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Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft ist Angeln die komplizierteste, kostenintensivste und somit uneffektivste Art des Fischfangs. Wozu all der Aufwand, wenn doch gefrorene Fischstäbchen überall für kleines Geld zu haben sind? Allein in Deutschland gehen etwa drei Millionen Angler ihrem Hobby nach. Unverstanden von Partnern und Freunden trotzen sie Wind und Wetter und harren wurmbadend tagelang an ihrem Teich aus. Was treibt sie um? Warum fangen sie nie einen Fisch? Und warum lügen Sie ständig? Dieses Buch beantwortet auf humorvolle Weise für Anglerfrauen und Nichtangler verständlich solche und andere Fragen rund ums Angeln.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für Maximilian, weil er mein Hobby mit der gleichen
Leidenschaft teilt und Carolin, weil sie meine Macken
erträgt und mir ausreichend Zeit am Wasser lässt.
„A bad day fishing is still better than a good day at work“
(unbekannter Schneider)
Vorwort
Kapitel 1 So fing es an
Kapitel 2 Vom Fischer und sine Fru
Kapitel 3 Endlich Verstärkung
Kapitel 4 Brassen satt
Kapitel 5 Verrückt nach Sandra
Kapitel 6 Schneider!
Kapitel 7 Der Turmbau zu Babel
Kapitel 8 Camouflage – Bestens getarnt
Kapitel 9 Glück und Pech
Kapitel 10 Petri Heil!
Kapitel 11 An fernen Ufern
Kapitel 12 Warum Angeln?
Kapitel 13 Wettangeln
Kapitel 14 Handicap 50
Kapitel 15 Natur pur
Kapitel 16 Von Enten und Fischen
Kapitel 17 Kulinarisches
Kapitel 18 Anglerlatein
Kapitel 19 Aalnächte
Kapitel 20 Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft
Kapitel 21 Das letzte Paradies
Letztes Kapitel? Wo meine Sonne scheint
Glossar
Wer hat sie noch nie gesehen, die Gestalten, die täglich an den Ufern unserer Flüsse und Seen hocken, meist grün gekleidet und durch einen großen Schirm geschützt vor Sonne, Regen und neugierigen Blicken. Aber wer kennt sie wirklich?
Wortkarg sind sie, so dass sich nur schwer ergründen lässt, was wirklich unter ihren Schlapphüten und Baseballkappen vorgeht. Sind sie wirklich so unwirsch, wie sie dem unbefangenen Beobachter erscheinen, wenn sie dessen Frage nach dem bisherigen Fang im besten Fall mit einem Kopfschütteln oder einem muffigem Grunzlaut beantworten, in schlechteren Fällen auch schon mal mit der Geste des Halsabschneidens?
Stundenlang harren sie bei Wind und Wetter am Wasser aus, trotzen den Stürmen ebenso wie der Kälte und gehen ihrem merkwürdigen Hobby nach. Seltsam gewandet sind sie, einige wirken etwas zerlumpt und dreckig, andere paramilitärisch angehaucht.
Wozu dieser Aufwand für ein paar Fische, wenn man doch überall gefrorene Fischstäbchen für kleines Geld bekommen kann?
Warum sind sie immer allein unterwegs? Haben sie keine Partner und wenn doch, wie vermehren sie sich, wenn sie selbst in der Nacht noch an ihrem Teich hocken?
Und warum fangen sie eigentlich nie etwas? Und weshalb lügen sie laufend so ungeniert? Dieses Buch gibt ausführlich Antwort auf solche und ähnliche Fragen aus der Welt der Angler. Und es hilft deren Ehegatten über die schlimmsten Macken ihres Partners hinweg. Alle Ausführungen in diesem Buch entsprechen in vollem Umfang der Wahrheit, sind allerdings nicht immer ganz ernst zu nehmen.
Von einem, der es wissen muss, einem Angler.
Anwälte angeln nicht.
Im Gegensatz zu Ärzten, die in ihren Wartezimmern fast immer aktuelle Zeitschriften wie „Fisch & Fang“ oder „Wild & Hund“ ausliegen haben, bringt man Anwälte eher selten mit der Fischwaid in Verbindung. Notare schon gar nicht. Anders als die offenbar naturverbundenen Ärzte vermutet man letztere zu Recht meist auf Golfoder Tennisplätzen. Außer mir selbst kenne ich auch keinen Anwaltsnotar, der gleichfalls meinem Hobby frönt, wobei ich natürlich nicht ausschließen will, dass nicht doch der eine oder andere Kollege erfolgreich den Fischen nachstellt. Wenn Sie erfahren, dass ich nebenher noch eine Geflügelzucht betreibe, werden Sie mich möglicherweise für etwas kauzig halten. Sie kommen der Sache also schon näher.
Ich bin vermutlich der einzige Anwaltsnotar, der neben Hühnern auch Fische über die Klinge springen lässt und der sich nicht mit gewonnenen Prozessen, sondern mit gefangenen Fischen brüstet. Es stellt sich die Frage, wie der Anwalt zur Angel gekommen ist.
Ich bin in ländlicher Atmosphäre aufgewachsen und war es von Kindesbeinen an gewohnt, allerlei Getier mittels selbstgebauter Kescher aus dem örtlichen Ententeich zu ziehen, insbesondere Frösche, Kröten und Molche, die es seinerzeit noch im Überfluss gab und die nach fachmännischer Begutachtung wieder in ihr nasses Element zurückgesetzt wurden. Gelegentlich an Land geholte Fische waren eine seltene Ausnahme und galten als besonderer Glücksfall.
Dies änderte sich, als mir mein Vater eines Tages eine Angel aus dem Urlaub mitbrachte. Es handelte sich um eine Bambussteckrute ohne Rolle, wie sie heute noch in Badeorten am Meer für Kinder verkauft werden. Niemand beklagt sich, wenn die Kinder irgendwo ohne Angelschein mit diesen Ruten fischen, da sie zum Fang von Fischen eigentlich nicht geeignet sind. Aber das stört die Kinder nicht.
So quengelte auch ich so lange, bis mein Vater mit mir und einer Konservendose voll Regenwürmern bewaffnet an einen nahe gelegenen Steinbruch abrückte. Dort suchten wir uns ein sonniges Plätzchen. Mein Vater zeigte mir, wie das Gerät zu handhaben und ein Wurm am Haken zu befestigen sei und begab sich dann zu einem in Sichtweite gelegenen Haus im Wald, angeblich um mit dem Eigentümer über die Fischereirechte zu verhandeln. Erst sehr viele Jahre später erfuhr ich, dass es sich bei dem lauschigen Haus am See um ein übel beleumundetes Lokal gehandelt hat, das den Höhepunkt seiner traurigen Berühmtheit erlangte, als es im Zusammenhang mit der VW-Affäre um Klaus Volkert und brasilianische Prostituierte den Sprung auf die Titelseite der „Welt“ schaffte.
Ich blieb am See und angelte. Stunde um Stunde. Als mein Vater zurückkam, schwamm bereits eine handvoll Barsche in meinem Eimer. So bin ich nicht nur auf den Geschmack gekommen, sondern hatte auch gleich die wichtigste Tugend der Angelei – Geduld – gelernt. Erstaunt war ich allerdings, wie leicht es mir in Zukunft fiel, meinen Vater zu weiteren Angelpartien zu überreden. So gewöhnte ich mich bereits früh daran, viele Stunden allein am Wasser zu verbringen.
Irgendwann schwebte mir dann etwas Größeres vor als immer nur handlange Barsche. Als in der Lokalzeitung ein Wettangeln des örtlichen Vereins angekündigt wurde, hielt ich meine Stunde für gekommen. Da meine Mutter schon damals der Meinung war, alles regeln zu müssen, wandte ich mich vertrauensvoll an sie.
Tatsächlich weckte sie mich am Sonntag schon früh um acht Uhr, so dass wir nach dem Frühstück so gegen neun Uhr mit Sack und Pack am Vereinsgewässer waren. Damals kannte ich die anglerische Gepflogenheit, solche Veranstaltungen zu nachtschlafender Zeit abzuhalten, noch nicht, und so war das Wettfischen fast vorüber, als wir erschienen. Obwohl ich weder Vereinsmitglied war, noch über einen Angelschein verfügte, erwirkte meine Mutter beim Vorsitzenden, nachdem dieser einen mitleidigen Blick auf meine Ausrüstung geworfen hatte, die Erlaubnis für mich, ins Geschehen einzugreifen. Meine Mutter war nicht nur eine resolute, sondern auch sehr attraktive Frau. Da sich hierdurch nur der Vorsitzende, nicht aber die Fische beeindrucken ließen, ging ich an diesem Tag leer aus.
Den nächsten Versuch startete ich an der Ise, einem kleinen Flüsschen, das sich als Wochenendziel großer Beliebtheit erfreute, da man dort Boote mieten konnte. Bei unserem Familienausflug dorthin hatte ich natürlich meine Angel und die unvermeidliche Wurmdose dabei. Ausgefallene Ködervariationen gab es damals noch nicht. Leider konnte ich statt des erhofften Fisches nur das Bein meiner kleinen Schwester haken, die sich unvorsichtigerweise im Bereich meines Wurfarmes aufgehalten hatte. Der Angelhaken mit Wurm, der in ihrem Knie steckte, bot einen wirklich unerfreulichen Anblick. Dementsprechend groß war das Geschrei meiner Schwester.
Obwohl ich in den kommenden Jahren die Angelprüfung ablegte und in einen Verein eintrat, ließen nennenswerte Erfolge noch immer auf sich warten. Dies lag nicht zuletzt daran, dass ich anfangs, wie bereits erwähnt, meist allein und ohne Anleitung am Wasser verbrachte. Meinen ersten größeren Fisch, einen Dorsch von etwa fünf Pfund, fing ich während eines Familienurlaubs an der Ostsee. Nun ist ein solcher Dorsch nicht wirklich ein Riese. Für mich, der bislang nur kleine Barsche und Plötzen gefangen hatte, war der Fisch kapital. Entsprechend stolz schleppte ich ihn in unsere Pension, damit meine Mutter ihn zum Abendessen zubereiten konnte.
Wir bewohnten im Urlaub ein Zimmer mit Balkon. Eine Küche stand nicht zur Verfügung. Aber auch hier bewies meine Mutter Organisationstalent. Nachdem die Vermieterin die von uns geäußerte Bitte, ihre Küche zur Fischbraterei umzufunktionieren zu dürfen, kategorisch abgelehnt hatte, kaufte meine Mutter alles Erforderliche ein: Gaskocher, Bratpfanne, Teller, Besteck, Butter, Pfeffer und Salz.
Zur Tarnung wurde unser Balkon nach allen Seiten hin mit Badelaken abgehängt. Trotzdem waren die Rauchschwaden des bratenden Fisches weithin sichtbar. Das Bratfett spritzte auf Wand und Boden. Hätte die Vermieterin geahnt, was wir auf ihrem Balkon veranstalten würden, wie gern hätte sie uns ihre Küche zu Verfügung gestellt. Selbst Schuld!
Anglerfrauen haben es schwer.
Nicht nur, dass ihre Männer zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett springen, um ans Wasser zu eilen oder erst weit nach Mitternacht vom Aalangel zurückkehren. Die Kerle neigen zudem zu maßlosen Aufschneidereien, etwa, wenn sie nach dem Fang eines 20-Zentimeter-Barsches dessen Länge mit der rechten Handkante auf dem linken Oberarm markieren.
Auch tendieren sie dazu, einen leicht fischigen Geruch zu verströmen. Das hat die Freundin meiner Frau dazu veranlasst, mir eine Tasse mit der Aufschrift „Angler sind nicht tot, sie riechen nur so“ zu schenken, mir aber treuherzig zu versichern, dass dies nicht persönlich gemeint sei.
Am meisten hassen Anglerfrauen die Angewohnheit, Maden und Würmer in kleinen Plastikdosen im ehelichen Kühlschrank aufzubewahren. Mir ist es allerdings gelungen, selbst das noch zu toppen, indem ich versehentlich eine größere Anzahl Maden im Auto meiner Gattin entkommen ließ. Dies fiel zunächst nicht weiter auf, da sich die kleinen Krabbler sofort in irgendwelche Ritzen verkrümelten und dann wochenlang nicht mehr zu sehen waren, weil sie sich in ihren Verstecken verpuppt hatten. Mit steigenden Temperaturen schlüpften aus den Maden jedoch nach und nach fette schwarze Brummer, die freudig zu Dutzenden im Auto meiner Frau kreisten. Zu dieser Zeit fuhren wir häufig mit offenen Fenstern, obwohl das Wetter dies eigentlich nicht erlaubte. Seither schaut mich meine Frau jedes Mal scheel an, wenn sich ein Brummer in ihr Auto verirrt hat.
Noch schwerer haben es Anglerfrauen, wenn auch noch ihr Nachwuchs zum Angler wird. Doch davon später.
Es verwundert daher nicht, dass Angler häufig Schwierigkeiten haben, die zu ihnen passende Ehefrau zu finden. Ein angelnder Blondhase ist nun mal nicht einfach zu fangen. Nur unerfahrene Jungangler träumen noch von einer attraktiven Partnerin, die zumindest einmal im Leben Playmate des Monats war und zudem ihr Hobby teilt. Häufig liest man in Angelzeitschriften, unter der Rubrik „Kontakte“, Anzeigen verzweifelter Petrijünger etwa folgenden Inhaltes: „Strammer Hecht sucht zarte Schleie zum gemeinsamen Flösseln!“ Träumt weiter, Jungs! Mit der Zeit kommt die Erfahrung. Welcher alte Hecht hätte schon gern eine Frau mit schwarzen Fingernägeln, stinkenden Gummistiefeln, Friesennerz und Fischgeruch, deren einzige Fingerfertigkeit darin besteht, einen Wurm auf einen Haken zu spießen. Gerade der Gedanke an Letzteres ist es, der uns erschreckt und uns den Wunsch auf eine Anglerin aufgeben lässt.
Wie es mir gelungen ist, meine hübsche Frau zu angeln, ist mir bis heute ein Rätsel, da sie Fischen sowohl im lebenden als auch im gebratenen Zustand nichts abgewinnen kann. Unser erstes gemeinsames Essen, bei dem ich stolz einen selbst gefangenen Fisch servierte, konnte man dann auch, zumindest kulinarisch, als Pleite bezeichnen.
Also reduzierte ich in der Kennenlernphase und am Anfang unserer Ehe meine Angelexkursionen auf ein Mindestmaß. Frühmorgendliche Touren mit Weckzeiten um vier Uhr vermied ich ebenso wie nächtliches Aalangeln bei Schmuddelwetter. Für Würmer, Maden und ähnliche Schmankerln schaffte ich einen separaten Kühlschrank an, der im Keller und somit aus den Augen der skeptischen Ehefrau verschwand. Auch nahm ich meine jung Angetraute gelegentlich mit, um ihr einen Einblick in die Welt der Angler zu vermitteln. Sorgsam wählte ich in diesen Fällen malerische Plätze aus, die mit dem Auto gut zu erreichen waren und einen gewissen Sitzkomfort boten. Carolin, meine Frau, erfreute sich dann an der Natur, malte Bilder oder stellte sachkundige Fragen, etwa ob es sich bei dem gerade gefangenen Fisch um einen Weißaal – was auch immer das sein mochte – handelte.
Rührend besorgt war sie um das Wohl der gefangenen Fische. Als ich einmal einen etwa dreipfündigen Brassen fing und vom Haken befreite, war sie zunächst sehr erstaunt, dass ich einen solchen Brocken wieder freilassen wollte, bis ich ihr erklärte, dass diese Sorte für die Küche nicht taugt. Neugierig schaute sie mir über die Schulter, als ich ihn wieder zu Wasser ließ. Ihr erschreckter Aufschrei „Der ertrinkt ja,“ als der Brassen in die Tiefe trudelte, konnte mir nur ein mildes Lächeln abringen. Noch weniger kamen bei mir ihre anglerischen Ratschläge an, die teilweise so skurril waren, dass sie sich an dieser Stelle nicht wiedergeben lassen.
Die Tatsache, dass ich nun überwiegend nachmittags bei Sonnenschein an stark befahrenen und damit auch viel beangelten Plätzen fischte, führte dazu, dass ich kaum noch Beute machte. Damit fielen auch einige der Sachen weg, die Frauen an Anglern so lästig finden, vornehmlich die Fische.Außerdem wurden die erfolglosen Sitzungen nicht nur für mich, sondern auch für meine Frau zunehmend langweiliger. Das führte dazu, dass ich wieder vermehrt allein ans Wasser konnte. Außerdem hatte ich mit zunehmender Dauer unserer Ehe den Eindruck, dass Carolin mich von Zeit zu Zeit ganze von der Backe hatte. Denn als Entschädigung für die Malausflüge in freier Natur hatte ich ihr einen Raum als Atelier zur Verfügung gestellt, in dem sie ungestört ihren künstlerischen Neigungen nachgehen konnte.
Auch ansonsten versuchte ich alles zu vermeiden, was sie gegen mein Hobby einnehmen konnte. So erkundigte ich mich vorsorglich nach Carolins Seetüchtigkeit, bevor ich sie zu einer Hochseeangelfahrt auf die Ostsee mitnahm. Selbstbewusst ließ sie mich wissen, dass sie bereits reichlich Erfahrung mit Schiffen gesammelt hatte, so dass eine solche Tagestour für sie überhaupt kein Problem sei. Trotzdem buchte ich die Fahrt vorsichtshalber an einem sonnigen Tag mit lediglich Windstärke 3 – Segler nennen so etwas Flaute.
Dennoch bereitete mir bereits im Hafen das zunehmend bleicher werdende Gesicht meiner Frau Kummer. Auf meine besorgte Frage, mit welcher Art Schiffen sie bislang so gefahren sei, erfuhr ich, dass es sich hierbei um Rheinfähren gehandelt hatte. Die acht Stunden auf dem Angelkutter blieben für Carolin dann auch ein unvergessliches Erlebnis. Auf eine Teilnahme an einer Hochseetour in der Karibik verzichtete sie später freiwillig.
So haben Fischer und Frau im Laufe von 20 Jahren zusammengefunden. Nur einmal noch gab es eine handfeste Auseinandersetzung. Als ich den präparierten Kopf meines Meterhechtes im Wohnzimmer aufhängen wollte und zu diesem Zweck unser Hochzeitsfoto von der Wand nahm, zeigte sie sich wenig einsichtig. Sie konnte auch meinen Stolz auf den Fang meines Lebens nicht teilen, fand den Kopf auch nicht dekorativ, sondern scheußlich, schon gar nicht zu unserer Einrichtung passend und forderte mich auf, „das Vieh unverzüglich rauszuschaffen.“ Nun hängt der Kopf in meinem Büro und das Hochzeitsbild wieder am alten Platz. Man kann im Leben halt nicht alles haben.
Wie jedermann weiß, verrät man alte Steinpilzstellen und viel versprechende Hechtplätze allenfalls allernächsten Blutsverwandten gerader Linie und das auch nur, wenn man die Pilze zuvor abgeerntet und den Hecht weggefangen hat.
Verwandte, die vorgenannten hohen Anforderungen entsprachen und die Interesse an Steinpilzen oder Fischen zeigten, waren bei mir nicht vorhanden. Den Erwartungen am nächsten kam noch meine kleine Schwester, die Heilpraktikerin gelernt und Sozialpädagogik studiert hatte, zwar einen Fisch nicht von einem Frosch unterscheiden konnte, sich aber immerhin für Pferde interessierte.
Wem sollte ich also meine Kenntnisse anvertrauen, wen in die Geheimnisse alter Hechtplätze einweihen, wen in die Kunst des Angelns einweisen? Kein Zweifel: für die geeignete Person würde ich selbst sorgen müssen. Also musste männlicher Nachwuchs her!
Erfreut nahm Carolin den Wunsch nach einem männlichen Erben zur Kenntnis und das nicht nur wegen der erbaulichen Machart. Und schon neun Monate später begleitete mich meine hochschwangere Frau zu einem Frühjahrsangeln an den Kiessee.
Es herrschte ein Kaiserwetter vom allerfeinsten, wie man es häufig Ende April hat. Die Sonne strahlte den ganzen Tag vom makellos blauen Himmel, so dass es uns nicht länger in der Wohnung hielt. Da wir noch keinen Garten unser Eigen nannten, packten wir einen tragbaren Grill und Bratwürste zu den Angeln in meinen alten Ford und los ging es an den Kiessee. Dort saß meine Frau den ganzen Nachmittag stolz mit ihrem dicken Bauch, trank Cola, verputzte vier Würstchen und überließ mir die technischen Fragen des Grillens und Angelns. Soweit so gut.
Auch gegen Abend blieb es mild. Die Mücken tanzten über das Wasser und eine körperlich fühlbare Ruhe breitete sich mit der einbrechenden Dunkelheit aus. Das war der Moment, in dem es an meiner Aalrute plötzlich klingelte und die Schnur von der Rolle lief. Wer jemals in einer ruhigen Nacht das helle Klingeln einer Aalglocke gehört hat, weiß, wie dieses Geräusch einen Angler förmlich elektrisiert.
Blitzschnell hatte ich die Rute aus dem Halter gerissen und nach einem kurzen Moment des Wartens den Anhieb gesetzt. Der Widerstand, der sich mir bot, ließ mich auf Räucherfisch hoffen, denn das typische Klopfen der Schnur und der starke Zug an der Leine deuteten eindeutig auf einen guten Aal hin. Und ein solcher schmeckt geräuchert eben am besten.
Gerade in dem Augenblick, als ich den gut pfündigen Fisch aus dem Wasser heben wollte, verkündete meine Frau, dass ihr die Fruchtblase geplatzt sei und ihr das Fruchtwasser über Hose und Beine laufen würde. Wenn sich jemand auf perfektes Timing verstand, dann Carolin.
So jäh aus dem Anglerhimmel gerissen verlor der werdende junge Vater plötzlich die Nerven. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich ausreichend Zeit gehabt hätte, den Aal abzuschlagen, meine Gerätschaften zu verstauen, meine Frau in Ruhe einzuladen und sie umgezogen und geduscht im Krankenhaus abzuliefern. Nur das Räuchern des Aals wäre etwas knapp geworden.
Stattdessen schnitt ich den Aal von der Schnur, warf ihn wieder ins Wasser, kippte den Grill samt Kohle hinterher und lieferte meine Frau nass und in Angelklamotten im Krankenhaus ab. Die Hebamme, die uns dort in Empfang nahm, war die Ruhe selbst. Sie hatte Zeit genug, den jungen Vater vorwurfsvoll zu mustern und der jungen Mutter einen mitleidigen Blick zuzuwerfen, bevor sie Carolin ins Bett und mich aus dem Zimmer verfrachtete. Mir gab sie noch den Rat mit auf den Weg, mich am nächsten Tag gegen 10 Uhr wieder bei ihr einzufinden.
Am nächsten Tag – dem Tag vor Walpurgis – wurde, 14 Tage zu früh, der ersehnte Nachwuchsangler geboren, den wir praktischerweise Maximilian nannten, um ihn später Max rufen zu können.
Selbst für den Aal ging die Sache gut aus. Vermutlich schwimmt er noch heute im Kiessee.
Max dagegen hatte, sehr zum Ärger meiner Frau, nicht nur mein Äußeres geerbt, sondern auch alle meine Anglergene und eine Angelbesessenheit, die sich nur durch die zeitliche Nähe seiner Geburt zur Walpurgisnacht erklären lässt.
Schon als Dreijähriger durfte er mich zum Anfüttern ans Gewässer begleiten. Dort sprang er, voll bekleidet, als erstes den ins Wasser geworfenen Frolic hinterher, die als Karpfenfutter dienten. Um ihn zu bergen, musste ich bis zu Hüfte ins Wasser. Klatschnass kamen wir beide an diesem Tag nach Hause. Hatte ich schon erwähnt, dass es Anglerfrauen schwer haben?
Mit fünf Jahren machte er in Heiligenhafen an der Anlegestelle für Kutter auf sich aufmerksam, indem er mir, als ich ihm von der Reling des einlaufenden Schiffes zuwinkte, zugrölte „Papa, hast du Haie oder Dorsche?“ Der ganze Hafen bog sich vor Lachen.
Als Max sechs Jahre alt war, verbrachten wir alle unseren Urlaub auf Rhodos. Unter anderem besuchten wir mit ihm auch den wundervollen Hafen der Stadt Rhodos. Dort lagen riesige Kreuzfahrtschiffe vor Anker, ebenso wie herrliche Jachten. Es gab antike Sehenswürdigkeiten und Touristenfähren zu umliegenden Inseln und Städten. Überall hatten fliegende Händler ihre Stände aufgebaut und Straßenkünstler sorgten für Unterhaltung. Für jeden wurde etwas geboten. Wirklich für jeden? Unser Kind verschwendete keinen einzigen Blick auf die prächtigen Schiffe, die Sehenswürdigkeiten interessierten ihn schon gar nicht und auch der übrige Trubel ließ ihn völlig kalt. Max starrte nur mit glasigen Augen ins Wasser. Zunächst konnten wir nicht feststellen, was seine Aufmerksamkeit erregte.
Erst bei genauerem Hinsehen konnten wir die kaum fingerlangen Fischchen entdecken, die er wie gebannt beobachtete. Der Rest der Welt um ihn herum war völlig vergessen. So ist es bis heute bei ihm geblieben. Wenn er angeln kann, ist ihm alles Andere gleichgültig. Dies änderte sich nicht einmal mit den ersten Mädchenbekanntschaften. Zwar war er bereits früh und durchaus heftig am anderen Geschlecht interessiert, doch seine Beziehungen hielten meist nicht sehr lange und endeten häufig nach einem bestimmten zeitlichen Rhythmus. So fiel meiner Frau auf, dass Beziehungen unseres Sohnes meist nach Weihnachten begannen und kurz nach Ostern endeten. Dies war für sie völlig unverständlich, für mich hingegen sonnenklar: „Schonzeit“ klärte ich sie auf „Zeit für Mädchen“.
Die Raubfischsaison endet bei uns am 31.12. und beginnt am 01.05. des neuen Jahres, dem Tag nach der Walpurgisnacht. An Max würde später mal eine Anglerfrau ihre wahre Freude haben.
Der weitere fischtechnische Werdegang unseres Sohnes war vorprogrammiert. Kaum war er in der Lage, eine Angel zu halten, begann er mein Gerät zu bedienen. Zum frühst möglichen Termin trat er in den Verein ein und durfte von nun an unter Aufsicht mit eigenem Gerät fischen. Zu diesem Zeitpunkt lernte er den Aller-Russen kennen, dessen Geschichten er andächtig lauschte. Sie wissen nicht, wer der Aller-Russe ist? Ein russischer Spätaussiedler, der jeden Tag angelnd am Gewässer verbringt, vornehmlich an der Aller. Welch ein glücklicher Mensch! Seine Geschichten sind allerdings teilweise derart haarsträubend, dass sie selbst hart gesottenen Angellateinern die Schamröte ins Gesicht treiben. Diese Erzählungen weckten bei Junganglern verständlicherweise den Wunsch, ebenfalls kapitale Fische zu erbeuten und stachelten so die Leidenschaft noch an.
Ebenfalls zum frühsten Zeitpunkt legte Max seine Fischereiprüfung ab und durfte fortan allein mit seinen Freunden die Gewässer unsicher machen. Fast stets mit von der Partie war sein Freund Sepp, der weniger durch spektakuläre Fänge, als vielmehr durch abenteuerliche Aktionen auf sich aufmerksam machte. Sepp bekam selten einen vernünftigen Fisch an den Haken, war aber bereit, für einen solchen alles zu riskieren. So brach er allein in einem Winter dreimal ins Eis ein, als er auf der Suche nach den besten Fangplätzen war. Auch scheute er nicht davor zurück, selbst im Spätherbst noch ein kleines Bad im Vereinsgewässer zu nehmen, wenn ihm wieder mal ein Fisch samt Schnur abgerissen war und er versuchte, deren Ende noch schwimmend zu erreichen. Vor Nachahmung wird dringend gewarnt.
