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Die junge Elfendruidin Lilith wird zusammen mit den Jägern Fjangal, Ijago und Tahira vom Rat der Ältesten ausgesandt, um für ihre Dorfgemeinschaft eine neue Heimat zu suchen, die dem Druiden Karjan in einer Vision offenbart wurde. Sie begeben sich auf eine gefahrvolle Reise nach Norden. Die unerfahrene Lilith, die sich vom Glauben an die großen Geister leiten lässt, gerät in einen unheilvollen Konflikt mit Ijago und Tahira, der ihre kleine Gruppe zu zerreißen droht. Ihre Mission steht auf Messers Schneide. Im verborgenen Hain wächst die junge Wölfin Feyvir heran, deren Vater Kryndall als König der mythischen Winterwölfe des hohen Nordens Frieden unter allen Wolfrudeln geschaffen hat. Sein Herrschaftsgebiet wird jedoch zunehmend bedroht durch vordringende Elfen. Als Kryndalls Gefährtin und Feyvirs drei Brüder umgebracht werden, sinnt er auf Vergeltung. Er sucht Rat beim Orakel des Nebelmeeres, Zhur'Ghun Ashai. Kann Kryndall für sein Volk eine friedliche Zukunft schaffen?
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Seitenzahl: 900
Veröffentlichungsjahr: 2020
Catelyn Fischer
Versprochenes Land
© 2020 Catelyn Fischer
Umschlaggestaltung: Sigrid Fischer
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-11591-0
Hardcover:
978-3-347-11592-7
e-Book:
978-3-347-11593-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Prolog
Sorgenvoll warf Evian einen Blick auf die düsteren Wolken am Horizont. Ein Sommersturm braute sich über den weiten Ebenen der Tundra zusammen, als wollten die Geister selbst seine Entschlossenheit prüfen, doch er würde sich ohne Zögern ihrer Herausforderung stellen. Als Sohn des Stammesoberhaupts war diese Jagd seine Gelegenheit, sich endlich in den Augen seines Vaters zu beweisen.
Seit einiger Zeit schon bedrohte ein Rudel Winterwölfe ihren Stamm und machte ihnen nicht nur die Jagdbeute streitig, sondern riss auch die wenigen Ziegen und Schafe, die sie in ihrem kleinen Dorf am Ufer des Vaihir-Stroms hielten. Zugleich wurden in letzter Zeit immer wieder einzelne Jäger vermisst und aus ungewisser Sorge wurde kürzlich bittere Gewissheit, als Evian und seine vier Gefährten bei einer gemeinsamen Jagd einen ihrer Jäger zerfleischt und wie zur Warnung auf einem Felsen platziert fanden.
Es war ihnen, als wollten die Winterwölfe sie aus ihrem Dorf vertreiben, aber sein Vater überzeugte alle von seinem Vorhaben, die Wölfe zur Strecke zu bringen. Evian fiel die Aufgabe zu, gemeinsam mit seinen Jagdgefährten einen Plan zu ersinnen, die Winterwölfe zu vertreiben, doch sie galten nicht ohne Grund als die wahren Herren des Nordens. Sie waren riesenhaft groß, sodass ein ausgewachsener Mann ihnen nur knapp bis zur Schulter reichte, schneller als jeder ihrer Läufer und trotz ihrer Größe erstaunlich wendig, sowie von einer boshaften Intelligenz beseelt. Bei einer solchen Jagd konnte der Jäger schnell selbst zum Gejagten werden. Bisher war es keinem je gelungen, einen dieser Wölfe zu erlegen, denn bislang hatte es niemand wirklich gewagt, sie herauszufordern, doch Evian ersann eine List, sie zu bezwingen.
Tagelang hatten die Dorfbewohner gemeinsam tiefe Gruben am Rande der Lichtung ausgehoben und darin angespitzte Äste in den Boden gerammt. Mehr als ein Dutzend solcher Fallen hatten sie gebaut, unter Geäst und Gras verborgen, während Evian und seine Gefährten die Tage und Nächte zwischen ihren Tieren verbrachten, damit sie deren Geruch annahmen. Sechs qualvolle Tage des Wartens vergingen, an denen sie zwischen Ziegen und Schafen ausharrten, zu den großen Geistern betend, dass die Wölfe den richtigen Weg wählten und hinab in ihre Fallen stürzten. In einer wolkenlosen Vollmondnacht hatte das Warten endlich ein Ende.
In wilder Furcht blökend flohen die Schafe vor den fünf grauen Winterwölfen, die aus dem Wald auf die Lichtung traten. Kurz nachdem die Wölfe zur Jagd auf das davonlaufende Vieh ansetzten, brach der erste von ihnen ein und fand schmerzhaft jaulend sein Ende. Verwirrt und unsicher, was geschah, stoppten die anderen, doch für zwei weitere von ihnen war es zu spät. Zwar gelang es dem einen der beiden Wölfe, seinen Sturz abzufangen und sich nur am rechten Vorderbein zu verletzen, der andere jedoch stürzte auf die spitzen Pfähle und wimmerte noch einige Momente kläglich, bevor er verstummte.
In dem Augenblick, als der erste der Wölfe einbrach, waren die Elfen aufgesprungen und schleuderten mit aller Kraft ihre Speere den Bestien entgegen. Evians Speer traf einen der Wölfe direkt ins Herz und die Bestie sackte kraftlos zusammen, während einer seiner Jagdgefährten den verwundeten Wolf traf. Dieser jedoch packte den Speer mit seinen Zähnen, riss ihn sich kurz aufheulend aus dem Fleisch heraus und floh in die finstere Nacht.
Der letzte der fünf Wölfe gedachte nicht zu fliehen, vielleicht, um seinem Gefährten das Entkommen zu ermöglichen, vielleicht, weil er ahnte, dass es kein Entrinnen mehr gab. Er fletschte die Zähne und schnappte drohend, als sie ihn umkreisten, doch er schien die Fallen zu fürchten und bewegte sich nicht. Immer wieder stachen sie mit ihren Speeren zu und die steinernen Spitzen hinterließen zahlreiche Wunden im Fleisch der Bestie, bis sie kraftlos zusammenbrach.
Am nächsten Morgen, mit den ersten Sonnenstrahlen, begannen sie mit der Jagd auf den letzten der Winterwölfe.
Nunmehr waren vier Tage und Nächte vergangen, an denen sie der Fährte dieses letzten Wolfes gefolgt waren, der sich immer weiter nach Norden schleppte. Der schützende Nadelwald wurde lichter, bis sich nur noch vereinzelt kleine Baumgruppen aus der schier endlos erscheinenden kargen Landschaft erhoben. Zeitweise war der graue Wolf am Horizont zu erkennen, doch wann immer sie drohten, sich ihm weiter zu nähern, brachte er die Kraft auf, die Distanz zwischen ihnen zu vergrößern. Dennoch wusste Evian, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie ihre Beute eingeholt hätten, denn auf dem Weg fanden sie immer wieder Blutspuren. Die Wunden, die sie ihm zugefügt hatten, verheilten nicht, sondern rissen bei der Flucht immer wieder auf. Obwohl der Wolf einen ehernen Überlebenswillen zeigte, würde seine Kraft ihn irgendwann verlassen, allerdings schienen die Geister auch Evians Entschlossenheit zu prüfen, sandten sie ihm doch einen Sturm, ihn von seiner Beute zu trennen.
„Bereitet der Sturm dir Sorgen oder das, was hinter dem Horizont liegt?“, wollte Tenvir wissen, der sich zu ihm gesellt hatte, während die anderen auf einem Felsen sitzend ein paar hastig gesammelte Beeren aßen und Kraft für den nächsten Marsch sammelten. Er trug so manche Narbe von Verletzungen bei der Jagd und mit seinen zweiunddreißig Sommern, die er erlebt hatte, war Tenvir der Älteste von ihnen. Als Evian ein Kind war, hatte er immer neidvoll zu Tenvir aufgesehen, als dieser mit seinem Vater auf die Jagd ging, doch mit der Zeit wurde der ältere Elf ihm zuerst ein geduldiger Mentor und dann ein guter Freund. „Soll er kommen. Wir werden ihn überwinden und die Bestie erlegen, bevor sie den Taihal überquert.“
Jeder von ihnen wusste, dass der Wolf versuchte, den Taihal-Strom zu erreichen, denn dahinter lag die Heimat der Wölfe und den Geschichten nach lebte ein böser Geist - ein Dämon - in einem Felsen nahe der Furt, der sie sich näherten. Es war eine der wenigen Möglichkeiten, den Taihal zu überqueren, aber kaum jemand hatte sich je nahe an diesen Ort herangewagt. Den Legenden nach hatte der Dämon viele Gestalten und zog jene, die es wagten, den Fluss queren zu wollen, in die trüben Tiefen hinab, sodass sie nie wiedergesehen wurden. Allerdings war sich Evian nicht sicher, ob dies nicht nur eine Geschichte der Alten war, um sie davon abzuhalten, weiter nach Norden zu ziehen und auf den Ebenen nach Wild zu suchen, denn Zeit seines Lebens war er noch nie einem Geist oder einem Dämon begegnet.
„Fordere es nicht heraus, Evian, und vergiss nicht, eine verwundete Bestie ist ungleich gefährlicher“, ermahnte Tenvir ihn, ließ seinen Blick über die Ebenen schweifen und schüttelte den Kopf. „In all meinen Jahren war ich nie so weit im Norden. Selbst in meinen kühnsten Momenten habe ich nie gewagt, den Wald zu verlassen und auf die Ebenen zu gehen.“
„Und?“
Evian hatte die Augenbrauen hochgezogen, sich fragend, worauf sein Freund wohl hinauswollte. „Du bist ohne zu zögern hinausgegangen, um eine Bestie zu jagen, die wir alle fürchten. Ich denke, du gleichst deinem Vater. Entschlossen und mutig, bereit über Grenzen hinweg zu gehen, die andere nie überschreiten würden. Eines Tages wirst du der Anführer unseres Stammes sein und ich bin gespannt zu sehen, wohin du uns führen magst.“
Es schmeichelte ihm, dass Tenvir so dachte, und der Gedanke daran, wie er mit dem abgeschlagenen Haupt des Wolfes zurück in ihr Dorf käme und es seinem Vater zu Füßen legte, ließ ihn innerlich frohlocken, wenngleich er sich dies auch nicht anmerken ließ. „Ich danke dir für dein Vertrauen, doch ich denke, es ist Zeit weiterzuziehen.“
Die zwei Brüder, Asgrin und Vaikan, packten ihre Speere und sprangen behänd von dem Felsen, während Garrn, der eher einem Bären denn einem Elfen glich, sich noch genüsslich eine Hand voll roter Beeren in den Mund stopfte, bis auch er zu ihnen aufschloss. Er prahlte gern vor ihnen damit, dass er sogar einen Winterwolf im Ringkampf bezwingen könnte, allerdings war er ihnen bisher den Beweis schuldig geblieben.
„Ich sage euch, wir beenden diese Jagd noch vor Einbruch der Nacht und wenn wir zu Hause sind, wird es ein Fest für uns geben“, versprach Evian und blickte in die grimmig entschlossenen Gesichter seiner Jagdgenossen, als sie schnellen Schrittes die Verfolgung wieder aufnahmen.
Die Ebene war in fahles gelbes Licht getaucht, während die schwarzen Wolken sich Gebirgen gleich am Himmel auftürmten. Es herrschte eine angespannte Ruhe. Sie hörten nur das gedämpfte Geräusch ihrer eigenen Schritte und ihren keuchenden Atem. Der Abstand zu ihrer Beute hatte sich spürbar verringert, der Wolf war deutlich am Horizont zu erkennen. Er schien nicht mehr weiterzulaufen und sein nahendes Ende wurde von den schwarzen Vögeln, die über ihm kreisten, angekündigt.
Als sie ihn endlich erreichten, lag er scheinbar wehrlos auf dem moosigen Boden, unfähig sich zu rühren oder auch nur den Kopf zu heben. Aus der Nähe erkannte Evian, dass es eine Wölfin war, vielleicht sogar die Leitwölfin des Rudels, das sie solange in Angst und Schrecken versetzt hatte. Sie knurrte leise, als er langsam einige Schritte, den Speer auf sie gerichtet, nähertrat. In ihren Augen brannte verbitterter Zorn darüber, dass nicht sie die Jägerin war.
Gemeinsam kreisten sie die Wölfin ein. Evian machte einen schnellen Schritt auf sie zu und stach ihr seinen Speer in die Seite, woraufhin sie leidvoll aufheulte. „Das ist für unsere Schafe!“
Erneut griff er an, drehte den Speer in der Wunde, damit er möglichst viel Schmerz zufügte und die anderen taten es ihm gleich. Wieder und wieder stachen sie auf die am Boden liegende Wölfin ein, bis sie keinen Laut mehr von sich gab und sich nicht mehr rührte. Erschöpft, aber zufrieden standen sie vor der Bestie, auf der sich bereits besonders dreiste Raben niederließen, die sich ihren Anteil sichern wollten, als unerwartet Leben in die Wölfin zurückkehrte. Plötzlich schnellte sie hervor und packte Garrn, der zu ihrer Rechten stand. Er schrie nur kurz auf, als sich ihre Zähne tief in seinen Hals rammten und in seinen Schrei mischte sich das Geräusch seines brechenden Genicks. Dieser winzige Augenblick schien sich endlos in die Länge zu ziehen und obwohl sie die Wölfin attackierten, wollte sie nicht von Garrn ablassen.
Endlich verlosch der letzte Funken Leben in ihr. Es war zu spät. Mit vor Schrecken geweiteten Augen hing Garrns lebloser Leib zwischen den Fängen der Bestie. „Sei verflucht, Bestie! Sei verflucht dafür!“
Asgrin und Vaikan zogen Garrns geschundenen Körper aus dem Maul der Wölfin und legten ihn sacht ins Moos. Tosend erhob sich der Wind, die ersten, schweren Regentropfen fielen vom Himmel und krächzend flogen die Raben davon. „Wir sollten gehen, Evian.“
Unruhig blickte Tenvir sich um und sah kurz zum pechschwarzen Himmel hinauf. „Der Sturm hat uns fast erreicht und dieser Ort ist mir nicht geheuer. Tote Beute kommt nicht zurück und doch haben wir alle es mit eigenen Augen gesehen! Wir sollten sofort aufbrechen und den Druiden davon berichten!“
Entsetzt starrte Evian auf den Boden. Er wusste, dass Tenvir Recht hatte. Zwar war ihre Jagd erfolgreich gewesen, doch um welchen Preis?
Sie sollten fliehen, denn die alten Legenden schienen wahr zu sein. Dies war das Land der Wölfe und die Geister dieses Landes duldeten keine Elfen auf diesem Grund. „Wir brechen sofort auf, aber wir nehmen Garrns Körper mit. Sein Geist soll nicht in diesem verfluchten Land seine Reise zu den Ahnen antreten müssen!“
Zwar hatten sie einen Sieg gegen die Wölfe des Nordens erzielt, aber dieser Sieg hatte ein großes Opfer gefordert und Evian ahnte bereits, dass dies wohl nur der Anfang von etwas Größerem sein würde.
Kapitel 1
„Ihr Geister dieses Ortes, in dieser schweren Stunde komme ich zu euch und ersuche euch um Einsicht. Nehmt einen Teil meines Lebens als Geschenk, labet euch an ihm und gewährt mir eure Weisheit.“
Lilith betrachtete ihren Lehrmeister Karjan dabei, wie er sich mit einem Messer die linke Handfläche aufschnitt und sein warmes Blut an der steinernen Klinge entlang auf den kargen Felsen tropfen ließ. „Achte genau auf das, was ich tue und präge es dir ein, denn eines Tages wirst du meinen Platz einnehmen, Lilith.“
Karjan war ein weiser, alter Elf, der schon fast fünfzig Winter erlebt hatte. In sein wettergegerbtes Gesicht gruben sich Sorgenfalten, während seine trüber werdenden Augen tief in den Höhlen standen. In seinem ärmellosen Leinengewand wirkte er verloren, denn der weite Stoff fiel schlaff an seinem dürren Leib herab. Die zahllosen Narben an seinen Armen und Händen offenbarten seine Hingabe zu den unzähligen Ritualen, in denen er sein Blut im Tausch für die Weisheit der Geister angeboten hatte. Zugleich wurde bei diesem Anblick Lilith erneut schmerzlich bewusst, dass Karjans Zeit verrann.
Ihr Meister ahnte bereits, dass ihm die Zeit fehlte, ihre Ausbildung zu vollenden, daher mühte er sich, ihr noch so viel wie nur möglich beizubringen, um sie auf ihre bevorstehende Aufgabe vorzubereiten. Denn sobald er seine Augen endgültig schloss, wäre sie allein dafür verantwortlich, Mittler zu sein zwischen den großen Geistern des Himmels, der Erde, der Wälder und der Flüsse und ihrem Dorf, sowie Unheil durch böse Dämonen abzuwenden. Ihr fiele die Aufgabe zu, die Toten in das Jenseits zu geleiten und an der Seite der Ältesten das Dorf zu führen, sowie auch den Rat der Geister in Zeiten der Not zu suchen.
Es waren solch wichtige Aufgaben, dass sie in letzter Zeit immer wieder lange wach lag, sich fragend, wie sie, eine junge Elfe von fünfzehn Wintern, diesen Aufgaben gewachsen sein sollte, aber Karjan glaubte an sie. Er hatte sie vor sieben Jahren als Schülerin erwählt, denn neben ihm war sie die Einzige in ihrem Dorf, die magische Fähigkeiten besaß. Sie besaß die Gabe, kleinere Wunden allein durch Worte und Beschwörungen zu heilen oder Feuer aus dem Nichts heraus zu entfachen. Immer wieder hatte Karjan ihr gesagt, dass sie weit begabter sei, als er es je gewesen war. Er vertraute ihr, sodass er sie jetzt schon vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zum heiligsten Ort ihres Dorfes, dem Vipernfelsen, mitnahm, auf dass sie die Rituale sehen konnte, mittels derer er in Kontakt zu den Geistern trat.
Im Zentrum einer fast kreisrunden Lichtung, an deren Rändern im Herbst farbige Pilze wuchsen, ragte der Vipernfels aus dem Boden heraus. Er sah aus wie ein gewaltiger umgestürzter Monolith, dessen Hauptteil unter dem felsigen, von moosbewachsenem Boden lag. Sein Name jedoch leitete sich von den Traumvipern ab, dunkelgrauen Schlangen, die ein ähnliches Muster aufwiesen wie der felsige Untergrund. Diese heiligen Tiere waren Sendboten der großen Geister und sie waren an sonnigen Tagen auf dem Felsen anzutreffen, wartend, den Wissenden den Weg zu weisen.
„Bevor du den Felsen erklimmst oder auch nur berührst, musst du deinen Respekt zollen und einen Teil deines Lebens den Herren dieses Ortes opfern. Zeige deine Hingabe, auf dass sie dir wohlgesonnen sind“, erklärte Karjan weiter, während er, ohne eine Miene zu verziehen, den Schnitt in seiner Hand vertiefte. „Warte dann, ob du erwünscht bist und trete erst dann näher.“
Eine Traumviper, die auf dem Felsen in der Sonne gelegen hatte, reckte den Kopf in die Höhe und blickte zischend auf den Druiden am Fuß des Felsens, der mit geneigtem Haupt nähertrat. Sein Opfer war anerkannt worden und die Schlange hatte ihn eingeladen. Langsam und gebeugt, die Hände ausgestreckt, näherte sich Karjan der Viper und blieb kurz vor ihr stehen, dann setzte er sich und präsentierte ihr die blutige Hand. Die Traumviper baute sich kurz auf, dann schnellte sie hervor und biss in die Wunde hinein, bevor sie zischend den Felsen hinab- und durch das Moos hinwegschlängelte. Karjan hingegen sackte zusammen, blieb auf dem Rücken liegen und zuckte am ganzen Leib, bevor er die Bewegung einstellte und mit glasigem Blick in den Himmel starrte.
Die Traumvipern waren die Torhüter zur Welt der Geister und ihr Biss ermöglichte es, hinüberzutreten und dort die Botschaften der großen Geister zu empfangen. Während die Seele auf Wanderschaft war, fiel die fleischliche Hülle in einen ruhigen und entspannten Schlaf, bis der Reisende zurückkehrte und die Botschaft der Geister verkünden konnte. Allerdings kam es auch vor, dass die Seele nicht zurück zu ihrem Körper fand oder die Geister beschieden, dass die Zeit des Übergangs bereits gekommen sei, daher sorgte sich Lilith um Karjan. Was würde sie tun, wenn ihr Meister nicht mehr aufwachte?
Der Gedanke, allein vor den Rat der Ältesten treten zu müssen, machte ihr Angst. Vor allem in einer solchen Krise, wie sie das Dorf jetzt durchlebte, brauchten sie all die Weisheit und Erfahrung Karjans. Die Ältesten waren uneins darüber, was zu tun sei, daher war Karjan mit ihr gemeinsam zum Vipernfelsen gegangen, um den Rat der Geister einzuholen. Seit fast schon zwei Jahren blieb der Regen immer wieder aus und auf den Feldern, die eigentlich das Dorf hätten ernähren sollen, wuchsen in diesem Jahr nur kümmerliche Pflänzchen, die kaum genug Kraft hatten, die Saat für das nächste Jahr zu treiben. Mit dem fehlenden Regen zog auch das Wild weiter und verließ diese Region. Bereits jetzt stießen weitere Stämme in ihr Territorium vor und wetteiferten mit ihren Jägern um die letzte Beute. Sie konnten kaum genug Vorräte sammeln, damit sie den kommenden Winter überstehen würden. Bislang endeten die Begegnungen mit anderen Stämmen glimpflich nur mit dem Austausch von wüsten Beschimpfungen, aber wie lange noch? Wie lange noch konnten sie es sich erlauben, in ihrem Dorf zu verweilen?
Als sie noch ein kleines Mädchen war, führte der Limhar, an dessen Ufern ihr Dorf gebaut war, noch reichlich Wasser und sie war in den Sommern gern von den schilfbewachsenen Flussböschungen aus ins kalte, klare Wasser gesprungen. Dort hatte sie versucht, die dicken silbernen Fische zu fangen, die scheinbar träge am Grund des Flusses in der Strömung schwammen, aber es gelang ihr damals niemals, denn obwohl sie träge zu sein schienen, waren sie erstaunlich schnell. Heute jedoch fehlten diese Fische gänzlich oder waren nur noch so groß wie ihre Handflächen und der einst stolze Limhar war zu einem schmalen Rinnsal verkommen. Die Zeiten des Überflusses, in denen es saftigen Fisch aus dem Fluss, frisches Wild aus den Wäldern und nahrhaftes Korn von Feldern gab, schienen endgültig vorbei, aber was hatten sie getan? Hatten sie die Geister der Flüsse verärgert oder die des Himmels, sodass sie keinen Regen mehr schickten?
Immer wieder hatte Karjan in den vergangenen Jahren den Vipernfelsen aufgesucht und die gleichen Fragen gestellt, doch die Geister antworteten stets auf dieselbe Weise. Sie sollten warten, warten auf ein Zeichen. Karjans Prophezeiungen hatten sie nachdenken lassen, wie groß die Welt wohl sein mochte und was dort jenseits der Wälder wäre. Niemand aus ihrem Dorf hatte je den Wunsch gehabt, einfach fortzugehen und hinter dem Horizont zu suchen, nicht einmal die Quelle des Limhars gedachten sie zu finden, obwohl vielleicht dort auch die Ursache ihrer Probleme liegen könnte.
Gern wäre sie sofort losgezogen, so wie es ihre Vorfahren und Ahnen in den Geschichten taten, bevor sie sich an einem Ort niedergelassen hatten, aber nun wollte es niemand mehr tun. Ihren Vorschlag, zur Quelle des Flusses zu gehen, lehnte ihr Lehrmeister ab, da die Geister etwas anderes planten und die Jäger sagten, es sei zu gefährlich. Selten einmal kamen Reisende aus fremden Stämmen oder Vagabunden, die ohne jeden Stamm allein durch die Welt zogen, zu ihnen und brachten Geschichten aus der Ferne mit. Manche der fantastischen Geschichten handelten von mythischen Wesen, die sie aus der Ferne beobachtet hätten, andere von einer sagenumwobenen Siedlung der Elfen, die irgendwo weit im Norden sein sollte. Hunderte, wenn nicht gar tausende von Elfen sollten dort völlig unabhängig von ihrem Stamm in einem einzigen riesigen Dorf, das man wohl Stadt nannte, leben.
Dort gab es Dinge, die sich hier niemand vorstellen konnte, wie Werkzeuge aus einem glänzenden Stein, der nicht brach. Felder, die bis zum Horizont reichten, und heilige Orte, an denen die Druiden mit Wesen jenseits jeder Vorstellung von Angesicht zu Angesicht sprechen konnten. Natürlich waren dies nur alles Geschichten von Reisenden, die entweder selbst dorthin unterwegs waren oder, wenn sie von Norden kamen, behaupteten dort gewesen zu sein, um sich mit ihren Märchen eine warme Mahlzeit und einen Platz an ihrem Feuer zu verdienen, aber Lilith glaubte daran, dass dieser Ort wirklich existierte.
Doch statt über ihre Träume zu sinnieren, sollte sie sich besser auf ihre Aufgaben konzentrieren und sich Gedanken darüber machen, wie sie all die kommenden Herausforderungen bewältigen konnte, die auf sie zukamen. Die Zeit verrann quälend langsam, die Sonne überschritt ihren Zenit und schon wurden die Schatten länger, doch Karjan war noch immer nicht aufgewacht.
Sollte er nicht bis zur Abenddämmerung zurück sein, hatte er sie angewiesen, allein zum Dorf zu gehen und den Ältesten sein Dahinscheiden zu verkünden. In ihrem Geiste malte sie sich bereits aus, wie sie allein vor den Ältestenrat trat, aber dann hörte sie Karjan scharf einatmen.
Die Augen weit aufgerissen und schreckhaft, völlig desorientiert um sich blickend fuhr ihr Meister hoch und atmete schwer. „Ich … bin … zurück …“
„Meister, geht es euch gut?“, rief sie vom Fuß des Vipernfelsens zu ihm hinauf, während er in die Nachmittagssonne blickte. Sie wäre zu ihm heraufgeklettert und hätte ihm aufgeholfen, aber es war nur einem Druiden und keiner Schülerin erlaubt, das Heiligtum zu berühren. „Lilith, wir müssen gehen, sofort.“
Mit letzter Kraft mühte Karjan sich den Felsen hinab. Sein Körper war schwach, seine Glieder waren noch taub vom Geisterschlaf und seine Augen huschten panisch umher. „Ich habe es gesehen. Ich habe es gesehen. Ich habe es gesehen …“
Sobald er neben ihr stand, stützte sie ihn, während er immer wieder dasselbe murmelte. „Was habt ihr gesehen? Was haben euch die Geister gezeigt?“
Er wandte sich an sie und umklammerte mit seinen dürren, zittrigen Händen ihr Gesicht. Seine Berührung war trotz der warmen Sommersonne kalt und noch nie hatte sie solch eine Furcht in seinen Augen gesehen. „Ödnis, mein Kind. Der Regen wird nicht kommen und unsere Heimat wird karges Land. Das Ende naht, Lilith, doch die Geister zeigten mir ein Land, das wir finden müssen. Endlose Ebenen grünen, fruchtbaren Landes, mächtige Flüsse voller Fische, Wälder, in denen das Wild sich dem Jäger darbietet. Im Norden liegt es, irgendwo dort wird unsere neue Heimat sein, aber nun schnell. Wir dürfen keine Zeit verlieren und müssen dem Rat davon berichten!“
Mit unsicheren Schritten und von Lilith gestützt, schleppte er sich zurück zu dem Pfad am Rande der Lichtung, der durch den Mischwald zu ihrem Dorf zurückführte. „Das Ende, wann wird es kommen?“
„Es hat bereits begonnen. Wie lange, glaubst du, wird das Wasser noch reichen? Der spärliche Regen, der fällt, wird das Korn nicht reifen lassen und selbst die erhabenen Wälder um uns herum zeigen die Spuren der Dürre“, beantwortete Karjan ihre Frage und blickte in den Wald um sie herum. Zwar war das Unterholz dicht und die Bäume grün, doch im warmen Wind, der durch die Baumkronen wehte, tanzten bereits noch grün zu Boden fallende Blätter. An manchen Bäumen war auch die Rinde aufgerissen und wieder andere, die noch im letzten Jahr standhaft den Herbststürmen getrotzt hatten, lagen umgeknickt und vermodernd auf der Erde. „Hörst du es denn nicht, das leise Abschiedslied des Waldes?“
Sie schloss die Augen und lauschte. Ja, da war etwas. Zuerst hatte sie es nur für den Wind gehalten, der durch die Blätter fuhr, aber jetzt wurde sie dem verborgenen Flüstern und seinem traurigen Klang gewahr. Ein kalter Schauer fuhr ihr über den Rücken, als ihr bewusst wurde, wie sehr die vergangenen Jahre des wenigen Regens bereits dem Wald geschadet hatten. Wie lange wohl würde es noch brauchen, bis er verschwand und mit ihm ihr Dorf?
„Aber können wir denn nichts tun?“
„Nein, mein Kind. Wir sind unbedeutend für das Schicksal dieser Welt und haben keinen Einfluss darauf, was mit ihr geschieht, darum habe ich die Geister um Rat gebeten. Nun haben sie endlich gesprochen und uns einen Weg gezeigt. Wir müssen das Land finden, in dem alle Elfen in Frieden leben können“, erklärte Karjan, während sie den schmalen Pfad entlanggingen, an dessen Rändern in regelmäßigen Abständen kleine Steine lagen, in die Zeichen für die heiligen Schlangen eingemeißelt waren. „Vielleicht hatten die Reisenden aus dem Norden sogar Recht, als sie von dieser ‘Stadt’ der Elfen erzählten. Vielleicht haben sie das versprochene Land bereits gesehen. Oh, welch Narren waren wir, dass wir ihnen keinen Glauben schenkten und ihre Berichte als Geschichten abtaten!“
Über sich selbst verärgert schüttelte Karjan den Kopf. „Es braucht den ungetrübten Blick der Jugend, um das Neue willkommen zu heißen. Ich hätte schon früher auf deine Ideen hören sollen und vielleicht hätten wir dann diese Situation verhindern können, darum will ich, dass du heute bei der Versammlung des Rates dabei bist.“
„Ich, ähm, ich weiß nicht, ob das angemessen wäre“, brachte Lilith überrascht hervor. Sie war noch immer ein Lehrling und hatte nicht einmal den Übergangsritus vom Kind zum vollwertigen Stammesmitglied vollzogen, daher verstieß Karjans Vorschlag gegen jede Tradition. Selbst in ihrer Position als seine Nachfolgerin wäre es unangemessen, wenn sie einem solch wichtigen Treffen beiwohnte. „Ich glaube, es wäre besser, wenn …“
„Oh nein, Lilith, du wirst teilnehmen. Wäre ich nicht zurückgekehrt, so wärst du an diesem Abend an meiner statt bei diesem Treffen und du hast alles gelernt, was du brauchst, um meinen Platz einzunehmen, wenn die Zeit gekommen ist. Du kennst alle Riten und Bräuche, weißt, wie man mit den Geistern in Kontakt tritt und zugleich hast du eine Begabung, die ihresgleichen sucht“, unterbrach er sie und blickte sie stolz an. „Du bist so weit, mein Kind.“
Sie schluckte nur und führte ihren Lehrmeister stumm den Weg zu ihrem Dorf entlang. Trotz der wohlwollenden Worte Karjans und seinem Vertrauen in sie, glaubte sie nicht an sich selbst. Hätte er dasselbe im nächsten Jahr gesagt, nachdem sie offiziell das Kindesalter verlassen hätte und eine vollwertige Druidin wäre, möglichweise mochte sie dann bereit sein und sich auch so fühlen.
Der Vipernfelsen lag etwa zweieinhalb Stunden in nordwestlicher Richtung von ihrem Dorf entfernt und war nur über den verbotenen Pfad zu erreichen, der sich einer Viper gleich durch den lichten Mischwald schlängelte. Sie hatten an vielen Stellen kurz gerastet, denn Karjan war noch immer erschöpft von seiner Reise in die Geisterwelt, daher kamen sie erst spät, mit der tiefstehenden Sonne im Rücken, wieder im Dorf an.
Es lag einige hundert Schritte vom Ufer des Limhar entfernt und bestand aus sechzehn Hütten aus Lehm und Holz, deren Dächer mit trockenem Schilf gedeckt waren. Sie alle standen über zwei Reihen hin um einen zentralen Platz aus festgetretener Erde, in dessen Mitte sich ein Totempfahl befand, aus dem zwei hölzerne Vipern, die den Pfahl umschlangen, hervorgearbeitet waren. Neben dem Dutzend Wohnhütten befand sich am östlichen Rand des Dorfplatzes das größte Haus. In dem kreisrunden Gebäude versammelten sich der Rat der vier Ältesten und der Druide, um gemeinsam über die Zukunft der Gemeinschaft zu bestimmen oder den Dorfbewohnern ihre Entscheidungen zu verkünden.
Um ihr Dorf herum waren einige karge Felder angelegt, auf denen die traurigen Überreste ihrer Bestrebungen, Korn für Brot zu ziehen, vertrockneten. Drei ältere Männer - Ambern, Dhergas und Haywir - standen in ein Gespräch vertieft bei den kümmerlichen Pflanzen, doch als sie Karjan und Lilith erblickten, hielten sie inne und Dhergas kam zu ihnen herüber. „Bringt ihr gute Nachrichten, Karjan?“
In ihrem Dorf lebten dreiundsiebzig Elfen, die allesamt zu einer der acht Familien gehörten und hier geboren waren. Nur Lilith selbst stammte nicht von hier und wusste auch nicht, wer ihre Eltern waren, denn eines Tages hatte man sie als kleines Mädchen aus den Strömen des Limhars gezogen. Sie erinnerte sich an ihren Namen und ihr Alter, aber die Erinnerungen an ihre Heimat und ihre ursprüngliche Familie waren diffus und verschwommen. Zwar glaubte sie, sich an ihre Stimmen zu erinnern, doch wie sie aussahen, dass wusste sie nicht mehr. Sie konnte damals nicht einmal sagen, wie sie in den Fluss hineingeraten oder was ihr zugestoßen war. Ihr Leben vor ihrer Zeit hier war verschwunden, als hätte es vor ihrer Ankunft hier nicht existiert und das machte so manchem im Dorf Angst. Nicht jeder war darüber erfreut, dass sie Karjans Nachfolgerin war, denn für manche war sie ein Flussdämon, der sich als Elfe ausgab und Unheil über das Dorf brachte. Die meisten aber hatten sie im Laufe der Zeit akzeptiert und sie war als Kind bei den unterschiedlichen Familien immer für eine gewisse Zeit untergekommen, doch am wohlsten hatte sie sich immer dann gefühlt, wenn sie fern des Dorfes allein am Ufer des Flusses saß.
„Die Geister haben mir die Zukunft offenbart und mir den Weg aufgezeigt, doch die Entscheidung, was getan werden muss, wird der Rat treffen“, antwortete Karjan ausweichend und Dhergas nickte nur, während sein Blick zu Lilith herüberwanderte. Er mochte sie nicht und das hatte er sie in ihrer Zeit in seinem Haus auch deutlich spüren lassen, aber nunmehr lebte sie bei Karjan und würde eines Tages seine Hütte für sich allein haben, daher beließ er es jetzt auch nur bei einem abfälligen Blick. „Die Ältesten haben sich bereits versammelt.“
„Gut, dann werden wir sie nicht warten lassen“, mischte sich Lilith demonstrativ ein und zog ihren Lehrmeister in Richtung des Versammlungshauses. „Ja, du hast Recht, Lilith, wir sollten sie nicht warten lassen, denn unsere Botschaft ist dringlich.“
Dhergas nickte ihnen nochmals kurz zu, dann stapfte er zu seinen zwei Kumpanen zurück und tuschelte leise, während sie dem Weg zum Haus der Ältesten folgten. Einige Kinder spielten auf dem Dorfplatz, lachend, von den Sorgen um die Zukunft unberührt, tollten sie dort herum und spielten unter den wachsamen Augen einiger Erwachsener Fangen. Der Geruch der verschiedenen Gerichte, die über den kleinen Feuern in den Hütten zubereitet wurden, erfüllte die Luft und die meisten Dorfbewohner grüßten Karjan und sie, als sie an ihnen vorbei direkt zum Versammlungshaus gingen. Niemand sprach es aus, aber Lilith konnte die Anspannung fühlen, die sich wie ein unsichtbarer Schleier über das Dorf gelegt hatte, denn sie alle erwarteten besorgt die Worte des Druiden. Anders als Lilith würden sie vielleicht nie von Karjans Prophezeiung erfahren, denn es wäre der Rat der Ältesten, der gemeinsam entschloss, was das Beste für das Dorf wäre und dann seine Entscheidung verkündete. Nur selten kam es vor, dass das ganze Dorf sich gemeinsam auf dem zentralen Platz versammelte und dort gemeinschaftlich einen Entschluss traf.
„Karjan, Lilith, ihr seid zurück und ich hoffe, ihr bringt gute Nachrichten“, empfing sie der Älteste Gilnas, als sie in das Versammlungshaus eintraten und die Tür hinter sich schlossen. Es hatte nur einen einzigen Raum, der gut ein Dutzend Meter breit war und dessen Boden aus festgetretenem Lehm bestand. Im Zentrum des fensterlosen Hauses brannte knisternd ein kleines Feuerchen und tauchte den Raum in orangerotes Licht. Um das Feuer herum lagen Schafsfelle verteilt, auf denen die Ältesten Platz genommen hatten und ihre Schatten tanzten an den mit Jagdszenen bemalten Wänden.
Neben Gilnas, einem kahlköpfigen, alten Greis von vierundfünfzig Jahren mit eingefallenen Wangen, blasser Haut und feinen Äderchen im Gesicht, die deutlich hervorstachen, saß zu seiner Linken Mirian. Sie war eine herzensgute Frau, die einst eine talentierte Jägerin gewesen sein sollte, und ihr drahtiger Körperbau, den sie sogar noch im hohen Alter von dreiundfünfzig Jahren aufwies, ließ erahnen, wie sie in ihren besten Jahren wohl ausgesehen haben musste. In ihrem kurz gehaltenen grauen Haar waren noch immer einige dunklere Strähnen vorhanden und bis vor einigen Wintern hatte sie sogar noch an der einen oder anderen Jagd teilgenommen, doch eine üble Krankheit hatte ihr das Augenlicht geraubt. Seither verbrachte sie den Tag im Dorf, doch ihre Blindheit hatte ihr nicht die Lust am Leben genommen. Sie erzählte gern aus ihrer eigenen Vergangenheit und unterhielt die Kinder des Dorfes mit ihren Geschichten.
Zu Gilnas Rechten saßen die Ältesten Gwendolin und Geron, Zwillinge, die manchmal scherzhaft darum wetteiferten, wer wohl länger von ihnen lebte, wenn sie sich nicht darum zankten, wer von ihnen die schlimmeren Leiden hatte. Mit ihren dreiundsechzig Jahren waren sie die ältesten Bewohner des Dorfes und sie hatten mehr gesehen als jeder andere hier, wenngleich sie immer wieder betonten, sie wären noch lange nicht alt genug, den ‘jungen Leuten im Rat’ die Leitung des Dorfes zu überlassen.
Lilith mochte die zwei gern, denn sie waren sich trotz ihres hohen Alters für keinen Spaß zu fein und hatten früher schon, als sie selbst noch ein Kind war, immer wieder an Streichen und Spielchen der Kinder im Dorf teilgenommen. Allerdings forderte die Zeit ihren Tribut und auch wenn sie es nur ungern offen zugaben, ihre Leiden waren ernst und sie wussten, dass ihr Leben nicht viel länger währen würde. In diesem Jahr waren beide stark abgemagert und ihre faltige Haut hing ihnen vom Körper herab, als sei dieser dafür zu klein geworden. Zugleich ging ihre Kraft mit jedem Tag ein wenig zurück und so genossen sie häufig einfach die warme Sonne und saßen vor dem Versammlungshaus am Dorfplatz auf einem Fell, die Kinder und das Treiben der Erwachsenen beobachtend.
„Lilith wird an unserer Versammlung teilnehmen“, begann Karjan als erstes, während er sich auf den Platz gegenüber von Gilnas setzte. Auf seine Äußerung hin zogen die anderen nur die Augenbrauen hoch und überließen es Gilnas zu sprechen. „Nun denn, ihr werdet eure Gründe haben, Karjan. Sagt, was habt ihr gesehen? Werden uns die Geister wieder den Regen schenken?“
Bevor er zu antworten begann, deutete Karjan Lilith, an seiner Seite Platz zu nehmen und erst als sie saß, erzählte er von seiner Vision. „Die großen Geister haben unsere Bitte um Rat erhört und gesprochen. Die Zeit zu warten und auszuharren ist vorbei. Sie zeigten mir unsere Zukunft und sie ist erschreckend. Unser Land wird verdorren und der Wald wird verschwinden, bis kein Baum mehr steht. Nur karge Ödnis wird von unserer Heimat bleiben.“
„Aber gibt es denn nichts, was wir tun können?“, wollte Mirian wissen, sah zuerst zu Karjan und dann zu Lilith. Wie den anderen Mitgliedern des Rates stand ihr die Sorge ins Gesicht geschrieben, doch Karjan hob beschwichtigend die Hand. „Seid unbesorgt, durch die weise Führung der Geister werden wir bestehen. Unsere Zeit ist knapp und wir werden so viele Vorräte anlegen müssen, wie wir können, denn der Regen wird auch weiter ausbleiben“, fuhr er fort und wandte seinen Blick dann zu Lilith. „Die Reisenden aus dem Norden haben von einem Land erzählt, in dem die Elfen zu Tausenden leben, ohne Hunger zu leiden. Wir taten es als einfache Geschichten ab, aber die Geister der Erde und des Himmels selbst zeigten mir in einer Vision dieses Land. Fruchtbare Felder, soweit das Auge reicht. Endlose Seen und Flüsse voller Fisch, die selbst in den tiefsten Wintern nicht zufrieren und große Siedlungen unseres Volkes, das in Frieden gemeinsam lebt. Irgendwo dort im Norden existiert auch ein Ort für uns und die Geister wollen, dass wir ihn suchen. Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir alle dorthin umsiedeln müssen.“
„Die Geister haben uns zuerst gesagt, wir sollten warten, doch nun sollen wir unsere Heimat, die Erde, in denen wir unsere Ahnen zum Schlaf gebettet haben, verlassen?“, wandte Gwendolin skeptisch ein und Geron fügte noch etwas hinzu. „Was soll mit den Alten, den Schwachen und den jüngsten Kindern geschehen? Wir sind nicht in Lage, eine Reise ins Ungewisse zu überstehen.“
„Es geschehen Dinge, die unser aller Verständnis übersteigen und nur die Geister selbst wissen, was dort draußen in dieser Welt geschieht. Es wäre anmaßend, ihr Urteil in Frage zu stellen“, unterbrach Gilnas die Zwillinge, bevor sie noch weitere Zweifel äußern konnten und Karjan erwiderte: „Fürwahr, ihr Wille ist unergründlich, doch nicht ich fordere, dass wir unsere Heimat aufgeben. Ich verkünde nur, was sie mir gezeigt haben und das ist ein Land im Norden.“
„Sie haben euch nicht gezeigt, wo es ist oder wie wir es erreichen können?“, meldete sich Mirian erneut zu Wort und Karjan schüttelte betrübt den Kopf. Die Geister zeigten den Fragenden nur einen Teil der Lösung auf, denn sie prüften damit, ob derjenige, der ihre Weisheit für sich beanspruchte, ihrer würdig war. Sie waren Wesen von unglaublicher Macht und wussten vermutlich alles, aber in ihrer Größe waren die einzelnen Elfen für sie ohne Belang, daher kam es vor, dass ihre Pläne manchmal zwar dem Wohle aller dienten, aber einige wenige dabei als Tribut an sie geopfert werden mussten.
„Sie versprechen uns eine neue Heimat und verraten uns, wo sie liegt, aber sie verschweigen den Weg dorthin? Es klingt mir nach einer Prüfung, die man uns stellt. Ist dies nicht vielleicht alles eine Prüfung und sie haben nur so lange geschwiegen, um zu sehen, ob wir selbst unsere Probleme lösen könnten?“
Gilnas Worte ergaben für Lilith Sinn, denn genauso verhielten sich Geister nun einmal. Dann plötzlich erwuchs ein Gedanke in ihrem Geiste. „Was wäre, wenn wir nur eine kleine Gruppe unserer besten Späher entsenden, das versprochene Land zu finden? Es kamen schon Reisende aus dem Norden, die davon berichteten. Vielleicht waren sie keine Elfen, sondern Boten der Geister, die uns dorthin führen sollten? Sollten wir nach Norden ziehen, finden wir vielleicht noch weitere Hinweise, wie wir unsere neue Heimat finden könnten.“
Für einen Moment richteten sich die Blicke aller Ältesten verwundert darüber, dass sie sich zu Wort gemeldet hatte, auf sie, dann nickte Gilnas zustimmend. „Ein interessanter Gedanke, Lilith, meint ihr nicht auch, Gwendolin, Geron?“
„Mhm, ja, durchaus. Somit wüssten wir wenigstens, ob dieses Land wirklich existiert und es bliebe genug Zeit, sich auf die lange Reise vorzubereiten“, stellte Gwendolin trocken mit einem Seitenblick auf ihren Bruder fest, der wenig erheitert war von dem Gedanken, seine Heimat verlassen zu müssen. „Was meine Schwester wohl eher sagen will ist, dass wir noch genug Zeit haben, ins Gras zu beißen, um in unserer Heimaterde begraben werden zu können, wo wir bei unseren Ahnen schlafen werden.“
„Erspart uns eure zynischen Bemerkungen, Geron. Wir alle wissen, dass außer Lilith keiner aus diesem Raum jemals das versprochene Land auch nur sehen wird. Auf uns lastet die Verantwortung, über die Zukunft und das Überleben des Stammes zu entscheiden, also verhaltet euch auch so“, ermahnte Mirian die Zwillinge und wandte ihr Haupt in Liliths Richtung. „Entsenden wir einige wenige Späher, so können sie schnell und unbemerkt reisen. Zugleich können sie einen sicheren Weg erkunden, über den wir unsere wichtigste Habe und ausreichend Vorräte mitnehmen können. Ein durchaus weiser Plan.“
Sie machte eine kurze Pause und schüttelte leicht den Kopf, als sich scheinbar eine Erinnerung an die Vergangenheit aufdrängte. „Die Wildnis ist gefährlich und selbst den besten Jägern können Fehler unterlaufen, doch irgendwo in der Ferne ist es schwierig, Hilfe zu finden. Die Gruppe, die wir entsenden, müsste sich selbst aus misslichen Lagen befreien können und im schlimmsten Falle müssen wir ohne ihre Rückkehr aufbrechen, aber bleibt uns genug Zeit dafür?“
„Ich denke, die Geister sind uns wohlgesonnen. Sie haben mir diese Dinge nicht ohne Grund gezeigt und noch finden wir genug Wild, Beeren und Wurzeln im Wald, sodass wir überleben“, brachte Karjan vor, blickte Lilith an und fuhr fort. „Wir müssen daran glauben, dass wir den Winter überstehen werden und wenn der letzte Schnee getaut sein wird, brechen wir auf. Es ist bis dahin noch etwa ein halbes Jahr, genug Zeit für die Späher, den Weg zu finden und zu uns zurückzukehren.“
„Ich vertraue auf euer Urteil, Karjan“, bekundete Gilnas, wandte sich dann Lilith zu und sprach weiter. „Und auf das eurer Schülerin. Niemand steht näher in Kontakt mit den großen Geistern als ihr Druiden, darum will ich mich hinter Liliths Plan stellen. Entsenden wir diese Späher und suchen unsere neue Heimat. Was denkt ihr?“
„Wir alle werden einen hohen Preis zahlen, denn die Wildnis fordert immer einen Tribut, sowohl von den Spähern als auch von uns, die zurückbleiben. Selbst wenn die Späher eine sichere Passage finden sollten, so werden einige im kommenden Winter oder auf dem Weg in das neue Land zu den Ahnen übertreten, allerdings glaube ich, dass dies die einzige Möglichkeit ist, das Überleben des Stammes zu sichern, daher stimme ich zu“, verkündete Mirian, senkte das Haupt und seufzte. Sie war ihr Leben lang durch die Wildnis gestreift, weiter als jeder andere hier und sie wusste, was sie erwarten würde. Für einen jeden hier außer Lilith bedeutete die Aufgabe des Dorfes nicht nur den Abschied von der Heimat, sondern auch das Ende ihres eigenen Weges. Dennoch entschieden sie sich für das Wohl des Stammes, das Land, auf dem sie seit Generationen siedelten und jagten, aufzugeben und ins Ungewisse zu ziehen.
„Ich denke, ich spreche für mich und meine Schwester, wenn ich sage, dass ich es nicht gutheißen kann, all das hier aufzugeben. Die Geister mögen uns prüfen, aber vielleicht führen sie uns nur in Versuchung und wollen, dass wir hierbleiben und uns stellen?“, brachte Geron seine Zweifel vor. Dabei ließ er den Blick über die Runde schweifen und sah einem jeden von ihnen in die Augen, während er sprach. „Wir beiden werden niemanden davon abhalten, das Dorf zu verlassen, und wir werden auch nicht dagegen sein, Späher zu entsenden, doch wir werden nicht gehen. Wir sind hier geboren und werden hier sterben.“
„Wenn dies euer Entschluss ist, werden wir ihn respektieren“, stellte Gilnas kurz fest, bevor er die nächsten Fragen an den Rat vorbrachte. „Nun, da wir uns für die Entsendung einer kleinen Gruppe von Spähern entschlossen haben, würde ich gerne darüber entscheiden, wie viele wir schicken und wen. Ich persönlich bin dafür, eine Gruppe von nicht mehr als vier oder fünf zu entsenden, damit genügend talentierte Jäger und Sammler im Dorf zurückbleiben, um die Gemeinschaft durch den Winter zu bringen.“
„Dann will ich meinen Erstgeborenen als einen von ihnen vorschlagen. Alles was er weiß, habe ich ihm beigebracht und er ist einer unserer erfahrensten Jäger“, schlug Mirian entschlossen vor. Fjangal war nicht nur ihr Erstgeborener, sondern auch ihr einziges Kind, nachdem ihre Tochter noch ohne Namen bei der Geburt verstorben war. An jenem Tag nahmen ihr die Geister auch die Gabe, neues Leben zu schenken, darum hatte sie Fjangal all ihre Kraft gewidmet und all ihr Wissen an ihn weitergegeben. Heute, mit seinen zweiunddreißig Jahren, war Fjangal nicht nur selbst Vater dreier Kinder, sondern auch einer der besten Jäger ihres Dorfes.
Lilith hatte wenig mit ihm zu tun und sah ihn nur selten, da er oftmals tagelang allein in den Wäldern verschwand und erst mit reicher Beute zurückkehrte, allerdings hatte sie gehört, dass er ein überaus geduldiger und besonnener Mann sein sollte. So jemanden mit der Aufgabe zu betrauen, für sie alle eine neue Heimat zu finden, wäre eine kluge Wahl, allerdings überraschte es sie, dass es Mirian selbst war, die ihn ins Gespräch brachte, wusste sie doch um die Gefahren. „Wenn es dieses Land gibt, dann wird er es finden und sein Bestes geben, uns davon zu berichten.“
„Gewiss wird er das tun und so ihr es wünscht, wird er sicherlich auch im Namen des Dorfes reisen“, begann Karjan vorsichtig. „Doch, seid ihr euch sicher, dass ihr ihn entsenden wollt? Er ist euer einziger Sohn.“
„Ich weiß, dass er gut geeignet ist und wenn er dabei ist, wird es ein Erfolg werden“, bekräftigte Mirian nochmals ihren Vorschlag. „Wir haben uns für diesen Plan entschieden, also sollten wir auch die Besten mit dieser Aufgabe betrauen.“
Einen Moment herrschte Schweigen, während Mirians Worte noch nachklangen. Alle, die hier saßen, waren sich wohlbewusst, dass sie nur die Entscheidung trafen, aber die Last auf den Schultern jener Gruppe liegen würde, die sie entsandten.
„Das sollten wir tun. Fjangal ist der erfahrenste Jäger des Dorfes und ich denke, dass wir ihm Tahira zur Seite stellen sollten“, warf Gilnas in den Raum. Bei der Erwähnung von Tahiras Namen lief Lilith ein kalter Schauer über den Rücken, denn sie war ihr unheimlich. Die Jägerin war gut zehn Jahre älter als sie und als sie noch als Kind bei Tahiras Familie gelebt hatte, neigte Tahira dazu, Lilith zu necken, zu erschrecken oder einfach nur aufzuziehen. Lilith war sich bei ihr nie sicher, ob sie böswillig handelte oder ob dies nur ihre Art war, zu jemandem Kontakt aufzunehmen. Sie war wie ein Herbststurm, unvorhersehbar und voller Kraft, doch unterschied sie sich nicht nur darin von dem ruhigen Fjangal, den Lilith eher mit einem Felsen verglichen hätte. Zwar war sie ebenso wie er eine begnadete Jägerin, aber sie schlich lieber dicht an ihre Beute heran und überraschte diese, als dass sie lange auf den richtigen Moment wartete. Vielleicht war es diese Art der Jagd, die ihr den Beinamen ‘Tiger’ eingebracht hatte? Oder war es das Offensichtlichere, das Fell des von ihr erlegten grauen Tigers, das sie als Mantel zu tragen pflegte?
„Wenn ihr Tiger wollt, dann werdet ihr auch Ijago gleich mit dabeihaben“, stellte Gwendolin fest und nutzte Tahiras Beinamen, mit dem fast jeder im Dorf sie ansprach. Einzig die Ältesten und vielleicht noch Ijago, ihr Gefährte, mit dem sie schon seit vielen Jahren zusammenlebte, nutzten ihren eigentlichen Namen. Die zwei waren fast immer gemeinsam zu sehen und mit einer
Mischung aus Geduld und Sturheit ließ Ijago die Ausbrüche seiner Gefährtin über sich ergehen. Selbst, dass er ein beliebtes Thema bei dem üblichen Geschwätz im Dorf war, schien ihn nicht weiter zu stören, allerdings wunderte sich so mancher, dass sie keine Kinder hatten, obwohl sie doch schon seit Jahren zusammenlebten.
„Ich werde meinen Enkel wohl nie verstehen, warum er ihr wie ein Küken der Glucke gleich folgt, aber ich kann euch versichern, dass er nicht von ihrer Seite weichen wird“, fügte Geron noch trocken hinzu und schüttelte über das Verhalten seines Enkels den Kopf.
„Ich bin mir wohlbewusst, dass Ijago nicht von Tahiras Seite weichen wird, allerdings sehe ich darin eher einen Vorteil. Die beiden sind ein eingespieltes Team bei der Jagd und obwohl sie oftmals allein unterwegs sind, bringen sie immer gute Beute. Tahira ist eine ausgezeichnete Jägerin, aber auch Ijago ist mindestens ein guter Jäger und ich glaube, dass er es ist, der Tahira davon abhält, unbedachte Fehler zu begehen.“
„Ich denke, damit habt ihr Recht, Gilnas. Nun da wir drei Namen zusammen haben, lasst mich einen vierten vorschlagen“, ergriff Karjan das Wort, sah kurz in die Runde der Ältesten und dann zu Lilith. „Drei begnadete Jäger entsenden wir, doch dort draußen lauern vielleicht noch andere Gefahren, daher will ich vorschlagen, meine Schülerin Lilith zu entsenden.“
Die Blicke der Ältesten richteten sich überrascht von seinem Vorschlag auf Karjan und auch Lilith wollte protestieren, aber er deutete ihr zu schweigen. „Meine Zeit in dieser Welt wird schon bald ihr Ende finden und ich weiß, dass Lilith meinen Platz einnehmen sollte, aber wenn ich das größere Ganze betrachte, so glaube ich, dass sie besser mit unseren Spähern reisen sollte.“
Sie wollte nicht mitgehen, denn sie müsste doch noch so viel lernen. Was sollte außerdem aus dem Dorf werden, wenn Karjan sterben sollte, während sie auf Reisen war?
Wer würde die Rituale leiten und die Toten zu den Ahnen geleiten oder die Kranken heilen, wenn er nicht mehr da wäre?
„Verzeiht, Meister, aber spricht nicht mehr dagegen, dass ich gehe, als dafür?“
„Es ist eine gefährliche Reise und ihr Ausgang ist ungewiss, aber kann es nicht der Wille der Geister sein? Du warst es, die den Einfall hatte, Späher entsenden und schon zuvor hattest du mich immer wieder darum gebeten, die Quelle des Flusses aufzusuchen. Immer mehr wird mir klar, dass die Geister zu dir sprechen und versuchen, dich zu leiten. Wenn wir unser Schicksal in die Hände einer kleinen Gruppe von Spähern legen, dann sollten wir ihnen bei dieser Aufgabe auch jemanden zur Seite stellen, der den Willen der Geister deuten kann.“
So wie Karjan es formulierte, blieb Lilith kaum die Möglichkeit zu widersprechen, denn im Grunde hatte er Recht. Sollten die Späher scheitern, so hätte dies katastrophale Folgen und auf ihrem Weg nach Norden würden die drei Jäger ohne Zweifel auf weitere Hinweise der Geister stoßen, die versuchten, sie zu leiten. Sie seufzte und neigte ergeben das Haupt.
„Wenn es der Wille des Rates ist, werde ich mich anschließen und unsere Jäger nach Norden begleiten. In den Augen des Stammes mag ich zwar noch ein Kind sein, aber wenn Karjan sagt, ich sei bereit, so bitte ich euch, seinem Urteil zu trauen.“
Lilith fortzuschicken und es somit zu riskieren, dass ihr Dorf ohne eine Druidin dastände, sollte Karjan zu den Ahnen gehen, schien den Ältesten wenig zu gefallen. Mit versteinerten Mienen saßen sie schweigend da, blickten abwechselnd zueinander oder starrten in das leise knisternde Feuer. Die Zeit verging schleppend langsam und erst nach einer gequälten Ewigkeit ergriff Gwendolin das Wort. „Einen Jäger zu verlieren ist ein schmerzhafter Verlust, bedeutet es doch, dass das Dorf Hunger leidet, sobald die reichen Zeiten enden. Keinen Druiden zu haben, bedeutet jedoch, dass die Toten nicht in ihrer Heimaterde begraben werden können, bis jemand ihnen den Weg weist, damit ihre Seelen den Weg ins Jenseits finden. Hinzu kommt noch, dass Dämonen Krankheiten bringen können, ohne dass wir uns ihrer erwehren könnten. Selbst wenn das Schicksal des Dorfes in Gefahr ist, ohne einen Druiden stirbt es auch so. Im schlimmsten Falle geschieht Lilith ein Unglück und wir alle sind verflucht, unfähig die Zeichen der Geisterwelt zu deuten. Somit kann ich bei bestem Willen diesem Vorschlag nicht zustimmen.“
Auf Gwendolins Worte folgte betretenes Schweigen, während Geron sich mit seinen wenigen verbliebenen Zähne auf die Unterlippe biss. Er seufzte und flüsterte kaum hörbar. „Ich bin nicht sicher, ob es weise ist, aber ich muss meiner Schwester widersprechen. Wir haben Angst, denn sollte Karjans Leben enden, bevor Lilith zurück ist, werden unsere Körper unbegraben auf der Erde verrotten und unsere Seelen gefangen sein. Sollte sie nicht zurückkehren, so wäre dies das Ende unseres Stammes, aber ich glaube, dass dies nicht geschehen wird. Wir sollen für das Wohl des Stammes und für dessen Zukunft entscheiden. Um dieses Vorhaben zum Erfolg zu bringen, werden die Jäger auch die Führung der Geister benötigen und da Karjan ebenso wie wir zu alt für ein solches Unterfangen ist, ist es an Lilith, sie zu unserer neuen Heimat zu leiten.“
Verärgert über die gegensätzliche Meinung ihres Zwillingsbruders warf Gwendolin Geron giftige Blicke zu, aber dieser wich ihnen aus.
Gilnas wandte sich Lilith zu und richtete das Wort direkt an sie.
„Ich denke, dass ich mich Gerons Worten anschließen kann. Du magst Recht haben, wenn du sagst, du bist in den Augen des Stammes noch ein Kind, Lilith, aber ich glaube, dass wir uns in einer solchen Lage nicht von Traditionen fesseln lassen sollten. Wenn Karjan sagt, die großen Geister hätten dich erwählt, ist es nicht an uns, ihre Entscheidung in Frage zu stellen, daher stimme ich dafür, dass du unsere Jäger begleitest und zugleich möchte ich noch hinzufügen, dass ich glaube, dass diese Gruppe ihre Aufgabe erfüllen und unseren Stamm retten wird“, führte Gilnas ruhig und wohlüberlegt aus. Seine Zustimmung zu geben, fiel ihm sichtbar schwer, aber mehr als so manch anderer vermochte Gilnas zwischen seinen eigenen Interessen und dem Wohl aller zu unterscheiden. „Seht ihr es genauso, Mirian?“
„Ich bin mir nicht sicher. Wie Gwendolin bereits sagte, einen Jäger zu verlieren ist eine Tragödie, aber der Tod eines Druiden, noch dazu ohne einen Nachfolger, ist eine unbeschreibliche Katastrophe. Ich kann in diesem Fall keine Entscheidung treffen, denn ich glaube, dass mein Urteilsvermögen von meinen Sorgen verzerrt wird, daher werde ich mich meiner Stimme enthalten“, antworte die blinde Jägerin nach einiger Zeit des Überlegens. Während Gwendolin verärgert das faltige Gesicht verzog, nickte Gilnas zufrieden. „Gut, so ist es beschlossen. Wir werden Fjangal, Tahira, Ijago und Lilith entsenden. Auf ihren Schultern wird die Last aller liegen, aber die großen Geister werden mit ihnen sein.“
„Ihr macht einen Fehler, doch ihr ahnt noch nicht, was euch bevorsteht“, erhob Gwendolin warnend die Stimme, bevor sie sich langsam und mühevoll erhob. „Ich werde im Dorf Bescheid geben, dass alle sich versammeln sollen. Sie alle sollen erfahren, was heute hier beschlossen wurde.“
„Genau darum wollte ich euch bitten, Gwendolin. Ich glaube nicht, dass wir lange zögern sollten. Lilith, kehr zu eurer Hütte zurück und bereite dich auf die Reise vor. Ruh dich aus, pack deine Sachen und so alle dazu bereit sind, wirst du schon im Morgengrauen den langen Weg nach Norden antreten.“
Sie blickte kurz zu Karjan herüber, der ein Nicken andeutete und ihr erlaubte, sich zu erheben. „Ihr Ältesten, ich werde sofort mit den Vorbereitungen beginnen.“
Lilith folgte Gwendolin nach draußen. Es war ruhig im Dorf und Gwendolin sah sie verbittert an, als sie an ihr vorbeiging. „Ich hoffe du bereust es nicht, mein Kind.“
„Das werde ich schon nicht“, erwiderte sie kurz angebunden und lief den kurzen, festgetretenen Weg vom Dorfplatz zur nördlichsten Hütte hin. Wie die anderen war sie fensterlos und aus Lehm und Holz gebaut, mit einem Rauchabzug in der Mitte, wo im Inneren die Feuerstelle lag. Sobald sie die hölzerne Tür öffnete und in den dunklen Raum eintrat, schlug ihr der intensive Geruch unzähliger Kräuter entgegen, die in Bündeln zusammengebunden und getrocknet von der Decke herabhingen. Zur linken und rechten Seite der Feuerstelle fanden sich ihre Schlafstätten auf den Fellen von Waldschafen, während ihre Kleider in geflochtenen Körben aus Schilf aufbewahrt wurden. Des Weiteren gab es einige Tonkrüge mit Getreide, Nüssen und getrockneten Beeren. Neben ihnen, auf einem flachen Stein, lagen ihre wichtigsten Werkzeuge, verschiedene, verzierte Messer mit Griffen aus Horn und Klingen aus Feuerstein und Obsidian. Ihr wichtigster Besitz und ein Relikt unglaublicher Macht war jedoch der Schlangenstab, der sich in einer Halterung an der Wand befand. Auf den ersten Blick hin schien es sich nur um einen kunstvoll geschnitzten Holzstab zu handeln, an dessen oberen Ende sich ein stilisierter Schlangenkopf befand. Er war von den Geistern gesegnet und konnte, wenn die richtigen Worte gesprochen wurden und der Zeitpunkt korrekt war, Wunder vollbringen. Seit nunmehr drei Generationen wurde er von einem Druiden an den nächsten weitergegeben und eines Tages würde auch Lilith ihn ihr Eigen nennen, aber im Moment wagte sie nicht einmal, ihn zu berühren.
Um sich für die Reise zu rüsten, nahm sie sich ihren Rucksack aus robustem Fischleder, der neben ihrer Schlafstätte an die Wand gelehnt stand, und überlegte, was sie wohl für eine solch lange Reise benötigen würde. Neben warmer Kleidung aus Pelz und Leder würde sie auch Proviant benötigen, damit sie rasch einige Distanz zwischen sich und das Dorf bringen konnten. Zudem würden heilende Kräuter sicherlich nicht schaden, denn wer wusste schon, was auf der Reise alles geschehen würde?
Am Ende war ihr Rucksack so voll gepackt mit warmer Winterkleidung und Kräutern, dass sie nur schwerlich den Laib dunklen Brotes noch hineinstopfen konnte, aber letztlich gelang es ihr dann doch mit einiger Anstrengung und der Hoffnung, dass der Rucksack ihr dabei nicht einreißen würde. „Oh Meister, warum nur schickt ihr mich fort?“
Natürlich kannte sie die Antwort auf ihre leise vor sich hin gemurmelte Frage, denn er hatte seine Entscheidung vor dem Rat begründet, allerdings fühlte sich Lilith nicht wirklich von den Geistern auserwählt. Wenn sie doch nur etwas mehr Zeit hätte, sich vorbereiten zu können, wäre ihr ungleich wohler gewesen, aber nun sollte sie schon im Morgengrauen des nächsten Tages mit den älteren und weitaus erfahreneren Jägern nach Norden ziehen.
Ihr oblag es als Druidin, den richtigen Weg vorzuschlagen und die Zeichen zu deuten, die die Geister ihnen auf ihrer Reise zeigten. Sollte sie jedoch nur ein einziges Mal falsch liegen, so gefährdete sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das der Jäger und des gesamten Stammes. „Wenn ihr hier seid, dann antwortet doch bitte. Warum habt ihr mich auserwählt? Was ist an mir so besonders, dass ich nach dem versprochenen Land suchen soll und warum habt ihr nicht Karjan früher davon berichtet?“
Zwar hatte sie nicht erwartet, dass die Geister ihr sogleich antworten würden, allerdings war Lilith doch ein wenig enttäuscht, dass sie sich in Schweigen hüllten. Wenn sie ihr einflüsterten, eine Gruppe von Spähern zu entsenden, dann könnten sie ihr doch wenigstens antworten, oder nicht?
Sie seufzte, ging aus der Hütte hinaus und setzte sich ins trockene Gras vor dem Eingang. Es war ausgedorrt und fühlte sich kratzig auf ihrer Haut an, aber die abendliche, versinkende Sonne war angenehm und von hier aus hatte sie einen guten Blick auf das Geschehen auf dem Dorfplatz, wo die Ältesten ihren Beschluss kundgaben. Den Gesprächsfetzen angeregt diskutierender Dorfbewohner nach zu urteilen, gab es noch so manchen Zweifel im Stamm, allerdings sahen die meisten vor allem besorgt und verängstigt aus. Karjans Prophezeiung kam zu einer Zeit, in der die meisten noch die vage Hoffnung hatten, dass bald schon alles wieder gut werden würde. Schon am Morgen, als sie und ihr Lehrmeister vom Dorf aufbrachen, um den Rat der Geister einzuholen, hatten sie manche sehnsuchtsvoll angesehen und auf gute Nachrichten gehofft. Jetzt allerdings musste Karjan ihnen die bittere Gewissheit verkünden, dass sie ihre Heimat verlieren würden.
Die Vorstellung, dass im Norden eine riesige Siedlung existierte, war aufregend, wenngleich sich Lilith mit all ihrer Fantasie nicht einmal im Ansatz ausmalen konnte, wie ein solcher Ort aussehen könnte.
„Was wird nun bloß aus uns allen werden“, flüsterte sie leise, während ihr Blick über die verunsicherten Gesichter ihrer Stammesmitglieder schweifte. Unter ihnen konnte sie Tiger, Fjangal und Ijago ausmachen und da sie alle anwesend waren, konnte sie davon ausgehen, dass sie wirklich im Morgengrauen aufbrechen würden. Ijago und die Tigerin würden sich garantiert und ohne zu zögern auf ein solches Abenteuer einlassen, denn wenn sie dem glaubte, was Tiger so erzählte, zogen sie weiter als jeder andere Jäger. Fjangal hingegen könnte Bedenken haben, seine Familie zu verlassen, aber er würde auf seine Mutter Mirian hören und sich noch an diesem Abend auf die Reise vorbereiten. Somit wäre es vielleicht auch weise, wenn sie selbst versuchen würde, etwas zu schlafen, denn der morgige Tag würde sich anstrengend werden.
Kapitel 2
Spärlich fiel das erste Sonnenlicht durch die angelehnte Tür hinein in das Halbdunkel der viel zu großen Hütte, an deren Seitenwand Ijago saß und nachdenklich zu Tahira hinüberblickte. Sie lag nackt bäuchlings auf ihrer gemeinsamen Schlafstätte, die leichte Leinendecke über dem Unterkörper und den linken Arm über die Stelle gelegt, wo er noch vor kurzem selbst gelegen hatte. Ihr wildes rotbraunes Haar, in das sich einige dunklere Strähnen mischten, fiel ihr über die rechte Schulter und verbarg einige der alten Narben, die sie von ihrem Kampf mit dem Tiger davongetragen hatte. Am linken Arm, den sie im Todeskampf vor das Gesicht gehalten hatte, zeugten sie noch immer davon, an welchen Stellen die Krallen der Raubkatze ihr Fleisch zerrissen hatten, während die Narben ihres Halses davon Zeugnis ablegten, wie knapp sie dem Tode entronnen war.
Letztlich hatte sie triumphiert und dem Tiger wieder und wieder ein Messer zwischen die Rippen gestoßen, bis dieser entkräftet über ihr zusammengebrochen war und dieses Kampfes wegen oder vielleicht auch nur wegen des Mantels aus dem Fell eben jenes Tigers, den sie zu jeder Jahreszeit zu tragen pflegte, nannten die meisten im Dorf sie nicht beim Namen, sondern einfach nur Tiger. Vielleicht mochten sie dadurch ihren Respekt für die launische Jägerin ausdrücken, über die so manches Gerücht im Dorf kursierte, aber jedes Mal, wenn er hörte, wie jemand Tahira nur Tiger nannte, fuhr ihm ein stechender Schmerz in die Brust und erinnerte ihn an jenen schicksalshaften Tag vor sieben Jahren.
Damals - es war ein kühler grauer Morgen im Herbst und dichter Nebel kroch aus den Niederungen empor, legte sich über ihr kleines Lager am Ufer des Flusses. Gerade einmal drei Tage war es her gewesen, dass er sein sechzehntes Lebensjahr erreicht und nach einem rituellen Kampf zum Mann erklärt worden war. Noch am selben Tag hatte Tahira ihn, ausgerechnet ihn, dazu eingeladen, sie auf die Jagd zu begleiten und in jenem Moment hatte sein Herz so laut geschlagen, dass er geglaubt hatte, das ganze Dorf könnte es hören.
Im Geheimen hatte er schon seit langem von Tahira geschwärmt und er wusste, dass er nicht allein damit war. Was prahlten sie Jünglinge voreinander, was sie gesehen hatten oder tun würden, wenn die jungen Frauen mehr Zeit mit ihnen verbrächten. So manches Mal schlichen sie sich heimlich zum Fluss, wenn die Frauen dort badeten und beobachteten sie verstohlen, versteckt im dichten Schilf.
