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Douna Loup

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Beschreibung

Nach einer einsamen Kindheit am Rande eines Sees macht sich die Erzählerin, kaum ein Teenager, Hand in Hand mit ihrer Mutter auf die jahrelange Suche nach ihrem unbekannten Bruder. Sie streifen durch Felder und Wiesen, schlafen in den Wäldern und arbeiten auf Bauernhöfen oder in Fabriken. Als die junge Frau die Liebe entdeckt, ist es für sie und ihre Mutter an der Zeit, eigene Wege zu gehen. Douna Loup gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise, die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Welt mit allen Sinnen zu erfassen. Mit grossem Feingefühl hat Steven Wyss die Poesie dieses Romans ins Deutsche übertragen.

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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Nach einer einsamen Kindheit am Rande eines Sees macht sich die Erzählerin, kaum ein Teenager, Hand in Hand mit ihrer Mutter auf die jahrelange Suche nach ihrem unbekannten Bruder. Sie streifen durch Felder und Wiesen, schlafen in den Wäldern und arbeiten auf Bauernhöfen oder in Fabriken.

Als die junge Frau die Liebe entdeckt, ist es für sie und ihre Mutter an der Zeit, eigene Wege zu gehen.

Douna Loup gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise, die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Welt mit allen Sinnen zu erfassen. Mit großem Feingefühl hat Steven Wyss die Poesie dieses Romans ins Deutsche übertragen.

Foto Roman Lusser

Douna Loup wurde 1982 in Genf geboren, ihre Eltern waren Marionettenspieler. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Frankreich, arbeitete in Madagascar und lebt heute in Nantes. Ihr erster Roman, «L’Embrasure» wurde mit dem Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung und dem Prix Michel-Dentan ausgezeichnet. Ihre Texte sind in den Verlagen Mercure de France und Zoé erschienen.

Douna Loup

Verwildern

Roman

Aus dem Französischen von Steven Wyss

Limmat Verlag

Zürich

danke

an den und die, die mich zur Welt brachtenmeinen Eltern

an diejenigen, die mir helfen, neu geboren zu werdenjeden Tag

Inhalt

 1 — Seen

2 — Waldkörper

3 — Locla-yom

4 — Polstraße

5 — Brüllen

6 — Die Blaue

7 — Flüstern

8 — Wilde Wege

Kleine Anleitung zum Verwildern

Wilde Bibliografie

Der Übersetzer

1 — Seen

Niemand wird sich mehr an unsere Wunden erinnern, an unsere Augen im Dunkeln, an unsere Tränen.

Nichts bleibt. Alles vergeht. Glaub bloß nicht, dass auch nur die geringste Spur bleibt. Nichts als Asche und Sand. Stille. Die Erinnerung ist ein Tanz, und der Tanz windet sich und verliert sich dann, wie man sich ganz natürlich im Wasser der Seen verliert.

Wenn der Abend kam, trank ich das Wasser der Seen, denn meine Mutter kam nicht heim, meine Mutter war bis in die Nacht fort, und so legte ich mich am Ufer ins Gras und leckte Wasser von der Seeoberfläche wie eine Hündin. Ich liebte es, in die tiefe Masse des Sees zu schauen und die Fische zu sehen. Stundenlang tauchte ich meine Finger ins Wasser und träumte in die Leere hinein, rannte frei durch die blaue Abendluft und ließ die Sterne auftauchen wie Trugbilder in meinem Traum eines zurückgebliebenen Mädchens. Zurückgeblieben, weil ich einfach blieb, ich wartete, es war schon spät und plötzlich fuhr mir die Kälte in die Kleider. Aber ich wollte nicht allein ins Haus zurück, also blieb ich viel zu lange und wartete auf meine Mutter. Auch der See wurde zu einem zurückgebliebenen See mit seinem Durcheinander aus Sand und Kieseln am Ufer. Er ging nicht weg. Er blieb einfach da, glatt, ruhig, und nichts rührte sich an seiner Oberfläche, außer zur Zeit der weißen Kaulquappen, die sich aneinander rieben und an den Steinen klebten, da schillerte der See, warf Falten, wenn sie sich bewegten, und es gefiel mir, wie sie als weiße Flecken das flache Wasser durchlöcherten.

Warum bist du hier am schleimigen Wasser geblieben, fragte meine Mutter, als sie zurückkam.

Weil ich es liebe, antwortete ich schweigend, weil dieses Wasser nicht schleimig ist, es ist sauber und frisch, und ich trinke es. Ich sagte nichts und wir gingen heim. Wir schliefen ein. Wir träumten still.

Nach dem Aufwachen las ich in den Falten meines Bettlakens die Zukunft des anbrechenden Tages. Das war wichtig, ich hatte mir das schon früh angewöhnt. Ich setzte mich auf und schaute reglos, wie das Laken um mich herum angeordnet war und Falten warf. Seine Schichten Schatten Wölbungen Vertiefungen, all das sagte mir etwas über den nächsten Tag, und unter den gegebenen Umständen war es wichtig, schon eine ungefähre Vorstellung vom Lauf des Lebens zu haben.

An jenem Tag hatte ich mein Laken lange angeschaut, es angeschaut und angeschaut und nichts verstanden. Da war so ein wildes Durcheinander gewesen und das Laken hatte eine andere Sprache gesprochen als gewöhnlich, also dachte ich, mal sehen.

Und dann sah ich es.

Am Abend kam meine Mutter wie immer spät nach Hause.

Sich hinsetzen

nichts direkt ansprechen

mich mit den Schatten in meinem Innern unterhalten. Sich nicht bewegen.

Und dann, wenn sie in die Küche geht, mich auf die Karotten stürzen und sie in Halbmonde schneiden, ohne meine Mutter dabei anzusehen, bis sie anfängt zu weinen, und sie dann in die Arme nehmen, lange mit ihr weinen, obwohl wir keine Zwiebeln schneiden, obwohl sie kalt ist und ich brennend heiß, obwohl wir nicht miteinander sprechen können.

Das Wasser unserer Tränen durchnässt mein gelbes T-Shirt, ich höre als Erste auf und bleibe da und ich drücke sie an mich und wir ertrinken und sie entfernt sich und plötzlich sagt sie: Jetzt ist Schluss.

Wir machen Schluss mit allem.

Wir machen Schluss damit und beginnen mit nichts von vorne.

Mit leeren Händen, aber es wird etwas Neues und es wird etwas für uns.

Wir machen Schluss, egal, wenn wir dabei nicht gefallen.

Ja, wir machen Schluss damit, uns zum bloßen Vergnügen irgendwelcher miesen Typen wehzutun, und wir bestimmen über unser Leben.

Das wird unser Leben. Unseres, hörst du?

Verstehst du?

Niemand wird sich mehr an meine Worte erinnern. Alles verschwindet. Also rufe ich es mir, während alles brennt, noch einmal in Erinnerung, murmle erneut die Geschichte. Niemand wird sich mehr an unsere Wunden in der Dunkelheit erinnern.

Aber ich erinnere mich. An den Tag, als meine Mutter weitersprach.

Und sagte: Hörst du, lass nie wieder jemanden für dich entscheiden oder dir einreden, dass du keine Wahl hast … Auch wenn es Leute sind, die dich zu lieben scheinen, lauf weg!

Schrei ihnen mit deiner lebendigen Stimme ins Gesicht und lauf weg.

Gehen wir, meine Tochter, gehen wir, essen wir noch die Karotten, die du geschnitten hast, und dann brechen wir auf. Schauen wir nicht zurück auf das, was wir hinter uns lassen, ziehen wir ohne Angst weiter, mit freiem Herzen, leicht wie die Luft.

Gehen wir offenen und leeren Herzens vorwärts, ganz leicht.

Lassen wir es hinter uns, unser Haus und seine Kälte, und die ganze Vergangenheit. Gehen wir durch die Reben und pflücken dort Trauben. Lass uns unter den Apfelbäumen herumrennen und wilde Brombeeren essen und uns als Anhalterinnen in die Nähe der Autobahn stellen. Und dann lassen wir ohne Angst die Kilometer an uns vorbeiziehen und sich vor uns erstrecken. Ja, ganz ohne Angst! Immer weiter! Ohne Angst! Gehen wir bis an die Grenzen dieses Landes und darüber hinaus, wenn es sein muss, oder lass uns anhalten, sobald es uns gefällt, sobald die Luft wie die Sonne ist, sobald sie überläuft vom Glück, das uns fehlt. Suchen wir es überall, unter den Steinen und in den Blicken der Menschen, denen wir begegnen. Öffnen wir unsere Arme für alle, die Hilfe brauchen, aber ohne uns für irgendetwas erniedrigen zu lassen, sodass unsere Freude an der Arbeit, am Geben sich im Blick der anderen vermehrt, damit sie im Teilen größer wird und uns frei sein lässt.

Meine Tochter, ziehen wir weiter wie die Zugvögel, die endlich den Ruf des Frühlings gehört haben und sich in stummer Zuversicht aufmachen, mit einem sicheren Instinkt hin zu diesem Anderswo ziehen, das sie erwartet und das sie schon in ihrem Bauch spüren.

Das, was gleichzeitig ihre Quelle und ihr Ziel ist. Denn im Grunde wissen wir es nur zu gut, wir gehen zurück zu unseren wilden Wurzeln. Unsere Bäuche werden ihre Freude wiederfinden. Unsere Körper die Freiheit des Unterwegsseins.

Nun lass uns gehen, vor uns erstreckt sich der Weg, und wir zittern vor Angst, weil wir alles zurücklassen, alles, und wir sind leer.

Aber mein Gott, wie schön ist es, leer unterwegs zu sein, mit so viel Luft unter den Rippen und frei von Gedanken, und wenn wir Durst haben, dann beugen wir uns über die Flüsse und lecken das Wasser, wie du es mit deiner Zunge tust, und mit einem vom klaren Wasser benetzten Gesicht heben wir wieder den Kopf, mit Augen, die noch sanfter sind, und wir gehen weiter, immer weiter.

Die Weizenfelder werden sich vor uns öffnen, die Dornen werden unsere Füße streicheln, und wir werden den erdnah versteckten Schlangen zuhören, wenn wir uns erschöpft unter dem grünen Baumgewölbe schlafen legen.

Ich weiß nicht mehr, was ich sage, Kind, ich fantasiere. Das alles kommt aus meinem Mund wie ein Lied und ich habe Angst, dass ich nichts von dem umsetze, was ich da ankündige. Aber es ist so berauschend, es nur schon auszusprechen, und du siehst, wie die Tränen mich befreit haben, also fühle ich mich zu allem fähig, ich streife mein zu enges Kleid ab und ziehe etwas Bequemes an. Komm mit, zieh dich um, trag, was dir gefällt, komm, lass uns raus in den Hof gehen, lass uns nicht warten, bis ich verstumme, bis die Flut der Träume aus meinem Mund abreißt und nicht wiederkehrt, lass uns nicht warten, lass sie uns sofort verwirklichen.

Komm, wir folgen dem Weg, und für einmal führt er mich nicht zur Maloche, sondern zu mir selbst. Zu dem, was wild ist und lacht in mir, das immer dageblieben ist während all der Jahre, das immer am Ufer eines Sees Wasser schlürfend auf mich gewartet hat, komm, mein Kind des Glücks, du brauchst vor nichts mehr Angst zu haben, nicht vor den Menschen, nicht vor den Tieren, lass uns weiterziehen.

Niemand wird sich mehr an die Geschichte erinnern, die ich euch erzähle. Niemand, denn die Erinnerung ist eine erloschene Laterne auf der Suche nach sich selbst.

Als ich klein war, spielte ich oft bei den Steinen. Ich warf sie ins Wasser. Ich grub im schwarzen und gelben Schlamm und malte damit auf die flachen Felsen. Ich folgte den Hunden in den Eichenwald. Als ich klein war, sang ich mit den Kühen. Ich grub in der Erde. Nahe am See gab es eine Stelle, an der Blüten herabfielen und ich in einem alten Topf Zaubertränke braute.

Als ich klein war, schuf ich mir eine Doppelgängerin. Ich sah ihre Spiegelung im Wasser. Ich sprach mit ihr. Ich schimpfte mit ihr, weil sie ihren Kleeblattteller nicht aufaß. Und dann rannten wir hinter den Hunden her und schliefen erschöpft neben ihnen in Nestern aus Laub. Der schwarze Hund war mein liebster. Er war sanft und kräftig, manchmal leckte er mein Gesicht meine Hände meine Schenkel. Eines Tages war ich nackt in den Blättern und da leckte er mich zwischen den Beinen und ich war so entzückt, dass mein ganzer Körper bebte. Ich hatte nicht gewusst, dass er das konnte, diese Zungenzauberei, denn ich hatte gerade ins Gras gepinkelt, da kam seine Zunge und leckte mich. Aber danach hatte ich Angst vor diesem heftigen Vergnügen. Mir wurde klar, dass man darüber nicht sprechen konnte, und wenn man darüber nicht sprechen konnte, war es besser, Angst davor zu haben und sich zu schämen.

Also schämte ich mich.

Aber trotzdem suchte ich diese Berührung.

Also badete ich nackt im Fluss und niemand konnte etwas daran aussetzen, dass ich mich vom sprudelnden Wasser lecken ließ. Und ich saß dort, wo die heißen Steine eine Mulde bildeten, und alles erzählte mir vom Glück.

Niemand wird sich mehr an meinen Namen erinnern, an meine Wunden und an meinen Hintern. Niemand.

Meine Mutter und ich waren in den Weizen des Landes geflüchtet. Wir durchquerten Weizenfeld um Weizenfeld und wir spuckten auf diese harte, zerfurchte, Pestizide ausdünstende Erde. Und wir sangen, oder nein, wir brüllten «Freier Weizen, weh, Wind, weh!». Und der Weizen legte sich unter unseren Schritten hin und von Tag zu Tag sahen wir die Wälder in der Ferne größer werden und näherkommen und wir konnten es kaum erwarten, in diesen Wäldern einzutreffen, wir konnten es kaum erwarten, die Weizenfelder dieser Gegend zu verlassen und wieder zu verwildern.

Aber niemand erinnert sich mehr an das Land vor den großen Bränden. An dieses Land, durchzogen von quadratischen Feldern, die die Landschaft dominierten und die Igel nicht mehr leben ließen, und die Feldhasen, die Marienkäfer, die Libellen, und alle aufzuzählen, würde zu lange dauern. Zur Zeit, als wir durch die Weizenfelder zogen, wurde das Land noch regiert und die Bauern konnten nicht anders, als es bis zum Horizont zu bewirtschaften. Wir wollten aus diesem gelben Horizont ausbrechen und wieder verwildern. Wie in unserem Tal vor den Abholzungen und der Dürre.

Ich bin klein geboren und ich bleibe es. Meine Mutter erzählte immer, dass ich aus Solidarität aufgehört hatte zu wachsen, an meinem elften Geburtstag, als drei Holzfäller gekommen waren, um den Eichenwald zu zersägen, der mein Paradies, mein Dschungel gewesen war, hatte ich aufgehört zu wachsen, meine Säfte gestoppt, meine Wut in mir vergraben und meine Hände fest zusammengepresst.

Und jetzt befreie ich meine Hände mit dieser sickernden Tinte, die wie eine Blutung fließt, weil ich weiß, dass niemand, niemand sich erinnern wird.

Man muss die Wirklichkeit festhalten, damit sie existiert.

Man muss die Sterne anbeten und Zaubersprüche murmeln, um die Nacht zu erhellen, die sich in unserer Erinnerung ausbreitet. Man muss noch einmal wild und giftig werden, denn der Horizont breitet sich aus und ich will bis zur Grenze gehört werden. Nicht zwingend verstanden, aber zumindest gehört.

Schweig, sagt der große Bär, schweig, sagt das Sternbild des Wolfes, sagen die Sterne der Kassiopeia und des Walfisches, schweig und sieh uns an, statt dich zu beklagen.

Und ich weiß nicht mehr, wie man sie ansieht.

Ich verliere mich. Die Schönheit verschlingt mein Gesicht, so wie man im August ertrinkt im Licht. Aber es gibt keine Monate keine Jahreszeiten keine Wechsel mehr, in meinem Körper ist nur noch ein lauter, gebrochener Schrei und meine Ohren erwarten das Echo, die Stimme von irgendwem, von irgendwo.

Also steige ich aus der Höhle und setze mich an den Rand der Klippe und nur die Sterne sind noch da und ich verstehe endlich, dass es richtig ist, ihnen zuzuhören, mein Herz in diesem sternenbehangenen Bauch schlagen zu lassen. Zu akzeptieren, verloren zu sein, nichts zu wissen, gar nichts. In etwas Neues eintreten zu müssen und in einen traumlosen Schlaf zu sinken, vielleicht.

Nun, noch schlafe ich nicht.

Und ich höre nicht auf, mich zu erinnern.

Denn niemand wird sich mehr an meine Babywimpern erinnern, niemand wird das Haus wieder erblicken, in dem ich aufgewachsen bin.

Das Haus war klein und schief, vollgestopft mit Sachen und ziemlich finster. Aber es war warm, im Winter wie im Sommer, und man sah durch die Fenster den See auf der einen und die Dornenbüsche und Brennnesseln auf der anderen Seite.

Ich weiß nicht, was man über diese Nacht sagen soll.

Ich bin allein und ich schaue mich um. Aber ich erinnere mich und das lässt alles wachsen, was mich umgibt. Ich höre, wie sich die großen Bäume biegen in der Luft, ich bin doch nicht allein, ich bin umgeben von Leben.

Als ich klein war, hasste ich meine Mutter für ihre Schönheit und ihre Abwesenheit. Ich mochte es, mich an ihren Hals zu schmiegen, aber ich konnte mich nie an ihren Hals schmiegen, und ich sagte mir, dass sie die Zeit, die sie mir nicht an ihrem Hals gab, anderen zugestand, denn es war unmöglich, einen so sanften Hals zu haben, an den sich niemand, wirklich niemand schmiegte.

Niemand wird sich mehr an ihren Hals erinnern.

Wer sieht sich mit mir die Sterne an?

Abgesehen von den Tieren den Fischen im Fluss den fliegenden Insekten. Wer? Ich warte auf einen Schrei in der Nacht, der nicht kommt. Also rufe ich wie eine Eule und ritze mit einem alten Nagel Kreise in die Felsen.

Ich erinnere mich an die Scheune hinter dem Nachbarhaus, die leere Scheune.

Auch dort fand ich solche Nägel und bewahrte sie sorgsam in einer Dose auf, zusammen mit meinen ausgefallenen Zähnen.

Hier habe ich nichts mehr.

Allein mit meiner Erinnerung. Die verschwindet.

Meine Füße baumeln ins Leere. Ich summe.

Meine Mutter summte, wenn sie nicht arbeitete und lange Tage zu Hause verbrachte. Sie summte in der Küche. Ich hörte ihr zu und saß am Fenster, damit ich die Reiher beobachten konnte. Die Reiher schienen im Rhythmus ihres Lieds mit den Flügeln zu schlagen. Der Kuchenduft aus dem Ofen und das seltene Lächeln meiner Mutter. Sie summte in der Küche, und ich beobachtete den See und die flügelschlagenden Reiher. Und dann, wenn ich es nicht mehr aushielt, wenn es da draußen zu sehr nach mir rief und das Singen meiner Mutter meinen Körper wegdrängte, stürmte ich wie eine Furie hinaus, rannte auf das Wasser zu, rollte meinen Körper am Seeufer hin und her und schaute hinauf zum Himmel.

Ich weiß nicht mehr, wie ich diese so einsame Kindheit durchlebt habe. Am Ufer des runden Sees. Steine ins Wasser werfend und mich ertränkend in der Erinnerung an den Hals meiner Mutter. Bei den Nachbarn war nie jemand zu Hause. Und das Dorf war weit weg. Ich redete mit den Karpfen. Ich erinnere mich an alles. An die Füße im Sand, an mein Weinen manchmal in der Nacht. Ich wusste nicht, warum ich weinte, aber es musste fließen und ich fühlte mich sanft nach der Flut. Im Inneren gereinigt, und ich schlief gut. All das, diese Kindheit allein im Haus, veränderte sich mit dem Tag, an dem ich das Foto sah. Alles wurde schlimmer. Und auch besser. Aber erst schlimmer.

Das Foto war in einer Blechdose.

Ich hatte sie geöffnet, denn ich liebte es über alles, Dosen zu öffnen, meine Mutter hätte es wissen und sie verstecken müssen. Aber vielleicht wusste sie es und hatte die Dose an jenem Tag absichtlich auf dem Nachttisch stehen lassen. Während sie weg war. Vielleicht?

Das Foto in der Blechdose zeigte meine Mutter, jung und strahlend mit mir als Baby auf dem Arm, und daneben einen kleinen Jungen, der sich über mich beugte.

Ich verstand nicht sofort, was dieses Foto zu bedeuten hatte.

Ich betrachtete es lange, sehr lange, bestimmt den ganzen Nachmittag. Für einmal ging ich nicht nach draußen, sondern tauchte mit beiden Augen tief in das Foto ein, es war, als würde es sich ab und an bewegen, als brächte ich es zum Sprechen. Der Junge war wohl etwa drei Jahre alt, ich hörte das Lachen meiner Mutter und das meines Vaters, der gerade das Foto schoss, und ich versuchte die ganze Zeit, nicht daran zu denken, was meine Mutter mir erzählt hatte; dass ich allein zur Welt gekommen war, dass mein Vater vor meiner Geburt weggegangen war.

Und dann kam meine Mutter. Und sie sah mich mit dem Foto. Und sie setzte sich hin.

Sie war müde, sie sagte oh nein, heute ist nicht der Tag, um darüber zu sprechen. Nein …

Also legte ich das Foto wieder in die Blechdose.

Aber es war passiert. Die Bresche. Sie war geschlagen.

Man musste hineintauchen.

Niemand wird sich mehr an meine Erinnerungen erinnern.