Versunken - Anna Kleve - E-Book

Versunken E-Book

Anna Kleve

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Beschreibung

Das Geheimnis einer Flaschenpost, ein unerreichbar scheinendes Heilkraut, zwei ungleiche Liebende- versinkt in fantasievolle Welten unter den Wellen!Die Anthologie vereint vier queere Geschichten und ist liebevoll illustriert. Wer also das Meer und dessen Wunder liebt, wird hier fündig.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Flaschenpost Mo Kast
Wellentänzer Anna Kleve
Versunken & gefunden Yui Spallek
Das Januskraut Ophelia Coith
Die Autorinnen
Mo Kast
Anna Kleve
Yui Spallek
Ophelia Coith
Content Notes
Impressum

Versunken

Fantasy unter den Wellen

Flaschenpost Mo Kast

Mit einem Platsch lande ich im kalten Nass. Versiegelt mit Korken und Wachs treibe ich geschützt in Glas auf den salzigen Wellen des weiten Ozeans dahin. Über mir kreischen die Möwen. Noch ist die Küste nicht fern.

In mir trage ich Träume, Hoffnungen, den Wunsch zu leben.

Geschrieben mit blauer Tinte auf Büttenpapier.

Zusammengerollt und mit einem roten Band versehen.

Die Möwen werden leiser und der Himmel weiter. Die Welt ist so groß. Der blaue Himmel wird zu schwarzer Nacht und zu blauem Himmel und zu schwarzer Nacht und zu grauem Himmel. Ich schaukle hin und her und hin und her. Fische klopfen gegen das Glas, wollen sehen, was sich darin verbirgt. Verschwinden wieder, abgeschreckt von der harten, gläsernen Hülle.

Salz frisst erst an dem Wachs und dann am Korken, nimmt mir meinen Schutz vor der Tiefe. Wasser dringt in die Flasche. Sie wird langsam schwerer, aber noch hält sie tapfer ihren Hals über der Oberfläche.

Doch ich verschwimme in dem grausamen Nass.

Aus Träumen werden blaue Schäume.

Hoffnungen lösen sich in salzigem Wasser auf.

Der Wunsch zu leben wird nun ein Teil von mir.

Noch ein bisschen Luft, noch ein bisschen Sonne und ich könnte gerettet werden.

Doch meine Zuflucht aus Glas wird nach unten gerissen. Versinkt. Unbarmherzig zieht nun die dunkle Tiefe an mir. Seemonster lauern schon auf mich. Ich habe versagt. Meine Zeilen unleserlich und mein Büttenpapier zerfressen von Salz. Nur mein rotes Band, mit Liebe geschnürt, ist noch von Bestand. Es ist nicht alles verloren. Noch existiert etwas von mir!

Ich konzentriere mich auf die Liebe eingeflochten in den roten Fasern.

Die Sehnsucht in der verlorenen Tinte.

Die Hoffnung auf zersetztem Papier.

Versuche, ihnen eine Gestalt zu geben, Ausdruck zu verleihen.

Daran festzuhalten, was mich ausmacht.

Oh, wie sehr ich es mir wünsche und wie hart ich kämpfe!

Und endlich, aus Papier formt sich langsam mein Körper: Schlanke Arme, die gegen den undichten Korken drücken können und eine kräftige Schwanzflosse, die mich durch das dunkle Wasser manövrieren kann. Die Tinte legt sich in feinen Schuppen darauf, bietet mir Schutz vor den Ungeheuern mit ihren gewaltigen Mäulern. Aus dem zarten Band wird eine wallende, rote Mähne. Sie zeigt, wie sehr ich geliebt werde. Meinen Triumph über die Tiefe.

Nur noch meine gläserne Hülle hält mich zurück. Wird langsam zu eng für meine Gestalt. Zu groß sind die Wünsche und Träume für eine kleine Flasche. Mit aller Kraft presse ich gegen den Korken. Schiebe, drücke, ächze, stöhne.

Plötzlich bin ich frei. Ich zwänge mich durch den schlanken Hals. Der Korken schwimmt an mir vorbei dem Licht entgegen. Die Flasche sinkt unaufhaltsam in die Dunkelheit. Wesen mit leuchtenden Angeln und riesigen Zähnen schnappen danach.

Hastig schwimme ich dem Korken nach. Doch er ist zu schnell. Ich verliere ihn aus den Augen. Aber mit jedem Flossenschlag werde ich ein bisschen größer und mutiger. Ich brauche keine Orientierung mehr. Ich lebe! Mit jedem Flossenschlag vergesse ich ein wenig mehr meiner Vergangenheit.

Ich bin nun ein Wesen des Meeres.

Wellentänzer Anna Kleve

Lijan

Mit dröhnendem Kopf wachte ich auf. Das war nichts Neues und es wurde immer schlimmer, unerträglicher, anstrengender. Ich unterdrückte das schmerzerfüllte Stöhnen. Anderenfalls hätte ich meinen Onkel Sarat geweckt, der auf seinem Seegrasbett friedlich am Schlafen war.

Langsam und möglichst leise stemmte ich mich hoch und stockte, als Schwindel mich erfasste. Als die Höhle aufhörte sich zu drehen, setzte ich mich vollständig auf und sog so leise wie möglich das Wasser in meine Kiemen ein.

Sie brannten.

Kleine Wellen kräuselten sich an meiner Haut.

Vorsichtig schwamm ich einen Moment später los, auch wenn die Heilkundige immer betont hatte, dass ich möglichst im Bett sollte. Doch ich konnte nicht liegen bleiben.

Er brauchte mich, kam in meiner Welt nicht alleine zurecht und wenn ihn die anderen in seiner verwandelten Gestalt erwischen würden, wäre das sein Todesurteil. Alleine der Gedanke verkrampfte mein Herz in eisigem Schmerz. Ich unterdrückte die Vorstellung, ihn tot zu sehen. Zu schrecklich.

Und er war am Leben. Das rief ich mir immer wieder ins Gedächtnis.

Es entspannte mich etwas.

Gleich würde ich bei ihm sein.

Diese Tatsache vertrieb alle Kälte und ließ mein Herz freudig schneller schlagen. Wie immer, wenn ich an unsere Treffen dachte.

Und da stieß ich gegen die große Essensmuschel und biss mir auf die Zunge, um zu verhindern, dass ich laut aufschrie. Die Muschel jedoch schrammte laut über den Höhlenboden. Schockiert erstarrte ich dabei.

Ein leises Brummen erklang.

»Lijan?«, fragte mein Onkel mit schlaftrunkener Stimme.

»Ich wollte etwas für meinen Kopf holen«, flüsterte ich und hoffte nur, dass diese Ausrede anschlagen würde.

»Ich dachte, dass Mija dir gestern noch Algenauflagen gebracht hat«, erwiderte Sarat und richtete sich etwas auf.

»Ich wollte mir ein wenig Seeigeltee holen«, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, bevor ich den Kopf verlor.

»Mach nicht zu lange«, forderte mein Onkel mich auf und sank zurück auf sein Algenbett.

»Natürlich«, murmelte ich nur und schwamm hinaus.

Vorsichtig und so leise wie möglich glitt ich durchs Wasser. Immer wieder ließ ich meinen Blick aufmerksam hin und her zucken, um nichts zu übersehen.

Dann erreichte ich das Gelände der Heilkundigen, das zu durchqueren nötig war, um letztlich zu den Lavahöhlen zu gelangen. Im Gegensatz zu mir brauchte mein Schützling wesentlich mehr Wärme, um zu überleben. Ich atmete erneut tief ein, obwohl meine Kiemen dadurch wieder wie verrückt brannten. Anschließend bemühte ich mich darum normal zu erscheinen. Dabei schwamm ich zwischen den steinernen Höhlentürmen entlang. Mir wurde zum Glück keine große Aufmerksamkeit geschenkt.

Lediglich Safida, die Gefährtin der Obersten, bedachte mich mit einem längeren Blick, dessen Eindringlichkeit mich erschauern ließ.

Sofort beschleunigte ich meine Bewegungen, um dem zu entkommen, auch wenn das weh tat. Schließlich warf ich einen Blick zurück, aber Safida blieb auf ihrem Vorsprung hocken und behielt das Meer über uns genau im Auge. Hielt sie nach Anzeichen für einen neuen Sturm Ausschau? Alleine daran zu denken erfüllte mich mit Aufregung.

Alle von uns liebten Stürme.

Seit Monaten war mein Zustand nicht gut genug um mit den anderen an die Oberfläche des Meeres zu schwimmen, wenn es soweit war. Ich konnte ihnen immer nur mit Wehmut hinterher sehen. Ein freudiger Flatterschlag meines Herzens vertrieb diese Gefühle, denn der letzte große Sturm hatte ihn zu mir gebracht. Eilig schwamm ich weiter, um möglichst schnell zu ihm zu gelangen.

Und dann kam ich an den Lavahöhlen an, wo dass Wasser deutlich wärmer war, als an vielen anderen Orten im Ozean.

»Ruben?«, fragte ich leise und sah eine dunkle Schwanzflosse in der Nische hinter dem Seegrasvorhang verschwinden. Ein Seufzen entkam mir und Sorge durchfraß mein Inneres. Verwandlungen war ich gewohnt. Mein Volk verwandelte sich seit jeher in Wasserpferde. Seine Verwandlung war anders, aber eben auch nur eine Verwandlung. Lediglich das Wesen, in das er sich verwandelte beunruhigte mich ziemlich.

»Du sollst doch nicht so herumschwimmen. Man fürchtet sich vor Steinfischen«, sagte ich mahnend, getrieben von dieser Besorgnis.

»Ich musste mich etwas bewegen, aber ich bin nicht weit geschwommen«, gab Ruben zurück.

Dabei ließ ich es lieber bewenden. Ich hatte nicht vor die kurze Zeit, die wir zusammen hatten, mit streiten zu verbringen.

»Ja«, murmelte ich nur und ließ mich an der Wand neben dem Pflanzenvorhang nieder, lehnte mich mit dem Rücken gegen den warmen Stein. Ein gebräunter Arm schob sich zwischen dem Seegras hervor und legte sich um mich. Diese zärtliche Berührung war schöner als jede Umarmung, die ich je gespürt hatte. Zufrieden seufzend legte ich eine Hand über seine. Sie war so wundervoll warm und weich.

Ruben

»Erzähl mir noch einmal von den Sternen«, bat Lijan mit leiser Stimme.

Ich rückte etwas näher an das Seegras heran und musste mich zusammenreißen, um den Kopf nicht hindurch zu stecken und ihn auf die wellengleichen Haare zu küssen.

Doch der Gedanke, dass er fliehen würde, sobald er mein Gesicht sehen würde, hielt mich zurück.

»Der Himmel in den Nächten funkelt von Sternen. Kleine leuchtende Punkte am Himmel. Die Seelen der Toten steigen zum Himmel auf und so werden neue Sterne geboren. Und um den Lebenden beizustehen, zeigen die Seelen einem mit ihrer Position am Himmel den Weg. Sie führen Reisende und auf dem Meer helfen sie auf besondere Weise den Weg zu finden«, erzählte ich leise, was er schon wissen musste.

Ich konnte nicht genau sagen, wie oft wir schon über die Sterne geredet hatten und doch hörte er jedes Mal mit derselben Faszination zu, wie beim ersten Mal. Doch mir ging es nicht so anders, wenn er mir von den Geschichten aus dem Ozean erzählte. Seine tiefe, warme Stimme klang so unglaublich angenehm und ich hätte ihm ewig zuhören können.

»Irgendwann werde ich mir die Sterne ansehen«, murmelte Lijan nicht zum ersten Mal.

»Du weißt, dass das zu gefährlich für dich ist«, sagte ich mahnend und spürte die Sorge wie eine drückende Last auf meiner Brust. »Wenn die Menschen dich von ihren Schiffen aus sehen, werden sie dich töten. Man hält dein Volk für wahre Bestien.«

»Ich weiß.«

Lijan seufzte leise.

Für kurze Zeit war es still und ich genoss mit allen Sinnen, dass er in der Nähe war und dass ich ihn zumindest ein wenig spüren konnte. Selbst wenn ich ihn niemals in den Arm nehmen konnte.

»Hattest du noch einen Schwindelanfall?«, fragte ich mich und erinnerte mich an einen Vorfall kurz nach unserer ersten Begegnung. Damals war er fast zusammengeklappt.

»Nein.«

Erleichterung erfüllte mich. Dieses Ereignis beschäftigte mich immer noch. Dabei hatte Lijan mir versicherte, dass alles in Ordnung war.

»Meine Cousine hat mir etwas verrücktes über Delfine erzählt«, berichtete er mir, fuhr angenehm mit seinen Fingern über meinen Arm.

»Ja? Was denn?«, erkundigte ich mich nicht ohne Neugier.

Lijan lachte leise.

»Delfine, die mit einem Kugelfisch Ball gespielt haben und dann waren die total neben der Spur. Sie sind rumgeeiert, getorkelt, im zickzack geschwommen und haben sich echt aufgeführt, als wären sie auf einem Ball für Wassertiere oder so«, erzählte er.

Die Vorstellung ließ auch mich lachen. Mir auszumalen, wie das ausgesehen haben musste, war wirklich komisch.Die Bilder formten sich schnell in meinem Kopf und ich streckte die zweite Hand durch den Seegrasvorhang, während die Magie in mir knisterte und brodelte. Innerhalb von wenigen Augenblicken zeichneten sich die Bilder aus meiner Vorstellung im Wasser ab.

»Wahnsinn«, hauchte Lijan und lehnte sich vor.

Nur langsam legte sich meine Magie. Bevor ich meine Hand wieder zurückziehen konnte, hatte er danach gegriffen und zog sie zu sich, drückte mir einen federleichten Kuss in die Handfläche.

So weich, angenehm und kribbelnd.

Mein Herzschlag beschleunigte sich.

Ich seufzte genießerisch.

»Ich würde dich zu gerne sehen«, flüsterte er nicht zum ersten Mal.

»Bitte. Ich will nicht, dass du das siehst«, wisperte ich und schloss leicht gequält die Augen.

»Du bist warm und wundervoll und gut. Nichts ändert etwas daran«, sagte er zärtlich und ich schluckte ergriffen.

Mir kamen fast die Tränen, so gerührt war ich. Deutlich merkte ich, dass ich viel zu lange alleine gewesen war und einsam.

»Ich kann nicht«, hauchte ich und verkrampfte mich.

Erneut drückte Lijan mir einen Kuss auf die Handfläche, ehe er mich losließ.

»Ich muss jetzt wieder verschwinden, Ruben. Meine Familie wird sich sonst fragen, wo ich bleibe«, murmelte er voller Bedauern und ich spähte durch das Seegras hinaus, konnte kurz sein feingeschnittenes Profil erkennen.

Dann war er verschwunden und ich lehnte mich seufzend zurück, spürte den Stein in meinem Rücken. Ich wünschte mir so sehr, dass die Dinge anders liegen würden.

Lijan

Safida nickte mir ernst zu und ich schluckte nervös.Wusste sie etwas? War es möglich, dass sie mitbekommen hatte, dass ich ein fremdes Wesen in den Vulkanhöhlen versteckte? Der Gedanke verkrampfte meinen Magen. Ruben durfte mich auf keinen Fall für einen Verräter halten. Ob er das tun würde, wenn jemand plötzlich über ihn Bescheid wusste? Ich würde es nicht aushalten, wenn er das von mir denken würde.

Kurz schwindelte mir und ich hielt inne, kämpfte um Beherrschung. Eilig schwamm ich weiter, sobald das Drehen und Schwanken um mich aufhörte und hoffte, dass Safida nichts wusste.

»Wir brauchen eine Lösung, bevor sie kommen«, hörte ich Sarat sagen und stoppte abrupt.

So etwas würde er in meiner Nähe niemals aussprechen. Immer befürchtete er, dass solche Neuigkeiten auf meine Gesundheit schlagen würden.

»Natürlich«, erwiderte meine Cousine Mija ernst. »Diese Seelenlosen könnten ihn schon bald holen kommen. Seine Schwindelanfälle werden immer häufiger.«

Ich presste die Hände auf die Brust, wo mein Herz wie verrückt schlug. Sie hielten meine Chancen für so schlecht, dass sie mit den Seelenjägern rechneten. Ein kalter Schauer überlief mich und meine brennenden Kiemen halfen mir auch nicht. Niemand hatte bisher ein Heilmittel gefunden, aber dass es schon so schlecht stand, hätte ich nicht gedacht. Warum erzählte man mir so etwas nicht?

Der nächste Gedanke erschreckte mich noch viel mehr.Was war mit Ruben? Was würde aus ihm werden?

Er hatte definitiv einen Hang dazu sich in Gefahr zu begeben.

Anstatt die Höhle zu betreten, entfernte ich mich wieder und blickte zu den Höhlentürmen hinüber. Unsere lag etwas abseits, denn wir gehörten nicht wirklich dazu. Wir waren zwar alle Each Uisge, aber in den Höhlentürmen lebte die Heilkundigenzunft.

Mein Onkel war mit meiner Cousine und mir aus der Höhlenstadt hergezogen. So war es leichter für die Heilkundigen mich und meinen Zustand zu überwachen. Das hatte nicht geholfen und mir ging es immer schlechter.

Anfangs waren es nur Kopfschmerzen gewesen und gelegentliche Schwindelanfälle. Ein oder zwei Mal im Monat. Inzwischen kam der Schwindel mehrmals am Tag und die Kopfschmerzen ließen nicht mehr nach. Dazu hatten vor einigen Wochen noch meine Kiemen zu brennen begonnen. Verwandeln war mittlerweile auch alles andere als gut.

Was mir aber gut tat, war Ruben, das Gefühl, das er in mir auslöste und die Tatsache, dass er mich brauchte.

Die Gespräche mit ihm.

Die Geschichten, die wir uns erzählten.

Seine Stimme hören.

Seine Nähe spüren.

Das alles wollte ich noch so viel länger fühlen. Ich wollte noch etliche Dinge mit Ruben erleben, mit ihm zusammen sein. Und es gab noch so vieles mehr, was ich unbedingt wollte. Nicht mal alles war in Worte zu fassen.

Ein brodelndes Geräusch schreckte mich auf. Alarmiert zuckte mein Blick zu den Lavahöhlen hinüber. Brach einer der alten Vulkane aus?

Da konnte ich nichts ungewöhnliches feststellen. Ich richtete mich weiter auf, um mehr sehen zu können, und Schwindel erfasste mich. Heftig. Unglaublich stark.Das durfte nicht sein. Nicht in diesem Moment.

Ruben brauchte mich doch.

Dann sank ich hinab, weil mich wieder einmal die Kräfte verließen.

Ruben

»Naturgeist«, rief eine fremde Stimme und ich drückte mich tiefer in meine Nische. Das Schwappen von Wasser drang an meine Ohren und das Herz pochte mir bis zum Hals.

»Komm raus, Naturgeist. Du wirst gebraucht.«

Wieder diese Stimme.

Ich schüttelte leicht den Kopf. Niemand brauchte mich. Das war schon immer so gewesen.

»Lijan braucht Hilfe, Naturgeist.«

Das schreckte mich nun doch auf. Angst quetschte mein Herz schmerzhaft zusammen. War Lijan in Gefahr?

»Naturgeist.«

Nur mühsam gelang es mir, etwas zu erwidern: »Ich bin kein Naturgeist.«

»Deine Aura verheißt starke Naturmagie, wie sie nur bei Naturgeistern vorkommen sollte«, entgegnete die Stimme.

Ich presste eine Hand auf die Brust und rang um Atem.

»Was ist mit Lijan?«, wollte ich lieber wissen, statt meine Herkunft zu erläutern.

»Die Seelenlosen sind hinter ihm her«, verkündete die Stimme.

Mein Herz schien vor Panik auszusetzen. Ruckartig stieß ich mich von der Felsenwand ab, durch den Seegrasvorhang hindurch. Ein weiblicher Each Uisge befand sich in der Höhle vor mir und starrte mich an. Mit nichts anderem als solch einem Blick hatte ich gerechnet. Anstarren gehörte zu meinem Leben.

»Wer sind die Seelenlosen und was wollen sie von Lijan?«, fragte ich, ohne darauf einzugehen.

Dafür war offenbar keine Zeit. Nicht so, wie sie geklungen hatte.

»An Land nennt man die Seelenlosen Meermenschen, aber das ist eine zu freundliche Bezeichnung.« Die Frau mit den Wellenhaaren und der schaumweißen Haut verzog verächtlich das Gesicht. »Sie geben alles für Seelen und rauben unsere, wenn sie spüren, dass ein Each Uisge vom Tode bedroht ist.«

Ärgerlich schlug ich mit der geballten Faust gegen eine der Felswände und hörte das Dröhnen und Vibrieren. Lijan musste gelogen haben. Dieser Schwindelanfall, nachdem er mich in seiner Pferdegestalt in diese Höhlen gebracht hatte, war bestimmt doch kein Einzelfall gewesen.

»Bring mich zu Lijan«, verlangte ich entschlossen.

»Was immer du bist, du musst etwas tun«, sagte die Frau ernst.

»Bring mich zu Lijan«, forderte ich erneut.

»Folge mir.«