Vervögelt - Anne Robert - E-Book

Vervögelt E-Book

Anne Robert

0,0

Beschreibung

Eine unachtsame Äußerung bringt bitteren Ernst in ein schwäbisches "Bullerbü". Robert entdeckt, dass sich seine Partnerin auf eine Affäre mit dem Nachbarn eingelassen hat. Das totale Chaos bricht über zwei Familien herein: Eben noch beste Freundinnen - jetzt Lüge und Verrat. Ein Scherbenhaufen unbezahlter Rechnungen, verstörter Kinder, katholischer Großeltern ohne Nächstenliebe und der Frage nach dem Warum begleitet Anne und Robert und schweißt sie eng zusammen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird das Drama aufgearbeitet. Täglich tauchen neue Ideen und Vermutungen über das WARUM auf und stürzen beide in tiefes Gefühlschaos. Mit Humor, Zuversicht und Liebe versuchen die beiden Protagonisten drohender Armut, Kindesentzug und den neuen Herausforderungen des Alleinlebens zu entkommen. Dabei sind sie konfrontiert mit den Problemen der Gesellschaft und fragen sich selbst: Warum haben es vierzig jährige Männer schwer, eine Wohnung zu finden und braucht eine Alleinerziehende überhaupt ein Schlafzimmer? Sind Katholiken die besseren Menschen und sind Familien austauschbar? Warum gelten Ehre und Moral im Trennungsstress nicht mehr?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Anne Robert

Vervögelt

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vervögelt

Für unsere Kinder – die irgendwann verstehen

Wenn die Welt zusammenbricht...

Ich habe um nichts gebeten...

Du wirfst keinen Schatten...

Niemand, der wartet...

I think I'm falling...

Do you really want me dead or alive to torture for my sins

Dinge, die ich nicht verstehe...

Whole lot of leaving going on

Damit kein Mensch jemals sieht, wer wir in Wahrheit sind

Wenn ich dies Haus verlassen soll

INTERMEZZO – DR. L.

Schmarotzer

Ich hab gehört, dass du sonst ein Niemand bist

Das Leben ist Veränderung

Danke

Impressum neobooks

Vervögelt

Ein Roman von Anne Robert

Copyright: Anne Robert, 2012, Deutschland

Cover: © www.rsim.de

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autoren gestattet.

Die Erlebnisse und Geschehnisse in diesem Roman sind tatsächlich so oder so ähnlich geschehen. Namen und Orte wurden geändert, um die Unschuldigen zu schützen.

LESEGENUSS OPTIMIEREN:

Sämtliche Titel aus diesem Buch sind verfügbar über die Internetseite:

http://ichbinmobil.info/vervoegelt/

Der optimale Buchgenuss kommt mit dem Hören der Lieder, die wir den einzelnen Kapiteln zugeordnet haben.

Vor jedem Hauptkapitel befindet sich ein Songtext. Die passende Untermalung findet sich auf der Internetseite und macht das Buch zu einem mehrdimensionalen Erlebnis.

Für unsere Kinder – die irgendwann verstehen

Wenn die Welt zusammenbricht...

„It’s the end of the world as we know it“

R.E.M.

Manchmal im Traum hat man das Gefühl ins Bodenlose zu fallen. Das wohlige Kribbeln im Bauch fehlt, man spürt keinen Wind auf der Haut. Nur Panik begleitet den Flug. Panik vor dem Ungewissen. Panik davor, mit der Fresse auf den Boden zu knallen. Man sagt, dass in solchen Momenten die Seele den Körper für kurze Zeit verlässt. Kurz bevor das Unausweichliche geschieht, findet sie zurück und man wacht schweißgebadet auf. Eine Sicherheitsfunktion. Im echten Leben fehlt dieser Überlebensschutz und dann zieht man an der Reißleine und der Fallschirm öffnet sich nicht. Dann rast man ungebremst auf den Boden zu und knallt auf, wie Samuel Koch beim Wetten-Dass-Unfall am 4. Dezember.

5. Dezember

Robert:

Zu welcher Uhrzeit ich mich an diesem Sonntag aus dem Bett schlich, weiß ich nicht mehr. Nach Almas Geburtstagsparty war ich in jedem Fall der Erste, der wach war. Der Erste, dem die Ehre gebührte, sich um das Frühstück zu kümmern. Einzig meine beiden Mädels waren schon munter, wobei ich aus der Erinnerung nicht mehr weiß, ob ich sie wecken musste. Ich bereitete Kaffee und Kakao vor, bis Alma verschlafen in die Küche kam. Noch vor dem Guten Morgen klingelte das Telefon.

Almas Freundin Claudia rief an und wollte ihr nachträglich zum Geburtstag gratulieren.

„Du, schau mal nach, da muss was passiert sein bei Wetten Dass!“, stupfte Alma mich an.

In der Küche stand ihr Netbook. Ein tolles kleines Gerät mit Internetzugang und Schnick und Schnack. „Kann ich hier?“, fragte ich und Alma nickte.

Auf Youtube fand ich einen Videomitschnitt des Geschehens. Irgend so ein Verrückter hatte sich Sprungfedern an die Füße geschraubt, um damit über fahrende Autos zu springen. Ich fand den Clip und wollte ihn abspielen. Die Website verlangte im Sinne des Jugendschutzes, dass ich mich als über sechzehn Jahre autorisieren sollte.

„Schau mal, ich hab‘s.“

Alma stellte sich hinter mich und wir schauten den Clip. Ich zog die Luft zwischen den Zähnen durch, als der Junge mit dem Gesicht in voller Wucht auf den Boden knallte. Das Auto, das er übersprang, war zu allem Unglück auch noch von seinem Vater gesteuert.

Geschockt betrachteten wir, wie Thomas und Michelle anschließend versuchten, halbwegs Normalität ins Geschehen zu bringen, aber die Sendung wurde dann aber doch abgebrochen.

Sprachlos unterbrach ich die Fassungslosigkeit mit dem Blick auf meine Uhr.

„Schon fast zehn Uhr.“

Ich wollte doch noch walken gehen. Walken ist gesund. Walken hilft gegen die Kilos, die ich zu viel habe.

Ich sprang auf und hinterließ Netbook und Frühstücksreste wie die Sau den Trog. Meine Laufklamotten hatte ich schon an und überprüfte meinen Look im Schlafzimmerspiegel. 41 Jahre toller Mann, zu wenig Haare, zu viele Kilos. Liebenswert. Ich lächelte mir zu. Was sollte ich auch anderes machen. Meinen iPod warf ich in die Fließjacke und stopfte mir die weißen Stöpsel in die Ohren.

Nach einer Stunde kam ich und meldete mich euphorisch an.

Yabbadabbadoo. Wilma, I’m home, rauschte es durch meinen Kopf. Fred Feuerstein ist wieder zurück.

„Hallo Alma, ich bin wieder da.“

Ihr Blick war mürrisch. Was hatte ich ausgefressen.

„Was ist los? Was gibt’s?“

„Warst du in meinem Postfach?“

„Dein Postfach?“. Ich wusste nicht, was ich in ihrem Postfach hätte tun sollen?

„Ja, mein Google-Postfach. Ich habe meine Mails aufgerufen und du warst im Anmeldefeld schon eingetragen.“

Ich kratzte mich am Kinn. Wie war das möglich? Hmmm.

Mir kam da eine Idee.

„Eigentlich kann das nur sein, weil wir das Video auf Youtube anschauten. Ich musste mich einloggen, da es auf Jugendschutz eingestellt war. Erinnerst du dich?“

Sie blickte mich fragend an.

„Und dazu habe ich mein Youtube-Login verwendet. Und Youtube ist die Tochter von Google und damit bin ich automatisch auch in Google eingeloggt. Es kann nur so sein.“

„Aha“, antwortete sie mir knapp. Ihr Blick gab mir den Zusatz „ich glaub dir nicht“.

„Wieso, was ist?“, fragte ich sie.

„Ich möchte nicht, dass du in meinen Sachen herumstierst.“

Oh, wow. Ich in ihren Sachen herumstieren? Wie kam sie denn darauf?

„Wieso sollte ich?“, gab ich zur Antwort.

Und dann setzte ich schnell nach: „Oder hast du was zu verbergen?“

„Ich? Immer!“, antwortete Alma prompt. Für mich eine Spur zu schnell. Ich roch Lunte. Da stimmte was nicht und mir kam das sehr merkwürdig vor.

Ich beschloss aber, das Thema vorerst ruhen zu lassen.

6. Dezember – Nikolaustag

Nachdem die Kinder ihren Nikolaussack vor der Wohnungstür entdeckt und geleert hatten und Alma mit der nächsten S-Bahn gen Arbeit entfleucht war, erinnerte ich mich zurück an die Situation von gestern.

Ich griff nach dem Telefon und rief die abgespeicherte Nummer von Anne auf. Anne ist eine Freundin. Ich teilte mit ihr eine ganze Menge und schätzte sie als meine Beraterin. Auf ihr Urteil und ihre Menschenkenntnis konnte ich mich schon oft verlassen. Sie erklärte mir schon in der einen oder anderen Situation, warum Frauen so ticken, wie sie ticken, also für jeden Mann komplett unverständlich. Und sie kritisierte mich dort, wo ich mich selbst nicht mehr kritisch betrachtete.

Ich war fast ein wenig verwundert, dass es etwas länger dauerte, bis Anne am Apparat war. Normalerweise war sie mit dem Telefonhörer am Ohr verwachsen und legte ihn bestimmt nicht mal für die Nacht aus der Hand.

„Guten Morgen. Du sag mal, ich muss dir mal was erzählen. Was hältst du denn davon?“

Ich schilderte ihr die Situation von gestern, noch bevor sie richtig „Hallo“ sagen konnte.

„Mein Moritz ist krank. Ich muss zum Kinderarzt.“ Sie unterbrach mich etwas unwirsch. Moritz ist ihr kleiner Sohn, sechs Jahre alt und der Augenstern der Mutter. Ob Mütter prinzipiell ihre kleinen Kinder und insbesondere dann, wenn sie vom anderen Geschlecht sind, so sehr vergöttern? Manchmal denkt man, dass diese kleinen Wesen alles machen könnten, man sähe es ihnen nach.

„Oh je, dein Moritz ist krank? Was hat er denn?“

„Er hat über 40°C Fieber. Schon seit gestern. Gerhard hat heute keine Zeit und ich muss mit dem Kind irgendwie zum Arzt und wieder da sein, bevor Ina von der Schule kommt.“

„Also wenn Ina heim kommt und du solltest noch nicht wieder zurück sein, dann soll sie bei mir klingeln. Ich mach meinen Kindern was zu essen, dann isst sie mit uns mit.“

Der Willhelm-Läpple-Weg, in dem Anne eine Wohnung im Haus gegenüber bewohnte und mir praktisch zuwinken könnte, war ein bisschen wie Bullerbü. Hier kümmerte sich jeder um jeden. Anne übernahm, wenn es bei mir beruflich eng war und wenn ich zu Hause im Home-Office arbeitete, dann durften auch alle Kinder zu mir kommen. Immer alle vier. Da jeweils die bessere Hälfte von uns außer Haus arbeitete, fanden wir damit eine ideale Lösung für die Kinder. Dachten wir. Als beste Freunde waren sich die Kinder nahe und genossen die Situation einer „Großfamilie“.

„Jetzt hör mal. Das mit Moritz ist schlimm, aber er wird schon nicht sterben. Was sagst du denn zu dem komischen Verhalten von Alma?“

„Hmmm. Damit kann ich nicht wirklich was anfangen. Merkwürdig ist das schon. Was hat sie denn zu verbergen?“

„Na, wenn man ihrer Aussage glaube soll, schon ne Menge.“

„Dann schau doch mal in ihr Netbook. Du kannst doch zaubern.“

Das Vertrauen von Anne schmeichelte mir.

„Ja, aber ich mach das nicht. Anderen hinterher zu spionieren. Das ist nicht meine Art.“

„Gut. Du kannst natürlich auch dumm sterben.“

Oh, wie direkt die kleine Blonde von nebenan sein konnte.

„Du meinst also, ich solle mal nachschauen?“

„Ja klar!“, sie schrie mich fast an, „keine Frau wäre so blöd und würde nicht nachschauen, wenn sie einen Verdacht hätte sondern würde direkt wühlen, was hier vor sich geht.“

Ich überlegte kurz.

„Denk‘ nicht nach. Mach. Bestimmt machst Du dir völlig umsonst Sorgen.“

Sie konnte wohl meine Gedanken lesen, so wie ich das manchmal auch bei ihr konnte.

„Ok. Ich starte mal ihr Netbook und schaue nach.“

„Gut so. Ich muss jetzt los. Gerhard meinte, er hätte keine Zeit und wohl viel zu tun. Blabla etc.“

„Aha“, meinte ich. Gerhard war etwas unstrukturiert. Entweder mit viel Zeit, die er nicht nutzen konnte oder ohne Zeit, die er auch nicht nutzen konnte. In jedem Fall also nicht wirklich eine Hilfe. Struddelig wie er war, schlug er zu Hause auf und vergaß dabei ganz, Ina auf dem Heimweg beim Sport mitzunehmen. Anne erinnerte ihn immer an alles, was er gerne vergaß.

„Ich wundere mich manchmal, wie du deine Familie meisterst. Eigentlich hast du drei Kinder.“

Ich verabschiedete mich von Anne und legte auf.

Eine endlos scheinende Weile verging, in der ich am Frühstückstisch saß. Auch wenn Anne fand, ich sollte das Netbook meiner Partnerin starten und alles lesen, was es so gab, so kämpfte in mir Engelchen und Teufelchen. Man stiert nicht in den persönlichen Unterlagen seiner Frau.

Teufelchen gewann und ich wischte meine Gedanken weg. Sollten andere heilig sein. Ich nicht.

Mit zitternden Händen zuckelte ich am Schieberegler des Samsung Netbooks rum. Das kleine Gerät brauchte lange, bis es mich mit dem Windows-Logo begrüßen wollte. Das Gefühl ließ mich nicht los, Alma könnte jeden Moment um die Ecke kommen und mich ertappen. Mir kam es vor, als sollte die Langsamkeit des Rechners mich bewahren, Dinge zu erfahren, die ich besser nicht erführe. Den Zugang zu Almas Google-Account wusste ich nicht, aber ich konnte doch einfach mal in ihrem Outlook-Postfach nachschauen? Das war akribisch aufgeräumt. Wenn ich mich auf etwas verlassen konnte, dann darauf, dass Alma alles aufräumte, ordnete und katalogisierte. Sie war womöglich die einzige Person, die eine ganze Familie dazu verdonnern konnte, bei 30°C im Schatten den Keller aufzuräumen – und das mit dem Wissen, das dies der letzte Sommertag des Jahres war. Diese Frau hatte den Begriff „Aufräumen“ geradezu erfunden. Wie übrigens den Begriff „Abstauben“ auch. Und „Staubsaugen“.

Ihr Ordnungssinn kam mir aber gelegen, denn Outlook zeigte mir einen Ordner „Gerhard.“ Was hatte der Mann meiner Nachbarin im Mailprogramm meiner Alma zu suchen?

Ich klickte auf „Gerhard“ und fand einige Mails.

Ich las jedes einzelne davon – sowohl die gesendeten, als auch die empfangenen. Ja, es gibt Leute, die legen auch die gesendeten Mails ab, was ein wahrer Glücksfall sein konnte. Da lief etwas zwischen der Mutter meiner Kinder und dem Mann meiner Nachbarin. Was es war verschloss sich mir noch, aber es war bestimmt nichts Koscheres. Ohne Grund schreibt man sich nicht täglich.

Fassungslos las ich Buchstabe um Buchstabe, Wort um Wort. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah.

Irgendwas ging schief, gewaltig. Wir werden gefickt.

Ich muss dringen Anne anrufen. Hoffentlich kommt sie schnell dran. Die Kinder sind doch privat versichert, da sollten sie doch zackig dran kommen.

Meine Gedanken überschlugen sich. Die Welt, die ich kannte, drohte zu kippen, die Erdachse sich zu verschieben, die Gezeiten sich zu ändern und irgendwo quoll aus diesem Klo des Lebens eine riesige Menge Scheiße empor.

Ich stand am Schlafzimmerfenster und hielt Ausschau nach Anne. Irgendwann – und möglichst noch in diesem Leben – musste sie doch diese scheiß verfickte Straße entlang kommen. Ich ging hin und her. Endlose Minuten, die mir wie Jahrzehnte vorkamen.

Und da sah ich ihren schwarzen, in die Jahre gekommenen Sharan, wie er die Straße heraufgetrieben wurde. Immer eine Spur schneller, als dies andere Autos tun würden. Anne schien das Pedal durchzudrücken und das alte Gefährt den Buckel hinauf zu quälen. Sie wendete, parkte und ging zur Haustüre.

Ich zählte langsam auf fünfundzwanzig. Das sollte selbst der kleinsten Frau reichen, die endlosen Stufen bis in das Dachgeschoss zu meistern. Ich wollte ihr unbedingt sagen, was ich entdeckt hatte – oder … besser … nicht?

Mit dem Hörer am Ohr musste ich ungeduldig warten, bis sie nach dem vierten Tuten endlich abnahm.

„Hallo? Ich habe das Postfach! Komm rüber! Setz Moritz vor den Fernseher! Los, zack zack.“

Einige Minuten später klingelte es an meiner Tür und ich öffnete Anne mit pochendem Herzen.

Sorgenfalten standen auf ihrem Gesicht und ich musste mit mir ringen, ihr diese ganze Scheiße zu offenbaren. Sollte ich? Noch hatte ich die Möglichkeit für den Rückzug. Alles supertoll und das Buch endet hier. Aber ich war selbst total perplex.

Mein Notebook drapierte ich auf dem Esszimmertisch und die Emails von Alma hatte ich schön säuberlich in ein Wordfile kopiert und auf meinem USB-Stick gespeichert. Chronologisch.

„Setz dich und lies.“

Anne scrollte durch die zehn DIN-A4-Seiten Mails und las und las und las und las.

Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, so leise und angespannt war die Atmosphäre. Trotz ihrem starren Blick auf den Bildschirm sah ich zum ersten Mal, wie ihr Herz brach. Die Tränen liefen über ihre Wangen.

Vielleicht war es ein Fehler?! Ich spürte das Leid, das mit dem Wühlen im Moloch aus Verrat einherging.

Zwei Welten kollidierten, zerschmetterten in Einzelteile. Ich spürte einen Druck in mir und meine Kehle schnürte sich zu. Der Boden unter unseren Füßen bekam Risse. Bullerbü war nicht mehr Bullerbü. Das Ortsschild abgerissen. Das Leben wendete sich von innen nach außen, Astrid Lindgren meets Steven King. Ich war froh, dass mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, was noch alles auf uns zukommen würde. Diese Scheiße war nur der Anfang.

Anne:

Mein Telefon klingelte. Ich spürte den inneren Zwang ran zu gehen, obwohl ich schon beim Kinderarzt sein sollte und bereits Schuhe und Mantel an hatte. Vielleicht was Wichtiges? Man konnte nie wissen. Meine Absätze klackerten, als ich das Handteil des Telefons suchte.

Am anderen Ende schnaufte Robert irgendwas von einem merkwürdigen Vorfall mit Alma. Offenbar hatte sie Geheimnisse, aber ich keinen Nerv. Moritz war krank, ich musste zum Arzt und was sollte Alma auch für Geheimnisse haben. Vielleicht hat sie Probleme und sich mit ihrer Schwester besprochen. Wäre nicht das erste Mal. Moritz hatte Fieber. Schon seit zwei Tagen und ohne Fiebersenkung konstant über 40°C.

„Mein Moritz ist krank. Ich muss zum Kinderarzt.“

Im Moment hatte ich wirklich keinen Kopf für seine Probleme. Und was wird Alma schon für Geheimnisse haben? Vielleicht hat sie ihrer Schwester gemailt und wollte nicht, dass Robert das las.

Ich riet Robert, er soll nachschauen, dann würde sich alles schnell auflösen. Schließlich könne er zaubern. Wie oft schon saß ich sprachlos da, wenn seine Finger über die Tastatur glitten und irgendwas – was auch immer - machten. Ich traute ihm alles zu. Für mich war diese ganze Internetkacke ein Buch mit sieben Siegeln.

Ich spürte durchs Telefon hindurch, wie ihm das schmeichelte. Aber jetzt musste ich los. Ich wollte wieder zurück sein, bis Ina von der Schule da war – auch wenn Robert mir Hilfe anbot.

Ich hing das Telefon ein und schnappte Moritz. Oh Gott, der kleine Körper war überhitzt – und der letzte Ibuprofen-Saft war erst wenige Stunden her.

„Moritz, du glühst ja.“

Aber Moritz antwortete nur wirres Gebrabbel.

Oh Moritz, was hast du nur?

Schnell zog ich dem kranken Jungen seine Jacke über, gegen die eisige Kälte. Draußen lag Schnee. Selten für Anfang Dezember bei uns.

Der Weg vom Dachgeschoss in die Tiefgarage schien mir ewig weit. Und Moritz war mit sechs Jahren auch nicht mehr unbedingt der leichteste – auch wenn er für sein Alter eher klein und zierlich war.

Wie dringend nötig wäre eine helfende Hand. Aber Gerhard machte sich gerade Selbstständig. Von seinem alten Job war er freigestellt. Im Vorfeld meinte er, dass er sicher nicht mehr als ein oder zwei Tage die Woche etwas für den neuen Job tun könne, aber in der Realität sah es doch so aus, dass er ständig auf Achse war. Er traf sich permanent mit seinen zukünftigen Partnern, um dies und das zu besprechen.

Ich schnürte Moritz in den Kindersitz und stieg ein. Mit den Fingern klimperte ich auf dem Lenkrad. Dieses verdammte Tiefgaragentor schien sich heute langsamer als sonst zu öffnen.

Hoffentlich kam ich bei der Kinderärztin gleich dran.

Die fünf Kilometer schienen mir dank meines Gasfußes recht kurz. Hoffentlich gab es keine Polizeikontrolle.

Aber der da oben schien es gut mit mir zu meinen. Sogar einen Parkplatz fand ich unmittelbar vor der Praxis.

Da unklar war, ob Moritz‘ Krankheit ansteckend wäre, mussten wir in einem separaten Wartezimmer Platz nehmen. Ich schaute auf die Uhr, Moritz noch immer auf meinem Arm. Die Zeit würde knapp werden. Mit der freien Hand kramte ich das iPhone raus und schrieb Gerhard eine SMS.

„Bin beim Kinderarzt. Moritz glüht. Schaffst du es nach Hause bis Ina kommt?“

Ich klickte auf den Sendeknopf und starrte auf mein Display – und wartete, und wartete. Keine Antwort. Er war doch sonst schnell. Nur heute nicht. Auch telefonisch war er nicht erreichbar. Und er wusste doch, wie schlecht es Moritz ging. Wieso rief er nicht an und erkundigte sich?

Ich wurde nervös, wippte mit dem Fuß.

Endlich rief mich die Sprechstundenhilfe ins Behandlungszimmer.

Die Ärztin nahm Moritz Blut ab, denn außer konstant hohem Fieber schien ihm nichts zu fehlen. Kein Husten, keine Pusteln, nicht mal Schnupfen.

„Also Frau Johann. Einen bakteriellen Infekt kann ich ausschließen. Ein Antibiotikum bringt nichts. Schauen Sie, dass er viel trinkt und Ruhe hat.“

Ich nickte.

„Sollten sich das Fieber nicht deutlich absenken, kommen Sie morgen wieder.“

Ich bedankte mich bei der Ärztin und ging.

Kaum aus der Parklücke raus klingelte mein Handy. Endlich – Gerhard meldete sich. Ich schaute auf das Display. Oh je – meine Mama.

„Anne. Warst du bei beim Kinderarzt?“

„Ja Mama, ich komme gerade raus …“

Meine Mutter unterbrach mich: „Und was hat sie gesagt?“

„Sie weiß nicht was er hat. Wenn es nicht besser wird, dann soll ich morgen wieder vorbeikommen.“

„Wie, die weiß nicht was er hat. Für was hat sie denn studiert? Und dauernd diese Fiebersenker. Anne, das geht auf den Magen und auf die Leber und die Nieren. Da muss man doch was machen.“

Sie war in ihrem Element. Ich wagte kaum, sie zu unterbrechen. Am besten fuhr ich einfach weiter.

„Und koch ihm einen Fencheltee. Der Junge muss viel trinken, das ist wichtig. Die ganzen Giftstoffe müssen wieder aus ihm raus. Und überhaupt, wo ist denn Gerhard eigentlich?“

Ich verdrehte die Augen.

„Gerhard hat heute Termine. Ich weiß nicht wo er steckt. Er hat auch noch nicht auf meine SMS geantwortet. Sicherlich steckt er mit seinen neuen Partnern in einer Besprechung und es geht heiß her.“

Ich hörte meine Mutter aufschnaufen. Bestimmt kam jetzt wieder die alte Layer.

„Wieso macht er sich eigentlich selbstständig. Keiner gibt einen so gut bezahlten Job auf. Da bleibt man doch, wenn man einen sicheren Arbeitsplatz hat. Und Anne. Mal ernsthaft. Wer soll einem so jungen Schnösel sein Geld bringen in so unsicheren Zeiten. Da legen doch sowieso alle ihr Geld in Gold an. Wenn sie überhaupt noch Geld haben zum Anlegen. Seit wir Renter sind, haben wir ja auch nichts mehr. Das mit der Selbstständigkeit verstehe ich nicht. Er hat doch auch Verantwortung gegenüber seinen Kindern und gegenüber dir. Und jetzt wechselt er in kurzer Zeit zum dritten Mal den Job. Das macht sich doch auch im Lebenslauf schlecht. Und immer sind andere Schuld. Ach, hoffentlich war es die richtige Entscheidung. Weil wenn das nichts wird mit der Selbstständigkeit, dann wird es schwer wieder etwas zu finden. Wer nimmt ihn denn dann noch. Sicher nicht auf einer gleichwertigen Position. Da kann er wieder ganz von unten anfangen. Und er hatte so einen guten Job und gibt das einfach auf. Das will nicht in meinen Kopf.“

Ich quittierte immer wieder mit einem einfachen „ja“ oder einem „Ja, Mama“. Wenn sie sich so in Rage redete, dann war sonst kein Kraut dagegen gewachsen.

„Jetzt schau, dass du heimfährst. Und ruf mich gleich an, wenn du da bist.“

„Noch bevor Moritz im Bett ist oder kann ich das auch danach?“

„Der Junge muss ins Bett. Dann rufst du an“.

Die kleine Spitze schien sie nicht bemerkt zu haben.

Moritz musste in der kurzen Zeit beim Arzt zugenommen haben, denn meine Arme wurden länger und länger, als ich ihn bis ins Dachgeschoss trug. Der Kleine war total ruhig, kraftlos, ohne Anspannung. Wie ein nasser Sack.

Ich war noch nicht ganz oben angelangt, da hörte ich schon mein Telefon klingeln. Oh Gott – Mutter. Ich komme.

Schnell schloss ich auf und ging ins Wohnzimmer, um das schnurlose Telefon zu greifen. Ach, es war nicht Mama sondern Robert.

„Hallo? Ich habe das Postfach! Komm rüber! Setz Moritz vor den Fernseher! Los, zack zack.“

„Ich komme gleich…“ wollte ich sagen, aber Robert hatte schon eingehängt.

„Mama, ich friere!“

Ich setzte Moritz auf das Sofa und wickelte ihn in die Decke. Es sah richtig gemütlich und kuschelig aus. Ich schaute auf die Uhr. Seit dem letzten Ibusaft waren schon vier Stunden vergangen. Ich konnte also wieder etwas gegen das Fieber geben – nur eben kein Ibu sondern Paracetamol. Ich nahm das Fläschchen aus dem Küchenschrank und kippte die durchsichtige Flüssigkeit in den Messbecher. Es sah so ganz anders aus, als Ibuprofen.

Die Teekanne stand noch auf dem Frühstückstisch. Ich füllte eine Tasse mit dem abgestandenen Tee und ging zu Moritz ins Wohnzimmer zurück. Ich schob ihm den Messbecher mit Medizin zum Mund.

„Nimm das und dann kannst du mit Tee nachspülen.“

Ich griff nach der Fernbedienung für den Fernseher und schaltete Kika ein. Mit dem Ohrthermometer prüfte ich Moritz‘ Temperatur. 39.3°C – Gott sei Dank. Dann könnte ich kurz in die Nachbarschaft. Mal schauen, was der so wichtiges haben würde.

„Moritz. Ich geh schnell rüber zu Robert, aber ich komme gleich wieder, ja?“

Moritz nickte und kuschelte sich an das Kissen. „Geh mal aus dem Bild, Mama, ich will das sehen.“

Anne:

Ich schlüpfte in meine Crocks und lief die Treppen runter. Endlose drei Stockwerke und ohne Aufzug. Für den Schneematsch auf der Straße trug ich die falschen Schuhe. Bemüht, meine Socken trocken zu halten, tippelte ich bis zum Nachbarhaus. Als ich klingeln wollte, summte es und ich drückte die Tür auf. Ich wurde erwartet. Robert wirkte angespannt und sein sonst so freundliches Lächeln fehlte. Ich zog meine Schuhe aus und trat ein.

„Ich hoffe, du hast was Wichtiges.“

Robert zerrte mich beinah ins Wohnzimmer. Dort stand sein Notebook aufgeklappt und vorbereitet auf dem Esstisch.

„Setz‘ dich und lies.“, wies er mich an.

Und ich setzte mich und begann zu lesen. Nur konnte ich nicht glauben, was ich da las. Die Buchstaben formten Worte, die ich nicht glauben wollte.

Mein Mann traf sich mit der Nachbarin.

Sie verabredeten sich zum Essen - offensichtlich schon öfters - dabei wurden intime Einzelheiten ausgetauscht.

Ich war sprachlos und fühlte mich, als würden zwei eiskalte Hände meinen Hals greifen. Gerhard traf sich mit einer anderen Frau. Und mir gab er vor zu arbeiten!

Ich war enttäuscht. Ich war traurig. Ich war hilflos. Meine schlimmsten Albträume waren nicht Furcht erregender. Tränen rannten mir über das Gesicht und ich wollte nur noch raus. Keinesfalls wollte ich Robert zeigen, wie sehr mich der E-Mail-Verlauf verletzte.

„Ich muss wieder zu Moritz.“, schob ich vor.

„Was sagst du? Was denkst du?“, fragte Robert.

„Ich kann gar nichts sagen. Höchstens den Arsch wird‘ ich ihm anzünden.“

„Nein, mach das nicht.“ Robert wirkte erschrocken. „Lass uns überlegen, was wir machen.“

„Ja, aber ich muss jetzt rüber zu Moritz.“

Kurz angebunden verabschiedete ich mich von meinem Nachbarn.

Raus.

Luft. Ich brauchte dringend Luft. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Wenn ich richtig gelesen hatte, dann waren sie wieder verabredet. Aber für welchen Tag? Vielleicht heute zum Essen? Ich fand das merkwürdig. Ständig war er unabkömmlich, schien Termine über Termine vorzuschieben, Besprechungen und sonst was. Und das, obwohl er der Meinung war, er hätte Zeit für uns. Gerade jetzt in der Phase zwischen freigestellt sein und Beginn der Selbstständigkeit. Er wollte so viel erledigen. Den Kniestock wollte er ausbauen für Stauraum und für eine Spielhöhle in die Wand. Mit mir wollte er wegfahren, vielleicht nach Paris. Viel mehr Zeit für seine Kinder wollte er sich nehmen. Sein bisheriger Job ließ das nicht zu, da kam er meist erst dann heim, wenn alles getan war, ich den Haushalt erledigt und die Kinder ins Bett gebracht hatte. Und dieser Pharisäer schob seine Karriere vor, um mit einer anderen Frau rum zu machen? Karriere. Auf die verzichtete ich zugunsten der Kinder. Damals verdienten wir gleich viel. In kürzester Zeit kletterte Gerhard die Erfolgsleiter nach oben. Die Familie musste zurückstecken und ich hielt ihm den Rücken frei, wie abgemacht. Und was machte dieser …

Auf den wenigen Metern zu meiner Wohnung kreuzten sich die Gedanken in meinem Kopf.

Moritz war eingeschlafen. Ich fühlte seine heiße Stirn. Schlaf würde ihm gut tun.

Erneut versuchte ich, Gerhard telefonisch zu erreichen – wieder nur die Mailbox. Jetzt erinnerte ich mich daran, dass er sich mit seinen Kollegen besprechen und dazu in angemietete Büroräume gehen wollte. Ein langes Meeting sei es. Die Räumlichkeiten seien wohl bei einer Firma, die auch einen Büroservice anbot. Aber: Sagte er nicht, dass dort nur langfristig vermietet würde und nicht ad hoc?

Ich rief Robert an.

„Kannst du mir die Nummer einer Büroservicefirma auf der Königsstraße raussuchen? Ich weiß leider nicht mehr wie sie heißt.“

Robert meinte, dass Google nur ein Suchergebnis ausspuckte. So erhielt ich schnell die gesuchte Nummer und legte auf.

Mein Anruf bei dem Serviceunternehmen war erfolglos.

„Tut mir leid, aber wir kennen weder einen Herrn Johann, noch die Firma, für die er arbeiten soll.“, sagte die Sekretärin.

Also war auch das gelogen. Für einen gläubigen Katholiken, der mit Tischgebet und allem aufwuchs, war das schon ein ganzes Bündel für die Beichte. Aber vielleicht war das Meeting auch wo anders? Wenn ich nur Gerhards Kollege erreichen könnte…

Ich suchte in unserem Wohnzimmerschrank nach der Visitenkarte und wählte die T-Mobilnummer, die handschriftlich notiert war. Nach dem zweiten Freizeichen meldet sich Gerhards Kompagnon.

„Herr Krämer, können Sie mir Gerhard geben? Er hat sein Handy ausgeschaltet und er trifft sich doch mit Euch.“

„Nein, da müssen Sie sich im Tag vertan haben. Wir treffen uns nicht, aber ich wollte ihn auch schon erreichen und krieg ihn nicht.“

Ich bedankte mich und hängte ein.

Ich war sauer auf Gerhard. Vielleicht sollte ich seine Eltern auf ihn loslassen!?

Sofort rief ich bei meiner Schwiegermutter an.

„Weißt du, wo Gerhard ist?“

„Aber Mädchen, er trifft sich doch heute mit seinen Kollegen in Stuttgart.“

„Nein, Wanda, das ist nicht so.“

Hat er dich also auch belogen, wollte ich noch nachsetzen, aber ich verkniff es mir.

„Ich wollte ihn erreichen, denn Moritz hat hohes Fieber und ich muss noch in die Apotheke. Ich kann Moritz doch schlecht alleine lassen und wollte fragen, wann Gerhard kommt, aber seit Stunden erreiche ich ihn schon nicht.“

Ich schob das vor, weil ich schlecht sagen konnte, dass sich Gerhard vermutlich mit einer anderen Frau trifft. Das hätte uns nicht weiter gebracht, nur sie um den Verstand.

„Wo kann er dann sein? Ich weiß auch nicht, wo er sein könnte.“

Ihre Stimme klang wirr. Die Vorstellung, dass etwas vor sich gehen konnte, was nicht sein durfte, nahm sie gefangen.

„Wo ist er nur? Mir fällt gar nichts ein.“

Sie schien sich in etwas hineinzusteigern. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um sie und ihr schwaches Herz.

„Naja, vielleicht kauft er Weihnachtsgeschenke.“, warf ich mehr als Stütze für meine Schwiegermutter in den Ring, als dass ich daran glauben würde.

„Das ist es. Er kauft ganz sicher ganz tolle Geschenke und will dich überraschen. Genau das ist es. Bin ich froh, dass sich das so auflöst.“

„Solltest du Gerhard erreichen, sagst du ihm dann bitte, er möge sich bei mir melden?“

„Das mache ich, Mädchen. Und mach dir keine Sorgen, wir wissen ja jetzt, was er macht. Ich spreche ihm auf die Mailbox, dass er sich bei dir melden soll.“

Ich musste lange auf seinen Rückruf warten.

„Hallo, du suchst mich?“

Ruhig bleiben. Nichts überstürzen. Cool und gelassen reagieren. Das hatte ich vor.

„Sag‘ mal, wo steckst du? Seit Stunden versuche ich dich zu erreichen.“

„Ich war im Meeting mit …“

„Das ist gelogen.“, unterbrach ich ihn, „ich habe bei der Bürovermietung angerufen, die kennen weder deine Firma noch haben sie dich je gesehen. Also lüg mich nicht an. Wo bist du? Was MACHST du?“

„Ja, ich …“

„Deine Kollegen suchen dich auch. Also wo bist du?“

„Ich bin in Stuttgart.“

Ach, mehr hatte der Herr nicht zu sagen?

„Sogar deine Mutter sucht dich und meinte, du kaufst bestimmt Weihnachtsgeschenke.“

„Genau das habe ich gemacht. Aber es sollte eine Überraschung sein.“

Mist. Jetzt hatte ich ihm die Steilvorlage geliefert und er stürzte sich drauf, wie Geier auf Aas.

„Und hast du wenigstens etwas gefunden?“, schob ich schnippisch nach, mehr auf mich selbst sauer, als auf ihn.

„Nein. Ich werde noch Mal los müssen.“

Seit sechzehn Jahren beschenkten wir uns zu Weihnachten.

„Vier Stunden irrst du in der Stadt herum und findest nichts? Das kannst du erzählen, wem du willst. Und außerdem schenken wir uns jedes Jahr etwas zu Weihnachten und nur weil du sagst, du kaufst etwas ein, heißt das noch lange nicht, dass ich weiß, was es ist. Also warum lügst du?“

„Ich wollte dir dieses Jahr etwas Besonderes schenken.“

Vielleicht lag ich doch falsch. Auf keinen Fall durfte ich das aber jetzt zugeben, klein beigeben.

„Ich sitze hier mit einem kranken Kind. Das scheint dir egal zu sein. Du fragst nicht mal nach Moritz.“

„Wie geht es denn Moritz?“, fiel ihm ein.

„Moritz hat 40°C Fieber und es geht ihm beschissen. Und frag mal wie es mir geht. Ich warte hier stundenlang und versuche dich zu erreichen. Und du suchst Weihnachtsgeschenke anstatt mir in dieser Situation zur Seite zu stehen, mir etwas ab zu nehmen. Das mit deiner Freistellung habe ich mir aber anders vorgestellt.“

„Ich auch“, antwortete er, „aber es gibt Vieles zu tun, damit wir irgendwann starten können.“

„Irgendwann. Du sagst es. Aber ich brauche dich JETZT. Also wann kommst du heim?“

Er schien kurz zu überlegen.

„Ich muss noch zu meinen Eltern ins Büro und dann komme ich heute Abend.“

„Hast du denn wenigstens etwas gegessen?“

„Eine Pizzaschnitte auf die Hand, mehr nicht.“

„Gut, dann koche ich dir etwas, wenn du nach Hause kommst. Kannst du Ina auf dem Heimweg vom Rollschuhsport abholen?“

„Ja, das mache ich. Wann hat sie denn aus?“

„Wie immer um 19 Uhr.“

„Okay. Also dann bis später.“

Nach dem Gespräch fühlte ich mich verunsichert. Vielleicht war er wirklich Geschenke suchen anstatt mit Alma zu Mittagessen. Ich rief Robert an.

„Ich habe Gerhard erreicht. Er war Weihnachtsgeschenke kaufen in Stuttgart, aber er hat wohl nichts gefunden. Mit Alma war er, glaube ich, nicht Mittagessen. Dafür reichte es ihm nicht. Er hatte lediglich eine Pizzaschnitte auf die Hand.“

Juli

Dr. L.: „Und wie kam es zu der Reise nach Australien?“

Robert: „Im Sommer boten Almas Eltern ihr an, ihre Schwester in Sydney zu besuchen und für einen längeren Urlaub in Deutschland abzuholen. Kirstin, das ist ihre Schwester, konnte unmöglich allein mit einem Neugeborenen und einem Kleinkind die lange Strecke von Australien bis Deutschland fliegen. Zumindest dachten das Almas Eltern und so entstand der Plan. Sie ermöglichten Alma den Flug und klärten mit ihr alle notwendigen Details noch bevor ich darin eingeweiht wurde.“

Dr. L.: „Und wie fühlten Sie sich dabei?“

Robert: „Alma fragte mich, was ich davon hielt, wenn sie nach Sydney fliegen würde, um Kirstin abzuholen. Zu diesem Zeitpunkt war aber alles schon geklärt. Ich fand es zwar eine gute Alternative zu einem Familienurlaub in Australien, aber ich fühlte mich übergangen und für dumm verkauft, vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Dr. L.: „Ich verstehe.“

Robert: „Es war Almas sehnlichster Wunsch, denn Kirstin war schon vor sechs Jahre ausgewandert und erwartete den längst fälligen Besuch ihrer Schwester. Zwei Kinder später war es einfach an der Zeit, aber unsere momentane Situation erlaubte es uns nicht, in näherer Zukunft als vierköpfige Familie in einen so teuren Urlaub zu gehen. Vier Wochen weg von der Arbeit. Das bedeutet für meine Selbstständigkeit, die erst ein paar Jahre ging und sich noch nicht wirklich in dem Maße trug, wie ich es erhofft hatte, vier Wochen kein Einkommen, aber trotzdem Ausgaben. Erhebliche Ausgaben, denn vier Wochen in Australien würden für unsere Familie rund auf 12.000 Euro kommen. Darüber hatte ich mich schon informiert. Das war zu viel.“

Dr. L.: „Konnte ihre Partnerin das verstehen?“

Robert: „Die Situation hat sie eher akzeptiert, als verstanden. Eigentlich hat sie diese, wenn ich genau überlege, auch nicht wirklich akzeptiert. Das Thema war immer unterschwellig da, aber für mich aus eben diesen Gründen kein ernsthaftes Thema.“

Frau Dr. L. nickte.

Robert: „Folglich freute ich mich für Alma und schlug ihr vor, sie solle doch wenigsten drei Wochen gehen, anstatt nur hin, Kirstin einpacken und zurück. Ich fand mich sehr großzügig. Ich würde sie gehen lassen, Urlaub machen und mich um die Kinder kümmern. Damals ahnte ich nicht, dass Alma so große Probleme machen würde und wir an den Rand einer Krise geführt würden – nein, sogar mitten hinein – nur weil Alma sich in den Kopf gesetzt hatte, dass ich nicht 10 Tage lang alleine mit den Kindern zu Recht kommen würde.“

Dr. L.: „Gab es Anlässe dafür, dass man dies annehmen könnte?“

Robert: „Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich habe die Kinder bereits über Jahre zu gut 50% unter der Woche betreut indem ich aus dem Home Office gearbeitet habe. Zum Teil habe ich sogar an den Wochenenden mit den Kindern alleine etwas unternommen, wenn sich Alma nicht gut fühlte oder eine Pause brauchte.“

Dr. L.: „Selbstverständlich kommt ein Vater mit seinen Kindern alleine zurecht. Ich verstehe nicht, welche Probleme ihre Partnerin dabei hatte. Vielleicht liegen da in der Vergangenheit unbearbeitete Verletzungen. Wie war denn das Verhältnis zwischen Ihrer Partnerin und deren Vater?“

Robert: „Der Vater ist heilig. Was Papi sagt, das wird gemacht. Aber als Alma klein war, hat er Karriere gemacht und war nur selten und wenn am Wochenende zuhause. In jedem Fall schätzte ich immer seine Personalkompetenz als Chef.“

Dr. L.: „Wie sah dann der Kompromiss aus?“

Robert: „Kompromiss? Die Kinder mussten unbedingt zu ihren Eltern. Sie bestimmte wann, sie bestimmte wo und sie bestimmte wie lange. Sie ging und stellte Bedingungen. Sie ging sogar so weit, dass sie damit drohte, das Flugticket zu stornieren, wenn ich mich nicht ihrem Vorschlag beugen und ihre Bedingungen akzeptieren würde. So war es bereits mit ihren Eltern und ihrer Schwester abgesprochen, noch bevor ich informiert wurde.

Wie auch immer. Alma war total perplex, dass ich ihr diesen Wunsch ermöglichen wollte. Und trotzdem vollführte sie ein Theater voller schräger Vorstellungen, für deren Verständnis ein Leben nicht ausreicht. Mindestens sechs Wochen bevor Alma ging, begann der Kampf und endete erst mit ihrem Abflug.“

Dr. L.: „Gehen Sie davon aus, dass es für Ihre Partnerin auch nicht leicht war. Sie hat Probleme, vielleicht mit ihrer Dominanz. Ich müsste noch mehr wissen, um hier eine umfassende Anamnese abgeben zu können.“

Dezember

Robert:

„Pizzaschnitte? Alma hat auch eine Pizzaschnitte gegessen.“

Sie war auf 180, dort am anderen Ende der Leitung.

Ich hörte sie laut einatmen. „Ich zünde ihm den Arsch an. Der wird mich mal kennenlernen.“

„Bitte bleib jetzt cool“, versuchte ich, Anne zu beruhigen. Ich musste meine Gedanken sortieren.

„Das letzte, was wir jetzt brauchen können ist ein unüberlegter Schnellschuss.“

Sie atmete tief durch.

„Überleg‘ doch mal. Wir haben wenig, eigentlich fast nichts, in der Hand. Und wenn wir sie hochgehen lassen wollen, dann richtig, oder?“

Noch immer keine Widerrede.

„Wir haben sie weder in flagranti erwischt, noch wurden sie Hand in Hand gesehen. Alles was wir haben sind diese Mails. Und das Wissen daraus, dass sie sich regelmäßig heimlich treffen und essen gehen. Er fährt sie von der Arbeit heim und so wie es aussieht, scheint ein größeres Interesse zu bestehen. ‚Ich möchte mit dir essen gehen, weil ich gerne mit dir zusammen bin und Spaß habe‘. So eine Scheiße.“

„Ja, aber er betrügt mich doch.“

„Du weißt das. Ich weiß es. Aber wir haben keine Beweise.“

Ich überlegte. Anne war in diesem Zustand eine tickende Zeitbombe. Mit ihrer ganzen Emotionalität und ihren klaren Vorstellungen würde sie vermutlich die Sache zum Platzen bringen und die beiden warnen.

Nein. Ich wollte wissen, was hier wirklich vor sich ging. Betrog mich meine langjährige Partnerin? Alma war sehr geradlinig und ich konnte mich bislang mehr als 150% auf sie verlassen. Mit jemandem etwas anfangen, das würde sie nie tun. Oder irrte ich mich? Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, aber auch verbrennen?

Jetzt kamen erste Zweifel in mir auf, ohne dass ich diesen Gedanken zulassen wollte. Nutzte sie ihre Arbeitszeit für anderes? Immer wieder war sie länger im Büro, als nötig oder war noch kurz in Stuttgart shoppen, ohne etwas mitzubringen und kam Stunden später nach Hause. Damit brachte sie mich immer mal wieder in Schwierigkeiten, denn wenn sie nicht da war, dann konnte ich keine Termine wahrnehmen. Und die Kinder immer bei Anne parken? Klar war das spaßig für die Kinder, aber auf die Dauer keine Lösung, selbst wenn Anne immer wieder beteuerte, dass es für sie kein Problem darstellte.

Die Vorstellung wollte noch nicht in meinen Kopf: Solange ich die Kinder versorgte, ging sie mit dem Nachbarn essen!

„Weißt du, was mich an dem ganzen am meisten stört?“, fragte ich Anne. „Wenn sie sagen würden, dass sie sich zum Essen treffen, dann wäre da nichts dabei, oder? Wieso also heimlich?“

Anne wurde schroff.

„Es geht hier nicht darum, ob sie miteinander essen. Lies doch die Mails genauer. Die zwei verarschen uns und das stinkt zum Himmel.“

„Und genau deshalb sollten wir jetzt nichts unüberlegtes tun“, konterte ich.

„Robert, ich muss dir was erzählen, was mit gerade einfällt. Du erinnerst dich, als Alma nach Sydney flog, um ihre Schwester zu besuchen?“

Klar erinnerte ich mich daran. Aber das letzte, das ich wollte, war daran denken zu MÜSSEN.

„Wenn ich daran denke, könnte ich mich wieder aufregen.“

„Ich weiß, aber damals hatte ich ein Erlebnis mit Gerhard, das mir jetzt wieder in den Sinn kommt. Als Alma abflog hatten wir einen Tag frei. Die Kinder waren bei meinen Eltern.“

„Du, jetzt bitte keine Vögelgeschichte.“, versuchte ich die Situation aufzuheitern.

„Nein. Ich weiß gar nicht mehr, was wir machten. Aber ich erinnere mich noch daran, dass es spät war, als wir ins Bett gingen und gerade als ich am Einschlafen war, meinte Gerhard, dass Alma jetzt wohl in Abu Dhabi wäre. Ich wusste nicht mal, dass sie über Arabien flog, ging immer von Singapur aus. Die fliegen doch alle über Singapur, sagte ich zu ihm und er stand auf und ging in Inas Zimmer und schaute auf dem Globus nach, wo Abu Dhabi wäre und stellte dann fest, dass Alma jetzt nur noch über Wasser fliegen würde bis Sydney.“

Ich schluckte.

„Und damals dachte ich, dass er spinnt, dass sein Interesse der Geografie galt. Trotzdem verstand ich nicht, was ihn das um diese Uhrzeit interessierte. Aber im Zusammenhang mit diesen Mails bekommt das ganze doch eine andere Wirkung, findest du nicht?“

Was mir Anne sagte, klang merkwürdig, aber ich verstand.

„Du denkst, dass sie damals schon in Kontakt waren? Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Ich wurde nicht schlau aus Anne. Sie stellte eben eine These in den Raum, an die sie im nächsten Moment selbst nicht mehr glaubte.

„Wir sollten das beobachten. Ich glaube es ist wenig sinnvoll, wenn wir wild spekulieren. Alma hat alle Mails auf ihrem Rechner. Lass ihnen die Sicherheit, wir würden nichts wissen. Ich kann jederzeit nachschauen. Ich will wissen, was hier wirklich los ist und du solltest nichts Unüberlegtes tun.“

Anne zögerte kurz.

„Ja, vielleicht hast du Recht.“

„Bestimmt sogar. Bitte lass uns besprechen, was wir tun und zwar bevor wir es tun. Wir sollten den beiden immer einen Schritt voraus. Okay?“

„Okay.“

Ich weiß nicht, warum ich diesem Okay nicht glauben wollte.

Anne:

Der Nachmittag glitt mir aus den Händen. Keine Ahnung, wo die Zeit blieb. Ich war gefangen zwischen einem kranken Kind und dem Gedanken, dass mich mein Mann verriet und verkaufte. Immer wieder gingen mir Teile der E-Mails durch den Kopf.

31.10.; 23.37 Uhr: Gute Nacht und schöne Träume!

Da waren wir bereits im Bett, denn ich musste in dieser Nacht schon früh aufstehen, um zu arbeiten. Stand er nur noch Mal auf, um ein E-Mail an Alma zu schreiben? In letzter Zeit geschah das öfters und wenn ich nach ihm schaute, dann arbeitete er an seinem Notebook. War es denkbar, dass dieses nicht geschäftlichen Zwecken dient, sondern dem Aufbau einer Affäre? Wie lange ging das schon?

Sogar als sich Alma am anderen Ende der Welt befand, brach der Kontakt nicht ab und sie schrieben sich mit „Grüßle und Küßle“. Gerhard schrieb IHR und SIE antwortete. Warum?

Als ich E-Mails aus Almas Urlaub bekam, zeigte ich ihm die Bilder. Er gab nie preis, dass er die Fotos bereits erhalten hatte, dass er eigentlich mehr wusste als ich und in ständigem Kontakt stand.

23.10.: Ich möchte gerne mal mittags mit dir Essen gehen. Ich bin gerne mit dir zusammen und habe Spaß. Wann hättest du denn Zeit? Da fällt mir ein, in welchen Kinofilm würdest du gerne gehen? Als offizielle Anstandsdame wird sich sicherlich Alex bereiterklären mitzukommen. :-)

Mittags zum Essen gehen? Die beiden waren heute nicht zum ersten Mal Essen. Für uns war seine Zeit knapp und limitiert. Hier ging er morgens früh und kam abends spät zurück - und mit ihr ging er essen. Wann war er das letzte Mal mit mir aus? Wann hatten wir zuletzt ein Candlelight Dinner zu zweit? Und seinen Freund als Anstandsdame zu missbrauchen war für mich ebenso unfassbar.

Die informativen Mails gingen noch weiter. Es schien, dass er alles, was in UNSEREM Haushalt vor sich ging, nach außen tragen musste. Sogar sehr persönliche Dinge, wie als ich bei der Urologin war, die mir Robert empfahl, um vielleicht endlich eine Lösung für mein Problem zu finden, dass immerhin auch ihn betraf und für ihn von Interesse sein sollte, wusste er nichts besseres, als in Details die Problematik Alma gegenüber zu vermarkten. So persönliche Dinge durfte man nicht Preis geben. Und wenn, dann sollte ich entscheiden, wem ich davon erzählte und wem nicht.

In einer E-Mail beklagte er sich darüber, dass ich keine SMS mehr von Robert erhalten würde. Auf einen Schlag wurde mir klar, warum er jeden Abend nach meinem Handy griff, um es vermeintlich abzuschalten. Er wollte mich kontrollieren und da er nichts fand, vermutete er, dass er ausgetrickst würde und berichtete davon Alma.

Robert wollte, dass ich still hielt, dass ich das aushielt. Konnte ich das? Wollte ich das? Spontan war ich mir nicht mehr sicher.

Und dann noch die blöde Frage von Gerhard an Alma, ob Robert das Passwort für ihren anderen E-Mail-Account hätte. Was für ein E-Mail-Account? Und warum sollte Robert das Passwort haben? Und was gab es so Geheimes, das offensichtlich über ein anderes Postfach laufen musste? Waren die E-Mails, die ich heute las nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passierte, die Spitze des Eisberges?

Nein, mein lieber Robert, wie sollte ich da still halten? Ich musste meinem Ärger Luft schaffen.

Oder doch nicht?

Ich beschloss, Gerhard seine Leibspeise zu kochen. Ich wollte kämpfen. Zwei gemeinsame Kinder, sechzehn Jahre – so einfach sollte sich die Kuh von drüben nicht in unser Leben drängen können. Vielleicht musste ich an Attraktivität gewinnen? Bruststraffung und Fettabsaugen bei Medical One? Mein Selbstbewusstsein litt. Ein Linsengericht als Start in ein besseres Leben – Liebe ging doch durch den Magen?

Als Gerhard am Abend nach Hause kam, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken. So sehr ich mich auch bemühte, mir nichts anmerken zu lassen, mir war alles zu viel. Moritz war seit Tagen krank, sehr krank und ich dadurch an die Wohnung gebunden, während er mit dieser Kuh zu Mittag aß. MEINE Intimitäten wurden breit getreten. Ich konnte mir schon vorstellen, wie die beiden sich darüber lustig machten. Zu meiner Trauer mischte sich etwas, was ich in all den Ehejahren noch nie gefühlt hatte und zuerst nicht richtig deuten konnte. Ein dicker Kloß saß mir im Hals und meine Arme waren schwer. Jeder Schritt fühlte sich an, als müsste ich tonnenschwere Elefantenbeine vorwärts ziehen. Ich kannte dieses Gefühl nicht. Ich war hilflos und tief enttäuscht. Zum ersten Mal in meinem Leben.

Nie hätte ich dem Mann, der mir versprach, in guten wie in schlechten Zeiten zu mir zu halten, so etwas zugetraut.

Wann immer ich fragte, ob wir gemeinsam etwas unternehmen konnten, schob er seine Arbeit vor. War ich ihm denn nur noch zum Vögeln recht? Was arbeitete er, wenn er lustig mit dieser Frau essen gehen konnte?

Und da stand er vor mir. 191 cm schlechtes Gewissen. Ina quetschte sich an ihm vorbei, begrüßte mich und verzog sich unter die Dusche. Das war nach zweieinhalb Stunden Rollschuhtraining bitter nötig.

Ich zog meinen Kopf ein. „Lüg mich nie wieder an“, begann ich.

„Wenn dich deine Kollegen suchen, kannst du nicht mit ihnen zusammen sein. Schon gar nicht bei einer wichtigen Besprechung.“

Er schaute mich schuldbewusst an.

„Wenn du Weihnachtsgeschenke kaufst“, fuhr ich fort, „dann kannst du das sagen.“ Ich versuchte, meinen Zorn und meine Trauer im Zaum zu halten. Was wenn ich ein falsches Wort sagte und er seine Sachen packen würde und ab durch die Hecke?

„Seit sechzehn Jahren beschenken wir uns zu Weihnachten, da sollte mir langsam klar sein, dass ich in jedem Fall ein Geschenk bekomme, oder? Du gibst doch keine Überraschung preis, wenn du sagst du kaufst Geschenke. Solche Ausreden sind unnötig.“

Er nickte und versprach Besserung. Wie immer, wenn wir eine Diskussion hatten, bei der ich Recht behielt. Dass er nicht dagegen einwand, mich versuchte rund zu machen, war Beweis genug, dass er Dreck am Stecken haben musste.

Wir setzten uns an den gedeckten Tisch. Moritz war in seinem Bett. Meine Tochter kam mit nassen Haaren dazu und ich verteilte die Linsen an Ina und Gerhard. Meinen Teller sparte ich aus. In meinem Magen lag ein Stein, der mich satt machte und meine Speiseröhre litt an einer Verengung. Kein Bissen würde da durchkommen.

„Ich brauche Luft“, sagte ich zu Gerhard und stand nach dem Essen auf und zog mich um. Draußen war es schon dunkel, aber ich griff nach meinen Laufstöcken und verließ fluchtartig die Wohnung. Aber alles Laufen half nichts. Mein Kopf wollte nicht aufklaren. Zu viele Gedanken und zu viel Angst. Planlos lief ich die Feldwege ab und heulte. Die Schminke lief an mir hinab, mein Gesicht flüchtete aus diesem Leben. Zum Glück war es dunkel und niemand konnte sehen, dass Alice Cooper Nordic Walking machte.

Irgendwann klingelte mein Handy.

„Wo bist du?“

„Irgendwo auf dem Feld. Weiß nicht wo.“

„Komm jetzt heim. Es ist dunkel und ich mache mir Sorgen. Soll ich dich holen?“

„Nein. Ich finde den Weg schon zurück. Ich komme.“

Ich lief heim. Dieser Zustand musste aufhören. ER musste aufhören. Wenn noch etwas passierte, würde ich zusammenklappen und man könnte mich aufkehren. Wie sollte ich es ihm sagen, ohne zu zeigen, dass ich mehr wusste, als ihm lieb sein konnte?

Als ich die Haustüre öffnete, stand er bereits im Flur und ich als Häufchen Elend vor ihm.

„Was immer hier vor sich geht, hör auf damit.“, bat ich ihn.

„Okay“, sagte er nur und nickte.

Unter der Dusche überlegte ich mir, warum er mich nicht befragte, was aufhören sollte. Offensichtlich wusste er ganz genau Bescheid.

**

Am nächsten Morgen rief mich Robert an und fragte, wie es mir ging und wie mein Abend verlief. Ich stand im Supermarkt, als er mich erreichte. Meine Eltern waren zum Babysitten da, weil ich mit Moritz schon wieder zur Ärztin musste und sich Gerhard nicht bereit erklären wollte, zu bleiben. Meine Mutter betreute Moritz und bestimmt ging es ihm dort, wie einem kleinen Prinzen. Ich erzählte Robert, wie hilflos ich war.

„Und dann saßen wir vor dem Fernseher und keiner hat mehr etwas gesagt. Den ganze Abend nicht mehr.“

„Oh Gott! Und du hast sicher nichts von den E-Mails gesagt?“, fragte er nach.

„Nein, aber glaub mir, dass ich kurz davor war.“

„Vielleicht reicht dieser Schuss vor den Bug auch aus, damit er zu sich kommt.“, sagte Robert optimistisch.

„Heute Morgen zumindest machte Gerhard gut Wetter, war überschwänglich freundlich und versprach, sich im Laufe des Tages zu melden.“

„Siehst du, vielleicht bringt es was. Ich habe zu Alma nichts gesagt, außer dass du Gerhard verzweifelt suchtest und er wohl verschollen war.“

„Hat sie sich etwas anmerken lassen?“

„Nein. Absolut nicht. Ich hätte nie gedacht, dass sie so abgebrüht sein kann. Nicht mal ein schlechtes Gewissen ließ sie sich anmerken.“

„Du musst das andere Postfach knacken.“ Ich beschrieb ihm, warum ich der Meinung war, dass wir hier nur die Spitze des Eisbergs wussten und ich befürchtete, dass noch mehr Dreck unter der Wasseroberfläche lauerte.

Robert versprach, sich etwas zu überlegen, aber es schien ihm hörbar unangenehm zu sein. Wollten wir das überhaupt wissen?

„Ich muss jetzt noch für Gerhard einkaufen. Die Tanten aus Baden-Baden sollen Weihnachtspost bekommen und ich dachte, ich kaufe noch Tee zum selbst gemachten Fotokalender. Tee trinken alten Damen gerne.“

„Was? Du springst noch für ihn rum? Na, nach dem gestrigen Tag könnte er mir den Buckel runter rutschen und den Bauch wieder hinauf. Soll er doch seinen Scheiß selbst kaufen. Genug Zeit hat er ja. In der Zeit kann er schon nicht mit Alma zum Essen gehen.“

Robert konnte nicht verstehen, dass ich hier nachgeben musste, um Gerhard nicht zu verlieren. Er sollte es so schön wie möglich haben. Wer es schön hat, hätte keinen Grund sich in eine andere zu verlieben.

Tatsächlich meldete sich Gerhard auf dem Nachhauseweg. Ich erzählte ihm von meinem Einkauf und davon, dass wir am Abend das Päckchen für Baden-Baden fertig machen könnten und dass ich vor lauter Tanten vergessen hatte, Tee für uns zu kaufen. Er wollte dies auf dem Heimweg nachholen.

Als er kam überraschte mich Gerhard nicht nur mit Tee.

„Schau mal Schatz, was ich dir mitgebracht habe.“

Er überreichte mir eine Packung Herzpralinen.

Ich bedanke mich mit einem Kuss und führte ihn ins Wohnzimmer.

„Ich habe den Tee zusammengebunden und eine schöne Schleife dran gemacht. Zusammen mit dem Fotokalender gibt das doch ein tolles Bild, oder?“

Gerhard bejahte.

„Das ist doch ein sehr persönliches Geschenk. Meinst du die alten Damen freuen sich daran?“