließlich James' Auto –, verschwand er um eine Kurve. Ich glaubte, ich hätte ihn verloren, doch dann sah ich das Heck seines Wagens in einen Feldweg einbiegen. Ich riss das Lenkrad so schnell herum, dass ich beinahe im Straßengraben gelandet wäre – vielen Dank, lieber Schutzengel –, und holperte durch schrecklich viele Schlaglöcher bis zu der Stelle, wo er angehalten hatte. Es war kein richtiger Bauernhof, nur eine alte Scheune, mit einer betonierten Stelle davor und Strohstapeln im Innern.
Ich fuhr direkt neben ihn und hielt an. Er stieg nicht aus, beugte sich nur ein wenig vor.
»Hallo.«
Er sah wirklich umwerfend aus. Ein bisschen älter als ich, mit vollen, derart schwarzen Haaren, dass sie beinahe blau wirkten, und einem süßen, großen Mund – breiten Schultern und muskulösen, braun gebrannten Armen – er hatte die Ärmel hochgekrempelt – und großen Händen. Ich musste ihn die ganze Zeit anschauen.
Er nahm die Sonnenbrille ab. Wunderschöne tiefdunkle Augen mit lauter kleinen Lachfältchen. »Sie werden jetzt aber nicht schüchtern, oder?«
»Nein ...«
Es war wie im Film: zwei Sportwagen nebeneinander, glänzende Kühlerhauben in der Sonne, perfekte, leuchtende Farben, sein intensiver Blick. Ich hatte keine Ahnung, wer er war. Er und Jack hatten gerade ihre erste Serie im Fernsehen, aber ich kannte sie nicht, weil ich immer im Klub war, und damals las ich auch nie die Zeitung.
»Sie fahren ganz schön verwegen. Was können Sie noch?«
Ich sagte: »Ich weiß es, und Sie müssen es herausfinden«, rutschte über den Sitz, stieg auf der Beifahrerseite aus und rannte hinüber zur Scheune.
Das große Tor stand offen, und ich blieb gleich dahinter stehen, damit er mich sehen konnte. Ich wartete, bis er ausgestiegen war, dann streifte ich meine Schuhe ab und kletterte die Leiter zum Heuboden hinauf. Er jagte mir nach, doch ich war zu schnell. Haken schlagend und kichernd sprang ich über die Ballen, und die ganze Zeit lief in meinem Kopf dieser Film, er und ich, die Haare fielen mir ins Gesicht, und staubige Sonnenstrahlen fielen durch die Tür. Ich war richtig verliebt in das alles, in die ganze Idee. Dann fing er mich, hielt mich ganz fest, damit ich nicht zappelte, und küsste mich. Es war nicht das erste Mal für mich, aber es war das erste Mal, dass es etwas bedeutete. Nachher war ich so glücklich, dass ich nur da lag und lachte.
Er sagte: »Das hat dir wohl gefallen, wie?«
Ich sagte: »Ja, und dir auch.«
»Ja.« Und er lachte ebenfalls. Er suchte seine Zigaretten, und ich sagte: »Du wirst das ganze Heu in Brand setzen.«
»Es ist Stroh, kein Heu.«
»Das brennt genauso gut, oder?«
»Wer hat dir das Auto gekauft?«
»Niemand.«
»Erbettelt, gestohlen oder geliehen?«
»Geliehen.«
»Meins ist gestohlen.«
»Das glaube ich dir nicht.«
»Ich könnte dir ein Auto kaufen.«
»Auch das glaube ich dir nicht.«
»Du glaubst nicht viel, wie?«
»Ich glaube, dass ich mit dir hier bin.«
»Du bist nicht hier. Ich bin nicht hier. Wir sind nur ein Gedanke in Gottes Phantasie.«
»Dann hat Gott aber eine schmutzige Phantasie, findest du nicht?«
Er lachte, strich mir über die Haare und sagte: »Du solltest so etwas nicht tun.«
»Was?«
»Das, was du gerade getan hast. Ich könnte Gott weiß wer sein. Könnte alles Mögliche angestellt haben. Ich hätte dich umbringen können. Ich könnte dich jetzt umbringen.« Er wickelte meine Haarspitzen wie ein Seil um meinen Hals.
»Aber das tust du nicht, oder?«
Er ließ meine Haare los und küsste mich auf die Stirn. »Nein.«
Ich war so glücklich, dass es mir beinahe überhaupt nichts ausgemacht hätte, wenn ich auf der Stelle gestorben wäre, solange es nicht wehtat. Ich sagte: »Du hast vielleicht Nerven, mir zu sagen, ich sollte das nicht tun. Wessen Idee war es denn?«
»Du warst diejenige, die hier hereingerannt ist. Du hast mich angestiftet.«
»Warum? Hattest du etwas anderes vor?«
»Ich wollte dir die Grundkenntnisse im Heumachen vermitteln.«
»Gerade hast du mir erklärt, es ist Stroh und kein Heu.«
Er lachte wieder und sagte: »Du fürchtest dich vor wenig, oder?«
»Vor was sollte ich mich denn fürchten?«
Er zog die Augenbrauen hoch, dann drehte er sich um und zog sich an. Er kletterte die Leiter hinunter, und ich dachte, er wollte draußen eine Zigarette rauchen, aber nach ein paar Minuten hörte ich seinen Wagen anspringen. Als ich endlich meine Kleider geordnet und meine Schuhe wiedergefunden hatte, waren alle Anzeichen seiner Anwesenheit verschwunden, bis auf Reifenspuren und einen Zettel hinter meinem Scheibenwischer: Ich werde dich finden. xxx.
Wehe, wenn nicht, dachte ich. Denn ich hatte gerade den schönsten Tag meines Lebens gehabt und kannte nicht einmal seinen Namen.
Das nächste Mal sah ich Lenny in der Playmate Bar im Klub, ungefähr einen Monat nach unserem »Zusammenstoß«. Es war Samstagnacht, rappelvoll, und ich schlängelte mich gerade mit einem vollen Tablett durch die Gäste, als jemand an meinem Schwanz zog. Ich erschrak und wirbelte herum, denn das war ein absolutes Tabu. Nur mit Mühe jonglierte ich das Tablett über meiner Schulter und ließ es beinahe fallen, auch war ich viel zu sehr damit beschäftigt aufzupassen, dass kein Glas herunterfiel, um herauszufinden, wer es gewesen war. Ich hörte die Männer hinter mir lachen, was mich ärgerte, aber ich würde ihnen nicht die Genugtuung gönnen, sie merken zu lassen, wie wütend ich war.
Gerade hatte ich alles wieder unter Kontrolle und wollte den Geschäftsführer rufen, als ich einen von ihnen sagen hörte: »Sieh mal einer an, was da aus dem Heuhaufen gehüpft ist.«
Ich wusste sofort, wer es war. Kaum hatte er das erste Wort gesagt, starrte ich ihn an.
Gute Manieren hin oder her, ich konnte mich nicht bremsen. Sie waren zu dritt: Donald Findlater und Jack, den ich damals noch nicht kannte, mit Lenny in der Mitte, und alle drei lachten sich schier kaputt.
Ich glaube, ich habe mich noch nie in meinem ganzen Leben so im Rampenlicht gefühlt. Mein Herz hämmerte, und ich war mir sicher, dass sie es alle sahen. Lenny grinste selbstgefällig, als wüsste er, dass ich nur noch an ihn gedacht hatte, was ja auch stimmte. Ich hatte die ganze Zeit über ihn nachgedacht. Er beugte sich vor, um meinen Namen zu lesen.
»Hallo, Bunny Alice.«
Ich sagte: »Wag es ja nicht, mich Bunny Alice zu nennen, sonst kippe ich dir das ganze Tablett in den Schoß, und es würde dir recht geschehen.«
Lenny sagte: »Aber das tust du nicht, oder?«
Genau das hatte ich geantwortet, als er in der Scheune gesagt hatte, er könnte mich umbringen, und ich fragte mich, ob er sich daran erinnerte. Aber ich war trotzdem noch ziemlich sauer und sagte: »Darauf würde ich nicht wetten«, und stolzierte davon.
Den Rest meiner Schicht ignorierte ich sie. Es war nicht allzu schwer, sie zu meiden, weil sie nicht zu meinem Service gehörten, aber ich war mir ihrer so bewusst, dass ich mich kaum länger als ein paar Sekunden auf meine Arbeit konzentrieren konnte.
Man musste das Tablett mit den richtigen Gläsern und der passenden Garnierung füllen – Oliven für die Martinis, einen Schuss Zitrone, wenn es ein trockener war, eine Cocktailzwiebel für einen Gibson, und manche Drinks bekamen eine Kirsche oder dies oder jenes –, ehe man sie zur Bar trug. Ich konnte die Reihenfolge, in der man die Bestellungen rufen musste, auswendig, ich weiß sie immer noch: Scotch, Canadian, Bourbon, Rye, Irish, Gin, Wodka, Rum, Kognak, Likör, geschüttelt, gerührt, gemixt – die Flaschen waren in derselben Reihenfolge angeordnet, man rief, und der Barkeeper schenkte ein, es sei denn, man hatte seine Gläser von rechts nach links angeordnet und er die Flaschen von links nach rechts, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Wie auch immer, an jenem Abend war ich überall gleichzeitig, was nicht gut war, weil man immer rechts vom Barkeeper stehen musste. Die Barkeeper waren wie die Mafia. Viele von ihnen hatten auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet, sie waren sehr geschickt und erwarteten von uns das Gleiche. Wenn sie fanden, dass man nicht gut war, oder wenn sie jemanden nicht mochten, konnten sie einem das Leben zur Hölle machen. Normalerweise kam ich gut mit ihnen aus, aber an dem Abend – einer machte anscheinend eine Doppelschicht, weil er schon ein paar Drinks intus hatte, und er schrie mich immer wieder an: »Was ist denn in dich gefahren, du blöde Kuh?«
Das machte es noch schlimmer, und jedes Mal, wenn ich zufällig in Lennys Richtung schaute, schien er mich anzustarren, und ich wurde schrecklich unsicher.
In meiner Pause redete ich mit einem der anderen Mädchen, und als ich ihr erzählte, was passiert war, fragte sie mich: »Du weißt schon, wer die beiden sind, oder?«
Ich erwiderte, ich hätte keinen Schimmer, und sie sagte: »Lenny Maxted und Jack Flowers, genau die.«
Und ich sagte: »Wie, die beiden Komiker aus dem Fernsehen? Du nimmst mich auf den Arm«, weil ich dachte, so jemand würde in die VIP Lounge gehen, und ich glaubte ihr erst, als ein paar von den anderen es bestätigten.
Dann fragte ich, wer wer war, und als sie es mir sagte, wurde mir klar – die kleine Balgerei im Heuschober, das musste Lenny gewesen sein. Ich behielt die Details für mich, sagte nur »Ach wirklich?« oder so etwas, als wäre es keine große Sache. Ich ging wieder hinein und arbeitete weiter, und als ich mich irgendwann einmal zu ihnen umschaute, waren sie gegangen. Ich war erleichtert und enttäuscht gleichzeitig, aber ich dachte, na gut, das war das.
Doch das war es nicht, denn als ich um vier aus dem Klub kam, war da dieser Kerl in einem Auto. Ich konnte nicht gleich erkennen, wer es war, weil das Auto nicht unter einer Straßenlaterne stand, aber er hatte die Scheibe heruntergekurbelt, und als ich vorbeiging, lehnte er sich heraus. »Alice?«
Ich erkannte die Stimme sofort. Es war in Ordnung, weil wir am Hintereingang waren, den man nicht einsehen konnte, deshalb ging ich hinüber. Er war allein.
»Hallo.«
Ich sagte: »Du wartest wohl schon eine ganze Weile hier«, weil sie so gegen zwei gegangen waren.
»Steig ein, ich fahre dich nach Hause.«
»Nein, vielen Dank.«
»Bist du selber mit dem Auto da? Ein Rennen gefällig?«
»Nein.«
»Das wird bestimmt lustig. Ich lasse dich auch gewinnen.«
»Letztes Mal hast du nur gewonnen, weil ich dich gelassen habe. Wie auch immer, ich habe dir doch gesagt, dass es nicht mir gehört.«
»Hast es zurückgebracht, bevor er es gemerkt hat, wie?«
»Woher weißt du, dass es ein er war?«
»War es doch, oder?«
»Ja ... aber egal, ich finde, du könntest mir wenigstens deinen Namen sagen, jetzt, wo du meinen kennst.«
Er sagte nur: »Lenny.« Nicht: »Oh, du weißt nicht, wer ich bin?« oder so etwas, nur: »Lenny«, als wäre er vorbeigekommen, um einen Teppich zu verlegen oder so was. Das gefiel mir, obwohl er wahrscheinlich wusste, dass ich seinen Namen kannte.
»Hast du eine Karte?« Nur Klubmitglieder haben eine Karte. Sie durften einen Gast mitbringen, aber man musste sich die Karte zeigen lassen, ehe man die Bestellung entgegennahm.
»Erst seit kurzem.«
»Ich frage nur, weil ich dich noch nie im Klub gesehen habe.«
Nach einer Pause sagte er: »Hör mal, das neulich tut mir Leid.«
»Schon gut«, sagte ich. Na ja, was hätte ich sonst sagen sollen. Aber so leicht würde er mir nicht davonkommen. »Ich nehme an, du hast deinen Freunden erzählt, was wir gemacht haben.«
Er sagte: »Nein«, und machte ein überraschtes Gesicht, aber ich dachte, spiel nicht den Unschuldigen, und sagte: »Der Hase im Heuhaufen – ich wette, da habt ihr alle mal wieder so richtig gelacht.«
»Nein!« Er sah ziemlich verletzt aus, aber irgendwas an der Art, wie sie im Klub gelacht und mich angeguckt hatten, hatte mich verunsichert, und nun wusste ich nicht, ob ich ihm glauben sollte.
»Sicher, dass ich dich nicht nach Hause fahren soll?«, fragte er.
»Ganz sicher. Danke.«
»Wie wär's mit einem Abendessen? Würdest du mit mir essen gehen?« Er klang beinahe demütig, als erwartete er, dass ich ihm einen Korb gebe. Das fand ich süß. Das und die Tatsache, dass er mindestens zwei Stunden gewartet hatte, und deshalb sagte ich ja.
Dann holte er seinen Kalender hervor, fing an ihn durchzublättern und fragte, kannst du da, wie wär's da, und ich sagte, nein, da bin ich im Klub, oder nein, da habe ich schon was vor. Meistens stimmte es, aber ich wollte ihm auch zeigen, dass ich nicht allzeit bereit war, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Schließlich fanden wir einen Termin, und Lenny schrieb ihn auf ein Stück Papier. Als er sich aus dem Fenster lehnte, um es in meine Tasche zu stecken, sprang ich fast einen Meter in die Höhe.
»Tu das nicht!« Die Leitung des Klubs wollte auf keinen Fall ihre Lizenz für das Glücksspiel verlieren, und wenn irgendjemand gesehen hätte, wie er mir direkt vor dem Klub etwas zusteckte, das wie ein Geldschein aussah, könnte er auf die Idee kommen, der Klub sei ein Bordell, und ihn anzeigen, was nicht besonders gut angekommen wäre.
»Willst du mich um meinen Job bringen?«
»Tut mir Leid, entschuldige ... nein, natürlich nicht.« Er hob die Hände, der Zettel klemmte zwischen zwei Fingern, als wollte er »Ich ergebe mich« sagen, und ich warf einen schnellen Blick die Straße hinauf und hinunter, ehe ich ihn mir schnappte und in die Tasche stopfte. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Heimweg. Jedes Mal, wenn ich mich umschaute, sah ich ihn unbeweglich in seinem Wagen sitzen und mir nachschauen, und die ganze Zeit hielt ich das kleine Stück Papier in meiner Tasche fest umklammert.
Ich habe es immer noch. In einer Schuhschachtel unter meinem Bett, in der ich meine Schätze aufbewahre. Zwar schaue ich selten hinein, aber es ist schön, sie zu haben. Kleinigkeiten, wie etwa Geburtstagskarten von meinem Großvater, mein Ehering aus der Ehe mit Jeff und Lennys letzte Zeilen an mich. Die er geschrieben hat, bevor er sich umgebracht hat.
Ich war aufgeregt wegen des Essens. Wir gingen ins Mirabelle, Lenny hatte bestimmt gedacht: Na dann wollen wir mal Eindruck schinden. Aber ich war mit James Clarke-Dibley schon mal dort gewesen, deswegen haute es mich nicht um. Wen ich allerdings nicht erwartet hatte, war Jack Flowers. Erfahren habe ich es erst, als der Oberkellner – immer lächeln – uns am Fuße der Treppe empfing – Lenny hatte mich zu Hause abgeholt, deswegen kamen wir zusammen – und sagte: »Hier entlang, Sir. Mr. Flowers ist bereits da.«
Also gingen wir zu unserem Tisch, und da saß Jack und hatte es sich bereits bequem gemacht. Es war offensichtlich, dass er bleiben würde und dass Lenny ihn erwartet hatte, denn er sagte: »Du bist mal wieder Erster«, und Jack erwiderte: »Nur, was den Tisch betrifft«, und beide lachten. Von wegen verletzt und nichts erzählt, dachte ich, sagte aber nichts und setzte mich.
Tatsächlich habe ich, glaube ich, nicht mehr als zehn Worte gesagt, solange wir im Restaurant waren, weil Lenny und Jack, kaum dass wir bestellt hatten, anfingen, ihre Show abzuziehen. Ich saß zwischen ihnen, mein Kopf flog hin und her wie bei einem Tennismatch, und das halbe Restaurant schaute zu, obwohl alle so taten, als merkten sie nichts, schließlich war das Mirabelle keine Kneipe, in der man jemanden um ein Autogramm bat.
Lenny hatte uns vorgestellt. »Das ist Jack. Ich weiß, ihr werdet super miteinander auskommen, du bist genau sein Typ«, aber das war irgendwie ... ich weiß nicht, es hörte sich an, als wäre ich kein Mensch, sondern ein neues Auto, das er sich gerade gekauft hatte. Darüber war ich zwar nicht gerade erfreut, doch es war aufregend, mit den beiden in diesem Luxusrestaurant zu sitzen, und ich habe es genossen, weil sie wirklich sehr witzig waren und ich meine ganz persönliche Show bekommen habe.
Ich weiß nicht mehr, was sie alles geredet haben. Das meiste ging zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, weil sie über Leute sprachen, die ich nicht kannte, jedenfalls damals noch nicht, und es mir schwer fiel, mich zu konzentrieren, denn sie füßelten beide mit mir. Ich habe die ganze Zeit überlegt, wie der Abend wohl enden würde, besonders, als Jack anfing von seiner neuen Polaroid-Kamera zu schwärmen, wie gut man mit ihr doch sexy Fotos schießen könne. Das verunsicherte mich, also habe ich schließlich meine Füße fest unter meinem Stuhl verstaut und die beiden miteinander füßeln lassen. Es dauerte ungefähr zehn Minuten, bis sie es endlich merkten, und beide steckten den Kopf unters Tischtuch.
Jack sagte: »Ich dachte die ganze Zeit, deine Beine sind aber ein bisschen sehr haarig«, und ich antwortete: »Was hast du erwartet? Ich bin ein Hase.«
Jetzt lachten sie, und ich fühlte mich sicherer und fragte: »Wie habt ihr beiden euch überhaupt kennen gelernt?«
Wieder fingen sie an zu lachen. »Beim Militär«, beantwortete Lenny dann meine Frage. »Wir waren in so einem gottverlassenen Nest im West Country in einem Trainingscamp, Männer aus allen möglichen Regimentern, und da war dieser Oberleutnant, der den Krieg mitgemacht hatte und fand, wir seien ein richtiger Sauhaufen. Es stand uns bis zum Hals, und wir hatten die Nase voll von seinem Gebrüll und dem ganzen Mist.
Ständig hat er den verdammten Feueralarm ausgelöst. Er ließ die Sirene heulen, wir mussten alles stehen und liegen lassen und vor dem Wachhäuschen Aufstellung nehmen. Und zwar innerhalb von drei Minuten, aber das schaffte keiner, und es interessierte auch niemanden, so dass wir nach fünf oder zehn Minuten eintrudelten und er anfing, uns anzuschreien: ›Du bist ein Kretin! Was bist du?‹«, bellte Jack mit gepresster Stimme. Ich zog den Kopf ein, weil das ganze Restaurant uns anstarrte.
»Ich bin ein Kretin, Sir!«, schrie Lenny.
»Wie auch immer«, fuhr er, Gott sei Dank leiser, fort. »Wir hatten die Nase voll, und Jack – den ich damals noch nicht kannte – beschloss, etwas dagegen zu unternehmen.«
»Dieser Leutnant ist jeden Freitagabend in den Ort gegangen«, erzählte Jack. »Er trank ein paar Bier im British Legion Club, dann kam er zurück und löste den Feueralarm aus. Eines Abends hatte ich Wache, und ein paar von uns sind mit einem Brett aufs Dach geklettert und haben damit die Sirene lahm gelegt. Es war so ein Ding, das rotiert, um das Geräusch zu erzeugen, und wir haben diese große, dicke Planke durchgeschoben und mit einem Seil festgebunden, damit sie sich nicht mehr bewegen konnte ...«
»Und dann kommt der Leutnant zurück«, fuhr Lenny fort, »will den Alarm auslösen und nichts geschieht. Also klettert er am nächsten Morgen aufs Dach. Als er gesehen hat, was der Grund war, ist er durchgedreht. Schließlich hat Jack zugegeben, dass er es war. Na ja, das musste er, sonst hätten wir alle in der Scheiße gesessen, und er wanderte in den Bunker.«
»Bunker?«, fragte ich.
»Zur Strafe«, erklärte Lenny. »Danach gab es natürlich alle paar Minuten Feueralarm, und er hämmerte uns ein, dass es egal war, was wir gerade taten, wir hatten innerhalb von drei Minuten strammzustehen.«
»Wir wussten genau«, sagte Jack, »dass er immer Samstagmittag den verdammten Alarm auslöste, weil anschließend frei war und jeder so schnell wie möglich in den Ort wollte. Also meinte Lenny: ›Okay, wir ziehen uns ganz aus, wie zum Duschen, und lassen nur unsere Stiefel an. Und wenn der Alarm losgeht, rennen wir alle zum Wachhäuschen und stellen uns splitterfasernackt auf.‹ Innerhalb von zwei Minuten waren wir alle da, und der Leutnant trat vor die Tür, um uns zu inspizieren.«
»Er hat kein Wort gesagt«, fuhr Lenny fort, »aber man sah, wie seine Augen anfingen zu leuchten, und er befahl uns, Aufstellung zu nehmen, und ließ uns, nackt wie wir waren, die Straße hinunter zum Exerzierplatz marschieren, und natürlich waren die Quartiere der Truppenbetreuung auf der anderen Straßenseite, und die Mädels haben gepfiffen und gejohlt. Und dann hat der Mistkerl uns eine halbe Stunde lang gedrillt. Wahnsinn ...« Lenny wischte sich die Tränen aus den Augen. »So war das.«
»Lenny und ich standen nebeneinander in der Reihe, und er zwinkerte mir zu, und ich dachte, netter Kerl, weil ich gehört hatte, dass es seine Idee gewesen war. Wir schüttelten uns die Hand, und ich versprach, ihm einen auszugeben.«
»Ja, das war's eigentlich. Aber ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke, wie wir mit im Wind wehendem Geschmeide da standen, und der Kerl zuckt nicht mal mit der Wimper. Aber er war ganz in Ordnung, oder? Weißt du noch, wie wir bei seiner Pensionierung für ein Zigarettenetui gesammelt haben und er eine Rede geschwungen hat?«
»Klar«, sagte Jack. »Er hat es gut weggesteckt, das muss man ihm lassen ...« Er hob sein Glas, Lenny tat es ihm nach, und beide sagten: »Auf die Summe unserer Teile!« Ich hob ebenfalls mein Glas: »Auf die Summe eurer Teile!« Dann fragte ich: »Warum sagt ihr das?«
»Eigentlich ist es Blödsinn«, sagte Lenny. »Stammt von Don Findlater. Das ist unser Agent. Er erzählt den Leuten immer, das Ganze funktioniert nur so gut, weil wir besser sind als die Summe unserer Teile.«
Jack grinste spitzbübisch. »Don liebt Lenny. Ist richtig vernarrt in ihn.«
»Hör auf damit, Jack.« Lenny machte ein unbehagliches Gesicht. »Das will sie doch gar nicht wissen.«
»Keine Sorge«, erwiderte Jack. »Don weiß, dass Lenny normal ist, deshalb gibt er sich damit zufrieden, sich aus der Ferne nach ihm zu verzehren. Das gefällt ihm. Er ist die Sorte Schwuler, die nur eine Erektion kriegen, wenn sie dafür bezahlen. Denkt, es zählt nicht. Armer Kerl.« Jack verdrehte die Augen. »Er kommt nur deshalb mit uns in den Klub, weil er auf einen der Hilfskellner scharf ist.«
Es war das gemeinsame Bemühen um eine Verführung, obwohl sie mir keine Fragen über mich gestellt haben, was Männer oft tun, wenn sie einen ins Bett kriegen wollen. Tatsächlich hatte ich mehr und mehr den Eindruck, dass sie sowohl einander als auch mich beeindrucken wollten, was ich seltsam fand, und dass Lenny vor Jack mit mir angeben wollte. »Ist sie nicht klasse«, und so weiter. Ein bisschen hatte ich das Gefühl, zur Schau gestellt zu werden, aber irgendwie faszinierte es mich auch – warum auch immer.
Ich fand Jack immer attraktiv. Ganz objektiv betrachtet, sah Jack besser aus als Lenny, auf jeden Fall wirkte er sexy. Sie waren sich ziemlich ähnlich, beide groß und dunkel, doch Jack hatte so etwas Animalisches, schmale Augen und spitze Eckzähne, und etwas sehr Physisches, eine richtig starke sexuelle Präsenz. Mehr als Lenny, glaube ich, aber Lenny war derjenige, welcher, und mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich weiß nicht, ob manche Menschen das mehr als einmal erleben, für mich jedenfalls war es das einzige Mal.
Kaum waren wir mit dem Kaffee fertig, sagte Lenny: »Wollen wir zu mir gehen?« Es war klar, dass die Einladung Jack einschloss, also suchte ich nach Ausflüchten und entschuldigte mich damit, dass ich früh raus musste. Sie fanden das natürlich nicht gut, bestanden aber nicht darauf, und Lenny sagte, dass er mich nach Hause fahren würde. Lenny und Jack gingen zur Garderobe, und ich sah die beiden auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes stehen. Lenny sagte irgendwas, und Jack zuckte die Achseln. Dann schauten sie zu mir herüber, und ich musste so tun, als bemerke ich es nicht. Nach ungefähr fünf Minuten kam Lenny zurück. »Gehen wir«, sagte er abrupt. »Ich habe schon bezahlt.« Autsch, dachte ich.
Während der Heimfahrt sagte er kaum ein Wort, und ich dachte, diesmal hast du es wirklich vermasselt, jetzt hält er dich für eine Spielverderberin. Ich war mir sicher, dass er sich nicht bei mir melden würde, aber zwei Tage später, gerade als ich anfing darüber nachzudenken, dass es ein echter Fehler gewesen war, nicht mit zu ihm zu gehen, rief er an. Ich war so erstaunt, seine Stimme zu hören, dass mir absolut nichts einfiel, was aber gar nichts machte, weil er direkt zur Sache kam. »Willst du noch mal mit mir ausgehen? Jack wird nicht dabei sein.«
Ich sagte: »Ich wusste nicht, dass er letztes Mal dabei sein würde.«
»Aber du mochtest ihn, oder?« Es überraschte mich, wie besorgt er klang. »Ich wollte nur, dass du ihn kennen lernst, mehr nicht.« Wer's glaubt, wird selig, dachte ich, doch er klang so verletzt, dass ich kurz überlegte, ob ich da vielleicht etwas falsch verstanden hatte. Das machte mich ein bisschen verlegen, schließlich laufe ich nicht herum und denke, dass ich ein Geschenk Gottes für die Männer bin. Es entstand eine lange Pause, was mir peinlich war, weil ich das Gefühl hatte, er konnte hören, was ich dachte, deshalb sagte ich, sobald er ein Datum nannte: »Schön, wann immer du willst«, nur um dieses Telefongespräch zu beenden. Als ich sah, was ich da auf einen Zettel gekritzelt hatte, wurde mir klar, dass ich fragen musste, ob ich meine Schicht tauschen durfte. Ich kam überhaupt nicht auf den Gedanken, ihn anzurufen und etwas anderes auszumachen.
Irgendjemand hat mich mal gefragt, ob ich auch ja gesagt hätte, wenn Lenny nicht so berühmt gewesen wäre. Was mich natürlich ärgerte, weil ich doch beim ersten Mal gar nicht wusste, dass er berühmt war, oder? Und trotzdem gefiel er mir wie kein anderer. Aber ich glaube, das gehörte zu seiner Masche, allerdings habe ich das damals nicht gemerkt. Er hatte so etwas. Nun ja, es war eigentlich Macht, denn Lenny und Jack hatten beide viel Macht. Sie waren sehr erfolgreich, verdienten eine Menge Geld, und die Leute wollten mit ihnen zusammen sein und tun, was sie sagten.
Das ist mir ein paar Mal im Klub aufgefallen, wenn wichtige Leute kamen. Diese Männer, die reichen, die mächtigen – manche von ihnen nett und gut erzogen, manche richtig widerwärtig –, hatten alle eines gemeinsam: Sie glaubten, sie könnten jede haben. Ob sie das Mädchen mit Charme oder mit einem Fingerschnipsen ins Bett bekamen – im Klub taten sie das natürlich nicht, denn dort wurde streng kontrolliert –, sie benahmen sich, als würden sie ihnen auf dem Silbertablett serviert, mit einem Apfel im Mund und einer Feder am Hintern.
Wohlgemerkt, die letzten paar Jahre ... ich weiß nicht, ob ich einfach nur die falschen Männer kennen gelernt habe, aber sie schienen alle zu erwarten, dass man mit ihnen ins Bett geht, der eine oder andere sogar, während ich noch mit Jeff verheiratet war, obwohl die Ehe eigentlich nur drei Jahre gehalten hat. Man tat es einfach, und das war ein permanenter Druck.
Es war so lächerlich, und die Hälfte der Männer hätte ich nicht mal genommen, wenn es um mein Leben gegangen wäre. Sie interessierten mich nicht, außerdem hatte ich nichts davon. Nach einer Weile fing ich an, darüber nachzudenken, was für eine Art Mensch ich werde, wenn ich das tue. Es erschien mir so ziellos, so als hätte ich keinen Kompass mehr. Ich driftete durchs Leben und hatte keine Ahnung, was ich tat und warum. Darum bin ich hierher gezogen.
Doch es fehlt mir – nicht so sehr der Sex – nun ja, ein bisschen –, es fehlt mir, mit jemandem zusammen zu sein.
