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"Verwischt" ist ein historisch-politischer Roman, der hauptsächlich während des Wiedervereinigungsprozesses zwischen 1988 und 1990 in Berlin spielt: Eine westdeutsche Kulturwissenschaftlerin darf in Berlin forschen, kommt nur mühsam voran, knüpft Kontakte zur SED-Spitze und zur Opposition, verliebt sich, spürt ein dunkles Geheimnis auf und gerät mit ungeahntem Ausgang in die Mühlen der Weltgeschichte der Wiedervereinigung. Eine ungewöhnliche Ost-West-Liebesgeschichte mit Rückblicken in die Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven.
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Alexander von Plato
Roman
Druck:
epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Texte und Umschlag:
© Copyright 2019 by Alexander v. Plato
Am Obergut 10
29439 Lüchow
Marie, eine junge westdeutsche Kulturwissenschaftlerin, erhält 1988 die Erlaubnis, in Ostberlin zu forschen. Sie kommt nur mühsam voran, knüpft Kontakte zur SED-Spitze und zur Opposition, verliebt sich, spürt ein dunkles Geheimnis auf und gerät mit ungeahntem Ausgang in die Mühlen der Weltgeschichte der Wiedervereinigung. Eine ungewöhnliche Ost-West-Liebesgeschichte mit Rückblicken in die Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven.
Alexander von Plato hat im Zuge seiner eigenen historischen Arbeiten über die Wiedervereinigung viele Lebensgeschichten aus Ost und West gehört. Bei jeder dieser Erzählungen stellte er fest: So treffen die kurzen Wellen der Geschichte, die wir erleben, und die langen, die wir vermittelt bekommen, aufeinander. Sie scheinen künstlerischer Phantasie entsprungen.
Marie Lente: die Hauptfigur, kommt Ende 1988 als Vierunddreißigjährige aus der (westdeutschen) Bundesrepublik in die DDR, um in Ostberliner Archiven über die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) zu forschen. Sie führt Interviews mit früheren Mitgliedern und gerät bald in einen historischen Krimi und in verwirrende Liebesgeschichten – bis das Ende der DDR alles explodieren lässt.
Günther Y.: loyaler Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, der sich dennoch so seineeigenen Gedanken macht; er hat den Auftrag, Marie in Ostberlin imAuge zu behalten; sein Alter wird unterschiedlich angegeben.
Walter Friedrichsen: 1938 geboren, wird in der Nachkriegszeit Autor, Theater- und Filmregisseur in der DDR; er verliebt sich in Marie, als sie ihn interviewt. Er ist der Sohn des bekannten antifaschistischen Widerstandskämpfers:
Jakob Friedrichsen, Jg. 1906, Anfang 1945 von der Gestapo umgebracht, und dessen Frau Anneliese Friedrichsen, Jg. 1913, einer Dresdner Balletttänzerin und Tanzlehrerin.
Gabi Z., 1948 in Berlin geboren, Theaterdramaturgin und Filmerin mit guten Kontakten in die BRD, erste Frau von Walter Friedrichsen, danach verheiratet mit Paul Z.
Frank Wehlers: Jahrgang 1918, gestorben 2009, ungelernter Arbeiter aus einer jüdischen Familie, überlebt die Zeit des Nationalsozialismus im Versteck einer jungen Frau und ihrer Eltern.
Jochen Eckebrecht: Jahrgang 1952, Historiker in Köln, einer von Maries früheren westdeutschen Freunden.
Paul Z., die zweite Hauptfigur, Jahrgang 1918, Arbeiter aus jüdischer Familie, später Schaffner der Reichsbahn, im Widerstand gegen den Nationalsozialismus Kurier zur kommunistischen Auslandsleitung, verhaftet, gefoltert, 1945 befreit; in der Nachkriegszeit leitendes Gründungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Kulturbundes, steigt bis in das Zentralkomitee der SED auf; Gabi Z. ist seine dritte Frau, er verliebt sich in Marie.
Robert Junge (Jg. 1959) und Almut Junge (Jg. 1960) bilden ein Zentrum des Widerstandes in der DDR; sie sind beide von ihren Universitäten relegiert worden, schlagen sich mit verschiedenen Jobs durch; in ihrer Wohnung finden Lesungen und Seminare statt, sie werden mehrfach verhaftet; Robert schreibt an einem Drehbuch für den bekannten ungarischen Regisseur Istvan Szabo; Marie befreundet sich mit ihnen. Sie haben einen Sohn Kai (Jg. 1981).
Anna Schaber: 1954 geboren, Freundin und Vermieterin von Marie in Westberlin; sie ist Bibliothekarin und Liebhaberin der großen Filme der Kinogeschichte, beeindruckt damit Jochen und andere.
Dragan Schulz, Jg. 1957, aufstrebender Soziologe der Akademie der Wissenschaften der DDR, Mitglied der SED; wird nach 1990 als informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR „enttarnt“.
Herrmann Berg, Jg. 1973, Elektriker aus Dresden, Punk, Heavy-Metall-Fan.
Boris Bogdanowitsch Bergakow, 1920 geboren, junger sowjetischer Offizier im Berlin der Nachkriegszeit, nach 1948 Journalist in der ‚Literaturnaja Gaseta‘, zweimal als leitender Redakteur abgesetzt, Freund von Paul Z.
Viktoria Schaber, Anna Schabers Tochter, Jahrgang 1989, ist Journalistin und schreibt unter anderem über Paul Z., Marie Lente und Walter Friedrichsen.
Barbara Köhler, Fernsehjournalistin und Produzentin, 1977 in Westberlin geboren, bringt Bekannte und Freunde von Marie Lente, Paul Z. und Walter Friedrichsen dazu, ihre Erinnerungen an deren Geschichte niederzuschreiben, sammelt Briefe, Aussagen und Interviewpassagen von den Wegbegleiter*innen von Marie und Paul.
Handlungsorte: Berlin Ost und West, Dresden, Moskau und das Ruhrgebiet, Zeit: 1928 bis 2014.
Erster Teil: 1988/89
Personen in der Reihenfolge ihrer Erwähnung
Marie Lente: Mein Beginn der Geschichte 1988 (Brief von 2008 an die Journalistin Barbara Köhler)
Günther Y.: Mein Beobachtungsauftrag, Herbst 1988 (Brief von 2008 an die Journalistin Barbara Köhler)
Gabi Z.: Mein erster Kontakt mit Marie Lente Ende 1988 (Brief von 2008 an die Journalistin Barbara Köhler)
Günther Y. (Fortsetzung)
Walter Friedrichsen (in einem Brief an die Barbara Köhler von 2008 über sein erstes Treffen mit Marie Lente am 12. Dezember 1988)
Auszug aus dem ersten Interview mit Walter Friedrichsen, geführt von Marie Lente am 12. Dezember 1988.
Marie Lente (aus ihren Anmerkungen nach dem Gespräch mit Walter Friedrichsen am 12. Dezember 1988)
Frank Wehlers (Brief von 2009 an die Journalistin Barbara Köhler und in einem Interview von 1988)
Marie Lente (Ende 1988)
Almut Junge (Brief von 2009 an die Journalistin Barbara Köhler)
Marie Lente (Protokollnotiz über das Gespräch mit Walter Friedrichsen am 18. Dezember 1988, die sie 2009 an Barbara Köhler schickte)
Walter Friedrichsen (aus seinem Brief von 2008 an die Journalistin Barbara Köhler über sein zweites Gespräch mit Marie Lente am 16. Januar 1989)
Transkript des zweiten Interviews mit Walter Friedrichsen am 16. Januar 1989:
Marie Lente (Brief von 2008 an Barbara Köhler mit dem Protokoll des Treffens mit Walter Friedrichsen vom 16. Januar 1989)
Günther Y. über die Treffen von Marie Lente und Walter Friedrichsen zwischen dem 16. und 18. Januar 1989 (aus seinem Brief von 2008 an Barbara Köhler)
Frank Wehlers (aus dem zweiten Interview mit Marie Lente am 19. Januar 1989)
Aus Marie Lentes Protokoll nach dem Gespräch mit Frank Wehlers 19. Januar 1989
Gabi Z. (über den 19. Januar 1989 in einem Brief an die Journalistin Barbara Köhler von 2009)
Gesprächsnotiz des Telefonats von Marie Lente mit Paul Z. am 19. Januar 1989 (an Barbara Köhler 2009 geschickt)
Notiz des Gesprächs von Marie Lente mit Robert Junge am 20. Januar 1989 (an Barbara Köhler 2009 übermittelt)
Walter Friedrichsen über Paul Z. (nach Marie Lentes Aufzeichnungen vom 20. Januar 1989)
Günther Y.’s Bericht über Walter Friedrichsens und Marie Lentes „feindliche Aktivitäten“ von Ende Januar 1989
Jochen Eckebrecht (Antwortbrief von 2008 auf die Anfrage der Journalistin Barbara Köhler über die Geschichte von Marie Lente und Paul Z. von 1988/89)
Ein Brief von Jochen Eckebrecht an Marie Lente vom 21. Januar 1989 (von ihr 2009 an die Journalistin Barbara Köhler weiter geleitet).
Interview mit Paul Z., 22. Januar 1989, Protokoll von Marie Lente vom 23. Januar 1989 (beides an Barbara Köhler 2009 übermittelt)
Anna Schaber (Brief von 2008 an die Journalistin Barbara Köhler mit einem Text vom 3. Februar 1989)
Günther Y. (Brief von 2009 an Barbara Köhler mit einem Schreibmaschinenbericht vom 15. Februar 1989 an seinen Vorgesetzten)
Aus einem Protokoll von Marie Lente vom 15. Februar 1989 (verschickt an Barbara Köhler 2009):
Paul Z. (nach Marie Lentes Bericht vom 13. März 1989, 2009 der Journalistin Köhler übermittelt)
Bericht von Anna Schaber aus dem Jahr 2009 über Maries „Verschwinden“ Mitte März 1989
Robert Junge (aus seinem Brief von 2009 an die Journalistin Barbara Köhler)
Marie Lente (aus ihrem Brief an Barbara Köhler von 2009 über ihr Treffen mit Paul Z. am 7. Mai 1989)
Anneliese Friedrichsen an Barbara Köhler 2009 (über mein Treffen mit Marie Lente am 14. Juni 1989)
Günther Y. (über den Besuch von Marie Lente in Dresden Mitte Juni 1989)
Gabi Z. (im Jahre 2008 über Ende Juni 1989)
Walter Friedrichsen (Brief aus dem Jahr 2008 an Barbara Köhler über seine Gedanken über die Probleme der Erinnerungen an Glück und Unglück)
Marie Lente erinnert sich in einem Brief von 2009 an Barbara Köhler an ein Treffen von Paul Z. mit einem Hardliner aus dem Politbüro der SED (Ende Juni 1989)
Gabi Z. (Fortsetzung ihres Berichts von 2009 an die Journalistin Barbara Köhler über den 8. Juli 1989)
Marie Lente (Fortsetzung des Briefes an die Journalistin Barbara Köhler von 2009 über die Zeit Ende Juni/Anfang Juli 1989)
Almut Junge (aus ihrem Brief von 2008 über ein Treffen mit Marie vom 21. Juli 1989)
Marie Lente (Fortsetzung des Berichts an Barbara Köhler über ihre Entdeckungen in Paul Z.s Archiv Ende Juli/Anfang August 1989)
Jochen Eckebrecht (2009 an Barbara Köhler über den 19. August 1989)
Marie Lente (Fortsetzung des Berichts an Barbara Köhler über ihre Entdeckungen in Paul Z.s Archiv Ende Juli/Anfang August 1989)
Robert Junge (Auszug aus seinem Tagebuch über den Sommer 1989, geschickt an Barbara Köhler 2009)
Walter Friedrichsen: (Brief von 2009 an Barbara Köhler über die letzten Septemberwochen 1989 in Dresden)
Marie Lente (aus ihrem Protokoll vom 26. September 1989, geschickt an Barbara Köhler 2009)
Robert Junge (Bericht von 2008 an Barbara Köhler über den 5. Oktober 1989 in Berlin)
Jochen Eckebrecht (Bericht von 2008 über seinen Besuch bei Marie am 9. Oktober 1989)
Walter Friedrichsen (über das Gespräch mit seiner Mutter Anneliese am 10. Oktober 1989, 2009 an Barbara Köhler geschickt)
Anna Schaber (2008 in einem Bericht an Barbara Köhler über den 16. Oktober 1989)
E-Mail „Jochens Traum“ von Jochen Eckebrecht an Anna Schaber (2008 in einem Bericht an Barbara Köhler über den 17. Oktober 1989)
Anneliese Friedrichsen (Brief an ihren Sohn Walter Friedrichsen vom 17. Oktober 1989, 2008 an B. Köhler geschickt)
Interview mit Herrmann Berg (aus dem Protokoll und dem Transkript von Marie Lente am 17. Oktober 1989)
Günter Y. (Schickt 2008 eine Aktennotiz vom 17. Oktober 1989)
Frank Wehlers (aus dem Protokoll und Transkript des Interviews von 1945, eingeleitet von Marie Lente; dazu ihr Bricht über den 18. Oktober 1989, geschickt von ihr an Barbara Köhler 2009.)
Walter Friedrichsen bei Boris Bogdanowitsch Bergakow (Bericht, geschrieben von Walter F. am 31. Oktober 1989 in Moskau, geschickt 2009 an Barbara Köhler)
Robert Junge (Brief von 2008 an Barbara Köhler über den 5. November 1989)
Walter Friedrichsen (Fortsetzung des Berichts seines Besuches bei Boris Bogdanowitsch Bergakow und seiner Frau Elena am 4. November 1989 in Moskau, 2009 versandt an Barbara Köhler)
Marie Lentes Bericht über den 9. November 1989. Erster Teil: Ede und Gustav Gründgens im Lager (an Barbara Köhler im Oktober 2009)
Marie Lentes Bericht über ihren 9. November 1989 (Fortsetzung)
Anna Schaber (Erinnerung an den Mauerfall vom 9. November 1989, Brief an Barbara Köhler von 2009)
Jochen Eckebrecht (über Marie unmittelbar nach dem Mauerfall, Brief von 2009 an Barbara Köhler)
Gabi Z. (über den 9. November 1989, zusammengefasst in einem Brief an Barbara Köhler 2009)
Anna (über den 24. November 1989, Bericht an Barbara Köhler aus dem Jahr 2010)
Walter Friedrichsen (über die Zeit Anfang bis Mitte November 1989, geschrieben 2009 für Barbara Köhler)
Günther Y. (über Paul Z.’ Schlaganfall 1989, geschrieben für Barbara Köhler 2009)
Robert Junge (aus seinem Bericht an Barbara Köhler von 2009 über Marie und die Zeit während und nach der so genannten Friedlichen Revolution)
Almut Junge (aus ihrem Bericht an Barbara Köhler von 2009 über Marie und die Zeit während und nach der so genannten Wende):
Fortsetzung des Berichts von Robert Junge an Barbara Köhler von 2009 (über 1989/90)
Fortsetzung des Berichts von Almut Junge an Barbara Köhler von 2009 (über 1989/90)
Ein Liebesbrief von Paul Z. an Marie aus dem Jahr 1989 (in ihrem Bericht über ihre „Wendezeit“ an Barbara Köhler vom Mai 2009)
Gabi Z. berichtet über die Beerdigung ihres Mannes Paul Z. von 1993 (aus ihrem Brief an Barbara Köhler aus dem Jahr 2010)
Aufzeichnung ihres Gesprächs mit einem führenden Oppositionellen am 22. Juli 2008 (aufgezeichnet von Maria Lente am selben Tag)
Aufzeichnung Barbara Köhlers von einem Gespräch, das sie 2008 mit Walter Friedrichsen über die Beerdigung von Paul Z. 1993 hatte
Zweiter Teil: 2009 bis 2014
Maria Lente 2014: Ewigkeiten später
Mitschnitt der Ankündigung des Dokudramas „Liebe auf Sonderwegen“ im Frühstücksfernsehen vom 8. November 2009 mit Walter Friedrichsen und Barbara Köhler
Marie Lente 2014: Ewigkeiten später (Fortsetzung)
Marie 2014: Ein Paket mit Aktenordnern und einem Brief von Barbara Köhlers erreicht mich
Walter Friedrichsen (über sein neues Leben nach der Wiedervereinigung bis zum Februar 2013, Bericht und Interview 2013)
Anmerkung von mir – Marie Lente:
Ein Interview mit Walter Friedrichsen (2013 geführt von der Praktikantin Veronika Schaber)
Marie Lente 2014 (Fortsetzung)
Marie Lente 2014: Besuch in Berlin
Das letzte Treffen bei Gabi Z. am 9. November 2014
Protokoll des Gesprächs von Marie Lente mit dem Ex-Stasi-Offizier Günter Scherer am 8. November 2014.
Fortsetzung: Das letzte Treffen bei Gabi Z. am 9. November 2014
Epilog von Marie Lente 2014
Abkürzungen und Erläuterungen
Ich antworte Ihnen ungern. Die Geschichte geht mir bis heute ziemlich nahe. Ich schicke Ihnen dennoch meine sehr persönliche Version dieser Ereignisse, weil ich gerade wieder erfahren musste, wie umfassend in dieser Angelegenheit gelogen wird. Ich habe mich um Ehrlichkeit bemüht, lasse auch sehr intime Bereiche nicht aus, weil ich glaube, dass nur Offenheit auch in unserer Liebe der facettenreichen Persönlichkeit dieser „Person der Zeitgeschichte“ gerecht wird. Bitte gehen Sie taktvoll mit meiner Erzählung um und sprechen Sie mit mir jede Veröffentlichung ab.
Meine Geschichte beginne ich mit meinem Umzug nach Berlin Ende 1988 und mit meinen Untersuchungen in der DDR bzw. Ostberlin – nicht ahnend, wie die weltpolitischen Ereignisse dieser Jahre mein Leben verändern würden.
Ich war froh, meine Forschung im „realsozialistischen“ Osten machen zu können. Dort, so dachte ich damals, gibt es diese Männer nicht, die innerhalb und außerhalb ihrer modernen Ehen ihren Machismo im Bett ausleben und das mit Frauen, die ihre Unterwerfung als verruchtes Spiel verkaufen, die verstohlen Mode-Illustrierte lesen, teure Parfums als Schnäppchen ausgeben und auf Männer schimpfen, aber einen Blusenknopf öffnen, sobald ein solcher in die Nähe kommt. Ich konnte auch keine Frauen mehr ertragen, die ihren Kinderwünschen nur im Verborgenen frönten, und die schließlich doch noch als Enddreißigerin schwanger wurden von Männern, denen bis dahin angeblich die bürgerliche Heimeligkeit ein Stachel im Fleische gewesen war.
Arm, aber ehrlich sind sie auf der anderen Seite der Mauer, wenig Ehrgeiz, vielleicht etwas bieder. Männer und Frauen gleich, zumindest in der Arbeit. Und vor allem nicht diese verlogenen mediengerechten Selbstinszenierungen, dachte ich.
Manchmal, wenn auch selten, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich eifersüchtig war und eine normale Beziehung wünschte. Jochen jedenfalls wollte ich möglichst lange nicht wiedersehen.
Ich nahm mir ein Zimmer in Westberlin und stürzte mich in die wissenschaftliche Literatur zu meinem Thema, saß täglich während der gesamten Öffnungszeit in der Westberliner Staatsbibliothek. Endlich durfte ich ’rüber in das Parteiarchiv, worum ich mich ein Jahr lang bemüht hatte. Ich arbeitete und arbeitete. Kein Mann am Horizont, den ich auch nur auf 100 Meter an mich herangelassen hätte. Dafür bekam ich langsam ein skizzenhaftes Bild von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) der DDR und dem „Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer“, besonders von den Juden in diesem Verband, ich bekam eine Ahnung davon, wer und wie viele von ihnen nach 1945 in die Sowjetische Besatzungszone rückemigriert waren, welche Positionen sie bald innehatten. Ganz anders als im Westen, der offensichtlich von ihnen weitgehend gemieden wurde.
Ich bekam schließlich auch eine Vorstellung von ihrer wiedererwachenden Angst, als Ende der 1940er Jahre in der Tschechoslowakei die Slánský-Prozesse begannen und einige Juden in der DDR ohne Aufsehen ihre Posten verloren. Später sollte ich noch herausfinden, wie sich einige der Staatssicherheit andienten, um eine trügerische Sicherheit zu erkaufen.
Aber so weit war es noch nicht.
Ich selber bewegte mich durchaus mit Vorsicht, um nicht zu sagen mit einer begrenzten Furcht in der DDR, genauer: in der Hauptstadt der DDR; denn die Provinz blieb mir verschlossen. Ich durfte nichts, außer morgens ins Archiv gehen, eine kleine Auswahl meiner bestellten Akten lesen und abends wieder nach Westberlin zurückkehren. Als ich das erste Mal verbotene Wege ging, und mich bei einem Bekannten aus dem Theater am Schiffbauer Damm nach einem alten kommunistischen Juden erkundigte, wurde ich am nächsten Tag von einem Herrn angesprochen, der mir zu verstehen gab, dass ich mich besser an ihn wenden solle, wenn ich Dritte zu sprechen wünsche. Das tat ich auch. Ich gab ihm eine Namensliste von neun Männern und sieben Frauen, die ich gerne interviewen würde.
Nie hätte ich gedacht, dass ich an der großen Umwälzung am Ende des 20. Jahrhunderts teilnehmen würde und mich – verrückt genug – zugleich in einen führenden Funktionär der SED verlieben würde. Aber das dauerte noch ein wenig, selbst in diesen rasenden Zeiten …
Ich hatte mir als früherer Offizier der Staatssicherheit der DDR geschworen, nie wieder ein politisches Wort öffentlich von mir zu geben oder meine persönliche Geschichte irgendeinem Medium zur Verfügung zu stellen. Aber hier geht es um die völlig falsche historische Einschätzung eines Mannes mit angeblich großen Verdiensten. Weil ich wohl der einzige bin, der es besser weiß, habe ich Ihre Fragen zu der Geschichte vom Genossen Z. und von Marie L. wenigstens zum Teil beantwortet.
Ich will Sie an unsere Abmachungen erinnern, an die ich mich bei der folgenden Abschrift gehalten habe: Absolute Anonymität. Alle Namen, die von mir genannt wurden, habe ich gestrichen oder durch unverfängliche Buchstaben ersetzt. Alle persönlichen Fragen zu meiner Person und meine damaligen Antworten habe ich ebenfalls weggelassen. Falls Sie sich nicht an unsere Abmachungen halten, würde ich jeden Kontakt mit Ihnen abstreiten.
Es folgt mein zusammenfassender Bericht.
Ich hatte zu einer Zeit den Auftrag bekommen, Marie L. beobachten zu lassen, da wusste sie noch nicht einmal von der Erlaubnis, in unserem Parteiarchiv arbeiten zu dürfen. Bis ganz nach oben war ihr Antrag gegangen, man möge sie über Juden in der VVN und über deren Nachfolgeorganisation „Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer“ forschen lassen. Auf mittlerer Ebene war sie abgewiesen worden. Ihr zweiter Brief, in dem sie ihr besonderes Augenmerk auf jüdische Mitglieder der VVN und des Komitees legte, sollte schon abgelehnt werden, da meinte mein Vorgesetzter, Genosse Oberst U., selbst aus einer früher jüdischen Familie stammend, das Thema sei nicht uninteressant, ein Wissenschaftler wie Marie L. aus Bündnisschichten der BRD sei glaubwürdiger als ein Historiker aus der Akademie der Wissenschaften der DDR. Immerhin habe sich die DDR hier nichts vorzuwerfen, und er fügte hinzu – ich erinnere mich genau – jedenfalls weniger als die BRD. Ich selbst fand und finde, dass sich die DDR hier überhaupt nichts vorzuwerfen hat.
Genosse Oberst U. gab ihren Brief nach oben. Dort lag er drei Monate in verschiedenen Minister-Vorzimmern. Ich habe mich immer gefragt, mit welchen Unwichtigkeiten die dort ihre Zeit vertrödeln, während Wesentliches liegen blieb. Dann kam die Erlaubnis zurück, sogar mit persönlicher Abzeichnung von Honecker. Aber es gab Auflagen, und die betrafen meine Abteilung. Frau L. sollte beobachtet werden. Sie dürfe nur Personen befragen, bei denen sichergestellt sei, dass sie die Deutsche Demokratische Republik nicht verunglimpfen würden. Ich fand dies etwas übertrieben, denn was sollte Frau L. schon Negatives herausfinden. Als relativ unwichtige Person stufte ich sie ein und stellte deshalb nur die Genossen H. und B. dafür ab. Einer von ihnen saß im Archiv immer mehrere Reihen hinter ihr. Sie arbeitete diszipliniert und effektiv. Ihre Aktenberge türmten sich nach und nach, während meine Männer sich bei der Abfassung liegengebliebener Berichte langweilten. Nach zwei Wochen sahen sie nur noch morgens und abends nach, ob sie etwa fehlte.
Ich glaube, es dauerte mehr als vier Monate, da meldete B., dass benannte Person unter Umgehung der Auflagen nach ganz bestimmten Adressen suchte. Am nächsten Tag fing ich Frau L. ab und klärte ihre Arbeitsbedingungen. Sie versprach, ohne dass ich weiteren Druck ausgeübt hätte, sich daran halten zu wollen. Allerdings knüpfte sie in Verkennung ihrer Lage eine Bedingung an diese Zusage: sie werde sich an die Vorgaben halten, wenn ich „oder wer auch immer hinter Ihnen steht“ ihr helfen würde, sie jüdischen Personen zu empfehlen, die in der VVN oder im „Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer“ eine gewisse Rolle gespielt hätten. Ich glaube, sie begriff erst später, dass wir nur sehr vermittelt empfehlen konnten, wenn wir ihr nicht schaden wollten.
Ich fragte beim Genossen Oberst U. nach, der gab grünes Licht. Aber „sutje, sutje“ meinte er. Zunächst einmal nur eine Adresse. Mal sehen, was passiert.
Wir wählten unseren IM „Sabbat“ aus. Ich hätte ihr schon damals Genossen Paul Z. vermitteln können. Aber der stand noch nicht auf ihrer Liste und war zu hoch in der Parteihierarchie. Vielleicht hätte ich auch den Genossen Z. für zu unsicher gehalten. IM „Sabbat“ hatte dagegen eine lupenreine Biographie, stammte aus der Arbeiterklasse, war nie von den Faschisten gefasst worden und überlebte schließlich mit Hilfe einer deutschen kommunistischen Familie den Faschismus und spielte später im Kulturleben der DDR und in der VVN eine nicht unwesentliche Rolle, weniger in der Partei.
Aber wie das Leben so spielt: Frank Wehler – so nenne ich ihn – wollte sich erst bei seinem Freund Paul Z. erkundigen, ob es seine Richtigkeit hätte, wenn er einer westdeutschen Historikerin etwas über die Anfänge der VVN erzählen würde. Als Marie L. zu ihm kam, wies er sie ab, musste ihr aber gesagt haben, Paul Z. wisse doch ohnehin viel mehr als er. Jedenfalls ging sie danach zur Wohnung der Z.s.
Von mir aus dürfen Sie alles abdrucken, was ich damals gesagt habe. Ich habe die Wahrheit gesagt und habe nichts zu verbergen. Sie brauchen meine Aussagen auch nicht zu anonymisieren. Das ginge ja auch gar nicht. Dazu waren mein Mann und auch ich zu bekannt, zumindest in der DDR. Im Westen hat uns sowieso kaum jemand wahrgenommen. Wenn sich jemand durch meine deutliche Sprache beleidigt fühlen sollte, ist das dessen Sache oder besser ihre Sache.
Ich bin Regisseur. Ich kenne das Theater. Und ich kenne Westfrauen, die jeden Morgen vor die Haustür treten, als ob sie der Bühneneingang wäre. Haare geföhnt, Make-up dezent, aber deutlich – und so ekelhaft sportlich-gesund. Sie sehen alle jünger aus als wir. Zumindest bis auf zehn Meter Entfernung.
Marie Lente war mir sofort unsympathisch, als ich ihre affektierte Stimme das erste Mal am Telefon hörte. Damals krachte es noch ständig am Telefon. Wir benutzten es selten. Aber wenn, sprachen wir laut. Diese Westfrau dagegen meldete sich mit einer leisen Stimme, wenn auch in prononciertem Hochdeutsch. Sie konnte nicht einfach sagen, dass sie meinen Mann sprechen wollte, sondern stellte sich umständlich vor, machte auf Frauensolidarität, die mir schon früher bei Westbesuchen auf den Wecker gegangen war. Kaum drehte man sich um, waren sie anders, intrigant und voll Konkurrenz. Aber jetzt klang es fast so, als ob sie auch mich gerne kennenlernen würde, dabei war mir nach dem ersten Satz klar, dass es um meinen Mann ging. Ich wimmelte sie erstmal ab. Sagte ihr, dass mein Mann auf einer Auslandsreise sei, was auch stimmte. Allerdings wollte er am nächsten Tag zurückkommen, was ich ihr verschwieg. Sie blieb hartnäckig, und zwar auf eine penetrant-höfliche Weise, so dass ich eine kleine Gemeinheit beging. Ich schlug ihr meinen ersten Mann als Interviewpartner vor, Walter Friedrichsen. Der sei auch Jude, wenn auch sehr viel jünger als mein Mann. Zehn Jahre älter als ich. Anfang fünfzig. Ich verschwieg ihr auch, dass er mein erster Mann war und dass es vor allem seine Geschwätzigkeit gewesen war, die mir damals zu viel wurde. Aber das konnte ja nur gut für ein Interview sein. Ich war sie erstmal los.
Langsam ging mir die Kleine auf die Nerven: Nachgiebig auftreten, aber hintenrum machen, was sie wollte, scherte sich keinen Deut um unsere Auflagen. Sie ist, ohne mich zu informieren, zur Wohnung von Z. gegangen, sprach länger mit seiner Frau. Unser eifriger H. ist gleich hinterher zu Frau Z. gegangen, um herauszufinden, was Marie L. bei ihr wollte. Dabei war es doch klar. Sie wollte Paul Z. sprechen. Immerhin hat H. herausgefunden, dass Gabi Z. unsere Westdeutsche zu Walter F. geschickt hatte. Das ersparte uns einige Wege. Und Walter F. ist auch nie auffällig geworden. Dennoch war Marie L. mir zu frech und musste mal einen Dämpfer erhalten. H. ging also vor ihr zu F., um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er bald Besuch von einer westdeutschen Wissenschaftlerin bekommen werde, die ihn zur VVN befragen wolle. Er solle ihr ruhig ein Interview geben, aber nur bereits von unseren Historikern Veröffentlichtes von sich geben. Und der Westdeutschen solle er nicht verschweigen, dass wir schon bei ihm waren. Das würde ihr eine Lehre sein.
Sie haben mich angeschrieben, weil ich von Marie Lente 1988 interviewt worden war als damals bekannter Theater-, Film- und Opernregisseur der DDR. Vermutlich haben Sie mich auch deshalb ausgewählt, weil ich der Sohn des berühmten Widerstandskämpfers Jakob Friedrichsen bin, der von den Nazis ermordet worden war.
Ich schreibe Ihnen gerne etwas über meine Gespräche mit Marie Lente und erlaube Ihnen, aus ihrem Interview mit mir zu zitieren, soviel Sie wollen. Aber die Interviews geben natürlich nur das wieder, was ungefährlich war. Denn ich wusste ja, dass sie von der Staatssicherheit beobachtet wurde. Ich habe ihr das auch nicht verschwiegen. Insofern war uns beiden klar, dass diese Interviews nur das wiedergeben, was ohnehin bekannt war. Manchmal habe ich in den Interviews gelogen, dass sich die Balken bogen, oder Wichtiges weggelassen, habe ihr das jedoch hinterher im Garten oder auf der Straße gesteckt. Aber es war ihr ohnehin klar. Ab und zu blinzelte ich ihr zu. Ehrlich war ich im Interview nur, was die äußeren Daten meines Lebens betrifft und meine Schriftstellerei oder meine ästhetischen Grundannahmen. Da war ich mir sicher, das interessierte die Staatssicherheit schon längst nicht mehr. Merkwürdigerweise hat uns die Komplizenschaft, der Stasi ein Schnippchen zu schlagen, näher gebracht. Sie hatte etwas Frisches, Wissbegieriges, Jugendliches, obwohl sie ja keine Studentin mehr war, sondern eine junge Professorin. Ich bekam das Gefühl, dass sie mehr und mehr nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen an mir und meiner Lebensgeschichte interessiert war, sondern eine ganz persönliche Zuneigung zu mir entwickelte. Sie können sagen, das zeichnet die professionelle Wissenschaftlerin ja gerade aus, aber da liegen Sie in diesem Falle falsch, auch wenn Sie mit dieser Annahme im Allgemeinen Recht haben sollten. Marie wandte sich mir zu – und ich glaube, das hatte nicht nur etwas mit mir als Mann und Zeuge der Zeit zu tun, sondern eben auch mit dieser Komplizenschaft gegen das Ministerium für Staatssicherheit. Ich bin ja mehr als zehn Jahre älter als sie. Dennoch verliebten wir uns im Laufe der Gespräche ineinander. Es stimmt mich noch heute melancholisch, wenn ich daran denke, wie es dann weiter ging.
Ich schicke Ihnen einen Auszug aus dem ersten Interview von Marie Lente mit mir von Ende 1988 mit ihren Anmerkungen ihren Anmerkungen. Sie hat mir damals alles zur Kenntnisnahm gegeben. Zunächst machte sie ihre üblichen Vorbemerkungen: Sie werde das Gespräch in drei Phasen führen: Erst solle ich meine Lebensgeschichte erzählen, so lang oder so kurz wie ich wolle, sie werde keine Fragen stellen, damit sie nicht meinen Lebensbericht durch ihre Fragen strukturiere; dann werde sie Verständnisfragen stellen. In einem zweiten Gespräch an einem anderen Tag werde sie mit ihren eigenen speziellen Fragen kommen. So machten wir es auch
Marie Lente: Also, Herr Friedrichsen, erzählen Sie mir bitte Ihre Lebensgeschichte.
Walter Friedrichsen: Ich muss auch eine Vorbemerkung machen. Sie sind mir bereits vom MfS angekündigt worden.
Marie L.: So?
Walter F.: Ja, zwei Herren waren gestern hier, haben erklärt, dass eine westdeutsche Wissenschaftlerin käme, um mich zur VVN in der näheren und weiteren Nachkriegszeit zu befragen. Ich könne ihr alles erzählen, solange es nicht gegen die DDR ginge. Ich habe ihnen geantwortet, sie würden ein Kunststück von mir verlangen, denn die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes habe in ihrer Geschichte einige Wendungen gemacht, die immer wieder zur Kritik der Partei an der VVN geführt hätte. Darauf wurden die Herren ungehalten, da sie die Geschichte nicht kennen, und meinten, ich wisse schon, was sie meinten: „Keine Verunglimpfung der DDR.“ Und dann folgte ein Satz, der mich erstaunte (Anmerkung von Marie L.: Herr F. zwinkert mir, maliziös lächelnd, zu.) Ich solle speziell nichts über Paul Z. sagen. Ich war baff: „Wie soll das denn gehen?“, sagte ich, „Paul war führend in der VVN und im ‚Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer’ tätig und über die ganze Zeit ihrer Existenz der Abgesandte des ZK in diesen Organisationen gewesen.“ Aber die Herren ließen sich nicht erschüttern. Der eine antwortete im tiefsten Sächsisch, dass das nicht ihre Sache sei.
Marie L.: Und – was bedeutet das jetzt für unser Gespräch?
Walter F. (lachend): Sie werden eine Hochleistung in Interpretationsfähigkeit entwickeln müssen. Vielleicht sollten Sie den Ausdruck meines Gesichts berücksichtigen. (Süffisant:) Ach ja, schade, Sie haben ja keine Videokamera mit.
Marie L.: Ok, dann fangen wir also an mit Ihrer Lebensgeschichte.
Walter F.: Gut. Ich bin Jahrgang 1938, meine Mutter, die 1913 geboren wurde, war eine damals sehr bekannte Balletttänzerin, die aber zwei Jahre vor meiner Geburt ihre Stellung verlor, da sie sich nicht von ihrem Mann Jakob scheiden lassen wollte. Dieser Mann, mein Vater, sieben Jahre älter als sie, war Jude – sie nicht. (Zögert) Mein Vater hat 1927 an der Piscator-Bühne am Berliner Nollendorfplatz als ganz junger Schauspieler angefangen. Er hat sogar in dem berühmten Eröffnungsstück – Ernst Tollers „Hoppla, wir leben!“ – mitgemacht. Als Erwin Piscator 1928 das erste Mal Konkurs anmeldete, fand mein Vater ab und zu ein Engagement in anderen Theatern zum Teil außerhalb Berlins, wurde auch wieder bei den Neueröffnungen von Piscator engagiert, aber 1931 machte der dann endgültig Pleite und ging in die Sowjetunion, und mein Vater verlor seinen wirkungsvollsten Gönner, arbeitete als Bühnenarbeiter, und schloss sich der kommunistischen Partei an. Ausgerechnet bei Gustav Gründgens, der 1933 von Hermann Göring zum Leiter des Preußischen Nationaltheaters ernannt worden war, kam er später unter und lernte über ihn auch meine Mutter kennen. Warum es zu dieser Ehe kam – oder besser, warum meine Mutter sich in diesen armen Schlucker verliebte, der täglich verhaftet werden konnte, war mir immer ein Rätsel. Sie hat es mal so zusammengefasst: Er habe eine ungeheure Virilität ausgestrahlt, war mutig, unerbittlich gegen die Nazis und unbestechlich. Aber nach den Rassegesetzen hatte er, hatten sie keine Chancen mehr. Er blieb noch eine Weile bei Gründgens, meine Mutter machte eine kleine private Ballettschule in Dresden auf, die 1945 im Februar zerbombt wurde. Mein Vater war zunächst ihr Hilfsarbeiter und Hausmeister, aber 1938 hatte die Berliner Gestapo offensichtlich herausgefunden, wo er war. Als die Dresdner Polizei das erste Mal bei meiner Mutter nachfragte, wo ihr Mann sei, beschlossen beide, dass er untertauchen und – wenn möglich – in die Sowjetunion abhauen solle. Sie vereinbarten auch eine Scheingeschichte für die Gestapo: Er hätte sie schon vor einem Jahr verlassen, weil er in seiner Unzufriedenheit zum Säufer geworden sei. Sie hätte ihm gesagt: Entweder sie und das Kind oder der Alkohol. Er sei dann – sollte sie erklären – nach Berlin zurück gegangen, als sie ihn „mit einer Flasche billigen Fusels erwischt hätte“. Von heute her scheint mir das eine ziemlich unglaubwürdige Deckgeschichte.
Marie L.: Ja?
Walter F.: Ja. Sie zeigt eine gewisse Unterschätzung der Gestapo. Natürlich kam schnell heraus, dass mein Vater noch bis vor kurzem bei ihr in Dresden gesehen worden war. Meine Mutter wurde ständig verhört, mehrfach für Wochen in Untersuchungshaft gehalten, auch geschlagen und immer wieder früheren Kolleginnen und Kollegen von der Piscator-Bühne gegenübergestellt, die man wegen Hochverrats verhaftet hatte. Aber meine Mutter kannte sie entweder gar nicht oder hatte sie nur mal kurz gesehen. Irgendwann hat die Gestapo wohl angenommen, dass meine Mutter eine unpolitische Frau war und sie wieder nach Hause geschickt. Sie war übrigens ganz und gar nicht unpolitisch, aber sie hat diese Rolle das ganze Zeit des Faschismus über durchgehalten – sowohl meinetwegen als auch aus persönlicher Angst. Sie hat mir später mal erzählt, dass einige derjenigen, denen sie gegenübergestellt worden war, übel zugerichtet gewesen wären, darunter Paul Z. Auch ein anderer, den sie kannte, war noch blutüberströmt, als sie ihn identifizieren sollte, um sie weich zu kochen. Aber beide hatten getan, als ob sie sich noch nie gesehen hätten. Ich war inzwischen bei ihren Eltern in Berlin untergebracht, die damals beide noch lebten. Noch eine ganze Weile blieb ich bei meinen Großeltern, bis die Bombenangriffe auf Berlin überhandnahmen und sie mich wieder nach Dresden zurückschickten, das damals als ungefährdet galt.
Plötzlich fragte er: Kann ich Sie denn wenigstens mit einem Kaffee erfreuen?
Marie L. (lacht): Ja, gerne.
(Während Walter Friedrichsen in die Küche ging, schaute ich mich um, vor allem untersuche ich diese riesigen Bücherschränke. Eigentlich war dort die gesamte Literatur vertreten, die ich auch gerne gehabt hätte oder noch lieber damit aufgewachsen wäre. Dieser Feind des westdeutschen Imperialismus hatte das alles hier stehen sowohl aus dem Osten wie aus dem Westen, nicht nur Belletristik, besonders Dramatik, sondern auch Philosophie, Astronomie, Biologie, Ökonomie, viel Marx, aber keineswegs nur, auch die Ökonomen Ota Šik, Joseph Schumpeter oder John Kenneth Galbraith. Dazu auch noch Freuds Gesamtausgabe. Die Mauer scheint nicht durch diese Bücherschränke gegangen zu sein.)
Walter F: Hier haben Sie schon mal die Tassen, Milch und Zucker. Der Kaffee läuft durch und kommt in einer Minute. Schauen Sie sich ruhig um. (Er sagt dies ohne Sarkasmus.)
Marie Lente (mit Jewgenij Schwarz‘ „Der Drache“ in der Hand): Ja, ich würde gerne mal länger in Ihren Bücherschränken stöbern. Bei mir fehlt der Osten völlig, da sind Sie mir voraus.
Walter F.: Vielleicht wollen Sie die schöne Literatur aus dem Osten bald gar nicht mehr haben. Wer weiß? „Der Drache“ wurde übrigens von Paul Dessau vertont.
Marie L.: Aha. (lacht). Sie können mir viel erzählen oder ist das an andere gerichtet? (Ich blicke nun ebenfalls an die Decke und frage frech:) Wie haben Sie denn alle diese Bücher aus dem Westen bekommen?
Walter F. (unbeeindruckt): Das erzähle ich Ihnen später mal. Jetzt sollen Sie wenigstens noch meine Geschichte bis 1945 weiter hören, also die Geschichte meiner Eltern, damit Sie hinterher noch was zu tun haben mit dem Abspielen und Transkribieren.
Marie L.: Gerne (ich hole mein Schreibzeug wieder vom Tisch).
Walter F.: Also, meine Mutter konnte dann bis zur Bombardierung Dresdens im Februar 1945 ihre private Ballettschule weiter führen. Die ging sogar gar nicht schlecht, jedenfalls konnten wir von dem Geld ganz gut leben. Es ist erstaunlich, dass mitten im Krieg Kinder auf die Ballettschule gingen oder geschickt wurden. Sie hatte damals viele Freunde, Bekannte oder Kontakte in der Dresdner Künstlerszene. Kannte auch die berühmte Gret Palucca ganz gut, die 1939 als Jüdin ihre Ballettschule schließen musste. Meine Mutter hielt aber weiterhin Verbindungen zu ihr. (Pause, Räuspern) Von meinem Vater zu erzählen, fällt mir schwerer, von ihm hörte meine Mutter mehrere Jahre gar nichts, ab und zu bekam sie von irgendjemand eine Mitteilung, dass er nicht verhaftet worden sei. Aber sie wusste nicht, ob er es in die Sowjetunion geschafft hatte. Erst 1945, kurz nach Kriegsende, wurde sie in Dresden von einer Parteidelegation besucht– damals noch der KPD, also vor der Vereinigung mit der SPD zur SED. Dort lebten wir nun mehr schlecht als recht in unserer Wohnung in einem Haus, das weitgehend zerbombt war. Ich sollte übrigens gerade eingeschult werden, als die Bomben meine potentielle Schule trafen. Dadurch konnte ich erst mit sieben in die Schule gehen. (Kleine Pause)
Tja, die Parteidelegation. Paul Z. war übrigens dabei. Also, kurz und gut, meiner Mutter wurde mitgeteilt, dass mein Vater bis 1944 illegal in Deutschland für die KPD tätig gewesen sei, und zwar in der Inlandsleitung der KPD. Er sei eng mit Anton Saefkow befreundet gewesen, habe „führend“ in der Gruppe Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Baestlein gearbeitet und sei auch ein Kurier der Inlandsleitung nach Schweden zu Walter Ulbricht gewesen. Als diese Gruppe im Mai und Juni 1944 aufflog, war mein Vater gerade in Schweden gewesen. Ich habe nie herausgefunden, warum mein Vater wieder nach Deutschland zurückkehrte, obwohl gerade die Prozesse liefen und Saefkow, Baestlein, Jacob und viele andere im September hingerichtet wurden. Aber genau im September 1944 kehrte er zurück wie übrigens auch Paul Z., obwohl allen klar gewesen sein musste, dass viele der Verhafteten unter der Folter andere Namen preisgegeben hatten. (Walter F. seufzte und schaute wieder zur Decke, ohne zu zwinkern.)
Wissen Sie, es muss einen Grund gegeben haben, sonst hätte man ihn doch nicht zurück nach Deutschland geschickt. Wahrscheinlich sollte er eine neue Inlandsleitung aufbauen, so haben es mir unsere Historiker erklärt. Jedenfalls wurde er direkt bei seiner Rückkehr verhaftet. Da man von seinen Funktionen und Verbindungen wusste, hat man ihn mehrfach fast bis zum Tod gefoltert, aber immer wieder im richtigen Augenblick aufgehört. Mehrfach. Erst Anfang 1945 wurde er im KZ Sachsenhausen ermordet. Jakob Friedrichsen, also mein Vater, wurde in der DDR als einer der großen Helden des Widerstandes gegen den Hitler-Faschismus gefeiert. Das war später für mich erst einmal sehr schön, aber auch belastend. Ich musste immer Vorbild sein. Schon in der FDJ. Ich wurde rumgereicht und musste die Geschichte meines Vaters erzählen, die ich ja auch nur aus zweiter Hand kannte. (Lange Pause)
Meine Mutter hat dann bei der Palucca-Schule als Lehrerin angefangen. Gret Palucca hatte meine Mutter gefragt, ob sie mitmachen wollte, als sie, also Gret, am 1. Juli 1945 ihre Schule neu eröffnen durfte. (Seufzend): Wissen Sie, das gab es eben auch in der SED. Ich habe übrigens die Nazi-Zeit ohne Probleme überstanden – als Halbjude und Sohn eines KPD-Widerstandskämpfers.
(Er unterbricht sich und erklärt nach fünf Sekunden:) Und nun ist Schluss für heute. Aber ich hätte da noch eine weitere Adresse für Sie. Hier ist die eines gewissen Frank Wehlers. Der war auch Gründungsmitglied der VVN.
(Er holt den Kaffee aus der Küche.)
Ende des ersten Auszugs aus dem Interviews mit Walter Friedrichsen.
Ich habe Ihnen vor fast einem halben Jahr zugesagt, meine Erfahrungen mit Frau Marie Lente zu schildern. Das habe ich gemacht. Jetzt muss ich erfahren, dass Sie sich diesen Bericht unter Vorspiegelung falscher Voraussetzungen von mir erschlichen haben. Ich dachte, es ginge nur um Marie Lente. Offensichtlich scheint es Ihnen aber um meinen damaligen Genossen Paul Z. gegangen zu sein, der heute niedergemacht werden soll. Ich möchte mich nicht daran beteiligen. Deshalb erlaube ich Ihnen nur, jene von mir gekennzeichneten Abschnitte meiner Lebensgeschichte zu veröffentlichen, in denen es um eine positive Verdeutlichung der Geschichte des Paul Z. geht. Ich lege außerdem Wert auf die Erklärung, dass ich niemals IM des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen war, geschweige denn der IM „Sabbat“. Behauptungen dieser Art sind ohne jede Grundlage. Ich verbiete Ihnen auch, das Interview, das ich seinerzeit vor dem Anschluss der DDR an die BRD Frau Marie Lente gab, ganz oder teilweise – mit Ausnahme der angestrichenen Abschnitte – wiederzugeben.
(Im Folgenden werden die genehmigten Teile aus dem Interview vom 15. Dezember 1988 abgedruckt – die Herausgeberin.)
Frank Wehlers: Genosse Beier hat Sie schon angekündigt. Und auch der Genosse Z. hat gemeint, ich solle das Gespräch mit Ihnen machen.
Marie L.: Wer ist Genosse Beier?
Frank W.: Ein Freund der Familie. Altkommunist.
Marie L.: Und Genosse Z.? Etwa Paul Z.?
Frank W.: Ja. Mit dem bin ich seit Jahren befreundet. Ach, den kenne ich sogar schon seit 1940. Das war und ist ein großartiger Mann, sage ich Ihnen. Manchmal unvorsichtig, fast ein Abenteurer. Na, das ist etwas weitgehend, ich könnte auch sagen, der war extrem mutig. Mit dem habe ich eine ganze Zeit lang, bis Mitte 1944, illegal gelebt. Das war die aufregendste Zeit meines Lebens, vielleicht auch die wichtigste. Den müssen Sie auch befragen. Ich war mit ihm nach dem Krieg im Kulturbund und in der VVN. Wir haben die mit aufgebaut. Läuft das Ding da?
Marie L.: Ja. Ich stelle das Tonband immer sofort an, ja?
Frank W.: Warum überhaupt ein Tonband? Davon war keine Rede.
Marie L.: Wie soll ich meine Gespräche sonst wissenschaftlich auswerten? Andernfalls könnte ich Sie ja zitieren, wie ich will. Das Tonband ist auch ein gewisser Schutz für Sie, für die Echtheit Ihrer Aussagen.
Frank W. Schön finde ich das nicht.
Marie L.: Ich kann Ihre Aussagen ja anonymisieren.
Frank W.: Na gut.
Marie L.: Herr Wehlers, ehe Sie ins Einzelne gehen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir Ihre ganze Lebensgeschichte erzählen würden.
Frank W.: Ich denke, es geht nur um meine politischen Aktivitäten?
Marie L.: Na, ja, vielleicht wird das in Ihrer Lebensgeschichte deutlich?
Frank W.: Gut. Ganz von vorne, von der Geburt?
Marie L.: Wie Sie möchten.
Frank W.: Also, meine Eltern stammten aus der Arbeiterklasse, waren jüdische Arbeiter aus Berlin. Mein Vater war Schlosser in einer Papierfabrik, meine Mutter war auch Jüdin, sie war Verkäuferin. Sie hatten mich Frank genannt, einen deutschen Namen, keinen alttestamentarischen – erst später fragte ich mich, warum sie das getan hatten, aber da waren sie schon tot. Ich hatte noch vier Geschwister. Sind alle tot. Meine Kindheit verlief, ich möchte sagen, in geordneten Verhältnissen. Bis meine Mutter starb. Sie starb schon vor den Nazis, schon 1927. Mein Vater heiratete nach einem Jahr noch einmal. Wieder eine Jüdin. Sie kam aus einem, möchte ich sagen, streng jüdischen Elternhaus. Richtige Juden waren Vater und Mutter schon nicht mehr gewesen. Im wörtlichen Sinn Assimilierte waren sie auch nicht. Der Sozialismus, damals vor 1914 der alten Sozialdemokratie und später der Unabhängigen SPD und der KPD, war für sie wichtiger geworden als ihr Judentum. So war ich auch aufgewachsen. Aber koscher aßen wir dennoch. Das wurde natürlich strenger mit meiner neuen Mutter. Bei ihr wurde alles sehr nach jüdischer Sitte eingehalten, die Feiertage, vor allem das Passah-Fest, kein anderes Brot im Haus. Wir waren arm, manchmal hatten wir überhaupt nichts zu essen. In der großen Inflation von 1923 haben wir fast alles verloren. Vater wurde arbeitslos, obwohl er Facharbeiter war. Mutter war großartig, die schaffte aus Nichts ein Sonntagsessen oder aus alten Kleidern meine HJ-Uniform. Ja, HJ, Sie haben richtig gehört. Ich vergaß zu sagen, dass ich 1918 kurz vor Kriegsende geboren wurde. Tja, ich war später in der HJ. Die hatten noch nicht begriffen, dass ich ein „Judenbalg“ bin. Mutter war dagegen, Vater meinte später, er habe nicht dagegen gesprochen. Vielleicht weil er als aktiver Kommunist den Faschisten verdächtig war, vielleicht als Schutz für mich oder die Familie. Später, kurz vor seiner Deportation, sagte Vater zu mir: Damals, am Ende der Weimarer Republik, habe ich gelernt, dass es nicht mehr nur um Klassenkampf geht, sondern dass Krieg herrscht, Krieg zwischen den Klassen. Die haben uns den Krieg erklärt. Ja, mein Vater war ein harter Knochen.
(Es folgen fast 20 Seiten, in denen Frank Wehlers unter ständigen Wiederholungen die politischen Verhältnisse in der Weimarer Republik und die Lage der Arbeiterklasse erläutert. Dann bricht Herr W. ab und bittet um Nachfragen. Die ersten Fragen und Antworten hat Frank Wehlers gestrichen. Erst den folgenden Abschnitt hat er zum Abdruck freigegeben – die Herausgeberin.)
Marie L.: Haben Sie persönlich vor 1933 Antisemitismus erlebt? In ihrer unmittelbaren Umgebung?
Frank W.: Ja, die Nazi-Schmierblätter waren voll davon. Kein Tag verging, an dem nicht berichtet wurde über einen Juden, der einen deutschen Arbeiter bis aufs Blut ausgesaugt hätte.
Marie L.: Ich meinte persönlich. Haben Sie persönlich antisemitische Bemerkungen oder Handlungen erlebt? Vor und unmittelbar nachdem Hitler an die Macht kam?
Frank W.: Ja, viel, sehr viel. Ich musste aus meinem Sportverein raus und ging dann in den jüdischen Ruderverein „Poseidon“. Ich war begeisterter Ruderer. Wir durften in Grünau bleiben bis zur Olympiade 1936. Danach mussten wir von diesem Grundstück runter und wurden auf eine Insel in der Nähe von Treptow, ich möchte sagen, verfrachtet. Wir durften keine Lokale mehr anfahren. Da ließ die Begeisterung dann nach.
Marie L.: Ah, ja.
Frank W.: Oder meinen Rausschmiss aus meiner Lehrstelle im letzten Lehrjahr. Das war schlimm. Wir durften ja kein Handwerk mehr erlernen. Ich wollte eigentlich Autoschlosser werden. Ging nicht, dann wurde ich Hilfsarbeiter in ganz verschiedenen Berufen. Auf dem Bau oder als Kohlenschlepper in einer Firma am Alex. Wir hatten alle möglichen Kunden, angefangen bei den Schauspielern Heinz Rühmann oder Theo Lingen bis zu Herrn Himmler, den wir auch beliefern durften. Wenn der Himmler gewusst hätte, wer ihm dort die Kohlen lieferte, wären wir wahrscheinlich nicht am Leben geblieben.
Marie L.: Hm.
Frank W.: Später die Reichskristallnacht 1938. Kamen Leute zu mir und sagten: Es brennt. Ich sagte: Wo? Hier? Ich arbeitete gerade als Wagenwäscher in einer Garage. Da lachten die: Nee. Deine Synagoge. Ich lief in der Mittagspause zum Vater. Der meinte: Wenn die Synagogen brennen, geht es uns auch bald an den Kragen. Er sollte Recht behalten.
Marie L.: Und vor 1933? Haben Sie da persönlich Antisemitismus erlebt? Wie war das in der Schule? Klassenkameraden?
Frank W.: Ja. Nein, wissen Sie, in der Arbeiterklasse gab es sowas kaum. Das war eher bei den Reichen.
Marie L.: Wie, Sie haben vor 1933 keinen Antisemitismus - ?
Frank W.: Na, ich muss sagen. Ich war ja Jungkommunist, da spielte sowas keine Rolle.
Marie L.: Wussten denn ihre Genossen damals, vor 1933, dass Sie aus einer jüdischen Familie stammten?
Frank W.: Wenn ich es mir richtig überlege, habe ich denen das wahrscheinlich nicht gesagt. Da war anderes wichtig, also die politische Arbeit, der Arbeitersport und sowas.
Marie L.: Aber Sie sagten vorhin, dass man in Ihrer Familie koscher aß. Hat sich da keiner Ihrer Schulfreunde oder von den KJVDlern [1] gewundert oder lustig gemacht oder Ähnliches?
Frank W.: Ach, die habe ich gar nicht zu mir nach Hause geholt. Mutter war ja doch ein bisschen traditionell, ganz anders als der Vater. Mutter schon. Zu Hause war es auch zu eng. Wir haben eher auf der Straße gespielt.
Marie L.: Und in der Schule?
