Verwehungen - Jutta Aysia - E-Book

Verwehungen E-Book

Jutta Aysia

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Beschreibung

Es ist eine Trilogie, ein biografischer Roman. Fesselnd geschrieben. Zustände, wie sie eben in den sechziger Jahren in der DDR üblich waren. Der eingleisigen Spur folgend, wurde man Pionier, FDJ-ler, oder SED-Mitglied. Judith folgt dieser Spur nichtsahnend. Rechte für mißhandelte Kinder gab es noch nicht. So mit gab es niemanden, dem sich meine Romanfigur anvertrauen konnte und als Endresultat von daheim weglief.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jutta Aysia

Verwehungen

oder wie man das Glück sucht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Verwehungen

Exposé`

Prolog

Die Vorschulzeit

Die vier Jahre Grundschule

Die neue Schule

Die Lehrzeit

Impressum neobooks

Verwehungen

­­

oder

Auf der Suche nach dem Glück

von

Jutta Hinzmann

Impressum

Text: Copyright by Jutta Hinzmann

Umschlag: Copyright by

Verlag: Jutta Hinzmann

Waldweg 44

19258 Besitz

Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Exposé`

Ein gellender Schrei erklingt. Judith erblickt das Licht der Welt. Geboren an einem bitterkalten Dezembertag in einer Großstadt. Judith schaut in das Gesicht derer, die sie nicht haben wollen.

Sie wächst mit 5 weiteren Geschwistern auf. Die Härte und Ungerechtigkeit des Vaters, die Lieblosigkeit der Mutter halten Judith nicht davon ab, ein wenig keck in die Welt zuschauen.

Judith träumt von Liebe und Glück, Zuneigung und Vertrauen. Die Eltern geben ihr nichts davon. Kurz entschlossen geht sie nach der Lehre von zu Haus weg.

Das Leben in der Fremde ist nicht leichter, als die Kindheit daheim. Liebe und Glück sucht sie vergebens. Ihr Weg ist hart und Judith stößt auf unüberwindbare Grenzen.

Grenzen die ihr das Leben und das DDR- Regime setzen.

Prolog

Vogelgezwitscher dringt an mein Ohr. Mit geschlossenen Augen liege ich im Bett.

Welch Tag haben wir heut? Ach ja, Sonntag. Ich schaue um mich. Die Morgensonne lugt durch das Fenster. Wir wollen einen Ausflug mit dem Fahrrad machen. Mein Schatz schläft noch. Leise schleiche ich mich hinaus.

Noch mit Nachtzeug bekleidet gehe ich auf den Hof. Wie herrlich, das würde bestimmt ein schöner Tag werden. Unser Hund wedelt freudig mit dem Schwanz, aber nur weil sie meint, wir gehen jetzt raus. „ Nee Fräulein du musst noch warten, erst muss ich mich anziehen.“ Dele versteht alles und wartet geduldig.

Schnell husche ich ins Haus und decke den Tisch. Gähnend gesellt sich mein Mann dazu. „Morgen, na wie hast du geschlafen“?

So mit Frühstücksei und warmen Brötchen lassen wir den Tag ruhig angehen.

Viel zu selten können wir gemeinsam ein freies Wochenende genießen.

Heut nun wollen wir an die Elbe fahren. Unser Ziel, die ehemalige Grenze zwischen Ost und West.

Das Wetter zeigt sich dazu von seiner schönsten Seite.

Mitten durch die Felder fahren wir zur Elbe bei Neuhaus.

Ich kenne diesen Fluss gut. Sein Hochwasser, seinen Eisgang, sein Niedrigwasser und seinen Geruch.

Trotzdem bin ich innerlich erregt, Erinnerungen werden wach.

Vielleicht würde ich auch einige meiner Schubladen öffnen, mal sehen. Unruhe beherrscht meinen Bauch. Ich kenne dieses Gefühl. Einfach unangenehm.

Doch egal, ich bin gespannt, was mein Mann mir zeigen will. Mein Mann ist im Sperrgebiet geboren und aufgewachsen. Er kann mit dem Begriff Grenze viel besser umgehen als ich. Was kannte ich schon. Doch eigentlich nichts. Nur eben das, was man in der Schule gelernt hatte. Und war das immer die Wahrheit?

Wir nähern uns der Gewässer und den Weiden. Kleine Fischerhäuser säumen den Weg. Sie sehen aus, als hielten sie sich an den gewaltigen Dämmen fest.

„ So Schatz, da sind wir. Nun komm, ich zeige dir einen der Beobachtungstürme und den Grenzzaun.“

Wir stellen unsere Fahrräder am Parkplatz ab und gehen nun zu Fuß weiter. Ich find hier an der Elbe die Umgebung nicht anders, als zu Hau in meiner Heimatstadt. Doch es gibt einen gewaltigen Unterschied. Zu meiner Zeit als junges Mädchen, konnte man im Fluss nicht baden. Der Sand an den Ufern erwies sich als schlammig und übel riechend. Heut gibt es richtige Badestellen und der Sand, ist weiß!

In Gedanken versunken lauf ich meinem Mann hinterher. Wo will er nur hin? „ Judith aufwachen, wir sind da. Hast wieder geträumt ja?“

Natürlich, es war und ist schließlich meine Lieblingsbeschäftigung. Schnell kehre ich in die reale Welt zurück.

Wir stehen am Deich vor einem Zaun und direkt dahinter befindet sich ein ehemaliger Wachturm.

Eine Tafel klärte auf, wie lange und warum und weshalb es eben diesen Zaun und Grenzanlage gegeben hat.

Eigentlich werde ich jetzt erst richtig neugierig. Grenze, Zaun, zwei deutsche Staaten? Gab es das wirklich einmal? Ist es nur ein Traum, oder will ich mich nicht gern daran erinnern?

Mein Mann erzählt mir über die Bauern und deren Gehöfte, welche einfach platt gemacht wurden. Und nur weil hier die Deutsch- deutsche Grenze verlief. Er erklärt mir, dass die Menschen in der Sperrzone niemals Besuch bekamen, einsam waren. Wie viele Menschen sich das Leben nahmen, weil sie mit der Situation an der Grenze zu leben nicht zu recht kamen. Den Fluss vor der Nase, auf der anderen Seite die anderen Deutschen und doch so unüberwindbar von einander getrennt. In meinem Leben hatte ich so über das Dasein zweier deutscher Staaten kaum nachgedacht. War ich nicht eigentlich in völliger Unbekümmertheit groß geworden? Wohl hatte ich keine besonders schöne Kindheit, aber mit den Menschen im Grenzgebiet hätte ich nie tauschen wollen.

Lang schon sitzen wir auf der Deichkrone und jeder denkt für sich an früher.

Plötzlich sieht mein Mann mich an und meint, „ Erzähl Judith, ich weiß so wenig von dir.“

„ Was, wie meinst du das jetzt?“ „ Na ja, wie hast du gedacht und gelebt und was erlebt in der ehemaligen DDR.“ „ Was denn alles? So von ganz vorn?“ Meinem Mann, den ich über alles liebe, kann ich nichts abschlagen.

„ Gut, dann habe Geduld, denn meine Geschichte ist lang.“

Die Vorschulzeit

Ein Tag wie jeder andere in einer Stadt. Der Lärm von Betrieben, dass Quietschen der Straßenbahnen, das Hupen von Autos ,das emsige Treiben der Menschen prägen das Leben an diesem Ort. Da bin ich nun. Nach Worten meiner Mutter schneite es, es war kalt und kurz vor Weihnachten. Und da ich meine Zeit nicht abwarten konnte, wurde ich nicht im Krankenhaus, sondern zu Haus geboren.

Die Zeit des Babydaseins verlief ohne Erinnerungen, sie fangen bei mir mit der Kindergartenzeit.

„ Nun komm und lass dich nicht so ziehen, du wirst sehen da sind noch viele andere Kinder“, meint Mutter und zieht mich an meinem Arm. Ich aber will nicht in einen Kindergarten, nein, ich will bei meiner Oma bleiben. Da hilft kein Weinen und Jammern, irgendwie kriegt meine Mutter mich in den Kindergarten. Welch düsteres und dunkles Haus, erwartet mich, oh weia. Wir steigen eine große Treppe hoch, oben steht eine dicke mächtige Frau. „ Guten Tag Frau Letse, na wo ist denn ihre Tochter?“, höre ich die Erzieherin fragen. Meine Mutter dreht sich um und will sagen, „ Na hier.“ Sie greift ins Leere, ich sitze bereits unter einem Tisch, mache mich ganz klein und hoffe sehr, niemals mehr vorkommen zu müssen. Diese schreckliche alte Frau soll meine Erzieherin sein, sie sieht böse aus! „ Judith, nun komm schon vor, willst du nicht Guten Tag sagen?“ Meine Mutter bemüht sich umsonst, ich will nicht Guten Tag sagen. Jetzt versucht die Kindergartenerzieherin ihr Glück. Mit dem nettesten Lächeln und einer lieblichen Stimme versucht sie mich unter dem Tisch hervor zu locken. Ohne Erfolg! Plötzlich sehe ich eine Hand unter den Tisch kommen, ich rücke noch weiter unter den Tisch, die Hand kommt mir nach, aus lauter Verzweiflung beiß ich in diese Hand. „Aua, verdammte Göre“, schreit die bis eben noch freundliche Kindergartenerzieherin. Für diesen Tag ist die Aufnahme meiner kleinen Person in diesen Kindergarten abgeschlossen. Auf dem Heimweg spricht die Mutter mit mir kein einziges Wort. Mir machte das wenig aus, ich schaue auf die großen Bäume am Straßenrand, welche hier vor bestimmt hundert Jahren gepflanzt worden waren. Mich zieht es zu meiner Oma, denn da gibt es immer schöne Kekse und geschlagenes Ei mit Kakao. Und da ist mein Onkel Klaus, der mit mir stets Ulk macht. In einen Kindergarten, nein, niemals, ich nicht!

Wieder einmalsoll meine Mutter ein Baby bekommen und will es unbedingt in Wendel (einem Dorf bei Schönebeck) zur Welt bringen.

Für diese Zeit darf ich bei der Oma Letse schlafen. Die Großeltern wohnen gleich im Nachbarhof und nur eine alte Mauer trennt beide Grundstücke von einander. Der normale Weg dahin ist nicht weit, am schnellsten geht es über die Mauer, schon stehe ich im Hof der Großeltern. Das sieht mein Vater gar nicht gern und so manches Mal bekomme ich für den Satz in den Garten von ihm einen Satz hinter die Ohren. Diese Erziehungsmaßnahme hilft wenig, auf jeden Fall wähle ich stets den kürzeren Weg. Die Urgroßeltern leben zusammen mit Oma und Opa auf diesem riesigen Grundstück. Das alte Haus verlockt täglich zu neuen Streichen. Zum Beispiel der Aprikosenbaum, welcher sich unter Uropas Fenster befindet. An ihm lässt es sich herrlich hoch klettern und beim Uropa ins Fenster schauen. Werde ich dabei erwischt, gibt es vom Opa welche auf den Po. Aber wie das so bei Kindern ist, hält die Strafe nicht lange vor und wieder klettere ich in den Baum. Das ich mich verletzen könnte, kommt mir nicht in den Sinn und somit verstehe ich die Sorgen meiner Großeltern nicht. Da gibt es noch weit aus interessanteres auf dem Hof, welches von mir selbstverständlich untersucht werden muss. Der Keller, oder die Remise oder die Werkstatt. Letzteres habe ich nicht zu betreten. Früher arbeitete der Schmied hier. Es riecht heut noch nach altem Öl und überall steht oder hängt sonderbares Werkzeug. Der Holzklotz mit seinen Vertiefungen hat es mir besonders angetan. Warum nur sind da die Löcher im Holz? Stirnrunzelnd stehe ich davor und überlege, was ich daran ändern könnte. Mir fällt die Sandkiste ein. Vorsichtig schaue ich um die Ecke, ob niemand auf dem Hof ist. Renne wie der Blitz zum Sandkasten, fülle mein Eimerchen mit Sand, nehm die kleine Schaufel und renne zurück. Und nun tue ich das, was ich hätte lieber bleiben lassen sollen. Fein säuberlich fülle ich alle Vertiefungen und finde meine Arbeit auch noch gut. Ja und nach vollendeter Arbeit klopfe ich meine Hände ab, nickte zufrieden mit dem Kopf, was ich immer bei den Großen sah, wenn sie etwas getan hatten und vergesse den Holzklotz. Aber nicht lange. Eines Tages ruft mich mein Opa nach mir. Ganz ahnungslos, gehe ich zu ihm hin. Der steht vor dem Holzklotz und zeigt mit dem Finger auf die wirklich schön gefüllten Löcher. „ Warst du das?“ mehr nicht, vorsichtig schaue ich in sein Gesicht und frage mich, soll ich ja sagen? „ Nö, war ich nicht.“ „ Gut“, sagte der Opa, „ Dann fragen wir mal den Klaus, denn mehr Kinder gibt es hier nicht, oder Judith?“ Den Unterschied zwischen Lügen und Wahrheit kannte ich schon, doch zu spät! Und wieder einmal muss mein Hintern herhalten, weil ich gelogen habe. „So“, meint Opa, „ Für die Lüge und nun schau zu, wie du den Sand aus die Löcher bekommst.“ Wenn es da nicht den Onkel Klaus gegeben hätte. „ Nun geh mal Kleene, Uropa und ich macht das schon.“ Am nächsten Tag sieht der Klotz aus wie immer. Keinen Krümel Sand kann ich entdecken. Ich gehe zum Uropa und lasse mir erklären, warum dieser Holzklotz so viele Löcher besitzt und diese nicht mit Sand gefüllt werden dürfen. „Früher, dass heißt so vor 20 Jahren wurden in der Schmiede die Hufeisen den Pferde bearbeitet. Weil aber Hammer und Zange sehr heiß wurden, stand eben dieser Holzklotz da, um die Arbeitsutensilien abkühlen lassen zu können.“ Aha, das leuchtet mir ein und ich will ganz bestimmt keinen Sand mehr in diese Löcher füllen. Obwohl, ein Pferd habe ich noch nie auf dem Hof zu Gesicht bekommen.

Die Wünsche eines kleinen Kindes werden selten erfüllt und somit gehe auch ich in den Kindergarten. Anfangs begleitet mich die Oma zum Kindergarten. Schließlich wohnen wir an der Hauptstraße mit sehr viel Verkehr, vor allem zum Feierabend der Großbetriebe.

Das in den Kindergarten gehen ist nicht leicht, nein nicht für mich, für die Erzieher. Fällt mir doch ständig dummes Zeug ein. Mittagsschlaf, so eine blöde Erfindung. Da ich nie schlafen kann, schaukele ich auf meiner Liege hin und her und summe mir leise ein Liedchen. Schon steht die Erzieherin vor mir und flüstert mir zu, ich solle doch endlich Ruhe geben. Das sagt sie einmal, zweimal und peng stehe ich draußen. So lerne ich den Dachboden des Hauses kennen. Da gibt es riesige Spinnennetze mit dicken Spinnen, eh wie eklig. Wenn man die Netze berührt, bewegen sich die Spinnen und hat sich gerade eine Fliege verfangen, stehen sie auf dem Speiseplan der Spinne. Die Bretter an der Wand hatten ihre Farbe fast verloren und ich hole aus langer Weile den Rest runter. Die Krümel sammele ich fein säuberlich auf und lasse diese aus dem Fenster fallen. Dabei stelle ich mich auf die Zehenspitzen, um den Fall der Farbkrümel zu beobachten. Doch auch das finde ich bald langweilig.

Ich wachse heran und meine Dummheiten auch.

Das letzte Jahr im Kindergarten neigt sich dem Ende, bald würde ich in die Schule kommen. Darauf freue ich mich. Und weil ich schon so vernünftig bin, meinte Oma, dürfe ich endlich allein vom Kindergarten nach Haus kommen. Hätte sie doch diesen Satz nie ausgesprochen. Auf dem Weg zum Kindergarten befindet sich ein wunderbarer Spielplatz, so mit Krabbelpilz und Klettergerüst und Schaukel. Eines Tages, auf dem Heimweg meine ich nun, hier bleibst du Judith und tobst mal richtig. Die Sonne scheint und ich finde es herrlich hier. Ja und da sind noch andere Kinder. Ob die auch nicht heim wollen? Wir spielen und spielen, die Zeit kenne ich noch nicht. Plötzlich stehe ich allein auf dem Spielplatz. Der Magen knurrt, ich trolle mich Heim. Meine Oma sehe ich schon von weiten. Au weia, das kann nichts Gutes bedeuten. „ Hallo Oma, da bin ich wieder. Das war soooo schön im Kindergarten!“ Weiter komme ich nicht mit meinem Geschwätz. Peng habe ich eine Ohrfeige. „ Komm du mir mal rein“, mehr sagt die sonst so liebe Oma nicht, zieht mich an meinem Ohr ins Tor hinein. „ Los geh zum Opa“, schubst mich unsanft zu ihm hin. Der Opa schaut noch finster drein. Der legt mich kurzer Hand über sein Knie und verwackelte meinen Po. Als er fertig damit ist und ich laut heule, sagte er zu mir, „ Du weißt hoffentlich warum. Nun ab ins Bett, Abendbrot fällt heute aus.“ Heulend und die Augen reibend gehe ich zur Oma und bitte sie noch auf die Toilette gehen zu dürfen. Natürlich darf ich. Nun wohnt in diesem Haus aber noch die Uroma, welche mein Geschrei hörte, sie steht bereits hinter ihrer Küchentür und horcht auf meine Schritte. Ich muss an ihrer Tür vorbei, will ich auf die Toilette gehen. Ein Spalt weit die die Tür offen, natürlich für mich! „ Mein armes Mädel, hat es sehr weh getan?“ Sie drückt mich ganz fest und fragt mich, ob ich ein geschlagenes Ei möchte. Ich nicke schnell und heftig mit dem Kopf. Rutsche auf den Fußhocker nahm die Tasse mit dem herrlichen Inhalt und löffle diesen aus. Dankbar schaue ich die Uroma an, stehe auf und stelle mich auf die Zehenspitzen um ihr einen dicken Kuss zu geben. So bekomme ich etwas in meinen knurrenden Magen und schleich mich leise in mein Bett.

Wenn ich morgens die Augen öffne, neckte mich die Sonne durch die Ritzen des alten Rollo/s. Die Vögel zwitschern ihr Morgenlied, ich strecke mich und gähnte laut um dann den Federn zu entsteigen. Den Vorfall vom gestrigen Tage habe ich wieder vergessen. Schon als kleines Kind liebte ich die so sanfte Ruhe und empfand dabei tiefe Geborgenheit. Bei Oma gibt dazu noch stets gutes Frühstück und leckere warme Milch.

Der Sommer neigt sich dem Ende. In ein paar Tagen würde ich eingeschult.

Mutter hat mir zur Einschulung ein hässlich grün aussehendes Kleid gekauft und dazu rote Schuhe. Der Schulranzen und die Brottasche aus Rindsleder in der Einheitsfarbe Braun, gehören zu meiner Ausstattung. Man hat nicht die Qual der Wahl, sondern muss sich freuen, überhaupt etwas in der noch sehr jungen sozialistischen Republik zu bekommen.

Nun soll meine Puppe Bärbel zum Schulanfang auch schön aussehen. Die Oma steht in der Waschküche und bemüht sich dem Opa seine Arbeitshosen sauber zu schrubben. „Oma, darf ich meine Puppe auch waschen?“ Die Oma nickt nur und ist sich nicht bewusst, was das noch für Ärger gäben würde. Ich setze mich auf die Stufen zur Waschküche, die Sonne meint es gut mit mir und ich ziehe meine Puppe Bärbel aus. Die Zinkwanne steht im Hof und lockt mich förmlich an mit seinem Inhalt an. Mit Seife und Lappen geht es Bärbel an den Kragen, was für ein Spaß. Nach dem die Puppe ganz sauber aussieht, trockne ich sie ab, ziehe ihr die Kleider an, setzte sie in den Puppenwagen und bringe sie in den Stall. Dieser befindet sich am Ende des Hofes, gleich gegenüber dem Hühnerstall. Hier habe ich alle Utensilien von mir hin geschleppt und somit auch die Puppe Bärbel. „ So bis morgen, schlaf gut“, zog die Stalltür fest ran und gehe zur Oma, um ihr beim Waschen zur Hand zu gehen, was ich denn so unter Helfen verstand.

Am nächsten Morgen will ich wie immer mit meiner Puppe spielen, renne in den Hof, saute um die Ecke und hole den Puppenwagen aus dem Stall.

Bärbel liegt friedlich in ihrem Wagen. „ Na Bärbel, hast du gut geschlafen?“ Langsam hole ich sie aus dem Fußsack. Doch was ist das? Vor Schreck lass ich die Puppe, oder was von ihr übrig ist fallen. Ich habe keine Puppe mehr, da wo mal Arme und Beine waren, liegt nur aufgeweichtes Pappmaschee, nur der Kopf ist geblieben. Der ist aus Porzellan. Wie von der Tarantel gestochen, schreie ich los, dass aber auch Jeder auf unserem Hof mein Gejammer hören kann. Meine Oma erscheint am Fenster, sichtlich erschrocken von Lärm, den ich veranstalte. Ich schreie noch immer, „Meine Puppe, meine Puppe.“ Im Nu erscheinen alle im Hof, die Oma, der Opa, die Uroma und der Uropa und reden auf mich ein. Irgendwann halte ich dann meine Klappe und erzähle unter Tränen, was meiner Puppe Bärbel geschehen ist. Der Opa nimmt mich in den Arm und tröstet mich erst einmal, dann erklärt er mir, dass man nicht alles waschen kann. Nun, und Bärbel konnte man eben nicht waschen. Ihre Arme und Beine und auch der Körper bestehen aus Pappe, nur der Kopf nicht. Oma bekam mit dem Opa noch viel Krach, weil sie mir erlaubt hatte, die Puppe zu waschen. Im selben Jahr zu Weihnachten sollte ich eine neue Puppe erhalten.

Wenn mein Onkel Klaus von der Schule kommt, nimmt er sich stets etwas Zeit für mich, bevor er seine Hausaufgaben erledigt. Er ist schon groß und hat ewig neue dumme Ideen für mich. Eines Tages fragt mich Onkel Klaus, „ Eh, Judith, willst Fahrradfahren lernen? Komm ich bringe es dir bei.“ Die Idee finde ich großartig. Klaus holt sein Fahrrad aus dem Schuppen, schiebt es vor meine Nase und sagte, „ Komm, steig auf.“ „Ich jetzt hier gleich?“ Dabei schaue ich meinen Onkel unglaubwürdig an. „ Willst nun Fahrrad fahren lernen, oder nicht!“ Natürlich wollte ich, aber wie? „Du krabbelst durch die Stange, hältst dich am Lenker fest, die Füße passen dann auf die Pedalen und dann musst du nur noch treten. Ich halte dich fest.“ Tapfer mache ich alles so, wie Klaus es mir erklärt und trete auf die Pedalen. Mein Onkel schreit, „ Nicht so schnell!“ Ich bemerke, dass ich fahre, nicht kippe und bin stolz wie Bolle. Drehe mich um, damit ich es meinen Onkel zu rufen kann. Wo ist mein Onkel? Weg. Zu spät! Ehe ich mich versehe, endet meine erste Fahrradtour am Tor. Angst und Schmerzen lassen mich mal wieder, wie von einer Tarantel gestochen schreien. Das Knie blutet, die Arme aufgeschrammt, die Hose entzwei. Ich muss wohl wie ein Nilpferd drein schauen haben. Jedenfalls lacht mein Onkel zunächst, als er mich so liegen sieht. Das Lachen vergeht ihm gehörig, er bekommt einen Satz hinter die Ohren von der Oma und einen Redeschwall von Vorwürfen. Es hätte auch ganz böse für mich enden können. Ich für mein Teil, will nie wieder auf einem Herrenfahrrad fahren lernen. Ein anderes Mal fragt mich Klaus: „Na Kleene, willste mal Berlin sehen?“ Natürlich will ich Berlin sehen. „Dann komm her zu mir“ Ganz gespannt mit weit aufgerissen Augen, warte ich darauf Berlin zusehen. Mein Onkel fasst meinen Kopf an und zieht mich ein Stück nach oben. Das tut mir entsetzlich weh und ich fange an laut zu weinen. Schnell setzt er mich auf die Erde zurück, lächelt mich an und fragte, „ Na haste Berlin gesehen?“ Ich schüttele den Kopf und maule, „Nee es hat nur weh getan.“ „ Willste noch mal“, und will wieder an meine Ohren und Kopf ziehen. Ich renne weg und schrei, „ Das sag ich Oma, so.“ Die letzten Tage vor meiner Einschulung gehen wie im Flug.

Die Kinderjahre bei meinen Großeltern Letse sollen die schönsten Jahre in meinem noch zu jungen Leben bleiben. Von nun an ändert sich alles.

Zu meinem Leidwesen ziehen wir um. Die alte Wohnung wird zu eng, außer mir gibt es nun noch eine Schwester und einen Bruder, einen Bruder! Er kommt wie aus dem Nichts. Dirk zählt 5 Jahre, blass und schmal und sagt kaum ein Wort. Meine Eltern erklären mir, dass Dirk so lange krank gewesen und deshalb erst jetzt zu uns in die Familie kam. Später, als ich fast schon erwachsen bin, erzählt mir meine Oma Hausmann eine ganz andere Geschichte. Schwester Dörthe interessiert mich weniger, die machte noch in die Windel und somit Arbeit. Aber mein Bruder, nur ein Jahr jünger als ich, mit dem kann ich fast so gut spielen, wie mit meinem Onkel Klaus. Da dieser für mich nun unerreichbar scheint, rückt mein Dirk an seine Stelle.

Die vier Jahre Grundschule

Ach was find ich die Schule schön. Wir malen den ganzen Tag Striche in Hefte. Mal sollen die Striche gerade sein, mal schräg. Da ich von meinem Onkel schon vieles gelernt habe, wird mir die Schule langsam langweilig. Ich widme mich dem Schwatzen, was natürlich viel interessanter ist. Meine Banknachbarin heißt Doris und soll mein ganzes Leben lang meine Freundin bleiben. Wir schnattern und hören nicht die Lehrerin. Und weil ich nicht auf die Ermahnungen der Lehrerin hören kann, sitz ich dann und wann schon mal allein, ganz vorn auf der ersten Bank. Im Laufe der 1. Klasse und im Sinne der sozialistischen Erziehung werden wir Jungpioniere. Zum Montagsappell dürfen wir mit weißer Bluse und blauen Halstuch antreten. Meine Mutter bricht sich fast die Finger, wenn sie mir das Pioniertuch mit richtigen Knoten binden soll. Der Montag beginnt demzufolge mit Ärger und ich finde Halstuch und Bluse schlichtergreifend dumm. Dem Bleistift folgt der erste Tintenfüllhalter. Vater macht eine Wissenschaft daraus, mir zu erklären, wie man das Ding mit Tinte füllt. Lieber hätte er mir erklären sollen, wie Tinte wieder aus Hosen und Blusen verschwindet. Das aber tut er zu meinem Leidwesen nicht und so setzt es öfters mal eine Ohrfeige für Tintenkleckse auf meinen Sachen. Die ersten Buchstaben und Zahlen verdrängen die langweiligen Striche. Buchstaben schreiben erweist sich als erste kleine Schwierigkeit. Da rutschen die O´s und A´s aus den Linien. Die Nase fast auf dem Schreibheft und die Zungenspitze folgen dem Füllfederhalter, versuche ich krampfhaft die Worte in ihre vorgeschriebenen Reihen zu balancieren. Das erste Schreibheft zeugt von der Kunst des Schreiben lernen und außer schiefstehenden Buchstaben wechseln sich Tintenkleckse mit Radiergummilöchern ab. Der Versuch, falsch geschriebene Worte mit einem Radiergummi zu entfernen, entpuppt sich zu einem sinnlosen Unterfangen. Das Ende vom Lied, meinem Vater gefällt meine Schreibkunst nicht. So geschieht es, dass ich eben so ein Schreibheft völlig neu anlegen muss. Zu Deutsch, ich darf alles in Reinschrift in ein frisches Schreibheft übertragen. Mein Erzeuger steht dabei hinter mir. Da mir wieder und wieder ein Wort aus der Schreibreihe rutscht, bekomme ich so eine derbe Kopfnuss, dass ich auf die Tischplatte knalle und die Nase blutet. Noch einmal muss ich die angefangene Seite neu beginnen. Die Tränen laufen mir über das Gesicht. Und draußen spielen die Kinder!

Mein Schulweg ist der kürzeste von allen Schülern der 1.-4. Klasse. Wir wohnen gleich über die Straße. Somit komme ich in den Genuss, nicht Mittagsruhe halten zu müssen. Nach dem gemeinsamen Mittagsessen darf ich nach Haus gehen, während sich die anderen aus meiner Klasse mit den Schulvorschriften quälen müssen. Mittagsschlaf, Kaffe trinken, Hausaufgabenstunde und ganz artig Spielen. Nach der Schule gleich nach Haus gehen zu dürfen, ist wohl ein Vorteil. Der Nachteil besteht darin, dass meine Eltern fürchterlich schnell informiert werden, wenn ich wieder mal nicht im Sinne der Lehrkörperschaft gehandelt habe.

Von Statur gleich ich eher einer spindeldürren Puppe und niemand nimmt an, dass ich mich wehren könnte. In den Pausen ärgern mich die Kinder aus meiner Klasse gern, in dem sie meinen Namen verdrehen. Sie rufen mir nach, Letse, Petze, du bist doof! Dabei umkreisen mich Jungen und Mädchen im Schulhof. Mein Vater hatte mich gelehrt, Unrecht gleich zu klären und wenn es sein muss, mit der Faust. So sehe ich zu, als man mich in der Pause mal wieder ärgert, dass ich einen von den Schreihälsen erwische. Umsonst wetze ich von einem zum anderen. Dabei lachen sie mich aus. In mir steigt eine mir bis dahin unbekannte Wut im Bauch hoch. Plötzlich finden sich meine Hände in den Haaren einer dieser Schreihälse wieder. Kräftig ziehe ich am Pferdeschwanz. Erschrocken über den Haarbüschel, welchen ich in der Hand halte, renne ich weg und versteckte mich im Keller. Marion, so heißt das Mädchen höre ich bis nach unten. Das Herz rast und ich fange an zu weinen.

Meine Lehrerin find et mich sitzend am Kellerboden mit dem Haarbüschel in der Hand. „ Komm mit nach oben“, nimmt mich an die Hand und wir gehen ins Lehrerzimmer. Dort steht die plärrende Marion, alle Lehrer und schauen mich stirnrunzelnd an. Gerade will tief Luft holen und erklären, was passiert ist. Ich komme nicht dazu. Ein gewaltiger Sturm an Stimmengewirr dringt an mein Ohr: das ist unmöglich, wie kannst du so etwas nur machen, das erfahren deine Eltern, du bekommst einen Tadel, du bist kein Jungpionier mehr. Und so weiter und so weiter. Keiner fragt mich, oder lässt mich zu Wort kommen, warum ich Marion in die Haare gezogen habe. Danach darf ich zurück in meine Klasse gehen. Und das ist so ein Nachteil. Kaum stelle ich zu Haus angekommen meinen Schulranzen in die Ecke, setze mich an den Mittagstisch gucke meine Eltern hungrig an, freue mich auf Reis mit Kirschen, da geht meinem Vater der Hut hoch. Na klar, meine Lehrerin hatte bereits ihren ersten Elternbesuch bei uns zu Haus absolviert. Klasse!

Wie gewohnt in der Schule, will ich aufstehen und reden. „ Setz dich, bist doch nicht in der Schule“, spricht mein alter Herr mich gereizt an. Also setze ich mich wieder hin und fang an zu erzählen. Wenn ich auch mit sehr viel Strenge erzogen wurde, so tadelt er mein Handeln nicht. Er befindet mich im Recht und für mich folgt diesmal keine Strafe. „Na gut, ich kann dich verstehen und hänseln lassen musst du dich nicht. Wir sind eine anständige Familie. Aber gleich einen ganzen Büschel Haare hättest du ihr nicht raus ziehen müssen. Morgen gehst du dich entschuldigen. Ist das klar?“ Ich nicke stumm und esse ohne Appetit den bereits kalten Reis auf.

Dieses Ereignis prägt mein Leben als Schulkind in der Mariannen Straße. Irgendwie habe ich mir Respekt verschafft, ohne es zu wissen.

Mein Wissen vom Onkel Klaus habe ich ausgeschöpft und somit höre ich neuerdings zu, wenn der Unterrichtsstoff neu ist.

Das Schwatzen mit meiner Freundin Doris kann ich nicht unterlassen, was zur Folge hat, dass meine Freundin Doris den Stoff im Unterricht nicht mitbekommt und ihre Zensuren schlechter werden. Ja und ich habe die Begabung zu schwatzen und trotzdem alles im Unterricht mit zu bekommen.

In der dritten Klasse kommt zum Sport das Schwimmen dazu. Als Naseweis kann ich natürlich schon schwimmen. Und das kam so. In einem nicht weit ab gelegenen Stadtteil von meinem Zuhause, gibt es ein Schwimmbad, das nur im Sommer geöffnet hat. Der Sommer in einer Großstadt wirkt sich nicht gut auf die Menschen aus. Hitze, Staub, die Menschen haben selten oder eher kaum zu Haus eine Badewanne. Also, man geht im Sommer ins Freibad. Ich auch. Nach dem ich meine Mutter stundenlang, nein Tage lang quäle, ich will auch schwimmen lernen, lässt sie sich irgendwann drauf ein und ich darf mit Evelyn, eine Spielkamedin ins Freibad. „ Geh nicht so dicht ans große Becken, höre ich sie noch sagen“, weg bin ich. Evelyn versteht bereits die Kunst, sich über Wasser zuhalten. Aber ich noch nicht! Evelyn erklärt mir, wie ich es anstellen muss, um mich über Wasser zu halten. „ Du musst paddeln wie ein Hund, dann gehst du nicht unter“. Ich gehe natürlich unter, aber nicht sehr wirklich, das Wasser reicht mir bis zum Hals, wenn ich stehe. Fast vorsichtig paddele ich zum Rand des Beckens und halte mich dort an der Haltestange fest. Einer von den Bademeistern sieht uns und eilt auf uns zu. „ Raus hier, könnt ihr nicht lesen? Baden für Nichtschwimmer nicht erlaubt.“ Lesen, ja das konnten wir, aber noch nicht schwimmen und das wollen wir. Der Bademeister erbarmt sich unser, gibt uns jeden einen Schwimmring und geht mit uns zum kleinen Becken. „ So und hier könnt ihr jetzt probieren, wenn ich Zeit habe, schaue ich mal her.“ In nur ein paar Tagen kann ich schwimmen, als Dank klauen wir aus einem Garten der naheliegenden Gartenanlage einen riesigen großen Strauß Blumen. „ Na wo habte denn den je klaut“, grinst der Bademeister uns an und verschwindet mit den Blumen.

Unsere große Stadt besitzt eine richtige tolle große neue Schwimmhalle, genannt die Elbeschwimmhalle. Die Elbe, ein großer Fluss fließt durch unsere Stadt und teilt sie auch. Die Schwimmhalle trägt deshalb auch den Namen des Flusses. Da fahren wir nun einmal die Woche hin, mit der Straßenbahn. Die ganze Klasse muss sich in einen Wagon drängeln, damit unsere Turnlehrerin nicht die Übersicht verliert. Die mitfahrenden Gäste sind nicht gerade begeistert, wenn so ein Haufen von schnatternden sich schubsenden Kindern einen Wagon ohne Verluste bevölkert. Aber auch diese Zeit geht vorbei. Oh, was für ein Haus, ich habe noch nie eine Schwimmhalle gesehen, weder von außen, geschweige denn von innen. Bevor wir in die Halle eintreten dürfen, gibt es noch strenge Regeln der Lehrerin, die wir zu befolgen haben.

Drinnen riecht es fürchterlich, im Gänsemarsch teilten wir uns in zwei Gruppen. Rechts die Mädchen, links die Jungen. Bekleidet mit Badeanzug und Badekappe betreten wir die eigentliche Schwimmhalle, auch hier riecht es so nach Toilette. Der Geruch beißt in die Nase und nimmt einem die Luft zum Atmen. Unsere Turnlehrerin klärt uns auf und wir finden es plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Das Zeug nennt sich Chlor und soll die Becken von Verunreinigungen frei halten. Wie sehen denn die Jungens aus, wir Mädchen lachen uns krümelig. Offensichtlich schauen wir nicht besser aus, denn auch die Jungens fangen an zu kichern. Wie im Freibad, gibt es ein Schwimmbecken für Nichtschwimmer und eines für Schwimmer mit einem ganz großen Turm zum Springen. Das große Becken erweist sich für uns 3-Klässler zunächst als Tabu. Die Schwimmstunden gehören zu meinen Lieblingsunterrichtstunden und gehen viel zu schnell vorbei.

Wenn ich auch sonst die Appelle am Montagmorgen für unbequem, kalt, langweilig und was weis ich noch alles halte, freue ich mich sehr, als zum Abschluss der 4.Klasse ich bereits öffentlich für meine Schwimmkünste gelobt werde und die Schwimmstufe in Goldhalte.

Ferien, wer liebte dieses Wort nicht. Für gewöhnlich heißt das Spielen in der Straße, länger draußen bleiben, keine Hausaufgaben, weniger Pflichten.

In unserem Stadtteil gibt es drei Klicken. Die Klicke aus der Sophien Straße, die aus der Randauerstraße und wir, die aus der Mariannen Straße. Häuserzeilen, welche in den zwanziger Jahren für die Arbeiter des Stahlwerkes gebaut wurden, ohne jeglichen Schnickschnack und mit einem Plumpsklo für alle Mieter eines Aufganges. Da kommt man so manches Mal in Nöten. Und hier bin ich der Boss aus der Mariannen Straße. Keiner kann so schnell Roller fahren, oder so schnell laufen wie ich, oder canceln um Pfennige, oder kieseln mit Kiesel und Peitsche.

Nur Singen kann ich nicht, das klingt einfach fürchterlich. Manchmal spielen wir Schlagerparade bei uns auf dem Hinterhof. Ein Hinterhof, wie Zille ihn nicht besser hätte illustrieren können. Ein paar fast verfallene Kaninchenställe und ein Fahrradschuppen, Wäscheleinen und altes Straßenpflaster zieren den Hinterhof. Der Putz an den Hauswänden bröckelt und die Farbe Grau tendiert hier an erster Stelle. Zum Singen ziehen wir uns eine Decke als Vorhang im Durchgang des Hinterhauses und mittels eines Kochlöffels, als Mikrophon gedacht, gibt jeder sein bestes. Bernd, ein Mitbewohner des Vorderhauses kann am schönsten singen. Er kauft sich die damals erhältlichen Texthefte und lernt die Liedtexte der derzeit aktuellen Schlagersänger auswendig. „ Rote Lippen soll man küssen….“, na ja ich habe weder diese Hefte, noch Talent zum Singen und somit werde ich dem Chor zugeordnet und musste brummen. Lange spiele ich das Spiel Schlagersänger nicht mit, dass ist für Memmen und Bernd ist eine.

Ich kriech lieber mit den mutigen Jungen aus der Klicke auf dem Ascheberg rum. Mir und meinem Bruder ist es aufs strengste untersagt, die Spielstraßen zu verlassen. Die anderen Kinder kennen solche Verbote nicht. Aber ich will unbedingt mit, also übergehe ich dieses Verbot und renne den Jungen nach. Vorbei an Oma, ja die Oma, immer seltener besuche ich sie. Dabei liebe ich sie so sehr. Mein Onkel Klaus studiert, irgendwo in unserer Republik und ist nie zu Hause.

Durch den sogenannten Kantorgang kommt man zum ehemaligen Ascheberg. Viel sieht man nicht mehr davon. Aber es reizt eben doch, über die Hügel und über die stinkenden Schlammlöscher zu rennen. Wer da nicht gut springen kann, sieht halt eben schlecht aus danach und noch schlechter bei den Eltern daheim. Denn Waschmaschinen gibt es noch nicht und fast jede Familie muss mit der Hand waschen. Dass das nicht leicht ist, davon kann ich ein Lied singen. Als ältestes Kind der Familie obliegt es mir ganz allein, meiner Mutter beim Waschen zu helfen. Freitags heizt mein Vater den großen Waschkessel im Waschhaus an. An solchen Tagen, zu mindestens im Winter, haben wir in unserem Kinderzimmer warme Füße. Die Waschküche liegt direkt unter unserem Zimmer. Früher war dies der Heuboden und die Waschküche ein Pferdestall. Heut heißt es Hinterhaus, wir wohnen dort, ohne Klo und Waschbecken. Die gekochte weiße Wäsche zieht meine Mutter durch eine Nassmangel und ich kleines Ding soll diese dann in einen großen Korb legen. Nach der Weißwäsche folgt die Buntwäsche und hier tret ich dann richtig in Aktion. Alle Socken gehören mir. Welch ungerechtes Spiel. Dazu stell ich mich auf einen kleinen Fußhocker und mittels Bürste schruppe ich Socke für Socke. „ Ich hasse Strümpfe“, sage ich meiner Mutter und schaue sie aus traurigen Augen an. Kein Erbarmen, nein, Mutter bleibt eisenhart und ich muss meine Arbeit zu Ende bringen. Dabei habe ich noch eine Schwester, welche ein Jahr vor mir geboren wurde. Karin brauchte nie beim waschen mit anpacken. Sie wohnt bei meiner zweiten Oma auf dem Land und genießt alle Vorzüge eines verwöhnten Einzelkindes. Manchmal fahren wir zu den anderen Großeltern. Der Weg dorthin dauert lange und nur mit Bahn oder Bus zu erreichen. Auch diese Oma liebt mich sehr. Sie herzt mich und drückt mich ständig, streichelt mein strohblondes Haar und schaut mich dann stets mit fragenden Augen an. Viel später erfahre ich, warum.

Die neue Schule

Die Sommerferien neigen sich dem Ende, für mich und meine Schulkameraden beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Aus ist es, mit dem langen Schlafen, aus mit dem Petzen der Lehrer, vorbei mit mal schnell zu Letse gehen.

Ab der fünften Klasse gehen wir in die Polytechnische Oberschule am Franzosenplatz.