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Claude-Alain Humbert macht als Jugendlicher erste Rauscherfahrungen und rutscht ab den 1970er-Jahren immer tiefer in die Zürcher Drogenszene. Seine Eltern sind zu jeder Unterstützung bereit. Über die Jahre wandern Hunderttausende von Franken in die Hände von Scientologen und anderen vermeintlichen Helfern. Seine erste grosse Liebe verliert er 2005 durch einen Herzstillstand. Die nächste Freundin bedroht er im Drogenrausch massiv. Er wird verurteilt, der Fall wirft grosse Wellen in der Schweizer Presse. 2007 lernt er Fridy, die er ‹Friday› nennt, kennen. Sie will ihn von der Sucht befreien, stösst dabei aber selbst an ihre Grenzen. Nach jahrelangem Kampf mit Entzügen und Rückfällen stirbt Claude-Alain 2014 mit 58 Jahren. Fridy Schürch hat seine unvollendete Autobiografie redigiert und ergänzt. Ein erschreckend klarsichtiges Dokument des Scheiterns sowohl des Suchtkranken selbst als auch seines Umfelds, das dessen Suchtverhalten in Co-Abhängigkeit gefördert hat.
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Seitenzahl: 334
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Titel
Einführung
Vorwort
Meine Wurzeln
Heile Welt bis 17
Die Sucht gewinnt
Ferienflirt
Seelenfänger
Auditing – Geistige Beratung
Vorerst ins Bordell
Kibbuz oder Entzug
Mein bester Arzt
Apotheken und Arztpraxen im Visier
Gescheiterter Bruch
Scientology im Land der Lederhosen
Mit Dr. M. auf Ritalin
Irrenanstalt und Teufelsaustreibung
Züri brännt
In den Fesseln der Droge
Drogendramen auf dem Platzspitz
Auf den Flügeln des Todes
Der lange Weg zur Heilung
Ewiger Kampf
Von ganz unten nach oben
Das Schicksal schlägt zweimal zu
Auf falsche Karten gesetzt
Nadja – Eine neue Liebe
Ungestillte Sehnsucht
Grenzenlose Bedrohung
Eingelocht
Wieder in Freiheit
Suche nach einem sanften Entzug
Einsicht in die Eigenverantwortung
Schlagzeilen
Sündenpfuhl Marseille
Turbulenzen
Ruhe vor dem Sturm
Wieder siegt die Sucht
Bitteres Ende
Claude-Alain, ein lieber Freund
Lieber Claude-Alain
Claude-Alain, ein interessanter Freund
Erinnerung
Claude: War es das?
Claude-Alain Humberts Religionsführer
Dank
Über die Autoren
Backcover
Claude-Alain Humbert
Fridy Schürch
Verpasste Chancen
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Mit freundlicher Unterstützung
© 2020 Zytglogge Verlag AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Martin ZinggCovergestaltung: Zytglogge AGLayout/Satz: 3w+p, Rimpar
ISBN EPUB: 978-3-7296-2312-5ISBN MOBI: 978-3-7296-2313-2
www.zytglogge.ch
Claude-Alain HumbertFridy Schürch
Verpasste Chancen
Erinnerungen eines Drogensüchtigen aus gutem Hause
Der grossgewachsene, gut gekleidete Mann mit vollem schulterlangem Haar begegnete mir das erste Mal in meiner Boutique in Berlingen am Untersee. Sein charmantes Auftreten und seine blendende Ausstrahlung faszinierten mich gleich. Er interessierte sich für die kunsthandwerklichen Unikate in meinem Geschäft und deckte sich bei seinen Besuchen jeweils mit Kunstkarten ein. Manchmal war er in Begleitung einer attraktiven Dame. Oft kauften sie wertvolle Unikate und bald zählte ich sie zu den Kunden, die ich besonders schätzte. Wie ich vermutete, waren die beiden jeweils zur Kur im ‹Seeblick Berlingen›. Anfang 2006 kam Herr Humbert ohne seine Begleiterin in mein ‹SchatzChischtli›. Während er die neu eingetroffenen Karten betrachtete, erzählte er mir vom tragischen Verlust seiner Freundin, die an einem Herzstillstand gestorben war.
Ein Jahr später – ich war gerade beschäftigt mit der Übergabe meiner Boutique – rief mich mein gern gesehener Kunde an. Er teilte mir mit, dass er eine Krise durchmache und etwas Ablenkung suche. Er fühle sich wohl in meinem Geschäft und könne sich vorstellen, mich bei meiner Arbeit etwas zu unterstützen. Mein Herz pochte vor Freude, doch ich liess mir nichts anmerken und antwortete: «Ja, gerne.»
Als er mir von seinen Drogenproblemen erzählte, die sein Leben die vergangenen 21 Jahre im Griff gehabt hatten, dachte ich mir: «Dieser Mann darf nicht untergehen.»
Das war der Beginn einer sieben Jahre langen Beziehung, in welcher sich luxuriöse Highlights mit qualvollen Erlebnissen abwechselten. Zürich, Lyon, Paris, Marseille und Strassburg, Hochs und Tiefs, ein Wechselbad der Gefühle.
Nach Abstürzen tat es ihm jeweils leid. Er versprach mir jedes Mal, mit den Drogen aufzuhören, und bettelte: «Lass mich nicht hängen.» Als er nach dreieinhalb Jahren Abstinenz wieder tief in die Drogensucht fiel, verlor auch ich die Kraft, ihn weiterhin zu begleiten. Auf mein Drängen hin machte er drei Kurzentzüge, stürzte jedoch immer wieder von Neuem ab – bis zum dramatischen Ende im April 2014.
Claude-Alain Humbert begann bereits vor der Jahrhundertwende, an seiner Biografie zu schreiben. Es war sein grosser Traum, seine dramatische und bewegende Lebensgeschichte zu veröffentlichen. Diesen Traum will ich ihm erfüllen, indem ich die Geschichte zu Ende bringe.
Fridy Schürch
Claude-Alain war eine faszinierende, äusserst vielseitige und charismatische Persönlichkeit, die wegen ihrer Wesensart und ihrer Taten geliebt wurde, in gewissen Situationen aber auch unerträglich war. Claude-Alain verkörperte in seinem Leben vieles: Er war ein liebevoller Bruder, ein zärtlicher, aber auch sehr fordernder Lebenspartner, fantasievoller und geliebter Götti und Onkel, begeisterter Forscher auf dem Feld der religiösen und spirituellen Vielfalt in der Schweiz und Verfasser eines von der Presse und von einem breiten Leserkreis mit grossem Interesse zur Kenntnis genommenen Religionsführers. Gelegentlich war er aber auch Einbrecher, Bettler, Freier, zeitweise Anhänger einer Psychosekte und seit seiner späten Jugend Drogensüchtiger, nie aber Junkie.
Im starken Kontrast dazu stand seine Kindheit. Sie verlief in ruhigen Bahnen, ohne jede Auffälligkeit. Claude-Alain war ein wohlbehütetes, aufgewecktes, eher ruhiges Kind einer wohlhabenden Familie vom noblen Zürichberg. Er war sensibel, fröhlich, interessiert, neugierig und begeisterungsfähig. In seiner Kindheit waren nicht die geringsten Anzeichen von Extremität, Radikalität und missionarischem Eifer erkennbar, welche die Gewitterwolken des Unheils erahnen liessen. Kaum aus seiner behüteten Kindheit und frühen Jugend entronnen, begann mit steigender Intensität, gleich einem Motor, der langsam warmläuft, sein nicht enden wollender Leidensweg. Ein Weg, der geprägt war von seiner zerstörerischen Alkohol- und Drogensucht, geprägt von Höhen und Tiefen, von Erfolg und Niederlagen, von Freude und Leid, von Glück und Pech. Claude-Alain war ein Kind der 60er- und 70er-Jahre, der Hippies, der jungen ‹Flower-Power›- und der Vietnam-Generation, die in den Bann gezogen wurde von der neuen, bis anhin unbekannten Drogenwelle, die von den USA herüberschwappte. Das Unbekannte und das nie Gekannte übte damals auf die Jugend und auch auf Claude-Alain eine heute nur noch schwer nachvollziehbare Faszination aus. Es galt, mitzumachen, auszuprobieren, zu experimentieren und dabei zu sein. Die psychedelischen und halluzinogenen Substanzen Meskalin, Heroin, Kokain, Ritalin und in den letzten Jahrzehnten seines Lebens der Alkohol, die tolerierte Gesellschaftsdroge schlechthin, wurden in abwechselnden Phasen zu seinen täglichen Begleitern. Einmal im Sumpf gefangen, gab es für Claude-Alain kein Entrinnen mehr, und er war kein Einzelfall. Traurige Vorbilder, die sich dem exzessiven Drogenkonsum verschrieben hatten und ein tragisches Ende fanden, gab es ja genug: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Elvis Presley, Jim Morrison (Sänger von ‹The Doors›), Bon Scott (Sänger von ‹AC/DC›), Sid Vicious (Bassist der ‹Sex Pistols›), Kurt Cobain (Frontman und Sänger von ‹Nirvana›), Michael Jackson, Prince, Whitney Houston und Amy Winehouse sind nur einige Beispiele. Opfer einer schweren Sucht zu sein ist nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für das Umfeld des Süchtigen eine grosse emotionale Belastung. Zu sehen, wie der eigene Sohn, der geliebte Bruder, Lebenspartner und Freund unsäglich leidet, jede Würde verliert, als willenloses Werkzeug seiner Sucht psychisch und physisch zerfällt und zu Grunde geht, ist die Hölle.
Claude-Alain kämpfte bis ans Lebensende gegen seine verschiedenen Süchte. Zeitweise war dieser stete Kampf auch durchaus erfolgreich. In seinen suchtfreien Zeiten keimte dann Hoffnung auf, nicht nur für ihn, sondern auch für uns Brüder, für unsere Eltern und seine Lebenspartnerin. Wird er es nun schaffen? Wird endlich Ruhe einkehren? Wird das Leiden nicht nur für uns Angehörige, sondern auch für jene, die ebenfalls mit ihm aufs Engste verbunden sind, ein definitives Ende finden? Oder wird er wieder rückfällig werden? Diese Fragen waren für uns alle ständige Begleiter in den guten, drogenfreien Phasen seines Lebens. Es schien dann, dass er dem Drogensumpf definitiv entkommen war, was für uns eine sehr grosse Erleichterung bedeutete. In diesen drogenfreien Lebensphasen war Claude-Alain wieder eine geschätzte Persönlichkeit.
«Nur der Geist, der unverrückbar an ein fernes, schönes Ziel glaubt, vermag die Lebenskraft sich zu erhalten, die ihn über den Alltag hinwegführt.» Nach dieser Maxime von Gustav Stresemann, dem deutschen Friedensnobelpreisträger der Weimarer Republik, versuchte Claude-Alain zu leben.
Sein Ziel war das Ende seiner vier Jahrzehnte lange dauernden Suche nach Befreiung von den Fesseln seiner sklavischen Sucht, die ihn immer wieder einholte und zuletzt nicht mehr losliess. Es war aber nicht nur diese Art von Suche, sondern es war mehr, es war die Suche nach Grenzerfahrungen, nach der Radikalität des Lebens, nach dem Unbekannten, nach dem Wie und Warum, die rastlos in Claude-Alain wirkte, unaufhaltsam und erbarmungslos, wie das Schicksal eben ist. Eines Tages war es soweit, er war nun da, er liess sich nicht mehr aufhalten, jener stets gefürchtete Moment, in welchem Claude-Alain seine Suche und seinen Lebenskampf definitiv aufgab, nicht unerwartet, aber schliesslich doch überraschend für jene, die ihn ein Leben lang begleitet hatten. Es geschah am 8. April 2014, im Alter von 58 Jahren, als ihn diese Lebenskraft endgültig verliess. Zu viel war in der Zwischenzeit geschehen, zu kurz waren seine drogenfreien, glücklichen Momente gewesen, zu gross war der an seinem Körper betriebene Raubbau, der nichts verzieh und sich nun in tödlicher Weise manifestierte. War dieses Ende vorauszusehen? War Claude-Alain gescheitert, an sich selbst, an seiner Umwelt? Die Antwort liegt auf der Hand, könnte man meinen. Sie ist aber so komplex und schwierig, wie sein Leben gewesen ist.
Die vorliegende Biografie, die unser Bruder im letzten Viertel seines Lebens verfasste und die von seiner Lebenspartnerin Fridy Schürch überarbeitet und ergänzt wurde, mag dem Leser eine oder mehrere Antworten auf diese Fragen geben. Der Leser mag sich vielleicht auch fragen, warum Claude-Alain überhaupt die grosse Mühe auf sich nahm, eine derart umfassende Autobiografie zu verfassen. Er schrieb diese Biografie nicht nur um seinetwillen, nicht nur für sich selbst, um sein dramatisches Leben zu verarbeiten, um seinem Hang zum Narzissmus Ausdruck zu verleihen und seine Eitelkeit zu befriedigen. Dies wäre zu simpel gewesen für ihn, der trotz allem hohe Ansprüche an sich selbst hatte. Es war mehr: Es ging ihm hauptsächlich darum, der Leserin und dem Leser seine Erfahrungen und Erkenntnisse zu vermitteln. Er wollte wachrütteln, aufklären, mahnen, abschrecken und aufzeigen, dass der Konsum von Drogen in den Abgrund führt und ein Leben zerstören kann.
Dies ist ihm mit seiner nun vorliegenden Autobiografie gelungen.
Thalwil und Zürich, 2019, Dr. Denis G. Humbert
Kennengelernt haben sich meine Eltern 1952 im Zug. Meine Mutter war eine attraktive, fröhliche und selbstbewusste Frau. Dies konnte meinem Vater, der ein Charmeur alter Schule war, nicht entgehen. Direkt und zielstrebig wie er war, bat er bereits nach wenigen Minuten um ihre Telefonnummer, mit dem Hinweis, dass er sie nach ihrer Rückkehr aus Spanien gerne näher kennenlernen wolle. Gerade mal zwei Jahre später waren meine Eltern verheiratet.
Aufgewachsen ist mein Vater in Lausanne, im französischsprachigen Kanton Waadt. Sein Vater war Franzose und war in jungen Jahren in die Schweiz gekommen, wo er seine Frau, eine gebürtige Berner Oberländerin, kennenlernte. Mit ihr zusammen gründete er in Lausanne ein kleines Möbelgeschäft. Mein Vater war ihr zweitjüngstes Kind. Bereits als 16-Jähriger verliess er seine Geburtsstadt, liess sich in Basel zum Innenarchitekten ausbilden und zog dann nach Zürich weiter. In Zürich arbeitete mein Vater beim damals renommierten Wohnungseinrichtungsgeschäft ‹Muralto› als Innenarchitekt, bis er sich mit Mitte dreissig selbstständig machte.
Innert kurzer Zeit wurde er zu einem international gefragten Innenarchitekten. Er gestaltete unter anderem in diversen Hauptstädten dieser Welt die Einrichtungen von Schweizer Botschaften und luxuriösen Hotels. Durch seine Arbeit bedingt war er sehr viel auf Reisen, allein oder gemeinsam mit meiner Mutter. Derweil schaute ein Au-pair-Mädchen bei uns nach dem Rechten, manchmal schliefen wir auch bei den Eltern meiner Mutter in Höngg.
Schon als kleiner Knirps durfte ich meine Eltern auf ihren Reisen begleiten, nach Ägypten, New York, Florida, Libanon, Algerien, Puerto Rico und anderen Destinationen.
Daddy trug zwei Seelen in seiner Brust. Er hatte zweifellos eine raue Schale und einen weichen Kern und konnte durchaus charmant und zärtlich sein. Zu schaffen machten uns seine impulsiven Wutausbrüche, vor denen wir uns alle fürchteten. Als Ältester war es dann jeweils meine Aufgabe, meine beiden Brüder Etienne und Denis mit Spielen abzulenken. Nicht selten flogen Gegenstände durch die Luft. Er wurde aber nie handgreiflich, trotzdem waren diese Ausbrüche auch für meine Mutter schlimm.
Andererseits war es meinem Vater wichtig, dass es uns gut ging. Er verwöhnte uns Kinder und besonders auch meine Mutter, die er mit Geschenken gelegentlich geradezu überhäufte. Seinen weichen Kern offenbarte er ungeschminkt in seinen dutzenden Reisetagebüchern, in denen er jeweils seine Eindrücke und Gefühle auch uns gegenüber beschrieb.
Meine Mutter war katholisch und sehr religiös, mein Vater reformiert. Er war zwar kein praktizierender Christ, jedoch mit ganzem Herzen gegen den Katholizismus. Meine Mutter ging jeden Sonntag zur Kirche, war aber sehr tolerant und offen für andere religiöse Ansichten. Denke ich an meine Mutter zurück, wird mir warm ums Herz. Ihr möchte ich dieses Buch widmen.
Etienne, mein vier Jahre jüngerer Bruder, war ein Heisssporn, immer auf Trab, und es war ihm stets wichtig, im Mittelpunkt zu stehen. Einige Super-8-Filme meines Vaters erinnern daran, wie Etienne öfters versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem er den Kopfstand vorführte. Meine Eltern schenkten ihm Olla, eine herzige, silbergraue Zwergpudel-Dame. Etienne liebte es, mit dem Hündchen herumzutollen.
Mein sieben Jahre jüngerer Bruder Denis war ein richtiger Sonnenschein. Er war ein eher ruhiges, aber aufgewecktes, lebhaftes Kind und vertiefte sich gerne in seine vielen Bücher. Bewaffnet mit Feldstecher und Gummistiefeln zog er regelmässig in den nahegelegenen Wald, wo er stundenlang Rehe und Vögel beobachtete. Er war ein kleiner Abenteurer und wäre wohl gerne ein grosser geworden. Seine Beobachtungen notierte er jeweils in ein kleines Notizbuch.
Schon als Kinder sind Walo, dessen wirklicher Name anders lautet, und Bruno meine liebsten Spielgefährten. Von unserem Trio ist Bruno mit Abstand der ruhigste, während Walo und ich immer für allerlei jugendlichen Unsinn und Streiche zu haben sind. Im zarten Alter von 13 entdecken wir die ersten Sexhefte in geheimen Verstecken unserer Väter. Ein Jahr später röhren wir mit unseren frisierten Mofas durch die Strassen Zürichs. Und mit 15 erleben wir erstmals die geballte Power und einzigartige Magie von Rockkonzerten. So lauschen wir andächtig neuen Sounds, während wir zeitgleich im ‹Jasmin›, der ‹Zeitschrift für das Leben zu zweit›, begierig das ‹Lexikon der Erotik› studieren. Auch beginnen wir, uns in den ersten Drogenlexika, die der Buchmarkt zu bieten hatte, über die Wirkung von Substanzen wie Haschisch oder Meskalin zu informieren.
Nach sechs Jahren Primar-, drei Jahren Sekundarschule, einer weiterführenden Grundausbildung sowie einem Zwischenjahr in einer Privatschule bin ich im Unklaren, was ich als Nächstes tun will. Eine Lehre kommt nicht in Frage, ich will etwas Besseres werden. Mein Traumberuf ist Filmregisseur. Ich drehe bereits hobbymässig kleine Filme auf Zürichs lauschigen Plätzen.
Im Frühling 1972 beginne ich bei der Privatschule ‹Minerva› eine zweieinhalbjährige Vorbereitung zur Matura. Anfänglich bemühe ich mich, einigermassen mitzuhalten, bald beginne ich aber, Unterrichtsstunden zu schwänzen. Walo macht eine ähnliche Ausbildung an der Privatschule ‹Juventus›. Bruno hat eine Lehre als Maurer begonnen.
Der Höhepunkt des Tages sind jeweils die Abendstunden, wenn ich mich mit meinen zwei besten Freunden im ‹Rümli› treffe. Der kleine, schmucklose Raum befindet sich im Untergeschoss eines privaten Seniorenheimes, das Walos Mutter leitet.
Im ‹Rümli› hören wir britische Bands wie die ‹Rolling Stones› und ‹Deep Purple›, aber auch den US-Schockrocker Alice Cooper. Daneben interessieren wir uns brennend für Mädchen. Bruno und Walo sind die Pioniere unseres Trios, sie schaffen den ersten Kuss. Spätestens, als Bruno erzählt, dass er gar eine Blondine entjungfert habe, gerate ich arg in Zugzwang. Zwar schwärme ich an der ‹Minerva› insgeheim für Claudia, die sich dort zur Arztgehilfin ausbilden lässt, aber da bin ich keineswegs der einzige Verehrer. Claudia mit ihren langen blonden Haaren und der anmutigen, zierlichen Figur ist der unbestrittene Star an der ‹Minerva›. Wenn sie durch die Gänge des Schulhauses schwebt, folgen ihr die Blicke aller männlichen Schüler. Natürlich ist sich Claudia ihrer Wirkung bewusst. Der Möchtegern-Filmproduzent in mir lässt sich nicht verbergen – ich stehe somit sprichwörtlich vor einer ‹Mission impossible›. Doch zielstrebig lauere ich auf meine Chance. Als eines Tages Claudia mit ihren Kolleginnen wieder mal um die Ecke rauscht, sammle ich all meinen Mut und gehe direkt auf sie zu: «Kann ich dich zum ‹Pink Floyd›-Konzert ins Hallenstadion einladen?»
Sie schaut mich leicht verdutzt an, sagt aber mit einem süssen, filmreifen Lächeln: «Ja, gerne. Das Konzert findet ja erst am 12. Dezember statt. Da bleibt uns noch genug Zeit, uns abzusprechen.» Diese Worte bescheren mir überschwängliche Glücksgefühle.
Das ‹Pink Floyd›-Konzert kommt näher und näher. Am besagten Abend hole ich mein Traummädchen am Bahnhof ab. Claudia lächelt: «Hoi, dann gehen wir.»
Ich ringe krampfhaft nach Worten. Schliesslich sitzen wir stumm auf unseren Plätzen, bis das Konzert beginnt. Den Sound von ‹Pink Floyd› kann ich natürlich vor lauter Aufregung nicht geniessen. Ständig ängstigt mich meine Unfähigkeit, mich zwangslos und natürlich mit Claudia unterhalten zu können. In der Pause flüchte ich förmlich auf die Toilette. Dann steuere ich die Theke an und trinke zwei grosse Biere. Mit Kaugummi versuche ich vor Claudia den Geruch nach Alkohol zu kaschieren. Sie hat von meiner Ausschweifung nichts bemerkt und lächelt mich an. Der Alkohol entfaltet seine enthemmende Wirkung und so lege ich spontan meinen Arm um Claudia. Tatsächlich schaffe ich es, sie zärtlich zu küssen. Nach dem Konzert begleite ich mein Traummädchen zum Bahnhof, ringe immer noch vergebens um Worte. Ich habe sie nie vergessen. Doch meine Drogensucht hat alles vermasselt.
An einem Samstag, auf dem Heimweg vom Jugendzentrum ‹Drahtschmidli›, das heute als Jugendkulturhaus ‹Dynamo› gleich gegenüber der Fussgängerbrücke beim Zürcher Platzspitz zu finden ist, begegnen Walo, Bruno und ich Mufus. Leute wie Mufus bezeichnet man damals in der Szene bewundernd und respektvoll als ‹Freak›. Die normale Gesellschaft hingegen hat eine völlig andere Sicht. Sie betitelt solche Typen als ‹Clochard›, ‹Landstreicher›, ‹Zigeuner› oder sogar als ‹Langhaariger Sauhund›.
Das zerzauste Haar fällt Mufus tief ins Gesicht. Seine bestickte Lammfelljacke und die zerrissenen Jeans unterstreichen die ausgefallene Erscheinung. Der Typ beeindruckt uns gewaltig. Mit übergeschlagenen Beinen sitzt er auf einer Bank unter einer der grossen Linden. Mufus inhaliert tief aus einem Chillum, einem speziell fürs Rauchen von Cannabisprodukten konzipierten, zehn bis zwanzig Zentimeter langem Holz- oder Tonrohr mit konischer Bohrung. Beim Anblick des genüsslich inhalierenden Mufus nehmen wir schliesslich unseren ganzen Mut zusammen und fragen ihn direkt: «Dürfen wir auch einen Zug versuchen?»
Gönnerhaft streckt er uns das Chillum entgegen, und jeder von uns zieht – tapfer gegen den Reizhusten kämpfend – den magischen Rauch tief in die Lungen. Doch zu unserer Verwunderung spüren wir nichts. Wir nehmen somit einen zweiten, tiefen Zug. Und erneut: nichts, absolut nichts. Jetzt wollen wir es aber definitiv wissen und gehen ins Niederdorf, in die Zürcher Altstadt, zum Restaurant ‹Turm›, auf dessen Vorplatz damals eine verdeckte Drogenszene existiert. Dort kaufen wir zehn Gramm grünen ‹Maroc› für 45 Franken. Am Abend rauchen wir Haschisch, doch eine Wirkung will sich bei keinem einstellen. Erst später vernehmen wir, dass dies beim ersten Male normal ist. Darum erlebe ich erst beim nächsten Cannabiskonsum einen richtigen Drogenrausch. Während des denkwürdigen Auftritts von ‹The Who› am 5. September 1972 in Wetzikon nehme ich als Musikgeniesser einen einzigartigen Klangteppich wahr. Die Luft beginnt schillernd zu vibrieren.
Zu dieser Zeit hält in der Zürcher Drogenszene eine harsche Verschärfung Einzug. Unter den Fixern von Opiaten gibt es die ersten Toten durch Überdosen. Auf dem Platzspitz wird zudem immer offener und ungehemmter mit Haschisch, Morphintabletten, Amphetaminen und manchmal auch mit LSD gehandelt. Nach und nach sammle ich mit all diesen Drogen meine eigenen Erfahrungen. Eines Tages fahren Walo und ich mit unseren Töfflis zum ‹Turm›. Wir treffen einen Typen, der LSD verkauft. Zu dieser Zeit tragen die bunten Pillen Namen wie ‹California›, ‹Sunshine›, ‹Purple Hazel›, oder es wird schlicht von ‹Micros› geredet. Wir kaufen zwei Tabletten der grünen ‹Micros› zu je acht Franken. Am Brunnen nebenan spülen wir die kleinen Pillen gleich mit Wasser hinunter. Selbst etwas erschrocken über unseren Mut, gilt doch LSD als die absolute Super-Droge, fahren wir zurück in unser ‹Rümli›. Bruno erwartet uns bereits und lauscht den sphärischen Klängen von ‹Pink Floyd›. Wir wollen ihn mit unserem Trip überraschen. Denn wir sind mächtig stolz auf unsere Heldentat. Später gesellen sich René mit einem Kollegen und Tanja zu uns. Nach einer knappen Stunde spüre ich ein sonderbares Kribbeln im ganzen Körper. Es wird stärker und stärker, und im selben Masse sensibilisiert sich auch mein Musikempfinden. Ja, ich habe gar das Gefühl, dass an diesem Abend die Musiker speziell für mich spielen. Die Vibes – so nennt man damals die Wirkung von psychedelischen Drogen – werden immer unheimlicher, intensiver und schliesslich gar bedrohlich. Mein Puls droht zu explodieren. Und da überkommt mich tödliche Angst in ihrer schrecklichsten Form. Ich bin auf den Horrortrip gekommen.
Verzweifelt krieche ich zu Bruno und flehe: «Bruno, bitte, bitte, hilf mir!»
Tanja kommt mir zu Hilfe und führt mich zu einer Matratze: «Stell dir doch eine Wiese mit vielen farbenfroh blühenden Blumen vor.»
Und tatsächlich sehe ich ein buntes Blumenmeer. Das ‹Rümli› verwandelt sich in einen glitzernden, funkelnden Palast. Ich fühle mich himmlisch und verliere dabei jedes Zeitgefühl. Minuten werden zu Stunden. Unser Ausflippen nimmt aber doch noch ein unrühmliches Ende. Denn die überlaute Musik ruft Walos Mutter auf den Plan. Kurzerhand schickt sie ihren Sohn auf sein Zimmer und uns nach Hause.
Dieses Abenteuer reicht uns vorerst, wir lassen LSD folglich bleiben und begnügen uns mit unserem wöchentlichen Haschischkonsum. Später jedoch erweitern wir unser Drogensortiment um Morphintabletten, die wir für 15 Franken pro Stück kaufen, mörsern und dann als Pulver sniffen. Manchmal erwerben wir auch Amphetamine und trinken dazu Unmengen an Bier. Immer mehr gerät mein Drogenkonsum ausser Kontrolle, und mitunter wird er zur täglichen Routine. Logischerweise lässt sich dies mit meinem Schulbesuch an der ‹Minerva› nicht vereinbaren. Ich bleibe dem Unterricht mehr und mehr fern.
Es ist weit nach Mitternacht, meine Eltern schlafen bereits. Mit den Autoschlüsseln meines Vaters torkle ich die Treppe hinunter zur Garage. Ich starte das olivfarbene BMW Coupé und fahre waghalsig die Auffahrt hinauf in den Hof. Dann weiter entlang der Keltenstrasse, die Schneckenmannstrasse hinunter Richtung Bergstrasse. In der Kurve zur Zürichbergstrasse schleudert der Wagen – Crash – und ich lande in der Verkehrsinsel. Der Wirt vom Restaurant ‹Vorderberg› und zwei seiner Gäste helfen mir, das eingedrückte Auto die rund zwanzig Meter in den Hof unseres Hauses zu rollen. Ich verziehe mich so schnell wie möglich in mein Zimmer. Während ich noch meinen Rausch ausschlafe, weckt mich meine Mutter und sagt völlig aufgelöst: «Claude-Alain, der BMW ist weg!»
«Was ist los?», frage ich scheinheilig.
«Daddy war in der Garage, das Auto ist weg!»
«Wie sollte ich wissen, wo der Wagen ist?»
Dann höre ich wie mein Vater mit der Polizei telefoniert. Erst jetzt wird mir so richtig klar, was ich angestellt habe, und ich beichte: «Ich war es.»
Als Daddy den demolierten Wagen im Hof sieht, hat er einen seiner Wutanfälle und droht mir mit Hausverbot. Die Busse muss er berappen. Ich bin noch keine 18 und ohne Führerschein.
In den darauffolgenden Wochen sammle ich Erfahrungen in Sachen Mädchen. Mit einer Schulkollegin gehe ich ins Kino, mit anderen in einem Park spazieren. Auf dem Programm steht immer: Küssen. Bald habe ich in der ‹Minerva› den Ruf, ein Casanova zu sein, obwohl ich immer noch mit meiner Beklommenheit zu kämpfen habe.
Vor ein paar Tagen habe ich Tommi kennengelernt. Seither treffen wir uns fast jeden Abend im Niederdorf. Tommi ist Musiker und Gelegenheitsfixer. In seiner linken Armbeuge ist ein Panther eintätowiert. Darauf ist er mächtig stolz: «Siehst du das Auge des Panthers? Wenn ich mir einen Schuss setze, dann immer an denselben Punkt, nämlich direkt ins Auge.»
Mir gefällt seine coole Art. Eines Abends sagt er: «Komm, wir gehen zu Jack.»
Er verrät mir, dass Jack am Hirschenplatz ein Mädchen hat, welches für ihn anschafft. Das finde ich spannend. Die Wohnung von Jack liegt mitten im Niederdorf. Wir klingeln an der versprühten Türe. Vor uns steht Laila, ein adrettes Mädchen, das ich von früher kenne. «Kommt herein!»
Laila und ich sind erstaunt über unsere Begegnung, hier an diesem Ort. Ich glaube, dass es ihr ziemlich peinlich ist. Was macht sie bei einem Zuhälter? Jack, ein bulliger Typ, mit schwarzem, langem Schnurrbart thront auf einem ausgeleierten Fauteuil. Er lagert seine nackten Füsse auf dem kleinen Glastisch und klimpert auf seiner Gitarre. Mit einer Handbewegung zeigt er auf die Ledercouch und befiehlt Laila: «Hol uns Bier!»
Wir plaudern über die Drogenszene in der Stadt und lästern über die Polizei. Dann kommt Tommi zur Sache: «Claude-Alain hat gutes Ritalin.»
«Möchtest du einen Schnupf?», frage ich.
«Ja klar, ich habe schon davon gehört, aber bin noch nie an diesen Stoff gelangt.»
Ich lege ein paar Linien und wir schnupfen das Pulver genüsslich. Bald sind wir drei gut drauf. Laila sitzt in einer Ecke und konsumiert nichts.
«Hei Laila, glotz nicht so doof, hol uns noch Bier», kommandiert Jack in scharfem Ton.
«Leck mir die Füsse», ordnet er als nächstes an.
Auch diesem Befehl kommt sie ohne zu zögern nach.
Sodann reisst er sie an den Haaren und befiehlt: «Setz dich dort in die Ecke und warte, bis ich dir neue Anweisungen gebe.»
Was ist aus diesem Mädchen geworden? So kenne ich sie doch gar nicht. Warum lässt sie das zu? Das ist zu viel! Wie kann ich sie da rausholen? Mit der Absicht, Jack so richtig zu verladen, lege ich nochmals drei Linien und für Jack die doppelte Menge. Nach diesem Schnupf ist er auf dem Trip. Jetzt habe ich die Zügel in der Hand und frage ihn: «Du, was verlangst du für Laila?»
Während Tommi verträumt auf der Gitarre zupft, unterhalten wir uns angeregt. Laila trinkt nun auch ein Bier und ich lege eine kleine Linie Ritalin für sie. Dann sage ich zu Jack: «Ich nehme nun Laila mit.»
Er zuckt nur mit den Schultern und sagt: «Okay.»
Ich verabschiede mich und führe Laila an der Hand ins Freie.
«Hey Claude, du kommst aber wieder», ruft mir Tommi hinterher.
«Ja, ja, muss noch schnell was erledigen.» Und weg sind wir.
«Wie bist du auf diesen Typen reingefallen?», frage ich Laila.
«Nachdem ich mich mit meinem Freund Werni, den du ja auch kennst, verkracht hatte, wusste ich nicht wohin. Dann bot mir Jack an, dass ich bei ihm wohnen kann. Wie du gesehen hast, ist er dominant. Anfänglich imponierte mir das. Dann wurde ich abhängig. Er demütigt mich, und ich habe mich nie dagegen gewehrt. Ich bin nicht glücklich damit, aber wo soll ich sonst hin?»
Die Nacht mit ihr vergeht schnell, wir reden stundenlang, bis zum Morgengrauen.
An einem Freitagabend im Februar 1973 bin ich mit Walo, Bruno und drei weiteren Kollegen im ‹Studentenfoyer›. Ein alter Schuppen in der Nähe der Universität und beliebter Treffpunkt unter Jugendlichen. Im schummrig beleuchteten Raum herrscht ein Kommen und Gehen. In den zwei kleineren Räumen nebenan sitzen und liegen ein paar Bekiffte und lauschen den psychedelischen Klängen von ‹Jefferson Airplane›, ‹The Doors›, ‹Velvet Underground›, ‹Vanilla Fudge›, ‹Yes› und ‹Genesis›. Walo und ich bluffen in der Runde mit dem Haschisch aus Afghanistan, das wir vor kurzem erstanden haben. Zum Rauchen des intensiv riechenden Harzes gehen wir zum Hinterhof. Dort befindet sich ein kleines, älteres, baufälliges Haus, welches als Lager genutzt wird. Mit dabei ist auch Alex, ein Mitstudent aus der ‹Minerva›. Er ist in Begleitung seiner Freundin. Mirella ist eine selbstbewusste Frau, mit makellosen Gesichtszügen und einem lässigen Outfit. Sie wirkt verführerisch und unnahbar. Wir setzen uns auf den Holzboden der Veranda und ziehen im Dunkeln den würzigen Rauch in unsere Lungen. Schnell zeigt das Haschisch seine Wirkung. Ich fühle mich leicht und bin total ‹stoned›. Mirella sitzt mir gegenüber und blickt mir tief in die Augen. Nach einer Weile beugt sie sich zu mir vor, lächelt und flüstert: «Komm mal mit.»
An der Hand führt sie mich hinters Haus und strahlt mich mit ihren grossen, blauen Augen an. Dann streichelt sie durch mein Haar und küsst mich leidenschaftlich. Hand in Hand gehen wir zu den anderen zurück. Alex schaut etwas verwirrt, sagt aber nichts. Die Sache ist klar. Von nun an ist Mirella meine Freundin. Im April, einen Tag vor meinem 18. Geburtstag, sind wir am Abend im ‹Evergreen›, einem beliebten Treffpunkt von Künstlern, Homosexuellen und Ausgeflippten. Mirella und ich sitzen an einem kleinen Tischchen. Im Hintergrund läuft Stevie Wonders ‹Superstition›. Nach einer Weile flüstert mir Mirella ins Ohr: «Weisst du, was ich den ganzen Abend denke? Ich möchte mit dir schlafen!»
Peng! Damit habe ich nicht gerechnet. Was soll ich jetzt nur tun? Mirella will mich. Wie mache ich das, kann ich das? Werde ich meinen Mann stellen können? Mirella lächelt mich an: «Komm, wir gehen zu dir.»
Wir hören noch ein wenig Musik. Mirella ist wie gewohnt sicher und unbefangen, ich dagegen nervös. In meinem Zimmer ziehen wir uns bis auf den Slip aus und küssen uns. Mirella schmiegt sich in meine Arme. Ich spüre ihren Atem und ihre nackte Haut. Ich weiss, was sie möchte. Doch ich stehe unter Druck. Wahrscheinlich spürt sie, dass ich noch nie mit einer Frau Sex hatte. Wir küssen und streicheln uns, ich berühre ihren Busen, habe aber Angst, im Beischlaf zu versagen. Sie streichelt über meine Brust, meinen Bauch. Bald wird sie meinen Penis berühren. Als ihre Hand mein Glied berührt, denke ich angestrengt: «Ich will einen Steifen.»
Fast hätte ich ihn auch bekommen, aber die Angst vermiest es mir. Und so bleibt es in dieser Nacht beim Petting. Am nächsten Morgen klopft Alex an meine Zimmertür. Mirella und ich liegen immer noch im Bett. Alex setzt sich neben uns und macht anzügliche Bemerkungen: «Alles Gute zum 18. Geburtstag. So, habt ihr zusammen geschlafen? Mirella ist also dein Geburtstagsgeschenk.»
Ich lasse ihn im Glauben, dass unser Sex perfekt war, und Mirella spielt mit.
Im Sommer reist Mirella für ein paar Tage ins Tessin. Wir verabreden, dass wir uns nach ihrer Rückkehr am Freitagabend im ‹Evergreen› treffen wollen. Doch während ihrer Abwesenheit lerne ich Gaby kennen. Ich verliebe mich auf Anhieb in dieses ausgeflippte Girl, und wir sehen uns täglich. Als Mirella wie abgemacht am Wochenende ins ‹Evergreen› kommt, umarmt sie mich. Freudestrahlend überreicht sie mir eine Tasse mit einem Herzmotiv, die sie für mich aus dem Tessin mitgebracht hat. Ich blöder, unreifer Idiot weiss nichts Besseres zu sagen als: «Vielen Dank, aber ich habe Gaby kennengelernt. Sie ist meine neue Freundin.» Mirella kollern die Tränen über die Wangen. Sie sagt nur: «Ciao», und geht. Erst viel später wird mir klar, was ich mit ihr verpasst habe.
Die neue Beziehung hält nicht lange. Gaby lädt mich zum Nachtessen ein, da sie mich ihrer Mutter vorstellen möchte. Wir haben uns auf 18 Uhr verabredet. Doch um 19 Uhr versuche ich zuhause immer noch, mich mit Musik und Pernod in eine lockere Stimmung zu verzaubern. Dann rufe ich verladen Gabys Mutter an und rede mit ihr über meine Probleme. Und aus ist es mit Gaby.
Zwei Wochen später lerne ich im ‹Drahtschmidli› die 18-jährige Manuela kennen, ein sanftes, liebenswertes Mädchen. Die Beziehung mit ihr gibt mir einen gewissen Halt. Sie schreibt mir einfühlsame Liebesbriefe mit Herzchen. Doch nach kurzer Zeit ist auch diese Liebe in den Drogen erstickt. Jahre später wird das hübsche, damals eher scheue Mädchen zur resoluten Wirtin der berühmt-berüchtigten ‹Gräbli-Bar› im Zürcher Niederdorf.
Im Sommer 1974 machen meine Mutter, Etienne, Denis und ich zwei Wochen Ferien auf der Insel Krk in Jugoslawien. Im Discolicht gegenüber unserem Hotel tanzen ein paar Leute zu Carl Douglas' ‹Kung-Fu Fighting›, andere sitzen an den kleinen Tischchen, zwei Typen an der Bar. Ich habe 40 Tropfen X112 intus. Das ist ein flüssiges Abmagerungsmittel mit dem Inhaltstoff Cathin, der das Hungergefühl hemmt sowie aufputschend und stimulierend wirkt. Ich geselle mich zu den Typen an der Bar und bestelle ein Bier.
Eine junge Frau kommt lächelnd auf mich zu. «Hi, how are you?»
«Thank you, and you?»
«You like it here?»
Sie ist mir schon im Hotel aufgefallen. Das Interesse scheint gegenseitig zu sein. Nach einem kurzen Smalltalk lotst sie mich an den Tisch zu ihren Freunden, die ebenfalls im Hotel arbeiten. Ich kippe etwas Bier und werde lockerer. Die folgenden Abende treffen wir uns regelmässig in der Diskothek. Später spazieren wir durch die Gartenanlagen oder am Meer entlang, küssen und liebkosen uns. Hie und da nehme ich Julia mit auf mein Zimmer, das ich mit Etienne teile. Wenn er schon schläft, legen wir uns neben ihn aufs Bett und machen auf Zunge. Am letzten Abend verspreche ich Julia, wieder nach Krk zu kommen. Mein Chef und meine Eltern sind zwar nicht begeistert, aber bereits vier Wochen später reise ich wieder nach Jugoslawien.
Im Hotel werde ich von Julia und ihren Arbeitskolleginnen freudig empfangen. Es ist nicht üblich, dass ein Tourist so kurz nach seinen Ferien wegen einer Arbeitskollegin auf ihre Insel zurückkehrt. Wir feiern das Wiedersehen in einem leerstehenden Hotelzimmer. Marco schenkt allen Vinjak ein, einen jugoslawischen Brandy.
«Nazdravlje!»
Am vorletzten Abend sitzen Julia und ich auf einer Bank in einem kleinen Pinien- und Kieferwäldchen. Julia zeigt auf ihren Ringfinger, schaut mir in die Augen und sagt verträumt: «Ich wäre glücklich, wenn ich einen Ring von dir hätte. Ich liebe dich.»
So gut sie mir gefällt, fühle ich mich doch bedrängt. Ich bin neunzehn, sie zwanzig. Wir haben nicht einmal miteinander geschlafen. Ich will sie aber nicht verletzen und versichere ihr: «In ein paar Wochen komme ich wieder.»
«Dann bin ich aber nicht mehr im Hotel. Übernächste Woche ist die Saison zu Ende und ich kehre nach Rijeka zu meinen Eltern zurück.»
«Dann komme ich nach Rijeka.»
Als ich meinen Eltern erzähle, dass ich ein drittes Mal nach Jugoslawien reisen will, ist mein Vater aufgebracht. Er sagt zu meiner Mutter: «Wenn er jetzt noch einmal geht, will ich ihn nicht mehr im Hause haben. Mit der ‹Minerva› hat er abgebrochen und nun will er auch noch seinen Job aufgeben.»
«Das stimmt nicht, ich bin nur für zwei Wochen weg, dann arbeite ich dort weiter.»
Zornig brüllt er: «Ich will diesen Buben nicht mehr hier sehen!»
Mein Vorgesetzter, Herr Mäder, ist von meiner Idee natürlich auch nicht begeistert, aber da die Saison bald vorbei ist, kann ich zwei Wochen Ferien buchen. Während der nächsten vier Wochen schneiden mein Vater und ich das Thema nicht mehr an. Mitte September ist es soweit, und ich fahre nach Rijeka.
Etwas nervös steige ich beim Hauptbahnhof in Rijeka in den Bus. Es ist zehn Uhr morgens. Ich habe eine über sechzehnstündige Zugfahrt hinter mir. Über gewundene Strassen bringt mich der Bus hinauf nach Trsat, dem Stadtteil, in welchem Julia mit ihrer Familie wohnt. Neben der Bushaltestelle ist ein Holzschuppen, eine Art Kiosk, der auch Getränke anbietet. Ich kaufe vier kleine Fläschchen Vinjak, kippe diese hinunter und trinke darauf noch eine Cola, um den Geschmack zu neutralisieren. Auf der anderen Strassenseite spielt ein Junge mit einem Ball. Das könnte Adis sein, der achtjährige Bruder von Julia. Ich überquere die breite Strasse und frage ihn: «Bist du Adis? Ich bin Claude-Alain.»
Er versteht natürlich kein Englisch, aber er lächelt und ahnt wohl, dass ich der erwartete Freund seiner Schwester bin. Er deutet auf die Treppe: «Dođi sa mnom.»
Julia tritt als Erste aus dem Haus und strahlt – dann auch Vater und Mutter.
Julia umarmt und küsst mich. Der Vater begrüsst mich: «Dobro došli!»
Hinter seinem buschigen Schnurrbart strahlt ein freundliches Gesicht. Auch die Mutter umarmt mich herzlich und bittet mich herein. Julia nimmt mich bei der Hand und führt mich in den Wohnraum. Der Vater zeigt einladend auf einen Divan, der mit durchsichtigem Plastik bedeckt ist.
Er füllt vier kleine Gläser mit einheimischem Rubin Vinjak. «Na zdravlje!» Die Mutter setzt sich uns gegenüber, Adis auf ihrem Schoss. Ich stelle eine Flasche Kirsch und eine Schachtel Pralinen auf den Tisch. Julia schenke ich die LP ‹E Pluribus Funk› von ‹Grand Funk Railroad›, einer amerikanischen Rockband, die sie gerne hört. Für Adis habe ich ein Playmobil mitgebracht. Die Eltern erkundigen sich nach der Schweiz und meiner Familie. Wir verständigen uns so gut wie möglich und Julia übersetzt. Gegen Abend teilt mir der Vater mit, dass ich im Wohnzimmer schlafen könne. Die Mutter bringt Kissen und Decke. Die nächsten Tage lerne ich nicht nur den Bekannten- und Freundeskreis von Julia kennen, sondern auch ihre gesamte Verwandtschaft. Jeden Abend sind wir mit ihren Eltern bei Onkeln, Tanten und Cousins eingeladen. Überall wird Slibowitz und Vinjak angeboten. Die ganze Verwandtschaft hört offenbar schon die Hochzeitsglocken läuten. Mein Gott, was habe ich da wieder angestellt. Der Alkohol, den ich hier von jedermann angeboten bekomme, ist mein einziger Tröster.
Am nächsten Tag erwache ich auf der Couch im Wohnzimmer, ohne dass ich weiss, wie ich dahin gekommen bin. Julia sitzt neben mir und sagt: «Mein Vater hat dich auf den Diwan gelegt und zugedeckt. Du hast gestern die wildesten Dinge erzählt und irgendwann auch geweint. Dann bist du auf die Strasse gerannt und hast mir gesagt, ich soll dich in Ruhe lassen.»
«Julia, dies alles tut mir leid. Bitte gib mir zwanzig Minuten, ich muss ein wenig raus, ein wenig allein sein, dann komme ich wieder.»
Mein Ziel ist klar: der Kiosk gegenüber. Ich kaufe eine Cola Sprite und sechs kleine Fläschchen Vinjak. Mit der Tüte in der Hand schreite ich über ein Grundstück, das mit Unkraut bewachsen ist, und suche Zuflucht in einem halbfertig gebauten Haus. Ich muss wieder klar denken können. Nach einer Weile spüre ich die wohltuende Wirkung des Alkohols und gehe zurück.
In der Küche danke ich Julias Eltern für ihre herzliche Gastfreundschaft: «Es tut mir leid wegen gestern. Aber ich habe schon länger ein Alkoholproblem. Ich muss noch heute zurück in die Schweiz.» Julia bitte ich, alles genauso zu übersetzen, wie ich es gesagt habe. Ihr Vater schaut mich betroffen an.
Jetzt habe ich aber noch ein Problem. Da ich den letzten Rappen für Alkohol ausgegeben habe, bin ich nun völlig bankrott. Ich frage Julia: «Kann mir dein Vater etwas Geld für die Heimreise borgen?» Nach langen Diskussionen bittet ihr Vater einen Freund, ihm das Geld zu leihen. Schon zwei Stunden später habe ich das Reisegeld in der Tasche.
Julia ahnt, dass ich kein zweites Mal nach Rijeka reisen werde. Während mich ihr Vater zum Bahnhof begleitet, bleibt sie zuhause. Er löst mit mir die Bahnkarte und ist nach wie vor freundlich. Um eine Erfahrung reicher fahre ich mit dem Nachtzug zurück nach Zürich. Das Geld sende ich Julias Vater gleich am anderen Tag zurück. Das war es mit Jugoslawien und mit Julia.
Im Februar 1975 spricht mich auf der Bahnhofbrücke ein junger Mann an. Unter dem Arm trägt er ein paar Bücher: «Hallo, kurze Frage, kennst du Dianetik?»
«Noch nie gehört, was ist das?»
«Dianetik ist eine Wissenschaft, die sich mit dem menschlichen Verstand befasst», erklärt mir der elegant gekleidete Typ. Dabei fixiert er mich: «Ich bin aus München und lediglich für ein paar Tage in Zürich.»
Ich höre ihm neugierig zu.
«Dianetik ist eine Methode, ein völlig gesunder und glücklicher Mensch zu werden, ein Mensch, der seine Ziele kennt und diese auch erreicht!»
Die Worte treffen mich mitten ins Herz, wo meine Sehnsucht wohnt.
«Lies dies, und wenn es dir gefällt, kannst du mir das Geld für das Buch nach Deutschland senden», sagt er und geht weiter.
Anfang April beginne ich im Architekturbüro Marin die Lehre als Hochbauzeichner. Am Mittwoch besuche ich jeweils in Oerlikon die Berufsfachschule. Wie bereits in der ‹Minerva› interessiert mich der Lernstoff wenig. Vielmehr spricht mich ‹Dianetik› an, die Lebensphilosophie der Scientologen. Jeden Abend vertiefe ich mich in die Lektüre des Buches, das mir der junge Mann in Zürich angeboten hat. Darin wird der menschliche Verstand mit einem Computer verglichen. Dieser besteht aus zwei Teilen, dem analytischen, vernünftig denkenden Teil, und dem reaktiven, der die schmerzlichen Erfahrungen speichert. Letztere werden verdrängt und sind dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich. Sorgen, Depressionen, psychosomatische Krankheiten – sie alle haben laut dem Autor L. Ron Hubbard ihren Ursprung im reaktiven Verstand. Gemäss Hubbard kann dieser sogar die Kontrolle über die menschlichen Emotionen und Handlungen übernehmen. Das Ziel der Dianetik ist somit, den reaktiven Verstand vollständig auszulöschen. Hey, hier kennt einer die Lösung für meine Probleme! Der Autor schreibt, wie man sich davon befreien kann. Meine Lehre, die ich eben begonnen habe, ist nicht, was ich will. Meinen Traum, Filmregisseur zu werden, habe ich irgendwann begraben. Und mit den Drogen habe ich mehr oder weniger aufgehört. Aber meinen wirklichen Platz im Leben habe ich noch nicht gefunden.
Dem Buch liegt ein Test mit 200 Fragen bei sowie die Adresse, wo dieser ausgewertet wird. Ein paar Tage später stehe ich vor einem Haus an der Löwenstrasse, einer Parallelstrasse der bekannten Zürcher Bahnhofstrasse. Ein klappriger, alter Gitterlift aus dem frühen 20. Jahrhundert bringt mich in den fünften Stock.
Mit dem ausgefüllten Test in der Hand klopfe ich an die Tür mit dem Schild: ‹Scientology-Mission Zürich›.
