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Wolf Bergmann ist ein ganz gewoehnlicher Mensch. Und doch unterscheidet er sich von seinen Mitmenschen. Er ist nicht Teil der Masse, ist weder ein Supermann noch ein Genie, auch kein absoluter Versager, aber dennoch ist er wie ein Fettauge auf der Suppe, klar abgegrenzt von seiner Umgebung und kann sich nicht mit ihr vermischen. Das Markanteste an ihm ist wohl, dass er ein leidenschaftlicher Motorradfahrer ist. Da er fast taeglich fahren muss und Motorradfahren auch als sein Hobby betreibt, kennen ihn die meisten seiner Kollegen und Bekannten auch in Motorradbekleidung und nicht nur in Zivil. Er ist ein großer kraeftiger Kerl, herb, eine maennliche Erscheinung, und Schwermut zeichnet sein Gesicht. Aber Wolf Bergmann hat auch noch eine andere Seite, er ist feinfuehlig und hasst Ungerechtigkeit, weil er sie schon seit seiner Kindheit über sich ergehen lassen musste, ohne dagegen etwas ausrichten zu koennen, auch wenn er sich wehrte. Das hat ihn zu einem Einzelkaempfer gemacht. Er steht abseits der Masse, wird immer wieder zum Mittelpunkt von Angriffen und Anfeindungen in Schule, Armee und im Berufsleben. Unglueck, egal welcher Art, scheint er anzuziehen wie ein Magnet die Eisenfeilspaene. Dieser Wolf Bergmann hat die besten Jahre seines Lebens bereits hinter sich. Er steht im Berufsleben und ist Motorradfahrer seit ueber dreissig Jahren. Er weiss, dass Motorradfahren immer gefaehrlich ist, egal ob als blutiger Anfaenger oder als erfahrener Mann. Aber er liebt das Gefuehl der Freiheit und Unabhaengigkeit. Schon als Kind lernt er unter Obhut seines Onkels das Fahren; dieser Virus infiziert ihn und laesst ihn zeitlebens nicht mehr los. Jetzt ist er Anfang Fuenfzig, hat vier gescheiterte Ehen hinter sich und denkt schon an das Ende der Unterhaltsknechtschaft, als das Schicksal erneut zuschlaegt und er eines Nachts auf der Intensivstation einer Klinik aufwacht. An dieser Stelle beginnt die Erzaehlung. Sie ist als eine Mischung aus der Gegenwart des Klinikaufenthaltes und von Erinnerungen an sein bisheriges Leben aufgebaut. Der Autor gibt teils humorvolle und teils abenteuerliche Begebenheiten des Protagonisten zum Besten und geht auch mit sich und der Gesellschaft zu allen Zeiten zuweilen hart ins Gericht. Sie soll auch weder ein Reisetagebuch noch eine Autobiographie sein, wenngleich verschiedene Elemente darin enthalten sind, um das Ganze in sich abzurunden.
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2020
Personen und Handlung sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.
Ausnahmen davon hat der Autor lediglich für historisch belegte Ereignisse, Persönlichkeiten oder geographische Gegebenheiten als Rahmen für seine fiktive Handlung übernommen.
Meinem Clubkameraden Lutz Schneider gewidmet
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Wolf Bergmann, ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, wacht eines Nachts nach einem unverschuldeten schweren Unfall auf der Intensivstation einer Klinik auf.
Im Wissen, dass er monatelang hier verbringen wird, zieht er Bilanz über sein bisheriges Leben.
Während die Ärzte nach den neuesten Erkenntnissen der Medizin zusammen mit dem eisernen Willen Bergmanns, wieder fahren zu können, in einer Reihe von Operationen darum ringen, sein Bein vor einer Amputation zu bewahren, lässt der Autor seinen Unglücksraben zwischen der Gegenwart des Klinikaufenthaltes und der Vergangenheit in seinen Gedanken hin und her springen.
Die Wendepunkte seines Lebens sind wie verschüttetes Wasser, das man nicht mehr zurückholen kann. Er muss sich damit abfinden.
Wie ein roter Faden wird sein Leben immer wieder von Außen bestimmt;
durch Frauen, Motorräder, Feinde und das Phänomen, Unglücke immer wieder wie ein Magnet anzuziehen.
In einer Mischung aus humorvollen Begebenheiten seines Lebens als Heranwachsender und als gereifter Mann im Berufsleben, die ihn immer wieder neuen Prüfungen durch Schicksalsschläge unterziehen, und kleinen Abenteuern, die er als einsamer Motorradfahrer während seiner Reisen durch Europa erlebt, geht er zuweilen mit sich und der Gesellschaft zu allen Zeiten seines Lebens kritisch ins Gericht.
Als er nach Wochen des Krankenlagers noch immer keine Antwort nach dem „Warum?“ gefunden hat, weiß er, dass die Analyse seines Lebens noch nicht zu Ende ist.
Er erwachte nur langsam. Das Geräusch von tapsenden Schritten, die auf einem langen Gang widerhallten, weckte ihn. Es waren Steinfliesen oder etwas ähnliches, keinesfalls Teppichboden oder gepolstertes Linoleum. Und noch etwas, nämlich der Geruch von Kresol und Desinfektionsmitteln. Diesen Geruch kannte er. Es roch nach Krankenhaus! Plötzlich waren seine Sinne hellwach. Schlagartig kam ihm die Erinnerung.
Gestern Abend war er wie die vergangenen Tage auch seit dem Beginn des Hochwassereinsatzes zur Nachtschicht aufgebrochen. Kurz nach halb neun saß er auf seiner geliebten BMW Wilma und verließ das heimatliche Grundstück in Arendorf.
Dorthin hatte es ihn vor fünfundzwanzig Jahren verschlagen, weil er glaubte, hier eine gute Arbeit gefunden zu haben.
Es war noch Hochwinter, der Dezember des letzten Jahres war hart und brachte jeden Tag neuen Schnee und Kälte, aber Mitte Januar setzte Tauwetter ein und ließ den großen Fluss anschwellen. Seit Tagen herrschte Hochwasseralarmstufe IV, die höchste. Deshalb war er im Schichtdienst; die Deichwachen waren seit sechs Tagen rund um die Uhr im Einsatz, um die Deiche zu kontrollieren.
Er war lange genug dabei, es war nicht sein erster Einsatz als Leiter der Deichwache. Vor neun Jahren im August hatte er das sogenannte Jahrhunderthochwasser mitgemacht und das Gefühl erlebt, das einem durch Mark und Bein fuhr, als im Nachbarort zu Mitternacht die Sirene heulte, weil ein Deich gebrochen war und sich die schlammigen Fluten in die östlichen Gemeinden ergossen.
Der Landrat des Kreises Mattburg löste gleich zu Beginn des Hochwassers Katastrophenalarm aus. Es war die einzig richtige Entscheidung, auch wenn es am Ende nicht ganz so dick kam, nicht zuletzt deshalb, weil im Oberlauf des Flusses mehrere Deiche gebrochen waren und die sich in den dort überschwemmten Gebieten verlaufenden Wassermassen zu einer kurzzeitigen Absenkung des Pegelstandes unterhalb führten. Er kam häufig erst am späten Vormittag von der Nachtschicht, weil es noch Besprechungen im Katastrophenstab gab oder Sichtungen von Sickerstellen bei Tage besser zu beurteilen waren als im Licht der Taschenlampe. Richtig schlafen konnte er tagsüber auch nicht, also litt er wie so viele der freiwilligen Helfer und hauptamtlichen Einsatzkräfte an permanentem Schlafmangel und war froh, als der Hochwasserscheitel das Kreisgebiet passiert hatte und der Katastrophenalarm und ein paar Tage später auch die Alarmstufe III aufgehoben wurden.
Schon vier Monate später gab es ein Winterhochwasser mit Eisgang, dessen Pegelstand den Richtwert der Alarmstufe IV nur um einen Zentimeter verfehlte und dessen höchsten Stand er mit einem Pegel zwischen 580 und 590 cm vorausgesagt hatte.
Von einem der Vorgesetzten wurde er deshalb gerügt, wie er zu solchen Behauptungen käme, denn in der Zeitung stand, es werden etwa 565 cm erwartet. Doch seine Erfahrungen lehrten ihn, der Zuwachs an einem Richtpegel im Oberlauf käme etwa zu einem Drittel auf den gegenwärtigen Wert von Mattburg drauf. Darauf begründete sich seine Einschätzung. Er sollte Recht behalten; am Ende erreichte der Hochwasserscheitel einen Pegelstand von 5,85 m.
Ein paar Jahre später setzte nach einem schneereichen Winter vor Ostern Tauwetter in den Mittelgebirgen ein, wieder wurde die Alarmstufe IV ausgerufen.
Ein Hochwasser war für ihn schlicht etwas Abwechslung im eintönigen Behördenalltag und er hatte das Gefühl, etwas für die Menschen zu tun, die sich um ihr Hab und Gut sorgten; nicht zuletzt darin sah er den Sinn seines Amtseides.
Den Schnee hatte er in den vergangenen Wochen ohne nennenswerte Probleme überstanden. Einmal war er beim Hoppeln über der aus schlaglochartigen Mulden bestehenden festgefahrenen Schneedecke mit dem Vorderrad weggerutscht. Mit so einer Lappalie musste er jederzeit rechnen und war darauf gefasst. Doch bei dieser Geschwindigkeit passierte da nichts, die BMW kam auf dem Sturzbügel zu liegen. Er stieg ab, richtete die Maschine wieder auf, saß auf und hoppelte weiter. Seine einzige Sorge war, ob das Benzin bis nach Hause reichen würde, denn er fuhr schon auf Reserve und hatte nicht mehr tanken wollen, um Zeit zu sparen. Doch durch die Schleicherei im ersten Gang, mehr war nicht drin, wurde der Verbrauch in die Höhe getrieben und es wurde knapp. Zudem war die Straße mit Autos verstopft, die die Autobahn verlassen hatten. Wann immer es keinen Gegenverkehr gab, musste er sich auch noch an den stehenden Wagen vorbeimogeln. In wenigen Wochen würden die Tage länger werden und der Frühling an die Tür klopfen. Dann waren die Mühsale des Winters Vergangenheit.
*
Der Januarabend war klar. Es herrschten zwar ein paar Grad Frost, aber die Straßen waren frei und er musste sich keine Sorgen machen. Zu der späten Stunde war der Verkehr auf der Hauptstraße abgeebbt. Seit die Autobahn fertig war, benutzten nicht mehr viele Fahrer die Landstraße zur Kreisstadt. Nur zwei Autos überholten ihn mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit.
Ihre Rücklichter leuchteten noch kilometerweit, doch an diesem Abend würde er sie nicht mehr mit den Augen verfolgen können, bis sie unsichtbar wurden.
Ein einsames Auto kam ihm entgegen. Wie gewohnt, benutzte er die Mitte seiner Straßenseite, um im Ernstfall einem Hasen oder einem Fuchs ausweichen zu können. Schwarzwild war eher selten in dieser trostlosen Gegend ohne Berge und Wälder.
Er bedauerte, dass er hier hängen geblieben war, aber nun hatte er seit zwanzig Jahren sein eigenes Haus in Arendorf, und das wollte er behalten, solange es die Umstände erlaubten. Dafür nahm er das endlose Flachland mit seinen Hunderthektarschlägen, auf denen Wintergetreide, Zuckerrüben und Kartoffeln Rekorderträge lieferten, in Kauf. Hier konnten Stürme mit Windstärke zehn aus West blasen, so dass er wie ein Regattasegler schräg im Wind lag, wenn er mit dem Motorrad von der Arbeit kam. Es war eben im Augenblick so und nicht anders.
Wenigstens gab es in den ersten Jahren, als der Windschutzstreifen westlich seines Grundstückes gerade erst gepflanzt und noch niedrig war, bei günstigem Wetter eine Fernsicht bis zum höchsten Berg des sechzig Kilometer entfernten Mittelgebirges und einen phantastischen Sonnenuntergang.
Er befand sich jetzt auf gleicher Höhe mit dem entgegenkommenden PKW und konnte schon das grüne Licht der noch vier Kilometer entfernten Ampel der Kreuzung sehen, als er plötzlich einen Lichtblitz gewahrte, den er im Bruchteil einer Sekunde als die Scheinwerfer eines Autos erkannte, die sich hinter dem Kleinwagen lösten und auf die Gegenfahrbahn steuerten.
Noch bevor er sich darüber wundern konnte, warum dieser so einfach mir nichts dir nichts bei Gegenverkehr zum Überholen ansetzte, krachte es auch schon. Zum Ausweichen oder irgendeiner anderen nutzlosen Reaktion hatte er keine Chance. Der andere ließ ihm keine. Er spürte den Schlag am linken Schienbein, dann schleuderte seine Maschine mit ihm durch die Luft und überschlug sich. Er hörte das Kreischen vom auf dem Asphalt kratzenden Metall hinter sich, während er auf dem Rücken liegend an die fünfzig Meter oder mehr auf der Straße entlang rutschte. Dabei war er nur von der Hoffnung beseelt, dass die Maschine mit ihren mehr als vier Zentnern Gewicht vor ihm zum Stillstand kommen möge, um ihm nicht noch mehr Knochen zu zerschlagen. Denn dass das linke Schienbein gebrochen war, fühlte er schon, als er zu rutschen begann. Er bewegte das Knie nach rechts – der Fuß blieb, wo er war.
Endlich kam er auf der Bankette zum Liegen. Stillstand. Nacht.
Stille. Dunkelheit. Kein Fahrzeug war mehr zu sehen. Nur Wilmas Scheinwerfer warf einen Lichtstrahl zum Acker. Hatte der Typ den Aufprall gar nicht bemerkt? Oder Fahrerflucht begangen? Er wollte fluchen, aber die Schmerzen im Fuß kamen jetzt mit einer Heftigkeit, dass der vorangegangene Adrenalinstoß keine Wirkung mehr zeigte. Auch die Rippen schienen geprellt zu sein, doch das war im Augenblick sekundär. Er durfte jetzt nicht schlappmachen, er musste einen klaren Kopf bewahren und selbst für Hilfe sorgen.
Mit zitternden Händen, die ihm aber doch gehorchten, zog er die Handschuhe aus und löste den Verschluss vom Helm, um ihn abzunehmen. Dann zog er das Handy aus der Jackentasche und wählte den Notruf 110. Besetzt. Er wartete einen Moment und wiederholte, immer noch besetzt. Im Licht des Displays erkannte er einen drei Zentimeter langen Riss auf dem linken Handrücken, der aber nur schwach blutete. Er wählte die Nummer von zu Hause, das Freizeichen ertönte, aber niemand nahm ab. Seine Frau hatte die Angewohnheit, auf ihr unbekannte Nummern nicht zu reagieren, und dies war das Diensthandy. Sie war eigentlich nicht seine Frau, denn sie lagen beide bereits seit zwei Jahren in Scheidung, aber sie lebten zusammen und waren glücklich. Er besann sich auf die Kollegen von der Spätschicht und rief dort an. Sein Chef war selbst am Apparat und erschrocken, als er im Telegrammstil von dem Unglück unterrichtet wurde, doch er würde seine Frau verständigen.
Als er erneut den Notruf wählen wollte, hörte er Stimmen und sah gegen das Licht der Sterne Menschen auf ihn zukommen.
Also hatten sie ihn doch nicht übersehen. Eine Frau sprach ihn an, der Notarzt sei unterwegs. Seine erste Reaktion war ein Ausbruch der Verzweiflung. „Dieses elende Dreckschwein, er hat mich über den Haufen gefahren und ist getürmt!“
Nun, ganz so war es nicht. Während die junge Frau neben ihm kniete und seinen Kopf in ihren Schoß bettete, bis ihm eine Decke untergeschoben wurde, kam der Verursacher auch dazu.
„Er sei der Fahrer des Unglückswagens, er könne nicht verstehen, wo der Motorradfahrer so plötzlich hergekommen sei.“
„Aber er solle sich keine Sorgen machen, er sei gut versichert und alles werde gut.“
Er hatte Durst, wohl eine typische Reaktion auf den Schock. Er wusste, dass er nichts mehr würde trinken dürfen, denn die Schmerzen im Fuß fühlten sich an, als sei dieser von einer Granate zerfetzt worden. Da war eine Operation nicht zu vermeiden, das war so sicher wie eine Batterie einen Plus- und einen Minuspol besitzt.
Die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes schien unendlich zu sein. Er hatte kein Zeitgefühl mehr und seine Uhr lag irgendwo auf der Straße, nachdem das Armband gerissen war. Endlich sah er das Blaulicht. „Wo schmerzt es?“ – „Mein Bein ist gebrochen und die Schmerzen im Fuß sind nicht auszuhalten.“
Der Arzt begann routinemäßig und tastete den Oberkörper und den Bauch ab. „Lassen Sie doch meine Brust in Ruhe, da habe ich keine großen Schmerzen, mein Bein ist hin!“ Er war wütend, obwohl er wusste, dass der Arzt alles checken musste.
„Sie bekommen gleich etwas gegen die Schmerzen, aber vorher muss ich feststellen, ob Sie vielleicht innere Verletzungen haben.“ Dann spürte er den unangenehmen Stich auf dem Handrücken in die Vene; die Flexüle wurde fixiert. Er fühlte den ersten Tropfen des Ketamins in die Vene rollen, dann schwanden ihm die Sinne und Nacht umgab ihn…
Trotz des starken Schmerzmittels arbeitete sein Unterbewusstsein noch. Er hatte das Gefühl, als schwebe er waagerecht, mit den Füßen voran, durch einen Tunnel von gleißendem Licht, welches am Ende explodierte und ein Gefühl der Gleichgültigkeit erfasste ihn. So sollte es angeblich sein, wenn man sich in dem Zustand des Übergangs vom Leben zum Tod befindet.
Alles war zu Ende.
Wolf Bergmann schlug die Augen auf. Gedämpftes Licht. Er fror. Der Mittelfinger seiner linken Hand war in einer Klammer gefangen; das Ende der Verkabelung steckte in einem Gerät mit Monitor. Grüne Linien, die nur ein Mediziner entschlüsseln kann. Im Handrücken steckte die Flexüle; der Schlauch endete an einem Tropf. Eine wasserklare Flüssigkeit rieselte in seinen Körper. Er hatte keine Ahnung, ob es sich um Elektrolyte, Kochsalz oder Glukoselösung handelte und es interessierte ihn auch nicht wirklich. Er blickte nach vorn und erkannte seinen linken Fuß. Er war noch dran. Bergmann fühlte eine gewisse Erleichterung; doch was er außerdem noch sah, war nicht geeignet, überschwänglichen Optimismus an den Tag zu legen.
Der Unterschenkel und der Fuß waren von einem Gestell aus Stäben, Muffen und Schrauben umgeben, einem so genannten externen Fixateur.
Alles war klar. Er lag auf einer Intensivstation und es hatte ihn schlimmer erwischt, als er am Abend vorher vermutet hatte. Ja, er hatte sich sogar schon ausgerechnet, sechs bis acht Wochen Gips, dann wäre es Ende März, drei Wochen laufen lernen, Ende April sitzt er wieder auf dem Motorrad. Die Wilma ist sicher zum Teufel, aber da sind ja noch die andere BMW, die „Jenny“ und die Honda „Judith“. Zur Clubmeisterschaft sollte er wieder fit sein.
Aus. Alles aus. Was er sah… aber das hatten wir ja schon.
An der gegenüberliegenden Wand hing eine Uhr, es war 03:10 Uhr am Morgen des 21. Januar.
*
Wenn ihm eines klar war, dann das – er würde jetzt eine Menge Zeit haben, um nachzudenken, wie sein bisheriges Leben verlaufen war und wie es vielleicht hätte unter günstigeren Umständen verlaufen können, wenn ihm das Glück nicht immer hinterherlaufen würde. Gestern noch ein Hüne, der einssiebenundachtzig maß und an die hundert Kilo auf die Waage brachte, ein Kerl von einem Mann, den so schnell nichts umwarf, außer bösartigen Viren, wenn ihn irgendein Zeitgenosse im Frühjahr annieste und ihn ein grippaler Infekt für zwei Wochen niederzwang. Und das, nachdem er doch den ganzen Winter Dank der beheizten Griffe selbst bei zwanzig Grad Kälte mit der Maschine unterwegs war, zwar über den verfluchten Winter, den Schnee und die Kälte schimpfte, aber dennoch nicht bereit war, wie „normale“ Menschen mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Immerhin stand sein Renault jahrelang vor der Garage und kostete ihn mehr Geld für Steuern und Haftpflicht als fürs Tanken, bis er ihn im vergangenen Sommer für den sprichwörtlichen Appel und ein Ei verkaufte, nur, damit er ihm nicht mehr im Wege stand. Und heute ein Wrack von einem Mann, der noch nicht einmal wusste, wie es um ihn stand und wie es weitergehen würde.
Er war körperlich und geistig zeitig erwachsen geworden und wirkte bereits mit sechzehn Jahren wie ein Mittzwanziger. Ein „Mann der Wildnis“, so hatte ihn eine seiner vielen weiblichen Bekanntschaften einmal charakterisiert, und sie hatte in gewissem Maße Recht. Mit einem Survivalmesser, Streichhölzern, einer Axt, Seilen und Nägeln ausgerüstet, ein guter Kletterer und Schwimmer, ein sicherer Schütze und einer, der auch keine Hemmungen hatte, aus dem Fluss zu trinken, wenn er durstig war, auch sein Leben und Eigentum mit dem Bowiemesser in der Hand verteidigte, wenn es nötig war und wie es eines Tages auch tatsächlich geschehen sollte, ein Problemlöser schlechthin, hätte er es auf unbestimmte Zeit in der Wildnis der nördlichen Wälder aushalten können, zumindest im Sommer; aber Ansiedlungen mit mehr als zweihundert Einwohnern waren ihm bereits ein Gräuel.
Von der Natur mit einer gehörigen Portion Männlichkeit und Selbstbewusstsein ausgestattet und athletisch gebaut, war er in seiner Jugend ein guter Sportler gewesen. Nirgends Spitze, aber überall gut. Selbst jetzt fuhr er noch gelegentlich Motocross, auch wenn er die darauffolgenden Tage wie eine Ente durch die Gegend humpelte, weil ihn der Muskelkater plagte. Und das Selbstbewusstsein brauchte er, denn er war kein Mann, den die Frauen schön nennen würden. Seine braunen Augen, die nie ganz geöffnet waren, strahlten Wärme aus, aber durch seine schmalen Lippen wirkte sein Gesichtsausdruck oft mürrisch und verschlossen. Die hohe Stirn zeugte von Intelligenz. Er war in seiner Jugend dunkelhaarig, doch wurde er zeitig grau, wozu wahrscheinlich nicht zuletzt seine letzte Ehe erheblich beigetragen hatte. Und sein Körper wies wohl mehr Narben auf als ein Karpfen Schuppen hat.
So manches Mal hatte er sich selbst einen „selten dämlichen Hund“ gescholten, weil er die Chance, mit fünfzehn Jahren die Sportschule zu besuchen und seinen Weg bei den Ruderern zu gehen, nicht genutzt hatte. So vieles wäre anders in seinem Leben verlaufen.
Wolf Bergmann versuchte, die Zeit, in der er wach lag, in Erinnerungen zu wühlen, gleich, wie sie ihm in welcher Reihenfolge in den Sinn kamen. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass er beim Nachdenken besser einschlafen konnte. Etwas, was ihm in seiner derzeitigen Situation besonders schwerfallen würde, denn er war ein unruhiger Seitenschläfer, der sich nachts –zigmal von links nach rechts und wieder zurück drehte, aber für die nächsten Wochen würde er auf dem Rücken liegen müssen – ein unangenehmer Gedanke.
*
Es gibt Menschen, die werden mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren. Was immer sie anfangen, bringen sie zu einem guten Ende, das Wort „Misserfolg“ kennen sie nicht. Wolf Bergmann gehörte nicht zu dieser Kategorie Erdenbürger. Er nannte es mit einer gehörigen Portion Selbstverspottung „Das Glück läuft mir hinterher. Aber es holt mich nur kurzzeitig ein, danach bin ich wieder schneller und es kriegt mich nicht!“ Er empfand sich als das, was man einen Looser nannte, einen Verlierer, der schon als Verlierer geboren war. Er konnte beginnen, was er wollte, am Ende kam es immer anders als gedacht. Er zahlte immer drauf und war am Ende der Dumme, mochte es auch zwischenzeitlich noch so günstig für ihn aussehen. Abgerechnet wurde zum Schluss. Er war kein Pessimist, wenngleich ihm dies oft unterstellt wurde. Aber zwischen einem Pessimisten und einem unverbesserlichen Optimisten gab es noch eine dritte Kategorie, den Realisten, der eine gegebene Lage nüchtern beurteilte. Und nach dem Unfall war es an der Zeit für eine Zwischenbilanz.
Seine Eltern waren einfache Leute; sein Vater arbeitete hart im Bergbau, untertage, während seine Mutter den Haushalt führte.
Vater wollte es so. Mutter liebte es, im Mittelpunkt zu stehen, obwohl sie selbst es nie zu etwas gebracht hatte. Es war nicht so, dass sie nie gearbeitet hätte. Sie hatte flinke Finger und strickte mit einer Schnelligkeit und Ausdauer ganze Nächte hindurch; Pullover, Jacken, Mützen und auch für Interessenten aus dem Dorfe. Damit besserte sie ihr Haushaltsgeld auf, riskierte aber regelmäßig eine Sehnenscheidenentzündung.
Das kleine Haus in Birkenburg mit den dicken Lehmwänden und Deckenbalken, die sich seit zweihundert Jahren durchbogen, hatten die Eltern von seinem Urgroßvater übernommen.
Sie zogen zu ihm, als die Urgroßmutter starb. Im Norden und Westen von Wald umgeben, vom Schloss den Blick frei auf die Goldene Aue und das Kyffhäusergebirge, lag das kleine Dorf am Rande eines fast dreihundert Meter hohen Höhenrückens, der die Sandhäuser und die Hartfelder Mulde voneinander trennte. Beidseits des Höhenrückens wurde seit Jahrhunderten Kupferschiefer abgebaut, wovon die zahlreichen Halden Zeugnis ablegten, und in der Hartfelder Mulde lag wie ein blaues Auge lang gestreckt und im Norden von einem Höhenzug umgeben der größte See der Gegend.
Bergmann jun. war das einzige Kind geblieben und der Stolz seiner Eltern. Schon seine Großmutter wünschte sich sehnlich, dass ihr Enkel einmal ein „hohes Tier“ werde. Trotz der Schmerzen musste Bergmann innerlich lächeln, wenn er an seine Oma dachte. Als er als Baby wieder einmal endlos schrie, hätte sie ihn am liebsten „an die Wand geklatscht“; dann wäre es sehr früh aus gewesen. Aber auch die Oma liebte den Enkel und so konnte er irgendwann die ersten Erinnerungen bewahren.
Sein Leben war für einen Mann Anfang fünfzig in Friedenszeiten recht turbulent verlaufen. Er war von jeher anders als die anderen Kinder; nicht bösartig oder verschlossen, aber eben anders. Er hasste es, mit dem Strom zu schwimmen, nur, weil es angeordnet wurde. Dies hing ihm sein ganzes Leben lang an und brachte stets negative Beurteilungen, ob in der Schule oder im Beruf. Er scherte sich den Teufel darum und lebte seinen Individualismus weiter. Ob dieser Charaktergrundzug die Ursache dafür war, dass er in der Gemeinschaft immer aneckte oder ob die Ausgrenzung seiner Mitmenschen ihn zum Einzelkämpfer machte, hat er nie herausgefunden. Fest stand für ihn aber bei der gedanklichen Analyse seines Lebens, dass er überdurchschnittlich oft Ärger mit Erziehern oder Vorgesetzten hatte, obwohl er sich nur seiner Haut wehrte und seine Ruhe haben wollte.
Da war zum Beispiel ein großer Chef. Ein Untertan, wie ihn Heinrich Mann in seinem gleichnamigen Roman beschrieb, nach oben buckelnd, nach unten tretend, vorauseilender Gehorsam gegen seinen Vorgesetzten. Nichts war für ihn unmöglich – wenn er es nicht selbst tun musste. Während der Zeit, die Bergmann mit ihm zu schaffen hatte, wurde er schikaniert, so oft es Gelegenheit dazu gab. Kein Wunder also, dass sich Bergmann um einen neuen Job bemühte.
Dieser Chef war absolut unfähig als Leiter, er verschanzte sich hinter seinen Betriebsvorschriften und pflegte Entscheidungen möglichst aus dem Wege zu gehen. Solange jedenfalls, bis andere für ihn entschieden hatten oder sich die Sache auf andere Weise erledigte. Und einmal getroffene Entscheidungen, ab und zu musste er es tun, pflegten von ihm nicht revidiert zu werden, mochten sie auch noch so falsch sein.
Bergmann charakterisierte ihn mit dem ihm eigenen Sarkasmus einmal so: „solche Offiziere wie er im II. Weltkrieg und der Polenfeldzug hätte nach einer Woche am Rhein geendet“.
Irgendjemand sagte einmal, wer der Herde hinterherläuft, frisst Scheiße statt Gras. Wenn er darüber nachdachte, fand er den Vergleich durchaus zutreffend.
Warum hatte er nach seiner Ansicht mehr Pech als andere Menschen? Mehr als die Hälfte seiner Kollegen kamen wie er mit dem Fahrzeug zur Arbeit, aber einzig ihn hatte es nun bereits das dritte Mal innerhalb von zwanzig Jahren durch die Schuld eines anderen erwischt, und dieses Mal gründlich. Und das, obwohl er ein routinierter und sicherer Fahrer war, defensiv und vorausschauend fuhr und ein Reisetempo von achtzig Stundenkilometern mit stoischer Ruhe beibehielt, egal ob auf der Landstraße, Autobahn oder Piste.
*
Mutter war zwar eine Kämpferin, wenn es um das Wohl ihrer Familie ging, hatte aber dennoch eine unmögliche Art an sich, mit Menschen umzugehen. Und sie wurde schnell jähzornig, wenn es nicht nach ihrem Kopfe ging.
Bergmann erinnerte sich an eine Begebenheit aus seiner Zeit im Kindergarten; er musste etwa drei Jahre alt gewesen sein. Die Kindergartengruppe war zur berühmten Rudelsburg, die auf einem neunzig Meter über dem Saaletal aufragenden Kalkfelsen erbaut war, gefahren, und je ein Elternteil begleitete die Kinder auf der Busfahrt. Da der Ausflug an einem schönen Sommertag stattfand, hatten alle ihre Badesachen mitgenommen, denn nach der Besichtigung der Burg wurde noch am nahe gelegenen Bad gehalten.
KleinWolf, der es nicht anders kannte, als mit seinem Schwimmring im tiefen Wasser zu plantschen, konnte die Konsequenzen nicht einschätzen, als er stracks vom Beckenrand in das nur für Schwimmer reservierte Becken sprang. Der Bademeister wurde sofort darauf aufmerksam und sein geübtes Auge fand die dazugehörige Mutti im Handumdrehen. Zur Rede gestellt, reagierte sie mit der ihr eigenen Überheblichkeit und versuchte es erst einmal mit Frechheit, indem sie dem Bademeister eine Einsichtnahme in ihre Personalien verweigerte.
Doch auch dieser war nicht auf den Kopf gefallen und hatte die Nummer ihrer Umkleidekabine registriert, deren Schlüssel sie an einem Gummiring am Handgelenk trug.
Die böse Überraschung kam, als man sich nach dem Baden wieder anziehen wollte und die Kindersachen bis auf die weißen Kniestrümpfe, einem Schlüpfer und einem Unterhemd weg waren. Mutter war geladen und rückte dem Bademeister auf den Pelz, denn nur er konnte die Sachen an sich genommen haben, um ein Druckmittel in die Hand zu bekommen. Der Bademeister verlangte den Personalausweis zu sehen, sonst behielte er die Kindersachen ein. Mutter blieb stur und das Ende vom Lied war, dass der kleine Wolf nur mit Unterwäsche bekleidet nach Hause fahren musste.
Ein andermal kam es zu einer Szene im Hof. Es war im ersten Schuljahr; Wolf hatte mit einem Eimerchen an der Schnur aus dem Feuerlöschteich Dutzende Stichlinge gefangen, die mangels Aquarium ein jämmerliches Dasein in der Badewanne im Hof fristeten. Es war bereits dunkel und die Mutter übte mit Wolf für die Rechenarbeit am kommenden Tage. Der Junge konnte sich aber nicht auf die Aufgaben konzentrieren und war mit seinen Gedanken mehr bei den Fischen als im Heft. Der Mutter riss schließlich der Faden ihrer Geduld, der ohnehin nicht besonders lang war. Wütend über ihren Sohn stürzte sie nach draußen, hob kurzerhand ein Ende der Zinkwanne mit einem Ruck an und beförderte Wasser und Fische bis auf den letzten Schwanz auf das Hofpflaster. Wolf weinte um seine Fische, Vater schnappte sich einen Eimer Wasser, goss diesen in die Wanne und versuchte im Schein der Hoflampe, zu retten, was zu retten war, indem er nach allem griff und einsammelte, was noch zappelte.
Und noch eine Erinnerung kam Wolf Bergmann; ein Ereignis, das stattfand, als er bereits im Übergang zur Pubertät stand.
Wieder ging es um Hausaufgaben zur Vorbereitung auf eine wichtige Klassenarbeit. Selbst konnte sie nicht mehr helfen und Wolf hatte Probleme mit der Lösung. Als die Mutter das Heft kontrollierte, wie weit er denn sei und kein nennenswerter Zuwachs auf der Seite stand, rastete sie wieder einmal gründlich aus. Ein Gewitter aus Schlägen, das kein Ende nehmen wollte, hagelte auf Bergmanns Kopf, Nacken und Schultern herab. Ihm blieb fast die Luft weg, aber in ihm erwachte der Trotz. Wenn sie keine Träne fließen sah, würde die Wut über ihre Ohnmacht noch größer. Er würde ihr diese Genugtuung nicht geben, diese Zeiten waren ein für allemal vorbei. Die Mutter schlug wie von Sinnen auf den Sohn ein, bis der Vater schließlich dazwischen ging. Wolf hatte während der ganzen Zeit keinen Laut von sich gegeben, zog den Kopf zwischen die Schultern und zuckte nur, aber Tränen sah die Mutter keine.
Es war das letzte Mal, dass sie ihn geschlagen haben sollte.
Fortan gab es nur noch verbale Attacken, aber so etwas, wie den Mund verboten zu bekommen oder die Androhung, ein paar „gefakt“ zu kriegen, musste auch der Vater sein Leben lang ertragen.
*
Als kleiner Junge war Wolf Bergmann bei den älteren Jahrgängen beliebt als ein Objekt, das man nach Belieben quälen durfte.
Aus einem übel riechenden, aus Abwasser entstandenen Schlammloch, musste er, um den angedrohten Schlägen zu entgehen, eine Kegelkugel, die aus unerklärlichen Gründen in dieses Loch geraten war, herausholen, nur, damit die großen Jungs diese unter Hohngelächter wieder in den Schlamm rollten und den kleinen Wolf zwangen, sie wieder herauszuholen. Sein Hemd war verdreckt, er schwitzte und die Tränen liefen ihm über die Wangen. Doch das Recht der Stärkeren, oder besser das Unrecht der Stärkeren, siegte über den kleinen Jungen. Er wusste nicht mehr, wie es ihm damals gelang, seinen Peinigern zu entfliehen. Vielleicht griff ein Passant ein, der gerade die Straße entlangging. Oder es wurde ihnen einfach nur langweilig.
Wolf nutzte einen Augenblick der Unaufmerksamkeit zur Flucht und rannte nach Hause. Das Herz schlug ihm bis zum Halse, und aus Angst, er könnte stürzen und würde seinen Vorsprung verlieren, wagte er nicht, sich umzudrehen. Er musste einen Anstieg überwinden und stand endlich vor dem Tor zum Hof der Eltern. Er drückte die Klinke, die Tür gab nicht nach.
Triumphierend kamen seine Feinde näher. In diesem Augenblick gelang es ihm, die Tür zu öffnen, die nur geklemmt hatte und er fühlte sich in Sicherheit. Dass er wegen des schmutzigen Hemdes, seiner Hose und des ganzen Schmutzes an seinem Körper als Erstes eine Tracht Prügel von der Mutter bekam, war das kleinere Übel. Er nahm es hin.
Solche Art der Behandlung war er gewöhnt, es war sogar der Dank dafür, weil er sich schon als kleiner Junge im Haushalt nützlich machen wollte. Der Vater brachte nämlich regelmäßig in seiner Aktentasche zwei „Fummelklötzchen“ mit, Kiefernholzreste, die übrigblieben, wenn die Verbauer den Streb abstützten. Daraus wurde Feuerholz zum Anzünden des Herdfeuers gehackt. Klein-Wolf lernte zeitig, mit dem Beil umzugehen und wollte den Eltern eine Freude machen. So nutzte er gelegentlich die Zeiten, wenn Vater zur Arbeit und Mutter zum Einkaufen in der Stadt oder zum Klatschen im Dorf war, um aus dem ansehnlichen Vorrat von Fummelklötzchen einen Haufen Kleinholz zu fabrizieren.
Regelmäßig wurde er dafür ausgeschimpft und nicht selten setzte es wieder etwas mit dem Teppichklopfer, aber mit derselben Hartnäckigkeit setzte er sein Werk bei der nächsten Gelegenheit fort. Es lag in ihm. Er folgte einem inneren Verlangen.
*
Bergmann fiel in einen leichten Schlaf und erwachte wieder, als die Manschette des periodisch einsetzenden Blutdruckmessgerätes seinen Oberarm zusammenpresste. Außerdem quälte ihn Durst. Er klingelte nach der Nachtschwester. Da auf der Intensivstation jede Schwester lediglich vier Patienten zu betreuen hatte, dauerte es nur einen Moment, bis eine attraktive junge Krankenschwester erschien. Trinken durfte er noch nicht, aber ein Spray für die Rachenhöhle linderte das Durstgefühl. Er müsse noch warten, bis der Oberarzt darüber entschieden habe.
*
Wieder sann Wolf Bergmann über sein Schicksal nach. So viele Ereignisse, die jedes auf seine Weise seinem Leben eine andere Wendung gaben.
Warum kam er gerade daher, als dieser Idiot von Autofahrer so dicht auf den Vordermann auffuhr, so dass er ihn nicht vorher bemerken und ihm ausweichen konnte? Warum musste gerade jetzt dieses unnütze Hochwasser auftreten? Ohne das Tauwetter wäre er um diese Zeit nicht auf der Straße gewesen.
Warum hatte es ihn überhaupt in diese elende Gegend verschlagen? Fragen über Fragen, die alle, so wie es sich jetzt darstellte, eine schlichte Antwort zur Ursache hatten – seinen Lebenslauf.
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Bergmanns erste Schuljahre verliefen ereignislos. Er gehörte noch zu der Generation, wo an den Dorfschulen zwei Schuljahrgänge in einem Klassenraum unterrichtet wurden. Während die Großen der Lehrerin lauschten, übten die Kleinen Schönschrift oder Rechnen. Mit der Schönschrift war es bei Bergmann jun. nicht weit her. Daran hatte sich bis zum heutigen Tage nichts geändert. Schnell fertig mit den Aufgaben, hörte er nun auch der Lehrerin zu und lernte Sachen, die erst zwei Jahre später für ihn aktuell werden würden, aber interessant schienen.
Noch interessanter aber fand er das Leben abseits des Klassenzimmers, wenn er durchs Fenster sah und die Spatzen in der großen Linde neben dem Schulgebäude beobachtete. Mehr als einmal musste er ermahnt werden, aufzupassen, denn die Natur draußen war auch im laufenden Unterricht immer wieder anziehender als das Alphabet und das Einmaleins.
Und die Lehrerin war keine Feine. Für ihre Art und Weise, mit Schülern umzugehen, die gegen die Disziplin verstießen, wäre sie in späteren Jahren im Falle einer Anzeige durch die Eltern wegen Kindesmisshandlung vor den Staatsanwalt gekommen.
Einmal in Jähzorn geraten, war es bei ihr keine Seltenheit, dass sie einen Schüler schmerzhaft an den Ohren zog, er eine Backpfeife, in anderen Gegenden auch Maulschelle oder Ohrfeige genannt, erhielt, oder er einfach nur den Inhalt seines Schulranzens vom Fußboden zusammensuchen musste, nachdem die Lehrerin diesen öffnete und durch das Klassenzimmer warf.
Ebenso gern verteilte sie drei Seiten Strafarbeit für geringe Vergehen und verdoppelte diese, wenn sie am nächsten Tage nicht vorgelegt wurden.
Auch Bergmann blieb von solchen Übergriffen ohne Ausnahme nicht verschont. Insbesondere gedachte er an einen Fall im Turnunterricht, als er einer Klassenkameradin mit dem Schuhanzieher aushalf und diesen rasch noch in seinen Turnbeutel stecken wollte, während die Kinder schon angetreten sein sollten. Wolf kam um ein paar Sekunden zu spät vom Turnbeutel in die Reihe, erhielt wegen der Disziplinlosigkeit eine Backpfeife und drei Seiten Schönschrift bis zum nächsten Tage aufgebrummt.
Aus Trotz über diese Ungerechtigkeit, für seine Hilfe bestraft zu werden, erschien er am folgenden Tag natürlich ohne die Strafarbeit zum Unterricht und bekam nun die doppelte Dosis ihrer Medizin von der Lehrerin zu kosten. Niemand hätte es gewagt, gegen die Lehrerin ein Wort zu sagen – Polizist und Lehrer, früher auch noch der Pastor, war die unantastbare Obrigkeit jeder funktionierenden Gesellschaft. Also würde niemand ihm beistehen können oder wollen und aus Furcht davor, im Falle der Weigerung anschließend zwölf Seiten Strafarbeit schreiben zu müssen, setzte er sich am Abend hin und schrieb die sechs Seiten.
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Wolf war kein Dummkopf und begriff rasch. Er war durchaus kein Streber und fiel nicht durch herausragende Leistungen auf, aber trotzdem zierten am Ende des ersten Halbjahres drei Einsen sein Zeugnis. Und eine Drei, in Schönschrift.
Und mehr noch, trotz seiner Eigenwilligkeit stabilisierten und verbesserten sich seine schulischen Leistungen und schon nach zwei Jahren gehörte er zur Leistungsspitze der Klasse und, wenn man den Worten der Lehrerin Glauben schenken konnte, wäre er in der Lage, alle zu überflügeln, wenn er nicht so flatterhaft wäre.
Und wie immer in solchen Fällen hatte die Mutter nichts Besseres zu tun, als nach der Zeugnisausgabe mit dem Heft in der Hand durch das halbe Dorf zu laufen und jedem der es hören wollte und auch denen, die es nicht interessierte, zum Besten zu geben, was sie doch für einen gescheiten Sohn habe.
Nun, Bergmann jun. ging das alles nichts an. Er lebte sorglos in den Tag hinein, war fleißig in der Schule, erledigte seine Hausaufgaben gewissenhaft und strolchte, wenn es die verbleibende Zeit zuließ, gern durch den Wald und baute dort mit seinen Kameraden eine Hütte, oder er fuhr mit dem Fahrrad zum Nachbarort. Dieser Ortsteil lag in einem Tal, etwa eine Viertelstunde mit dem Rad entfernt. Zu erreichen war Athal nur über eine schlaglochübersäte Straße, eher ein Sommerweg, der durch den westlich des Dorfes angrenzenden Wald führte und im Grunde nur zwei Zustände kannte: entweder eine Pfütze neben der anderen mit dem dazugehörigen Schlamm, oder Staub – je nachdem, ob es längere Zeit geregnet hatte oder die Sonne brannte. Im Tal lag der Dorfteich, umgeben von alten Weiden und unweit davon waren die Anlagen der Hühner und Entenfarm, die seine Großtante mit ihrem Mann bewirtschaftete. Der Teich wurde von einem Bach gespeist und es gehörte zum guten Ton eines echten Jungen, dort im Sommer Dämme zu bauen.
Nach der Fertigstellung war dann genügend Wasser angestaut, um die Staumauer einzureißen und das Wasser mit einem Rauschen in den Teich strömen zu lassen.
Oder zur Erntezeit ging er mit seinem Freund Jürgen und dessen Hund Bobby auf den Stoppelfeldern auf Hamsterjagd.
Und wie war das damals in der 3. Klasse? In der Schulpause heckten Wolf und sein Klassenkamerad Frank an einem freundlichen Septembertag den Plan aus, nach der Schule mit den Fahrrädern einfach einmal zu seiner Oma zu fahren. Die übrigen Mitschüler hielten das für Aufschneiderei, also setzten die beiden den Plan ihnen zum Trotz in die Tat um. Immerhin wohnte die Oma im Nachbarkreis, etwa fünfundzwanzig Kilometer von Birkenburg entfernt. Peter und Wolf radelten drauflos und erreichten nach etwa zwei Stunden das Ziel; die Zeit reichte, um eine Brause zu trinken, dann mussten die zwei schon wieder zurück.
Wenige Kilometer vor dem Heimatdorf passierte dann wieder einmal ein kleines Malheur. Die Straße führte vorbei an einer Burgruine, und da Burgen meist auf Bergen erbaut waren, wies die Straße ein recht starkes Gefälle auf, was den fleißigen Radlern ein beachtliches Tempo bescherte. Immerhin konnten sie einen Traktor überholen, aber am Ortseingang von Bornburg kam eine scharfe Rechtskurve. Frank legte sich ordentlich in die Schräge, aber Wolf war nicht so risikobereit und es trug ihn aus der Kurve über die Bankette in den Straßengraben. Bis dahin ging alles gut, denn zum Glück gab es keinen Gegenverkehr, aber beim Verlassen des Grabens stand eine Hecke im Weg, deren Geäst sich in den Speichen des Vorderrades verfing und zum Blockieren brachte. Wolf landete unsanft auf der Bankette im Straßenkies und das Rücklicht war hin. Da man aber um sechs zu Hause sein wollte, ging es weiter; die paar Schrammen waren zu verschmerzen. Nur zum Unfallhergang musste man sich eine glaubhafte Geschichte ausdenken. Etwa mit einer halben Stunde Zeitverzug kamen die beiden bei Wolf zu Hause an, wo sie bereits von seiner Mutter erwartet wurden. „Wo seid ihr denn wieder herumgejachtert und wie sieht das Fahrrad aus?“
„Ach, wir sind ein bisschen über die Dörfer gefahren und unterwegs hat mich ein Hamster angesprungen und da bin ich hingefallen.“ – „Ach so, ein Hamster.“ War wohl nicht glaubwürdig genug; Frank machte sich aus dem Staube; Mutter brauchte nicht lange, um herauszubekommen, wo der Junge wirklich war, und am Ende setzte es wieder eine Naht mit dem Teppichklopfer.
Im nächsten Frühjahr ist er trotzdem wieder ausgebüxt und zur Oma gefahren, aber dieses Mal, ohne Schaden zu nehmen.
Das waren einige der glücklichen Momente seiner Kindheit, an die Bergmann gern dachte. Wie lange lag das zurück? Über vierzig Jahre…
Dann kam der Schulwechsel zur Oberstufe. „Warte mal, wenn Du nach Waldstedt kommst, da geht es anders herum!“, sagten die Leute zu den Kindern, die die 5. Klasse vor sich hatten.
Doch wie es einst die Lehrerin prophezeite, setzte sich Wolf nach kurzer Zeit an die Klassenspitze. Noch schneller gelang es ihm, sich aus unerklärlichen Gründen neue Feinde zu machen, die sich in der Regel aus den größten Flegeln und Sitzenbleibern höherer Jahrgänge rekrutierten. Schon am zweiten Tag an der neuen Schule gab es die erste Schlägerei, der Wolf nicht entgehen konnte, nachdem er provoziert worden war und einen Schlag ins Gesicht erhielt.
Mutter hatte ihm vor Jahren, als er noch klein war, angedroht, sie würde ihm noch eine Tracht verabreichen, wenn er das nächste Mal „angequäkt“ komme, ohne sich gewehrt zu haben.
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Daran war nicht zuletzt Richard schuld, der Wolf, wie schon so oft, nach dem Kindergarten zusammen mit Frank hinter einem Holundergebüsch aufgelauert und verprügelt hatte. Wolf hatte keine Verstärkung, wurde gedroschen wie Weizenstroh und flüchtete tränenüberströmt nach Hause. Richard war ein Mitläufer, ein Opportunist, der zwei unumstößliche Grundsätze befolgte, nämlich erstens stets auf der Seite der Stärkeren zu stehen und lieber andere zu verprügeln als selbst verprügelt zu werden, und zweitens, sich nie mit jemandem anzulegen, wenn er nicht mit seinen Kumpanen in der Überzahl war. Es wäre Richard nie eingefallen, sich ohne Frank oder den zwei Jahre älteren Hans auf eine Schlägerei mit Wolf einzulassen. Als Tier geboren, wäre er wahrscheinlich ein Aasfresser geworden, der von der Jagdbeute anderer lebte.
Ein einziges Mal, Jahre später, verstieß Richard gegen seinen eigenen Grundsatz. Dies geschah während einer Ferienfahrt, als die Klasse mit ihrem Lehrer einen Waldweg entlangwanderte, der die Jugendherberge, in der sie während dieser Zeit wohnten, mit der berühmten Pfefferkuchenstadt Pulsdorf verband. Es war ein heißer Sommertag, die Kinder in freudiger Erwartung auf das Freibad und übermütig rannten sie mal hierhin und mal dahin. Im Gedränge stürzte Cordula, Wolfs heimliche Jugendliebe, mitten in die Brennnesseln, kein angenehmes Erlebnis.
Und Richard, der hinter Wolf ging, tippte diesem irgendwann einfach so auf die Schulter, wie es etwa jemand tut, um ihn auf etwas aufmerksam zu machen. Wolf drehte sich, nichts Böses ahnend um, um festzustellen, was der andere wollte. Im selben Augenblick hatte Richard schon mit dem Handtuch zum Schlag ausgeholt und zog Wolf damit eins übers Gesicht, dass es diesem wie ein Peitschenhieb vorkam. Der brennende Schmerz, der sich über Wolfs Gesicht, besonders die Augen, zog, ließ ihn nicht mehr denken. Er schrie auch nicht, sondern schlug sofort zurück, die Faust traf mit militärischer Genauigkeit Richards Nase, die sogleich zu bluten begann. Kaum einer der Schüler hatte überhaupt mitbekommen, was da soeben abgelaufen war.
Sie sahen nur die blutende Nase und den Übeltäter Wolf, der Richard offensichtlich grundlos geschlagen hatte. Eine Erklärung wurde nicht verlangt, die Tatsachen sprachen für sich.
Richard war das bemitleidete Opfer, Wolf der Täter und musste bestraft werden – wie, darüber würde der Lehrer noch nachdenken.
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Dies nahm sich Wolf zu Herzen, und da er kräftig genug war, wehrte er sich auch nach Kräften mit Tritten und Faustschlägen gegen den drei Jahre älteren Taugenichts und steckte nicht nur ein, sondern teilte auch aus.
Ähnliche Begebenheiten früherer Jahre hatten dann regelmäßig das Ergebnis, dass sich die Lehrerin bei der Mutter beklagte, der Junge sei aggressiv geworden.
Eigenartigerweise war in den kommenden Jahren, als Wolf zu einem kräftigen und sportlichen Teenager heranwuchs, bei einer Schlägerei nie eine Pausenaufsicht zugegen, wenn er den Kürzeren zog. Da war ein gewisser Achsner, zwei Schuljahre über ihm, ein von Kopf bis Fuß sommersprossiger brutaler Kerl mit schrägem Blick, und unsympathisch hoch drei, der Bergmann mehr aIs einmal ohne Grund und ohne, dass Bergmann darauf gefasst war, die Faust gegen das Kinn schlug. Es hatte nie Konsequenzen für den anderen gegeben; Bergmann war kein Anscheißer, sondern regelte solche Sachen selbst oder schluckte.
In diesem Fall musste er schlucken, der Kerl war ihm einfach überlegen und würde auch nicht fair kämpfen. Dass Bergmann einem offenen Kampf auswich, war unter den gegebenen Umständen schlicht das Beste, was er tun konnte, auch wenn er sich einen Feigling schimpfen lassen musste. Auch disziplinarisch hätte nichts erreicht werden können, denn Achsners Vater saß in der Kreisleitung der Partei, so war der Sohn immun und hatte Narrenfreiheit, was auch immer er anstellte. Aber besser einmal fünf Minuten feige als hinterher ein blutig geschlagenes Gesicht. Bergmann hasste diesen Achsner sein Leben lang und malte sich zuweilen aus, würde er ihm noch einmal in der Gegenwart begegnen und wiedererkennen, würde die alte Rechnung mit ihm ein für alle Mal mit Zinsen beglichen werden, noch ehe Achsner darüber nachdenken konnte, wie ihm geschah und Bergmann würde sich sofort wieder in die Anonymität zurückziehen. So ein Lump war es nicht wert, seinetwegen eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung auf sich zu ziehen.
Im umgekehrten Falle aber gab es entweder Beschwerden, auch Anschiss genannt, oder die Pausenaufsicht bekam gerade noch mit, wie Wolf ordentlich zulangte, jedoch ohne nach den Gründen zu fragen oder wer angefangen habe. Der Anschiss kam dann meist am nächsten Morgen, wenn Wolf wegen eines erneuten Vergehens gegen die Schuldisziplin zum Direktor bestellt wurde und sich dort eine Strafpredigt anhören musste.
Derartige Ungerechtigkeiten, so zumindest empfand er dies, führten dazu, dass er sich immer weniger dem Kollektiv anpasste, so wie es sich in einer sozialistischen Schule gehörte. Er wurde ein Eigenbrötler und Einzelkämpfer, hatte keinen Sinn für Geselligkeit, aber er verwehrte niemandem seine Hilfe, wenn diese gebraucht wurde. Nicht selten führte dies dazu, dass manch einer ihn seinen Freund nannte, obwohl dieser nichts anderes im Sinn hatte, als ihn auszunutzen, und sei es nur, um bei der nächsten Kurzkontrolle oder die vergessenen Hausaufgaben von ihm abzuschreiben.
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Wolf Bergmann schlummerte wieder ein, doch sein Schlaf war leicht, wie immer. Er hatte Sinne wie ein wildes Tier, das darauf angewiesen ist, beim ersten ungewöhnlichen Geräusch hellwach zu sein, um sein Leben durch Flucht oder Bereitschaft zum Kampf zu retten.
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Fast zwanzig Jahre war es her, als er mit seinem Freund Jürgen, einem Kameraden, mit dem er in der GST Motorradrennen im Gelände gefahren war, eine gemeinsame Tour nach Spanien unternahm. Wie weit sie eigentlich wollten, wussten sie beim Start nicht, Ziel war das Mittelmeer; aber hätten sie in Südfrankreich gleich einen geeigneten Zeltplatz gefunden, wären sie sehr wahrscheinlich nicht bis über die spanische Grenze gefahren und hätten dort nicht den ersten besten Campingplatz genommen. Es war ihnen auch egal, der Weg war das Ziel und sie nahmen gern einen längeren Umweg über die Alpen, die Pässe hoch und runter, in Kauf. Wolf hatte damals schon mehrere Motorradreisen hinter sich, nach Bulgarien, Ungarn, Griechenland, Südfrankreich, und fast alle Strecken fuhr er allein.
Damals noch ein kleines Abenteuer, weil er nur auf sich und seine treue MZ gestellt war.
Diese Tour sollte seine Letzte sein, schrieb er damals in sein Reisetagebuch. Sie waren den dritten Tag unterwegs und kamen den Col d´ l Iseran in den französischen Seealpen herunter. Es war schon kurz vor Sonnenuntergang und sah nach Regen aus, weshalb sie in einem kleinen Waldstück abseits der Hauptstraße das Zelt aufschlugen und den Abend am Lagerfeuer verbringen wollten. Am nächsten Morgen wollten sie über den Col du Mont Cenis nach Italien zurück und von dort weiter über den Col du Montgenevre wieder nach Frankreich. Noch während sie beim Aufschlagen des Lagers waren, überraschte sie ein Regenschauer; im Zelt warteten sie, bis der Regen nachließ und sie sich auf die Suche nach Feuerholz begeben konnten. Doch so sehr sie sich auch bemühten, ein Feuer in Gang zu bringen, das Holz war einfach zu nass; daran änderten auch zwei Vergaserfüllungen Benzin nichts. Sobald das Benzin verbrannt war, ging die Flamme aus und das angekohlte Holz schwelte nur noch. Es war sinnlos, sich weiter abzumühen, also krochen sie in die Schlafsäcke, ließen den Zelteingang für frische Luft offen und schliefen ein, denn etwa vierhundertfünfzig Kilometer durchs Gebirge waren anstrengend und die beiden waren rechtschaffen müde.
Mitten in der Nacht wurde Wolf Bergmann von einem auf den anderen Augenblick hellwach, als er ein Rascheln am Zelteingang vernahm. Ohne zu überlegen oder die Augen zu öffnen, packte er mit eisernem Griff zu und erwischte jemanden am Arm, der sich am Zelt zu schaffen machte. Einen Moment lang war der andere verblüfft, doch dann ertönte eine vertraute Stimme: „He, lass los, ich will doch nur das Zelt verschließen, es regnet uns sonst rein!“ Jürgen war noch am nächsten Tag von Wolfs Reaktionsschnelligkeit begeistert. So schnell würde sie niemand überrumpeln.
Auf dem Flur wurde es lebhafter, der Alltag auf der Intensivstation begann. Für Wolf Bergmann war dies nichts Neues, er hatte bereits mit siebzehn Jahren nach einem Motorradunfall mit gebrochenem Handgelenk und einem offenen Unterarmbruch eine Woche auf einer Intensivstation gelegen. Aber die Ungewissheit, was mit seinem Bein los war, beunruhigte ihn; die Schwester konnte oder durfte keine Auskunft geben, also musste er die Visite abwarten.
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Bis dahin würden noch ein paar Stunden vergehen. Bergmann dachte daran zurück, wie er eigentlich Motorradfahrer geworden war. Leidenschaftlicher Motorradfahrer. Er hasste den Begriff „Motorradfreak“. Eigentlich ist er damit aufgewachsen.
Sein Vater hatte eine RT 125, später eine ES 150 und zum Schluss ein 250-er MZ-Gespann, welches er selbst noch ein paar Wochen fuhr, als er endlich achtzehn Jahre alt geworden war und die Folgen des Unfalls aus seiner Schulzeit überwunden hatte. Aber der treibende Keil war wohl ohne Zweifel sein Patenonkel, der ihm, als Wolf gerade zwölf Jahre war, auf einer dreihunderter Sportawo das Fahren beibrachte.
Wolf Bergmann schloss die Augen und dachte an jenen letzten sonnigen Ferientag im August zurück. Er hatte einen Großteil der Sommerferien im Juli bei den Großeltern in Lündorf verbracht. Eigentlich fühlte er sich dort zu Hause, denn da hatte er Freunde, die ohne Falsch waren. Und der See war nur einen Katzensprung entfernt. Täglich war er am Gemeindesteg baden und schwamm zuweilen zur anderen Seite ans Nordufer, um die Kirsch und Aprikosenplantagen zu plündern. Am nächsten Tag würde wieder die Schule beginnen, die 7. Klasse. Die Eltern waren mit ihm bei den Großeltern gewesen, in deren Haus auch der Onkel mit seiner Familie lebte. In einem unbeobachteten Moment nahm der Onkel den Jungen beiseite und flüsterte ihm zu, er wolle mit ihm jetzt zum Sportplatz fahren. Dort angekommen, es waren ja nur ein paarhundert Meter, erklärte der Onkel die Benutzung der Kupplung und wie geschaltet werde.
Wolf war mit seinen zwölf Jahren schon kein kleines Kind mehr, etwa einsvierundsechzig groß und über fünfundfünfzig Kilo schwer, durchaus körperlich in der Lage, die Maschine zu führen und zu halten. Es bedurfte nicht viel Erklärung; Wolf saß auf der Awo, zog die Kupplung, legte den ersten Gang ein und ließ langsam die Kupplung kommen. Er spürte den Schleifpunkt, gab mehr Gas und die Awo rollte los. Nachdem er ein paar Mal das Hoch und Herunterschalten, Anfahren und Bremsen, das Fahren im Kreis und in einer Acht geübt hatte, befand der Onkel, jetzt sei es an der Zeit, auf der Straße zu fahren. Er stieg als Sozius hinten auf und Wolf fuhr, ohne Unsicherheit zu zeigen, mit der doch relativ schweren Maschine vom Sportplatz nach Lündorf und die Hauptstraße aus Hartfelder Schlacke auf und ab. Gerade fuhr er am Hause der Großeltern vorbei; Opa, Oma und seine Eltern standen vor dem Tor und sahen mit Entsetzen, wie Wolf ohne Helm mit dem Motorrad an ihnen vorbei knatterte und mit einem Grinsen im Gesicht in den vierten Gang schaltete, während Mutter die Arme hochriss und Vater anschrie: „Werner, tu doch was, der Junge stürzt sich tot! Er ist doch erst zwölf!“ Was sollte Vater machen? Er konnte nichts tun, als tatenlos hinterher zu sehen. Und, wie Bergmann später erfuhr, fuhr der Opa die Mutter an: „halt die Fresse, dummes Aas!“
Doch der Virus Motorrad war tief in Wolf eingedrungen, nicht erst an diesem Tage, denn schon vor Jahren sah er mit Begeisterung die Motocrossrennen, die unweit von Lündorf im Talkessel von Tornthal stattfanden. Aber es würde noch weitere Jahre dauern, bis er selbst ein Motorrad fahren durfte.
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Das Licht auf der Wachstation war grell und schmerzte in den Augen. Der Oberarzt kam mit dem Chefarzt der Unfallchirurgie zur Visite. Die Stunde der Wahrheit. Der Chefarzt machte nicht viel Umstände, es handelte sich um einen offenen komplizierten Trümmerbruch mit erheblichem Gewebeverlust 3. Grades am linken Fuß, dazu ein Wellenbruch im Schienbein. Einige Fußwurzelknochen fehlen ganz oder teilweise, die Gefäße und Sehnen seien zerfetzt. Man werde in mehreren Operationen, unterstützt von den Kollegen der Plastischen Chirurgie, zunächst eine Wundversorgung betreiben, Nekrosen entfernen und anschließend versuchen, durch Entnahme eines Stückes Schultermuskel, dem sogenannten musculus latissimus dorsi, diesen als freie Muskellappenplastik zur Defektabdeckung des Fußes zu verpflanzen. Das Ganze sei nicht ohne Risiko, würde etwa acht Wochen in Anspruch nehmen und die Chancen, den Fuß zu erhalten, lägen bei etwa 50 %; aber auch, wenn alle Operationen ohne Komplikationen verlaufen, werde Wolf Bergmann nie wieder richtig laufen können und im schlimmsten Fall müsse der Fuß amputiert werden.
Das war zuviel auf einmal. Tränen standen ihm in den Augen, als er in das Kissen zurücksank. Er würde nie wieder richtig laufen können…
Was hatte der Chefarzt gesagt? Die Chancen stünden fifty-fifty, den Fuß zu retten! Man konnte auch mit einem Handicap fahren, die Technik machte vieles möglich. Er würde sich auf erhebliche Einschränkungen in Bezug auf sein früheres Leben einstellen müssen und er wusste, dass ihm dies nicht leicht werden würde. Aber Wolf Bergmann war ein Kämpfer, der nie aufgab und der auch mit dem Kopf durch die Wand ging, selbst, wenn er sich dabei die Hörner abstieß. Er war noch am Leben und er war nicht gelähmt. Er musste das Beste aus dem machen, was ihm die Medizin ermöglichte. Er durfte keine Chance vergeben!
Bergmann zwang sich, klar zu denken und sah den Chefarzt an.
Er bat darum, alles zu tun, was menschlich und medizinisch möglich sei, um das Bein zu erhalten. Er werde jeder Operation zustimmen, ganz gleich wie hoch das Risiko und die Erfolgsaussichten wären oder wie lange es dauern würde. Er wollte wieder fahren.
Ein viel zitierter Spruch kam ihm in den Sinn „Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Er würde kämpfen.
Nach der Visite bekam Bergmann endlich etwas zu trinken, doch es bekam ihm nicht. Die nächtliche Notoperation machte seiner Verdauung noch zu schaffen und schon nach wenigen Minuten wurde ihm übel. Er spürte den Brechreiz und klingelte nach einer Nierenschale, um sich zu übergeben. Danach war die Übelkeit verflogen, aber der Durst blieb. Es würde noch eine Weile dauern, bis der Magen wieder in Ordnung war.
Wolf Bergmann versuchte, an irgendetwas zu denken, um sich abzulenken. Er würde Schmerzen ertragen müssen. Das war für ihn nichts Neues. Schmerzen war er gewohnt. Er war überzeugt, dass ihn Gott, falls es ihn gegen seine Überzeugung doch gab, abgrundtief hassen musste. Gott wollte offensichtlich nicht seinen Tod, dazu hatte er in der Vergangenheit Möglichkeiten genug. Aber er machte sich einen Spaß daraus, Bergmann zu quälen. Warum sonst ließ er ihn leiden, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot?
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Als junger Bursche litt er viele Jahre an einer schmerzhaften Hauterkrankung; der Armbruch hatte nach jeder der vier Operationen drei Tage Wundschmerzen zur Folge und zwei Wochen vor seiner Einberufung zur Armee nahm ihm so ein Idiot von Mopedfahrer, der obendrein ohne Fahrerlaubnis unterwegs war, die Vorfahrt. Dies, beachte ihm eine Platzwunde am linken Unterarm, die genäht werden musste, und eine acht Wochen andauernde Rippenprellung ein. Nicht gerade die angenehmste Art und Weise, die Grundausbildung zu absolvieren. Und erst vor wenigen Monaten sprach Wolf Bergmann mit seiner Teampartnerin über die Möglichkeit, dass ihm, statistisch gesehen, wohl bald wieder ein schwerer Motorradunfall bevorstehen würde.
Der letzte Unfall lag bereits neun Jahre zurück, als ihm ein Transporter auf dem Weg zur Arbeit die Vorfahrt nahm. Bergmann hatte an der Autobahnabfahrt bremsen müssen, weil ein PKW auf die Hauptstraße wollte, der Fahrer sich aber nicht entscheiden konnte, ob er nach rechts oder links abbiegen soll.
So verharrte dieser einige Sekunden mitten auf der Geradeausspur des Kreuzungsbereiches und blockierte den Verkehr, bis er zu dem Entschluss kam, nach rechts abzubiegen. Bergmann beschleunigte wieder und gewahrte im Gegenverkehr einen Linksabbieger, der zur Autobahn wollte und wartete. Doch ohne erkennbaren oder vernünftigen Grund trat der Fahrer des Kleintransporters plötzlich aufs Gaspedal und zog an, als Bergmann nur noch fünfzehn Meter von der Kreuzung entfernt war. Das Unheil war nicht mehr aufzuhalten. Bergmann reagierte zwar im Bruchteil einer Sekunde und drückte die Wilma nach links, in der Hoffnung, am Heck des Transporters vorbei zu kommen, wenn dieser schnell genug beschleunigte. Doch die Rechnung ging nicht auf; statt dem Transporter vorn in die Seite zu fahren, erwischte Bergmann mit zum Glück nur knapp über fünfzig Stundenkilometern dessen Heck und krachte frontal dagegen.
Durch die Wucht des Aufpralls wurde er von der BMW geschleudert, spürte, wie er mit der rechten Schulter und dem Oberarm gegen das Blech gedrückt wurde, und hatte noch genügend Schwung, um einen Hechtsprung über das Dach zu machen. Er kam mit den Händen hart auf dem Asphalt auf und zog sich dabei eine Prellung am Handballen zu, rollte ab und – stand. Unbeeindruckt vom Geschehen arbeitete sein Verstand präzise wie eine Maschine. Er spurtete sofort dem Fahrzeug hinterher, weil er annahm, dass der Fahrer sich vom Unfallort entfernen wollte und merkte sich das Kennzeichen. Doch der Fahrer wollte nur die Kreuzung räumen, stoppte und stieg aus, um sofort von Bergmann mit der Frage bombardiert zu werden, wo er denn zum Teufel noch mal Fahrschule gemacht habe.
Bergmann spürte einen Schmerz im linken Schienbein; beim „Absteigen“ musste er wohl gegen den Vergaser gestoßen sein und auch der Stiefelschaft hatte den Stoß nur etwas mildern können. Sonst schien alles in Ordnung zu sein, aber Wilma war hin, das sah er auf den ersten Blick, als er zur Maschine lief.
Das Topcase lag abgerissen und zerbrochen auf der Straße, der Heckrahmen stand fünfzehn Zentimeter aus der Flucht, das Vorderrad war an zwei Stellen gebrochen und die sprichwörtliche Acht, über die Hälfte der Speichen infolgedessen herausgerissen und die Standrohre der Telegabel wiesen eine Krümmung wie ein Bumerang auf; vom Kleinkram, wie Kotflügel, Blinker, Spiegel, Lichtmaschinendeckel und Protektoren ganz zu schweigen. Alles sah nach einem Totalschaden aus.
Die Sache kam dennoch zu einem überraschend guten Ende.
Der Notarzt bestand darauf, Bergmann trotz dessen Beteuerungen, dass ihm nichts fehle, zum Durchchecken in ein Krankenhaus zu fahren, aus welchem er einige Stunden später entlassen werden konnte, weil keine weiteren Verletzungen festgestellt wurden. Am nächsten Arbeitstag erschien er wieder zum Dienst.
Schlimmer war es der Maschine ergangen. Bergmann sah sich aus den schlechten Erfahrungen eines einige Jahre früher geschehenen ähnlichen Unfalls genötigt, trotz Eindeutigkeit der Schuldfrage einen Rechtsanwalt in Anspruch zu nehmen. Dieser machte seine Arbeit gut und Bergmann verzichtete auf die Option, die Wilma zum Restwert an einen Händler in Ingolstadt zu verschleudern, sondern handelte mit seiner Werkstatt einen Deal aus, der darin bestand, die Maschine zu einem fixen Arbeitslohn von tausend Mark, denn es war Winter und Aufträge rar, wieder zu reparieren. Um die Ersatzteile kümmerte sich Bergmann selbst und holte Vorderrad, Rahmen und Telegabel gebraucht heran, so dass am Ende Schaden und Reparatur mit einer Differenz von zwei Mark gegen gerechnet werden konnten.
Lediglich die gammeligen Speichen des gebrauchten Rades gefielen ihm nicht, weshalb er beabsichtigte, diesen Zustand zu ändern und neue Speichen einzuziehen. Er hatte Zeit; sein kleiner Sohn war krank und er war eine Woche zu Hause, um ihn zu pflegen.
Eine Woche lang stand Bergmann jeden Tag, wenn der Junge schlief, zwei Stunden im Keller an seiner Werkbank und tauschte die alten Speichen aus. Immer eine raus und eine neue rein.
Am Ende sollte das Rad rund laufen. Aber wie zum Hohn tat es genau das nicht. Es war nicht das erste Rad, das er einspeichte.
Vor fünfzehn Jahren hatte er aus Spaß eine Prothese von einer TS 250 gekauft, anders konnte man diesen jämmerlichen Rest Motorrad nicht bezeichnen. Und wahrscheinlich waren selbst die hundertzwanzig Mark, die er für den Haufen Schrott gab, noch zuviel. Aber der Rahmen war intakt und einen Kfz.-Brief gab es auch. Der Vorbesitzer hatte den Schrotthaufen unter einem Runddach an der Hochschule geparkt, wo Bergmann als wissenschaftlicher Assistent arbeitete, nachdem er sein Chemiestudium erfolgreich abgeschlossen hatte. Bergmann hatte noch den Motor seiner TS 250/1, neu aufgebaut, bei seinem Onkel liegen; der Zylinder war mit dem dritten Schliff für den passenden Übermaßkolben versehen und der Motor einbaufertig. Deshalb kam ihm der Gedanke, den Motor in diese Ruine von einem Motorrad zu verpflanzen, falls es ihm gelingen würde, jene zu erwerben. Eine kurze Annonce an der Tür zum Internat, in dem er wohnte und wo er auch den Eigner besagter Ruine vermutete, erfüllte seinen Zweck und zwei Tage später war Bergmann stolzer Besitzer eines Motorradwracks, das auf seine Auferstehung wartete. Es bedurfte noch einer eidesstattlichen Erklärung der Witwe des Erstbesitzers, der sich mit der Maschine zu Tode gefahren hatte, dass sie als Erbin berechtigt war, das Motorrad weiter zu verkaufen.
So weit, so gut. Bergmann holte sich ein Rad von einer ES aus der GST-Garage, leider ohne Reifen, steckte eine Achse durch die Schwinge und das Rad und humpelte dann mit dieser Ruine zum Spott der Studenten zur Garage, schiebend natürlich, weil neben dem Hinterrad auch der Motor fehlte.
Die Erstinspektion und Bestandsaufnahme brachten folgendes Ergebnis:
Positiv: Rahmen, Lampe, Kabelbaum, Vorderrad, Kotflügel, Telegabel, Federbeine, Tank, Sitzbank, Seitendeckel, Schwinge und Heckgepäckträger waren noch dran, aber größtenteils in einem so erbarmungswürdigen Zustand, dass es einen Hund jammerte.
Negativ: es fehlten Motor, Hinterrad, Kette, Auspuff, Kettenblatt mit Antrieb, Kettenkasten, Tachoantrieb. Alles war verrostet und vergammelt, der Lack taugte nichts mehr, die Telegabel litt im Chrom unter Rostlöchern und sämtliche Schrauben saßen fest.
