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Vierzehn Geschichten über Liebe und Enttäuschung, Verrat, Trauer, Tod und andere Fügungen des Lebens, geschrieben aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, aber dafür stets mit überraschenden Wendungen. All denjenigen, die nicht nur oberflächlich unterhalten, sondern zum Nachdenken angeregt werden wollen, wird dieses Buch gefallen. Sollten Sie denken, alles sei der Phantasie entsprungen, dann hat der Anschein gewonnen.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Verrat
Die Amnesie
Das Geburtstagsgeschenk
Die Abreise
Der Gerüchtekoch
Gelegenheiten
Immer wieder montags
Die Bewahrung des Glücks
Gewohnheiten
Die Schleife
Der Koffer
Parallelwelten
Der Beamte
Der Fluch
Wortlos sah die junge Frau ihren Vater an. Sie blickte dabei in kalte, blaue Augen. Das konnte nur heißen, er würde seine Meinung niemals ändern. Trotzdem umarmte sie ihn und küsste seine glattrasierte Wange. "Bis später, Paps. Pass auf dich auf!", flüsterte sie. Er ließ es schweigend geschehen. Dann griff sie nach ihrem Gepäck, drehte sich um und ging die wenigen Meter bis zum Waggon. Sie wuchtete gerade ihren schweren Koffer hinein, als das Signal zur Abfahrt ertönte. Schnell stieg sie ein, bevor die Tür sich schloss, und schaute ein letztes Mal in seine Richtung. Ein kurzer Ruck, dann rollte der Zug langsam an. Plötzlich begann ihr Vater zu laufen. Erst im Schritttempo, dann schneller werdend. Dabei winkte er ihr zu. Erst das Ende des Bahnsteigs stoppte seinen Lauf, und jetzt wusste sie, es war vielleicht doch kein Abschied für immer.
Ein hoffnungsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht, und einige Sekunden sah sie ihren Vater – immer noch winkend – am Ende des Bahnsteigs stehen. Dann entschwand er ihrem Blick. Ulrike griff ihren Koffer und zog ihn hinter sich her. Als sie nach einigen Metern einen geeigneten Platz gefunden hatte, stellte sie das sperrige Gepäckstück vor einem Sitz ab und setzte sich auf den benachbarten. Der Koffer war zu schwer, als dass sie ihn hätte allein auf die Ablage über ihr bugsieren können und ein hilfsbereiter Mann gerade nicht in der Nähe.
Ulrike sah aus dem Fenster. Der Zug hatte die Stadt, die nicht sehr groß war, bereits verlassen, und die Landschaft glitt langsam an ihr vorbei. Das Wetter lud nicht zum Hinausschauen ein. Die grauen, tiefhängenden Wolken ließen kaum Sonnenlicht hindurch, und diese Trübe spiegelte am besten Ulrikes Gemütszustand wider. Hatte sie zu viel in das letzte Winken ihres Vaters hineininterpretiert? Auch wenn sie sich wiedersehen sollten, und davon war sie momentan überzeugt, sie kannte ihren Vater und wusste, er würde weiterhin versuchen, auf seiner Meinung und seinen Interessen zu bestehen. "Ich mach das doch alles nur für dich", bekam sie bei ihren Diskussionen stets zu hören, wobei diese Diskussionen eher handfeste Streitigkeiten waren. Wie meist, so stand Ulrikes Mutter auch während ihrer letzten Besuche in der Küche und kochte oder backte oder machte irgendwas – "Onkel Erwins Meißner Porzellanservice war schon wieder eingestaubt. Weißt du eigentlich, was so ein altes Stück heutzutage wert ist?" –, nur, um nicht Partei ergreifen zu müssen. Die wenigen Male, bei denen sie jedoch Partei ergriffen hatte, waren stets mit dem gleichen Satz ihres Vaters eingeleitet worden. "Mutti, nun sag doch auch mal was dazu!" Die Antwort war immer dieselbe. "Ulrike, Vati hat völlig Recht. Er will doch nur dein Bestes. Außerdem musst du doch auch mal an uns denken!"
Wie lange ging das eigentlich schon so? Ulrike fiel es schwer, die Antwort mit einem eindeutigen Datum zu versehen, und insgeheim beantwortete sie sie innerlich mit dem Wissen, es war schon immer so. Aber was hieß das genau? Seit dem Kindergarten? Seit der Schule, als sie erst mit dem blauen und später mit dem roten Halstuch Gruppenratsvorsitzende war? Oder fing es erst an, als sie während der Zeit an der Erweiterten Oberschule erstmalig zu Hause aufbegehrt und ihrem Vater gesagt hatte, sie wolle nicht mehr die Rolle der FDJ-Sekretärin spielen? Auf jeden Fall nahm sie es da zum ersten Mal bewusst wahr, denn ihr Vater hatte sie das ganze Wochenende über bearbeitet und sie sogar angeschrien. "Willst du alles aufs Spiel setzten? Das geht nie mehr aus deiner Kaderakte raus, und das Studium kannst du dann auch vergessen. Außerdem werden sie mich unter Druck setzen und sagen, ich kann keinen Betrieb leiten, wenn ich nicht mal meine eigene Tochter im Griff habe. Mutti, nun sag doch auch mal was dazu!" Damals hatte ihr Vater einen hochroten Kopf, der erst wieder etwas heller geworden war, als ihre Mutter die üblichen Sätze ausgesprochen hatte. Plötzlich konnte sie genau sagen, wie lange es schon so lief. 'Sommer 83', erinnerte sie sich. Damals waren gerade Ferien, und das Zeugnis der bevorstehenden elften Klasse sollte ein Jahr später die Zulassung für das geplante Medizinstudium sichern. Ulrikes Noten waren zwar ausgezeichnet, aber ihre Funktion in der FDJ auf jeden Fall hilfreich. Genauso hilfreich wie Vatis Mitgliedschaft in der Partei, seine Funktion in der SED-Kreisleitung sowie seine eigentliche Tätigkeit als Betriebsdirektor des "VEB Feinmechanisches Werk Rathenow".
Aber das war 1983 gewesen und seitdem fünf Jahre vergangen. Eine Ewigkeit. In dieser Ewigkeit gab es Zeiten, in denen die Welt in Ordnung zu sein schien. Zumindest zu Hause.
Ulrike sah kurz aus dem Fenster. Die Reise nach Berlin würde noch eine Weile dauern, und zum trüben Wetter gesellte sich nun auch noch ein feiner Nieselregen, der unzählige kleine Tropfen auf der Fensterscheibe hinterließ. Wässrige Fäden bildeten sich daraus und glitten wabernd nach unten, genau auf Ulrike zu. Sie bekam Durst und griff nach der Flasche Orangenperle, die ihre Mutter, genau wie die belegten Brote, in ihre Umhängetasche gesteckt hatte. Sie öffnete den Kronkorken vorsichtig, damit die Kohlensäure nicht explosionsartig entweichen konnte, trank einen Schluck und stöpselte die Flasche mit dem Plastikverschluss wieder zu, der stets im Innenfach ihrer Umhängetasche lag. Dann stellte sie die Flasche auf das Tischchen aus Aluminium und Hartplaste, das unter dem Fenster befestigt war und machte es sich erneut auf der Sitzbank bequem.
Ihre Gedanken glitten augenblicklich zurück in die Vergangenheit. Sie fragte sich, wann sie das erste Mal in ihrem Leben Verrat geübt hatte? Genau das hatte ihr Vater Ulrike am Wochenende vorgeworfen, allerdings nur in Bezug auf seine Person und für den Fall, sie würde an ihren Zukunftsplänen festhalten. "Du verrätst deine eigene Familie", hatte er gesagt und dabei wieder diesen hochroten Kopf, den er immer bekam, wenn er maßlos erregt war. Sie war sich nicht sicher, aber die Angelegenheit im Herbst 83 war ein erstes Indiz für einen Verrat. Damals hatten sie Wandertag, und während die Klasse, nur begleitet von ihrem Klassenlehrer Herrn Willich, eine Landstraße überquerte, pflückte ihr Mitschüler Ingo, einen Apfel von einem der unzähligen Apfelbäume, die die Landstraße säumten. Er biss herzhaft hinein, aber noch bevor er das Apfelstück zerkauen konnte, kam der Klassenlehrer angerannt und brüllte ihn an. Er solle den Apfel hergeben und das Stück ausspucken. Alle dachten, damit wäre die Sache erledigt und alle dachten falsch.
Am darauffolgenden Tag, sie hatten eine Doppelstunde Chemie bei Herrn Willich, begann dieser den Unterricht anders als erwartet. Ingo musste vor die Klasse treten und sich für den Diebstahl von Volkseigentum entschuldigen. Darauf bestand Herr Willich. Hätte Ingo vor dem Tribunal, der Klasse, nach seinem Geständnis reumütig geweint, wäre wahrscheinlich alles vorbei gewesen; doch genau das hatte er nicht getan, sondern grinsend seinen Spruch heruntergeleiert. "Ich möchte mich vor dem Klassenkollektiv dafür entschuldigen, dass ich Volkseigentum, einen Apfel, gestohlen habe. Ich hatte Hunger, und da die Bäume an der Straße standen und nicht eingezäunt waren, dachte ich, ich könnte mir einen nehmen." Fast allen Mitschülern war es schwergefallen, nicht laut loszulachen, vor allem den Jungs, die nach unten blickten, um das Schlimmste zu verhindern. Herr Willich bekam das scheinbar mit, denn Ingo wurde nicht aus seiner Pein entlassen. Ganz im Gegenteil. Der Klassenlehrer forderte die Schüler auf, ihre Meinung zu äußern, und das hieß nur eines: Ingo musste verurteilt werden. Erwartungsvoll hatte Herr Willich dabei zu Ulrike gesehen, die ihre Rolle als FDJ-Sekretärin, als Tochter eines volkseigenen Betriebsdirektors – das dachte sie manchmal und musste dabei jedes Mal innerlich grinsen –, als Vorbild und Musterschülerin erfüllte. Sie hatte den Erwartungen, die in sie gesetzt wurden, entsprochen und den Diebstahl aufs Schärfste verurteilt. Sie sprach dabei für die gesamte Klasse und eigentlich wäre es damit vorbei gewesen, hätten nicht Kirsten und Petra ihre Vorlage nachgeplappert, um sich ihrerseits zu profilieren.
Bis heute ärgerte sie sich darüber, nicht gesagt zu haben, was es wirklich war, über das sie hier sprachen. Eine Lappalie. Schließlich durfte man auch im Wald Pilze sammeln, obwohl er dem Volk gehörte. Doch dazu fehlte ihr damals der Mut, und deshalb hatte sie Ingo, genau wie alle anderen Mitschüler auch, verraten. Ihre Schuld wog nicht weniger, nur weil alle sie trugen. Sie verteilte sich nicht gleichmäßig auf die Schultern aller, und ihr Gewicht ließ niemals nach. Die Angelegenheit hatte zwar keine weiteren Konsequenzen für Ingo, aber allein die Tatsache, so an den Pranger gestellt zu werden, war sicherlich unangenehm genug gewesen.
Genau wie der Vorfall, der sich ein knappes Dreivierteljahr später ereignet hatte. Die zwölften Klassen hatten ihre Abiturprüfungen, und daher bekamen sie, die Elfer, einen Ersatzstundenplan. Der Auslöser des Ärgers war einfach nur der Umstand, dass am Montag, normalerweise hatten sie fünf Stunden, eine sechste Unterrichtsstunde im Ersatzplan vorgesehen war. Niemand konnte sich erklären, warum der Ersatzplan mehr Stunden aufzuweisen hatte. Zumal die anderen Tage exakt das Unterrichtsvolumen umfassten, welches sie bereits das ganze Schuljahr über hatten. Die Mehrstunde des Montags wurde nirgendwo ausgeglichen und als es in der Schule keine Antwort darauf gab, beschloss ein Mitschüler, sie sich beim Stadtschulrat persönlich zu holen. Aber erst am Montagnachmittag und damit nach der sechsten Stunde. Alle Schüler der Klasse waren einverstanden und auch sie, Ulrike, froh darüber, dass jemand diese unangenehme Aufgabe übernommen hatte.
Das dicke Ende kam am nächsten Tag und zwar sofort zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde. Der Stellvertreter des Schulleiters betrat die Klasse und klärte die Schüler darüber auf, am Vortag habe einer der ihrigen sich beim Stadtschulrat darüber beschwert, dass sie Staatsbürgerkundeunterricht gehabt hätten. Natürlich vergaß er zu erwähnen, es war die sechste und damit zugleich die zusätzliche Stunde, um die es lediglich ging. Der Dissident Helmut musste vor die Klasse, und sein Einwand, die gestrige Frage wäre nicht dem Fach, sondern allein der Tatsache einer sechsten Stunde geschuldet gewesen, wurde schnell als das entlarvt, was es war. Eine faule Ausrede! Dass es sich dabei auch um Mathe, Deutsch, Physik oder eben, wie zufällig geschehen, um Staatsbürgerkundeunterricht hätte handeln können, wurde unbeachtet vom Tisch gefegt. Das Urteil stand fest. Tod durch den Scheiterhaufen! Sie, seine Mitschüler, gestern noch Mittäter oder doch wenigstens Sympathisanten des Unheiligen, legten das Feuer, und wieder war es Ulrike, auf die der Blick des Inquisitors fiel. Fromm und demütig hatte sie sich von Helmuts Verhalten distanziert und dabei nicht vergessen, auf die Bedeutung gerade dieses Fachs hinzuweisen. Es würden ihnen doch gerade im Staatsbürgerkundeunterricht die Grundlagen des real existierenden Sozialismus vergegenwärtigt und die führende Rolle der Partei, welche den Willen der herrschenden Klasse, ihrer geliebten Arbeiterklasse, konsequent umsetze, um sie zur nächsten Entwicklungsstufe, dem Kommunismus, zu führen, verdeutlicht. Kirsten und Petra schlossen sich wieder ihrer vorbildlichen Meinung an, und auch dieses Ereignis hatte scheinbar keine Konsequenzen. Helmut bekam später seine Studienzulassung, und ob seine dreijährige Verpflichtung zur Nationalen Volksarmee etwas mit der Sache zu tun hatte, blieb immer ein Geheimnis. Wenn es so gewesen war, dann hatte sie ihn doppelt verraten. Sie hatte nicht darauf hingewiesen, dass diese Angelegenheit in der Schule hätte geklärt werden können, und sie vergaß auch zu erwähnen, dass Helmuts politische Bildung vorangetrieben worden war, und er erst nach dem Unterricht die Frage beim Stadtschulrat gestellt hatte. Die Absprache in der Klasse erwähnte sie auch nicht und erst recht nicht, wie froh sie war, dass er das übernommen hatte. Und genau darüber waren damals, spätestens ab dem Erscheinen des stellvertretenden Schulleiters, alle froh. Es wäre so einfach gewesen, alles aufzuklären, aber niemand tat es. Sie auch nicht. Sie hatte ihn verraten, alle hatten ihn verraten, aber das durfte keine Entschuldigung sein. Und nun bezichtigte sie ihr eigener Vater des Verrats. Des Verrats an ihm.
Das erste Mal tat er das vor zwei Wochen, als Ulrike mit ihren Eltern über das freudige Ereignis sprach. Zwei Mal im Monat fuhr sie nach Hause. Die anderen Wochenenden verbrachte sie in Berlin, und insgeheim hatte sie bei ihrer letzten Heimreise gehofft, ihre Eltern würden sich freuen. Ein bisschen wenigstens. Aber das taten sie nicht. Nicht eine freundliche Regung war ihnen anzumerken gewesen. An einige helfende Worte ihrer Mutter – 'Vati, nun freu dich doch! Es ist doch nicht schlimm, wenn du bald Opa wirst' – war nicht zu denken. "Hättest du nicht besser aufpassen können?", war Muttis fragender Kommentar gewesen, und ihre Stimme klang dabei leise und vorwurfsvoll. In einem waren sich die Eltern einig, auch wenn es nur ihr Vater aussprach. "Muss es gerade jetzt sein? Du bist im dritten Studienjahr. Soll etwa alles umsonst gewesen sein?" Ihr Vater bekam bei diesen Worten wieder einen roten Kopf, doch seine Frau tätschelte rechtzeitig seine Hand. "Vati, nun reg dich doch nicht so auf. Sie kann es doch immer noch wegmachen lassen." Das schien für ihre Eltern die beste Lösung zu sein. Ohne Ulrike überhaupt zu fragen, ob sie dazu bereit wäre, schlugen sie ihr vor, den Eingriff in Berlin machen zu lassen. Rathenow sei schließlich klein und die Verschwiegenheit der Mitarbeiter des Kreiskrankenhauses nicht gewiss. Man müsse auch an Vatis Ruf in der Stadt denken.
Aber Ulrike dachte nicht im Entferntesten daran, dem jungen Leben, das in ihr heranwuchs, dieses Schicksal aufzubürden. Dazu war es sowieso zu spät, wobei das nicht der wahre Grund ihrer Entscheidung war, und sie ihn ihren Eltern auch noch nicht nannte. "Als zukünftige Ärztin soll ich Leben retten und es nicht vernichten", antwortete sie. "Außerdem gibt es Kinderkrippen, und das Studium ist trotzdem zu schaffen. Ich wäre nicht die erste Studentin, die Mutter wird." Ihr Vater gab sofort zu bedenken, es sei doch nicht nur das Studium, welches es zu absolvieren gelte. Die spätere Facharztausbildung, die Schichtdienste im Krankenhaus, die sie unbedingt machen müsse, wenn sie es auch zu etwas bringen wolle, würden ihr alles abverlangen. Aber zu was wollte sie es bringen? Sie wollte Ärztin werden, genau das, was ihre Eltern jahrelang wollten und worauf sie ihre Tochter getrimmt hatten.
Doch dann war die Bombe geplatzt. Ulrike hatte nur gefragt, ob sie nicht einmal wissen wollten, wer der Vater sei. Die beiden schauten sie etwas betreten an, und der Blick verriet, es wäre unwichtig, wenn ihre Tochter die einzig richtige Entscheidung träfe. "Spielt das eine Rolle?", fragte ihr Vater trotzdem.
Es spielte eine, als Ulrike sagte, er sei kein Mitstudent und auch kein Mann, der in der DDR lebe. Die Augen ihrer Eltern weiteten sich, und Ulrike wusste in dem Moment genau, woran sie dachten. In Rathenow hatte es damals für reichlich Gesprächsstoff gesorgt. Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass die drei Angolaner, die in Vaters Betrieb eine Ausbildung gemacht hatten, ihre Spuren hinterlassen könnten. Die Ausbildung der drei wurde als Akt der Solidarität, als Beitrag der DDR zur Befreiung des angolanischen Volkes, gefeiert, und natürlich wollte man, dass sich die Gäste während ihres Aufenthalts im Arbeiter- und Bauernstaat wohlfühlten. Aber so wohl nun auch nicht. Die Neugier der Mädchen hatte man nicht bedacht und die Dummheit einer von ihnen erst recht nicht. Die Dümmste war diejenige gewesen, die nicht hatte abtreiben lassen und das Kind zur Welt brachte. "Ist das ein süßes Baby", hatten alle lächelnd gesagt, aber das war nur der offiziellen Lesart geschuldet. Das Getratsche hatte kein Ende genommen, und als die drei Angolaner zwei Jahre später abreisten, reisten auch die junge Mutter und das dunkelhäutigere Baby, es war ein Mädchen, ab. Niemand wusste wohin, aber wahrscheinlich nach Afrika. "Dort kann die Schlampe am besten beim Aufbau des Sozialismus helfen", hatte man hinter vorgehaltener Hand geflüstert und dabei süffisant gegrinst.
"Was heißt, er ist nicht aus der DDR?", hatte ihr Vater gefragt und als Ulrike erwiderte, er müsse sich wegen der Hautfarbe keine Sorgen machen, erschlaffte sein massiger Körper wieder etwas. Auch ihrer Mutter war sofort anzusehen gewesen, welche Last von ihr abfiel. "Nicht, dass du das falsch verstehst, Kind …", hatte sie gesagt und den Satz nicht zu Ende gesprochen. "Keine Sorge, es wird weiß", hatte sie ihre Eltern, zumindest diesbezüglich, beruhigt, gleichzeitig aber auch deren Neugier geweckt. "Und wie heißt er nun?", hatte ihre Mutter dann gefragt. Als sie erfahren hatte, sein Name sei Christian Weber, sah sie Ulrike irritiert an. "Ich denke, er ist nicht aus der DDR? Der Name klingt aber Deutsch." Daraufhin hatte Ulrike genickt und gesagt, das sei bei Männern aus dem anderen Teil Deutschlands meist so.
Die Gesichtsfarbe ihres Vaters änderte sich schlagartig, und das deutlich mehr, als sie es normalerweise von ihm gewohnt war. Es ging auch schneller, und die Ader in der Mitte seiner Stirn war dabei überdeutlich hervorgetreten. Sie kündigte Ungemach an. Ihre Mutter sagte nur, sie würde Vati noch unter die Erde bringen. Sie, Ulrike, müsse doch auch an ihn denken, bei allem, was er, Vati, schon für sie getan hatte. Dann war ihre Mutter sofort hastig in die Küche geeilt und hatte ihm einen Beruhigungsschnaps geholt. Sicherheitshalber hatte sie auch gleich die halbvolle Flasche aus dem Kühlschrank auf das kleine Tablett gestellt.
Nach zwei Schnäpsen ging es ihrem Vater wieder besser. "Du darfst niemandem sagen, dass der Vater aus dem Westen ist. Wenn das rauskommt, dann schmeißen sie mich nicht nur aus der Kreisleitung der Partei raus. Was hast du dir dabei überhaupt gedacht?" Den letzten Satz schrie er wieder und Mutti goss schnell noch einen Doppelkorn für ihn ein. Natürlich einen aus Nordhausen. Die Bekannte aus dem Konsum legte ihn immer für sie zur Seite. Die normale Kundschaft musste sich stets mit dem aus Berlin zufriedengeben.
Der Kopf ihres Vaters hatte wieder die normale Farbe angenommen, als Ulrike sagte: "Gar nichts. Ich hab ihm nicht angesehen, wo er her ist und erst später erfahren, dass er an der Freien Universität studiert."
"Du musst das beenden! Wenigstens sieht man das dem Kind nicht an", hatte ihr Vater sofort erwidert und von ihr verlangt, sie solle sich bis zum nächsten Mal entscheiden und ihm dann sagen, wie es weiterginge. Selbstverständlich auch Mutti.
Ulrike hatte seitdem nachgedacht und es nicht versäumt, Christian in die Entscheidung mit einzubeziehen. Immerhin war er der Vater des Kindes, und als sie sich letztes Wochenende in Ost-Berlin wieder trafen, fragte er sie, ob sie ihn heiraten würde. Sie hatte seinen Antrag nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt. Es gab so vieles zu bedenken, und dazu gehörte in erster Linie ihr Studium. Sie wollte es unbedingt abschließen. Doch das bedeutete auch, Christian musste zwei Jahre warten und sie sähen sich weiterhin nur an den Wochenenden. Und das nicht einmal an jedem. Er hatte zwar vorgeschlagen, sie könne ihr Studium auch in West-Berlin fortsetzen, aber Ulrike sofort interveniert. Im Westteil der Stadt gab es kaum Kinderkrippen und ihr Freund hatte das eingeräumt. "Zwei Jahre sind schnell vorbei, und 1990 bin ich mit dem Studium fertig. Der Abschluss der Humboldt-Uni wird doch bei euch anerkannt. Bis dahin können sich auch meine Eltern beruhigen und vielleicht ..." Ulrike hatte gestockt und Christian verstand genau warum. Sie hatte ihm schon einiges über ihre Eltern erzählt. Außerdem war ein Ausreiseantrag eine fast unplanbare Angelegenheit. Niemand konnte sagen, wie lange eine Bearbeitung dauern würde, und während dieser Zeit dürfte sie ihr Studium bestimmt nicht fortführen. Und da war ja noch ihr Vater. Ulrikes Ausreise würde ihn die Stellung sowie die Privilegien kosten. Nicht nur in der Kreisleitung der Partei. Das würde in zwei Jahren nicht anders sein, aber bis dahin konnten sie und Christian alles vorbereiten. Ulrike hegte sogar die leise Hoffnung, ihr Vater könnte sich mit der Situation einigermaßen arrangieren. So viele Arbeitsjahre lagen schließlich nicht mehr vor ihm. "Aber in zwei Jahren heiraten wir, und dann möchte ich auch offiziell der Vater unseres Kindes sein", hatte Christian geantwortet und sie geküsst. Alles war so romantisch. Selbst das Studentenwohnheim in Lichtenberg, wo er ihr vor einer Woche den Antrag gemacht und schon vorher gelegentlich mit in ihrem Zimmer übernachtet hatte, erstrahlte in neuem Glanz. Keiner der Mitbewohner hatte bisher Verdacht geschöpft oder gemerkt, wo er herkam. Ulrike war sehr froh darüber, dass er nicht den Wessi raushängen ließ und sich stets bescheiden gab. Die Levis und die Turnschuhe fielen im Wohnheim nicht weiter auf, und sein ausgewaschenes T-Shirt mit dem Konterfei von Che Guevara ließ Zweifel an seiner Identität erst gar nicht aufkommen. Und außerdem gab es noch seine Oma im Prenzlauer Berg, die er auch oft besuchte und die nichts dagegen hatte, wenn er sie immer wieder mitbrachte. Ulrike mochte die alte Frau und das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Gelegentlich übernachteten sie auch gemeinsam in Omas Wohnung, die ihr allein sowieso viel zu groß war. Als sie ihr von der Schwangerschaft erzählten, freute sie sich und meinte, sie hätte gar nicht mehr daran geglaubt, noch Uroma zu werden. Aber nach dem kurzen Moment der Freude sah sie die beiden ernst an. "Ich hoffe, ihr schafft das. Euch ist doch klar, dass es nicht einfach werden wird." Das war es ihnen. Allen beiden.
Sie klärten die alte Frau über ihre Pläne auf, und diese teilte ihre Vorstellungen, bis auf die Tatsache, weswegen Ulrike den Namen des Vaters vorerst geheim halten wollte. "1990 werden sie sagen, du gibst ihn nur als angeblichen Vater an, um ausreisen zu können. Dann werden sie dich noch länger warten lassen oder dir das Kind wegnehmen. Gründe für so was finden sich immer", gab Hedwig zu bedenken. Ihr Argument war nicht von der Hand zu weisen. Ulrike und Christian beschlossen, sich darüber Gedanken zu machen. Dafür hatten sie noch einige Monate Zeit. Wobei die Hauptlast dieser Gedanken bei Ulrike lag. Die Tatsache, der Vater ihres Kindes kam aus der Bundesrepublik, dürfte bereits reichen, um sie aus der Partei auszuschließen. Jetzt bereute sie es, dem Drängen ihrer Eltern nachgegeben und kurz nach ihrem 18. Geburtstag die Kandidatur als Mitglied der SED beantragt zu haben. 'Aber das konnte doch niemand vorhersehen', dachte sie und war selbst erstaunt, welche abrupten Wendungen das Leben einschlagen konnte.
Was sie jedoch genau vorhersehen konnte, war ihr bevorstehendes Tribunal. Das Parteiausschlussverfahren. Plötzlich verstand sie genau, wie Ingo und Helmut sich damals gefühlt haben mussten. Ihr würde es bald ähnlich ergehen. Wahrscheinlich noch viel schlimmer. Die Frage war lediglich, ob es schon in sechs Monaten oder erst in zwei Jahren soweit wäre. "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", murmelte sie leise und dachte an gestern Abend, als sie mit ihren Eltern darüber gesprochen hatte. Immerhin hatte ihr Vater sie bereits vor zwei Wochen zu einer Entscheidung gedrängt und diese Galgenfrist gewährt, wohl wissend oder wenigstens genau ahnend, wie sich seine Tochter verhalten würde. Diesmal hatte er sich getäuscht. In seinem eigenen Fleisch und Blut.
