VerSAMt nochmal - Michelle Hidsidney - E-Book

VerSAMt nochmal E-Book

Michelle Hidsidney

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Beschreibung

SAMantha, mit sich und der Welt mal mehr, mal weniger zufrieden, trifft in einem kurzen Augenblick Mr. Right, verliert ihn aber schnell wieder aus den Augen. Als ihr Sonnyboy Tom über den Weg läuft, beginnt sie eine lockere Affäre mit ihm. Ob sie Mr. Right wieder trifft, dieser sich überhaupt für sie interessiert oder Sam in den Armen des Sonnyboy's bleibt, lesen Sie in diesem humorvollen Roman.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Michelle Hidsidney

VerSAMt nochmal

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Begegnungen

Liebeskummertröster

Sancho Panza

Badespaß

Schweinerei

Träume

Prinzessin der Landstraße

Erwischt

Bling Bling

Hin- und Hergerissen

Telefonterror

Ausgestopfte Weihnachtsgans

Tollpatsch

Experimente

Weiche Knie

Geheimnisse

Ein Besuch im Krankenhaus

Erklärungen

Wuschelkopf

Zusammenbruch

Veränderungen

Verständnis

Wunder

Zufriedenheit

Impressum neobooks

Begegnungen

„Ausziehen, bis auf die Unterwäsche bitte.“ Wie? Ausziehen? Gut, wenn sie meint. Langsam ziehe ich Schuhe und Hose aus. Bevor ich meinen Pullover ausziehe, werfe ich nochmal einen fragenden Blick auf die reizende Dame, von der die Ansage kam. Sie schaut mich herablassend an, als würde ich in der Nahrungskette weit unter ihr stehen. Ich traue mich nicht noch einmal nachzufragen und will mich gerade meines Oberteils entledigen, als mein Blick zur Tür fällt, wo drei Augenpaare und drei Nasen an einem Glasfenster aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. Wusste ich doch, dass man sich beim Zahnarzt zum Röntgen nicht ausziehen muss. Blöde Weiber! Stehen da und lachen mich aus. Als ihr Gelächter immer lauter wird, schrecke ich hoch und liege schweißgebadet in meinem Bett. Ein Traum! Gott sei Dank! Wieso schlafe ich immer so schlecht in der Nacht, bevor ich zum Zahnarzt muss? Ich gehe doch nur zur Kontrolluntersuchung. Hoffe ich jedenfalls. Also ich habe keine Schmerzen. Im Mund. Mein Kopf tut mir im Moment schon weh, aber das kommt von dem Traum. Denke ich. Ich versuche wieder einzuschlafen, was mir dann auch mehr oder weniger gut gelingt. Am nächsten Morgen darf ich endlich zum Zahnarzt, jippi! Sie glauben, ich freue mich wirklich? Dann kennen Sie mich noch nicht gut. Aber hey, wir lernen uns ja gerade erst kennen. Mein Name ist Samantha, aber fast alle nennen mich Sam. Mein Alter verrate ich Ihnen noch nicht. Vielleicht, gebe ich es preis, wenn wir uns besser kennen. Plus Minus zehn Jahre. Eventuell! Ich bin Single. Nicht unbedingt gewollt, aber der Richtige war bis jetzt noch nicht dabei. Am Anfang ist immer alles rosarot, aber irgendwann merkt man, dass der Eine lieber Campingurlaub macht, während der Andere lieber im Hotel schläft. Der Eine lieber Tanzschuhe trägt und der Andere lieber Wanderschuhe. Verstehen Sie, was ich meine? Nicht, dass ich jetzt als verwöhnte Zicke herüberkomme, die lieber Tanzschuhe im Hotel trägt, statt zum Campingplatz zu wandern. Der Punkt ist, dass man in einer Partnerschaft doch dieselben Ziele haben sollte. Oder wenigstens ähnliche. Also in meinem speziellen Fall ging es darum, dass einer Kinder wollte und der andere nicht. Wissen Sie schon wer die Kinder wollte? Ja, die Zicke mit den Tanzschuhen steht auf Kinder. Also nicht auf fremde. Die nerven meistens. Da kann man oft nicht nachvollziehen, wie man so etwas lieb haben kann. Wenn es aber um die Kinder in meiner Familie geht, die ja blutsverwandt mit mir sind, sieht die Sache schon anders aus. Die sind immer süßer und schlauer, laufen schneller und gehen früher auf`s Töpfchen als andere. Mit anderen Worten sie sind perfekt. Sind sie vielleicht gar nicht, aber ich empfinde es so. Wie genial wäre dann erst mein eigenes Kind? Eine Ausgeburt von Schönheit, Intelligenz und guten Geschmacks. Nun ja, am Anfang wohl eher von Zahnlosigkeit, Undichtigkeit und schütterem Haar. Ich schwelge schon wieder in Babyträumen, aber ohne passenden Papa, kein perfektes Baby.

Mittlerweile sitze ich im Wartezimmer beim Zahnarzt. Meine Hände sind feucht und meine Füße wippen nervös auf und ab. Ein älterer Herr lächelt mir aufmunternd zu. Der hat gut Lachen. Wahrscheinlich kann er seine Zähne auf den Tisch legen, während sie repariert werden. Meine stecken noch fest im Kiefer und haben Nerven die wehtun können, wenn man ihnen zu nahe kommt. Jedes mal wenn die Wartezimmertür sich öffnet, schaut jeder erschrocken auf, als wenn er das nächste Opferlamm ist, welches zur Schlachtbank geführt wird. Wenn der eigene Name dann nicht fällt, atmet man erleichtert auf und lässt sich in den Sitz sinken. Nochmal davon gekommen. Vorerst. Als die Reihe der Patienten die vor mir da waren immer kürzer wird und jetzt sicherlich gleich mein Name aufgerufen wird, öffnet sich die Wartezimmertür erneut. Jetzt schon? Aber ich habe doch noch nicht einmal alle Zeitungen gelesen und auf Toilette wollte ich auch nochmal. Aber die Tür dachte überhaupt nicht daran zu zubleiben. Langsam öffnet sich die Höhle des Grauens, um mich zu verschlingen. Aber plötzlich steht er da, gehüllt in warmes Licht, bewegt sich in Zeitlupe und mir ist, als höre ich leise Musik. Er grüßt kurz und setzt sich. Mit einem dümmlichen Gesichtsausdruck sage ich „Hallo“, als ob er nur mich begrüßt hätte. Ich sehe ihn sabbernd hinterher, bis die Stimme der Zahnarzthelferin mich in die Realität zurückholt: „Herr Ficker, wir brauchen Ihre Versichertenkarte noch einmal.“ Die Musik, die ich höre, verstummt plötzlich und das Licht über meinem Leckerbissen geht aus, als ER auf „Herr Ficker“ reagiert und der Helferin nach draußen folgt. Wie kann so eine Sahneschnitte Ficker heißen? Der arme Kerl. Ich hätte doch längst meinen Namen ändern lassen. Volljährig sah er doch aus. Ich musste mir vor Lachen die Zeitung vor´s Gesicht halten. Peinlich, die anderen halten mich jetzt bestimmt für eine unreife Tussi. Es tut mir Leid, aber mal ehrlich, Ficker? Bevor ich mich vor Lachen biegen musste, werde ich aufgerufen und darf der netten Helferin zum Röntgen folgen. Mit einem Mal vergeht mir das Lachen. Kommt Ihnen die Situation bekannt vor? Die Helferin sagt etwas von alle zwei Jahre Röntgenvorsorge, aber ich höre gar nicht richtig zu. Ich rutsche unruhig auf meinem Stuhl hin und her und höre mich fragen: „Aber ausziehen muss ich mich nicht?“ Sie schaut mich an, als ob ich sie bat, mir ihre Hand zum Po abputzen zu leihen. „Nein ausziehen müssen Sie sich nicht, nur Ihren Schmuck ablegen.“ Und wenn ich nun Intimschmuck hätte? Ich frage sie nicht und lege meine Ohrringe zur Seite. Sie macht zwei Aufnahmen von meinen Zähnen und schickt mich ins Behandlungszimmer. Da sitze ich nun, wie ein kleines Eichhörnchen, das darauf wartet, vom großen LKW überfahren zu werden. Und da kommt er, der LKW, in Gestalt meines Zahnarztes. Er ist eigentlich ganz nett, aber er ist nun mal Zahnarzt. Ein Eisverkäufer hat von Natur aus eine fröhlichere Aura als ein Arzt. „Eine Kugel Erdbeere und eine Schoko bitte.“ „Wie bitte?“, fragt er mich. Oh Gott, habe ich das jetzt laut gesagt? „Oh nichts, ich war nur gerade in Gedanken.“ Er fährt den Stuhl, auf dem ich sitze, nach hinten und ich bekomme ein lächerliches Lätzchen um den Hals, als wäre Essenszeit im Altenheim oder im Kindergarten. Vom Alter her stehe ich irgendwo dazwischen. Das gemeine Zahnarztlicht blendet mich, bis es endlich meinen Mund gefunden hat. Mit seinem Zahnarztspiegel und der fiesen spitzen Sonde untersucht er meine Zähne und kratzt hier und da ein wenig herum. „Sieht alles gut aus“, murmelt er in seinen Mundschutz. „Nur auf dem Röntgenbild ist eine kleine Karies zu sehen. Meine Assistentin gibt Ihnen einen Kostenvoranschlag für die Füllung und einen neuen Termin.“ Danach verschwindet er ins nächste Zimmer. Ich bekomme einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem eine Summe steht, von der ich locker zwei bis drei Wochen leben könnte und einen neuen Termin. Als ich hinausgehe, steht die Wartezimmertür offen und ich schaue hinein. Es ist leer. Herr Ficker ist weg.

Liebeskummertröster

Ein paar Tage später fahre ich zu meiner Freundin Anne. Sie wohnt nur ein paar Minuten von mir entfernt. Mit dem Auto ein paar Minuten, zu Fuß wäre ich vermutlich Tage unterwegs. Bei meiner Kondition! Sport war schon in der Schule ein Grauen für mich. Mussten Sie auch an Kletterstangen hoch klettern oder über Hindernisse springen? Für was braucht man den Quatsch im späteren Leben? Gehe ich in den Supermarkt und springe über Einkaufskörbe und auf dem Heimweg noch schnell bei der Feuerwehr vorbei die Stange hoch und runter rutschen? Also ich nicht, Sie vielleicht? Wenn ja, dann rufen Sie mich an, das will ich sehen. Eines meiner „Lieblingsübungen“ war Kugelstoßen. Ich Schwächling mit meinen Spaghettiarmen schaffte es immer nur, die Kugel soweit zu werfen, dass sie mir nicht direkt auf die Füße knallte. Dafür klappt es heute beim Einkaufen mit Salatköpfen umso besser. Dafür haben wir doch geübt, oder nicht? Für das wahre Leben. Einkaufskorb in einige Meter Entfernung stellen, Salatkopf in die Hand, zielen und Wurf. Geht übrigens mit allen Lebensmitteln, nur bei Eiern wäre ich vorsichtig. Wenn Sie jemand darauf anspricht oder mit missbilligendem Gesichtsausdruck ansieht, sagen Sie, sie hätten ja schließlich in ihrer Schulzeit dafür trainiert. Dann noch ein paar galante Sprünge über Hindernisse und balancieren über die Fleischtheke und Sie sind der Star in Ihrem Ort. Jedenfalls wird man über Sie reden.

Als ich bei Anne ankomme, öffnet sie mir mit verheulten Augen die Tür. „Gut, dass du da bist, ich brauche jetzt eine gute Freundin.“ „Wo bekomme ich die jetzt so schnell für dich her?“, antworte ich mit einem Lächeln. „Blöde Kuh“, schnaubt sie „komm rein.“ Die Menge an verbrauchten Taschentüchern lässt nur drei Gründe zu. Erstens ihre Lieblingsserie wurde abgesetzt. Zweitens ihre Waage war mal wieder kaputt und zeigte unmögliche Zahlen an, oder Sie ahnen es schon, Drittens Männer. „Mike hat mit mir Schluss gemacht“, schnieft sie in ihr Taschentuch. „Einfach so, am Telefon, der Arsch.“ „Ja, Arsch trifft es wirklich. Ich weiß immer noch nicht, was du an dem gefunden hast. Mehr als ein Zahnpastalächeln hatte der doch nicht zu bieten.“ „Sam, so schlecht war er nun auch wieder nicht.“ „Stimmt, immerhin war er für Gleichberechtigung. Du durftest immer bezahlen, ihn im Auto herum kutschieren, damit er trinken konnte und seine Bierkisten durftest du auch schleppen. Im Gegenzug dafür hat er sich die Nägel gemacht, Gurkenscheiben ins Gesicht gelegt und seinen Schönheitsschlaf gehalten. Wieso hat er eigentlich Schluss gemacht. Er hatte doch das Paradies auf Erden?“ In diesem Moment fängt sie wieder an zu weinen und spricht so, als wenn man bei einem aufgeblasenem Luftballon die Öffnung mit den Fingern in die Breite zieht und dann die Luft quietschend wieder raus lässt. „Er hat eine Andere kennengelernt und hat sich in sie verliebt.“ Ich hätte fast laut gelacht. Nicht wegen dem was sie sagte, sondern wie sie es sagte. Als gute Freundin nahm ich sie aber in den Arm und sie legte dankbar ihren Kopf an meine Schulter. „Mach dir nichts daraus. Wie sage ich immer? Wer uns nicht zu schätzen weiß, der hat uns nicht verdient.“ „Stimmt“, sagt sie jetzt mit leiser Stimme. Sie nimmt ihren Kopf von meiner Schulter, atmet tief durch, wischt sich die Tränen weg und geht in die Küche. Oh, ich weiß was jetzt kommt. Sie denken sie kommt mit einer Packung Eis und zwei großen Löffeln zurück? Falsch, nicht meine Freundin Anne. Die hat für solche Fälle immer etwas Spezielles im Haus. Rollmöpse! Igitt! In der Konservendose. Sie stellt die geöffnete Dose vor sich und fängt an, einen nach dem anderen herauszufischen und zu essen. Ohne etwas dazu. „Ich brauche dich ja nicht zu fragen, ob du einen willst, oder?“, presst sie mit vollen Backen heraus. „Nein danke“, lächle ich gespielt und fasse mir mit beiden Händen an den Hals, als ob ich mich selbst würgen würde. Ich bekomme ein gequältes Lächeln von ihr zurück, bevor sie sich das nächste arme Tier in den Mund stopft. Ich glaube ich muss gleich kotzen. Ich springe vom Sofa hoch und schaue irgendwo in der Wohnung herum. Egal wohin, Hauptsache nicht an den Tatort, an dem gerade nach dem nächsten Opfer geangelt wird. „Wie bringen wir deine Laune wieder in bessere Stimmung? Worauf hast du Lust? Außer, dass du den armen Robben dieser Welt das Futter weg isst.“ „Keine Ahnung, schlag du was vor. Mein Kopf ist gerade leer“, sagt sie. „Was man von deinem Magen nicht behaupten kann“, antworte ich. „Aber wenn du die Dinger nicht sofort wegbringst und dir einen Kaugummi in den Mund steckst, wirst du live dabei sein wie sich mein Magen entleert.“ „Schon gut, ich bin fertig.“ Anne steht auf, bringt die leere Dose in die Küche und stopft sich tatsächlich einen Kaugummi in den nach Fisch riechenden Mund. Das ist Liebe, oder? Wir zwei kennen uns schon seit der Schulzeit und haben schon einiges miteinander erlebt und überstanden. Also nichts Weltbewegendes. Keine Kriege oder Naturkatastrophen, aber eben die kleinen Dinge, die sich manchmal wie Naturkatastrophen anfühlen. Wir sind füreinander da. Manchmal streiten wir uns auch und sagen uns gegenseitig die Meinung, aber das gehört doch zu einer guten Freundschaft dazu, oder nicht? Klar, wer hört schon gerne Kritik, aber bei guten Freunden ist das anders. Die meinen es eigentlich nur gut mit einem, nur im Moment der Kritik denkt man oft „blöde Kuh, wer hat dich denn gefragt?“. Okay, ich habe dann schon meistens etwas gefragt. So etwas wie: „Sieht der Rock an mir gut aus? Kann ich den anziehen?“ Und als Antwort kam: „Wenn du deine Knie zeigen willst.“ „Hallooo, was ist mit meinen Knien nicht in Ordnung?“ „Sie sind ok, aber ein bisschen ... rund. Der Rest deiner Beine ist wunderbar, also suche dir eine Rocklänge aus, die an der schmalsten Stelle deines Beines endet, so fällt der Blick auf diesen Bereich des Beines.“ „Hey, gar nicht mal so dumm, aber was ist, wenn die dünnste Stelle des Beines der Knöchel ist?“ „Dann kannst du gleich eine lange Hose anziehen.“ Wir lachen dann meistens gemeinsam und die Welt ist wieder in Ordnung.

„Also“, holt mich Anne aus meinen Gedanken zurück, „was geht ab?“ „Was geht ab?“, äffe ich sie nach. „Keine Ahnung Babe, wie wäre es mit tanzen?“ „Klingt gut“, antwortet Babe und mustert mich von oben bis unten „aber willst du dich nicht noch umziehen?“ „Wieso, mein Outfit ist doch perfekt zum Ausgehen: Jeans, T-Shirt, Turnschuhe und Pferdeschwanz. Nun ja, wenigstens sind meine Wimpern getuscht“, scherze ich. „Stimmt“, meint Anne mit einem skeptischen Unterton in der Stimme „die Wimpern sehen so unwiderstehlich aus, dass jeder Männerblick daran hängen bleibt und den Rest vom Körper nicht mehr wahrnimmt.“ „Anne, wenn wir die Wimperntusche erfinden, die so etwas kann, werden wir reich.“ Ich lasse mich lachend auf ihr Bett fallen und füge noch hinzu „Außerdem suche ich keinen Mann, also ist es egal ob ich mich herausputze oder nicht. Wer mich liebt, der liebt mich so wie ich bin.“ „Ach, jetzt reden wir schon von Liebe. Ich denke, du bist nicht auf der Suche?“ „Bin ich auch nicht. Ich will nicht suchen, ich will gefunden werden.“ „Aus welchen Herz-Schmerz-Roman hast du das denn?“, fragt mich Anne, während sie sich ein wunderschönes Sommerkleid überzieht. Sie hat eine tolle Figur, was sie natürlich überhaupt nicht findet. Aber so sind wir Frauen wahrscheinlich alle, immer was zu meckern und nie was zum Anziehen. Sie ließ ihre braunen schulterlangen Haare offen und sah wirklich bezaubernd aus. „Also Blondi, geht’s los?“, fragt sie pro forma und schnappt sich schon ihre Tasche und ihre Autoschlüssel. Ich hechte mich vom Bett hoch und greife auf dem Weg zur Tür noch schnell ein paar Pumps von Anne. „Wer fährt?“, frage ich und beantwortete mir sofort meine Frage selbst. “Ich fahre, du hast den Alkohol heute nötiger als ich.“

Sancho Panza

Die meisten haben ja bestimmt eine Stammdisco oder Stammkneipe. Wir nicht. Ich glaube, aus dem Alter sind wir raus. Es sei denn, ein- bis zweimal pro Jahr irgendwo aufzutauchen macht einen Ort zum „Stamm ... irgendwas“. Anne hat von ihrer Arbeitskollegin gehört, dass ein neues Tanzlokal eröffnet wurde. Tanzlokal! Klingt, als ob man nur mit einem Rollator hereingelassen wird, aber bei „Disco“ denkt man an 16-18 jährige. Wir befinden uns schon jenseits der zwanzig und nähern uns mit verdammt großen Schritten dem nächsten runden Geburtstag, wenn Sie wissen was ich meine. Also ab ins Tanzlokal. Im Inneren angekommen, finde ich es echt super hier. Zum Glück habe ich mir noch schnell Anne´s Schuhe angezogen, statt meine alten Turnschuhe anzulassen. Viele der Mädels sind total aufgebrezelt. Wir erkämpfen uns einen Stehtisch nahe der Tanzfläche. Super Beobachtungsposten! Ich hasse es, wenn ich das Gefühl habe beobachtet zu werden, aber selber gucken macht Spaß. Die Tanzfläche ist schon gut gefüllt, aber wir bestellen uns erst einmal etwas zu trinken bevor wir eine flotte Sohle auf´s Parkett legen. Anne trinkt ihr Glas in einem Zug leer und bestellt sich gleich das nächste. Ich hoffe nicht, dass sie das Tempo den ganzen Abend beibehält, bin aber froh, dass sie nicht mehr diesem Affen nachheult. Jedenfalls im Moment nicht. Heute Abend (oder morgen früh, je nachdem wie lange der Abend heute dauert) vergießt sie bestimmt noch ein paar Tränen, bis sie dann in ein paar Tagen feststellt, dass sie ohne ihn besser dran ist. So langsam erreicht die Musik auch unseren Körper, das heißt, wir wippen schon mal mit den Füßen mit. Ich halte mich noch an meinem Glas fest und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Überall Menschen (klar was sonst, bei Krokodilen wäre ich abgehauen) die miteinander reden, lachen oder tanzen. Vom Alter her gut gemischt, so dass ich mich wohl fühle und nicht wie die Oma, die heute mal Ausgang hat. Mein Blick bleibt auch an einigen Pärchen hängen, die sich küssen oder nur umarmt da stehen. Seufz, ich auch will! Ich schaue weiter nach rechts und werde sofort aus dem Tal der Tränen und des Neides herausgerissen.

„Anne, Pupsi auf drei Uhr!“ „Von dir oder von mir aus?“, lallt sie mir entgegen. Hatte sie doch schon so viel getrunken, oder verträgt sich Rollmops nicht mit Alkohol? „Anne, wir stehen beide nebeneinander und schauen in dieselbe Richtung, also von uns aus auf drei Uhr.“ „Was, ihr bleibt bis drei Uhr?“ Pupsi hatte uns erreicht, ohne dass wir uns vorher unsichtbar machen konnten. Mist! Pupsi heißt nicht wirklich Pupsi. Sie heißt eigentlich Kotzi. Nein Quatsch, sie heißt Karin, aber wir nennen sie Pupsi, weil sie die meiste Zeit nur Sch... von sich gibt. Ich glaube jeder kennt eine oder einen Pupsi. Jemanden, der den ganzen Tag reden kann und am Abend doch nichts gesagt hat. Der sich ständig in den Mittelpunkt stellen muss, alles besser weiß, besser kann und immer höher und weiter springt als alle anderen. Dabei weiß jeder „normale Mensch“, dass eine oder ein Pupsi gar nicht so toll ist, denn wenn man mal genau hinhört, dann widersprechen sie sich auch noch oft. Das liegt wohl daran, dass sie es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und irgendwann selber nicht mehr wissen, was sie mal gesagt haben. Unsere Pupsi ist schon immer so nervig. Aber seit sie ein paar Kilo abgenommen hat, denkt sie, sie ist die Größte. Sie stolziert vor allen herum, als wäre es für jeden erstrebenswert in Größe 42 zu passen und soo einen Po zu haben. Gut, wenn man vorher Größe 46 hatte ist das schon bewundernswert, aber sie meint jetzt Modellmaße zu haben und würde am liebsten nackt herumlaufen. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Hut ab vor jedem der es schafft sein Gewicht so zu reduzieren, ohne sich den Finger in den Hals zu stecken, aber dann so damit anzugeben, finde ich blöd. Ich meine, was musste sie dafür alles für Opfer bringen? Bestimmt hat sie nur noch Salat und Krautrouladen aus Rosenkohl gegessen. Und ganz bestimmt keine Schokolade, Kuchen und andere Stimmungsaufheller. Das würde auch ihre ständige schlechte Laune erklären. Es heißt doch „Hunger macht garstig“ oder war es „Sauer macht lustig?“ Und dann noch die Sache mit dem Sport. Ohne mich! Wenn mein Alltag so aussieht, dass ich hungrig Sport machen soll, nein danke. Ich habe aber zum Glück gute Gene, ich kann essen was ich will und passe immer in eine Größe 38 oder 40. Bis jetzt funktioniert mein Stoffwechsel noch gut, aber Sie wissen schon, das Alter! Vielleicht muss mir eine gertenschlanke Pupsi eines Tages Ratschläge geben, wie ich aus meiner Birnenfigur wieder etwas Ansehnliches machen kann. Vielleicht eine Banane, nur nicht so krumm, wenn´s geht. Oder einen Pfirsich, obwohl mir meine runden Knie schon reichen, aber eine Pfirsichhaut im hohen Alter, das wäre doch etwas. Möglichst an Stellen meines Körpers, die meine Mitmenschen noch sehen. Was nützt mir ein Pfirsichhautpopo den nur mein Arzt zur jährlichen Darmspiegelung sieht. Im Moment genieße ich noch meine Süßigkeiten und wenn ich Pickel davon kriege, geht das fast noch als Pubertät durch. Ha! Schön wär´s!

Pupsi´s Mund bewegt sich zwar die ganze Zeit als sie an unserem Tisch steht und es kommen bestimmt auch Töne dazu heraus, aber ich sehe sie nur an und höre gar nicht richtig zu. Ich hänge einfach meinen Gedanken nach. Dann fällt mir auf, dass Anne nicht mehr da ist. „Hast du Anne gesehen?“, frage ich Pupsi und bin wieder voll im Jetzt und Hier. „Ja, die tanzt da drüben“, unterbricht sie ihren Monolog und zeigt in Richtung Tanzfläche. „Oh, ich gehe lieber mal zu ihr“, ergreife ich meine Chance Pupsi zu entkommen. „Ihr geht’s heute nicht so gut“ und schon bin ich weg, meiner Freiheit entgegen. Ich höre noch ein „Was hat sie denn?“ hinter mir, tue aber so, als hätte ich nichts gehört. Bei Anne angekommen, stürze ich mich gleich ins Tanzgeschehen. Man, ist das lange her. Ich bewege mich bestimmt total hölzern, das ist mir aber völlig egal. Mir geht es im Moment richtig gut. Im Gegenteil zu Anne. Ich glaube, ihr ist es irgendwie schlecht. Sie hält sich den Magen und signalisiert mir, dass sie zum Tisch zurückgeht. Ich folge ihr. „Kannst du mir ein Glas Wasser besorgen?“, fragt sie. „Klar, kein Problem, warte hier“ und schon dränge ich mich durch die Menschenmenge zur Bar. Dort angekommen, brülle ich über die Theke „Ein Wasser bitte“, wow wie cool. Irgendeinen exotischen Drink zu bestellen, wäre jetzt wahrscheinlich cooler. Der Barkeeper grinst mich an und ich warte auf mein Wasser. Plötzlich drängt sich ein Typ neben mich und fragt „Hey Süße, glaubst du an Liebe auf den ersten Blick oder soll ich nochmal rein kommen?“ Würg! Ich weiß nicht, ob ich lachen oder verschwinden soll. Da ich noch auf mein Wasser warte, was ja soo schwierig ist ins Glas zu füllen, kann ich nicht wortlos flüchten. „So oft kannst du gar nicht rein und raus rennen, bis bei mir erst mal eine Wimper zuckt.“ Was Besseres ist mir nicht eingefallen. Der Typ lacht, er hat wohl nicht kapiert das ich null Interesse habe. Er labert mich einfach zu und langsam glaube ich, der Barkeeper steckt mit ihm unter einer Decke. Er hält die Mädels hin, indem er ihre Getränke langsam fertig macht und Sancho Panza kann seine einstudierten dummen Sprüche klopfen. Endlich, mein Wasser. „Ich bin dann mal weg“, sage ich und verschwinde im Menschenmeer. Dachte ich zu mindestens. Bei Anne angekommen, hängt mir der Typ doch tatsächlich noch im Rücken. „Ich wollte doch nur Wasser und du bringst mir auch noch einen Kapitän“, lacht sie leicht angetrunken. Sancho Panza fühlt sich eingeladen und stellt sich mit an unseren Tisch. Keine Ahnung was die beiden sich zu erzählen haben, aber da er Anne zum Lachen bringt, ist mir alles recht. Ich schaue gelangweilt durch den Saal und bleibe an einem Augenpaar, welches mich beobachtet, hängen. Der Barkeeper lächelt mich schon wieder an. Ich weiß nur nicht, ob es ein „Du gefällst mir“ Lächeln oder ein „Scheiße, ihr habt den Typ am Hals“ Lächeln ist. Ich reiße mich leicht errötet von seinem Blick los. Anne fängt plötzlich wie verrückt zu husten an. Sie hat sich wohl vor lauter lachen verschluckt. Vielleicht täuscht sie aber auch nur ihren Tod vor, um Sancho Panza zu entkommen. Sie hat schon Tränen in den Augen vor lauter Husten- und Röchelgeräuschen. Langsam mache ich mir Sorgen. Gerade als ich eingreifen will, übergibt sie sich auf Sancho´s Hemd. Voll in den Ausschnitt. Er trägt sein Hemd natürlich leicht geöffnet. Ich möchte eigentlich nicht genauer hinsehen, aber das ist wie bei einem Unfall: man will nicht hinsehen, kann aber auch nicht wegsehen. Also, ich schaue mir die Sauerei aus sicherer Entfernung an. Eines kann ich aber genau erkennen, Anne hat den Typen Rollmöpse in den Ausschnitt gekotzt. Er hatte sich bei „Baby, zeig mir deine Möpse“ sicherlich etwas anderes vorgestellt. Nach tausend Entschuldigungen von Anne und einen hochroten Kopf meinerseits, verlassen wir fluchtartig den Ort des Geschehens. An der frischen Luft geht es Anne schnell wieder besser und wir fahren lachend nach Hause. Den entsetzten Gesichtsausdruck des voll gekotzten Heinis werde ich so schnell nicht wieder vergessen. Das hat er jetzt von seinem Anmachspruch. Strafe muss sein. Der überlegt sich jetzt bestimmt zweimal, wen er anspricht und wen nicht. Wenig später fallen wir beide ins Bett und Anne murmelt kurz vor dem Einschlafen „Eigentlich war er ganz nett.“ Wie bitte? Sie ist wohl doch betrunkener als ich dachte.

Badespaß

Anne braucht ein paar Tage, um sich von ihrem Liebeskummer und der Kotzerei zu erholen. Es ist Donnerstagabend und ich will mich gerade mit dem Telefon in eine Badewanne voller Schaum gleiten lassen, um sie anzurufen, als das selbige klingelt. Telepathie? „Anne?“, rufe ich in den Hörer, während ich meinen geplagten Körper ins heiße Nass flutschen lasse. Geplagter Körper deswegen, weil ich eigentlich ständig Rücken- und Nackenschmerzen habe. Mein Physiotherapeut meint, ich hätte eine schlechte Haltung. Wie eine Schildkröte. Kopf und Nacken immer leicht nach vorne geneigt. Wenn ich aber meinen Kopf nach hinten schiebe, also in die „richtige“ Position, habe ich ein Doppelkinn. Finde ich jedenfalls. Also ein Teufelskreis: entweder Doppelkinn oder Rückenschmerzen. Da man Rückenschmerzen nicht sieht, ein Doppelkinn aber schon, entscheidet mein Unterbewusstsein, lieber leicht krumm zu laufen, als scheiße auszusehen. Gutes Unterbewusstsein. Obwohl, jetzt wo ich es schreibe, krumm zu laufen sieht auch nicht wirklich toll aus. Okay, ich werde mich bemühen, das alte Sprichwort „Brust raus, Bauch rein“ zu verinnerlichen. Ich fühle mich dann zwar wie eine eingebildete Schnepfe, die ihre Nase gern hoch trägt, kann aber immer mal meinen Schildkrötenhals zum Einsatz bringen, um das Ganze aufzulockern. Ich habe auch schon einige Kurse mitgemacht, die eine bessere Haltung und weniger Rückenschmerzen versprechen. Das Problem ist nur, dass ich die Übungen sehr unregelmäßig zu Hause wiederhole. Meistens erst dann, wenn die Schmerzen schon zu ausgeprägt sind und ich in dem Irrglauben bin, mit einer einmaligen Turnübung wird es mir wieder gut gehen. Apropos Turnübung. Haben Sie schon einmal Yoga gemacht? Ich schon. Ein Yogakurs mit meiner Kollegin. Ich habe mich vorher nie mit Yoga beschäftigt, wusste also nicht, was auf mich zukam. Unsere Yogalehrerin kam sehr spirituell daher, leichten Fußes mit Matte, Handtuch, Kerze und einem Glas, an das sie mit einem Stab schlug. Natürlich nur ganz sanft, dass es zu klingen anfing, nicht mit voller Kraft, als würde es gleich in tausend Stücke zerfallen. Das wäre eigentlich ziemlich witzig gewesen, obwohl ich dann ins Zweifeln gekommen wäre, ob ich bei Yoga oder bei einer Kampfsportart gelandet bin. Jedenfalls turnten wir lustig darauf los, ließen Arme baumeln und warfen sie in die Höhe, um sie dann geräuschvoll wieder fallen zu lassen. Bei jedem Stöhnen der Yogalehrerin musste ich mir das Lachen verkneifen und sah heimlich zu meiner Kollegin hinüber, die sich in voller Hingabe auf die Übungen konzentrierte. Ich sah mich im Raum um und merkte, dass ich die Einzige war, die sich vor unterdrücktem Lachen fast in die Hose machte. Nach einer geräuschvollen Aufwärmphase durften wir uns auf die Matten legen und ich dachte, jetzt wird es bestimmt unlustiger und ernster. Für die anderen war das auch so, aber für mich wurde es noch schlimmer: Übungen mit Namen Taube, Schmetterling, kleiner und großer Hund (oder war es Bär?) machten es mir sehr schwer, mich zu konzentrieren. Das soll entspannen? Ich fühlte mich noch nie so verknotet wie bei diesen Übungen. Als dann eine ältere Dame neben mir vor lauter Ent- oder Anspannung einen fahren ließ und so tat, als wenn es zur Übung gehörte, gab es für mich kein Halten mehr. Ich fiel aus meiner Hundeposition in die Kleine-Kinder-Lachposition und ließ meinen Lachtränen freien Lauf. Was hatte ich schon zu verlieren? Hier wollte ich eh nicht wieder her. Ich presste immer wieder ein „Tschuldigung“ hervor, während ich schnell meine Sachen einpackte und verschwand. Den Sonnengruß am Ende werde ich wohl verpassen. Für alle die Yoga lieben, es tut mir Leid, werfen Sie mein Buch nicht in die Ecke, aber für mich ist das nichts. Machen Sie ruhig weiter, wenn es Ihnen gut tut. Jedem das Seine. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber zum Zahnarzt gehen und das will etwas heißen!

„Nein mein Schatz, Mama hier.“ Mama hier? Wo? Ah, am Telefon. „Hallo Mama, was gibt’s?“ „Wartest du auf einen Anruf von Anne? Ich will dich nicht stören.“ „Nein, nein Mama, alles gut. Bei dir und Papa alles in Ordnung?“ „Du kennst ja deinen Vater“, seufzt sie. „Er lässt seine Finger lieber über die Computertastatur gleiten als über mich. Also ja, alles wie immer.“ „Mama, so genau wollte ich es gar nicht wissen, aber schön, dass wir darüber gesprochen haben. Vielleicht solltest du dir mal eine Computertastatur auf den Körper malen lassen. Nein, Schluss jetzt, antworte mir nicht, sonst beginnt mein Kopfkino und ich glaube kein Kind der Welt, egal wie alt, möchte diese Bilder seiner Eltern vor Augen haben. Auch nicht vor dem inneren.“ „Sam, mit wem soll ich denn sonst darüber reden, wenn nicht mit meinen Kindern? Es geht doch sonst niemanden etwas an.“ „Wie wäre es mit Papa? Das wäre doch die einfachste Art das Problem anzugehen?“ „Naja, mal sehen“, antwortet sie leicht niedergeschlagen, “eigentlich müsste er doch wissen, dass mich dieses Computergehocke nervt. Ich würde so gerne mal wieder einfach nur Kaffee trinken gehen oder du weißt schon ...“ „Mama“, unterbreche ich sie schnell „bitte keine Details.“ „Gut mein Schatz“, lacht sie „ich wollte dich eigentlich nur an den Polterabend deiner Cousine am Samstag erinnern.“ „Habe ich schon längst abgespeichert und eingeplant. Meinst du, ich könnte noch jemanden mitbringen?“ „Sam“, ihre Stimme überschlägt sich fast „hast du jemanden kennen gelernt?“ „Mama, ich lerne ständig jemanden kennen, aber niemanden, der Schwiegersohn tauglich ist. Also krieg dich wieder ein. Nein, ich meine Anne. Du weißt doch, sie hat sich von ihrem Freund getrennt, also eigentlich er von ihr. Jedenfalls könnte ihr etwas Ablenkung gut tun.“ „Schatz, meinst du ein Polterabend ist das Richtige für sie? Ein glückliches Brautpaar ist bestimmt das letzte was sie jetzt sehen möchte“ „Wieso, welches glückliche Brautpaar kommt denn?“, scherze ich. „Sam“, ermahnt mich meine Mutter, um dann besänftigt hinzuzufügen „bring Anne ruhig mit. Ich glaube nicht, dass Nicole etwas dagegen hat. Vielleicht lernt ihr zwei ja noch ein paar nette Männer kennen, man weiß ja nie, wen man auf solchen Festen alles kennen lernt.“ „Da ich mit mindestens der Hälfte der Gäste verwandt bin, wird sich die Ausbeute wohl in Grenzen halten.“ „Vielleicht kommen ja ein paar nette Freunde von Paul.“ „Also erstens glaube ich nicht dass er überhaupt Freunde hat und zweitens bestimmt keine netten“, antworte ich entrüstet. „Wenn er so ein Ekel wäre, würde ihn Nicole doch nicht heiraten, meinst du nicht auch?“ „Ich sage nur Tick Tack.“ „Wie meinst du das, mögen sie beide Pfefferminz?“ „Oh Mama, ich meine die biologische Uhr von Nicole tickt. Sie wünscht sich doch Kinder, oder nicht?“ Langsam wird mein Badewasser kalt. „Ja natürlich wünscht sie sich Kinder, aber glaubst du sie lieben sich nicht?“ „Doch, doch bestimmt. Vergiss es einfach. Aus mir spricht wahrscheinlich nur der pure Neid, aber ich gönne Nicole ihr Glück. Ich mach jetzt Schluss Mama, mein Wasser wird langsam kalt. Grüß Papa von mir, wir sehen uns am Samstag. Hab euch lieb.“ „Wir dich auch. Bis in zwei Tagen. Schlaf gut, mein Schatz.“ „Ja, du auch. Bis dann.“ Wir geben uns noch Luftküsse übers Telefon, dann legen wir auf. Ich liebe meine Mutter. Natürlich auch meinen Vater. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber meine Mama ist wohl die Beste der Welt. Das denken wahrscheinlich viele von ihren Müttern, aber ich höre auch oft von Freundinnen und Bekannten, dass sie ein problematisches Verhältnis zu ihren Müttern haben. Ich stelle mir das schrecklich vor, sich ständig mit seiner Mama zu streiten. Mütter sind auch nur Menschen, die Fehler machen. Es heißt zwar: „Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind gib ihnen Flügel“, aber das mit den Flügeln ist für die meisten Mütter sicherlich ein Problem. Wir sind in ihnen gewachsen, wir sind ein Teil von ihnen und glaubt mir, sie lieben euch, auch wenn sie es manchmal auf eine verschrobene Art und Weise zeigen. Sie müssen euch lieben, ihr seid ihre Altersvorsorge! Und ihr liebt sie auch. Also nehmt eure Mama´s das nächste Mal, wenn ihr sie seht, in eure Arme und sagt ihnen, dass ihr sie lieb habt, auch wenn sie manchmal nerven, denn irgendwann sind sie nicht mehr da und dann ist es zu spät. Man streitet sich so oft wegen Nichtigkeiten, dabei gibt es doch wirklich wichtigere Dinge im Leben. Wie schnell kann alles vorbei sein und man sieht einen geliebten Menschen nie mehr. Damit meine ich nicht, wenn „Friends“ eingestellt wird und wir auf Joey verzichten müssen. Ihr wisst schon, die schlimmen Sachen: Tod, Krankheit, Koma, ... Vielleicht nicht in der Reihenfolge, aber denkt mal darüber nach und dann: an die Telefone, fertig, los. Da wir gerade übers Telefonieren sprechen, ich wollte ja Anne anrufen.

Mittlerweile habe ich es mir auf meinem Sofa im warmen Bademantel gemütlich gemacht und wähle Annes Nummer. „Hi Schnecke“, begrüßt sie mich, ohne dass ich ein Wort gesagt habe. Das Wunder der Telefonnummernerkennung. „Was wäre, wenn dich mein heißer Lover von meinem Telefon aus angerufen hätte und du begrüßt ihn mit ´Hi Schnecke`, das würde doch seine Männlichkeit enorm kränken“, stänkere ich. „Erstens wüsste ich von deinem heißen Lover und zweitens wieso sollte er mich anrufen?“ „Um dir zu sagen, dass du die heißeste und schönste Freundin der Welt hast“, lache ich. „Aber das weiß ich doch auch so mein Herzblatt“, flötet Anne „dafür brauche ich doch keinen Typen.“ „Na wenn das so ist Zuckerpuppe, dann hast du ja bestimmt nichts dagegen, mich am Samstag zu einem Polterabend zu begleiten.“ „Ich finde, wir sollten uns erst noch besser kennen lernen, bevor wir uns auf ewig binden“, spinnt Anne mit. „Darling, ich bestehe auf einen Antrag. Ich bin nicht so leicht zu haben, ein paar nette Worte und ab zum Poltern. Spaß beiseite, hast du Lust mit mir zum Polterabend meiner Cousine zu gehen? Du hast sie mal bei meinem Geburtstag kennen gelernt, Nicole.“ „Ah, die mit dem reizenden Freund“, fällt bei Anne der Groschen. „Er ist nicht mehr ihr Freund ...“, bevor ich weiter sprechen kann, fällt sie mir ins Wort: „Na Gott sei Dingelchen, der war ja eine echte Plage ...“ „Anne“, unterbreche ich sie „er ist jetzt ihr Bräutigam.“ „Ach du Scheiße, tut mir Leid.“ „Kein Problem, du hast ja Recht. Zum Glück müssen wir ihn ja nicht heiraten. Die Hauptsache ist, dass sie glücklich mit ihm ist. Wir machen uns einfach einen schönen Abend, was hältst du davon?“, frage ich sie. „Klingt ganz lustig, warum nicht“, antwortet Anne. „Meine Mutter hat die Hoffnung, wir finden vielleicht unseren Traummann auf diesem Event. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt“, klugscheiße ich. „Hast du ihr nicht gesagt, dass du gefunden werden willst?“, meint Anne mit einem spöttischen Unterton. „Du wirst schon sehen, der Richtige wird mich finden und wenn ich dafür vorher noch ein paar Frösche küssen muss, was soll´s, dann trainiere ich wenigstens noch meine Kusskünste und kann dann bei Mr. Right mit Perfektion glänzen“, träume ich. „Na dann, lass uns die Männerwelt aufmischen.“ Anne scheint wirklich über Mike hinweg zu sein. „Alles klar, bis dann“, beende ich unser Gespräch und gehe ins Bett, um ein paar Minuten später schon tief und fest zu schlafen wie ein Baby.

Schweinerei