Verwese sanft - Thomas Tippner - E-Book

Verwese sanft E-Book

Thomas Tippner

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Beschreibung

Linda weiß, dass sie gegen den Hasen kämpfen muss. Der ist dabei Blossomville mehr und mehr unter seine Kontrolle zu bekommen. Wie soll sie das anstellen? Können die Visionen, die sie ständig heimsuchen, ihr dabei helfen? Wer ist der Mann aus dem Schatten, der ihr immer wieder erscheint? Und die Frage alle Fragen: Warum will der Hase mit aller Macht verhindern, dass sein wirklicher Bau gefunden wird?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Table of Contents

Verwese sanft

Impressum

Kapitel 1 - Die Zeichnung

Zwischenspiel: Stimmen im Dunkel

Kapitel 2 - Das Erwachen

Das Ende naht 1

Zwischenspiel 2 – Alte Schatten

Kapitel 3 - Das Haus

Das Ende naht 2 - Erinnerungen

Kapitel 3 - Fortsetzung

Das Ende naht 2 - Erinnerungen (Fortsetzung)

Kapitel 3 - Fortsetzung

Kapitel 4 - Böse Überraschung

Zwischenspiel 3

Kapitel 4 - Fortsetzung

Zwischenspiel 4 – Stift und Papier

Kapitel 4 - Fortsetzung

Das Ende naht 3 – Erklärungen

Kapitel 5 - Das Opfer

Das Ende naht 4 – Der stille Schrei

Kapitel 6 - Ruhe

Der Autor

Thomas Tippner

Verwese sanft

Eine böse Osternovelle #3

Phantastische Novelle

Fortsetzung von STIRB SANFT und VERBLUTE SANFT

Ashera Verlag

Impressum

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

Bisher in der Trilogie erschienen:

Stirb sanft – Novelle

Verblute sanft – Novelle

Verwese sanft – Novelle

Erste Auflage im April 2026

Copyright © 2026 dieser Ausgabe by

Ashera Verlag

Hochwaldstr. 38

51580 Reichshof

[email protected]

www.ashera-verlag.net

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder andere Verwertungen – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlags.

Covergrafik: iStock

Innengrafik: pixabay

Szenentrenner: pixabay

Coverlayout: Atelier Bonzai

Redaktion: Alisha Bionda

Lektorat & Satz: TTT

Vermittelt über die Agentur Ashera

(www.agentur-ashera.net)

Kapitel 1

Die Zeichnung

Astrid Lingham schauderte, als sie die Zimmertür von Lisa hinter sich schloss. Ein sich ihr bemächtigendes Gefühl von Erleichterung durchströmte sie ebenso, wie sie von einem bleiernen Empfinden nach Abscheu heimgesucht worden war, als sie angefangen hatte, ihre Nachtrunde zu drehen.

Eine Abscheu, die ihr im Nachhinein leidtat. Jedes Mal.

Sie mochte Lisa. Wirklich. Sie hatte nichts gegen das Kind.

Dennoch …

Astrid war sich nicht sicher, wie sie es anders beschreiben, wie sie es in die richtigen Worte packen sollte. Immer wieder, wenn sie dem Kind in seinem abgedunkelten Zimmer begegnete, rieselte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Die Tischlampe, die neben Lisas Bett auf einer Kommode stand, trug ihr Übriges dazu bei. Verzerrte die Dunkelheit, machte sie tiefer, anstatt sie zu vertreiben.

Es war, als wären die im Zimmer der Jugendlichen vorherrschenden Schatten düsterer als anderswo. Als gäbe es etwas im schmalen Raum, das den Schein von Licht schluckte.

Astrid konnte es nicht beschreiben. Es war, als würde ihr Kopf blockieren, wenn sie ernsthaft versuchte, hinter das Geheimnis des Zimmers zu kommen. Hinter diesen sorgsam zugezogenen Vorhang zu blicken, der wie eine Kuppel über allem lag.

Sie schauderte wieder, probierte sich ins Gedächtnis zu rufen, was sie genau gesehen hatte. Was es war, das sie glauben ließ, eine eiskalte, von Winterkälte bedeckte Hand hätte sie auf der nackten Haut ihres Rückens berührt.

Es gelang ihr nicht.

Wieder war es ihr, als stießen ihre Gedanken gegen eine unsichtbar gezogene Mauer aus …

… aus?

Aus was?

„Alles klar bei dir?“

Astrid, die noch immer vor der Tür stand, die Hand in der Luft schwebend, als wüsste sie nicht, ob sie nach der Türklinke greifen oder sie loslassen solle, hob den Blick. Sie blinzelte. „Was?“

Sie spürte, dass in ihr etwas ins Ungleichgewicht geraten war. Dass sie auf eine verkrampfte, unbeholfene Art und Weise versuchte, innerlich wieder auf die Spur zu kommen.

Wie sollte ihr das gelingen?

Nachdem sie …

Astrid schluckte, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, das von den ersten Spuren eines ernst geführten Lebens gezeichnet war. Ein Leben, das, wie sie offen und ehrlich feststellte, nicht immer die Wege bereitgehalten hatte, die sie hatte beschreiten wollen. Die nicht das waren, was sie sich ernsthaft vorgestellt hatte, als sie die Schule verließ. Im Kopf mehr Träume und Hoffnungen, als sie jemals hätte zählen können. Sie holte tief Luft, als sich ein inneres Vergangenheitsfenster öffnete. Eisigkalter Wind wehte ihr – wie in Lisas Zimmer – entgegen und ließ sie an ihre eigene Jugend denken. Daran, wie sie durch den Park lief, mit Liebe und Hormonen angefüllt, dass sie vor Erregung und Lust innerlich zu zerplatzen drohte. Allein der Gedanke an ihren damaligen Schwarm, Billy Summers, hatte sie Gefühle spüren lassen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass es sie in Wirklichkeit gab. Geschweige denn, dass sie dazu imstande war, ihre pubertären Wünsche in Sphären zu erheben, die darin mündeten, dass sie nachts wach lag und meinte, solch eine selbst herbeigeführte Ektase niemals wieder erleben zu können – zu dürfen.

Das Traurige war, dass sie heute mehr wusste als damals. Sie sagen konnte, dass aus Billy Summers und ihr nichts werden würde. Dass es unmöglich war, auch nur in die Nähe des Objekts ihrer inneren Begierde zu kommen.

Billy war die erste seelische Delle in ihrem jungen Leben. Ein Lackschaden, den man, wenn man es so sehen wollte, beheben, aber nie ganz verdecken konnte.

„Astrid?“

Sie nahm die Stimme ihrer Kollegin wahr. Hörte, wie sich ihre weichen, melodischen Worte einen Weg in ihren Kopf bahnten und abzuprallen schienen. So, als würde man, ohne Vorwarnung, gegen eine Glasscheibe laufen. „Ist was?“

Sie wandte – wie unter schwersten Mühen – langsam den Kopf. Sie sah Rachel auf sich zukommen. Wippenden, eleganten Schritts – so, wie Astrid immer hatte gehen wollen. Sich den eigenen, langen Beinen bewusst. Die Selbstsicherheit, sich eine weiße, enganliegende Jeans anzuziehen, ohne ununterbrochen den Gedanken in sich kreisen zu haben: Sehe ich blöd aus? Zu fett? Quillt irgendwo eines meiner Speckröllchen über den Bund der Hose?

Astrid bemühte sich, die auf sie einstürmenden Bilder zu kontrollieren. Egal, was sie versuchte, egal, wie sie es anstellte, sie konnte es nicht verhindern, dass Billy ebenso durch ihren Verstand hämmerte wie ihre Minderwertigkeitskomplexe.

Sie musste es ertragen, dass in Lisas Zimmer etwas geschehen war, das sie sich nicht erklären konnte. Was ihr unterbewusst so sehr zusetzte, dass sie einen trockenen Mund bekam und nicht mehr herausbrachte als ein: „Gut.“

„Wirklich?“

Astrid merkte, wie schwer es ihr fiel, die besorgt klingende Frage ihrer Kollegin nickend zu beantworten.

„Astrid“, sagte Rachel noch einmal und trieb ihr den Duft des vor ihrem Rundgang frisch aufgetragenen Parfüms in die Nase. Den Duft einer im Sommerlicht daliegenden Wiese.

Astrid lächelte.

Eine Sommerwiese wie damals im Park. Als ich dachte, ich könnte schweben. Um dann in ein tiefes Loch zu fallen.

„Was hast du denn da?“, wollte Rachel wissen, deren Blicke brennend heiß auf Astrids Haut kribbelten. Sie merkte, wie sich Unbehagen in ihr ausbreitete, wie aus gedankenschweren Abgründen in ihr ein Gefühl der Scham aufstieg und sie aus ihren rückwärtsgewandten Erinnerungen zu reißen begann.

Sie fühlte, wie sie sich erneut mit den Fingern über ihre die ersten tiefen Falten werfende Gesichtshaut glitt. Wie sie merkte, dass ihre Lippen trocken geworden waren, spröde. Dass sich auf ihrer Zunge ein merkwürdiger, tauber, dumpfer Geschmack ausgebreitet hatte, der sie zu ekeln begann. „Ein Bild“, sagte sie monoton und schaffte es nur unter größter Mühe, den Blick zu senken.

„Wieder der Hase?“

„Ja!“

Rachel, die vor Astrid stand, schauderte deutlich sichtbar. „Das Ding macht mir Angst. Warum zeichnet sie es denn immer wieder?“

Astrid sagte nichts. Sie verstand es selbst nicht. Weder Lisa, warum ihre Obsession mit dem Hasen so groß war, noch, wieso es ihr so schwerfiel, einen klaren Kopf zu bewahren. Warum musste sie wieder an Billy denken? Und daran, wie er ihr zeigte, dass er weder auf ihre Bekanntschaft noch auf ihre Nähe Lust hatte.

Er hat mir deutlich gezeigt, als er meine damals beste Freundin in den Arm nahm, sie küsste und ihr sagte, wie sehr er ihr kastanienbraunes Haar möge, was er von mir und meinen Liebesbriefen hielt. Von meiner selbstgebastelten Karte zum Valentinstag und den beiden Gedichten, die ich ihm in seinen Spind gesteckt hatte.

Warum, verdammt noch mal, muss ich immer wieder an ihn denken?

Weil du willst, dass er gefressen wird, Baby. Weil du willst, dass jemand kommt, sich aufstellt und ihn aus niedlichen, braunen Augen anschaut. Oh ja, das willst du. Du willst, dass er verführt wird. Dass er auf eine Femme fatale reinfällt. Oh, Astrid, wie sehr wünschst du dir, dass jemand kommt, und ihm ebenso das Herz aus der Brust reißt, wie er es dir herausgerissen hat, um dann darauf herumzutrampeln. Es zu zerstampfen. Es zu zerfetzen.

„Ja“, flüsterte sie und stimmte der in ihrem Kopf vorherrschenden Stimme zu. Eine Stimme, deren Herkunft sie nicht begriff, deren Existenz so plötzlich erschien, dass sie den Blick hob und die sie verdutzt anschauende Rachel betrachtete.

„Ja?“, fragte Rachel, um dann wissen zu wollen: „Ist alles gut bei dir?“

Astrid schüttelte den Kopf und ließ erschrocken das bis eben in der Hand gehaltene Bild los.

So irrational alles war, so verrückt es auch klang, aber in dem Moment, als Rachel sie fragte, ob alles gut bei ihr sei, war es gewesen, als wäre ihr Verstand über die ihren Kopf umgebende Mauer geklettert. Als habe er es geschafft, den vor ihren Augen liegenden Vorhang aufzuziehen und den Blick auf das von ihrer Hand gehaltene Blatt Papier fallen zu lassen. Erst dachte sie, sich geirrt zu haben.

Als würde sich ihr mit Verwirrung und Irritation beschäftigter Geist weiteren Trugschlüssen und Bildern hingeben.

Aber als Rachel vor ihr stand, sie fragte, sie an der Hand berührte, hatte sie es gesehen. In den scharf gezeichneten, mit Bleistift aufs Papier gedrückten Linien. Linien, die Formen darstellten, die nichts anderes zeigten, als das überdimensionale Gesicht eines rotäugigen, eines böse grinsenden Hasen.

Als wäre das nicht schon abstrus genug, war Astrid der Meinung, als würde das passieren, was nicht geschehen durfte.

Das Auge des Hasen hatte sich bewegt.

Kurz. Schnell. Zwinkernd!

Sie schrie auf und konnte den durch ihren Kopf hämmernden Gedanken nicht unterdrücken; schaffte es nicht, ihn im Zaun zu halten, geschweige denn, ihn dazu zu bringen, weniger grell kreischend durch ihren Verstand zu ziehen.

Der Hase lebt.

Der Hase ist lebendig.

Es gibt ihn wirklich. Die Linien auf dem Papier leben.

Lisa wusste gleich, was passieren würde, als sie die Stimme von Bowers hörte. „Was geht ab, ihr Nacken?“

Allein, wie er das sagte, war von solch einer Provokation durchdrungen, von solch einer Aggressivität, dass Lisa wissend die Augen schloss. Er wird zu mir kommen und mich ärgern.

Wie immer.

---ENDE DER LESEPROBE---