Verpass nicht deine Chance - Patricia Vandenberg - E-Book

Verpass nicht deine Chance E-Book

Patricia Vandenberg

0,0

Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. »Hast du das gelesen, Dan?« fragte Felicitas Norden ihren Mann, den Allgemeinmediziner Dr. Daniel Norden, mit betroffener Miene. »Da könnte einem ja angst und bang werden.« »Was ist passiert?« »Schon wieder wird eine junge Frau vermisst. Hier steht es: Sabine Meister, 25 Jahre alt, ist vor einer Woche auf dem Nachhauseweg von einem Kinobesuch verschwunden. Niemand hat sie seither mehr gesehen. Keiner weiß, wo sie geblieben ist. Ist das nicht furchtbar?« »Grauenhaft. Stell dir mal die Angehörigen vor. Die müssen doch verrückt werden in dieser Ungewissheit«, teilte Daniel das Entsetzen seiner Frau. »Dabei geschieht das öfter, als man gemeinhin annimmt. Etliche Menschen verschwinden Jahr für Jahr, ohne dass je wieder eine Spur von ihnen zu finden wäre.« »Das erinnert mich an diesen schrecklichen Film, den wir neulich im Fernsehen angeschaut haben. Weißt du noch?« Selbst wenn sie nur daran dachte, kroch eine Gänsehaut über Fees Rücken. »Meinst du die Geschichte des jungen Mannes, der sich auf die Suche nach seiner Freundin macht, die verschwunden ist?«

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dr. Norden Bestseller – 431 –Verpass nicht deine Chance

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

»Hast du das gelesen, Dan?« fragte Felicitas Norden ihren Mann, den Allgemeinmediziner Dr. Daniel Norden, mit betroffener Miene. »Da könnte einem ja angst und bang werden.«

»Was ist passiert?«

»Schon wieder wird eine junge Frau vermisst. Hier steht es: Sabine Meister, 25 Jahre alt, ist vor einer Woche auf dem Nachhauseweg von einem Kinobesuch verschwunden. Niemand hat sie seither mehr gesehen. Keiner weiß, wo sie geblieben ist. Ist das nicht furchtbar?«

»Grauenhaft. Stell dir mal die Angehörigen vor. Die müssen doch verrückt werden in dieser Ungewissheit«, teilte Daniel das Entsetzen seiner Frau. »Dabei geschieht das öfter, als man gemeinhin annimmt. Etliche Menschen verschwinden Jahr für Jahr, ohne dass je wieder eine Spur von ihnen zu finden wäre.«

»Das erinnert mich an diesen schrecklichen Film, den wir neulich im Fernsehen angeschaut haben. Weißt du noch?« Selbst wenn sie nur daran dachte, kroch eine Gänsehaut über Fees Rücken.

»Meinst du die Geschichte des jungen Mannes, der sich auf die Suche nach seiner Freundin macht, die verschwunden ist?«

»Genau die. Er findet den Täter, und um herauszufinden, was seiner Freundin widerfahren ist, läßt er sich mit ihm ein …«

»Und wird einfach in eine Holzkiste gelegt. Entsetzlich. Ich weiß gar nicht, was für Menschen das sind, die Gefallen an solchen Geschichten finden. Ich persönlich finde das abartig.«

»Zumal solche Fälle ja tatsächlich vorkommen«, kam Felicitas auf den Grund dieses Gesprächs zurück. »Das ist schon die dritte Frau, die diesen Monat spurlos verschwindet. Meinst du, ich sollte mit Anneka darüber sprechen, dass sie besonders vorsichtig sein soll, wenn sie alleine unterwegs ist?«

Daniel Norden antwortete nicht sofort. Sorgfältig wie immer wägte er Nutzen und Risiko ab, ehe er seine Meinung kundtat.

»Einerseits ist es gut, den Kindern bewusst zu machen, dass diese Welt nicht nur von lauter netten Menschen bewohnt wird. Andererseits wollen wir ihnen nicht das Vertrauen und die Sorglosigkeit nehmen«, erklärte er schließlich nachdenklich. »Im Grunde genommen denke ich nicht, dass Anneka eine Gefahr droht. Immerhin ist sie abends zu Hause, wenn es dunkel wird und stets mit ihren Freundinnen unterwegs. Trotzdem solltest du das Thema nebenbei einmal ansprechen.«

Felicitas faltete die Zeitung zusammen und bedachte die Worte ihres Mannes. Schließlich nickte sie.

»Du hast recht. Ich werde es nebenbei erwähnen, damit sie darauf aufmerksam wird, aber nicht in Panik verfällt. Anneka ist so ein Sensibelchen, da muss man immer vorsichtig sein, was man sagt.«

»Lieber sensibel und feinfühlig, als ein gefühlloser Trampel, der gedankenlos durch die Welt marschiert«, konstatierte Daniel Norden trocken.

Felicitas lachte.

»So ein Kind würde gar nicht in unsere Familie passen. Ich denke, es macht sehr viel aus, was man seinen Kindern vorlebt.«

»In dir haben sie das beste Beispiel. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du die Mutter meiner, unserer Kinder bist. Es ist durchaus keine Selbstverständlichkeit, sich in Erziehungsfragen so einig zu sein.«

»Wie es keine Selbstverständlichkeit ist, nach so vielen Jahren immer noch so eine gute Ehe zu führen«, antwortete Felicitas liebevoll lächelnd.

Die Betroffenheit über die traurige Zeitungsnachricht war in den Hintergrund getreten und hatte einer tiefen Zufriedenheit über ihr Schicksal Platz gemacht, das sie vor so langer Zeit an Daniel gebunden hatte, mit einem starken Band, das kein Problem der Welt zu durchtrennen vermochte.

*

Diese beglückende Erfahrung war Nadine Leskow in ihrem noch jungen Leben verwehrt geblieben. Nach einer zwar liebevollen, aber dennoch schwierigen Kindheit hatte sie nach dem allzu frühen Tod ihrer Mutter in den Armen eines jungen Mannes Trost gesucht. Aus dieser Verbindung war ihr jedoch nur ein Kind geblieben, der inzwischen fünfzehnjährige Jonas. Er war ihr Halt und ihre Stütze. Für ihn allein fand sie die Kraft, die kleine Gärtnerei aufrechtzuerhalten, die sie von ihrer Mutter geerbt und nach ihrer Volljährigkeit übernommen hatte. Nun aber drohten ihr die Sorgen über den Kopf zu wachsen.

»Wenn das Geschäft weiter so schlecht geht, muss ich das Häuschen von Mutter doch verkaufen«, erklärte Nadine eines Abends, als sie wieder einmal vor wahren Stapeln an Papier saß und hin und her rechnete.

»Und wo wollt ihr dann wohnen?« fragte ihre Freundin Clara sachlich, wie es ihre Art war, zurück. »Warum verkaufst du nicht die Gärtnerei und suchst dir eine andere Arbeit?«

»Seid ihr alle beide verrückt geworden?« mischte sich Jonas empört ein. Er saß mit am Tisch, die langen Beine lässig ausgestreckt und hatte bisher schweigend zugehört. Von Kindesbeinen an war er es gewohnt, in alle Diskussionen mit einbezogen zu werden und scheute sich daher nicht davor, offen seine Meinung zu sagen. »Wenn wir die Gärtnerei verkaufen, hat Mama keine Einnahmequelle mehr. So leicht ist es heutzutage nicht, einen anderen Job zu finden, zumal sie nichts anderes gelernt hat. Wovon sollen wir also leben?«

»Hast du eine bessere Idee?« funkelte Nadine ihren Sohn herausfordernd an und warf die lockigen blonden Haare in den Nacken.

»Warum hörst du nicht endlich auf mich und suchst dir einen reichen Mann?«

»Kannst du mir mal erklären, wo ich den hernehmen soll? Ich stehe den ganzen Tag mit erdigen Fingern in der Gärtnerei, züchte Pflanzen, schneide Blumen, topfe um, pflanze ein, binde Sträuße und Kränze. Ich habe keine Zeit, einen Mann kennenzulernen. Und wer will schon eine Frau mit dreckigen Fingern?«

»Warum gehst du nicht ins Internet?« wagte Clara einen Vorschlag, von dem sie genau wußte, wie ihre beste Freundin darauf reagieren würde.

»Bist du übergeschnappt? Nein danke, das habe ich wirklich nicht nötig. Da treiben sich nur Halunken und Taugenichtse herum, die sich hinter irgendwas verstecken müssen. Nein, vielen Dank, nicht mit mir.«

»Erstaunlich, wie konservativ deine Mutter sein kann«, frotzelte Clara und grinste Jonas an. Der lächelte in stillem Einverständnis zurück.

»Ich sage dir jetzt mal was. Ich sitze den ganzen Tag in meinem Büro herum und habe außer den lieben Kollegen von der Bank auch keinen Kontakt zur Außenwelt. Deshalb habe ich mich bei so einem Partnerinstitut angemeldet. Und ich sage dir, das ist ein voller Erfolg. Ich habe schon ein paar sehr nette Männer getroffen. Besonders einer hat es mir angetan«, geriet Clara unvermittelt ins Schwärmen.

Nadine starrte ihre beste Freundin entsetzt an.

»Du hast dich mit wildfremden Menschen getroffen?«

»Was regst du dich denn so auf? Wenn ich einen auf der Straße oder im Kino treffe und mich mit ihm verabrede, dann weiß ich doch auch nicht, ob er ein Verbrecher ist oder nicht.«

»Unsinn. Einem Menschen sieht man es an den Augen an, ob er gut oder böse ist. Meine Menschenkenntnis hat mich noch nie im Stich gelassen«, gab Nadine entschieden zurück.

»Ihr beiden benehmt euch wie die kleinen Kinder. Dabei haben wir ganz andere Probleme«, machte Jonas der freundschaftlichen Auseinandersetzung schließlich ein Ende. »Internetbörsen mögen sicher besser sein als ihr Ruf und sind inzwischen sogar geprüft und anerkannt. Das heißt aber nicht, dass Mama dort so schnell, wie es nötig ist, den Traumprinzen mit dickem Bankkonto findet. Wir werden uns selbst helfen müssen.«

»Dein Sohn hat recht«, gab sich Clara Schmahl seufzend geschlagen und zwinkerte Jonas zu. Sie war seine Taufpatin, und die beiden verband inzwischen obendrein eine herzliche Freundschaft. »Also, was können wir tun, um die Gärtnerei zu retten?«

»Ich brauche einen Kredit bei der Bank«, seufzte Nadine deprimiert, nachdem sie die Finger noch einmal durch den Stapel Rechnungen hatte gleiten lassen.

»Anders geht es nicht.«

»Du bekommst doch kein Geld mehr. Wenn ich mich recht erinnere, ist bereits eine Grundschuld eingetragen. Mit den Raten bist du, soviel ich weiß, hoffnungslos im Rückstand«, erklärte Clara trocken. Sie war Fachfrau auf diesem Gebiet. Schließlich arbeitete sie seit Jahren als Chefsekretärin in der Kreditabteilung einer Bank.

»Stimmt leider.«

»Im Grunde genommen bist du bankrott.«

»Vielen Dank, dass du mir so viel Mut machst. Auf so eine Freundin kann ich wirklich verzichten.«

»Können wir nicht noch mal mit dem Berater von der Bank sprechen? Vielleicht drückt er ja ein Auge zu«, schaltete sich Jonas nachdenklich ein. »Sonst müssen wir das Haus wirklich verkaufen.«

Betretenes Schweigen breitete sich aus.

»Ich glaube, ich habe eine bessere Idee«, rief Clara auf einmal, und ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht.»Warum vermietest du das Haus nicht? Das bringt dir verlässliche monatliche Einnahmen, bis du finanziell wieder auf die Füße gekommen bist.«

»Eine gute Idee«, nickte Jonas beifällig.

»Und wo sollen wir inzwischen wohnen?« fragte Nadine, von diesem Gedanken wenig begeistert.

»In der Gärtnerei. Schließlich ist alles da, was wir brauchen. Im Anbau sind zwei Zimmer, die kleine Küche, das Bad, was wollen wir mehr?«

»Du meinst das wirklich ernst?« Nadine warf ihrem Sohn einen ungläubigen Blick zu. »Diese Worte ausgerechnet aus deinem Mund? Du jammerst doch immer, dass du zu wenig Platz hast für deine CD-Sammlung und die vielen Bücher.«

»Besondere Umstände erfordern besondere Taten«, grinste Jonas seine Mutter, die aussah wie seine Schwester, breit an. »Omas Haus und die Gärtnerei sind das Letzte, was wir noch haben. Das sollten wir versuchen zu erhalten. Dazu ist mir jedes Mittel recht.«

Nadine wie auch Clara starrten den Teenager verblüfft an.

»Ich habe ja schon immer gewusst, dass du ein besonderer Mensch bist. Aber so eine Reaktion hätte ich trotzdem nicht erwartet.«

»Tja, ich bin eben immer für eine Überraschung gut«, erklärte Jonas, den das Kompliment seiner Mutter verlegen machte. Da es ohnehin schon spät am Abend war, erhob er sich und verabschiedete sich herzlich von Mutter und Patentante und wünschte eine gute Nacht. Unter seinen Schritten knarrten die alten Holzdielen des ehrwürdigen Hauses.

Nadine blickte ihrem Sohn nach und seufzte schließlich.

»Es würde sehr wehtun, das Haus zu verkaufen. Schon wegen Jonas. Er hängt so an allem, was mit Familie zu tun hat. Vielleicht, weil ich ihm nie eine bieten konnte.«

»Mach dir darüber nicht auch noch Sorgen«, erklärte Clara, während sie sich ebenfalls erhob und zur Tür ging. »Jetzt müssen wir erst eine Lösung für deine finanziellen Probleme suchen. Und ich bin sicher, wir finden eine. Wie immer. Gleich morgen gebe ich eine Anzeige auf. Wäre doch gelacht, wenn wir für dieses Häuschen keinen Mieter finden würden.«

Nadine nickte tapfer und verabschiedete sich von ihrer Freundin. Als Claras Gestalt von der Dunkelheit verschluckt worden war, kehrte sie zurück an den Küchentisch, wo noch immer die Papiere und Rechnungen ausgebreitet lagen und sie stumm und vorwurfsvoll anstarrten.

Hannes Merck meinte, seinen Ohren nicht zu trauen. Stumm vor Schreck starrte er seinen Zwillingsbruder, der ihm in dem winzigen Besuchszimmer gegenübersaß, fassungslos an. Die beiden waren sich wie aus dem Gesicht geschnitten und nur durch ihre Kleidung voneinander zu unterscheiden.

»Jetzt tu doch nicht so, als hätte ich von dir verlangt, einen Mord zu begehen«, durchbrach Clemens Merck schließlich das lähmende Schweigen.

»Das letzte Mal hast du mir schon versprochen, du würdest mich nicht mehr um diesen Gefallen bitten. Und nun tust du es doch wieder.«

»Ich erinnere mich genau. Behandle du mich nicht auch noch wie einen Schwachsinnigen«, zischte Clemens aufgebracht. »Es reicht, wenn das die Schwestern und Ärzte hier den ganzen Tag tun.« Auf einmal änderte er seine Strategie. Seine Stimme wurde verzweifelt. »Kannst du dir vorstellen, wie schrecklich es ist, hier die ganze Zeit eingesperrt zu sein? Alles, um was ich dich bitte, ist eine Nacht. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Mensch wird etwas merken, wenn ich morgen früh zurückkomme und wir die Rollen wieder tauschen. Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst. Das habe ich dir das letzte Mal schon bewiesen.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Schlimmer als von allen anderen für verrückt gehalten zu werden, ist es, dein Vertrauen zu verlieren.«

Hannes seufzte und fuhr sich mit den Händen über die schmerzenden Augen. Es war ein langer, anstrengender Arbeitstag gewesen. Und auch die Unterbringung seines Bruders in der Nervenheilanstalt belastete und beschäftigte ihn mehr, als er es zugeben mochte. Ein ganzes Leben lang waren sie unzertrennlich gewesen. Doch mit einem Mal hatte sich Clemens verändert. Die Ursachen für die psychische, heimtückische Krankheit, die ihn befallen hatte, ließen sich nicht klären, aber Hannes litt unendlich darunter, seinen geliebten Bruder leiden zu sehen.

»Also schön. Aber nur noch diese eine Nacht. Danach warten wir in Ruhe das Gerichtsurteil ab. Ich habe den besten Anwalt der Stadt beauftragt und bin mir ganz sicher, dass die Vorwürfe gegen dich unhaltbar sind. Es ist einfach lächerlich, dass du für den Überfall auf diese Frau verantwortlich gemacht wirst. Es gibt keine Zeugen, keine eindeutigen Beweise.«

Die letzten Worte hörte Clemens schon gar nicht mehr. Die Zustimmung seines Zwillingsbruders genügte ihm. In seinen Augen stand ein wahrhaft irrer Blick, als er sich nun forschend umblickte, ehe er sich wieder an Hannes wandte.

»Los, her mit deinen Klamotten. Der Pfleger kann jeden Augenblick zurückkommen.« Er war aufgesprungen und zerrte an Hannes’ Hemd.

»Schon gut, ich mach ja schon«, gab der sich seufzend geschlagen und ignorierte die aufkeimenden Zweifel. Mit festen Händen löste er den Griff seines Bruders und begann, sich auszuziehen.

Nur wenige Minuten später öffnete sich die Tür und der Pfleger trat ein. »So, genug für heute, Clemens.« Ohne zu ahnen, dass er den Bruder Hannes vor sich hatte, trat er mit freundlichem Lächeln auf seinen Schützling zu und fasste ihn sanft am Arm.»Jetzt gehen wir schön zurück ins Zimmer. Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.«

Clemens, in den Kleidern von Hannes, grinste breit, während er beobachtete, wie sein Bruder nach einem kurzen Abschied von dem Krankenpfleger hinausgeführt wurde.

»Ich komme morgen früh wieder zu Besuch. Noch vor der Arbeit«, rief er den beiden nach, obwohl er genau wußte, dass er diesmal nicht zurückkehren würde. Er hatte es satt, eingesperrt zu sein, zumal er den Grund dafür nicht verstand, fühlte er sich doch als ganz normaler Mensch, als Opfer der Justiz. An die tätlichen Angriffe auf Frauen, die ihm vorgeworfen wurden, konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. Auch nicht daran, dass seine Opfer stets blondes, langes Haar hatten. Und das, woran er sich nicht erinnern konnte, hatte für ihn nicht stattgefunden. So einfach war die Welt des Clemens Merck inzwischen strukturiert.

Hannes hätte gut daran getan, diese Tatsache über seine Bruderliebe zu stellen. Doch es war zu spät, und als am nächsten Morgen der angekündigte Besuch nicht erfolgte, ahnte Hannes, dass er einen eklatanten und folgenschweren Fehler gemacht hatte.

*