Vertraue nicht dem Augenblick - Christa-Brigitte Wendel - E-Book

Vertraue nicht dem Augenblick E-Book

Christa-Brigitte Wendel

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Beschreibung

Mit der Eröffnung ihrer eigenen Buchhandlung hat Hanna alles, was sie sich je gewünscht hat. Nur eins fehlt noch: der richtige Mann. Bis eines Tages der charmante Markus in ihrem Geschäft auftaucht und mit ihr ausgehen möchte. Aber ist Markus tatsächlich ein Geschenk des Himmels? Oder doch des Teufels? Für Hanna beginnt ein Liebesabenteuer, dessen Folgen sie schnell einholen. Sie ist aber nicht die Einzige, deren Leben eine dramatische Wendung nimmt. Auch ihre Freundin Betti wird von ihrem Ehemann in eine fatale Situation gedrängt, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Beide Frauen müssen erkennen, dass einen das Schicksal manchmal das Leben selbst in Frage stellen lässt. Trotzdem ist es für einen Neuanfang nie zu spät, aber können die beiden sich von der Vergangenheit lösen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 643

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum 2

Widmung 3

Prolog 4

Kapitel 1 11

Kapitel 2 21

Kapitel 3 36

Kapitel 4 76

Kapitel 5 81

Kapitel 6 92

Kapitel 7 110

Kapitel 8 122

Kapitel 9 148

Kapitel 10 166

Kapitel 11 184

Kapitel 12 190

Kapitel 13 194

Kapitel 14 204

Kapitel 15 235

Kapitel 16 248

Kapitel 17 304

Kapitel 18 346

Kapitel 19 372

Kapitel 20 387

Epilog 399

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-269-7

ISBN e-book: 978-3-99131-270-3

Lektorat: Laura Hiermann

Umschlagfoto: Daria Ustiugova, Lavendertime | Dreamstime.com;

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Jochen, in Liebe.

Danke an Anita, Gisela

und Karola

Prolog

Das Schönste aber hier auf Erden, ist lieben und geliebt zu werden

Zitat: Wilhelm Busch

Jener verrückte, alles verändernde Spätsommertag hatte normal begonnen, ohne Vorwarnung, ohne Ahnung dessen, was geschehen würde. Hanna wollte nur ihr bestelltes Buch abholen. Herr Ritter, der Besitzer der Buchhandlung, begrüßte sie gutgelaunt.

„Frau Hanna, ich habe schon sehnsüchtig auf Sie gewartet. Darf ich Sie zu einem Cappuccino einladen? Ich will diese Zeit nutzen, um mit Ihnen etwas Wichtiges zu besprechen.“ Er tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn und nach einer kurzen Pause sprach er weiter: „Ich will es kurz machen. Bisher war die Buchhandlung mein zweites Zuhause. Nun möchte ich mit meinen fast siebzig Jahren endlich meinen Ruhestand beginnen. Wollen Sie nicht mein Lebenswerk übernehmen? Ich habe viel Herzblut und Arbeit reingesteckt. Sie haben oft bei mir ausgeholfen, haben einen blitzgescheiten Verstand und ich vertraue auf meine Urteilskraft. Würden Sie das für einen alten Mann tun?“

Hanna saß einige Minuten wie versteinert da. Sie brachte vor Überraschung kein Wort heraus. Das Angebot kam wie ein Paukenschlag. Dass er allein lebte, wusste sie. Seine Frau war vor zehn Jahren an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Kinder hatten sie keine. Natürlich war ihr die Buchhandlung vertraut, dennoch war sie überrascht. In den Schulferien hatte sie ausgeholfen und ihr Taschengeld aufgebessert. Der Kontakt brach auch nach ihrer beruflichen Ausbildung und ihrem Studium nicht ab. Sie liebte die Atmosphäre, die dichtgedrängten, mit Büchern vollgestopften Regale, den Büchergeruch und sie ging selten ohne ein Buch nach Hause. Ihr rasten die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Einerseits ehrte sie sein Vertrauen, andererseits war sie unschlüssig. Etwas Neuartiges würde in ihr Leben treten. Etwas das sie sich nie hätte vorstellen können. Sie hatte nie den Traum von einer eigenen Buchhandlung gehabt. Was würden ihre Kolleginnen dazu sagen. Sich die Mäuler zerreißen? Und ihre Freundin Betti? Und ihre Eltern? Sie liebte ihren Job als Medien- und Informationsberaterin. Andererseits müsste sie nicht mehr die lange Strecke zur Arbeit fahren und könnte morgens länger schlafen. Aber reicht diese eine Tatsache aus? Hanna schaute Herrn Ritter, der schweigend in seiner Tasse rührte, unsicher an. Was für ein Angebot!

„Ich? Eine Buchhändlerin? Ich weiß nicht, ob ich diesen Anforderungen, dieser Verantwortung gerecht werden kann.“ Ihre Worte klangen nicht zuversichtlich.

Ehe Hanna weiteren Einspruch erheben konnte, warf er rasch ein: „Frau Hanna, seien Sie nicht zu streng mit sich. Zweifellos traue ich Ihnen das zu. Aber das sagte ich ja bereits. Ich werde Sie gut auf Ihre neue Aufgabe vorbereiten. Die notwendigen fachlichen Grundlagen bringe ich Ihnen selbstverständlich bei. Immerhin kennen Sie mein Geschäft, meine Produkte und sind mit dem Kundenumgang vertraut. Das ist ein großer Vorteil. Und nicht zu vergessen, Ihr abgeschlossenes Studium. Es muss ja nicht so fort sein. Ich wollte Sie nur darauf vorbereiten.“

Hanna wusste nicht, wie sie es ihm sagen sollte. „Herr Ritter, ich will ehrlich sein. Tatsächlich verfüge ich nicht über das notwendige Kapital.“ Sie hatte zwar Geld zusammengespart, aber das reichte beileibe nicht aus.

„Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Es ist nicht alles nur eine Frage des Preises. Wir werden uns schon einig werden. Ich nage nicht am Hungertuch. So eine Chance bekommen Sie kein zweites Mal im Leben. Konkurrenten müssen Sie nicht fürchten. In unserer Kleinstadt existieren keine Buchladenketten. Lückenlos reihen sich die vielen Läden rechts und links aneinander und die Buchhandlung mittendrin. Eine Top-Lage. Außer Stammkunden haben Sie dadurch auch jede Menge Laufkundschaft. Noch lebt das gedruckte Buch. Sie müssen sich um die Buchbranche keine Sorgen machen. Sie werden Geschichte schreiben, Frau Hanna. Sie sind eine schöne, junge Frau und haben eine herzerfrischende Art. Die männliche Kundschaft wird begeistert sein und einen hervorragenden Umsatz bringen. Sicher wird es nicht ganz leicht. Aber es wird der Tag kommen, an dem Sie durch Ihre Arbeit mehr zurückbekommen, als Sie gegeben haben. Ich schlage vor, Sie lassen sich genügend Zeit, um die richtige Entscheidung zu treffen. Sie müssen nicht von heut auf morgen Ihren Job aufgeben. Gehen Sie in Ihren Gedanken diese Situation Schritt für Schritt durch. Um etwas anders zu machen, um etwas Neues zu beginnen, braucht es Mut sowie Vertrauen in sich selbst.“ Seine Augen blitzten amüsiert. Als er dann lächelte, leuchtete sein Gesicht auf, und an den Augen bildeten sich feine Fältchen. Es verging kein Tag, wo Hanna nicht daran dachte. Sie wusste nicht, was richtig oder falsch war. Immer wieder stand die Frage im Raum: Ist das mein zukünftiger Arbeitsplatz? Bist du auf dem richtigen Weg? Was, wenn ich scheitere? Diese Gedanken waren ihr ständiger Begleiter. Es plagten sie tagelang Selbstzweifel: Schaffe ich das? Ist das nicht eine Nummer zu groß? Monate später fand sie ihre Gelassenheit und ihren Enthusiasmus wieder. Der Zeitpunkt war gekommen, ihren Entschluss in die Tat umsetzen. Sie teilte ihren Eltern die Neuigkeit mit.

„Ich erhielt unerwartet ein Angebot.“ Nachdem sie alles dargelegt hatte, spürte sie, dass ihre Eltern von ihrem Entschluss vollkommen überrascht waren. „Na, was sagt ihr dazu?“ Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

„Hast du auch an das Risiko gedacht?“, fragte ihr Vater, Max. Er sah sie nachdenklich an.

Ihre Mutter, Luise, schwieg. Auf ihrem Gesicht zeigte sich erst Erstaunen, dann Ungläubigkeit. Es hatte Luise einiges an Überwindung gekostet, den Mund zu halten.

„Risiko? Hm, ich habe eher an Erfolg gedacht. Manchmal muss man halt etwas wagen. Aber ich glaube schon, dass ich das schaffen kann“, erwiderte Hanna. „Werdet ihr mir helfen?“ Wichtig war ihr, dass ihre Familie hinter ihr stand.

„Natürlich“, erwiderte Max. „Familie ist das Wichtigste. Haben wir dich jemals im Stich gelassen? Du musst das tun, was du für richtig hälst.“ Hanna fiel ein Stein vom Herzen. Leicht war es nicht. Nach Feierabend und am Wochenende verbrachte sie viele Stunden in der Buchhandlung. Herr Ritter gab sich alle Mühe und klärte sie über Unternehmens-, Produkt- und Vertriebsstrategien auf. Er war ein geduldiger Lehrmeister. Nach Monaten der Einarbeitung und dank Bank, Steuerberatung und Eigenkapital ihrer Eltern, hängte sie ihren alten Job an den Nagel. Jetzt, mit dreißig Jahren, übernahm sie die Buchhandlung. Eine Lebensentscheidung! Nach dem Abschiedsessen, vielen Umarmungen und Beteuerungen von Seiten ihrer Kolleginnen, den Kontakt zu halten, verließ sie ihre einstige Arbeitsstätte. Sie wusste von vornherein, dass das nicht passieren würde.

Hanna schloss die Buchhandlung für zwei Wochen, um einige Veränderungen vorzunehmen.

Sie dachte, an ein moderneres Image. Max, ein erstklassiger Hobbyhandwerker, nahm sich extra Urlaub. Harte Arbeit hatte ihm noch nie was ausgemacht. Mit viel Ausdauer, Holz und Farbe veränderte er das Innenleben der Buchhandlung, aber auch mit Hilfe ihrer Freundin. Betti arbeitete als Grafik Designerin und sprühte beim Umbau nur so von Ideen, sodass Max manchmal nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Im unteren Teil des Hauses befanden sich die Buchhandlung sowie ein separater Lagerraum. Auf den über hundert Quadratmetern Verkaufsfläche hielt Hanna sechstausend Bücher vorrätig. Es war ihr Ziel, das Sortiment so zu halten, dass für jeden etwas dabei war. Der Weg ins Obergeschoss führte über eine breite helle Holztreppe. Hier befand sich ihr Büro, zwei Zimmer, die Küche, die sanitäre Einrichtung. Sie könnte, wenn sie es denn gewollt hätte, hier auch wohnen. Trotz der Modernisierung hatte Hanna das traditionelle Erscheinungsbild der Buchhandlung gewahrt. Auf überflüssigen Schnickschnack verzichtetesie bewusst. Den gesamten Bereich hatte sie heller, einladender gestaltet und eine gemütliche Kundensitzecke eingerichtet.Kunden konnten dort in Ruhein den angebotenen Büchern schmökern. Zum Schluss hatte Max eine Glocke über der Ladentür angebracht, damit sie das Kommen und Gehen von Kunden hören konnte.

„Außerdem habe ich noch ein Geschenk für dich“, sagte Max. Mit einem schelmischen Blick drückte er ihr eine Tüte in die Hand. „Pfefferspray, man weiß ja nie, wer auf dumme Gedanken kommt.“ Hanna musste wider ihren Willen lachen. „Danke, ich werde es griffbereit lagern.“

Am Eröffnungstag erhob sich Hanna schon in aller Früh. Sie trug zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Kleid. Der Schnitt war körperbetont, aber doch so weit, dass der Stoff sie umspielte. Ihre fraulichen Formen zeichneten sich ebenso darunter ab wie ihre schmale Taille, ihr schlanker Körper und ihre schlanken Beine. Sie war aufgeregt, konnte kaum etwas essen. Seit einer Woche wies ein Aushang an der Eingangstür der Buchhandlung auf die Neueröffnung hin. Auch die Regionalzeitung hatte einen entsprechenden Artikel verfasst. Wie viele Leute hatten es gelesen? Wie viele werden kommen? Reichen die Getränke?

Eine viertel Stunde früher schloss Hanna die Tür der Buchhandlung auf. Draußen wartete bereits eine lange Schlange. Es wurde gedrängelt und geschoben. Luise und Betti hielten sich am Eingang auf. Jeder Kunde bekam ein Glas Sekt. Kaffee, Saft, Gebäck und Süßigkeiten standen ebenfalls bereit. Max kümmerte sich um Getränke, Gläser und Tassen. Die Kunden waren vom Umbau und dem neuen Büchersortiment begeistert. Eine Welle der Sympathie schlug Hanna entgegen. Sie wurde mit Blumen und kleinen Geschenken überhäuft. Einige männliche Kunden wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit und brachten sie öfters zum Lachen. Der Filialleiter des Supermarktes, der sich ganz in ihrer Nähe befand, kam mit einem Präsentkorb und ließ ihre Hand gar nicht mehr los. Die Röte stieg ihr ins Gesicht, so verlegen war sie, als er ihr zuflüsterte: „Sie sind was ganz Besonderes, weil sie Einzigartig sind.“

Am Nachmittag war es so voll, dass man sich kaum rühren konnte. Es herrschte ein heiteres Stimmengewirr, und es wurden viele Bücher gekauft. Damit hatte Hanna nicht gerechnet. Der Tag verging wie im Fluge. Um achtzehn Uhr verabschiedete sich der letzte Kunde. Es war geschafft. Ihre Eltern, Betti und auch Hanna waren erschöpft, aber glücklich.

Betti nahm auf einem Stuhl Platz, verzog das Gesicht zu einer Grimasse und entledigte sich mit einem Schwung und Erleichterungsseufzer ihrer Schuhe.

„Entschuldigung! Ich schäme mich, aber ich musste meine High Heels ausziehen. Meine Füße tun ein bisschen weh, haben es nicht mehr ertragen und sich bereits mehrmals beschwert.“

Luise verzog das Gesicht. „Wie kann man den ganzen Tag auf sowas laufen. Jeder Orthopäde würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Wenn man für längere Zeit Schuhe mit Absätzen über fünf Zentimeter trägt, entsteht Hochdruck im Beinvenen-System. Das kann Entzündungen auslösen, die häufig in einer chronischen Venenschwäche enden. Das wissen die Wenigsten.“

Betti schaute auf ihre Schuhe und winkte lässig ab. „Aber schick sind sie allemal und sie machen ein schönes langes Bein. Ich habe noch keine chronische Venenschwäche bemerkt.“

Luise und Betti schauten sich an. Aus irgendeinem Grund begann Betti zu lachen. Luise fing ebenfalls an. Sie lachten alle beide, bis sich Betti die Augen wischte, den Kopf schüttelte und sagte:

„Meine Güte, das klang ja wie ein echter Arztbericht.“ Beide fingen erneut an zu lachen. Sie hörten erst auf, als Hanna fragte: „Wollen wir noch mal auf den heutigen Tag mit Sekt anstoßen?“

„Warum nicht? Es gibt nichts, das dagegenspricht. Wir sollten auf Hannas Erfolg anstoßen“, sagte Betti voller Begeisterung. Ohne Schuhe lief sie los, holte Gläser und zwei Sektflaschen. Max ließ die Sektkorken knallen und füllte die Gläser auf.

„Du hast es geschafft, Hanna. Die Kunden haben dich mit offenen Armen empfangen. Es war überwältigend“, sagte Luise und hatte feuchte Augen.

„Mein Mädchen, was auch immer du tust, mach das Beste daraus. So wie du es bereits unter Beweis gestellt hast. Sei einfach du selbst. Schaue nur nach vorn, nie zurück“, entgegnete Max voller Stolz.

„Es ist lieb von euch, das zu sagen, aber ich bin diejenige, die sich bedanken sollte. Ich werde niemals vergessen, was ihr alle für mich getan habt. Danke, für eure finanzielle Großzügigkeit. Ihr habt mir viel Selbstvertrauen gegeben.“ Dann übermannte es Hanna, ihre Stimme erstickte und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Dennoch schaffte sie es zu lächeln und erhob ihr Glas.

Es wurde noch eine feuchtfröhliche Runde und zum Schluss sprachen sie alle durcheinander und brachen in befreiendes Gelächter aus.

Hanna hatte geahnt, dass das erste Jahr nicht leicht werden würde. In den ersten Wochen gab es Tage, wo sie das Gefühl hatte, von den Kunden überrannt zu werden. Vormittags kamen meistens ältere Damen und Herren, von denen es in der Stadt eine Menge gab. Nachmittags verjüngte sich der Kundenstamm. Am Anfang waren einige Kunden ihr gegenüber misstrauisch gewesen und hatten sie kritisch beäugt. Es waren vorwiegend Stammkunden von Herrn Ritter gewesen. Einige Männer versuchten, mit ihr zu flirten. Die Hartgesottenen dagegen machten zweideutige Komplimente, bekamen aber schnell mit, dass man nicht so ohne weiteres an sie herankam. Die Beratung und der Verkauf waren eine Sache, ihr Privatleben eine andere. Sie verhielt sich stets neutral. An diesem Grundsatz hielt sie unerbittlich fest. Die Kunden, die eine persönliche Buchberatung wünschten, lagen ihr am Herzen. Wenn sie eine Neuerscheinung gelesen hatte, wusste sie hinterher, wem es gefallen könnte. Mehrere Stunden Lesezeit waren für sie keine Seltenheit und kein Problem. Hin und wieder fühlte sie sich auch wie eine Seelsorgerin. Wenn die Kunden erst einmal erzählten, vergaßen sie oft alles um sich herum. Manche Kunden erzählten so einiges, was sie eigentlich gar nicht wissen wollte. Hanna erfuhr von ihrem Schicksal und wie kompliziert das Leben war. Das zeigte ihr aber auch, dass die Kunden sich wohlfühlten, Vertrauen hatten, aber vor allem, dass sie alles richtig gemacht hatte. Sie begegnete ihrem Gegenüber stets mit Respekt, Höflichkeit und hatte immer ein offenes Ohr, auch wenn es sich nicht auf Literatur bezog. Das war nur ein Baustein ihrer Erfolgsstrategie. Ein Weiterer war, dass Max sie in dem Glauben bestärkt hatte, dass sie alles erreichen konnte, wenn sie es nur wirklich wollte. Und sie wollte es! Mit Ehrgeiz und Leidenschaft.

Kapitel 1

Zwei Jahre später

Diesen ersten Montag im August würde Hanna nicht so schnell vergessen! Es war kurz vor sieben Uhr. Die Einkaufsmeile war bereits von ankommenden Autos und Fußgängern belebt und die wenigen Parktaschen besetzt. Hanna blieb nichts anderes übrig, ihren Wagen auf den großen Parkplatz abzustellen. Bevor sie die Straße zu Fuß überquerte, richtete sie ihren Blick auf das gelbfarbige, einstöckige Haus gegenüber. Der kursive weiße Schriftzug der Buchhandlung war direkt über dem großen Fenster befestigt, durch das man im Vorbeigehen einen Blick auf die Buchauslagen werfen konnte. Darunter stand: Inhaberin Hanna Mories!

Hanna schloss die Buchhandlung auf und legte anschließend ihre Jacke und Handtasche in den Schrank. Wie jeden Morgen bereitete sie die Kaffeemaschine vor, schaltete den Computer ein, checkte ihre eingegangenen E-Mails, und druckte die Bestellungen aus, die sie später bearbeiten wollte. Der Kaffee war fertig. Punkt acht Uhr öffnete sie die Tür und ließ sie weit offenstehen.

Sie begann den Neueingang von Büchern ins Regal einzuordnen. Sie ahnte nicht, dass sie durch die große Fensterscheibe bereits beobachtet wurde.

Markus war in der Stadt unterwegs und blieb zufällig an einer Buchhandlung stehen. Er musterte die Buchauslage im Schaufenster. Bisher bezog er seine Bücher aus dem Internet. Er war wie vom Donner gerührt und drückte sich fast die Nase an der Scheibe platt als als er die Frau im Innenraum sah. Noch war sie nicht auf ihn aufmerksam geworden. Er konnte sie also in Ruhe betrachten. Sie trug eine weiße enge Hose, ein schwarzes Top – und war schlank, schätzungsweise Kleidergröße vierzig und über einen Meter siebzig groß. Ihr langes, blondes Haar verdeckte das Profil ihres Gesichts. Er betrat nicht gerade leise die Buchhandlung. Hanna war so vertieft, dass ihr vor Schreck ein Buch aus der Hand fiel. Sie hob das Buch auf, drehte sich verblüfft um. Da stand er! Anfang vierzig, dunkles Haar, das an den Schläfen leicht ergraut war, markantes Gesicht, ausdrucksvolle graublaue Augen. Sie sah so fort, dass er sehr viel Wert auf sein Äußeres legte. Der dunkle Anzug saß wie angegossen. Der Kleidung nach zu urteilen, vermutete sie, dass er bei einer Bank oder einer anderen Institution sein Geld verdiente. Einer von den Männern, denen die Welt gehörte. Eine Persönlichkeit, deren Ausstrahlung man sich nur schwer entziehen konnte. Das wusste er sicher auch. Und dann, im wahrsten Sinn, schien sich sein Blick direkt in sie hineinzubohren.

„Verzeihung! Das wollte ich nicht. Es lag wahrlich nicht in meiner Absicht. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich auf Frauen eine solche Wirkung habe.“ Seine Mundwinkel verzogen sich amüsiert, während er sie ungeniert musterte.

„Sie haben mich zu Tode erschreckt. Normalerweise bin ich nicht so ängstlich “, erwiderte sie.

Er lächelte, doch sie erwiderte sein Lächeln nicht. Interessant fand Hanna den Unbekannten schon, aber auch ein bisschen unverschämt.

„Sie waren so in Gedanken versunken, dass Sie mich nicht bemerkt haben. Ich habe kaum drei Schritte von Ihnen entfernt gestanden.“

„Ich lasse mich ungern überraschen. Kann ich irgendetwas für Sie tun?“ Sie zwang sich, ihre Stimme ruhig zu halten.

Er schüttelte leicht den Kopf. „Danke, ich finde mich schon zurecht.“

Er verharrte einen Augenblick und wandte sich dann den Bücherregalen zu. Ab und an sah er in ihre Richtung. Damit er nicht merkte, dass sie ihn auch betrachtete wandte sie sich ab, weil sie sich bei ihrer Musterung ertappt fühlte. Ihre Blicke begegneten sich zufällig immer wieder. Er zwinkerte ihr zu, als wäre das ganz normal. Später legte er das ausgesuchte Buch, einen Psycho-Thriller, auf den Verkaufstisch. Er fuhr mit der Hand über den Einband. „Der Klappentext liest sich vielversprechend. Was meinen Sie, ist es ein spannendes Buch?“

Ihr entging nicht, dass er dabei unverhohlen auf ihre Brüste starrte. Sie fragte sich, ob es seine Gewohnheit war, Frauen so anzusehen. Er war bestimmt kein Kind von Traurigkeit. Hanna konnte es nicht leugnen, dieser Mann hatte etwas Fesselndes. Er fuhr erneut mit der Hand übers Buch. Rein zufällig streifte er dabei ihre Hand, und sie zuckte nicht vor der Berührung zurück, nicht so wie sonst, wenn ihr jemand nahekam. Noch nie hatte sie sich von einem Mann so stark angezogen gefühlt. Sie war sich nicht sicher, ob ihr dieses Gefühl gefiel und wandte ihren Blick ab, aus Angst, er könnte sonst die Gedanken lesen, die in ihrem Kopf herumgeisterten. Sie ertappte sich bei der Frage, was er wohl gerade gedacht hatte. Welche Gedanken verbargen sich hinter seiner hohen Stirn?

„Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. Aber nach den Verkaufszahlen, ja“, sagte Hanna und verstummte wieder, als sei die Erklärung genug.

„Markus Richter“, stellte er sich vor. „Wenn ich das Buch gelesen habe, kann ich gerne Bescheid sagen. Vorausgesetzt, Sie möchten meine Meinung hören.“ Er streckte ihr seine Hand hin und sein Händedruck zeugte von Stärke. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er endlich ihre Hand losließ. Seine Augen wanderten über ihr Gesicht.

„Danke! Ich weiß das Angebot zu schätzen. Mein Name ist Hanna Mories.“

„Angenehm!“ Er schaute auf ihre Hände. Links trug sie einen kostbaren Ring. Er kannte sich mit Schmuck aus. Kein Ehering. Ein Schmunzeln verzog seinen Mund.

„Was war das denn bitte? Was amüsiert Sie?“ Dieser Mann brachte sie tatsächlich aus der Ruhe, was ihr nicht behagte. Sie redete sich gut zu: Hanna, bewahre Haltung, egal was passiert. Du bist eine Geschäftsfrau.

„Wie soll ich es sagen? Allein das wir uns begegnet sind, ist für mich Grund genug zu Lächeln.“

Hanna schaute ihn verwundert an.

„Ich würde mal sagen, das ist Ansichtssache. Dennoch freut es mich, dass Sie zufrieden sind.“

Er lächelte wieder.

„Das kann man so sagen. Außerdem verläuft der Tag viel angenehmer, wenn man angelächelt wird.“

Sie zögerte kurz, dann erwiderte sie: „Ich kann mich nicht erinnern, Sie angelächelt zu haben.“

„Doch, genau das haben Sie gemacht. Ich habe es unverkennbar in Ihrem Gesicht gesehen.“

Hanna stutzte. „Aha! Wenn Sie es glauben, dann glaube ich es auch“, erwiderte sie belustigt.

Verflixt! Warum verspürte sie eine zunehmende Nervosität? Warum pochte ihr Herz? Was war mit ihr los? Sie gab sich selbst die Schuld. Es war eben lange her, dass ihr ein Mann auf Anhieb gefallen hatte und nun war es ausgerechnet ein Kunde. Ganz ehrlich war es nicht. Da waren schon einige Männer dabei gewesen, die das gewisse Etwas gehabt hatten, aber sie hatten nicht so eine Anziehungskraft besessen. Dieser Mann hier spielte in einer anderen Liga. Er war bestimmt ein Macho durch und durch, aber ein Macho mit viel Charme.

„Möchten Sie etwas trinken? Kaffee?“, fragte sie mit belegter Stimme. Hanna, ermahnte sie sich, warum bietest du ihm das an? Nur weil er verführerisch und lässig ist, musst du nicht gleich deinen frischgebrühten Kaffee anpreisen. Du führst eine Buchhandlung, kein Café. Du solltest reservierter sein. Vielleicht nimmt er das Angebot gar nicht an. Einen Moment wirkte er unschlüssig. Er sah auf die Uhr und nickte.

„Sehr nett von Ihnen. Ich wäre nicht abgeneigt. Wenn ich nicht störe, gern.“

„Nein, Sie stören nicht. Noch habe ich keine Kunden.“ Sie gab ihm mit einem Wink zu verstehen, dass er Platz nehmen sollte. Als Hanna den Kaffee brachte, erntete sie erneut ein Lächeln. Sie reichte ihm eine Tasse und setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel. Am Anfang fühlte sie sich in seiner Gegenwart befangen. Sie plauderten über Bücher und mit einem Schlag war ihr so leicht zumute wie schon seit langem nicht mehr.

Für ihn war es ein gelungener Gesprächsauftakt. Er dachte schon an ein Date, hütete sich aber, mit der Tür ins Haus zu fallen. Als seine Tasse leer war, stand er auf.

„Wollen Sie noch einen Schluck? Die Kanne ist noch voll.“ Er schaute auf die Uhr.

„Sehr gerne, aber leider habe ich keine Zeit mehr. Danke für den Kaffee. Ich habe lange nicht so eine herzerfrischende Frau getroffen.“

Bei der Verabschiedung gaben sie sich erneut die Hand. Diesmal hielt er ihre Hand noch länger fest. Er hatte gespürt, dass er ihr nicht unsympathisch war.

„Ich werde jetzt bestimmt öfter hereinschauen. Also, ich gehe dann mal wieder“, sagte er. „Sie haben sicher viel zu tun. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Es war mir ein Vergnügen. Auf Wiedersehen. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“

„Gleichfalls“, erwiderte Hanna. Oh, mein Gott, Adrenalin versetzte ihrem Herzen einen Stoß. Sie hätte es gerne gehabt, dass er noch ein wenig länger geblieben wäre. So wie er sich verhielt, schien er Interesse an ihr zu haben. Mal sehen, ob sie damit richtig lag. Wieder allein fragte sie sich, was konnte ein solcher Morgen wohl noch an Überraschungen bringen. Sie füllte das Bücherregal weiter auf, als erneut ein Kunde eintrat. Wird das heute ein reiner Männertag? Ihr Unbehagen steigerte sich. Sie war alles andere als erfreut, als sie ihn erkannte. Dennoch ließ sie sich nichts anmerken. Er nervte sie seit Wochen, weil er sich unbedingt mit ihr verabreden wollte. Jedes Mal gab sie ihm zu verstehen, dass daraus nichts wird. Er zog ein Buch aus dem Regal, kam auf sie zu und taxierte sie mit unverschämtem Blick.

„Tag, Frau Mories. Toll, Sie endlich mal alleine anzutreffen. Damit habe ich nicht gerechnet.“

Das beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit hätte sie gerne gesagt, aber das entsprach nicht ihrer Verkaufskultur. Er näherte sich bis an den Rand der Aufdringlichkeit. Sie verschwand hinter dem Verkaufstisch, um die größtmögliche Distanz zwischen sich und ihn zu bringen. Er wich kaum merklich zurück, beugte sich nach vorne und stützte sich mit den Ellbogen lässig auf ihren Tisch. Er kam so nahe an sie heran, dass sie sich zusammenreißen musste, weil sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spürte. Und er gab sich nicht die geringste Mühe, die Lüsternheit in seinen Augen zu verbergen. Sie waren allein. Ausgerechnet jetzt kamen keine Kunden herein.

„Wie geht’s denn so? Wie laufen die Geschäfte? Haben Sie über mein Angebot nachgedacht?“ Hanna versuchte, nicht in Panik zu geraten und all ihre inneren Kräfte zu mobilisieren.

„Ich habe überhaupt keine Zeit. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen.“ Es war eine höfliche Ausrede. Sie registrierte es mit Erleichterung, als endlich eine Kundin eintrat.

Er gab dennoch nicht auf und verdrehte mit gespieltem Entsetzen die Augen.

„Dabei bemühe ich mich ernsthaft um Ihre Aufmerksamkeit. Sind Sie sicher, dass Sie keine Verabredung mit mir wollen?“ Hanna schüttelte energisch den Kopf.

„War wohl keine gute Frage? Macht nichts, irgendwann klappt es bestimmt. Meine wichtigste Regel lautet, niemals aufgeben. Mit Ruhe und Gelassenheit komme ich ans Ziel.“

Er bezahlte, steckte das Wechselgeld ein und brummte noch etwas Unverständliches. Anschließend ließ er die Tür krachend zufallen.

Hanna fuhr zusammen, die Kundin ebenfalls und sah Hanna dann schockiert an. Sie hatte ein frisches, offenes Gesicht mit lebhaften blauen Augen.

„Was ist los? Hat dieser ungehobelte Mensch ein Problem? Haben Sie öfter solche Typen hier?“

Hanna atmete befreit aus. „Es nervt einen schon, wenn jemand sich für einen interessiert und man das nicht möchte. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass er mich zukünftig in Ruhe lassen soll und seine Einladung erneut abgeschlagen. Das war seine Reaktion darauf!“

Die Kundin erwiderte: „Typisch Mann! Kein Abgang mit Stil. Er scheint wenig Erfahrung darin zu besitzen, wie sich ein Gentleman in Gegenwart einer Dame zu verhalten hat. Wenn ein Mann nicht bekommt, was er will, wird er unausstehlich.“

Über diese Bemerkung konnte sich Hanna kaum halten vor Lachen. Die Kundin stimmte mit ein. Anschließend legte die Kundin drei Bücher auf den Tisch. „Hoffentlich gefallen meiner Enkelin diese Bücher. Sie wohnt bei mir und ist zurzeit sehr traurig. Ich weiß nicht, womit ich sie noch aufheitern kann. Ihre Mama – meine Tochter – liegt im Krankenhaus. Sie ist mit dem Fahrrad gestürzt, hat sich das Bein gebrochen und die Hand verletzt. Es belastet mich sehr. Trotzdem muss ich stark bleiben.“ Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche und tupfte sich damit die feuchten Augen ab.

„Oh, das tut mir furchtbar leid. Wenn die Bücher nicht gefallen, kommen Sie mit ihrer Enkelin wieder her. Wir suchen gemeinsam neue Bücher raus. Geht sie denn schon zur Schule?“

„Ja, dritte Klasse und ist eine ausgesprochene Leseratte. Danke für Ihr nettes Angebot. Das ist ja heutzutage nicht selbstverständlich. Unabhängig davon komme ich gerne wieder.“

Um zwölf Uhr kam eine angekündigte Schulklasse mit ihrer Lehrerin. Aufgeregt und mit großen Augen drängelten sich die Zweitklässler an den Regalen der Kinderbücher. Zu Beginn erklärte ihnen Hanna erst einmal, wo überhaupt der Unterschied zwischen Buchhandlung und Bibliothek bestand. Die Schüler waren wissbegierig, stellten viele Fragen. Ein aufgeweckter Junge kam auf sie zu und sagte: „Sie haben es gut. Können alle Bücher kostenlos lesen.“

„Du kannst doch jederzeit die Bibliothek in der Stadt nutzen“, erwiderte Hanna schmunzelnd.

„Ja, das kann ich. Aber ich finde eigene Bücher besser“, entgegnete er. „Wenn ich groß bin, arbeite ich auch in einer Buchhandlung.“

Hanna untermalte ihre Einführung in die Funktionsweise der Buchhandlung mit zwei Geschichten, denen die Schüler mit Begeisterung zuhörten. Am Ende überreichte Hanna allen ein Kinderbuch und blickte in strahlende Gesichter.

Nun fehlte nur noch ihre Freundin. Betti war schon lange nicht mehr in der Buchhandlung. Hannas Wunsch, endlich Betti wiederzusehen, erfüllte sich nicht.

Das Leben besteht nicht ausschließlich aus Arbeit, sagte sich Markus Richter als er mit seinem Buch wieder draußen stand. Er stand auf schöne Karrierefrauen und Hanna Mories zählte dazu. Wie alt könnte sie sein. Zwischen dreißig und fünfunddreißig? Er dachte an ihre hochgewachsene, schlanke, wohlproportionierte Figur, ihr klassisches, ovales Gesicht und ihre glatte, zarte Haut. Ihr glänzendes langes blondes Haar erinnerte ihn an die Farbe von hellem Honig. Das Aufregendste waren jedoch ihre großen, braunen Augen, mit bernsteinfarbenen Sprengeln um die Pupillen herum. Und sie hatte volle, pralle Brüste, die Art, bei der jedem Mann das Wasser im Mund zusammenlief. Alles an ihr strahlte eine gewisse Eleganz und Stolz aus. Er war sich ganz sicher, dass das Schicksal ihn mit rätselhafter Hand hierhergeführt hatte. Wie würde sie reagieren, wenn er einfach kurz vor Feierabend bei ihr auftauchen würde? Er könnte sie ganz offiziell zu einem Date einladen? Wenn sie es ablehnen sollte, wäre das nicht nach seinem Geschmack. Bisher bekam er immer, was er wollte! Sie wird es nicht ablehnen. Sie wird ja sagen, nur sie weiß es noch nicht, sagte er zu sich selbst. Er schlenderte langsam, fröhlich pfeifend zum Wagen, denn er konnte es sich leisten, dank eines guten Vertreters, auch später im Unternehmen aufzutauchen. Vor Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Am Anfang gab es Zeiten, wo er erst nach vierzehn Stunden wieder zu Hause war. Es hatte sich gelohnt. Er war sein eigener Chef, das mit zweiundvierzig Jahren und er kannte keine Geldsorgen. Er genoss seinen großzügigen Lebensstil. Geld gab einem die Freiheit, das zu tun, was man wollte. Seit seinem Erfolg fiel ihm der Umgang mit Frauen nicht schwer. Finanzielle Großzügigkeit konnte bei Frauen Wunder bewirken. Er wurde als gönnerhaft betrachtet, wenn er großzügig war. Bisher konnte er jede x-beliebige Frau abschleppen. Außer Prostituierte, die kamen für ihn nicht in Frage. Auch ohne Bezahlung besaß er die Macht, Frauen, die nicht zu den Prostituirten gehörten, seinen Willen aufzuzwingen. Das nutzte er auch schamlos aus.Er hatte schon immer Gefallen an den schönen Dingen des Lebens gefunden. Er wusste nicht, was noch amüsanter sein könnte, als Frauen in sein Bett zu bekommen. Die meisten Frauen lernte er in Bars kennen. Zunächst spielten sie, ein bisschen Sträuben, ein bisschen Lockung, ein wenig Abwehr und dann glaubten sie, dass er es mit ihnen ernst meinte. Sie waren aber nur ein Mittel zum Zweck der sexuellen Befriedigung und er liebte den Geruch einer befriedigten Frau. Mit wahrer Liebe hatte sein turbulentes Liebesleben nichts zu tun. Er liebte die Abwechslung. Die Ehe hielt er für eine überholte Institution und verabscheute jede Art von Abhängigkeit. Monogamie käme für ihn niemals infrage. Wenn er alles bei einer Frau erreicht hatte, beendete er die Affäre und wurde hungrig auf die nächste Eroberung. Er hatte schon früh gelernt, sich niemals hundertprozentig emotional auf jemanden einzulassen. Das ersparte ihm eine Menge Ärger. Er liebte seine Freiheit. Bei Hanna Mories war es seine wilde, zügellose Gier nach ihrer körperlichen Schönheit. Sie war bislang die begehrenswerteste Frau, die er getroffen hatte. Dennoch glaubte er, dass ihre kühle Höflichkeit und Distanziertheit nicht echt waren. Die meisten Frauen waren leicht zu durchschauen. Sie nicht und sie war auch nichtder Typ Frau, der mit jedem gleich ins Bett ging. Aber jede Frau ist verführbar. Es kommt nur auf den richtigen Trick, Zeitpunkt und Ort an. Was der Mensch will, schafft er auch. Er kannte seine Wirkung auf die Frauenwelt. Warum sollte es ihm nicht gelingen, auch Hanna zu erobern. Er war schließlich im besten Mannesalter. Mit ihr könnte er unter Umständen am Wochenende mehr Zeit verbringen. Seine Eltern, die wie Kletten an ihm hingen, hätten damit ein Problem. Er hätte dadurch weniger Zeit für sie. Er liebte seine Eltern nicht besonders, kümmerte sich aber trotzdem um sie. Aufgrund des Mangels an Liebe und Vertrauen in seiner Kindheit und der unerbittlichen Strenge seines Vaters, hatte er keine liebevollen Charakterzüge entwickelt. Mit zunehmendem Alter verlangten seine Eltern oft nach jedem nur erdenklichen Zuspruch und einer übertriebenen Fürsorge, obwohl sie weder bettlägerig noch invalide waren. Beide waren gut in Form, quicklebendig und gesund. Sie machten oft auf hilfsbedürftig, um ihn an sich zu binden. Neuerdings riefen sie ständig wegen Kleinigkeiten an, dazu kam noch der Kleinkrieg mit den lauten Nachbarn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder hinzufahren, um beide auf den Boden der Realität zurückzuholen. Seine Gedanken kehrten wieder zu Hanna zurück. Er wollte natürlich keine echte Beziehung. Das war das letzte, was er wollte. Sie fiel lediglich in sein Beuteschema. Es reizte ihn ungemein, das gewisse Eine an ihr zu entdecken und diese blonde kühle Schönheit zum Auftauen zu bringen. Der Gedanke zauberte ein Grinsen auf sein Gesicht. Als er wieder im Wagen saß, schloss er die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Hanna Mories, du machst mich wahrlich verrückt! Du bist ganz anders als alle Frauen, die ich bisher kannte. Du hast einen perfekten Körper. Er seufzte und drehte den Zündschlüssel.

Kapitel 2

Betti schaute auf die Uhr und packte ihre Unterlagen in den Schreibtisch. Feierabend! Es zog sie nicht, wie sonst nach Hause. Ihr jetziges Leben war alles andere als angenehm. Ihre Ehe existierte bloß noch auf dem Papier. Früher, in den ersten Jahren ihrer Ehe, waren sie sehr glücklich gewesen. Harald und sie waren seit mehr als acht Jahren verheiratet. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen und er war ihr erster und einziger Mann. Als sie frisch verliebt gewesen waren, hat er sie regelrecht auf Händen getragen und mit Blumen und kleinen Geschenken überrascht. Sie hatten über alles geredet, gelacht und viel unternommen. Sie war damals so selig gewesen, so begehrt zu werden, von einem Mann, der so charmant war. Deshalb sagte sie auch ohne zu zögern ja, als er noch im ersten Jahr um ihre Hand anhielt. Sie war sich ganz sicher gewesen, dass sie am Anfang alles, was ihre Mutter in ihrer Ehe falsch gemacht hatte, richtig machen würde. Nie hätte sie vermutet, dass sich das mal ändern würde. Doch schon bald führten Unstimmigkeiten und nervige Gespräche zu handfestem Zoff. Zu Begin glaubte sie, ihre Ehe wieder ins Lot bringen zu können, so gut es angesichts der schwierigen Lage möglich war. Verzweifelt versuchte sie, Harald alles recht zu machen. Doch das hatte nur den Effekt, dass er immer gemeiner und vernichtender ihr gegenüber wurde. Um des Friedens willen hatte sie über manche Ungereimtheiten hinweggesehen, im Glauben, es könnte wieder besser werden. Immer und immer wieder hatte sie versucht, mit ihm zu sprechen. Er blieb stumm. Es gab keine Gespräche, keine zärtliche Geste mehr. Die wilden Zeiten, in denen alles so leicht und aufregend gewesen war, längst vorbei. Die Abnutzungserscheinungen in ihrer Beziehung waren schneller eingetreten als sie je vermutet hätte. Was sie einst an Harald erregte, war Stück für Stück verschwunden. Er legte Verhaltensweisen an den Tag, die sie als frustrierend wahrnahm. Seine Attacken kamen jedes Mal unerwartet und aus einer Richtung, aus der sie nicht mit ihnen gerechnet hatte. Manches entwickelte sich schleichend. Nach außen wirkte er charmant und freundlich. Aber wenn die Haustür hinter Harald zufiel und sie beide allein waren, verwandelte er sich von einem netten in einen tyrannischen Mann. Sie war seinen Demütigungen ausgesetzt. Es war wie ein schleichendes Gift. Ein Gift, das zu wirken begann. Er ging regelmäßig, dreimal Mal in der Woche, abends weg, ohne Kommentar. Sie blieb allein zurück. Und es kam eine Zeit, in der er auch für eine Woche spurlos verschwand. Sie wusste nie, wo er sich aufhielt. So ging es seit Monaten. Wenn er wieder unerwartet auftauchte, tat er so, als wäre nichts gewesen. Dann verlor Harald seinen Job. Ab da saß er am Tage seelenruhig auf seinem Hintern, rührte keinen Finger im Haushalt und kümmerte sich nicht um eine neue Arbeit. Wenn sie morgens das Haus verließ, lag er noch im Bett. Wenn sie nach Hause kam, war er oft nicht mehr da. In der Küche stand schmutziges Geschirr, im Bad lagen überall seine Sachen herum, auf dem Wohnzimmertisch standen leere Bierflaschen. Harald begann zu trinken und ließ sich mehr und mehr gehen. Er traf sich abends mit irgendwelchen Kumpels, kam spät in der Nacht nach Hause, war betrunken und besonders schlecht gelaunt. Sie hatte schon seit längerem den Verdacht, dass er sich in Spielhallen aufhielt. Bisher hatte sie ihn nie darauf angesprochen, weil sie wusste, er nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. Nur die Bewegungen auf ihrem gemeinsamen Konto beunruhigten sie allmählich. Wenn das so weiterging, musste sie ihn fragen, wofür er laufend Geld vom Konto abhob. Das waren Fragen, die ihn ärgerten und die er stets unbeantwortet ließ. Warum hatte sie nicht schon früher reagiert? Vielleicht weil sie wieder Angst vor seiner Reaktion hatte. Sie konnte sich weder Hanna noch ihrer Mutter anvertrauen und um Rat fragen, wie sie das Problem Harald lösen könnte. Bei ihrer letzten Begegnung mit Hanna hatte sie sogar aus Scham gelogen, obwohl Hanna ihre beste Freundin war. Und ihre Mutter war sehr exzentrisch und könnte ihr die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Wobei sie auch ohne ihre Mutter bereits Schuldgefühle verspürte, weil sie bisher alles mehr oder weniger geduldet und dem Ganzen keinen Riegel vorgeschoben hatte.

Als Betti die Wohnung betrat, war es siebzehn Uhr. Harald war überraschenderweise zu Hause. Er lag zusammengerollt auf der Couch und machte keine Anstalten aufzustehen. Auf dem Couchtisch standen wie üblich leere Bierflaschen. Der Aschenbecher quoll fast über. Es roch nach kaltem Rauch. Was sollte sie tun? Laut werden? Demonstrativ die leeren Bierflaschen einsammeln?

„Das ist aber eine nette Überraschung, dich um diese Zeit hier zu sehen. Ist alles in Ordnung?“,fragte sie ruhig, obwohl es in ihr brodelte.

„Wieso fragst du?“ Er blinzelte und richtete sich langsam auf.

„Warum antwortest du nicht? So kann es doch nicht weitergehen.“ Ihre Stirn legte sich in Falten. Sie sah zu, wie er sich umständlich aufrichtete.

„Betti, sag du es mir. Suchst du Streit? Kommt jetzt wieder deine bühnenmäßige, dramatische Tour? Anscheinend mache ich in deinen Augen alles falsch?“

„Falsch oder richtig, darum geht es nicht. Ich bin es leid und habe auch keine Lust mehr, immer nur gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wann suchst du dir wieder eine Arbeit? Hast du dich eigentlich arbeitslos gemeldet? Du trägst nichts zum Lebensunterhalt bei. Mein Geld reicht nicht, um alle Kosten zu decken.“

„Ach, darum geht’s. Hab noch etwas Geduld, Betti. Ich gehe morgen so fort los, versprochen. Mach nicht gleich ein Drama daraus.“

Sie sagte mit einem Seufzer: „Das sagst du so leicht. Ist dir bewusst, dass du dasselbe vor zwei Wochen und vor zig Monaten gesagt hast. Das habe ich alles schon mal gehört. Passiert ist nichts! Du solltest endlich deine Unmengen an Bier, Zigaretten, deine Abende, wo auch immer du bist, einschränken.“

„Du lieber Himmel, du brauchst gar nicht weiterzureden. Ich weiß, was du sagen wirst. Es ist immer das Gleiche. Danke für deine Klarstellung.“

„Und obwohl du es weißt, tust du nichts, um diesen Zustand zu ändern. Wer wirklich arbeiten will, der findet auch eine Arbeit. Du musst es nur ernsthaft wollen.“

„Du stellst alles so kalt und unpersönlich dar. Offenbar spielen meine Gefühle aber keine Rolle. Ich habe nun mal Schwächen. In deinen Augen bin ich wohl oberflächlich und leichtsinnig. Wenn du die Sache so siehst, kann ich ja gehen. Du bist und bleibst eine Frau, die nur das schlechte im Menschen sieht.“ Er tippte sich an die Stirn.

„Das stimmt so nicht ganz. Es ist nur nicht leicht, mit einem Mann zusammenzuleben, der nicht arbeitet, den ganzen Tag zu Hause rumhängt und abends verschwindet. Für mich gehört auch ein gewisses Selbstbewusstsein dazu, dass man sich nicht einfach damit abfindet“, erwiderte Betti.

Harald verstand es hervorragend die Trennschärfe zwischen Recht und Unrecht außer Kraft zu setzen. Ein Mann, der zwischen Wahrheit und Lüge keinen großen Unterschied macht, sondern sich beiderseits bedient, wie es ihm gerade nützlich erscheint.

Plötzlich sprang Harald erregt auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Ich verbiete dir, in diesem Ton mit mir zu reden. Noch bin ich dein Mann, vergiss das nicht. Du schuldest mir etwas Respekt“, zischte er. Er kam mit bedrohlichen Schritten auf sie zu. Seine Augen waren eiskalt. Betti erschrak zutiefst, als er die Hand hochhob. Noch nie hatte er sie geschlagen und sie wich zurück. Er versetzte ihr einen Stoß, einen harten Stoß gegen die Schulter. Das tat er mit solcher Kraft, dass sie das Gleichgewicht verlor und mit der Wange gegen die Tischkante stieß. Sie fühlte alles – Schmerz, Angst, Entsetzen. Sie hatte ihn öfter wütend erlebt, aber nie gedacht, dass er jemals fähig wäre, sie zu verletzen. Bis dahin hatte Betti nicht den leisesten Verdacht, wozu er noch fähig war. Zum ersten Mal hatte sie Angst vor ihrem eigenen Mann. Sie drückte ihre Hand gegen die schmerzende Wange. Ihre Schläfe pochte. Benommen richtete sie sich auf und stützte sich am Tisch ab.

„Du magst dein Verhalten vielleicht für akzeptabel halten, aber ich nicht. Bist du ganz und gar übergeschnappt. Soll ich mich bei einem Verein gegen häusliche Gewalt melden?“ fragte sie entsetzt. Sie bereute nicht ein Wort von dem, was sie zu Harald gesagt hatte.

„Betti, du neigst dazu, die Dinge ein wenig zu übertreiben.“ Er sah sie einen Augenblick an, wandte sich dann ab und verließ wortlos die Wohnung.

Um dreiundzwanzig Uhr legte sie sich ins Bett. Wie immer fand sie nach so einem Streit kaum Schlaf, obwohl sie hundemüde war. Sie stand wieder auf, goss sich ein Glas Wasser ein und trank es in einem Zug leer. Plötzlich begann sich das Zimmer zu drehen, der Boden schwankte, und sie fühlte sich elend. Schlaflos hoffte Betti, sie würde sich am nächsten Morgen besser fühlen. Zwei Tage später ging sie wegen heftiger Magenbeschwerden zum Arzt. Nach einer Magenspiegelung kam heraus, dass sie einen Keim hatte und landete im Krankenhaus.

Nach der Entlassung stand Betti einen Tag später in der Bank und wollte sich einen Überblick über das gemeinsame Konto verschaffen. Sie betätigte den Drucker für Kontoauszüge. Sie wusste nicht, wie sie das, was sie sah, einordnen sollte. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Beine weich wie Pudding wurden. Im Schalterraum stand zum Glück eine Sitzbank und sie war froh, dass sie sich hinsetzen konnte. Zusammengesunken starrte sie erneut auf den Auszug. Auf ihrer Oberlippe bildeten sich kleine Schweißperlen. Vor Verzweiflung, aber auch vor Zorn krampfte sich ihr Magen zusammen. Harald hatte nach ihrem Streit das gemeinsame Konto leer geräumt. Der Dispo war ausgereizt. Betti wischte sich den Angstschweiß von der Oberlippe. Neben ihr nahm eine ältere Dame Platz.

„Oh ja, diese schwüle Luft ist unerträglich. Es gibt heute noch ein Gewitter. Die ersten dunklen Wolken ziehen bereits auf “, sagte sie mitfühlend.

Für Betti waren, auch ohne Ankündigung eines Gewitters, bereits dunkle Wolken aufgezogen.

Sie verabschiedete sich von der älteren Dame und wünschte ihr noch einen schönen Tag. Auf dem Weg zum Wagen dachte sie an ihr Erspartes, das sie im Wäscheschrank aufbewahrte. Lieber Gott im Himmel, flehte sie innerlich, lass das nicht auch weg sein. Kaum im Wagen fielen die ersten großen Regentropfen. Dann öffnete der dunkle Himmel seine Schleusen. Es goss in Strömen. Ihre Scheibenwischer mussten Schwerstarbeit leisten. Blitze zuckten am Himmel auf. Das dröhnende Donnergeräusch war beängstigend. Die Straßen waren innerhalb weniger Minuten überschwemmt. Sie sah, wie die Menschen in die Geschäfte flüchteten und die Kellner im Eiltempo draußen die Tischdecken abräumten. In den Geschäften und Restaurants waren bereits die Lampen eingeschaltet. Zuhause ließ sie vor Aufregung alles stehen und liegen. Panisch jagte sie durch den Flur zum Schlafzimmer und riss die Tür auf. Sein Kleiderschrank stand offen und war vollkommen ausgeräumt. Ihr Wäscheschrank stand ebenfalls offen. Der Briefumschlag war weg. Ruhelos lief sie auf und ab und versuchte, der anbahnenden Verzweiflung Herr zu werden. Wann hatte er sich das Geld genommen? Betti spürte eine Enge in ihrer Brust, bekam wieder Herzrasen und ihr wurde schwindelig. Mit Mühe schaffte sie es, sich auf ihrem Bett niederzulassen. Sie legte sich auf die Seite, zog die Beine an, drückte ihr Gesicht ins Kissen und weinte hemmungslos. Irgendwann stand sie auf und ging ins Bad. Ein Blick in den Spiegel zeigte, dass die Wimperntusche schwarze Spuren auf ihre Wangen hinterlassen hatte. Sie drehte das kalte Wasser auf und ließ es über ihr Gesicht laufen. Sie schaute erneut in den Spiegel. Ihr Spiegelbild sah zum Fürchten aus. Mein Gott, sagte sie zu sich, wie soll es bloß weitergehen? Ihre Augen ruhten noch auf ihrem Spiegelbild, als das Telefon klingelte.

„Ist Harald da, ich muss ihn unbedingt sprechen“, sagte eine unsympathische männliche Stimme.

„Wer sind sie eigentlich? Sie haben mir ihren Namen nicht genannt“, erwiderte Betti.

Er reagierte unbeherrscht. „Das ist uninteressant. Hol Harald jetzt so fort ans Telefon.“

Betti stockte. „Tut mir leid. Er ist nicht da. Ich weiß nicht, wo er im Augenblick steckt.“

„Die feige Sau traut sich wohl nicht ans Telefon. Nun gut, sag ihm, wenn ich nicht bald mein Geld zurückbekomme, tauche ich höchst persönlich bei euch auf. Dann gibt es Ärger!“

„Harald hat mir nichts davon gesagt. Wieviel Geld schuldet er Ihnen?“

„Frag Harald. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, dir alles auf die Nase zu binden. Ich besitze einen Schuldschein mit Haralds Unterschrift und ich bin nicht der Einzige. Die geborgte Summe ist nicht unerheblich.“

Betti vernahm schnaubende Geräusche, dann war nichts mehr zu hören. Sie war fassungslos und zugleich wie betäubt. Eine vollkommen fremde Person drohte ihr. Jetzt wurde ihr bewusst, dass Harald sich auch noch Geld geborgt hatte. Sie hatte das Gefühl, dass jeden Augenblick neue Anrufe kommen könnten. Ihre Nerven lagen blank! Sie ging auf den Balkon und sah in den strömenden Regen hinaus. Das Gewitter hatte sich verzogen und es hatte sich leicht abgekühlt. Sie atmete tief die frische Luft ein. Die Blumen in der Rabatte vor dem Haus hatten sich wieder aufgerichtet. Gegenüber lärmten die Spatzen im Kastanienbaum. Unter normalen Umständen würde sie das alles genießen, aber es gab gegenwärtig keine normalen Bedingungen. Sie fürchtete, dass ihre Welt sich niemals wieder geraderücken ließ. Ein Gespräch bei der Bank blieb erfolglos. Die Bankberaterin machte ihr unmissverständlich klar, dass sie ihr keinen Überziehungskredit anbieten kann, weil die Überziehung bei ihr nicht von kurzer Dauer wäre und ein höherer Zinssatz anfallen würde. Dann hörte Betti nur noch was von Umschichtung, Ratenkredit, fehlender Bonität, Dispoüberziehung. Beim Verlassen des Raumes drehte sie sich kurz um.

„Ich weiß, dass die Bank kein Wohlfahrtsinstitut ist und hoffe, dass Sie in ihrem Leben nie in so eine Situation geraten.“ Hoch erhobenen Hauptes verließ Betti das Büro. Draußen spürte sie wieder dieses Gefühl der Enge in ihrer Brust. Wie lange noch, fragte sie sich, würde sie diese Verzweiflung durchleben müssen? Niemand, mit dem sie reden konnte. Wie sollte sie damit fertig werden? Von ihrer Mutter würde sie weder Mitgefühl noch Unterstützung bekommen. Ihre Mutter würde eher Harald als Opfer sehen. Sie dagegen wäre in ihren Augen die Schuldige. Und Hanna? Konnte sie ihr in irgendeiner Form helfen? Die folgenden Wochen verliefen wie eine Achterbahnfahrt. Sie konnte kaum etwas essen und nahm rapide ab. Harald blieb spurlos verschwunden. Erst später erfuhr sie die ganze furchtbare Wahrheit.

Betti fluchte innerlich und musste ihren Wagen ein ganzes Stück weg abstellen. Parkplätze waren in dieser Gegend Mangelware. Sie beachtete kaum die vielen Schaufensterauslagen. Vor der Tür der Buchhandlung blieb sie kurz stehen und atmete tief durch, bevor sie die Tür öffnete. Sie hatte sich lange nicht mehr bei Hanna gemeldet und das schlechte Gewissen nagte an ihr. Sie winkte Hanna kurz zu und ließ sich in einen der Sessel neben dem kleinen Tisch am Schaufenster fallen.

„Kann man hier auch einen Kaffee trinken?“, fragte sie, als Hanna auf sie zukam und sie liebevoll umarmte.

„Ich denke ja“, sagte Hanna freudestrahlend.

„Hanna, du siehst ja blendend und glücklich aus.“ In Betti stieg Frustration und Neid auf. Was war sie? Verrückt? Wie konnte sie Neid empfinden. Nein, jetzt wurde sie ungerecht. Hanna war ihre einzige und beste Freundin. Sie war mehr als eine beste Freundin. Sie war wie eine Schwester.

„Betti, wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich habe schon gedacht, du hättest die Stadt verlassen. Wenn ich deine Handynummer gewählt habe, meldete sich die Mailbox. Jedes Mal bat ich um Rückruf. Du hast keinen der Anrufe beantwortet. Meine E-Mails hast du wohl ungelesen gelöscht. Betti schwieg und neigte den Kopf nach unten. Sie schaute Hanna nicht an.

„Betti, verflixt noch mal, was ist los? Wie gesagt, keine Antwort ist auch eine Antwort!“, sagte Hanna lauter als beabsichtigt.

Betti hob überrascht den Kopf und kniff kurz die Augen zu.

„Ja, ich weiß. Ich verstehe, dass du sauer bist“, sagte sie schuldbewusst. „Es gibt eben Dinge, die man auf die lange Bank schiebt. Jetzt bin ich ja hier.“ Sie nahm ihre Tasche auf den Schoss und spielte verlegen mit dem Henkel. Sollte sie Hanna über Harald die Wahrheit sagen? Sie konnte es einfach nicht.

„Du hast gerade ziemlich viel Kundschaft. Ich komme ein andermal vorbei.“

Hanna stand auf und schaute Betti vorwurfsvoll an.

„Zwei Kunden nennst du viel? Suchst du einen Grund, um wieder zugehen? Du kannst ruhig hierbleiben. Ich hole uns erst was zu trinken. Bleib ja sitzen.“

Betti stellte derweil ihre Tasche neben sich, nahm ein Buch vom Tisch, um es wieder zurückzulegen. Hanna brachte den Kaffee.

„So, jetzt können wir reden. Was gibt es Neues bei dir?“

„Nun ja, ich wollte dich sehen …“ Bevor Betti ihren Satz beenden konnte, stand Hanna auf, weil weitere Kunden die Buchhandlung betraten.

„Wir reden gleich weiter. Trinke in Ruhe noch einen Kaffee. Ich weiß doch, dass du eine begeisterte Kaffeetrinkerin bist.“ Hanna zeigte auf die Kaffeekanne. Als sie zurückkam, nahm sie wieder Betti gegenüber Platz.

„Jetzt bin ich ganz Ohr. Du wolltest mich mal sehen? Das ist nicht dein Ernst. Nach so vielen Wochen. Ich kann es nicht glauben. Ich erinnere mich gerne an deine Besuche zurück. Dafür hast du wohl keine Zeit mehr.“

Bettis Haltung blieb undurchschaubar. Ihr Blick war distanziert. Nur ihr Atem ging etwas schneller.

„So ist es. Wie ich bemerkt habe, läuft dein Geschäft hervorragend.“ Hanna nickte ihr zu.

„Die Buchhandlung läuft besser, als ich es je erwartet hätte. Die Investition hat sich gelohnt. Es fühlt sich toll an, sein eigener Chef zu sein. Ich bin viel selbstbewusster geworden und fühle mich nicht mehr ferngesteuert. Es ist etwas anderes, als tagtäglich im Büro zu sitzen. Anfangs lief nicht alles reibungslos. Anfängerfehler! Mal hatte ich zu viel, mal zu wenig Bücher bestellt. Da wurde mir oft ganz schön heiß. Ich dachte, nach ein paar Monaten würde der Kundenstrom weniger werden, aber im Gegenteil! Ich halte nach wie vor an meinem Leitspruch fest: Liebe das, was du verkaufst. Der Kunde spürt so fort, wenn du nur mit halbem Herzen dabei bist. Ich interessiere mich für ihre Wünsche und will, dass sie mit einem zufriedenen Gefühl die Buchhandlung verlassen. Wenn Kunden an der geöffneten Tür vorbeigehen und mir zulächeln, lächele ich zurück. Es ist jedes Mal eine Mischung aus Freude, Vertrauen und Stolz.“

„Hanna, wenn ich mich so umschaue, sehe ich kaum Frauen dafür mehr männliche Kunden. Gib es ruhig zu, die Männer umschwärmen dich wie die Motten das Licht.“ Es war das erste Mal, dass Betti dabei lächelte.

„Ich spüre schon, dass ich von einigen Männern neugierig beobachtet und gemustert werde. Wie geht es Harald? Ich habe ihn ewig nicht mehr gesehen.“

Betti nahm einen Schluck Kaffee und stellte vorsichtig die Tasse ab. „Der Kaffee ist noch zu heiß. Harald geht es gut“, antwortete sie mit einem schlechten Gewissen. Schnell wechselte sie das Thema. „Und du? Lebst du etwa noch immer allein?“

Für Hanna klang es fast wie ein Vorwurf. „Meinen Mr. Right habe ich noch immer nicht gefunden. Ich habe mich an mein Single-Dasein gewöhnt. Meine Arbeit ist gegenwärtig mein Leben.“

„Ach, komm, das gibt’s doch gar nicht. Du bist zweiunddreißig und hast noch immer keinen festen Freund. So lange du die Männer meidest, wie der Teufel das Weihwasser, wirst du keinen Mann fürs Leben finden. So viel Zurückhaltung ist auf Dauer ungesund. Wie schaffst du es nur, so gelassen zu bleiben.“

„Weil ich weiß: Im Leben kommt es anders als man denkt. Außerdem gab es durchaus die eine oder andere Beziehung. Aber nach einigen Wochen stellte sich heraus, dass es nicht das Wahre war. Keine Männer zum Festhalten. Einige Männer wollten nur Sex, andere entpuppten sich entweder als typische Ich-Menschen oder Möchtegern-Machos. Einer war sehr anhänglich und hängte sich im wahrsten Sinne wie ein Terrier an meine Fersen. Ich hatte zu tun, ihn wieder loszuwerden. Bist du jetzt zufrieden?“ Eine Weile herrscht Schweigen, bis Betti reagierte.

„Darf ich dich etwas fragen? Etwas Intimes? Wenn du nicht antworten magst, ist es auch kein Beinbruch. Vermisst du den Sex nicht? Bist du etwa noch Jungfrau?“

Unwillkürlich verdrehte Hanna die Augen. Mit so einer Frage hatte sie überhaupt nicht gerechnet.

„Nein. Willst du noch mehr wissen? Sag es einfach.“

„Kenne ich ihn zufällig, mit dem du das erste Mal …“ Betti wurde bei ihrer Frage etwas rot.

„Wir sind zwar Freundinnen, aber darauf antworte ich nicht. Hör auf, dir über mein Sexleben Gedanken zu machen. Reicht das oder hast du noch andere Fragen auf Lager?“ Hanna hatte in all den Jahren nie über ihr erstes Mal gesprochen. Nicht einmal ihre Familie wusste Bescheid. Es lag viele Jahre zurück. Von einem Tag auf den anderen Tag fand ihre Unbeschwertheit ein Ende. Die unfreiwillige Erfahrung verblasste zwar mit der Zeit, aber hatte seelische Spuren hinterlassen.Und sie wurde schneller erwachsen als die anderen Mädchen in ihrer Klasse. Wenn sich ihre Freundinnen für Jungs interessierten, konnte sie das nicht nachvollziehen. Im Laufe der Zeit hatte sie eine große Scheu davor entwickelt, körperlichen Kontakt mit einem Mann zu haben.

Betti blickte unangenehm berührt auf ihre Hände und bereute zutiefst, dass sie gefragt hatte.

„Es tut mir leid. Ich hätte sowas nicht fragen sollen.“ Verlegen fingerte sie erneut an der Tasche herum. Als sich ihre Blicke trafen, sah Betti weg.

„So habe ich das doch auch nicht gemeint“, entschuldigte sich Hanna. „Vor ein paar Tagen kam ein Kunde, vor lauter Aufregung vergaß ich fast zu atmen. Wenn er ein paar Augenblicke zu mir herüber sah, wurde mir heiß. Ein Mann mit einer erotischen Ausstrahlung. Ich hatte zutun, ihn nicht merken zu lassen, wie sehr er mich aus der Fassung gebracht hatte. Das ist mir bisher noch nie passiert. Klingt sicher kindisch, naiv und banal. Es ist erstaunlich, welche Macht ein fremder Mensch auf einen ausüben kann.“

Betti blieb vor Verblüffung der Mund offenstehen. „Ja … und? Hat er mit dir geflirtet? Was hat er gesagt? Hast du dich verliebt? Spann mich nicht auf die Folter. Ich sterbe vor Neugierde.“

„Geflirtet? Nicht so richtig. Was Wichtiges haben wir nicht besprochen. Nein, das haben wir nicht. Er sieht verdammt gut aus. Traumbody, Frauenmagnet, ein Typ, den man gern mit nach Hause nimmt. Er ist vielleicht verheiratet? Solche männlichen Geschöpfe sind meistens bereits vergeben. Er war das erste Mal in der Buchhandlung. Und wenn ich selbst schon sage, es war irgendwie alles verrückt, dann war es auch total verrückt. Betti, hör auf, mich so anzustarren.“

Betti zwinkerte ihr vielsagend zu. „Ist das ein Hinweis auf seine Unwiderstehlichkeit? Mein Gehirn kann das alles nicht verarbeiten. Meine Güte, da kommt die Liebe so einfach um die Ecke. Das scheint ja ein hochinteressanter Mann zu sein. Der ideale Mann für dich. Du musst das Leben mehr umarmen und die Liebe auskosten. Gönn dir ein bisschen Spaß. Ein kleiner oder großer Flirt tut dir ganz gut.“

„Aha, da spricht jemand aus Erfahrung. Du meinst, er wäre der ideale Mann. Es gibt da ein Zitat, das nicht von mir stammt: Der ideale Mann ist der Mann, von dem alle Frauen träumen und den keiner kennt“, erwiderte Hanna scherzend.

„Oh, das ist gut, das ist ausgezeichnet. Ich hätte es nicht besser sagen können“, entgegnete Betti lachend. „Du hast meine Frage nicht beantwortet. Hast du dich nun auf Anhieb verliebt?”

„Das kann ich so nicht sagen. Liebe? Was ist Liebe? Liebe auf den ersten Blick? Ich würde es mal so ausdrücken: Wenn man jemandem begegnet, merkt man schon, ob da dieses gewisse Etwas da ist oder nicht. Das gewisse Etwas war für mich da! Und ein ganzer Schwarm Schmetterlinge war auch noch im Anflug. Aber wie gesagt, nur im Anflug und noch nicht gelandet.“

„Das hört sich gut an. Ich bin sehr gespannt wie es weitergehen wird.“ Betti nahm ihre Tasse hoch, trank ihren Kaffee aus und schaute auf ihre Armbanduhr.

„Du liebe Güte! Ich muss los. Ich dachte, wir hätten nur eine halbe Stunde geplaudert.“

Hanna verschränkte die Arme. „Schade! Das war ein sehr kurzer Besuch. Warum so eilig?“

Betti überlegte einen Moment und verwarf den Gedanken. Sie konnte nicht einmal Hanna die Wahrheit erzählen. Obwohl sie es vor hatte. Sie senkte den Kopf, betrachtete ihre Hände.

„Wann sehen wir uns wieder?“, fragte Hanna nach kurzem Schweigen.

„Tja … ich weiß nicht. Wir werden uns so schnell nicht wiedersehen. Mach dir deswegen keine Gedanken.“

„Ich mache mir aber Gedanken. Dich beschäftigt etwas. Bist du okay?“ Hanna sah ihr die Nervenanspannung sehr wohl an. „Ach, komm schon, Betti. Rede mit mir. Warum erzählst du mir nicht, was los ist? Bin ich zu neugierig? Harald und du, ist zwischen euch alles in Ordnung? Bist du etwa schwanger?“

Es dauerte wieder ein Weilchen, bis Betti antwortete: „Nicht, dass ich wüsste. Herrgott, ich wünschte, ich hätte nie …“ Sie hielt kurz inne. „Hanna, du bist eine richtige Nervensäge. Hör auf, dir über alles Sorgen zu machen und etwas Schlimmes zu vermuten. Oder zweifelst du an mir ?“, blockte sie mürrisch ab.

„Tu ich das? Wir sind immerhin Freundinnen. Seit wann bist du so empfindlich? So kenne ich dich gar nicht. Wenn du mich brauchst, ich bin für dich da. Du würdest es mir sagen, wenn irgendetwas wäre? Was auch immer es ist.“

„Das weißt du doch“, fauchte Betti. „Wenn ich Zeit habe, komme ich bestimmt wieder vorbei.“

Hanna überlegte kurz. „Gut! Dann wäre das ja erledigt, obwohl es nicht überzeugend klang. Bisher haben wir uns doch alles erzählt und anvertraut“, erwiderte sie.

„Was soll ich darauf antworten? Ich bin nicht wie du“, antwortete Betti entnervt. „Ich kann das jetzt nicht erklären.“

„Machst du Witze? Darf ich fragen, was das tatsächlich zu bedeuten hat?“ Sie bekam keine Antwort darauf. „Hey, ich habe eine Idee! Wenn du keine Zeit hast, telefonieren wir wenigstens regelmäßig. Wie klingt das? Oder wäre das ein Problem für dich?“, fragte Hanna angriffslustig.

„Na schön, wie du willst, Hanna. Ich bin damit einverstanden. Danke für den guten Kaffee.“

„Betti, wenn du Hilfe brauchst, aber jetzt nicht darüber reden willst, gib mir ein Zeichen.“

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, ging Betti in Richtung Ausgang. An der Tür blieb sie stehen, als hätte sie was vergessen. Sie schien zu überlegen, ob sie zurückgehen sollte oder nicht. Sie schloss die Tür mit einem bangen Gefühl hinter sich und Tränen liefen ihr über die Wangen. Warum habe ich mich nicht Hanna anvertraut? Warum nicht? „Ich hasse mich selbst“, murmelte sie und wischte die Tränen fort.

Hanna hatte von Anfang an geahnt, dass etwas nicht stimmte. Sie hätte schwören können, dass Betti ihr noch etwas sagen wollte. Verheimlicht sie mir was, fragte sich Hanna.

Nach dem eher zufälligen Auftauchen von Betti ließ Hanna die gemeinsamen Jahre noch einmal Revue passieren.