Verschacherte Leben - Barbara Schlüter - E-Book

Verschacherte Leben E-Book

Barbara Schlüter

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Beschreibung

Hannover in den 1890er Jahren: die Moderne kündigt sich an. Die Zwillinge Elsa und Emilie kehren 1892 gemeinsam mit ihrer Mutter Ernestine Jacob, deren Freundin Josefina und Elsas Tochter Elisabeth von La Palma nach Hannover zurück. Sie ziehen alle auf den Lindener Berg, wo Großvater Wilhelm Jacob einen Flügel an seine Villa hat anbauen lassen. Es gibt viele Veränderungen: Die Zwillinge bereiten sich darauf vor, in die großväterliche Möbelfabrik einzutreten – ein für die Zeit ungewöhnlich fortschrittliches Vorhaben -, während ihr Großvater seine Hochzeit mit Marga Lheiß plant. Sophie von Elßtorff, Ziehmutter von Elsa, Johanna Seligmann und ein Kreis von engagierten Frauen wollen etwas für ledige Mütter tun, deren Lage meist desolat ist. Dabei werden sie auf eine Problematik aufmerksam, die mehr und mehr die Gemüter der Zeitgenossen bewegt: der internationale Frauen- und Kinderhandel. Alle ahnen nicht, dass sich etwas zusammenbraut, was sie unmittelbar betreffen wird…

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Autorin
Hinweis
Impressum
Die wichtigsten Personen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
1892 Anfang September
Kapitel 4
1892 September
Fiete in der Königstraße
Kapitel 5
1892, 17. Oktober
La Palma, Los Llanos. Überraschungen
Kapitel 6
1892 Oktober
Kapitel 7
1893 Ende Februar
La Palma. Aufbruchsstimmung
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
1893 März
Aus Elsas Tagebuch
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
1893 April
Aus Elsas Tagebuch
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Finale
Verwendete Literatur
Historisches und Erdachtes
Vielen Dank!
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Barbara Schlüter

 

 

Verschacherte Leben

 

 

 

 

 

 

 

 

ELVEA

Autorin

 

Barbara Schlüter ist seit 36 Jahren selbständige Kommunikationstrainerin, Coach und Managementberaterin. Als wissenschaftliche Assistentin (damals Barbara Kroemer) am Historischen Seminar der Universität Hannover bot sie als Erste Veranstaltungen zum Thema ›Frauen in der Geschichte‹ an. Mit ihrem Sachbuch Rhetorik für Frauen (1987) hat sie Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet.

Sie lebt nach einigen Jahren im Rheinland seit 2001 wieder in ihrer Heimatstadt Hannover und auf La Palma.

Ihre historische Romanreihe um 1890 Vergiftete Liebe, Verheimlichte Liebe, Gerächter Zorn, Verschaukelte Liebe mit Protagonistin Elsa besteht aus jeweils in sich abgeschlossenen Folgen. Außerdem ist Elsa aktiv in der Hannover Erzählung (1889) ›Wenn der Kaiser kommt, ist Feiertag‹ in Ausgerechnet zum Feiertag – historische Mord(s)geschichten und in Ein eiskaltes Händchen (Hannover 1888/89) in: Joachim Anlauf, Peter Gerdes (Hrsg.) Tod unterm Schwanz, Anthologie zur Criminale 2020 in Hannover, Gmeiner Verlag.

www.dr.b-schlueter.de

 

Hinweis

 

Dieser Roman führt die historischen Gesellschaftsromane Vergiftete Liebe, Verheimlichte Liebe,Gerächter Zorn und Verschaukelte Liebe fort, ist aber wie diese in sich abgeschlossen. Sie können daher in jede dieser Zeitreisen unabhängig voneinander einsteigen …

Wenn Sie eine chronologische Entstehungsgeschichte bevorzugen und die Entwicklung der Hauptpersonen mitverfolgen möchten, empfehle ich Ihnen zu beginnen mit meinem Beitrag ›Ein eiskaltes Händchen‹ in der Anthologie Tod unterm Schwanz (Gmeiner Verlag) zur leider ausgefallenen Criminale 2020 in Hannover, die 2024 nachgeholt wird.

Um dann mit ›Wenn der Kaiser kommt, ist Feiertag‹ (Hannover 1889) fortzufahren. Das ist eine meiner fünf Erzählungen in Ausgerechnet zum Feiertag – historische Mord(s)geschichten.

Barbara Schlüter

Hannover und La Palma, im Winter 2023

Impressum

 

Die Handlung und alle Personen des Textes sind frei erfunden.

Alle möglichen Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorgängen oder Ereignissen bzw. mit lebenden oder gestorbenen Personen sind rein zufällig.

 

 

www.elveaverlag.de

Kontakt: [email protected]

 

© ELVEA 2023

 

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk darf, auch teilweise,

nur mit Genehmigung des Verlages

weitergegeben werden.

 

Autorin: Barbara Schlüter

 

Bildquelle/Titelbild: mit freundlicher Genehmigung des Staatsarchivs Bremen

 

Covergestaltung/Grafik: ELVEA

 

Layout: Uwe Köhl

 

Projektleitung

www.bookunit.de

 

Die Vergangenheit ist nicht tot,

sie ist nicht einmal vergangen.

William Faulkner

 

Das Elend des Mannes ist groß.

Wieviel größer ist das Elend der Frau!

Das Elend der Frau ist groß.

Wieviel größer ist das Elend des Kindes!

Victor Hugo

 

Der Roman beginnt im Sommer 1892.

 

Die wichtigsten Personen

Elsa Martin, 20 Jahre, wächst seit ihrem 4. Lebensjahr als Ziehtochter bei der Architektenfamilie von Elßtorff in Hannover in der Königststaße auf

Emilie Sartorius, Zwillingsschwester von Elsa, wuchs bis 1890 adoptiert in Königsberg auf, wurde dann bei den von Elßtorffs aufgenommen

Ernestine Jacob, ledige Mutter der Zwillinge, war lange verschollen, hatte ihr Gedächtnis verloren. Sie befindet sich zur Regeneration auf La Palma, wo sie 1871 heimlich ihre Töchter zur Welt brachte. Lebt im von ihrer Patentante geerbten Haus in Los Llanos

Josefina Wangüemert, Palmera, ehemalige Lehrerin, Freundin von der verstorbenen Patentante von Ernestine

Klara Käppel, arbeitet als Krankenschwester auf La Palma, wohnt bei Ernestine im Haus

Wilhelm Jacob, erfolgreicher Möbelfabrikant in Linden, Vater von Ernestine, Großvater der Zwillinge

Sophie von Elßtorff, enge Pensionatsfreundin von Ernestine Jacob, verheiratet mit

Maximilian von Elßtorff, Architekt und Baumeister, Mitglied einer Freimaurerloge

Heinrich von Elßtorff, 21 Jahre, deren Sohn, Ziehbruder von Elsa, Student der Medizin an der Charité in Berlin

Perrita, Terrier Mischling von La Palma, temperamentvolles vierbeiniges Familienmitglied im Haushalt von Elßtorff

Edelgarde von Potocki, scharfzüngige Witwe, entfernte Cousine von Sophie

Marga Lheiß, 46 Jahre, langjährige Haushälterin im Hause von Elßtorff in absoluter Vertrauensstellung, inzwischen Gesellschafterin und Anstandsdame für die Zwillinge, verlobt mit Wilhelm Jacob

Hannes Breuer, Volksschullehrer, Sozialdemokrat, genannt der ›rote‹ Breuer

Luise Breuer, Pfarrerstochter, seine Frau

Cord Breuer, Sohn des ›roten‹ Breuer

Bertha Schrader, 20 Jahre, die neue Köchin im Hause von Elßtorff, aus dem Magdalenium,dem Asyl für gefallene Mädchen, mit Töchterchen Marie, geboren Juli 1889

Roberta Stein-Amber, ehemalige Schauspielerin am Königlichen Hoftheater, enge Freundin von Elsa, mit Tochter Viktoria Augusta genannt Vicky, Januar 1891 in Amerika geboren, nach Aufenthalt in Amerika zurück in Hannover.

Grete, ihre langjährige, treue Zofe

Isidora Kaulbach *, 31 Jahre, Tochter des Malers Friedrich Kaulbach, eine alte Freundin von Elsa

Olga Polna *, Sängerin

Gustavo Gremmer, ehemaliger Künstler, Agent,Stellenvermittler

Albert Tuch, Agent und internationaler Exporteur und Gattin Cecilie Tuch

Fiete Buttfanger, Schiffsjunge auf der Augusta Victoria, Doppelschraubendampfer der HAPAG, lernte die von Elßtorffsche Reise-Gruppe bei deren Lustfahrt in den Orient im Frühjahr 1892 kennen

Kapitän Heinrich Barends * ging 1903 im Alter von 56 Jahren nach 25 Jahren als Kapitän und mehr als 100 Atlantiküberquerungen auf verschiedenen Schiffen in den Dienst an Land

Anna und Babette Fischer, Schwestern aus Hannover, Vollwaisen, wollen nach Amerika auswandern

Justus Hahn, Kriminalinspektor, Polizeidirektion in der Brandstraße (Altstadt), Stammgast in der Gaststätte Klickmühle

Siegmund Seligmann *, Direktor der Continentalen, seine Gattin Johanna * geborene Coppel

Albert Ballin *, Direktor der HAPAG

Heinrich Jacobi *, seine Gattin Rosine-Charlotte * Hannoversche Wagonfabrik in der Falkenstraße in Linden und Enkelin Auguste

 

Kapitel 1

1892 Ende August. La Palma, Los Llanos

Ein Familienrat

Wie stets trafen sich die fünf Bewohnerinnen des geräumigen Hauses in der Calle Fernandes Taño nach der Siesta, um gemeinsam einen Kaffee und einige köstliche Mandelkekse zu genießen. Sie saßen gemütlich unter der dicht mit Wein bewachsenen Pergola, die willkommenen Schatten spendete.

Ernestine Jacob, die Mutter der Zwillinge Elsa und Emilie, versorgte alle aus einer Karaffe mit Wasser, welches sie mit Zitronen aus dem großen üppigen Garten aromatisiert hatte. In der Wiege, ab und zu sanft angestoßen von der Krankenschwester Klara, schlief friedlich die am 29. Juli geborene Tochter von Elsa. Sie hatten beschlossen, dass der Vorname, wie es die Familientradition wollte, mit E beginnen und dass sie nach Ernestines früh verstorbener Mutter Elisabeth heißen sollte. Gemeinsam mit der Lehrerin Josefina Wangüemert feierten sie heute den Geburtstag von Ernestine.

»Später gibt es ein Gläschen Cava«, verkündete diese, »es liegt bereits eine Flasche kalt. Elsa, du bekommst natürlich nur ein winziges Schlückchen Sekt, schließlich stillst du ja noch.«

»Ja, ich möchte vor allem gern auf das Wohl von Josefina und Klara anstoßen, die mir bei der Geburt so tatkräftig beigestanden haben«, erwiderte Elsa prompt.

»Und ich auf das Wohl meiner Patentante, die mir damals gemeinsam mit Josefina geholfen hat, die Zwillinge auf die Welt zu bringen«, fügte Ernestine hinzu.

Josefina nickte, ihre Augen glitzerten verdächtig. »Ja, Ernestine, so wiederholt sich die Geschichte. Und ich bin dankbar, dass sie euch dieses Haus hinterlassen hat und mir ein Wohnrecht darin. Ein besseres Refugium kann man sich kaum vorstellen.«

Alle nickten, einschließlich Klara. »Gerade für mich ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein Zufluchtsort und mittlerweile ein Heim geworden.«

»Genau«, stimmte ihr Josefina zu, »so geht es mir ebenfalls. Dennoch macht es mich bereits jetzt traurig, wenn ich an eure Abreise im Frühjahr denke. Dann habe ich außer Klara hier kaum noch jemanden. Meine Verwandten sind tot oder ausgewandert nach Cuba und Argentinien.«

»Aber du bist doch durch deine Tätigkeit als Lehrerin hier allgemein bekannt, beliebt und hochgeachtet«, wandte Ernestine ein.

»Das trifft zu, jedoch sind das andere Formen von Bindung. Ihr werdet mir fehlen und das kleine Elisabethchen ebenfalls. Von ihrer Geburt an habe ich sie tief in mein Herz geschlossen. Gern würde ich sie noch eine Weile begleiten.«

Nervös trommelte Ernestine mit den Fingern auf die Tischplatte aus Tea-Holz.

»Könntest du dir denn vorstellen, mit uns zu kommen und, solange du möchtest, in Deutschland zu bleiben? Du beherrschst ja unsere Sprache nahezu perfekt, das wäre also kein Hindernis.«

Nachdenklich blickte Josefina in die Runde. »Warum eigentlich nicht? Dann lerne ich auf meine alten Tage noch Deutschland kennen. Vielleicht werde ich sogar Euren Kaiser Wilhelm II. zu Gesicht bekommen, der ja angeblich mal unsere Insel kaufen wollte.«

Alle lächelten, bis auf Emilie, deren Stirn von Konzentrationsfalten gefurcht war.

»Was haltet ihr davon, wenn wir Elisabeth als Josefinas Enkelin oder Großnichte ausgeben? Das wäre in vielerlei Hinsicht erstmal vorteilhaft.«

Erstaunt blickte Elsa ihre Schwester an. Ihre Gedanken überschlugen sich; dann sprang sie auf. »Schwesterherz, der analytische Teil ist ja eigentlich mein Part. Aber wer betroffen ist, denkt oft nicht klar. Das hätte in der Tat viele Vorzüge. Zunächst jedoch muss Josefina einverstanden sein!«

Die erhob sich und nahm Elsa in den Arm. »Liebend gerne mache ich das! Bei allem, was ihr so vorhabt, auch mit dem Eintritt in die Möbelfabrik eures Großvaters, müsst ihr euch ja keine unnötigen Steine in den Weg legen.«

In der herzlichen Umarmung von Josefina geborgen, spürte Elsa, wie eine Welle unendlicher Erleichterung durch ihren Körper lief. Es kam ihr so vor wie eine der riesigen Wogen, die der Sturm manchmal in der Bucht von Puerto Naos auftürmte, die dann laut krachend zusammenbrach und schäumend am Strand auslief. Sie drückte Josefina an sich, löste sich langsam und ließ sich in den bequemen Armlehnstuhl fallen. Sie holte tief Luft und gestand: »Mir war nicht wirklich klar, wie stark ich das Gerede und Geklatsche in Hannover gefürchtet habe. Das umgehen wir jetzt elegant. Die Leute werden sich schon genug echauffieren, wenn wir Kurse belegen, um in Großvaters Fabrik vernünftige Arbeit leisten zu können. Außerdem verschwindet ein weiteres Problem, für das ich schon die ganze Zeit vergeblich und verzweifelt eine Lösung gesucht habe.« Sie stockte und seufzte erleichtert.

Ernestine stupste Elsa am Arm. »Mach es nicht so spannend. Was meinst du?«

»Nun, der glückliche Vater Cord Breuer in Amerika weiß ja nichts von seiner Tochter. Und er soll es auch nicht erfahren, denn ich möchte, dass er in Ruhe sein Studium beendet und seinen Doktor macht! Aber seine Eltern würden es mitbekommen, wenn ich unverheiratet mit einem Kind in Hannover auftauche und zwei und zwei zusammenzählen. Die würden es ihm garantiert nach Amerika schreiben!«

»Und dann käme er möglicherweise zurück und das Stipendium wäre futsch«, schlussfolgerte Klara. »Und wenn du dich zu Elisabeth als deiner unehelichen Tochter bekennen würdest, wäre es nicht nur ein Skandal, sondern es bestünde die Gefahr, dass ein Amtsvormund eingesetzt wird, der in alles reinredet und womöglich noch über deinen Lebenswandel wacht.«

Daran hatte Elsa gar nicht gedacht. Sie nickte der ehemaligen Diakonisse zu, die sich durch ihre langjährige Arbeit in Linden in solchen Angelegenheiten auskannte.

Ernestine schaltete sich ein. »Davor würde uns mein Vater gewiss zu schützen wissen. Aber ich glaube ebenfalls, dass es strategisch klug ist, so vorzugehen.«

Mit Tränen in den Augen blickte Elsa ihre Mutter an. »Weißt du Mama, erstens kann ich gerade im tiefsten Herzen nachempfinden, aus welchen Gründen ihr damals Emilie und mich als die Kinder deiner kürzlich verwitweten Patentante ausgegeben habt.« Ernestine sprang auf und umarmte ihre Älteste. »Es war eine schwierige Entscheidung, aber euer Vater war gefallen, bevor wir heiraten konnten. Im Gegensatz dazu kann sich bei dir alles zum Besten wenden, wenn der Vater von Elisabeth aus Amerika heimkehrt.«

»Ja, das hoffe ich. Wer weiß, wie es in zwei bis drei Jahren aussieht.«

»Das finde ich vernünftig«, meinte Josefina, »kommt Zeit, kommt Rat. Und die Monate werden schnell vergehen, weil ihr damit beschäftigt sein werdet, euch alles anzueignen und zu lernen, was ihr in der Möbelfabrik können müsst.«

Elsa nickte, aber dennoch erschien ihr eine Wartezeit von ungefähr drei Jahren schier unerträglich. Da fragte die aufmerksame Emilie: »Und was wolltest du als Zweites sagen?«

»Zweitens ist es eine Schande, dass eine Generation später die Verhältnisse im Grunde unverändert sind. Uneheliche Mütter haben kaum Rechte, werden verachtet und drohen in Armut oder gar Prostitution abzurutschen. Wie schwer sie es haben, selbst wenn sie in einem Asyl für gefallene Mädchen wie dem Magdalenium unterkommen, haben wir ja bei unserer Köchin Bertha gesehen.«

»Die ich nicht kenne und auf die ich gespannt bin, denn ihr habt viel Gutes über sie und ihre kleine Tochter erzählt«, bemerkte Ernestine.

Unwillkürlich musste Elsa an ihre Freundin, die Schauspielerin Roberta Stein-Amber denken, die durch das reiche Erbe ihres Vaters abgesichert, als angebliche Witwe mit Kind aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt war. Laut sagte sie: »Am schlimmsten dran sind zweifellos diejenigen, die als Dienstmädchen oder Fabrikarbeiterin schwanger werden. Ich werde mich zu Hause noch mehr als bisher für solche vom Schicksal geschlagene Frauen einsetzen.«

»Das werde ich unterstützen«, entgegnete Ernestine. »Ich auch«, sagte Emilie.

»Ich glaube, meine Freundin Bobby wird da ebenfalls mitmachen«, erklärte Elsa.

Ernestine meinte: »Da werden wir gewiss Einiges zu tun haben und uns mit so manchen moralinsauren Widerständen auseinandersetzen müssen. Ich befürchte, das wird nicht einfach!«

Der warmherzigen Emilie war aus ganz anderen Gründen schwer ums Herz. »Wenn Josefina uns nach Deutschland begleitet, dann bliebe Klara ja völlig alleine hier«, rief sie, »das geht doch nicht!«

Klara richtete sich mit beherrschter Miene auf ihrem Terrassenstuhl aus Rohrgeflecht kerzengerade auf. Elsa bemerkte ihre Anspannung aber an den Händen, die die Armlehnen umklammerten. »Doch, das geht, denn es gibt keine Alternative!«

Elsa, die als einzige die genaueren Umstände von Klaras plötzlicher Reise nach La Palma kannte, überlegte blitzschnell und gab ihr im Geiste Recht.

Die fuhr auch schon fort: »Inzwischen spreche ich einigermaßen Spanisch, bin hier als Krankenschwester anerkannt und verdiene so viel Geld, dass ich über die Runden komme, jedenfalls, wenn ich weiterhin hier mietfrei wohnen darf.«

Josefina klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. »Du sprichst schon hervorragend, das kann ich wohl am besten beurteilen. Und du hast hier ein gutes Auskommen, außerdem gibt es jede Menge Obst und Gemüse aus dem wunderschönen großen Garten, den noch der Mann von Ernestines Patentante angelegt hat.«

Alle nickten, denn die Gartenanlage mit einigen Bananenstauden, Oliven, Aprikosen, Orangen, Zitronen, Misperos und vielerlei Obststräuchern, Gemüse und Blumen war ein kleines Paradies.

»Nach Hannover würde ich nicht zurückwollen, dort glaubt man, ich sei tot.« Klara schluckte: »Und ich hätte trotzdem Angst, dass man mich erkennt.«

»So wie du jetzt aussiehst wohl kaum«, bemerkte Emilie mit einem leisen Lächeln, »zumal dich alle nur als Diakonisse mit Haube und nicht mit deinen schönen Haaren gesehen haben.«

Eine verlegene leichte Röte überzog das Gesicht von Klara. »Bin jetzt eben nicht mehr Karla. Aber wie auch immer: Am besten bin ich zweifellos auf dieser friedvollen Insel aufgehoben.«

Ernestine hatte vom intensiven Nachdenken eine runzelige Stirn bekommen. »Unter Betrachtung aller Umstände stimme ich dir zu. Und es ist so reichlich Platz hier, dass du eine kleine Krankenstation aufmachen könntest. Das würde gewiss dankbar angenommen werden, besonders von denen, die weiter weg wohnen und nicht mit dem Maultier transportiert werden können. Doktor Gonzales hält eine Menge von deinen beruflichen Fähigkeiten und würde dich gewiss unterstützen.«

Erneut errötete Klara leicht, was sie zu verbergen suchte, indem sie sich heftig die Nase schnäuzte.

Aber die aufmerksame Elsa hatte es bemerkt – sie vermutete schon länger, dass sich zwischen dem Arzt und Klara zarte Bande knüpften. Prompt blickte diese mit einem kleinen Lächeln in die Runde. »Ihr könnt mich beruhigt hierlassen. Ich bedauere heute, dass ich in Hannover, wenn auch mit besten Absichten, Schicksal gespielt und eingegriffen habe. Nie hätte ich geglaubt, nochmals eine Chance zu bekommen und hier ein so ausgefülltes und befriedigendes Dasein in meiner Berufung als Krankenschwester leben zu können.«

Das hörte vor allem Elsa gerne, die an dem Ortswechsel großen Anteil gehabt hatte und sich dadurch auch verantwortlich fühlte.

»Dann ist es beschlossen«, sagte Josefina mit einem Stoßseufzer, »ich komme mit und werde euch unterstützen, wo ich kann. Und auf die entzückende kleine Elisabeth passe ich besonders gern auf.«

»Wie gut, dass Onkel Maximilian den Anbau an Großvaters Villa großzügig geplant hat«, meinte Elsa. »Im 1. Stock sind ja vier Schlafzimmer mit zwei Bädern. Unten, vom Vorplatz aus gesehen, ist ein kleineres Gäste-Bad, dann ein großer Raum, den ich als eine Mischung aus Salon und Bibliothek einrichten würde, dazu Esszimmer, Küche und ein Gästezimmer mit Bad. Auf der Seite liegt auch der Dienstboteneingang. Das Souterrain wird teilweise relativ hoch und hell, da das Gebäude in den Berg gebaut wird. Das werden anständige Unterkünfte für das Personal und zum Hang hin ideale Vorratsräume.«

»So richtig vorstellen kann ich mir das noch nicht«, entgegnete Emilie.

»Habt etwas Geduld, Onkel Maximilian hat einige Aufmaße und Grundrisse geschickt. Es wird alles nach dem modernsten Standard gebaut, sogar mit einer zentralen Heizung, die vom Keller aus befeuert wird. Ich bin am Planen und Zeichnen für die Inneneinrichtung. Demnächst zeige ich euch, was ich bisher überlegt habe und ihr könnt natürlich Wünsche anmelden.«

»Ich bin gespannt. Wir müssen auch überlegen, wie unsere Reiseroute verlaufen soll«, erklärte Ernestine. »Mit der Lütten möchte ich nicht den mühsamen Weg mit einer Maultierkarawane über die Cumbre zur anderen Inselseite nehmen. Auf Maultieren mit Gepäck hinunterzukommen nach Puerto Tazacorte, um von dort aus per Schiff den Hafen von Santa Cruz zu erreichen, ist schon mühsam genug.«

Alle nickten. »Wir sollten im Frühjahr aufbrechen, da es in den Wintermonaten oft stürmisch ist«, bemerkte Josefina.

»Außerdem sind wir dann sicher, dass der Anbau der Villa beendet sein wird, wodurch wir gleich dort einziehen könnten«, stimmte Elsa ihr zu.

»Wir sind ja etliche Tage auf See, und ich gestehe, dass ich befürchte, seekrank zu werden«, gab Josefina zu.

»Das war anfangs bei unserer Lustreise in den Orient durchaus der Fall, Ende Januar und im Februar kann der Atlantik seine Tücken zeigen. Inzwischen beginnen diese Fahrten etwas später«, bemerkte Emilie. »Wir werden außerdem getrockneten Ingwer gegen die Seekrankheit mitnehmen.«

»Nachdem ich mit großem Vergnügen das Buch von Julius Stinde über Frau Buchholz im Orient gelesen habe, dass ihr mir freundlicherweise mitbrachtet, bin ich erpicht darauf, so eine Reise zu unternehmen«, gestand Ernestine.

Elsa lächelte: »Wir haben ja auch nicht alles gesehen, vielleicht lässt sich da etwas gemeinsam planen. Und dem rührigen Direktor Ballin wird gewiss noch die eine oder andere weitere Route einfallen. Wo doch unser Kaiser so gerne im Sommer gen Norden aufbricht.«

In diesem Moment meldete sich Elisabeth. Liebevoll nahm Elsa ihre kleine Tochter aus der Wiege. »Ihr entschuldigt uns für eine Weile.«

Klara stand ebenfalls auf. »Ich habe noch einiges zu erledigen. Wir sehen uns alle beim Abendessen.«

Josefina meinte nachdenklich: »Dass das Schicksal mir womöglich eine Großnichte und eine Reise ins ferne Deutschland bescheren würde, hätte ich nicht gedacht.«

Und damit gingen alle auseinander.

 

Kapitel 2

1892 Ende August

An Bord der Augusta Victoria

Fiete Buttfanger freute sich wie ein Schneekönig auf seine Heimatstadt Hamburg und auf das Wiedersehen mit seiner Mutter. Seine allererste Fahrt an Bord des Doppelschraubendampfers Augusta Victoria hatte er im Januar 1892 als 14-jähriger Schiffsjunge bei einer Lustreise zur See in den Orient angetreten.

Denn seine verwitwete Mutter war mit dem lebhaften Jungen nicht mehr so recht fertig geworden. Sie hatte gehofft, er werde durch die für die Mannschaft auf dem Schiff herrschende strenge Disziplin vernünftiger werden. Die Passagierin Marga Lheiß, mit der sie zufällig beim tränenreichen Abschied für zwei Monate zusammengetroffen war, hatte sie gebeten sich ein wenig um den Jungen zu kümmern. Was diese nach besten Kräften tatsächlich getan hatte.

Bis dato war es eine unerhörte Sache gewesen, einfach zum Vergnügen zu reisen. Zwischenreisen statt Atlantiküberquerungen, diese, von Albert Ballin von der HAPAG erstmals 1891 umgesetzte Konzeption, hatte sich entgegen vieler Bedenken als zukunftsträchtiger Renner erwiesen.

Nach und nach hatte Fiete begriffen, welcher Glücksfall seine erste Reise für ihn in vielfacher Hinsicht gewesen war. Vor allem, weil er auf einem Dampfer angeheuert hatte und nicht auf einem Frachtsegler. Wenn er daran dachte, wie im Hamburger Hafen auf die gebrüllten Kommandos eines Offiziers die Jungmatrosen die Wanten erklimmen mussten auf die quer am Mast befestigten Rahen, wurde ihm immer noch übel. Und sein verstorbener Vater, der ein Seemann wie aus dem Bilderbuch gewesen war, hatte ihm oft genug von dieser Kletterei berichtet.

Seinen Vater hatte während einer Reise rund um Kap Horn bei aufbrisendem Sturm ein Kaventsmann über Bord gespült. So nannten die Seeleute die riesigen Wellen, die sich unverhofft auftürmen konnten. Man hatte ihn nicht finden können, das war hoffnungslos gewesen in der aufgewühlten See. Aber, so hatte man seiner Mutter erzählt, die Albatrosse seien aufgetaucht, die die vergessenen Seelen der Seeleute retten. Und sie hatte ihm als kleinem Jungen eine Gedankendichtung von Sara Vial beigebracht, die er wie ein Gebet aufgesagte, wenn er seinen Vater vermisste.

»Ich bin der Albatros,

der am Ende der Welt auf Dich wartet.

Ich bin die vergessene Seele der toten Seefahrer,

die zum Kap Horn segelten von allen Meeren der Erde.

Aber sie starben nicht in den tosenden Wellen.

Sie fliegen heute auf meinen Schwingen der Ewigkeit entgegen

mit dem letzten Aufbrausen der antarktischen Winde.«

Mochten andere Schiffsjungen danach streben möglichst schnell Hilfsmatrose und später mal Steuermann oder gar Kapitän zu werden – für Fiete war das überhaupt nichts!

Zwar hatte er als Schiffsjunge angeheuert. Aber das Deck schrubben und sich mit schweren Tauen plagen, das war Fietes Ding nicht. Womöglich noch auf Masten klettern, wo er doch nicht schwindelfrei war.

Jedenfalls nicht im Sinne von Höhenangst! Er hatte Glück gehabt, dass man ihm die Möglichkeit gab, den Stewards zur Hand zu gehen. Dass Marga Lheiß diesbezüglich ein gutes Wort für den Halbwaisen eingelegt hatte, ahnte er nicht.

Da die 241 anspruchsvollen Passagiere versorgt und bedient, sowie die Kabinen gereinigt werden mussten, gab es reichlich zu tun. Der Obersteward Hermann Steffens hatte ihn väterlich, aber streng unter seine Fittiche genommen. Und Fiete war vorsichtig genug, sich von ihm nicht beim Probieren von Getränkeresten erwischen zu lassen. Mit Getränken kannte er sich schon bald recht gut aus.

Gern war er zu einem kurzen Klönschnack bei Marga vorbeigekommen. Die Gelegenheit dazu hatte sich des Öfteren ergeben, wenn ihm der von Elßtorffsche Hund Perrita zum Gassi gehen an Bord anvertraut worden war. Gemeinsam mit den sympathischen Zwillingen Elsa und Emilie hatte er über eine englische Lady gelästert, die mit einem Mops, einem Papagei und ihrem Butler reiste.

Aber die Gespräche mit Marga hatten auch Tiefgang gehabt. »Bitte befleißige dich, dir gutes Hochdeutsch anzueignen und vermeide jeglichen ordinären Proletarierjargon! Bevor du das nicht beherrschst, kann man dich nicht auf die Menschheit, sprich im Service, auf die Passagiere loslassen. Außerdem musst du die Speisekarten auf Französisch und auf Englisch lesen und verstehen können. Es gibt also einiges zu büffeln! Durch die Schiffsreisen, mein Junge, kannst du etwas von der Welt sehen, nebenbei ein wenig Englisch und Spanisch lernen. Wenn du mehr Erfahrung hast und es beispielsweise zum Hilfssteward gebracht hast, könntest du beginnen, an Land in renommierten Häusern zu arbeiten und weiter zu lernen.«

Mit dieser Idee freundete er sich immer mehr an. »Außerdem kannst du dir von den Passagieren einiges abgucken.«

»Soll ich etwa ein Lackaffe werden?«

Marga hatte ihm mit dem Zeigefinger gedroht. »Natürlich nicht. Angemessene Umgangsformen kannst du aber durch Beobachtung lernen und die braucht man im Leben immer.«

Nach dem Ende der Reise im März schrieb er regelmäßig an Marga, die seine Briefe korrigiert zurückschickte und ihm das Neueste aus Hannover berichtete. So verbesserte sich seine Rechtschreibung allmählich, was bitternötig war.

Inzwischen lagen einige Fahrten ins gelobte Land Amerika hinter ihm. Auswandern war keine Alternative mehr für ihn. Er hatte Stadtteile in New York gesehen, die nicht einen Deut besser waren als das berüchtigte Hamburger Gängeviertel, in dem er aufgewachsen war. Dort bewohnten oft fünfköpfige Familien ein kleines Zimmer, bis zu zwanzig Haushalte teilten sich wenige Klos und Wasserzapfstellen. Armut, Krankheiten und Elend gehörten zum Alltag in den Vierteln zwischen Hafen und Innenstadt. Diese Viertel wurden von den Hamburgern ›Abruzzen‹ genannt, die Lebensverhältnisse dort waren unzumutbar, die Menschen lebten in drangvoller Enge buchstäblich im Dreck mit Ratten und Ungeziefer wie Kakerlaken und Wanzen. Auch in Sachen Trinkwasserversorgung war die Hansestadt seit Jahren rückständig. Diesen ungesunden Lebensbedingungen wollte Fiete unbedingt entkommen.

Er stand nachdenklich an der Reling, als sich der Obersteward Steffens näherte. Der klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Fiete, ich will dir die Vorfreude auf zu Hause nicht verderben, aber in Hamburg sieht es gar nicht gut aus.«

»Was ist passiert? Ein Feuer?«

»Nein, womöglich noch schlimmer, die Cholera ist ausgebrochen. Viele der etwa 5.000 Auswanderungswilligen nach Amerika sind russischer Abstammung, die haben die Krankheit eingeschleppt. Am Amerika-Kai werden Abwässer, Kot, Dreck und das Stroh der Krankenlager direkt in die Elbe entsorgt. Nur wenige Kilometer davon entfernt befindet sich die Wasserentnahmestelle der Stadt. Mit den Gezeiten gelangt diese Jauche in die Frischwasserbecken und damit in die Hamburger Wasserleitungen.«

»Seit wann?« Fiete spürte, wie ihm ganz flau im Magen wurde.

»Offiziell seit dem 22. August, da erst haben die Hamburger Ärzte den Senat informiert, dass sich die Seuche in der Stadt ausbreitet. Angefangen hat es bereits Mitte des Monats. Es ist ein besonders heißer Sommer, schon morgens hat die Elbe eine Temperatur von 22 Grad. Die Cholera wütet jetzt vor allem im Gängeviertel.«

Mit schnellen Schritten kam der 1. Offizier Walter herbei, ebenfalls ein Hamburger. Der nickte Fiete nur kurz zu. »Später mehr dazu, Steffens, zum Kapitän, es muss besprochen werden, was passiert, falls wir nicht anlegen können.«

Fiete brauchte keine weiteren Erklärungen. Schon in normalen Zeiten war in Hamburg das Wasser so unrein, dass sich in den Leitungen Muschelkolonien bildeten und die Bürger im Trinkwasser Würmer und sogar kleine Aale fanden. Sein Magen verkrampfte sich. Würde er seine Mutter noch lebend antreffen? Er beschloss, in der Nähe der Kapitänskabine im Heck herumzulungern und zu versuchen, den Schiffsarzt abzupassen, wenn die Besprechung vorbei war. Ungeduldig lief er auf und ab, während er voller Angst an seine Mutter dachte. Was war das überhaupt genau, die Cholera?

Endlich war das Treffen beendet, einige Offiziere, der Obersteward, der Zahlmeister und der Schiffsarzt kamen mit besorgten Minen aus der Kapitänskabine. Hermann Steffens sagte nur im eiligen Vorbeigehen: »Später, Fiete! Warte vor dem Krankenzimmer!«

Als der Arzt endlich kam, fragte Fiete: »Was passiert, wenn man die Cholera hat?«

»Der Krankheitsverlauf beginnt zumeist schnell und verläuft in der Hälfte der Fälle tödlich. Durch einen wässrigen Durchfall, und manchmal auch Erbrechen, verlieren die Kranken rasch so viel Flüssigkeit, dass sie innerhalb weniger Tage sterben, meist an Nierenversagen oder Kreislaufkollaps.«

»Die Hälfte der Fälle…«, wiederholte Fiete leise.

»Ja, so ist es leider. Ich hörte, dass der Senat und Hamburgs Zeitungen weiter die Bevölkerung beschwichtigen, der Senat aber endlich erste Maßnahmen beschlossen hat. Kutschen werden eilig zu Sanitätswagen umgebaut, ein Meldesystem für Infizierte wird eingerichtet und alle Erkrankten sollen in Krankenhäusern untergebracht werden. Wir können nur hoffen und beten, dass deine Mutter sich nicht ansteckt, beziehungsweise die Cholera übersteht.«

Nach dem Anlegen im Hamburger Hafen einige Tage später hatte Fiete schnell auf unbestimmte Zeit abgemustert und eilte durchs Gängeviertel. Plakate an Litfaßsäulen informierten über die Situation und Maßnahmen zur Desinfektion. Fiete las: Rotwein und Quellwasser schützen vor der Krankheit. Verärgert knurrte er vor sich hin – das war für viele Hamburger unbezahlbarer Luxus.

Die Nachbarin fand er völlig abgemagert vor. Die sah den Jungen nur an und schüttelte traurig den Kopf. Da wurde Gewissheit, was er schon geahnt hatte: seine Mutter gehörte zu den Opfern der Seuche.

»Es tut mir so leid, Fiete. Deine Mutter war in einer der Krankenbaracken, die vor den Eingängen der Krankenhäuser errichtet wurden, um den Infizierten zu helfen und sie gleichzeitig zu isolieren. Da lagen sie dicht an dicht, aber viele haben es nicht geschafft, auch deine Mutter nicht. Die Situation verschlimmerte sich täglich. Die Leichentransporteure ertragen ihren Dienst nur noch im Suff. Die Toten werden auf Möbelwagen geworfen, nachts nach Ohlsdorf gefahren und in eilig ausgehobenen Massengräbern verbuddelt. Ich weiß nicht mal genau, wo deine Mutter begraben liegt, ich war ja selber so krank.«

Auch das noch! Fiete lief es kalt den Rücken herunter. Der Vater bei den Fischen, die Mutter in einem namenlosen Grab verscharrt. Kein Ort, wo er würdig Abschied nehmen konnte. Die Tränen flossen ihm die Wangen hinunter und er schluchzte vor sich hin. Es war alles unfassbar. Er wollte nur noch weg! Als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, sagte die Nachbarin: »Die vornehmen Bürger, von denen sind ganz viele plötzlich in die Sommerfrische gefahren. Die Bahnhöfe sind voll, wer gut genug betucht ist, verlässt die Stadt. Rette sich, wer es sich erlauben kann. Die armen Leute können derweil hier verrecken.«

Fiete schaute sie bedröppelt an. »Es ist so ungerecht«, murmelte er.

»Für unsereins gibt es keine Gerechtigkeit, mein Junge. Was willst du nun machen? Jetzt biste ganz allein auf der Welt.«

Marga, schoss es ihm durch den Kopf, ich muss zu Marga, die wird Rat wissen. »Pass auf die Wohnung auf, ich fahre nach Hannover und bin bald zurück«, entgegnete er. »Und wenn Vorräte da sind, dann nimm dir alles, damit du wieder zu Kräften kommst.«

»Danke, bist ein guter Junge, ich sorge dafür, dass hier nix wegkommt.«

Fiete verbrachte eine nahezu schlaflose Nacht und weinte vor sich hin. Was sollte nun aus ihm werden? Die kleine Wohnung kam ihm trostlos vor, er fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein.

 

Kapitel 3

1892 Anfang September

In der Königstraße in Hannover

Marga Lheiß verfolgte wie jeden Morgen im Hannoverschen Courier äußerst besorgt die Nachrichten über die Cholera in Hamburg. Sie wusste nicht genau, wann Fiete in seiner Heimatstadt von Bord gehen würde. Was sollte der Junge machen, wenn seine Mutter zu den Opfern der Seuche gehörte? Kurz entschlossen schnappte sie sich die Zeitung und ließ sich bei Sophie von Elßtorff melden.

»Also wirklich, Marga, du musst dich bei mir nicht anmelden lassen!« Sophie von Elßtorff stutzte, als sie ihre ehemalige Haushälterin und jetzige Gesellschafterin näher betrachtete – nach zwanzig Jahren kannten sie einander gut. »Was ist, du wirkst ja völlig aufgelöst!«

»Ich bin besorgt wegen der Choleraepidemie in Hamburg.«

»Du machst dir Sorgen um Fiete?«

»Auch, wobei ich glaube, er ist noch auf der Augusta Victoria. Aber was ist mit seiner Mutter, die wohnt doch im Gängeviertel, wo die Seuche am schlimmsten grassiert und täglich mehr Todesopfer fordert. Hören Sie nur, was die Zeitung schreibt:

Robert Koch kam Ende August 1892 im Auftrag des preußischen Gesundheitsministers in die Hansestadt. Der Hamburger Senat empfand dies als unangemessene Einmischung aus Berlin. Kochs Urteil über die Wohnsituationen vieler Menschen ist niederschmetternd, er sagte: »Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, an der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße. Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.«

Sophie war entsetzt. »Auch bei uns gibt es ja in Linden und in der Altstadt miserable Wohnbedingungen. Aber ich habe nicht geahnt, dass der Senat der stolzen Hansestadt Hamburg derartig rückständig und menschenverachtend ist.«

»Hier steht noch«, fuhr Marga fort: »Über den Bau einer Sandfiltrationsanlage hatten Senat und Bürgerschaft sich nicht einigen können. Der Tod kommt buchstäblich aus den Wasserleitungen. Koch setzte Seuchenbekämpfungsmaßnahmen durch, die von einem Bakterium als Ursache ausgingen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Trinkwasser abzukochen; Wohnungen von Erkrankten wurden von speziellen Desinfektionskolonnen gereinigt. Als einzig handlungsfähige Organisation in der Krise erwiesen sich die Sozialdemokraten, die Flugblätter mit Verhaltensratschlägen an alle Haushalte verteilten.«

Bei der Erwähnung der Sozialdemokraten hoben sich Sophies Augenbrauen. »Das ist ein Armutszeugnis für Hamburg. Aber zurück zu Fiete. Sollte er tatsächlich seine Mutter verloren haben, erwägst du dann, dich um ihn kümmern?«

Erleichtert, da sie auf diese Reaktion gehofft hatte, blickte Marga sie an. »Ja, das möchte ich unbedingt. Der Junge ist mir ans Herz gewachsen. Natürlich«, sie räusperte sich, »werde ich auch mit Wilhelm Jacob darüber sprechen.«

Sophie musste unwillkürlich lächeln. »Du bist es noch nicht gewohnt, dass du deine Entscheidungen nicht mehr alleine fällst. Aber ich bin sicher, dein Zukünftiger wird nichts dagegen haben.«

In diesem Moment klopfte das Dienstmädchen. »Ein Telegramm für Frau Lheiß aus Hamburg.«

Sophie und Marga sahen sich an. »Das wird nichts Gutes bedeuten.«

Marga las vor: »Mutter ist tot. Kann ich kommen? Fiete.«

»Der arme Kerl. Wo können wir ihn unterbringen? Hast du eine Idee?«

Marga nickte. »Vielleicht könnte man zunächst für Fiete die große leere Kammer im Kutscherhaus zurechtmachen. Da würde er durch die Toreinfahrt hingelangen und niemanden weiter stören. Außerdem wäre er nah zu meiner Behausung und in ein paar Schritten bei mir, wenn er Gesellschaft braucht. Das erscheint mit erstmal eine probate Lösung.«

Wie schon öfter war Marga froh, dass eine kleine Wohnung für sie auf der Rückseite des Gebäudes ihre Bedingung gewesen war, um als Haushälterin der Familie von Elßtorff anzutreten. Ohne zu zögern, stimmte ihr Sophie zu: »Ich werde sofort mit Maximilian sprechen, aber er wird gewiss nichts dagegen haben. Er mochte den Lausbuben ja auch.«

Wie Sophie gehofft hatte, war ihr Gatte damit einverstanden, den verwaisten Fiete zunächst aufzunehmen.

»Lass ihm bitte telegraphieren, dass er morgen kommen kann«, bat sie Maximilian. »Und Marga und ich müssen umgehend die Kammer ansehen und alles Nötige veranlassen. Der junge Mann soll sich schließlich wohlfühlen können.«

Franz, ehemals sein Bursche und seit vielen Jahren sowohl sein Kammerdiener als auch Kutscher, wurde von Maximilian von Elßtorff über die bevorstehende Einquartierung informiert und gleich ins Kutscherhaus geschickt mit der Anweisung, sich dort nützlich zu machen.

»Hier muss entrümpelt und danach gründlich saubergemacht werden«, empfing ihn die Dame des Hauses mit leicht vorwurfsvollem Unterton. »Es war am einfachsten, hier einiges unterzustellen, was gerade nicht mehr gebraucht wurde, gnädige Frau. Aber keine Sorge, das kriegen wir alles hin. Wie schnell wird der arme Kerl denn hier sein?«

»Wahrscheinlich morgen!«

»Oh, dann brauche ich eines von den Dienstmädchen, um hier klar Schiff zu machen.«

Prüfend befühlte Sophie die Matratze auf dem eisernen Bettgestell. »Die gehört auf den Müll. Haben wir noch eine passende in Reserve?« Marga nickte: »Ich glaube, auf dem Dachboden ist eine. Soll ich mich umsehen, ob dort außerdem was Brauchbares an kleinen Möbeln ist?«

»Unbedingt. Lass herunterschaffen, was dir verwendbar erscheint. Wir entscheiden dann gemeinsam, wie wir es hier einigermaßen gemütlich und zweckmäßig herrichten können.«

Ganz offenbar war Sophie von Elßtorff in ihrem Element. Bekannt für ihren sicheren Geschmack in Stil- sowie Einrichtungsfragen, kam ihr diese kleine Herausforderung gerade Recht – es war langweilig ohne die Zwillinge! Zum Glück hatte ihre Freundin, die Schauspielerin Roberta Stein-Amber, kürzlich in der Nähe am Schiffgraben eine Villa erworben. Dort konnte sie bei der Einrichtung beratend zur Seite stehen und gewiss würde Elsa noch für die eine oder andere Stelle etwas an Mobiliar entwerfen. Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut.

Mittlerweile war sie allein in der Kammer. Immerhin gab es nebenan einen Abort und eine Waschgelegenheit. Fiete kannte bisher wahrscheinlich nicht viel Wohnkomfort und sie würde den Raum gemeinsam mit Marga gemütlich und zweckmäßig ausstaffieren. Schon hatte sie eine Idee!

Sophie begab sich ins Souterrain, in dem sich neben der Küche auch die kleine Wohnung der Köchin und mehrere Wirtschaftsräume befanden. Zielstrebig ging Sophie ins Bügelzimmer. In einem der großen Eichen-Schränke bewahrte sie Gardinen und Stoffe auf. Sie öffnete die Tür und tatsächlich, dort lagen noch die blaugestreiften Vorhänge und der Bettüberwurf aus dem Jugendzimmer von Heinrich. Das passte wunderbar.

Am Abend waren Sophie und Marga erschöpft, aber glücklich. Maximilian von Elßtorff kam aus seinen im Parterre liegenden Bureau-Räumen ins Kutscherhaus. »Donnerwetter, ihr habt hier wahre Wunder bewirkt. Sogar ein Schreibtisch, ein kleines Regal und einen Sessel habt ihr noch untergebracht. Hier kann sich ein junger Mann wohlfühlen.«

Marga und Sophie lächelten stolz.

Galant reichte er seiner Frau den Arm: »Dann lass uns hochgehen in die Belle Etage, ich freue mich auf das Diner. Was gibt es denn Gutes?«

»Ich habe Bertha einfach freie Hand gegeben«, gestand Sophie. Maximilian reagierte gelassen. »Dann wird es für uns beide eine Überraschung«, meinte er.

 

Kapitel 4

1892 September

Fiete in der Königstraße

Mit seinem Seesack über der linken Schulter stand Fiete nachmittags vor der Toreinfahrt des von Elßtorffschen Mehrfamilienhauses in der Königstraße. Bis hierher hatte er sich vom recht nahen Bahnhof aus erfolgreich durchgefragt.

Das Bureau des Architekten befand sich im Parterre, die Familie bewohnte die Belle Etage im 1. Stock, darüber lagen noch zwei Stockwerke. Er erinnerte sich dunkel, dass Marga von ihrer Wohnung gesprochen hatte, deren Eingang hinter der Durchfahrt lag. Entschlossen ging er los, sah das Kutscherhaus, einen Garten und zur rechten eine Eingangstür mit einem schlichten Emaille-Schild: Lheiß. Bevor er klingeln konnte, ertönte ein schrilles Kläffen. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet und wie ein geölter Blitz sauste ein kleiner weißer Hund heraus, schnüffelte, jaulte vor Freude, sprang um ihn herum und schmiss sich auf den Rücken, um gekrault zu werden.

»Ich schließe mich dieser freudigen Begrüßung an, lieber Fiete, unglaublich, sie hat dich sofort wiedererkannt. Du warst ja während der Lustreise zur See im Frühjahr ihr wichtigster Begleiter an Bord, solange wir unsere Landausflüge unternommen haben«, sagte Marga und nahm ihn fest in den Arm. »Meine herzliche Anteilnahme, Fiete, es tut mir wirklich sehr leid. Habe ja deine Mutter kurz kennengelernt, derweil du angemustert hast. Aber jetzt komm einmal rein.«

Erleichtert stellte er den schweren Seesack im Vorplatz ab. »Perrita ist als Familienhund auch zeitweise bei mir, solange die Zwillinge noch bei ihrer Mutter auf La Palma sind«, erklärte Marga und zeigte dann auf eine schmale Tür. »Dort kannst du dich frisch machen, zugleich die neueste Errungenschaft, ein Wasserklosett und ein Handwaschbecken bewundern. Bitte wasch dir gründlich die Hände.«

Das tat Fiete und fand es bemerkenswert komfortabel. Wie er wieder in den Flur kam, roch es nach Kaffee. »Immer der Nase nach«, sagte Marga, »klein, aber mein.« Sie öffnete die Tür zu einer großzügigen Wohnküche, wo bereits der Tisch gedeckt war, auf dem ein frisch gebackener Gugelhupf prangte. »Hast du überhaupt Hunger? Du kaust ja die ganze Zeit. Was hast du denn im Mund?«

Fiete wurde rot und schob offenbar etwas in die linke Wange. »Das ist was aus Amerika, Kaugummi, es gibt verschiedene Sorten, meine liebste ist Wrigley's Spearmint. Die schmeckt so lecker nach Pfefferminz. Ich habe dir welche zum Probieren mitgebracht.«

Magda war wenig begeistert, ließ sich aber nichts anmerken. »Ich vermute, von Kaugummi wird man nicht satt. Dann lass uns mal gemütlich Kaffee trinken.«

Fiete war hungrig, deponierte das Kaugummi in einem nicht sonderlich sauberen Taschentuch und ließ sich nicht weiter bitten.

»Nun erzähl, wie war es in Hamburg?« Perrita kratzte so lange an seinem Schienenbein, dass Fiete sie schließlich hochnahm. Sie leckte ihm einmal durchs Gesicht und kringelte sich dann brav auf seinem Schoß zusammen. Dieser Hund weiß immer, wann ein Mensch Trost braucht, dachte Marga.

Kurz und knapp berichtete Fiete. Er fühlte sich müde und ausgelaugt – in der vergangenen Nacht hatte er kaum geschlafen und sein Kopfkissen voll geweint. Dann hatte er der Nachbarin den Schlüssel anvertraut und sich zum Bahnhof begeben.

»Die Wohnung war immer schrecklich, aber jetzt, ohne Mutter, hielt ich es dort gar nicht aus«, sagte er entschuldigend. »Und in Hamburg fliehen viele aus der Stadt, die es sich leisten können – was auf mich nicht zutrifft.«

»Wir haben uns schon gedacht, dass du aus Hamburg wegwillst, Junge. Mit der Eisenbahn hast du es nicht so weit, wenn du wieder anmustern willst. Und Frau von Elßtorff und ich haben eine Bleibe für dich vorbereitet. Wollen wir uns die ansehen?«

Mit großen Augen sah Fiete sie an. »Für mich, eine Bleibe?«

»Ja, du könntest dort immer wohnen, wenn du nicht zur See fährst.«

Fiete konnte es kaum fassen. Von der schwanzwedelnd um ihn herumspringenden Perrita begleitet, gingen sie zum Kutscherhaus. Staunend stand er in der Kammer, die mit den blaugestreiften Vorhängen und dem Bettüberwurf richtig gemütlich wirkte. Magda hatte morgens bei einem Trödler noch einige Stiche mit Seeszenen aufgetrieben, die Franz flugs aufgehängt hatte.

»Wir haben nur das Nötigste hingestellt«, erklärte Marga, »weil wir ja nicht wussten, ob du dich hier einquartieren möchtest.«

Nun nahm Fiete Marga in den Arm. »Liebend gern würde ich hier wohnen, so schön hatte ich es noch nie!«

In diesem Moment klopfte es, und Franz trat durch die angelehnte Tür ein. »Na, denn herzlich willkommen bei uns in Hannover«, sagte er und drückte Fiete kräftig die Hand. »Mein Beileid! Ich bin Franz, wohne auch hier im Kutscherhaus, du kannst dich immer an mich wenden.« Fiete war so gerührt, dass er fast wieder in Tränen ausgebrochen wäre. Marga bemerkte das sofort und empfahl: »Hol deinen Seesack, pack mal in Ruhe aus und dann komm rüber zu mir, es gibt ein anständiges Abendbrot. Und bring eine Jacke mit, es wird abends schon kühl und ich habe noch nicht eingeheizt.«

Perrita nahm indessen einen ordentlichen Anlauf und sprang aufs Fußende des Bettes. Marga lachte: »So haben wir nicht gewettet, Hundedame. Deine weißen Stichelhaare auf dunkelblau will niemand haben.« Sie holte ein kleines Wollplaid aus dem Schrank, hob den Hund hoch und platzierte ihn auf der Decke. »Komm rüber, wenn du soweit bist, Fiete.«

Marga hatte einen ›strammen Max‹ vorbereitet, zwei Scheiben Gersterbrot mit reichlich Würfelschinken belegt, darauf Spiegeleier, dazu selbst eingelegte saure Gurken und ein Bier.

---ENDE DER LESEPROBE---