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Intellektuelle - mittlerweile überflüssig wie ein Kropf? Die Unterscheidung Rechts und Links - Schnee von gestern? Ausgehend von Zeitungslektüre, unternimmt Stephan Reinhardt in seit der Wende unübersichtlicher gewordenen Verhältnissen den Versuch einer Orientierung. Seine These: Urteilsfähige Bürger sind Auskundschafter, Seismographen der Demokratie. Wer die Ideen von Aufklärung und Französischer Revolution - Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie die "Achtung vor der Person und vor der Wahrheit" (Julien Benda) - ignoriert, ist in Gefahr, geistige Souveränität auf dem Altar der Real- und Machtpolitik zu opfern - und damit auch "Phantasie für den Entwurf von Alternativen" (Habermas). Etliche ehedem linksliberale Geistesarbeiter haben vor und vor allem nach der Wende die Seiten gewechselt. Stammtischideen der "Konservativen Revolution" wie ethnische Homogenität wurden aufgewärmt in der Forderung nach "deutscher Leitkultur"; im bewußten Mißverständnis des Begriffes Gleichheit werden gesellschaftliche Chancenungleichheit und wachsende Verarmung als unvermeidlich akzeptiert. In einem Klima geistiger Aufrüstung richten sich deutsche Tuis den Terror des Krieges zur selbstverständlichen Option her. Wahre Patrioten aber sind Verfechter der Grundwerte der Verfassung - Kinder der Aufklärung und der Französischen Revolution. Auch in Demokratien brauchen sie Mut, um moralische Sensibilität und Mitleidsfähigkeit für Schwächere und für Minderheiten unter Beweis stellen zu können. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.
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Seitenzahl: 551
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Reinhardt
Verrat
der
Intellektuellen
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Gedruckt auf 100% Recyclingpapier; alterungsbeständig nach DIN ISO 9706; ausgezeichnet mit dem Umweltzeichen »Blauer Engel« und dem »Nordic Environmental Product Label«.
Herstellung: Verlagsdruckerei Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster. Druck, Bindung und Weiterverarbeitung stets unter Verwendung von umweltfreundlichen Materialien und Drucktechniken.
Stephan Reinhardt
Verrat der Intellektuellen
Schleifspuren durch die Republik
Mit einem Nachwort von
Hermann Peter Piwitt
Essay 13
Stephan Reinhardt, »Verrat der Intellektuellen« (Essay 13)
© 2008 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Thorsten Hartmann
Umschlag: Thorsten Hartmann unter Verwendung eines Photos
von Sebastian Runge
ISBN 978-3-938568-64-4
eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net
Für Andreas (†) und Jan (†)
Hollywood
Jeden Morgen, mein Brot zu verdienen
Gehe ich auf den Markt, wo Lügen gekauft werden.
Hoffnungsvoll
Reihe ich mich ein zwischen die Verkäufer.
(Bertolt Brecht)
Die Hoffenden
Worauf wartet ihr?
Daß die Tauben mit sich reden lassen
Und daß die Unersättlichen
Euch etwas abgeben!
Die Wölfe werden euch nähren
statt euch zu verschlingen!
Aus Freundlichkeit
Werden die Tiger euch einladen
Ihnen die Zähne zu ziehen!
Darauf wartet ihr!
(Bertolt Brecht)
Ich bin deutsch, die andern sind undeutsch; ich muß dran
festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut.
(Victor Klemperer, Dresden, am 11. Mai 1942)
Alle Menschen sind frei und gleich
an Würde und Rechten geboren.
(Anfangssatz des 1. Artikels der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte von 1948)
Wenn Sie in einem Staat keinerlei Lärm von
Streitigkeiten vernehmen, so können Sie sicher sein, daß es in ihm keine Freiheit gibt.
(Charles de Secondat Montesquieu)
Der Patriotismus des Deutschen besteht darin, daß sein
Herz enger wird, daß es sich zusammenzieht wie Leder in
der Kälte, daß er das Fremdländische haßt, daß er nicht
mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein
enger Deutscher sein will.
(Heinrich Heine)
Der neue Staat ist gegen die Intellektuellen entstanden.
Alles, was sich im letzten Jahrzehnt zu den Intellektuellen
rechnete, bekämpfte das Entstehen dieses neuen Staates.
(Gottfried Benn, Rundfunkrede, April 1933:
»Der neue Staat und die Intellektuellen«.)
Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht
entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in
Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische
Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation
der Deutschen erst nach – und durch – Auschwitz
bilden können.
(Jürgen Habermas)
Wir brauchen keine weitere Aufklärung mehr. Wir sind
aufgeklärt bis zur innersten Zerrüttung.
(Botho Strauß, Rede zum
Gotthold-Ephraim-Lessing-Preis 2001)
Wenn der Fisch stinkt, mußt du sagen, daß er stinkt, und
wenn er nicht stinkt, behaupte nicht, daß er stinke.
(Michael Walzer)
INHALT
Einleitung
I Ist der universalisierende Intellektuelle passé? / Verrat der Intellektuellen?
II Auf dem deutschen Sonderweg
1. Ethnische Homogenität und übersteigertes Selbstwertgefühl
2. »Der Krieg ist der Vater aller Dinge« oder »Pfiff und Schliff« als »permanente Tatsache« – Ernst Jünger I
3. Gottfried Benn: »Ich erkläre mich ganz persönlich für den neuen Staat, weil es mein Volk ist, das sich hier seinen Weg bahnt«
4. »Die totale Mobilmachung« – Jünger II
5. Ernst Nolte kopiert Ernst Jünger im »Historikerstreit«
6. Galionsfigur der Neuen Rechten
7. Gegenaufklärung: Botho Strauß‘ »Anschwellender Bocksgesang« I
8. Journalistenbeschimpfung als Sündenbocksuche
9. Zerfetzte Gesichter oder eine neue Ästhetik des Schreckens
10. Demokratische Offenheit für Sinnangebote wird mißverstanden als orientierungslose Beliebigkeit: Joachim Fest, Arnulf Baring et alii
III Stalins Säuberungen und die Moskauer Prozesse
1. Julien Benda: Recht ist zeitlich – und abhängig von jeweiligen Machtverhältnissen, Gerechtigkeit nicht
2. Stalins »Säuberungen« und die Moskauer Prozesse
3. Sartre: »In der SU herrscht uneingeschränkte Freiheit der Kritik«
IV Nationalgefühl / Erinnerungspolitik / Migration und allerlei Kehrtwendungen von Links nach Rechts
1. Demokratie als Streit und offene Gesellschaftsform, Diktatur und Theokratie als geschlossene
2. Erinnerungspolitik I
3. Der Fall Martin Hohmann
4. Neues Nationalgefühl und nationale Identität
5. Verfassungspatriotismus
6. Von Links nach Rechts – Walsers Wechselfieber
7. Erinnerungspolitik II – Geschichtsrevisionismus
8. Erinnerungspolitik III
9. Martin Walser: »Bis ins Unbewußte hinein geprägt von den Idealen und Demagogien seiner Zeit«?
10. Tendenzieller Antisemitismus?
11. Helmut Kohls Lautsprecher: Der Intellektuelle als Wasserträger
12. Gegenaufklärung: Botho Strauß‘ »Anschwellender Bocksgesang« II
13. Ethnische Homogenität oder Das Boot ist voll I
14. Aufklärung als das Böse I
15. Aufklärung als das Böse II
16. Rechte Verschwörungstheorie oder »Wir sind mehr als die Indianer«
17. Ethnische Homogenität oder Das Boot ist voll II
18. Toleranz als »Gift«?
19. Migration als Dauerthema
20. Leitkultur Aufklärung und Humanismus versus Deutsche Leitkultur
21. Aufklärung als das Böse III
22. Schwundstufe der Straußschen Kulturkritik
23. »Weißer Mann – was nun?«
24. Verlangen nach der alles leitenden Idee
25. Wiederbelebung des Religiösen
26. »Gott ist nicht tot. Jeder Christbaum zeugt von einer Tradition, die mehr ist als Kulisse.«
27. Uwe Tellkamp: »Plädoyer für eine konservative Revolution«
28. Morbus
29. »Der Staat war der Feind, nicht die Väter«
30. Thomas Schmid, heute verantwortlich für alle »Welt«-Titel im Axel-Springer-Konzern
31. Udo di Fabio, heute Verfassungsrichter
32. Matthias Matussek, ehemaliger Kulturleiter des »Spiegel«
33. Deutschnational, Typus Augstein
34. Wende, Wiedervereinigung
35. Antifaschismus – eine Legende?
36. »Überhaupt wurzellos«: Der ehemalige »Ossi« im Westen I
37. »Überhaupt wurzellos«: Der ehemalige »Ossi« im Westen II
38. Der »Wessi« wittert seine Chance: Toterklärungen der Utopie
39. Rechts-links
40. Noberto Bobbio: »Polarsterne«
41. Ist Links sensibler als Rechts gegenüber Rassismus, Nationalismus, Neonazitum?
42. Erinnerungspolitik IV
43. »Die tausend Augen des Doktor PC.« (Dieter E. Zimmer)
44. Political Correctness / »Terror der Gutwilligen« / »Gutmensch«
45. Der kriegerische Zerfall Jugoslawiens
46. Offene Wahrheit oder Wahrnehmungsschwäche? Milosevic und Peter Handke
47. Geniebonus, Geniekult und Heiligsprechung
V Option Krieg
1. Von »Nie wieder Krieg!« zu »Wieder Krieg«
2. »Humanistischer Fundamentalismus«?
3. UNO
4. Erster Golfkrieg: 16. Januar 1991
5. Intellektuelle im Dienste »propagandistischer Übertreibung«
6. »Kultur des Krieges«?
7. Deutsches Militär in den Balkankriegen statt Kriegsvermeidungsstrategien
8. »Computer-Killer aus 5000 Meter Höhe« und »Irrfahrt im Einbaum«
9. »Die Bereitschaft, nötigenfalls auch für sein Vaterland zu sterben, ist und bleibt ein Prüfstein republikanischen Bürgersinns«
10. Ästhetik des Schreckens des Krieges, »wahrnehmungstechnisch«
11. Der 11. September 2001 wird zur historischen Zäsur
12. »Menschenrechte ins Reich der Utopien versetzt«?
13. »Krieg gegen den Terrorismus« und »Kreuzzug gegen das Böse«
14. »Bananenrepublik ohne Bananen«
15. »Krieg gegen den Terror« als Rechtfertigung des permanenten Ausnahmezustandes
16. Vorwurf des Antiamerikanismus: wohlfeil
17. »What We‘re Fighting For« (»Wofür wir kämpfen«)
18. »Brief von Bürgern der Vereinigten Staaten an Freunde in Europa«
19. »Not in our name«
20. Gerhard Schröder: Ende der »uneingeschränkten Solidarität«
21. Zweiter Irakkrieg: 20. März 2003
22. »Gewaltexperte« Wolfgang Sofsky
23. »Irak-Krieg als Exempel: Ohne Hegemonialmacht kein Weltfrieden«, will sagen: »Weltgewaltordnung«
24. »Europas Wiedergeburt«? Demonstrationen gegen den Krieg
25. Pazifisten sind Steigbügelhalter des Diktators Saddam Hussein
26. »Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit«
27. »War is peace« – Newspeak / Sprachregelung
28. »Geld für gute Stimmung« im »Sauberen Krieg« durch Embedded Journalists
29. Warrior statt soldier – private Söldner und Killer übernehmen Schmutzarbeit
30. Enzensbergers »Schreckens Männer«
31. Harold Pinters Nobelpreisrede und deutsche Feuilletonintellektuelle
VI Soziale Sensibilität und Solidarität
1. Gleichheit nicht als Gleichmacherei, sondern als Verteilungsgerechtigkeit
2. »Bedingungsloser Marktopportunismus«
3. »Fehlender Leistungswille« in der »Unterschicht« oder »Politik zerstört Aufstiegswillen«
4. Wer produziert das wachsende Heer der Arbeitslosen?
5. Globalisierung als Lohndumping und Erpressung des Staates
6. Sozialstaatsschmähung: »Wohlgefühlt haben sich in diesem Sozialstaat immer nur jene, die ihn mißbrauchten«
7. »Soziale Exklusion« gefährdet die Demokratie
VII Totsagungen und Wiederbelebungsversuche des Intellektuellen
1. Entmoralisierung
2. Der fliegende Robert
3. Expertokratie und Totsagung des Intellektuellen oder »Das eigentlich Politische ist nicht Sache der Experten«
VIII Normale Demokratie oder Ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem das Unheil kroch?
Hermann Peter Piwitt: Nachwort
Anmerkungen
Literatur
Einleitung
Seit einiger Zeit wird die Legende gepflegt, daß spätestens seit 1998, als Rot-Grün mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer eine neue Regierung stellte, die Achtundsechziger die Geschicke und das geistige Klima der Bundesrepublik bestimmten und prägten. Die Linken, heißt es auf der Rechten, hätten schon lange das Sagen. »Jetzt«, erklärte ganz in diesem Sinne im März 1997 enttäuscht der Schriftsteller Martin Walser in seinem Arbeitszimmer am Ufer des Bodensees drei angereisten Redakteuren der »Frankfurter Rundschau«: »Jetzt sind die 68er die Mächtigen. Das sind Linke.« Und, fügte er hinzu, die »sind hemmungsloser, rücksichtsloser, dogmatischer, polemischer als die früheren«1. Das dürfte, von heute aus betrachtet, eine Übertreibung sein, mehr noch: Ein Irrtum. Denn in Wirklichkeit sind die deutschen Intellektuellen schon lange nicht mehr links. Etliche haben sich parallel zu ihrer Karriere ziemlich bereit- und geldwillig entweder dem Neoliberalismus verschrieben oder sind auf dem Vehikel konservativer Kulturkritik nach rechts geschwenkt, und der Mainstream läßt sich mittlerweile ohnehin den Wind von rechts in den Rücken blasen. Dabei kommt es zu merkwürdigen Konfusionen und Umwertungsanstrengungen. Da vergleicht und setzt nahezu gleich der Büchnerpreisträger Martin Mosebach in seiner Darmstädter Dankesrede am 28. Oktober 2007 Antoine de Saint-Just – einen der blutrünstigen Gefolgsmänner Robespierres in der Französischen Revolution – mit dem Reichsführer SS Heinrich Himmler, der in seiner Posener Rede vom Oktober 1943 den Massenmord an den Juden rechtfertigte. Mosebachs reaktionäre Idee fixe: Französische Revolution und die ihr zugrundeliegende Aufklärung markierten einen Irrweg. Die Zeit vor der Aufklärung sei dagegen eine gute Zeit gewesen. Wer aber die »wechselseitigen Grausamkeiten« wie die im Französischen Bürgerkrieg, wendet der Historiker Heinrich August Winkler zu Recht ein, gleichsetzt mit dem rassischen Genocid der Nazis, begeht Geschichtsklitterung2. Und auf Mosebachs bizarr-reaktionärer Refeudalisierung setzt, dem von Fellows und Zeitgeist gefeaturten Büchner-Preisträger zur Seite springend, Alexander Gauland, Herausgeber der »Märkischen Allgemeinen«, im November 2007 in der »Welt« noch eins drauf: die Französische Revolution habe durch ihre »Verachtung von Traditionen und jahrhundertealter Erfahrung«, dekreditiert er, der ganzen Moderne ihre »intolerante, menschenverachtende Richtung« gegeben. Überhaupt: die Moderne sei ein einziger gräßlicher Irrweg, sichtbar heute in Bauhaus-Architektur, Regietheater, Genderstudy und abstrakten Bildern – sie sei eine, so auch der den Essay redaktionell verantwortende Redakteur »MS«, »potentiell terroristische Anmaßung«3. Geht es ideologisch verbiesteter und ästhetisch einfältiger? Oder ein halbes Jahr zuvor: im Mai 2007 erhielt ein leidenschaftlicher Antiaufklärer und hartnäckiger Jüngerianer wie Karl Heinz Bohrer einen Preis, der dem leidenschaftlichen Aufklärer und Antijüngerianer Heinrich Mann gewidmet ist. Oder vor Jahren, 2001, bedachte eine desorientierte Jury den gnadenlosen Lessing-Verächter Botho Strauß mit just dem Gotthold-Ephraim-Lessing-Preis. Verwirrter geht’s nimmer.
Da wir immer mit einem Fuß in der Vergangenheit stehen – sonst stünden wir nicht in der Gegenwart –, haben wir es auch immer mit dieser Vergangenheit zu tun. Oft nehmen wir sie gar nicht mehr wahr, dann wiederum haben wir es fast täglich mit ihr zu tun. Diese Vergangenheitsanteile kommen uns dann wie ein Bleigerüst vor. Die Zeitungen sowie Fernseh- und Rundfunkprogramme sind voll von dem, was man das konservative ideologische Grundgerüst Deutschlands, seinen unter- und oberirdischen konservativen Mainstream nennen könnte: Wert gelegt wird wie eh und je auf ethnische Homogenität, auf nationale, also deutschnationale Verhaftung und, was auch immer das sei, auf deutsche Identität, »Leitkultur«, deutsches Selbstbewußtsein.
Ebendas lebte mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und dem Scheitern der DDR Ende der achtziger Jahre sowie der Wiedervereinigung der deutschen Teilstaaten 1990 wieder auf. Auch wenn Helmut Kohl, um in diesem Umbruch die ihm in den Schoß gefallene Vereinigung nicht zu gefährden, das deutschnationale Bewußtsein etwa seines damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble europäisch dämpfte, das deutsche Selbstbewußtsein war damit keineswegs erloschen. Wie auch? Endlich war vereint, »was zusammengehörte« (Willy Brandt) – eine historische Zäsur, die freilich die »Linke« zu erheblichen Teilen auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Die fürchtete die Schäubles und Augsteins und war voller Skepsis gegenüber der Wiedervereinigung. Dafür wurde sie heftig gescholten und auch bestraft. Das einst rote Sachsen zum Beispiel wählte nun tief schwarz. Mit der »Linken« verlor dabei auch die Figur des Intellektuellen an Zustimmung. Sie wurde abgewertet. Und spektakulär wechselten etliche der meinungsführenden Intellektuellen – Martin Walser, Botho Strauß, Hans Magnus Enzensberger – vom linken Meinungsspektrum hinüber zum rechten und rechtsliberalen. Begleitet wurden solche Seitenwechsel in den Feuilletons von der Behauptung, die bis dahin nützliche Unterscheidungshilfe Rechts-links habe ihre Berechtigung verloren. Der Frage sei hier ebenfalls nachgegangen: Hat sie das wirklich? Und gibt es neben völlig plausiblen Überzeugungswechseln aus besserer Einsicht nicht auch Formen intellektuellen Verrats – wie sie zum Beispiel der französische Sozialkritiker Julien Benda in seiner Streitschrift »Der Verrat der Intellektuellen« (deutsch 1978) beschrieben hat? Wenn sich etwa Geistesarbeiter zum Sprachrohr von Rassismus, Nationalismus und Partikularismus machen lassen oder den einzelnen Menschen opfern auf dem Altar eines Kollektivs – einer Nation, eines Staates, einer Region, einer Gruppe – oder einer zum Dogma erstarrten Geschichtsphilosophie? Auch Intellektuelle sind käuflich. Jahrzehntelang zum Beispiel richtete der Schriftsteller Bertolt Brecht sein Augenmerk auf den Mißbrauch des Intellekts durch jene, für die er den Neologismus »Tui« – in der Umkehrung »Tellekt-Uell-In« – prägte. »Tui« war für Brecht ein Journalist, Schriftsteller, Wissenschaftler, der seine Meinungen, Ansichten, Überzeugungen auf dem Meinungsmarkt verkaufte im Sinne des jeweils »gewünschten Ideologie«-Bedarfs4. Dergleichen – daß Geist nach Geld geht – weisen Intellektuelle gewöhnlich weit von sich. Was sie indes für freie Selbstwahl halten, ist oft Selbstpreisgabe, Resultat eingestandener oder uneingestandener Abhängigkeiten, Hierarchien und Machtverhältnisse. Sich dessen bewußt zu werden, daß eben auch Geist abhängig ist von Geld, also erhältlich, darauf verweist der französische Soziologe Pierre Bourdieu in »Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen« (1989) mit dem lapidaren Hinweis: »Es ist gerade die typische Illusion des Intellektuellen, zu glauben, er habe keine Illusionen und es gebe keine Grenzen: Er analysiert ständig die Grenzen der anderen und vergißt darüber seine eigene Grenze, eben die, zu glauben, es gäbe keine.«5 Aber nicht nur Geld setzt Grenzen. Lange Zeit, seit Beginn des 19. Jahrhunderts, hatte sich Deutschland eingegrenzt auf dem Sonderweg des Nationalismus, bis es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Gestalt des Teilstaates Bundesrepublik durch die westlichen Sieger endlich zum Anschluß gezwungen wurde an die Wertewelt der Demokratie und damit auch – rückwärtsgewandt – der Aufklärung. Die von Aufklärung, Humanismus, Pazifismus und Vernunft geprägten Ressourcen und Reserven waren im Deutschen Reich und in der Weimarer Republik zu schwach, um der stetigen Militarisierung des Denkens durch rassistische und nationale Superioritätsphantasmen etwas entgegenzusetzen. Krieg, lange schon eine ganz natürliche Option, wurde in den zehner Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts herbeigesehnt als metaphyisches Reinigungsgewitter. Vernunft und Denken erstarrten dann unter der Herrschaft der Nationalsozialisten vollends im »Dritten Reich«, das Europa und Teile der Welt mit dem Zweiten Weltkrieg überzog.
Heute ist die Bundesrepublik, zu der 1990 die ehemalige DDR hinzukam, eine Demokratie. Und sie ist – noch immer Exportweltmeister und seit 2006/2007 in der Gunst einer neuen Konjunktur –, scheint es, frei von allen Superioritätsgefühlen. Aber sind die Anfechtungen der Vergangenheit wirklich ein für allemal passé? Die Überbetonung des Deutschnationalen. Wie ist das zu verstehen: Wenn zum Beispiel vermehrt im gesellschaftlichen Spektrum von Mitte-rechts deutsche Identität, »deutsche Leitkultur« gefordert werden oder eine »Erinnerungskultur«, die mit vielerlei rhetorischen Floskeln auf eine Relativierung oder Revision des »Dritten Reiches« und seiner Verbrechen hinausläuft? Wenn so der konservative Historiker Karlheinz Weißmann propagiert, daß an das wiedervereinte Deutschland real- und machtpolitisch der »Rückruf in Geschichte«6 ergangen sei? Oder wenn das Rassismus-Axiom von der ethnischen Homogenität in der bundesdeutschen Migrationspolitik immer wieder aufs neue bestätigt wird durch die fremdenfeindliche Haltung des »Das Boot ist voll«? Hier zeigt sich zum Beispiel, wenn unerbittlich auf dem Deutschnationalen und ethnischer Homogenität bestanden wird, daß die angeblich überflüssige Unterscheidungshilfe Rechts-links durchaus sinnvoll ist. Mitte-rechts argumentiert, geht es um Migration und Deutschnationales, hartleibig konservativ bis reaktionär. Wo es um das Andere, das Fremde, um Minderheiten geht, ist Links dagegen offener und sensibler – ebenso wie in Fragen sozialer Gerechtigkeit und Solidarität. Wobei im Falle der größeren Parteien CDU/ CSU und SPD deren jeweils linke Flügel in Themen und Thesen einander immer ähnlicher geworden sind und miteinander konkurrieren – vor allem, nachdem die SPD mit »Agenda 2010« und Hartz IV ihr soziales Gewissen auf dem Altar der Marktwirtschaft leichtfertig in Frage stellt. Urteilsfähige Bürger und kritische Begleiter gesellschaftlicher, staatlicher Zustände und Umstände sind deshalb auch heute nicht überflüssig. Im Gegenteil, äußerst nützlich für die Qualität einer Demokratie. Man stelle sich zum Beispiel vor: Als der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger am 11. April 2007 in seiner Trauerrede den früheren Ministerpräsidenten Hans Filbinger wahrheitswidrig in die Nähe des Widerstands gegen Hitler rückte und bemerkte: »Filbinger war kein Nationalsozialist. Er war ein Gegner des NS-Regimes. Allerdings konnte er sich den Zwängen des Regimes ebensowenig entziehen wie Millionen anderer … Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte«, und es hätte keinen Widerspruch gegeben – von Historikern und Intellektuellen und dem »Zentralrat der Juden in Deutschland«? Hätte sich dann ein Technokrat wie Oettinger, der rechten Redenschreibern aus dem Umkreis des 1979 von Filbinger selbst gegründeten stockkonservativen »Think Tanks« »Studienzentrum Weikersheim«7 aufgesessen war, für seinen »Fehler« entschuldigt?8 Auch in diesem Falle zeigte sich: Der innenpolitische Wert des »Zentralrats der Juden in Deutschland« für den Demokratie- und Minderheitenschutz in der Bundesrepublik ist ganz erheblich, seine Verlautbarungen zur Regierungspolitik Israels folgen anderen Interessen. Exemplarisch zum Ausdruck gebracht hat das der Vorsitzende des Zentralrats Paul Spiegel während seines Grußworts auf dem CDU-Parteitag in Frankfurt/Main am 17. Juni 2002: »Wir Juden fühlen uns wohl in diesem Land, das inzwischen für bereits zwei Generationen von Juden zu ihrem Geburtsland geworden ist. Allerdings hat die Shoah Folgen gezeitigt, denen wir Juden uns nicht mehr entziehen können. Wir nehmen nichts mehr als selbstverständlich hin … Als Minorität, die wir seit Jahrtausenden in der Diaspora sind, ist es kein Wunder, daß Juden eine Art sechsten Sinn, eine besondere Sensibilität für Abweichungen, selbst der kleinsten Art im anfälligen und zerbrechlichen Gefüge menschlichen Miteinanders entwickelt haben. Kritiker nennen diesen sechsten Sinn gern Hypersensibilität oder gar Hysterie. Wir sehen das anders. Diese besondere Wachsamkeit, die für uns zur zweiten Natur geworden ist, ja werden mußte, hat uns häufig das Leben gerettet. Seitdem sind wir gewarnt, seitdem wissen wir, daß wir stets auch das Undenkbare mitdenken müssen, wenn es um unsere Sicherheit und die anderer Minderheiten geht.«9 »Sensibilität für Abweichungen«, Mitgefühl für Andere, Fremde, für Minderheiten ist eine menschliche Grundtugend für jede und jeden, auch für Intellektuelle.
Begriffe wie »Intellektueller« und »Moral« (oder auch »Gewissen«) haben bei etlichen Intellektuellen und geistigen Funktionsträgern in Redaktionsstuben und Universitätsseminaren keinen guten Klang. In den Feuilletons überregionaler Zeitungen wie der »Welt«, »FAZ«, »Süddeutschen«, selbst auch der »taz« und der »Frankfurter Rundschau« – die ehemals mit Kopf und Herz zuvörderst das nicht immer leicht zu intonierende Hohe Lied der Aufklärung sangen – erregen sich jüngere Redakteure und ehrgeizige Beiträger. So befindet Harry Nutt im vor Jahren neoliberal gewendeten Feuilleton der »FR«: »Man hält ihn noch im Spiel, den Intellektuellen, aber die Frage, wofür er noch gebraucht wird, ist kaum mehr zu beantworten … Der Typus des Intellektuellen wird immer häufiger zum Gegenstand einer Kasuistik seines eigenen Zerfalls.«1 Das Beispiel des heute 80-jährigen Günter Grass – einer der nach Bölls Tod wenigen ›klassischen‹ Intellektuellen der Bundesrepublik – schien erneut Stoff für diese Toterklärung zu geben. Grass, der immer eingeräumt hatte, als Flakhelfer und Schülersoldat ein glühender Jungnazi gewesen zu sein und dessen ganzes literarisches und publizistisches Werk auf eine Korrektur ebendieser Jugendsünde hinausläuft, hatte die Mitteilung über seine Zugehörigkeit kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS-Division »Frundsberg« erst 2006 als 79-Jähriger, im Rahmen der Werbe-Kampagne zu seiner gerade erscheinenden Biographie »Beim Häuten der Zwiebel«, gewissermaßen offiziell bekannt gemacht.2 Gewiß kein Ruhmesblatt, abgesehen von der Merkwürdigkeit, daß er ausgerechnet der »FAZ«, die ihn 1998 anläßlich seiner Friedenspreisrede für den türkischen Schriftsteller Yasar Kemal als falschen Moralapostel geschmäht und die ihm auch den Nobelpreis nicht so recht gegönnt hatte, dies anvertraute – statt dem notleidenden SPD-Organ »Vorwärts« oder – warum nicht? – der »taz«. Aber welche Heuchelei folgte dem nun auf dem Fuß. Für diejenigen, denen Grass‘ politische Zeitkommentare schon lange mißfielen, war dies Anlaß zur Maßregelung: War dieser Grass nicht seinerseits ein Heuchler? Anderen Moral predigen – und selber? Und bestätigte das nicht ihre tiefe Skepsis, die sie schon immer gegen die Figur des Intellektuellen gehegt hatten? »FR«-Feuilletonredakteur Christian Schlüter3 rügte die angeblich »zumeist im hocherregt und überdreht hohen Ton der Moral vorgetragenen Statements« von Günter Grass und warf gleich die öffentliche Figur des Intellektuellen sowie die ganze Generation der Achtundsechziger in den Orkus. Und dekretierte in scharfem Tonfall: »Es gibt gar keine Generation zu verabschieden, weil sie längst verabschiedet worden ist.« »FR«-Kollege Christian Thomas glaubte gar die ganze Nachhitlerzeit mit dem Begriff der »Hypermoral« des konservativen Soziologen und Adorno-Antipoden Arnold Gehlen – für den in seiner Monographie »Moral und Hypermoral« humanistische Moral Überforderung und »Gesinnungsterror« bedeutete – erklären zu können: »Der nazistische Nihilismus, die radikale Aufkündigung traditioneller Normen und Werte in der NS-Ideologie, verlangte zwingend nach einem Gegenentwurf. Aus ihm entwickelte sich eine Gesinnungsstärke, bei mancher Gelegenheit in der Auseinandersetzung mit der westdeutschen Restauration aber auch ein Gesinnungsüberschuß, der sich schließlich den Vorwurf der Hypermoral einhandelte«4. Thomas‘ methodisches Vorgehen ist charakteristisch für etliche der jüngeren Feuilleton-Intellektuellen: Sie verflüchtigen moralische Grundkategorien und formalisieren ihr Denken funktional-technokratisch, indem sie psychologisieren. Ihnen geht es bloß nur noch um »Moral-Wettkämpfe«, »Gesinnungsstärke«, »Hypermoral«, also um Deutungshoheit. Inhalte und deren moralische Qualitäten interessieren weniger als vielmehr Macht und Machtkämpfe. Bedurfte es aber nicht gerade einer neuen Moral und »Gesinnungsstärke«, um der rassisch-völkischen NS-Gesinnung mit ihrem mörderischen Sozialdarwinismus den mentalen Boden zu entziehen? Was kann überall und zu jeder Zeit anzutreffendes Fehlverhalten ausrichten gegen das Recht, eine Moral und Gesinnung zu behaupten, die sich gegen die Wiederholung der nationalsozialistischen Ideologie und ihrer entsetzlichen Minderheitenverfolgung zur Wehr setzt? Geht es kleinteiliger und selbstgerechter? Während Christian Thomas noch mithilfe der Psychologie um Verständnis rang, entrüstete sich in der »Zeit« regelrecht ihr Altredakteur Ulrich Greiner.5 Empört rief er dem »Moraltrompeter Grass« ein »Es ist nun wirklich genug!« hinterher: Genug des »eitlen Gedröhnes«, der »unerträglichen Selbstgerechtigkeit« der Flakhelfer-Generation, des Moralismus des »Renegatentums« der Grass und Jens. Offenbar lang angestaute Zurücksetzung brach sich bei Greiner sturzartig Bahn: Durch Jahrzehnte habe, zürnte er, die »ewige Rechthaberei der Flakhelfer« »viele Sendestunden und viele Feuilletonseiten« in Anspruch genommen, ohne daß dies von »geistigem Nutzen für die Nation« gewesen sei. Statt temperiert mit dem Krieg als Geburtshelfer der bundesdeutschen Demokratie umzugehen, hätten die Grass und Jens renegatischen Moralismus praktiziert. Daher, so Greiner, wurde der Krieg zum »Vater eines rigorosen Moralismus. Er kam nicht selten aus den Reihen jener, die selber in unterschiedlichem Maß Anteil hatten an Verblendung und Verbrechen.« »Renegatischer«, also »rigoroser Moralismus«, was soll das bedeuten? Wohl doch: Moral darf sein, aber nur ein bißchen. Aber darf – muß – Krieg nicht immer wieder Anlaß sein zu analytischer, also auch moralischer Gesamtbetrachtung? Seien es die 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges oder die 200 000 Toten des Afghanistankrieges 2002 oder die unzähligen – die Zahlenangaben schwanken zwischen 151 000 und 655 000 – Toten des zweiten Irakkrieges (darunter seit März 2003 bis 2008 4000 US-Soldaten) oder die 1500 toten Libanesen sowie die 150 toten Israelis des Libanonkrieges 2006? Für die Schlüter und Greiner ist das nervtötender renegatischer Moralismus des Grass, der Intellektuellen, der achtundsechziger Generation. Ist es so – nervtötender Moralismus? Und wenn »FAZ«-Redakteur Henning Ritter in verquaster Diktion den konservativen Soziologen und rechten Netzwerker Arnold Gehlen hochpreist zum »aktuellen Denker für Deutschland«, weil der eben die »humanitaristische Gesinnungsethik«, diesen »herrschenden allzuständigen Moralismus« (der, so Ritter, Linken Adorno und Habermas), abtut als Ethik der »Zuschauenden und Kritisierenden, die für die Folgen des Handelns nicht aufzukommen brauchen«6, dann ist das rechter Zeitgeist-Stammtisch – mit peinlich-schalem Dunst. Moral – ist sie von Natur aus hypertroph? Lassen sich Vernunft und Moral nur denken als partikular und regional, wie Henning Ritter in der Nachfolge Ernst Jüngers und Arnold Gehlens plötzlich wieder glauben machen will?7
Ist also der universalisierende »Intellektuelle« passé? Wer ist das überhaupt, der Intellektuelle? Der Schriftsteller und frühere Jusovorsitzende Johano Strasser, heute PEN-Vorsitzender, hat in seiner Streitschrift »Kopf oder Zahl« (2005) eine Lanze gebrochen für die Figur des Intellektuellen. Der Intellektuelle ist jemand, so Strasser in einem Rundfunkinterview, »der privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit hat und diesen privilegierten Zugang als Verantwortung begreift, um für diejenigen zu sprechen, die diesen Zugang zur Öffentlichkeit nicht haben«8. Und Strasser fügte hinzu, daß ein Intellektueller »nichts andres ist als ein paradigmatischer Citoyen, der öffentlich vorführt, was in der Demokratie Sache des Bürgers ist«. Sodann zog Strasser die fällige historische Parallele zur Dreyfusaffäre. Der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus, einziger Jude im französischen Generalstab, war ein Opfer des Antisemitismus geworden und wegen angeblicher Spionage für Deutschland lebenslang auf die Sträflingsinsel Cayenne verbannt worden. Erst öffentlicher Protest rettete ihn. »J‘accuse« – mit diesem an den französischen Staatspräsidenten adressierten Offenen Brief forderte der Schriftsteller Émile Zola Gerechtigkeit für Dreyfus. Zolas Brief schlossen sich in einem »Manifest der Intellektuellen« mehr als 2000 Franzosen unterschiedlichster Berufe an – unter ihnen Schriftsteller, Künstler, Publizisten, Wissenschaftler, Studenten. Dennoch: Das »J‘accuse« des damals berühmtesten Schriftstellers Frankreichs trug ihm sofort einen Schauprozeß vor dem Pariser Schwurgericht ein. »Tod für Zola« riefen dabei vor dem Gerichtsgebäude fanatisierte Demonstranten. Das Gericht verurteilte ihn wegen Beleidigung des Kriegsgerichtes zu einem Jahr Gefängnis und einer Geldstrafe von 3000 Francs. Zola und seine Familie wurden bedroht; der Schriftsteller floh nach London.
Dem Vergessenwerden auf der Sträflingsinsel entkam Dreyfus allein deshalb, weil Zola neben Mut und Zivilcourage auch Durchstehvermögen bewies. »Mut« – der »Wahlspruch der Aufklärung« lautet in Kants 1783 publizierter »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?«: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«9 – ist eine Grundtugend des Intellektuellen. Ihrer bedurften – mehr noch als der berühmte Zola – viele der weit weniger bekannten Petenten. Etliche der Unbekannten setzten ihre Karriere aufs Spiel. Erst nach jahrelangem Kampf brach das Lügengebäude von Generalstab und Geheimdienst zusammen. Und erst 1906, vier Jahre nach Zolas Tod, wurde Dreyfus rehabilitiert. Der ihn belastende Brief wurde schließlich als Fälschung entlarvt. Zola wurde zur Vaterfigur des Intellektuellen, »J‘accuse« seine Geburtsurkunde. Mit dem sogenannten »Manifest der Intellektuellen« von 1898 in Umlauf gesetzt wurde auch der Begriff des Intellektuellen.10 Fortan, nach 1898, wurde der Begriff des Intellektuellen in negativem wie positivem Sinne gebraucht. Der »Bloc républicain« – die Befürworter von Republik, Demokratie und Öffentlichkeit – bedienten sich seiner als Ehrentitel – und begründeten für das moderne Frankreich die »Institution« der intervenierenden Intellektuellen. Die antisemitische »Action française« – Gegner der Demokratie wie Charles Maurras und Maurice Barrès – machten das Wort »Intellektueller« dagegen zum Schimpfwort. Denn da meldeten sich, so ihr Vorwurf, Leute ohne gesetzliches Mandat öffentlich zu Wort in einer Angelegenheit, die allein Sache der Zuständigen, der Fachleute, der Experten, im Falle Dreyfus der Militärgerichtsbarkeit, sei. Und Barrès fügte hinzu: Es sei nicht zulässig, Begriffe wie »Wahrheit«, »Gerechtigkeit«, Vernunft zu verallgemeinern, zu universalisieren, schließlich gebe es immer nur eine konkrete Wahrheit, und zwar in diesem Falle die, die der Sache Frankreichs, seinem Blut, seiner Rasse und Nation, dienlich sei. Wer wie diese sogenannten Intellektuellen den abstrakten Wertekanon von Wahrheit und Gerechtigkeit über die Nation und den »Instinkt der einfachen Leute« stelle, erweise sich als ein besserwisserischer Haufe von »Entwurzelten«, ein Haufe, der Volk und Vaterland verrate. Barrés‘ die Figur des Intellektuellen negierende Argumentation ist bis heute ganz unvermindert in Gebrauch. In Frankreich beruft sich die »Neue Rechte« bis hin zu Le Pen auf ihr Vorbild »Action française«11. In Deutschland polemisiert der rechte Soziologe Helmut Schelsky 1975 in seinem konservativen, diffamierenden Pamphlet »Die Arbeit tun die anderen« gegen die angeblich klassenkämpferische »Priesterherrschaft der Intellektuellen«; und ebensolches kolportiert 2002 der konservative Soziologe Wolfgang Sofsky: Leute ohne Mandat redeten da über Dinge, von denen sie im Grunde nichts verstünden.
Am aggressivsten wurden Wort und Begriff des Intellektuellen im »Dritten Reich« diskriminiert. Intellektueller wurde zur Totschlagvokabel. Die »Deutsche Drogistenzeitung« druckte 1934 den seit 1928 populären Vers ab: »Hinweg mit diesem Wort, dem bösen, / Mit seinem jüdisch grellen Schein! / Wie kann ein Mann von deutschem Wesen / Ein Intellektueller sein!«12 Der Intellektuelle wurde in der NS-Ideologie nicht nur gleichgesetzt mit kapitalistischen Plutokraten, sondern auch mit dem sogenannten jüdischen Bolschewisten oder bolschewistischen Juden. Die aus Leitbegriffen wie Rasse, Volk, Blut und Boden, Nation, Reich, Führer kompilierte NS-Weltanschauung stand in unmittelbarem Gegensatz zum Universalismus von Aufklärung, Humanismus, Menschenrechtsdenken. Deren verachtenswerter Agent war in den Augen der NS-Bewegung sowohl der US-Dollar-Plutokrat als auch der bolschewistische Intellektuelle. Auch heute sind in Diktaturen, zumal in Theokratien, Intellektuelle nur dann willkommen, wenn sie der herrschenden Ideologie/Weltanschauung/Religion Beifall zollen. Andernfalls werden sie ausgegrenzt, marginalisiert, sodann kriminalisiert, verfolgt und mit dem Tode bedroht.
In Demokratien ist es anders. Intellektuelle stellen in ihnen so etwas dar wie eine Form der Bürgerinitiative – wobei sie oft, aber keineswegs immer willkommen sind. Die Wertschätzung oder Mißachtung, die sie erfahren, wird beeinflußt von der Stimmung des Zeitgeistes; sie erweist sich als abhängig von der jeweiligen politisch-ökonomisch-ideellen Interessenlage. Uwe Justus Wenzel, Redakteur für Geisteswissenschaften der »Neuen Zürcher Zeitung«, hat 2002 fünfzehn Autoren – die meisten von ihnen Professoren der Soziologie – Fragen gestellt wie: Was ist die zeitgemäße Form eines Intellektuellen, über welche Eigenschaften sollte er verfügen? Stellt er heute überhaupt noch eine Bereicherung des öffentlichen Lebens dar? Keinerlei Bereicherung, erklärte der 1952 geborene Soziologe Wolfgang Sofsky, weil Intellektuelle nicht mehr als Geldschneider und Aufmerksamkeitsjäger seien. Auf geradezu frappierende Weise wiederholte Sofsky damit in seinem »Illusionslose Beobachtung« überschriebenen Beitrag alle gängigen Klischees und Ressentiments – wie sie schon Schelsky in seiner inquisitorischen Intellektuellenfeindschaft vor nahezu 30 Jahren strapaziert hat – gegen Intellektuelle: Wohlfeil produzierten sie als »selbsternannte Moralwächter« Meinungsware für »Einrichtungen«, die allein durch öffentliche Kontroversen »Gewinn erzielten«13. Als »Gewissen der Menschheit« spielten sie sich auf und gäben vor, im Namen höherer Werte zu sprechen: »Sie schweben frei dahin, wo die Worte und Loyalitäten flüchtig, die Verantwortung gering, das Gedächtnis kurz« ist. Also lauter Schwätzer und Schluris. Auch der emeritierte Literaturwissenschaftler und Herausgeber des »Merkur« Karl Heinz Bohrer hielt ebenso wie der Publizist Claus Koch in diesem Sammelband die Figur des gesellschaftskritischen Kopfarbeiters für »abgelebt«. Beider Argument: Der Prozeß politischer Zivilisierung sei in den westlichen Demokratien vollzogen. Bohrer nannte als Beispiele: »Abschaffung der Todesstrafe, Sozialgesetzgebung für die weniger begüterten Schichten, absoluter Vorrang des Rechts vor der jeweiligen Exekutive«14. Darum hätten Gesellschaftskritiker nichts mehr zu tun und zu sagen. Nur vom »phänomenologisch begabten Blick«15 kulturkritischer Schriftsteller wie Botho Strauß könnte zukünftige Gesellschaftskritik noch etwas lernen. Gewiß, gibt Sighard Neckel, zu dieser Zeit Leitungsmitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Bohrer im selben Sammelband mit Recht zur Antwort, ist originelle literarische Kulturkritik von diagnostischem Wert, aber macht sie, fragt er, gleich den mitdenkenden und mitfühlenden Staatsbürger, den gesellschaftskritischen Zeitgenossen, überflüssig? Begründet permanenter gesellschaftlicher und sozialer Wandel nicht immer wieder aufs neue die Notwendigkeit, die mit diesem Wandel verbundenen Veränderungen zu beobachten, zu beschreiben und zu bewerten – und damit gesellschaftliche Begriffskämpfe zu führen, die zugleich auch Machtkämpfe sind unter dem Aspekt der Deutungshoheit? Etwa über den Wert von Bürgerrechten? Oder neuer sozialer oder ökologischer Herausforderungen? Müssen gesellschaftliche Grundwertvorstellungen – von Zeit zu Zeit – nicht immer wieder aufs Neue bestätigt werden? Der »kritische Blick« also ist unverzichtbar. Um ihn aber überhaupt erst möglich zu machen (so betont zum Beispiel der amerikanische Sozialwissenschaftler Michael Walzer, seit Jahrzehnten einer der Vordenker der amerikanischen Linken, im ersten und wichtigsten Essay dieses Bandes) bedarf es solcher »moralischer« Tugenden wie der des »Mitleids«, des »Muts« und des »guten Auges«, des »Augenmaßes«.16 Erst durch Mitgefühl, das heißt durch Einfühlung in die Situation anderer, entsteht Wahrnehmungsfähigkeit für Opfer- und Ungerechtigkeitsverhältnisse sowie Identifikationsbereitschaft mit dem Leid anderer. Das geht weder ohne Ernst Jüngers Kaltnadeltechnik der »désinvolture« (die zur Beurteilung notwendige Fähigkeit, Emotion im Zaum halten zu können), noch ohne genaues Hinsehen und Beobachten, noch ohne »moralische« Tugenden, also nicht ohne die von Luhmännern, Funktionalisten, Strukturalisten, Apokalyptikern und Dekonstruktivisten so vielfach geschmähten Humanisierungsfermente wie Moral, Gesinnung, Gewissen. Bloße moralinsaure Moral ist leer, ohne Moral aber ist alles nichts, zum Beispiel weil Moral zwangsläufig sich bildet bei Abwesenheit von Moral – durch Gewissen.
Um Kritik zu üben an Unrecht und »Ausbeutung« – »Menschen zu schinden ist falsch … und Ausbeutung ist … exakt in der gleichen Weise falsch«, so Michael Walzer17 –, dazu bedarf es auch in Demokratien des Muts und der Zivilcourage. In Diktaturen ist davon ungleich mehr vonnöten, aber eben auch in Demokratien erfordert es Mut und braucht es Zivilcourage, sich Mehrheitsmeinungen entgegenzustellen. Wie sehr das der Fall sein kann, zeigt das Beispiel des 11. September 2001 und seine Folgen.18
Um Unrecht zu erkennen, ist nicht so sehr Theorie erforderlich, betont Michael Walzer in seinem Beitrag »Die Tugend des Augenmaßes«, sondern von Mitleid und Mut getragene moralische Sensibilität. Ist es nicht so? Es ist so – und diese Sensibilität ist zeitlos, erklärt Julien Benda in seiner 1978 von Jean Améry neuherausgegebenen Streitschrift »Der Verrat der Intellektuellen«. Das Gefühl für Unrecht, moralische Empfindsamkeit für ungerechte Herrschaft von Menschen über Menschen, ist zu allen Zeiten existent, unabhängig von der jeweiligen Herrschafts- und Hierarchieform. Benda: »Ich kann mir durchaus vorstellen, daß die Völker, die Nebukadnezar an Nasenringen die Landstraße nach Chaldäa entlangzerren ließ, daß der Unglückliche, der von seinem mittelalterlichen Seigneur an den Mühlstein gebunden … wurde, daß der Jüngling, den Colbert lebenslänglich an die Galeerenbank ketten ließ: daß sie alle sehr wohl der Ansicht waren, man verletzte an ihnen ein ewiges – statisches – Prinzip der Gerechtigkeit.«19 Das Universelle ist in diesem Fall mehr als das Partikulare. Intellektueller ist, so beschreibt es auch Jean-Paul Sartre in diesem Sinne in seinen im Herbst 1965 in Japan gehaltenen Vorträgen »Plädoyer für die Intellektuellen«, wer einen universellen Anspruch behauptet und sich weigert, ihn in den Dienst partikularer Zwecke, das heißt der oder des jeweils Herrschenden, zu stellen: »Der Intellektuelle ist also der Mensch, der sich bewußt wird, daß es in ihm und in der Gesellschaft einen Gegensatz gibt zwischen der Suche nach der praktischen Wahrheit (mit allen Normen, die sie impliziert) und der herrschenden Ideologie (mit ihrem System traditioneller Werte).«20 Der Geistesarbeiter soll nicht als »falscher Intellektueller« »Wachhund« der »herrschenden Klasse« sein und ihre »partikularistischen« Interessen verteidigen, sondern sich einsetzen für »die Universalisierung, das heißt gegen die Ausbeutung, die Unterdrückung, die Entfremdung, die Ungleichheiten«21. Diese Worte klingen in heutigen neoliberalen Juste-Milieu-Ohren unerlaubt aufrührerisch, sie markieren indes nur die Differenz zwischen Universalismus und Partikularismus, zwischen der Reduktion auf das jeweils Besondere und dessen Abstraktion ins universell Allgemeine. Beider Dialektik aber ist für das Verständnis von Unterdrückung und Entfremdung sowie Versuchen ihrer Aufhebung unveräußerlich. So notwendig wie das stets vorhandene und in allen Generationen nachwachsende Gerechtigkeitsgefühl.
Auf eben diesen ebenso universalistisch-abstrakten wie ins Konkrete immer wieder übersetzbaren Grundwert der Gerechtigkeit bezieht sich in Wenzels Intellektuellen-Anthologie auch Ralf Dahrendorf, ehemaliger Europa-Kommissar und Direktor der »London School of Economics«. Intellektuelle, so die Empfehlung des (seit 1993) englischen Oberhaus-Lords, sollten zum Beispiel ineins mit den Grundprinzipien der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – den gesellschaftlich »wichtigsten Wertekonflikt«22 kritisch im Auge behalten: nämlich inwieweit es gerecht zugeht im Verhältnis der miteinander konkurrierenden Werte Gleichheit und Freiheit. Daß nämlich zum Beispiel Freiheit – ohne von Solidarität getragene Bereitschaft (wenigstens) zur Gleichheit der Chancen – für Schwächere eine Illusion ist.
Indem auch Benda das urdemokratische Prinzip der Gleichheit hervorhebt – daß alle Menschen frei und an Rechten gleich geboren sind –, behauptet er nicht, was die »Rechte« wiederum der »Linken« zum Vorwurf macht, ›Gleichmacherei‹ des Ungleichen. Benda weist diesen bis heute praktizierten Trick zurück: »Der Trick besteht darin, nicht zur Kenntnis zu nehmen, daß die Demokratie nur die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und im Zugang zu öffentlichen Ämtern zum Beispiel postuliert, während ihre Position in allen übrigen Fragen durch jenes Diktum des englischen Philosophen Grant Allen definiert wird, demzufolge ›Alle Menschen frei und ungleich geboren sind‹ und es ›das Ziel des Sozialismus ist, diese natürliche Ungleichheit zu erhalten und das beste daraus zu machen oder auch durch jenes andere des französischen Demokraten Louis Blank, demzufolge die wahre Gleichheit in der ›Verhältnismäßigkeit‹ liegt und für alle Menschen in der ›gleichen Entfaltung ihrer ungleichen Fähigkeiten‹ besteht – zwei Formulierungen, die beide zurückgehen auf den Gedanken Voltaires: ›Wir sind alle Menschen in gleicher Weise, aber nicht gleiche Mitglieder der Gesellschaft.‹«23 Nochmals (weil dies das wichtigste Kampfargument der alten Wirtschaftsliberalen bis hin zu den heutigen marktradikalen Liberalen, auch in der SPD, geworden ist): Der Trick besteht darin, nicht zur Kenntnis zu nehmen, daß (soziale) Demokratie nur die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, beim Zugang zu öffentlichen Ämtern sowie Gleichheit der Chancen, der Ausgangsbedingungen, postuliert. Daß Menschen nicht gleich sind, sondern höchst unterschiedlich, ist offensichtlich. Chancengleichheit verlangt Gleichheit der Ausgangsbedingungen, akzeptiert aber, daß »ungleiche Menschen aus gleichen Chancen Verschiedenes machen«24.
Anders als Sofsky, für den Intellektuelle bezahlte Schreibsöldner und Meinungs-Bubis sind, und Bohrer, der die Bundesrepublik bereits für »auszivilisiert« erklärt, hält es zum Beispiel eine so ungewöhnliche Allianz wie die von Michael Walzer, Ralf Dahrendorf und Johano Strasser durchaus für unklug, auf die Figur des sich öffentlich erklärenden Intellektuellen zu verzichten. Denn können jene, denen Wohl und Wehe des Ganzen nicht gleichgültig ist, nicht helfen, die Transparenz einer offenen, lernfähigen Gesellschaft aufrechtzuerhalten? Fügen sie damit der Gesellschaft Schaden zu? Im Gegenteil. Sie versuchen Schäden zu verhindern. Für den Sozialphilosophen Jürgen Habermas25 ist Intellektueller, wer sich, während andere noch Business-as-usual betreiben, über »kritische Entwicklungen aufregen« und diese Aufregung mit politischer Urteilskraft verbinden kann. Dazu bedarf es, so Habermas, links-liberaler intellektueller Begleiter der Bundesrepublik, »unheroischer Tugenden« wie »einer argwöhnischen Sensibilität für Versehrungen der normativen Infrastruktur des Gemeinwesens, die ängstliche Antizipation von Gefahren, die der mentalen Ausstattung der gemeinsamen politischen Lebensform drohen, der Sinn für das, was fehlt und ›anders sein könnte‹, ein bißchen Phantasie für den Entwurf von Alternativen, und ein wenig Mut zur Polarisierung, zur anstößigen Äußerung, zum Pamphlet«.
»Ein wenig Mut« zu Polarisierung und Erregung von Anstoß ist – wie gesagt – auch in Demokratien vonnöten, ungleich mehr davon natürlich in Diktaturen. Und war erforderlich in der geschlossenen Feudalgesellschaft des Mittelalters. Wer wie der Dominikanermönch Giordano Bruno Ende des 16. Jahrhunderts der katholischen Lehre widersprach, riskierte sein Leben. Für die Kirche kreiste die Sonne um den Weltmittelpunkt Erde, für Bruno die Erde um die Sonne. Und mit der Unendlichkeit des Weltraums hatte er zugleich die Personalität Gottes in Frage gestellt. Der Ketzerei angeklagt, hielt er an seiner angeblichen Irrlehre fest, statt ihr abzuschwören. Bruno verweigerte den Verrat der Wahrheit. Am 17. Februar 1600 wurde er dafür in Rom auf dem Campo dei Fiori verbrannt. Ein Denkmal an der Stelle des Scheiterhaufens erinnert noch heute an ihn, an seinen Todesmut. Hätte man es Giordano Bruno angesichts der Todesandrohung übelnehmen können, wenn er, um sein Leben zu retten, widerrufen, also intellektuellen Verrat begangen hätte?
Bertolt Brecht hat eben das zum Thema gemacht in seinem Stück »Leben des Galilei«. Galileis – ebenso wie Brunos – Erkenntnis, daß die Erde nicht – wie die Katholische Kirche behauptete – Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern sich um die Sonne dreht, brachte die Inquisition ins Spiel. Von ihr angeklagt, beugte sich der historische – lebens- und sinnenfreudige – Galilei der Gewalt und widerrief: »Ich schwöre ab, was ich gelehrt habe, daß die Sonne das Zentrum der Welt ist«. Wider besseres Wissen, aus Angst vor der Folterkammer der Inquisition, leugnete Galilei, ein Freund der »Fleischtöpfe«, die Wahrheit. Die Kirche war‘s zufrieden, sie gewährte ihm einen geruhsamen Lebensabend: Bis zu seinem Tod 1642 lebte er in einem Landhaus bei Florenz – allerdings von Mönchen überwacht, in Schutzhaft der Kirche. Ein klassischer Fall von Selbstverrat, von intellektuellem Verrat? In Brechts erster, Dänischer Fassung des »Leben des Galilei« (1938/39, uraufgeführt in Zürich mit Leonard Steckel) ist Galilei ein anpasserischer Opportunist. Er opfert die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft dem eigenen Vorteil. Macht zweckfreie Wissenschaft manipulierbar? Alles ist Galilei gerade recht, sofern es Mittel zum Zweck ist. Brecht schrieb dieses Stück in Dänemark im Exil, erschrocken darüber, daß inzwischen deutschen Physikern im »Dritten Reich« die Spaltung des Uranatoms gelungen war. Also fragte Brecht besorgt nach der Verantwortung des Wissenschaftlers. In der zweiten Fassung »Galileo« (1945/47: Entstehungs- und Aufführungsort USA mit Charles Laughton), die Brecht unter dem Eindruck der im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben – was Brecht für ein Verbrechen hielt – verfaßt hat, sowie in der dritten Fassung »Leben des Galilei« (1955/56 für das »Berliner Ensemble« überarbeitet, mit Ernst Busch als Galilei) verwirft Brecht den Widerruf als soziales Verbrechen. Und läßt dabei Galilei mit sich selbst ins Gericht gehen: »Ich halte dafür, daß das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen anzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden … Ich überlieferte mein Wissen den Machthabern, es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, ganz wie es ihren Zwecken diente. Ich habe meinen Beruf verraten. Ein Mensch, der das tut, was ich getan habe, kann in den Reihen der Wissenschaft nicht geduldet werden.«26 Ist es schon ein »soziales Verbrechen«, wer wie Galilei, um sein Leben zu retten, die Wahrheit verrät? Verrat ist es allerdings schon.
Ende des 16. Jahrhunderts begann der Philosoph Michel de Montaigne das 1. Kapitel des 2. Buches seiner wunderbar flirrenden, biegsamen Essays mit einer Betrachtung »Über die Wechselhaftigkeit unseres Handelns«. Er sprach von der »naturgegebenen Unbeständigkeit unserer Verhaltensweisen und Meinungen«27 und verglich den Menschen mit »jenem Tier, das die Farbe des Ortes annimmt, an den man es jeweils versetzt«28 (das Chamäleon). Und er fügte hinzu, daß in der »Kunst zu fliehen« natürlich etwas Sinnvolles liege. Keinen Zweifel ließ Montaigne aber daran: »Man sollte es für etwas wahrhaft Großes halten, wenn einer stets als ein und derselbe auftritt«29, das heißt sich leiten läßt von Standfestigkeit und Selbsttreue. Ist aber, wer in seinen Meinungen, Ansichten und Handlungen »stets als ein und derselbe auftritt«, immer und vorbehaltlos »wahrhaft groß«? Nicht immer. Zum Beispiel, wenn er sich geirrt hat – falschen Propheten gefolgt ist oder noch folgt. »Groß« ist dann eher der, der seine Irrtümer erkennt und korrigiert. Zu allen Zeiten und nahezu in allen Problemlagen gibt es dafür Beispiele. Beschränken wir uns hier auf die Zeit nach dem 30. Januar 1933. Etliche, die anfangs der NS-Ideologie des »Dritten Reiches« gefolgt waren, lösten sich im Laufe der zwölf Jahre NS-Diktatur von ihr. Einige wurden Widerstandskämpfer. In den Augen des NS-Regimes »Verräter«, waren sie nach Kriegsende Lichtgestalten, an denen sich alle aufrichten konnten: Frauen und Männer der »Roten Kapelle«, die sich auch an Zwangsarbeiter gewandt hatten, die Geschwister Sophie und Hans Scholl, Männer und Frauen des Kreisauer Kreises und zahlreiche Verschwörer des 20. Juli. Was aber, wenn jemand sein Hemd mehrfach wechselt? Ist es begründbar oder erfolgt es je nach Lage, Lust und Laune? Wie zum Beispiel ist der Fall des Schriftstellers Arnolt Bronnen zu beurteilen?
Der Marxist und enge Brechtvertraute Arnolt Bronnen mutierte Mitte der Zwanziger Jahre zum Freund des aufstrebenden Berliner Gauleiters Joseph Goebbels und zum »Faschismusphilen«30. Doch der völkische Nationalsozialist tauschte sein geistig-politisches Kategoriengerüst erneut aus, als das »Dritte Reich« auf den Untergang zusteuerte. Bronnen wurde nun wieder Kommunist und Mitglied der KPÖ.31 Wie schon 1925/26 wechselte er erneut seine Wertvorstellungen: An die Stelle des partikularistischen NS-Leitbegriffes des germanischen Volkes trat der universalistische »Kampf für die Menschheit«. Und er verklärte – Marxens historischen Materialismus kopierend – den »Arbeiter« zum revolutionären Subjekt der Geschichte: »Die Arbeiter waren immer überlegen … Sie waren die Vorhut der Menschheit. Ich mußte mich unterordnen. Und diese Unterordnung war schön.«32 – »Ich stand in den Reihen der kämpfenden Arbeiter, bereit, den Ausgebeuteten und Entrechteten zu dienen.«33
Bronnen, der Intellektuelle, verrät den Intellektuellen, indem er seine Autonomie als Intellektueller preisgibt. In seinem Selbstverhör »Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll« beschreibt Bronnen eindrucksvoll seinen mehrfachen Meinungs- und Gesinnungswechsel. Dabei fragt er nach den Gründen. Bronnens Selbstdiagnose: Er sieht sich als gespaltene Persönlichkeit, als »zutiefst unmoralischen egoistischen Menschen«34. Als Narziß also, dem wichtiger als seine Meinungen und Ansichten er selbst ist. In diese seelische Lage gebracht habe ihn, so stellt er es dar, seine Sozialisation: Früh beginnender und lang andauernder »Krieg« mit dem Vater – einem Wiener Dramatiker und Burgtheaterdirektor – habe diese Ambivalenz in ihm ausgeprägt. Was von außen betrachtet, ob zu recht oder zu unrecht, als Verrat gilt, hat in der Innendimension, im Verhalten des »Verräters«, nicht selten familiäre und psychologische Verursachermechanismen – wie bei Bronnen. Durch Sozialisation und Erziehung begünstigte Persönlichkeitsspaltung, Ambivalenz, Doppelgängertum – sie leben sich narzißtisch aus. Der narzißtische Blick in den Spiegel zeigt ein Doppelgesicht, zum Beispiel das von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Publizistin Margret Boveri spricht angesichts dieses Doppelspiels, das sie auch an sich beobachtet hat, von »Koinzidenz der Gegensätze in mir«. Margret Boveri: »Ich fühle mich fähig, entgegengesetzte Elemente in mir zu beherbergen und jedem zu seinem Recht zu verhelfen. Der Preis dafür ist, daß ich auf die Frage, ob ich links oder rechts, konservativ, liberal oder revolutionär sei, keine Antwort weiß. Die Koinzidenz der Gegensätze ist mir als eine immer neu zu bewältigende Aufgabe klargeworden. Wenn ich mich zu einer Partei bekennen soll, dann zu der, die nicht das Entweder-Oder, sondern das Sowohl-Als-auch bejaht. Das ist nicht die Bereitschaft zu einer Abfolge von faulen Kompromissen. Es entspringt der Überzeugung, daß wir im Ausharren der Polarität der Gegensätze die unauflösliche Tragik des menschlichen Lebens erfahren können, die nicht mit gutem Willen und nicht mit dem Verstand aufzulösen ist, in der wir aber, sofern wir sie anerkennen, wenn auch noch so selten einmal den Schlüssel finden mögen, der die Gegensätze bindet und löst.«35 Diese Ambivalenz Margret Boveris oder der narzißtisch grundierte, chamäleonartige Gesinnungs-Wechsel von Arnolt Bronnen sind zu allen Zeiten anzutreffen. Ambivalenz und Ambiguität indes ermöglichen auch Verstehen des Widersprüchlichen. Martin Walser kleidet das lapidar-nonchalant in seinen Aphorismenstenogrammen »Meßmers Reisen« in das elegant formulierte Aperçu: »Mehr Erfahrung als auf einen Standpunkt geht, macht man schnell.«36 Nur: sind nicht auch Entscheidungen notwendig? Damit nicht alles zur ewigen Nichtfestlegung und ständigen Wechselbereitschaft erstarrt?
Ist andererseits, wer in seinen Meinungen, Ansichten und Handlungen »stets als ein und derselbe auftritt«, immer und vorbehaltlos »wahrhaft groß«? Zum Beispiel in der ehemaligen DDR? Viele hofften zu Anfang auf einen gesellschaftlichen Neubeginn. Endlich etwas anderes, als bewußter Gegenentwurf zum Nationalsozialismus: eine sozialistische Demokratie, in der die Macht der wirtschaftlich Stärksten und Größten (wie in den Westzonen ebenso 1947 im Ahlener CDU-Programm formuliert) gebrochen wird. Aus der Emigration zurück kamen deshalb etliche nicht in die Bundesrepublik – Adenauer zeigte kein Interesse an den Exilanten und ließ keine einzige Aufforderung zur Rückkehr ergehen –, sondern in die »Ostzone«/DDR: Bert Brecht, Paul Dessau, Ernst Bloch, Stephan Hermlin, Hans Mayer, Anna Seghers, Arnold Zweig et alii. Auch der 1933 geborene Reiner Kunze, von 1955 bis 1959 wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig, erklärte sich vehement für das neue Gesellschaftsmodell DDR. Kunze entpuppte sich schließlich als fanatischer Stalinist. So daß Wolf Biermann in der »Zeit« feststellte: »Kunze wurde als brutaler stalinistischer Einpeitscher von den besseren Studenten gefürchtet.«37
Aber dann korrigierte sich Kunze. Seinen ›Gesinnungswechsel‹ dokumentierte er selbst in seinem 1993 veröffentlichten Tagebuch »Am Sonnenhang«, indem er aus seiner Stasiakte zitierte: »In dieser Zeit« (1955 bis 1959) »vollzog sich bei Kunze eine politisch-ideologische Wandlung und eine Abkehr vom Marxismus-Leninismus.«38 Dergleichen Wechsel von Meinungen, Ansichten, Überzeugungen, Weltanschauungen sind in der Regel – handelt es sich um Irrtümer oder dogmatische Weltbilder – aller Ehren wert. Korrektur also von falschen Dogmen, Fanatismen, Fehlansichten ist kein Verrat.
Auch in der (westdeutschen) Demokratie war und ist Meinungs-Korrektur keineswegs von vornherein Verrat. Wenn zum Beispiel Franz Xaver Kroetz, 1946 in München geboren, 1972 als Sechsundzwanzigjähriger der DKP beitritt, im Landesvorstand seiner Partei sich in die Programm-Kommission wählen läßt und 1980 wieder austritt, ist das zwar in den Augen seiner Genossen Verrat. Tatsächlich aber ist es bessere Einsicht. Warum wurde der »bekannteste Kommunist Bayerns« DKP-Mitglied? Kroetz, dessen Vater Nazi war: »Ich hätte meine Eltern mit zwei Sachen treffen können: Wenn ich schwul geworden wäre oder Kommunist. Schwul ging nicht, also wurde ich Kommunist. Sicher aus Protest.«39 – Wie aber ist der Fall des Hamburger Schriftstellers Peter Schütt zu beurteilen, der 1968 in Hamburg die DKP mitbegründete, Mitglied des DKP-Parteivorstandes und Bundessekretär des DKP-nahen »Demokratischen Kulturbundes« wurde? Als Schütt, der »DKP-Hofdichter«, sich zu Gorbatschows Reformkurs bekannte, schloß ihn die DKP-Spitze im September 1988 aus dem Parteivorstand aus, woraufhin er kurz darauf aus der Partei austrat. Verrat oder bessere Einsicht? Bessere Einsicht. Aber war dem nicht auch ein Anflug von Renegatentum beigemischt, wenn Schütt sich nun als Forum für seinen Wechsel-Bericht ausgerechnet die »FAZ« aussuchte? Und dort sein Wechselbekenntnis drucken ließ: »Ich wurde nach Vietnam eingeladen und schrieb daraufhin mein erstes richtiges Buch. Die Schreckensbilder dieses Krieges haben lange nachgewirkt und mich in jenem Schwarzweißdenken bestärkt, das mich so lange blind gemacht hat gegenüber der Verbrechensgeschichte des eigenen Lagers. Für mich war der Kapitalismus das Reich des Bösen, verantwortlich für Auschwitz und My Lai, und im Kommunismus sah ich den einzigen Weg, die Menschheit von allen Weltübeln zu erlösen. In den kalten Zeiten des Ost-West-Konflikts gab mir die Partei zugleich Nestwärme und das stolze Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein, komme, was da kommen mag. Eine Zeitlang war ich so etwas wie der Liebling der Partei, und ich habe den Beifall der Genossen auch genossen.«40 Einfachaufteilung der Welt in Schwarz und Weiß und Suche nach Nestwärme aus Naivität und Narzißmus – ein intellektuelles Verratssyndrom?
Auch der Wechsel der Mitgliedschaft in einer Partei – obwohl auch hier die Vokabel »Verrat« schnell auf der Zunge liegt – ist nicht von vornherein Verrat. Wenn zum Beispiel »Grünen«-Mitgründer Otto Schily sein Parteibuch zurückgibt und zur SPD wechselt, ist das nicht Verrat. Darf nicht gewechselt werden in eine andere Partei – so wie es etliche getan haben – Wehner, Brandt, Heinemann, Lafontaine (dem Müntefering ein sattes »Verräter« nachrief)? Aber riecht es nicht doch nach Gedanken-Verrat, wenn der grüne »Überläufer« Otto Schily sich als Innenminister der neoliberalen Schröder-SPD von 1998 bis 2005 in seine neue Rolle geradezu hineinsteigert: nämlich den unbeugsamen Sheriff spielt, mit grimmiger Miene und vor Entschlossenheit schneidender Befehls-Stimme? Und dabei gewöhnungsbedürftige Unionshardliner wie Bayerns damaligen Innenminister Günther Beckstein noch rechts überholt? Nach dem 11. September gab Otto Schily markige Worte am Fließband von sich. Ihr Tenor: Staat und Safety first. In seltener Militanz forderte Schily bei der Abwehr des Terrorismus die vorbeugende Sicherheitshaft ohne Tatverdacht und sogar das Recht auf präventive Tötung: »Wenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben.«41 Verlangte Auffanglager für nordafrikanische Flüchtlinge in Nordafrika. Drängte auf ein Luftsicherheitsgesetz, damit der Staat, in der Hoffnung, andere zu retten, unschuldige Bürger in einem entführten Flugzeug abschießen dürfe. Bis das Bundesverfassungsgericht den geplanten Abschußparagraphen für nichtig erklärte und Schily auf die Verfassung verwies, auf den Kantischen Grundsatz der Menschenwürde: Nie dürfe der Mensch Mittel zum Zweck sein, auch wenn der Zweck als gut erscheint: »So entsetzlich die Bedrohung auch sei, wie heftig al-Quaida auch an der gewohnten Weltordnung rüttele, Verfassung bleibe Verfassung«, kommentierte die »Zeit«42. Der in seinem Innen-Ministerium wegen seines Führungsstils als cholerischer »Kotzbrocken«43 Titulierte absolvierte eine verblüffende Verratskarriere: vom linken Radikaldemokraten zum rechten Law-and-order-Apostel. Kein Verrat? Nur intelligentes Gegensteuern aus besserer Einsicht? Oder ganz gewöhnlicher Opportunismus sowie notwendige politische Überlebensflexibilität?
Und ist es nicht doch auch Verrat, wenn der ehemalige Sozialist Manès Sperber44 1983 in seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zur atomaren Selbstverteidigung des freien Europa gegen die Sowjetunion aufruft – gegen das »Reich des Bösen«? Atomar? War, ist das besonnen oder gar klug? Und Sperbers Rundumschimpfe auf die Achtundsechziger als fünfter Kolonne Moskaus – war das »groß« und fair? Sperber zeigte sich dabei, wie ihm der Freiburger Publizist Ludger Lütkehaus zu Recht entgegnete45, in »selbstgewählter Verblendung« als »Prototyp eines Renegaten«. War das nicht intellektueller Verrat, wenn Sperber erklärte: »Wir müssen leider selbst gefährlich werden, um den Frieden zu wahren«? Gefährlich werden mit dem Einsatz von Atomwaffen? Die um ein Mehrfaches grausamer sind als die von Hiroshima und Nagasaki? Sperber heizte emotional an, statt Gebrauch von seiner Vernunft zu machen.
Verrat liegt auch vor, wenn der einst enge Weggefährte und Freund Dutschkes Bernd Rabehl, Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, sich in einem Interview mit der NPD-Zeitung »Deutsche Stimme« zur NPD und zu deren völkisch-nationalistischen Gedanken bekennt.46 Oder schlimmer Verrat ist es auch, wenn Horst Mahler, einst als irrender leninistischer Kader ideologischer Scharfmacher und danach Mitbegründer der RAF, überwechselt auf den rechten Außenrand und Vordenker der »Freien Kameradschaften« und der NPD sowie deren Anwalt wird.
Noch immer hat das Wort »Verrat« einen scharfen Beiklang. Es dient als Totschlagvokabel. Mit einem Wort ist scheinbar alles gesagt. So stellen heute Neonazis wieder »Verräter-Listen« ins Netz. Und noch immer sieht selbst ein Demokrat wie Helmut Kohl, sozialisiert im rauhen Klima des Kalten Krieges an der Hand des groben Überlebensrasters vom Freund-Feind-Denken, gleichsam »Verrat« am Werk, wenn er im Vollzug der Mehrheitsmeinungsbildung demokratischer Kritik an seiner Person ausgesetzt ist. Aber ist es wirklich Verrat, wenn Kohl seinem langjährigen Arbeitsminister Norbert Blüm quasi »Verrat« vorwirft, nur weil der nicht akzeptierte, daß Kohl sein »Ehrenwort« gegenüber anonymen Spendern über Recht und Gesetz stellte? Oder wenn Kohl Richard von Weizsäcker mit dem Geruch des Verräters stigmatisiert, nur weil er als Bundespräsident – der er dank Kohls Hilfe geworden war (Kohl hatte sich seiner Nominierung nicht widersetzt) – das »System Kohl« des »Aussitzens« gegen Ende der achtziger Jahre kritisierte? Kohl über Weizsäcker im zweiten Band seiner »Erinnerungen«: »Richard von Weizsäcker hielt es für notwendig, mich aus dem Amt zu entfernen … Natürlich wagte er es nicht, dies in irgendeiner Form offen zu bekennen … Doch am wärmenden offenen Kamin im Bundespräsidialamt war er Ratgeber für diejenigen, denen es um meinen Sturz ging.«47 Ein normaler demokratischer Vorgang wurde stilisiert zur Verschwörung von »Umstürzlern«48 und von Kohl mit der Kapitelüberschrift versehen: »Gescheiterter Putsch«49. Natürlich waren Blüm und Weizsäcker keine Verräter. Sie hatten nur Gebrauch gemacht von ihrem Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen.
Es ist auch kein Verrat, wenn die »New York Times« im Dezember 2005 über gesetzeswidrige Abhöraktionen des US-Geheimdienstes NSA berichtet und Präsident George W. Bush daraufhin diese Enthüllung brandmarkt als »Verrat von Geheimnissen« und »schändliche Tat« der Presse.50 Oder wenn der Pentagon-Mitarbeiter Daniel Ellsberg 1971 die streng geheimen Seiten der »Pentagon Papers« – die intern dokumentierten, daß der Vietnamkrieg für die USA nicht mehr zu gewinnen war – der »New York Times« zuspielt. Ebensowenig wie 1963 der die »Spiegel«-Affäre auslösende Bericht über das »Fallex«-Manöver ein – so Adenauer damals – »Abgrund von Landesverrat« gewesen ist. Im Gegenteil: Die Realisierung der Pressefreiheit durch Veröffentlichung von tatsächlichen oder angeblichen »Geheimnissen« dient in der Regel der Stärkung und Bewahrung der Demokratie. Das gilt auch heute: Es sei, erklärt zum Beispiel der US-Ökonom Daniel Ellsberg, Preisträger des alternativen Nobelpreises 2006, angesichts der US-Pläne hinsichtlich des Einsatzes sogenannter bunkerbrechender A-Bomben, »höchste Zeit, Verrat zu begehen«, und er fordert US-Beamte und Militärs auf, Geheimdokumente zu »verraten«.51
Fälle dieser Art gab und gibt es zahlreiche und wird es immer wieder geben: Eine oder mehrere Personen, eine Behörde, ein Geheimdienst oder eine Regierung brechen Recht aus Fehleinschätzung, Arroganz der Macht, purem Egoismus oder um eines vermeintlich höheren Gutes willen und stigmatisieren den zum Verräter, der Licht ins Dunkel zu bringen versucht. Um Zeit zu gewinnen und fürs erste Entlastung zu schaffen, erst einmal der Gegenangriff. Und dabei das generelle Argumentationsmuster: Schuld hat natürlich der Bote, der Überbringer der schlechten Nachricht, der, der sie mitteilt sowie die Medien, die sie verbreiten, nicht ihr Verursacher. Der oder das Verurteilenswerte sind – so zum Beispiel Martin Walser – nicht die Brandstifter von Hoyerswerda, sondern Fernsehreporter, die solche Bilder zeigen. Oder schädlicher fürs Ansehen als der Skinhead in Brandenburg oder Berlin-Lichtenhagen ist nach Meinung von Innenminister Jörg Schönbohm derjenige, der wie Karsten-Uwe Heye hinweist auf No-go-Areas für Farbige und Türken. Ein Muster, dessen sich heute reflexhaft viele bedienen.52 Dergleichen Spiele mit einer urdemokratischen Institution wie der Presse sind heute gang und gäbe. Abgeladen wird beim vermeintlich Schwächsten: den Medien. Festzuhalten aber bleibt: Am jeweiligen Fall und dem Inhalt der Ansichten entscheidet sich, ob der Verrat begeht, der seine Überzeugungen ändert, oder ob der es tut, der an ihnen festhält. Gleichwohl: Es gibt Grenzen für Gedanken-, Einstellungs- und Gewissenswechsel. Nicht alles ist erlaubt: Ständiger Wechsel – frei von jeder Gesinnung und Moral – riecht nach Opportunismus und Verrat.
Den »Verrat der Intellektuellen« hat Julien Benda in seinem gleichnamigen Schlüsselessay in der ersten Ausgabe von 1927 zunächst für die politische Rechte beschrieben, dann nach den Verbrechen Stalins in der Neuauflage von 1958 auch für die dogmatische Linke. Die größten intellektuellen Verratsformen des 20. Jahrhunderts waren Nationalsozialismus und Faschismus sowie die Regime des dogmatischen totalitären Staatskommunismus. Formen dieses Verrates begeht, so einer der zentralen Sätze Bendas, wer nicht anerkennt, »daß das in der Erklärung der Menschenrechte oder in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung niedergelegte politische Ideal in eminenter Weise ein Ideal ist«53. Das heißt, wer die Ideen von Aufklärung und Französischer Revolution – die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie die »Achtung vor der Gerechtigkeit, vor der Person und vor der Wahrheit«54 – geringschätzt oder verachtet. Benda fährt an späterer Stelle fort: Verrat ist »die Verherrlichung« des »totalitären Staates, in dem definitionsgemäß der Begriff der Person und a fortiori der ihrer Rechte verschwindet; des Staates, dessen Seele jene Maxime ausdrückt: Du bist nichts, dein Volk ist alles … Im übrigen ist nicht zu bestreiten, daß die Abschaffung der Rechte des Individuums einen Staat erheblich stärkt. Fragt sich nur, ob es Aufgabe des Intellektuellen ist, einen Staat zu stärken.«55 Das heißt: Diktaturen sind leichter zu »regieren«. Die Anweisung von oben seitens des Diktators – einer Person und/oder einer Partei – ist nach unten hin auszuführen bei Strafe im Nichtbefolgungsfalle. Macht zu begrenzen dagegen ist Kernelement der Demokratie. John Lockes und Montesquieus Teilung der Gewalten, Meinungsfreiheit, Vielfalt der Parteien, das Kontrollsystem der »checks and balances«, Delegation von Macht auf Zeit, periodische Wahlen, Gewerkschaften und Verbände – all diese Vorkehrungen haben den einen Sinn, so führt Johano Strasser Bendas Gedanken weiter, nämlich »den Zugriff der Mächtigen zu limitieren und damit auch die Folgen von Irrtümern und Fehlentscheidungen möglichst gering zu halten«.56 Durch Interessen- und Meinungsstreit zustande gekommene demokratische Entscheidungen erlauben im Widerspruchsfalle (entsprechende finanzielle Ausstattung vorausgesetzt) noch das Anrufen von Gerichten. Im Unterschied zur Diktatur impliziert die Demokratie jedoch auch, so Benda, »gerade kraft ihres Oktroi der individuellen Freiheiten ein Moment der Unordnung«57. Montesquieu hat es so auf die Pointe gebracht: »Wenn Sie in einem Staat keinerlei Lärm von Streitigkeiten vernehmen, so können Sie sicher sein, daß es in ihm keine Freiheit gibt.«58 Eine freie Regierung in einem freien Land dagegen ist »eine ständig in Auseinandersetzungen verwickelte«. Oder, so illustriert selbst Rüdiger Safranski in seinem in der konservativen Programmschrift »Die selbstbewußte Nation« abgedruckten Essay »Destruktion und Lust. Über die Wiederkehr des Bösen« den Sachverhalt: Sie bedarf der »Bürgergesinnung«, denn »Demokratie als Lebensform ist stets gefährdet, weil sie auf schwankendem Grund errichtet werden muß, auf Pluralität, Selbstrelativierung, Kompromiß, wechselseitiger Anerkennung.«59 Daß sie deshalb »Ausnahme« und »Glücksfall« sei, wie Safranski gleichzeitig aussagt, verrät mangelndes Vertrauen in sie. Gleichwohl: Montesquieu, Benda und Strasser lesen jenen in der Bundesrepublik die Leviten, die mit der offenen Gesellschaft auf Kriegsfuß standen und stehen oder sie mißverstehen: wie zum Beispiel der konservative ZDF-Journalist und Theologe Peter Hahne, der in seinem Bestseller »Schluß mit lustig: Das Ende der Spaßgesellschaft« lauthals »unsere feige Kompromißgesellschaft« beklagt.60
Da es im menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben Gegensätze und Widersprüche gibt, die entweder nicht oder nicht ohne weiteres auflösbar sind, müssen sie miteinander vermittelt werden. Zum Beispiel sind die Bedürfnisse des Staates und die Freiheiten des Einzelnen oder Freiheit und Chancengleichheit unter dem Leitbegriff sozialer Gerechtigkeit aufeinander zu beziehen und auszugleichen. Dieses Gegeneinander der unterschiedlichsten Interessen erzeugt in den offenen Gesellschaften der Demokratien Montesquieus »Lärm der Streitigkeiten«61.
Der Berliner Medientheoretiker Norbert Bolz findet für diesen Streit, für diese wechselseitige Einschränkung der Ansprüche adäquate Worte: »Anspruch steht gegen Anspruch, Theorie gegen Theorie. Wer hier Gewißheit behauptet, weckt Zweifel. Wer dagegen zweifelt, schafft Vertrauen. Modern entsteht Freiheit nämlich gerade durch den Widerstreit der Dogmen, durch die wechselseitige Einschränkung der Ansprüche.«62
Streit, Konflikt, Nichtübereinstimmung sind Alltag und Norm rechtsstaatlicher Demokratien. Die normative Grundlage demokratischer, freiheitlicher Ordnung ist, so räumt der konservative Publizist Richard Herzinger in seinem Essay »Republik ohne Mitte« selbstredend ein, der »geregelte, diskursiv und gewaltfrei ausgetragene Konflikt«63. Für Herzinger – in den 7Oer Jahren aktives Mitglied der trotzkistischen Gruppe Internationaler Marxisten – hat die offene westliche Demokratie jedoch einen prinzipiellen Mangel: Sie ist dadurch gekennzeichnet, daß sie kein verbindliches Werte- und Sinnzentrum mehr hat. Dort, wo man das »Kraftzentrum« vermutet, von dem aus sich »die politisch-moralische Einheit der Gesellschaft steuern lasse, befindet sich – nichts«64. Ihr »Identitätskern«, ihre Mitte ist »leer«. Denn alle Werte können in ihr »in Frage gestellt werden«65. Aber ist es so, daß die »Mitte«, das »Kraftzentrum«, wirklich ganz »leer« – ohne ideellen und moralischen Kern – ist? Gibt Herzinger – der sonst das Alphabet der Verwestlichung und der repräsentativen Demokratie zu buchstabieren versteht – nicht ohne Not Terrain frei? Gibt es da nicht noch ein Lebenselixier? Die Grundwerte der Verfassung zum Beispiel? Von ihnen oder von Verfassungspatriotismus spricht Herzinger, heute politischer Redakteur der »Welt am Sonntag«, nicht.
Es ist nicht Aufgabe des Intellektuellen, den Staat zu stärken, so führt der Soziologe Ralf Dahrendorf in seiner neuen Studie »Versuchungen der Unfreiheit«
