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Was, wenn deine größte Hoffnung zu deinem größten Albtraum wird?
Jessica Schulte am Hülse beschreibt in sieben Erzählungen das große und das kleine Drama der Liebe. Gemein ist den Erzählungen ein Verrat, der die Liebe zwischen zwei Menschen oder das Verhältnis zwischen zwei Menschen beschädigt, belastet, zerstört. Am Ende jeder Geschichte stehen die Menschen traumatisiert oder auch befreit vor den Scherben dessen, was einmal Vertrauen, Geborgenheit, Freude und tiefe Liebe war. Mal kommt die Unwahrheit auf leisen Sohlen, mal brutal und unfair mit großen Schritten, mal finden die Verratenen einen Weg aus dem Drama, mal zerbrechen sie an der Heftigkeit des Erlebens und können sich nur durch radikale Schnitte aus dem Tumult und der Verstrickung befreien.
Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe - das sind sieben Geschichten, die uns teilhaben lassen an den Verletzungen, die sich Menschen willentlich oder unwillentlich antun im Namen der Liebe. Packend, traurig, bestürzend und von großer psychologischer Intensität.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2017
Zum Buch
Was, wenn deine größte Hoffnung zu deinem größten Albtraum wird?
Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe – das sind sieben Geschichten, die uns teilhaben lassen an den Verletzungen, die sich Menschen willentlich oder unwillentlich im Namen der Liebe antun. Gemein ist den Erzählungen ein Verrat, der die Liebe zwischen zwei Menschen beschädigt, belastet, zerstört. Am Ende jeder Geschichte stehen die Menschen traumatisiert oder auch befreit vor den Scherben dessen, was einmal Vertrauen, Geborgenheit, Freude und tiefe Liebe war. Mal kommt die Unwahrheit auf leisen Sohlen, mal brutal und unfair mit großen Schritten, mal finden die Verratenen einen Weg aus dem Drama, mal zerbrechen sie an der Heftigkeit des Erlebens und können sich nur durch radikale Schnitte aus dem Tumult und der Verstrickung befreien. Sieben Geschichten über das Scheitern der Liebe: packend, traurig und von großer psychologischer Intensität.
Zur Autorin
Jessica Schulte am Hülse, geboren 1972, Studium der Psychologie an der Freien Universität Berlin. Sie ist Managing Editor der internationalen Bild- und Nachrichtenagentur World Entertainment News Network und freie Journalistin. Jessica Schulte am Hülse lebt mit ihrer Familie in Berlin.
JESSICA SCHULTE AM HÜLSE
Verrat
SIEBEN VERBRECHEN
AN DER LIEBE
BLESSING
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Copyright © 2017 by Jessica Schulte am Hülse
Copyright © 2017 by Karl Blessing Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design
Satz: Leingärtner, Nabburg
e-ISBN: 978-3-641-21066-3V001
www.blessing-verlag.de
Inhalt
Vorwort
Vorbildliches Doppelleben
Herztaktlos
Kuckucksvater
Bei Trennung Mord
Flucht
Die Andere
Kopfurlaub
»Wir müssen bereit sein,
uns von dem Leben zu lösen,
das wir geplant haben,
damit wir das Leben finden,
das auf uns wartet.«
Oscar Wilde
Vorwort
Gibt es einen größeren Verrat als den an der Liebe? Als an dem Menschen, der einem vertraut hat? Und gibt es einen größeren Schmerz als die Erkenntnis, dass man eine Liebe verloren hat?
In diesem Buch erzähle ich in sieben wahren Geschichten vom Scheitern, von Abgründen und davon, was Menschen bereit sind auszuhalten im Namen der Liebe.
Denn für die meisten ist die kleinste und intimste Einheit der Beziehung, Ehe oder Familie das höchste Gut. Dafür wird gekämpft und gelitten, gearbeitet und gelebt. Nichts macht so glücklich oder unglücklich wie die verdammte Liebe. Für sie lassen wir uns auf Abenteuer ein, wachsen über uns selbst hinaus, werden zu eifersüchtigen Bestien oder ertragen Verletzungen, gegen die unser Verstand längst hätte rebellieren müssen – Liebe kann eben auch zur Obsession werden. Und so euphorisch und enthusiastisch das Herz am Anfang auch pocht, so sehr martert es uns, wenn der Abgrund des Verrats sich auftut.
Im Zentrum aller Erzählungen steht ein Betrug, eine bewusste Täuschung: Was, wenn der Ehepartner oder Lebensgefährte gar nicht der ist, der er vorgibt zu sein? Die Frau gar nicht meine? Mein ganzes Leben offenbar auf Lügen gebaut? Was, wenn dieses, mein Leben, von einer Sekunde zur anderen aufhört zu existieren? Das Vertrauen in die Person, die einem am nächsten stand, wird von einem Moment auf den anderen zerstört – und damit auch der Glaube an die eigene Urteilsfähigkeit. Gab es keine Vorzeichen? Hätte ich es nicht wissen müssen? Und es geht noch tiefer: Es steht nicht weniger auf dem Spiel als der Verlust der eigene Identität.
Und obwohl die Liebe zu den wichtigsten Themen im Leben gehört, bleibt sie dennoch ein Mysterium. Sie arbeitet meist unter Tage, wirkt im Verborgenen, ist rational schwer zu erfassen. Und so handeln diese Erzählungen auch von Menschen, die sich auf etwas eingelassen, sich geöffnet haben und schwer enttäuscht wurden. Manche stehen wieder auf und gehen gestärkt weiter, manche geben auf und bleiben zerstört zurück.
Mich berührten die Geschichten über all diese Lieben, die so jubelnd begannen und dann so tragisch endeten. Und deshalb habe ich sie aufgeschrieben.
Jessica Schulte am Hülse
Vorbildliches Doppelleben
Vom Büro bis zum OP-Saal waren es genau fünfzig Schritte. Gleich große, bedächtige Schritte den langen Flur entlang, durch die automatische Schwingtür, dann links Richtung Intensivstation. Umziehen, mit immer den genau gleichen Handgriffen. Hände und Arme sterilisieren. Operationskittel, Handschuhe, OP-Haube, Mundschutz mithilfe des Assistenzarztes anziehen. Von dem sterilen Umkleideraum bis an den OP-Tisch noch mal fünfzehn Schritte. Das Besteck lag schon da, exakt so sortiert, wie Markus es sich wünschte. Die Anästhesistin zählte mit dem Beginn der Narkose rückwärts. Die meisten Patienten kamen maximal bis zehn, dann setzten Schlaf und Vergessen ein. Sobald das Beatmungsgerät lief, kam der schönste Teil: der erste Schnitt in den lebenden Menschen, um den Tod aus ihm herauszuschneiden. Markus’ Selbstbewusstsein funkte jetzt auf höchster Frequenz. Im Universitätsklinikum in Frankfurt zitterten alle vor seiner Hybris. Markus richtete seinen Verstand auf die zu erfüllende Aufgabe, alles andere konnte er ausblenden. Seine Nerven versagten nicht, er schwitzte nur selten, bisher war ihm noch nie ein Fehler unterlaufen. Er war vierzig.
Der erste Fehler passierte genau einen Tag bevor Markus zum Überraschungsbesuch zu seiner Frau Steffi nach Südafrika aufbrechen wollte. Der Flug von Frankfurt über Johannesburg nach Kapstadt war gebucht, ebenso wie die Suite für ihren dritten Hochzeitstag. Tochter Sophie würde die Tage bei seiner Schwiegermutter verbringen. Während eines Eingriffs verrutschte Markus ein Schnitt. Eine kleine Ungenauigkeit. Auf der Haut seiner Patientin würde eine asymmetrische Narbe zurückbleiben. Erstaunte Blicke im OP-Saal. Schweiß tropfte von Markus’ Stirn und musste abgetupft werden. Den Tumor an sich entfernt er trotz des Missgeschicks mit absoluter Präzision. Auf dem Weg zurück in sein Büro verzählt sich Markus. Erschöpft lässt er sich in seinen Sessel fallen. Irgendetwas stimmt nicht mehr in seinem Leben.
Steffi war sechsundzwanzig als sie Markus vier Jahre zuvor kennenlernte. In einem Flugzeug. Steffi war Stewardess, und er durchlitt sein letztes Jahr der Ausbildung zum Facharzt der Chirurgie am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. Daneben hatte Markus eigentlich kein Leben. Nur die Arbeit im Krankenhaus und die Sehnsucht nach mehr. Viel mehr.
Die Maschine von Frankfurt nach Madrid war brechend voll. Markus wollte über das Osterwochenende einen alten Schulfreund in der spanischen Hauptstadt besuchen: drei Tage Sightseeing, Tapas, Bars und Kunst in den Museen Prado und Thyssen-Bornemisza. In den letzten Monaten übernahm Markus jede Sonderschicht freiwillig. Jeden Notfall. Er verließ das Krankenhaus fast nicht mehr. Sein Chef, Professor Doktor Schubert, befahl ihm quasi wegzufahren – eine Auszeit zu nehmen. Wörtlich sagte er: »Sie sind fanatisch.« Im Einstiegsgedrängel zwischen Handgepäck, Jacken und aufgeregten Kindern leitete Steffi die Passagiere sicher zu ihren Plätzen. Für Markus’ kleinen Koffer gab es keinen Platz mehr in der Ablage. Steffi sah seine Hilflosigkeit und nahm ihm zuvorkommend sein Gepäck ab. »Sie bekommen ihn vorne beim Aussteigen wieder. Brauchen Sie noch irgendetwas aus dem Koffer für den Flug?« Sie sah ihn mit direktem Blick an, Markus erwiderte ihn. Ein Treffen mit der blonden Stewardess in Madrid wäre genau das bisschen Mehr, das ihm gerade gefallen würde. Sie müsse in Uniform erscheinen, dachte er und setzte sich an seinen Fensterplatz in Reihe zwölf. Markus liebte Berufe, die schon an der Kleidung zu erkennen waren. Kaum war der Flieger über den Wolken und die Anschnallzeichen erloschen, schlief er ein. Flugzeuge waren für ihn schon immer die besten Schlaftabletten. So nahm er die vielen fremden Menschen, deren Gerüche, Gespräche und Geräusche nicht wahr.
Beim Verlassen der Maschine wartete Steffi mit seinem Koffer vorn am Ausgang. Markus ließ sich Zeit, um als einer der Letzten an ihr vorbeigehen zu können. Sie drückte ihm sein Gepäck in die rechte Hand und er ihr einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die linke. Sie lächelte. Ein leichtes Kribbeln stieg in Markus auf. Er war schon sechsunddreißig, und es wurde Zeit, sich eine Frau zuzulegen. Beschwingt fuhr er mit dem Taxi in die spanische Hauptstadt, durch das offene Fenster ließ er die sanfte Aprilsonne ins Innere des muffigen, alten Mercedes. Der Fahrer schloss grummelnd das Fenster und drehte demonstrativ die Klimaanlage und die Lautstärke des Radios hoch. Jetzt saßen sie in einem fahrenden Kühlschrank mit spanischer Folkloremusik.
Markus’ Freund Manolo wohnte direkt am Botanischen Garten in einer Dreier-WG und hatte den Schlüssel in einem kleinen Café im selben Haus hinterlassen. Manolo besaß einen kleinen Tapas-Laden in Huertas. Markus sollte ihn später dort besuchen, um gemeinsam etwas zu essen und um die Häuser zu ziehen. Die WG war chaotisch. Hier wohnten drei Spanier, die in Sachen Haushaltsführung weder Erfahrung noch Interesse besaßen. Die Wohnung war völlig verdreckt, Staubmäuse hingen in den Zimmerecken, überall standen volle Aschenbecher, und in der Küche stapelte sich das ungewaschene Geschirr. Markus schloss die Augen, als er sie wieder öffnete, war es nicht besser: Hier waren Millionen von Bakterien. Durch die schmutzigen Fenster fiel fahles Licht auf die verwohnten Möbel. Für ein paar Tage musste er das aushalten. Bei ihm zu Hause war es extrem sauber, fast steril. Sauberkeit bedeutete für Markus, Kontrolle über das Leben zu haben. Die Beschaffenheit der Welt ohne akribische Ordnung war schmerzhaft für ihn und kaum zu ertragen. »Mach dir dein Bett auf dem Sofa im Wohnzimmer«, hatte Manolo gesagt. Auf der zerschlissenen Couch lagen Bücher, Klamotten, Krümel, alte Zeitungen, und sie war gleichmäßig mit einer weißgrauen Ascheschicht und Fettflecken überzogen. Da er erst spät in der Nacht zurückkommen würde, beschloss Markus, sich erst mal um die Reinigung seines Schlaflagers zu kümmern. Von Dreck fühlte er sich bedroht wie seine Patienten von den Krankenhauskeimen. Markus’ Leben bestand aus Disziplin und Ordnung. Jede Abweichung machte ihn aggressiv. Hier in Madrid ertrug er es gerade so, doch mit einem ständigen Gefühl von Ekel. Eine Stunde kümmerte er sich um die Säuberung seines Nachtlagers, dann lief er schon etwas beruhigter durch den Botanischen Garten zu Manolos Tapas-Bar. Dort aßen sie von kleinen braunen Tellern Albóndigas, Patatas allioli und Pimientos de Padrón, tranken Rotwein aus einfachen Karaffen und lachten über die alten Zeiten auf dem Gymnasium in Frankfurt. Markus befand sich ausnahmsweise in einem lockeren, unbeschwerten Zustand.
»Und, wie viele Schritte sind es von meiner Haustür bis hierher?«, wollte Manolo wissen.
»Da ich den Weg nicht oft gehen werde, habe ich nicht gezählt.«
Manolo lachte. »Was machen die Frauen?«
»Nichts Besonderes zurzeit.«
»Deutsche Ärzte sind gut zu vermitteln in Spanien, wir werden dir heute Abend eine schicke Madrilenin finden.«
Manolo schenkte großzügig Wein nach und bestellte Cortado. Die Sonne ging unter, und in den Straßen verstärkte sich das quirlige Treiben der Touristen und Studenten. Irgendwo spielte ein Gitarrist Flamenco. Manolo begann über Freundschaften zu sinnieren, sprach über Menschen, die immer nur an der Oberfläche herumkratzten und empathielos seien. Markus kam es nicht in den Sinn, es könnte dabei um ihn gehen. Denn dass die Menschen, die er als Freunde bezeichnete, ihn eher als einen Bekannten sahen, wusste er nicht.
Plötzlich klingelte Markus’ Telefon. Steffi. Markus lief die Straße auf und ab, während er mit ihr sprach. Eine Stunde später saß sie mit am Tisch in der Casa Los Rotos. Manolo beobachtete die beiden amüsiert und bemühte sich, ihre Gläser nie leer werden zu lassen. Mit einer Frau hatte er Markus nie zuvor gesehen. In der Schule hielten alle Markus für einen hochintelligenten Freak. Ein naturwissenschaftliches Genie, das in Sachen Sozialkompetenz eine absolute Niete schien. Die Mädchen interessierten sich nur für ihn, um bei ihm abzuschreiben.
Die ersten Berührungen zwischen Markus und Steffi waren so vorsichtig, als fürchteten sie, sie würden sich sonst in Luft auflösen. Ihre sexuelle Unerfahrenheit schwebte zwischen ihren Körpern wie eine unsichtbare Grenze. Für Außenstehende sahen ihre linkischen Umarmungen geradezu beklommen aus. Steffi trank schnell viel Wein und ertrug, dass Markus’ Lippen ihre zaghaft berührten. Es kam einer stillen Vereinbarung gleich, es auszuhalten; genießen konnten sie es beide nicht. Im Verlauf dieses ersten Abends stellte sich jedoch eine seltsame Vertrautheit zwischen Markus und Steffi ein, gerade weil sie physisch recht wenig miteinander anfangen konnten und wollten. Wortlos erkannten sie das Begrenztsein des jeweils anderen. Steffi mochte Markus’ gutes, gepflegtes Aussehen und seine präzise Wortwahl. Ja, Markus hatte Charisma. Das war ihr schon im Flugzeug aufgefallen. Markus wiederum zogen Steffis offene Art und ihre ruhige Geradlinigkeit an. Zudem war sie attraktiv: schlank, sportlich, etwas burschikos. Ihre kurzen Haare ließen ihren langen, eleganten Hals zur Geltung kommen. Sie ist die Richtige, entschied er schon nach wenigen Stunden. In seinem Kopf hatte Markus eine Art Checkliste, die er abhakte, wie andere die Lebensmittel auf ihrem Einkaufszettel. Hinter »Frau« befand sich jetzt ein imaginäres Häkchen.
In Frankfurt sehen sich Steffi und Markus zwei Wochen später wieder. Von nun an gehen sie gemeinsam ins Kino, ins Theater und zu Ausstellungseröffnungen. Markus erzählte von seinen Operationen und Aufstiegsmöglichkeiten in der Klinik, Steffi von Städten und Ländern, die sie als Stewardess bereiste. Manchmal hielten sie Händchen. Nach zwei Monaten schlafen sie das erste Mal miteinander, weil es irgendwie dazugehörte. Es war okay. Jetzt wussten sie immerhin, dass es funktionierte. Vielleicht könnten sie eine Familie gründen, ein bürgerliches Dasein führen und sich an alle Standards halten, die ihnen von ihren Eltern vermittelt worden waren.
Fünf Monate nachdem sie sich kennengelernt hatten, fühlte sich Steffi matt und schlapp. Tagein, tagaus. Sie nahm rapide ab, verlor sogar die Lust am Fliegen. Markus ahnt, dass eine Krebsart an ihr nagt. Er kennt sich aus mit dem tückischen Parasiten, der die Zellen umprogrammiert. Beim Arzt muss sich Steffi diversen Tests unterziehen. Ihre Blutwerte sind katastrophal, die Röntgenbilder bestätigen den Verdacht: Lymphdrüsenkrebs. Sie ist gerade siebenundzwanzig geworden und muss um ihr Leben kämpfen. Chemotherapie, Strahlentherapie, Schmerzen, Angst, Erbrechen, Hilflosigkeit. Nicht mehr als eine leere Hülle blieb von ihr übrig. Anfangs bekam sie noch Besuch von Kollegen und alten Schulfreundinnen, nach zwei Monaten ebbt das Mitleid ab. Das Leben der Gesunden geht weiter. Nur Sabrina, Steffis beste Freundin, die ebenfalls als Stewardess mit der Lufthansa fliegt, setzte ihre Besuche und Anrufe fort. Und auch Markus verhielt sich vorbildlich, er war in seinem Element: Mit einer Selbstverständlichkeit, die an Selbstaufgabe grenzt, kümmert er sich jeden Tag um Steffi und operiert parallel im Akkord. Während Markus mit der Präzision eines Roboters Haut und Fleisch seiner Patienten durchschneidet, hält er nun, während er operiert, ausführliche Vorträge über tödliche Viren und Bakterien. Seine Kollegen finden das makaber. Markus macht es Spaß. Er ist inzwischen siebenunddreißig.
Eines Tages, kurz bevor Steffi entlassen werden soll, trifft Markus im Flur vor Steffis Krankenzimmer auf ihre Mutter. Maria umgarnt ihn begeistert und betont mehrmals, wie sehr sie sich doch freue, endlich Steffis Freund kennenzulernen. Wie ein kleines Mädchen himmelt Maria Markus an. Sie tauschen Telefonnummern aus, beim Abschied will Maria Markus’ Hand gar nicht mehr loslassen. Steffi liegt im Bett, sehr blass, fast durchsichtig. Sie wiegt nur noch fünfundvierzig Kilo, ihren kahlen Schädel ziert ein bunter Turban, der ihre hohlen Wangen noch eingefallener erscheinen lässt.
»Ich habe gerade deine Mutter kennengelernt. Wir werden uns abwechselnd um dich kümmern, wenn du hier raus darfst«, sagt Markus zur Begrüßung.
»Meine Mutter will sich um mich kümmern? Das muss ein Irrtum sein«, entgegnet Steffi kraftlos.
Sie ahnt, dass es nicht um sie geht, sondern darum, dass Maria in Markus den perfekten Schwiegersohn sieht. In ihrem geschwächten Zustand kann Steffi nicht gegen Maria rebellieren.
Nach dem Krankenhausaufenthalt zieht Steffi vorübergehend zu ihrer Mutter, ihre eigene Wohnung wird aufgelöst. In ihrem alten Kinderzimmer wirkt alles viel kleiner, als es Steffi schon als Kind vorkam. Ein paar Gegenstände erinnern sie an die Zeit, als ihr Vater noch lebte. Sie wirken deplatziert und fremd. Am ersten Abend trinken sie und Maria Kräutertee, der Fernseher läuft leise im Hintergrund: Mutter und Tochter wissen nicht, worüber sie reden sollen. Steffi verabschiedet sich ins Bett und denkt an ihren Vater. Auf ihrem alten Schreibtisch im ehemaligen Kinderzimmer steht ein gerahmtes Bild. Steffi betrachtet es lange: Sie ist ungefähr sechs Jahre alt und sitzt vergnügt auf den Schultern ihres Vaters. Es muss ein Foto aus den Ferien an der Ostsee sein, Steffi erinnert sich an den Geruch von Sommer, Sonne, Meer. Papa Dieter lachte immer viel und vielleicht etwas zu laut. Seine Tochter nannte er Püppi. »Du musst immer das tun, was dich glücklich macht« – sagte ihr Vater nicht immer diesen Satz?
Nach dem Tod ihres Mannes flüchtete sich Steffis Mutter in die Religion. Sie konvertierte vom evangelischen zum katholischen Glauben. Beinah stündlich betete sie Rosenkränze, und sie platzierte in der Wohnung einen Marienaltar. Nach Dieters Beerdigung ging sie täglich mindestens einmal in die Kirche, lebte von ihrer Witwenrente und sprach kaum noch. Schon gar nicht mit ihrer Tochter.
In Steffis Genesungsphase hält die weiterhin streng katholische Maria Wort: Sie kocht, kümmert sich um Nachsorgetermine, kauft ihrer Tochter Bücher und Zeitschriften, bezieht regelmäßig das Bett, geht mit Steffi schweigsam spazieren, päppelt sie auf. Steffi kommt nach und nach wieder zu Kräften. Ihren einst blanken Schädel schmückt ein zarter, weicher Haarflaum. »Wer hätte gedacht, dass du bei deiner Vergangenheit mal so einen tollen Mann bekommen würdest«, murmelt Maria immer mal wieder und klingt dabei erstaunt. Steffi beobachtet zum ersten Mal, wie sanft ihre harte Mutter aussehen kann, wenn sie stolz auf ihre Tochter ist. Steffi fühlt sich dadurch geradezu verpflichtet, bei Markus zu bleiben, obwohl sie weiß, dass sie ihn weder begehrt noch liebt. Hinzu kommt, dass sie Markus etwas zurückgeben will für seine Zuwendung in der schweren Krebszeit. Steffi bleibt bei ihm, versucht, ihn besser kennenzulernen.
Ein halbes Jahr nach dem Ende der Krebstherapie passiert ein Wunder: Steffi ist schwanger. Die Ärzte hatten ihr eigentlich angekündigt, sie sei durch die Strahlen- und Chemotherapie vermutlich unfruchtbar geworden. Fasziniert streicht Steffi über ihren leicht gewölbten Bauch. Eine kleine Wiedergutmachung. Sowohl für sie selbst als auch als Dankeschön für Markus, der schon lange darüber gesprochen hatte, dass er Vater werden möchte. Markus sieht in der Schwangerschaft einen weiteren Beweis dafür, wie sehr er Erfolg im Leben verdient und erreichen kann. Mehr als andere. Viel mehr. Er ist ein kleiner Gott, nicht nur wenn er seinen weißen Arztkittel trägt. Seine Lebensplanung verschiebt sich durch Steffis Krankheit lediglich um ein Jahr. Nun würde er eben mit achtunddreißig Vater werden statt mit siebenunddreißig. Imaginäres Häkchen in seinem Kopf: Vater werden. Im Klinikum gilt Markus weiterhin als absoluter Überflieger, der selten nach links und rechts schaut und noch seltener auf die Meinung anderer Ärzte hört. Sein Erfolg gibt ihm recht. Wie kalt und berechnend er auf seine Kollegen wirkt, entzieht sich seiner Kenntnis. Es wäre ihm ohnehin vollkommen gleichgültig.
Von nun an geht alles Schlag auf Schlag: Markus kauft ein Haus am Lerchesberg, einem noblen Viertel in Frankfurt-Sachsenhausen. Ein moderner Bungalow, vier Schlafzimmer, große Küche, Wohnzimmer mit direktem Zugang zum Garten, in dem es selbstverständlich einen kleinen Pool gibt. Das Haus wird vor dem Einzug saniert und komplett neu eingerichtet. Wie Fremde stehen Steffi und Markus davor, nachdem Markus den Kaufvertrag unterschrieben hat. Steffi streichelt ihren Bauch und freut sich darauf, ein Kinderzimmer einzurichten. Sie erwartet ein Mädchen, es wird Sophie heißen. Vor sich sieht sie eine Zukunft, die langfristig funktionieren kann. Markus macht ein imaginäres Häkchen im Kopf: Haus kaufen. Ein Innenarchitekt bespricht mit Steffi jedes Detail. Von der Wohnzimmercouch bis zum Kochgeschirr. Alles nur vom Feinsten. In drei Monaten soll das Haus bezugsfertig und vollkommen eingerichtet sein. Markus hat nur eine Vorgabe: keine bunten Farben, alles solle bitte in schlichten Grautönen, Schwarz, Weiß, Silber gehalten sein. Markus’ Eltern steuern ein sehr dunkles, graues Bild von Anselm Kiefer bei, das über dem Sofa hängt und von dort aus das Wohnzimmer düster dominiert. Inzwischen trägt Steffi einen Verlobungsring, die Hochzeit plant sie parallel mit der Einrichtung des neuen Eigenheims. Sie ist glücklich, auch wenn sie spürt, es würde nicht lange so bleiben. Als das Haus fertig ist, wissen sie nichts damit anzufangen; irgendwie fehlt ihm die Seele. Es ist perfekt darauf ausgerichtet, anderen zu imponieren.
So unpersönlich wie das Haus ist auch die Trauung im Garten mit einem nuschelnden, wenig euphorischen Standesbeamten. Nur einige Freunde und Kollegen kommen vorbei. Und natürlich Steffis Mutter und Markus’ Eltern. Das Aufeinandertreffen gleicht einem sozialen Schauspiel, dessen Choreografie auch bei zukünftigen Treffen penibel eingehalten wird: Steffis Mutter gibt sich unterwürfig und schwänzelt ergeben um Markus’ Eltern herum. Maria verhält sich eher wie eine Angestellte als wie ein ebenbürtiges Familienmitglied, zu groß ist ihre Ehrfurcht vor dem angesehenen, wohlhabenden Ärztepaar.
Klaus und Katharina galten vor ihrem Sohn Markus als die besten Chirurgen am Klinikum in Frankfurt. Dass ihr Sohn ebenfalls Chirurg werden würde, stand außer Frage. Schon in Markus’ erstem Kinderzimmer gab es ein echtes menschliches Skelett. In den Kindergarten ging er nie, stattdessen umsorgte ihn eine mürrische alte Nanny, die ihm gruselige Märchen und Sagen vorlas, seine Tischmanieren strengstens überwachte und dafür sorgte, dass er als Zweijähriger stubenrein war, wie sie es nannte. Bereits als kleines Kind fand Markus schnell heraus, dass er nur dann Aufmerksamkeit von seinen Eltern bekam, wenn er eine Leistung erbrachte. Lesen konnte er schon mit fünf Jahren, Schreiben mit sechs. In Ermangelung echter Freunde unterhielt sich der kleine Junge mit dem Skelett in seinem Zimmer. Die Gespräche mit seinem fiktiven Freund Einstein fanden lediglich in seinem Kopf statt. Im Alter von acht Jahren schickten Katharina und Klaus ihren Sohn auf ein Internat in der Schweiz, weil Markus auf der normalen Grundschule ihrer Meinung nach unterfordert war. Dort vermisste Markus nicht seine Eltern, sondern sein Skelett Einstein. Markus blieb immer ein Außenseiter, Klassenbester, Einzelgänger. Als er sechzehn wurde, eröffneten ihm seine Eltern, er könne nun selbst entscheiden, ob er weiter aufs Internat gehen wolle. Markus wollte nicht. Er meldete sich selbst auf einem Gymnasium in Frankfurt an. In den Gesprächen mit ihrem Sohn drehte sich alles immer nur um den Beruf, Karriere und Fortbildungen. Manchmal sprachen Katharina und Klaus auch von ihrer Kunstsammlung: Monet, Campendonk, Meret Oppenheim, Picasso. Geschätzter Wert der Sammlung: 45 Millionen Euro. Als Maria das bei der Hochzeit erfährt, fällt sie fast in Ohnmacht vor Glückseligkeit. Steffi kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Der einzige Gast, über den sich Steffi ehrlich freute, war Sabrina. Heimlich trinkt sie mit ihr hinterm Haus ein Glas Champagner. Eine schwangere Frau, die Alkohol konsumiert, wäre doch etwas zu gewagt für den Rest der Hochzeitsgesellschaft. »Glaubst du, du machst das Richtige?«, fragt Sabrina und nimmt Steffi fest in die Arme.
»Weißt du, kleine Mädchen warten vielleicht auf den Prinzen, der sie auf einem weißen Pferd in sein Schloss bringt. Erwachsene Frauen schließen Verträge. Das habe ich gemacht. Es ist okay. Mir geht es gut.«
»Hmmm. Zumindest finanziell wirst du dir nie wieder Sorgen machen müssen. Aber du liebst ihn eben nicht, ich sehe das.«
»Ich bekomme ein Kind – wer hätte das je gedacht? Meine Mutter kann ihr Glück kaum fassen, und das Haus ist fertig eingerichtet.«
»Sehen wir uns irgendwann mal wieder auf einem Flug?«
»Ja, das verspreche ich dir. Ganz bestimmt.«
Sabrina und Steffi stoßen an und küssen sich ganz kurz, ganz verstohlen und kichern.
Die beiden jungen Frauen lernten sich während der Ausbildung zur Flugbegleiterin kennen. Sabrina wuchs in Magdeburg in einem Plattenbau auf und wurde von ihren Eltern in allem unterstützt, was ihr gutzutun schien. Eine Zeit lang lebte sie als Punkerin auf der Straße und warf mit Linksparolen und am 1. Mai auch mit Steinen um sich. In einer anderen Phase wohnte sie als praktizierende Buddhistin in einem Tempel in Thailand. Sabrina verkörperte das Gegenteil von allem, was Steffi mit ihrer Mutter kannte. Als Sabrina ihre Liebe zu Frauen bemerkte, zog ihre erste Freundin gleich mit bei ihren Eltern ein. Morgens wurde zusammen gefrühstückt. Man sprach über Nachrichten, das Wetter und den Einkauf. Scham aufgrund der gleichgeschlechtlichen Liebe ihrer Tochter existierte nicht. Als Steffi und Sabrina eine Affäre beginnen, bewundert Steffi diese Art von Freiheit und absoluter Unbeschwertheit, eine positive Energie, die in ihrem eigenen Leben so vorher nie vorgekommen ist. Mehr als eine Liebelei während ihrer gemeinsamen Flugreisen wurde es aber nie. Steffi scheute davor zurück, ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen, und Sabrina akzeptierte das ohne Vorwürfe.
»Steffi, wir können nichts erzwingen, Liebe heißt loslassen«, so Sabrina.
»Hast du nie Angst?«, fragte Steffi.
»Doch, aber damit muss ich leben.«
Tatsächlich hasste Sabrina das Wort Verantwortung. Das klang wie Gefängnis. Nicht in jedem Moment ein neues Leben anfangen zu können, tun und lassen zu können, was sie wollte, war für Sabrina keine Option. Als Steffi Markus kennenlernte, ermutigte Sabrina sie sogar, es auszuprobieren. Und Sabrina gefiehl anfangs, wie sich die Beziehung zwischen Markus und Steffi entwickelte. Auch sie ließ sich blenden von dem perfekt geregelten Leben in Sicherheit und Wohlstand. Auch ihr gefielen die schicken Gartenpartys im Kreise der Frankfurter High Society. Markus und Steffi sind ein gutes Team. In der Verwaltung verschiedenster Lebensbereiche konnte niemand Markus übertrumpfen: Gärtner, Versicherungsmakler, Banker, Haushälterin, Steuerberater, wöchentliche Lieferungen von Lebensmitteln, Getränke und Co. – alles war perfekt durchgetaktet. Freizeit? Ein Unwort in Markus’ Ohren. Alles musste ein Ziel verfolgen, selbst sein Sportprogramm absolvierte er mit erschreckender Genauigkeit. Die gemeinsamen Wochenenden verplante Markus so akribisch, wie er einst seine Doktorarbeit schrieb. »Gehen wir zu der Ausstellungseröffnung meiner Eltern am Samstag?« Selbst Fragen klangen bei Markus wie Feststellungen, wie Aussagen, die er lediglich bestätigt haben will.
All das vermittelt Steffi nach ihrer Krankheit ein angenehmes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. In den Augen ihrer Mutter ist sie nun endlich die Tochter, die sich Maria immer gewünscht hatte, und in der Frankfurter Gesellschaft – zwischen Chefärzten, Anwälten, Bankern und Künstlern – gelten Markus und Steffi als eines der attraktivsten Paare, obwohl sie ja nur Stewardess war. Gäbe es eine Meisterschaft, auf Partys schöne Plattitüden aneinanderzureihen, Markus und Steffi würden den Titel holen.
Doch von Liebe spricht Markus nie. Warum auch? Sie ist ungreifbar, unlogisch, unbewiesen, sitzt angeblich irgendwo zwischen Bauch, Herz und Hirn, lässt sich also weder genau orten noch sezieren oder analysieren. Wozu darüber reden? Selbst in Sachen Sex existiert eine klare Vorstellung in Markus’ Kopf: Er ist für die Fortpflanzung bestimmt. Seinen Trieben nicht widerstehen zu können ist ein Zeichen von Schwäche und Unbeherrschtheit. Menschen, die sich nicht im Griff haben, verabscheut er. Seinen Satz: »Nur wer nicht begehrt, ist frei«, kann Steffi nicht mehr hören. Wenn Steffi ihre Tochter Sophie ansieht, deren kleine Fingerchen vertrauensvoll ihren Daumen umklammern, empfindet sie Ruhe und das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Obwohl in ihrer Beziehung zu Markus eigentlich nichts richtig ist. Seine befremdlich pedantischen Gewohnheiten regieren ihr gesamtes Leben.
Ihr emotionales und körperliches Unglück kompensiert Steffi mit Einkäufen in Luxusboutiquen. Schmuck zu tragen, für den sie auf den Abendveranstaltungen bewundert wird, gefällt ihr immer besser. Eine Weile lenkt sie das ab. Tief in ihrem Inneren spürt sie jedoch ganz genau: Es ist ein Hirngespinst, alles aufrechterhalten zu können gegen die eigene Natur. Es ist eine Illusion zu erwarten, man könne sein Leben lang seine Bedürfnisse verdrängen und sich zusammenreißen. Es konnte nicht gut gehen, weil es nicht gut war.
Als Sophie zwei Jahre alt ist, möchte Steffi wieder mit dem Fliegen beginnen. Sophie geht bis zum Nachmittag in einen privaten Kindergarten, und sie bezahlen mit Ella eine zuverlässige Haushälterin, die die Kleine wie eine Oma liebt. Steffis Mutter reißt sich zudem förmlich darum, Zeit mit ihrem einzigen Enkelkind verbringen zu dürfen. Als Oma funktioniert Maria sehr viel besser als früher als Mutter.
»Ich möchte wieder als Stewardess arbeiten«, eröffnet Steffi schlicht eines Abends das Gespräch.
Markus zieht verächtlich die Augenbrauen in die Höhe.
»Du bist jetzt Mutter, und ich finde, du solltest unser Kind nicht alleine lassen.«
Sie solle nicht mehr fliegen, könne doch in Frankfurt arbeiten, noch mal studieren oder eine schicke Boutique in der Innenstadt eröffnen. Schließlich verdiene er mehr als genug.
So wütend und verletzt kannte Markus seine Frau bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie reagierte, als hätte er versucht, ihr das Leben zu nehmen. Und so war es ja auch – doch das begreift Markus erst später.
»Was bildest du dir ein, über mich und meinen Job zu bestimmen?«
»Steffi, du könntest es dir leichter machen.«
»Leichter? Für wen?«
»Du weißt sehr genau, dass ich nachts zu Notfällen wegmuss.«
»Ja, und dann ist immer noch Ella im Haus. Meine Mutter wohnt um die Ecke und hat mehr als genug Zeit.«
Markus verspürt schon keine Lust mehr, obwohl die Szene eben erst begonnen hat. Zornige Ungeduld steigt in ihm auf. Er kneift die Augen zusammen, zu gern wäre er einfach zur Tagesordnung übergegangen: ein kleines, kaltes Bier aus dem Kühlschrank holen und die Tagesschau sehen. Es war 19.55 Uhr. Seit fünfundzwanzig Minuten schläft Sophie. Er will jetzt sofort zurück zur präzise getakteten Normalität, in der die Abläufe so genau sortiert sind wie sein steriles Besteck vor jeder Operation. Steffi bebt. In ihrer Stimme schwingt eine bissige Schärfe mit, ein unterdrückter Hass, der lauter ist, als jedes Schreien es sein könnte.
»Ich werde meinen Beruf nicht auch noch hinter deinen zurückstellen.«
»Du willst doch nicht das Verteilen von Säften und Fertigessen mit dem Retten von Menschenleben vergleichen – oder?«
Markus verlässt das Schlafzimmer, geht in die Küche und danach ins Wohnzimmer, wo er den Fernseher einschaltet. Die Diskussion findet er geradezu lächerlich. Abend für Abend setzt er sich, wenn er nicht in der Klinik ist, für eine Viertelstunde vor den Fernseher, um sich anzusehen, was in der Welt gerade wieder alles schiefläuft. Markus macht sich zu gern über die unfähigen Politiker und Wirtschaftsbosse lustig. Er liebt es, sich zu fragen: Was haben die schon im Griff? Nichts. Auf diesen erhabenen Moment würde er nicht wegen der Sperenzien einer Saftschubse verzichten. Sein Leben. Seine Regeln. Keine Diskussion. Nach dieser kurzen Auseinandersetzung geht es am nächsten Morgen weiter wie gehabt. Jedenfalls glaubt Markus das. Im Alltagstrott passen die beiden weiterhin symbiotisch gut zusammen: Gespräche über erste Ballettstunden von Sophie, Verabredungen zum Abendessen, Urlaube buchen, Weihnachten, Ostern, Silvester mit den Schwiegereltern planen. Leben im Rhythmus einer lückenlosen Organisation.
Nur eines ändert sich nach dem kurzen Wutausbruch von Steffi: Sie schlafen von nun an in getrennten Zimmern. Steffi zieht noch am selben Abend ins Gästezimmer. Eine Veränderung, die kaum eine Veränderung darstellt. Küsse, eng umarmt einschlafen oder körperliches Begehren fanden auch im Ehebett nie statt. Für eine kurze Zeit betrinkt sich Steffi jeden Abend. Markus beobachtet es. Still. Stoisch. Gott greift nicht ein, solange er und sein Universum nicht bedroht sind. Und weltliche Belange wie übertriebener Alkoholkonsum fallen nicht in seinen Interessensbereich. Steffi würde sich schon wieder in den Griff bekommen. Erst viel später erkennt Markus, dass sein Leben genau in dieser Zeit eine Unwucht bekam, die nicht mehr zu stoppen war. Das hatte er unterschätzt.
