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Constanze Kühn

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Beschreibung

"Verwundet" schildert den schwierigen Heilungsprozess zweier Menschen, deren Leben schon sehr früh vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt war. Die Widersprüchlichkeit von Menschen, die Verflechtung von Psyche und Sexualität, die Suche nach Identität und Zugehörigkeit sind die Themen dieses Romans.

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Seitenzahl: 585

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Die Autorin:

Constanze Kühn wurde 1965 in Augsburg geboren. Nach Tätigkeiten beim Oberlandesgericht München und dem Innensenator von Berlin kehrte sie dem öffentlichen Dienst den Rücken, um beim Vokalstudio Berlin zu arbeiten.

Ausbildungen in Gesang, Gitarre, Musiktheorie und der russischen Sprache folgten. Weitere Interessenschwerpunkte sind Literatur, Geschichte, Philosophie und Psychologie. Die Betrachtung menschlicher Konflikte und Spannungsfelder sowie deren Analyse und Auflösung sind ein besonderes Anliegen der Autorin.

Constanze Kühn ist verheiratet und lebt in Berlin.

Für Bernhard

Constanze Kühn

verwundet

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© 2011 Constanze Kühn

Titelbild: Felipe Daniel Reis

Umschlaggestaltung: Norbert Litek

Verlag: tredition GmbH, Mittelweg 177, 20148 Hamburg

ISBN: 978-3-8424-8739-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Prolog

1 Kapitel

2 Kapitel

3 Kapitel

5 Kapitel

6 Kapitel

7 Kapitel

8 Kapitel

9 Kapitel

10 Kapitel

11 Kapitel

12 Kapitel

13 Kapitel

14 Kapitel

15 Kapitel

16 Kapitel

17 Kapitel

18 Kapitel

19 Kapitel

Epilog

Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber

macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängniss.

Prolog

Mai 1998

Mit dem Erwachen kehrten die Bilder zurück. Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen und war erst in den frühen Morgenstunden in einen unruhigen Schlaf gefallen, der von fieberhaften Träumen durchwirkt gewesen war. Benommen öffnete sie die Augen, sah auf die Uhr und stöhnte leise. Halb acht. Noch sieben Stunden bis zu ihrer Verabredung mit Lydia. Als sie gestern ihre Stimme am Telefon gehört hatte, hatte sie geglaubt, zu träumen. Sie sei in Köln, hätte Lisas Ausstellung besucht und wolle sie sehen. Ihre Stimme hatte die Jahre schmelzen lassen, als seien sie nur eine Erinnerung aus dem Leben eines anderen Menschen. Lisa hatte so lange geschwiegen, dass Lydia gefragt hatte, ob sie noch da sei. Sie hatte ihr dieses Wiedersehen nicht länger verweigern können und so würden sie sich heute nach fast zehn Jahren Schweigen wieder gegenüber sitzen. Sie schloss die Augen. Erinnerungen durchfluteten sie. Allzu früh hatte sie in menschliche Abgründe geblickt. Bereits mit Anfang zwanzig war ihr nicht mehr viel fremd gewesen. Die Gefahren, die Bedrohungen der Kindheit und die der späteren Entwicklungsjahre, der Jugend, des frühen Erwachsenenalters, unterschieden sich völlig. Es war, als hätte sie in zwei Welten gelebt, die nichts miteinander zu tun hatten. Überhaupt schien Dualität ihr Lebensthema zu sein. Sie hatte oft das Gefühl, ein ganzes Universum in sich zu tragen, alle Gedanken, die jemals in der Welt gedacht, alle Gefühle, die jemals empfunden worden waren, jeder Schmerz, jedes Glück, ihr eigener Schmerz, ihr eigenes Glück. Sie trug die Welt aller Bücher in sich, die sie gelesen, die Töne klangen in ihr, die sie gehört hatte, und sie fühlte sich unendlich reich. Alles blühte und wucherte üppig in ihr. Dann aber aus heiterem Himmel kippte diese Welt in einen Abgrund, und sie fühlte sich nur noch müde, alt, leer und verbraucht. Wohin war dieser Reichtum verschwunden? Es war, als ob sie aus zwei Hälften bestand. Die eine bedeutete Licht und Reichtum, die andere Dunkelheit und Armut. Wenn die lichte, reiche Welt oben war, konnte sie manchmal die drohende Dunkelheit unterhalb des Lichts sehen und fühlen. War aber die Dunkelheit und Armut, die Leere in ihr, konnte sie vom Licht nichts mehr sehen und erahnen und hatte lediglich Erinnerungen daran, dass es diese Welt einmal in ihr gegeben hatte. Die Dunkelheit verschluckte das Licht völlig und hinterließ nur eine Sehnsucht nach etwas, das nicht mehr zu existieren schien. Lydia hatte damals die lichte Welt bedeutet, das Milieu, in dem Lisa sich selbst mit achtzehn bewegt hatte, die dunkle Welt. Anderthalb Jahre der Selbstzerstörung, und doch gehörten alle Welten zusammen. Der Keim zum Hang, sich selbst vernichten zu wollen, war in frühester Kindheit gelegt worden. Diese Veranlagung war der rote Faden in ihrem Leben gewesen, auf den sich wie Perlen ihre Erfahrungen und Erlebnisse gereiht hatten.

Als sie später vor Lydia stand, fürchtete sie, dass Lydia das Klopfen ihres Herzens hören könnte. Sie umarmte sie flüchtig, bevor sie sich setzte. Das Café, das sie ausgesucht hatte, bot von der Terrasse einen herrlichen Ausblick auf den Rhein, doch ihre Aufmerksamkeit galt nur Lydia. Ihr Lächeln hatte sich nicht verändert, es war warm und herzlich. Die neuneinhalb Jahre, die zwischen ihrer letzten Begegnung und der heutigen lagen, hatten ihre Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie hatte immer noch wenig Falten, aber es waren doch einige hinzugekommen. Lisa rechnete ihr Alter nach und kam auf siebenundfünfzig. Ihre Augen hatten wie damals den aufmerksamen Blick, der jetzt wahrscheinlich die Veränderungen an Lisa wahrnahm. Das Ziehen in ihrer Brust war wieder da, ein leiser, feiner, hintergründiger Schmerz. Lydia konnte ihn also noch immer hervorrufen. Etwas befangen saßen sie sich gegenüber, zwei Frauen, die Mutter und Tochter hätten sein können, wären sie nicht äußerlich so sehr verschieden gewesen. Lydia, blond, trug noch immer einen Pagenkopf. Hier und da hatten sich graue Strähnen eingeschlichen, die Lisa nur sehen konnte, weil die Sonne sie zum Schimmern brachte und ihr der Anblick nicht vertraut war. Lisas Haare hingegen wiesen das kräftige Rot auf, das sie früher nicht gemocht hatte. Sie bändigte ihre widerspenstigen Locken stets mit einem schwarzen Tuch, das ihr die Haare aus der Stirn hielt. Ihre Augen hatten die Farbe dunkler Schokolade, während die von Lydia an sommerliches Grün denken ließen. Wie damals bei ihren ersten Begegnungen saß sie Lydia verlegen gegenüber, knetete an einem Zipfel des weißen Tischtuches herum, das mit silbernen Spangen am Tisch befestigt war. Die gelbweiß gestreiften Sonnenschirme schützten ihren Tisch nicht. Lisa war das sehr angenehm, da der Wind bisweilen noch recht kühl war. Er raschelte in den Kastanienbäumen, ließ die bunten Wimpel flattern und spielte in ihren Haaren. Als der ältere Kellner kam und ihre Bestellung aufnahm, blieb sein Blick länger als nötig auf Lydia ruhen. Harald fiel ihr ein. Die Verwicklungen zwischen ihnen hatten sie alle drei beinahe in den Abgrund gestürzt. Nachdem sie beide bestellt hatten, sah Lydia sie zärtlich an und sagte: „Du hast mir sehr gefehlt!“ Lisa gab keine Antwort. Auch sie hatte Lydia vermisst und dennoch den Kontakt gescheut. Zu vieles war passiert, und sie hatte immer Angst gehabt, auf denselben gefährlichen Weg zu geraten, den sie einst gegangen war – damals.

*

1988

Lisa stand am Schaufenster der Buchhandlung und starrte hinaus in den Regen. Es war einer dieser trüben Tage, die sie so sehr hasste. Wie ein langes, graues, scheinbar endloses Band zogen sie vorüber. Das neue Jahr hatte gerade erst begonnen, und der weihnachtliche Geschenkekaufrausch und die Euphorie von Silvester hatten einer übersättigten Langeweile Platz gemacht. Im Laden war kein einziger Kunde. An einem Tag wie diesem hatten die Leute keinen Sinn für Einkäufe, die nicht unbedingt nötig waren. Sie kämpften mit der Trostlosigkeit, die dieses Wetter vermittelte. Der Himmel war düster, die nackten Bäume streckten ihm ihre kahlen, feucht glänzenden Äste entgegen, als wollten sie ihn anflehen, sich zu erbarmen, die Wolkenwand aufzureißen und endlich ein paar Sonnenstrahlen hindurchzulassen. Die Menschen eilten mit mürrischen Gesichtern an der Buchhandlung vorbei, manche frierend mit hochgeschlagenem Mantelkragen, in einer Hand die Tasche oder den Aktenkoffer, in der anderen den Regenschirm, bemüht, ihn nicht der reißenden Macht des Windes zu überlassen. Lisa dachte an ihre Mutter, die seit einigen Monaten unter der Erde lag und sich nicht mehr mit der Sinnlosigkeit des Lebens herumplagen musste. In Gedanken sah sie den Friedhof mit seinen vielen Tannen vor sich. Bei der Beerdigung an einem sonnigen, klaren Herbsttag hatte seine Stille Harmonie ausgestrahlt, dieselbe Harmonie, die zum Schluss auf dem Gesicht ihrer Mutter gelegen hatte.

„Lisa?“

Die leichte Berührung einer Hand auf ihrer Schulter riss sie aus ihren Gedanken.

„Lisa, ist irgendetwas nicht in Ordnung?“

Sie wandte sich um, und da war auch schon wieder der vertraute Schmerz, als sie in Lydias schöne Augen sah. Sie zuckte jedoch mit den Schultern. „Es ist alles okay.“

„Wirklich?“

„Ja. Mir geht nur das Wetter etwas auf die Nerven.“ Zum Glück wurde Lydia von Frau Kraus ans Telefon gerufen. Sie warf Lisa noch einen forschenden Blick zu, bevor sie ging. Vier Monate wohnte Lisa nun schon bei ihr. Sie konnte sich über nichts beklagen. Ihre Wohnung war behaglich. Außerdem drängte Lydia sie nie, sich endlich zu entscheiden, wie sie ihr Leben weiter gestalten wolle. Gut ein Viertel der vereinbarten Frist war schon verstrichen, und bisher hatte sie sich zu nichts entschließen können. Sie hatte einfach keine Idee, was sie beruflich machen könnte, und wenn sie ehrlich war, auch kein Verlangen, mit achtzehn noch einmal die Schulbank zu drücken. Andererseits konnte sie natürlich nicht ewig bei Lydia wohnen. Sie seufzte, als sie sie beobachtete. Sie konnte verstehen, dass ihre Mutter sich zu ihr hingezogen gefühlt hatte. Was aber hatte Lydia an ihrer Mutter gefunden? Die beiden Frauen waren nicht nur äußerlich verschieden gewesen. Lydia hatte bis jetzt immer gehalten, was sie versprochen hatte, ihre Mutter hingegen nicht, und mit ihrem Freitod hatte sie sie nun endgültig verlassen. Lisa wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Lydia zu, die inzwischen das Telefonat beendet hatte und mit Susanne, der Auszubildenden, sprach. Sie lächelte, die Fältchen um ihre Augen vertieften sich. Lisa kannte es schon, dieses sich leise aus dem Innern anschleichende Gefühl, das sich so schwer unterdrücken ließ und ebenso schwer zu durchschauen war. Seit Wochen wurde sie davon gequält. Jetzt gesellte sich Frau Kraus, die Angestellte, zu Lydia und Susanne. Sie machte anscheinend einen Scherz, denn Lydia lachte. Ihre Stimme war warm und herzlich. Lisa lief schnell in das Lager, das sich im hinteren Flügel befand, und setzte sich auf eine ausrangierte Couch. Sie musste diesen inneren Druck loswerden. Könnte sie doch jemals diese zermürbenden Gedanken ausschalten! Sie sehnte sich nach Ruhe und Gleichgültigkeit. Seit sie denken konnte, fühlte sie in Extremen. Sie schien nicht nur das äußerliche Abbild ihrer Mutter zu sein.

So fand Lydia sie. „Lisa. Was ist los?“

Lisa erschrak. „Nichts.“

Lydia setzte sich neben sie. „Aber du weinst doch.“ Sie wollte sie in den Arm nehmen, doch Lisa wich zurück. „Es ist nichts. Lass mich einfach in Ruhe.“

Lydias Gesicht verdüsterte sich. Einen Augenblick lang sahen sich beide nur stumm an. Schließlich erhob sich Lydia. „Nun gut, ich will nicht in dich dringen.“ Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich muss jetzt gehen. Frau Kraus wird heute abschließen. Ich denke, ich bin zwischen sieben und acht Uhr zu Hause.“

Lisa nickte nur und wandte sich ab. Sie hörte, wie Lydias Schritte sich entfernten.

Sollte sie ihrer Mutter folgen? Der Tod kam ihr wie eine Verheißung vor. Er war nichts als ein schwarzer Vorhang, dahinter lagen Frieden und Vergessen. Was sollte sie jetzt anfangen? Sie musste Lydia fern bleiben, musste diesen Schmerz von sich halten, den sie bei ihr auslöste. Aber zu Manfred konnte sie auch nicht mehr gehen. Sie hatte sich wohl gefühlt mit ihm. Er war ein guter Liebhaber und hatte ihr manchmal sogar zugehört. Wenn sie die Nächte mit ihm verbracht hatte, hatte sie Lydia immer erzählt, sie sei bei einer Freundin.

Kaum war seine Frau zu ihm zurückgekehrt, hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass sie nicht mehr erwünscht sei. Warum nur fiel sie immer wieder auf Männer herein? Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr ging das nun schon so.

Nach einiger Zeit erhob sie sich und betrat den Verkaufsraum, in dem Susanne und Frau Kraus mittlerweile mit Kunden beschäftigt waren. Mit einem Blick aus dem Schaufenster stellte sie fest, dass der Regen aufgehört hatte. Sie holte ihre Jacke, winkte den beiden noch einmal zu, verließ die Buchhandlung und lenkte ihre Schritte in Richtung Innenstadt. Als sie am Eiscafé Venezia vorbeikam, zuckte sie zusammen. Hier war sie hin und wieder mit Mara, ihrer Mutter, eingekehrt. Bei ihrem letzten Besuch im Sommer war Mara richtig aufgekratzt gewesen und hatte ihr von ihrem aktuellen Freund erzählt. Lisa überlegte, ob sie hineingehen sollte, ließ es dann aber. Bald kam sie durch das Bismarckviertel. Martina fiel ihr ein. Sie waren von der ersten bis zur vierten Schulklasse befreundet gewesen und hatten oft die Nachmittage zusammen verbracht. Bei der zwei Jahre älteren Schwester und den Eltern Martinas hatte sie sich wohl gefühlt. Eine richtige Familie mit einem gemütlichen Heim! Furcht vor zu Hause hatten die beiden Mädchen nicht gekannt. Wie hatte sie sie beneidet, und der Heimweg war ihr nach jedem Besuch schwerer gefallen. Auf dem in der Nähe gelegenen Spielplatz waren sie immer zusammen Karussell gefahren. Als Lisa jetzt dort stand, sah sie sich beide wieder im Kreise drehen oder auf den Schaukeln jauchzend durch die Luft fliegen. Es hatte stets etwas von Freiheit gehabt, dachte sie und seufzte. Als Martina auf das Gymnasium gekommen war, hatten sich ihre Wege getrennt.

Ziellos ließ sie sich weiter treiben. Zu ihrer eigenen Überraschung stand sie nach einer Weile plötzlich vor dem Haupteingang des Friedhofes. Nach kurzem Zögern betrat sie den Hauptweg. Es war ein sehr alter Friedhof mit stattlichen Eichen, Kastanien und Linden, die nun kahl waren, während die Tannen ihr immergrünes Kleid trugen. Der Wind trieb die dunklen Wolken vor sich her und brachte die Spitzen der hohen Nadelbäume zum Schwanken. Die Grabsteine waren sehr unterschiedlich. Manche waren schlicht und klein, manche groß und prunkvoll, und wieder andere waren schon sehr verwittert und mit Moosflechten bewachsen. Die Mehrzahl der Gräber war gepflegt, indes sich um einige niemand zu kümmern schien. Die Grabstätte ihrer Mutter wurde von Lydia in Ordnung gehalten, und als sie dort ankam, stand auch schon wieder ein frischer bunter Strauß in der grünen Steckvase. Sie musste erst vor kurzem hier gewesen sein, denn die Blüten lagen noch nicht so verstreut herum wie beim Nachbargrab, wo der Wind und der Regen den Strauß schon völlig zerrupft hatten. Im Gegensatz zum Tag der Beerdigung schwiegen heute die Vögel. Nur ein paar vereinzelte Krähen krächzten und flogen über die Gräber oder liefen auf den dazwischen liegenden Rasenflächen umher. Sie starrte auf die feuchte Erde und das nasse Gras. Noch immer konnte sie sich nicht vorstellen, dass der agile Körper ihrer Mutter hier in einer Holzkiste liegen sollte, ihr warmer, weicher Leib, der ständig in Bewegung gewesen war. Ihre Impulsivität und Flatterhaftigkeit hatte sich in ihren heftig gestikulierenden Händen ausgedrückt. Nur wenn ihr Mann nach Hause gekommen war, hatten sich ihre dunklen, beseelten Augen geweitet, und sie war förmlich erstarrt. Auch sie selbst hatte die Heimkehr des Vaters gefürchtet, und so war sie, so oft sie konnte, geflohen. Schon mit vierzehn hatte sie begonnen, sich herumzutreiben. Ihre ständige Begleitung war Petra, eine Schulfreundin, gewesen, bis diese eines Tages verschwunden war. Es hatte geheißen, dass sie in Hamburg auf dem Strich erwischt und in ein Erziehungsheim gesteckt worden sei. Lisa hatte sie immer darum beneidet, keinen Vater zu haben. Später hatte sie sich mit Heidi befreundet, die ebenfalls die Schule abgebrochen hatte und nun in der Grotte, ihrer Stammkneipe, bediente. Seit sie bei Lydia wohnte, war sie etwas häuslicher geworden. Aber die Hoffnung hatte sie getrogen. Sie fand keinen Frieden, und die Gefühle, die Lydia bei ihr hervorrief, trieben sie aus dem Haus. Ein wenig Halt hatte sie bei Manfred gefunden, aber das war ja nun vorbei. Wieder ein leeres Versprechen!

Sie begann zu frösteln. Ein feiner Sprühregen hatte eingesetzt, der ihre Wangen benetzte und offenbar durch alle Kleidung hindurchdringen konnte. Sie machte sich auf den Rückweg. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Mit gesenktem Kopf lief sie die schmalen, aufgeweichten Wege entlang. Als sie zum zweiten Mal an einem Grabstein aus Marmor in Herzform vorbeikam, merkte sie, dass sie im Kreis gegangen war. Der nun wieder stärker werdende Regen wurde regelrecht vom Wind gepeitscht. Sie beschloss, sich bei der Friedhofskapelle unterzustellen. Als sie dort ankam und sich bei der Eingangstür postierte, drangen leise Töne an ihr Ohr. Sie horchte auf. Die Klänge schienen aus der Kapelle zu kommen. Vorsichtig öffnete sie die Tür und schlüpfte in die kleine Kirche. Tatsächlich fand dort ein Trauergottesdienst statt. Ganz leise, um nicht aufzufallen, setzte sie sich in die letzte Bank. Es waren nicht mehr als ein Dutzend Menschen, die sich dort versammelt hatten. Die Musiker, ein Gitarrist, ein Geiger und die Sängerin, standen auf einer kleinen Empore. Die Stimme der jungen Frau war sanft und kräftig zugleich. Sie sang eine wehmütige Weise in einer Sprache, die Lisa nicht verstand. Die Elegie war von einem seltsam betörenden Zauber. Sie schloss die Augen, und bald mischten sich in das kühle Regenwasser auf ihrem Gesicht warme Tränen. Erst als das Lied verklungen war und der Pfarrer zu sprechen begann, wurde ihr wieder bewusst, wo sie sich befand. Sie verschwand so unbemerkt, wie sie gekommen war. Auf dem halbstündigen Heimweg spürte sie weder Regen noch Wind. Die Melodie hallte in ihr nach und begleitete sie bis nach Hause. Als sie in Lydias Flur vor dem Garderobenspiegel stand, stellte sie fest, dass sich ihre roten Locken in nasse, dunkle Strähnen verwandelt hatten und sie Wasserlachen auf dem Teppichboden hinterließ. Schnell zog sie die feuchte Kleidung aus, ließ sich ein Bad ein und stieg in das heiße Wasser. Auch ihre Mutter hatte das Baden geliebt. Die Temperatur konnte durchaus vierzig Grad betragen. Ihre Mutter würde allerdings nie mehr baden. Nie mehr würde sie sich in einem neuen Kleid vor dem Spiegel drehen, nie mehr einem so wunderbaren Lied wie in der Friedhofskapelle zuhören können, nie mehr barfuß durch eine Sommerwiese laufen, ihr nie mehr durch die Locken fahren und sagen: „Du siehst ja aus wie ich!“ Nie mehr!

*

***

A ls Harald auf dem Weg nach Hause war, fiel ihm wieder auf, wie trist die Gegend wirkte. Die meisten Häuser waren verfallen, einige sogar derart baufällig mit zerbrochenen Scheiben, verrotteten Fensterrahmen und einsturzgefährdeten Treppenhäusern, dass sie nicht mehr bewohnbar waren. Die Häuser in seiner Straße waren alle vermietet, machten aber auch keinen sehr einladenden Eindruck. Da er jedoch von Gelegenheitsjobs lebte, konnte er keine großen Ansprüche stellen, und die Mieten waren hier nun einmal besonders günstig. Seine Wohnung mit den beiden Zimmern, in die er vor einer Woche eingezogen war, befand sich in einem dreistöckigen Haus in der Nähe der Spinnerei. Die jetzt schlammigbraune Außenfassade, sie mochte einst gelb oder beige gewesen sein, war voller Risse und der Putz blätterte an vielen Stellen ab. Als er die Haustür aufschloss, schlug ihm ein muffiger Geruch entgegen. Er ließ die Tür offen und schob den Keil darunter. Anschließend öffnete er seinen verbeulten Briefkasten, der innen und am Briefschlitz verkohlt war. Anscheinend hatte dort jemand einmal einen Silvesterknaller hineingeworfen. Er schimpfte über die Werbung und warf sie in den alten Pappkarton, der schon überquoll, weil jeder Mieter seine Reklame dort entsorgte. Er würde einen Aufkleber anbringen müssen, dass Werbung nicht erwünscht sei. Allein der immense Papierverbrauch, für den die Natur leiden musste, ärgerte ihn immer wieder aufs Neue. Die ausgetretenen Treppenstufen knarrten, als er in den zweiten Stock zu seiner Wohnung hinaufstieg. Der gelb gestrichene Hausflur war schmuddelig, und die bekritzelten und beschmierten Wände bedurften dringend eines neuen Anstrichs. Die kleine Deckenfunzel gab kaum Licht. Er schloss seine Wohnungstür auf und rümpfte die Nase. Noch immer stank es nach der Farbe und dem Lack, mit denen er die Wände, Türen, Fenster und Heizkörper gestrichen hatte. Er kippte alle Fenster und sorgte für Durchzug. Zufrieden ließ er seinen Blick durch die Wohnung wandern. Mit einer gemieteten Parkettschleifmaschine hatte er die alten Dielen abgezogen, und das Holz mit den weißen Wänden machte die Atmosphäre hell und freundlich. Im Wohnzimmer lehnte ein überfülltes Stehregal an der Wand, bei dem sich schon die Bretter bogen. Den Rest seiner Bücher hatte er auf dem Fußboden stapeln müssen. Das Lesen war immer schon seine Leidenschaft gewesen. Die meisten Bücher kaufte er in Antiquariaten oder auf Flohmärkten. Auch den roten Knautschsessel, den quadratischen Tisch, die Matratze, die im Schlafzimmer auf dem Boden lag, und den alten Garderobenständer, der ihm als Kleiderschrank diente, hatte er auf dem Wochenmarkt am Kaiserplatz erstanden. Er hatte den Händler überreden können, ihm die Sachen gegen ein paar Mark nach Hause zu bringen. In der Küche drängten sich ein Herd, ein Kühlschrank und eine alte zerkratzte Spüle, die er zusammen mit dem kleinen, runden Küchentisch und den zwei Holzstühlen vom Vormieter übernommen hatte. Ihm Gegenzug dafür hatte er auf die Renovierung, die dieser hätte leisten müssen, verzichtet. Er war handwerklich sehr geschickt und hatte die Wohnung ohnehin lieber selbst herrichten wollen. Er ging in die kleine Kammer, in der ein alter kupferfarbener Badeofen und eine Toilette ohne Deckel standen. Die wasserabweisende Farbe war inzwischen getrocknet. Ein Waschbecken gab es nicht, was ihn aber nicht weiter störte. Er war froh, überhaupt ein eigenes Bad zu haben. Viele der Häuser in dieser Gegend hatten noch das Klo auf halber Treppe. Die Wohnung war jetzt fertig renoviert, er hatte viel geschafft. Nun er seinen Feierabend genießen, und dazu gehörte ein starker Kaffee. Im Moment trug er Zeitungen aus, was bedeutete, dass der Wecker um drei Uhr klingelte. Er schaltete die Kaffeemaschine ein und während diese vor sich hin blubberte, schlug er sich Eier in eine Pfanne und briet sie mit etwas Schinken an. Beim Essen las er die Tagesmeldungen und studierte die Stellenanzeigen. Wieder nichts. Kürzlich hatte er sich beim Zoo als Tierpfleger beworben. Über die Absage war er nicht böse. Schon während seiner Ausbildung hatte er sich mit den Tierinspektoren angelegt, weil er die übliche Käfighaltung für Quälerei hielt. Andererseits waren die meisten zoologischen Gärten ähnlich gestaltet, und so viele Möglichkeiten hatte er als Tierpfleger nicht. Er trauerte seinem Job beim Naturschutzverein nach. Drei gute Jahre! Aber das Arbeitsamt hatte die Maßnahme eingestellt. Der Verein hatte kein Geld, um ihn zu bezahlen, und von irgendetwas musste er ja schließlich leben. Seit einigen Tagen arbeitete er zusätzlich bei einer Tankstelle. Solange er keine Stelle in seinem Beruf bekam, musste er mit Jobs dieser Art Vorlieb nehmen. „Ich sollte einmal gründlich über mein Leben nachdenken“, sagte Harald halblaut zu sich, „aber nicht jetzt.“ Er nahm sich den Rest seines Kaffees und ging ins Wohnzimmer. Er suchte eine Platte aus, wischte sie sorgfältig ab, legte sie auf den Plattenteller und setzte die Nadel vorsichtig auf. Den Plattenspieler und seine Schallplattensammlung hütete er wie einen Schatz und hatte sie bis jetzt über jeden Umzug heil hinwegretten können. Bald schallte die Stimme Renata Tebaldis durch den Raum. Ihre Interpretation von O mio babbino caro hatte es ihm besonders angetan. Puccini war ohnehin einer seiner Lieblingskomponisten. Er lümmelte sich in seinen Sessel, legte die Füße auf den Tisch und schloss die Augen. Sein Vater, der heute Geburtstag hatte, kam ihm in den Sinn. Wie würde er diesen Tag verbringen? Dachte er an seine beiden Kinder, von denen keines zu ihm gekommen war? Das eine, weil es nicht mehr konnte, das andere, weil es nicht wollte. Oder verdrängte er jeden Gedanken an sie? Aber konnte man Clärchen überhaupt aus dem Bewusstsein bannen? Die Leidenschaft für Musik hatte sie alle drei unwiderruflich aneinander gebunden. Hatte sein Vater deshalb seine Anlage verkauft, weil er die Schuld nicht ertrug, die er auf sich geladen hatte? Mussten ihn nicht ihre Augen verfolgen, diese haselnussbraunen Augen, die sich so riesig in ihrem zarten Gesicht ausgenommen hatten, die stets noch dunkler, fast schwarz geworden waren, wenn ein Lied, eine Sinfonie oder eine Arie sie im Innersten berührt hatte? Sah er ihre Tränen vor sich? Mussten ihm nicht ihre helle Stimme, ihre Lieder, mit denen sie sich selbst in den Schlaf gesungen hatte, in den Ohren gellen? Und was war mit seiner Mutter? Fühlte sie ihren Verrat oder war sie bereits so abgestorben, dass sie nicht einmal mehr den Verlust ihrer Kinder betrauern konnte? Ach verdammt! Wem halfen diese Gedanken? Ungeduldig erhob er sich, ging zum Plattenspieler und schaltete ihn aus. War heute nichts mit Musik. Er lief hin und her, bis er den Entschluss fasste, sich die Grotte, eine Kneipe schräg gegenüber, anzusehen. Von außen betrachtet sah sie eher verkommen aus. Aber er war neugierig, und der Gedanke, sich abends ab und zu ein Bier genehmigen zu können, ohne dafür noch weit fahren zu müssen, hatte schon etwas für sich. Er warf sich seine Jacke über und verließ die Wohnung.

Als er die Kneipe betrat, schallte ihm die Stimme von Freddie Mercury entgegen. Die Grotte verdankte ihren Namen ihrem Bau, der einer Tropfsteinhöhle nachempfunden war. Über der kleinen Tanzfläche warf eine riesige silberne Kugel das Licht in tausend bunten Facetten an die Wände. Ansonsten war die Beleuchtung eher sparsam, so dass die Nischen und Ecken, in denen Tische und Bänke standen, im Dunkeln lagen. Die Fenster waren mit schweren Holzläden verschlossen. In der hintersten Ecke standen der beleuchtete Billardtisch und ein großes, schweres Kicker.

Harald nahm an der Bar Platz.

Der Mann hinter der Theke nickte ihm zu. „Was darf es sein?“

„Ein Hefeweizen bitte.“

„Neu hier in der Gegend?“

Harald nickte nur. Er sah sich um, während der Barkeeper das Bier einschenkte. In der schummrigen Beleuchtung waberten blaue Rauchschwaden. Auf den ersten Blick fiel die Schäbigkeit der Einrichtung nicht weiter auf. Wenn man jedoch genauer hinschaute, konnte man erkennen, wie heruntergewirtschaftet der Laden war. Der Putz an den Wänden wies Risse auf, Tische und Bänke waren zerkratzt, der asphaltgraue Fußboden wirkte so, als sei er seit Jahren nicht gewischt worden, und die hölzerne Tanzfläche hatte überall Brandlöcher. Das Publikum war sehr gemischt. Er sah jüngere Leute in Jeans und Pullover. Auch seine Altersklasse, Mitte bis Ende Dreißig, war vertreten, einige wie er leger gekleidet, andere mit Lederklamotten, langen Haaren und Tätowierungen. Ein paar ältere Männer wirkten ziemlich heruntergekommenen. Insgesamt erinnerte ihn die Spelunke an seine eigene Jugend. Auch er hatte es damals ziemlich wild getrieben, hatte seine braunen, lockigen Haare wachsen lassen und hatte damit seinen Vater mit dem akkurat gestutzten Haarschnitt zur Weißglut gebracht. Aber der Alte hatte sich nicht mehr getraut, ihn anzurühren, weil er inzwischen mit seinen einmeterundfünfundachtzig genauso groß wie er war. Er sah ihn vor sich mit seinen stahlgrauen Augen, die so kalt und unerbittlich blicken konnten.

Der Barmann stellte ihm sein Getränk hin. „Zum Wohl!“ Er war etwa in Haralds Alter mit einem vernarbten Gesicht und einem blonden Pferdeschwanz, der über seinen halben Rücken hing. Er trug eine schwarze Lederweste über einem grauen Achselhemd. Um den linken Oberarm ringelte sich eine tätowierte Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss, während auf dem rechten ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen prangte.

„Hallo Greg.“ Ein Mädchen mit roten Haaren hatte sich neben Harald auf den Barhocker gesetzt.

Der Barkeeper grinste sie an. „Hallo Lisa! Wie geht’s?“

„Na ja, geht so und dir?“

„Okay soweit. Was willst du trinken?“

„Gibst du mir ´n Ouzo? Und schenk ordentlich ein!“ Harald musterte sie verblüfft, und als ob sie das merkte, wandte sie sich ihm zu. Große, dunkelbraune Augen aus einem fein geschnittenen Gesicht sahen ihn neugierig an. Er erschrak. Die gleichen dunklen Augen! Das Mädchen hatte sich wieder abgewandt und scherzte mit Greg. Ihre Locken fielen über ihre Schultern. Ihre Gestalt war zierlich, sie mochte etwa einmeterundsiebzig sein. Sommersprossen auf Nase und Wangen gaben ihrem schmalen Gesicht einen ganz eigenen Charme. Sie war anscheinend Stammgast, denn sie winkte allen möglichen Leuten zu. Nun griff sie in ihre Tasche, zog Zigaretten heraus und steckte sich eine zwischen die Lippen. Bevor sie ihr Feuerzeug gefunden hatte, hielt Harald ihr schon sein eigenes hin. Ein erstaunter Blick traf ihn. Sie zündete ihre Zigarette an und bedankte sich. Sie inhalierte tief und wollte etwas sagen, als sie von einem jungen Kerl unterbrochen wurde. „He Lisa, hast du Lust auf ´ne Runde Billard?“ Sie nickte Harald noch einmal zu und folgte dem Burschen zum Billardtisch. Er beobachtete die beiden beim Spielen. Donnerwetter! Sie ging geübt mit dem Queue um und versenkte einige Kugeln mit gezielten Treffern. Der Typ würde es nicht leicht haben. Er orderte bei Greg noch ein Bier und beobachtete die anderen Leute. In der Nähe der Tanzfläche saß ein Mann, dessen Alter schwer einzuschätzen war. Er konnte vierzig, aber auch schon fünfzig sein. Er schien die Begegnung mit einer Schere oder einem Rasiermesser zu scheuen. Sein Bart war zottig, die Haare verfilzt und sein Gesicht, das man nur zur Hälfte sah, wirkte eingefallen, der Körper ausgemergelt. Trübsinnig starrte er in seinen Bierkrug, den er mit beiden Händen fest umklammert hielt. Ein merkwürdiger Gegensatz zu der drallen Blondine hinter ihm mit der zu dick aufgetragenen Schminke und dem zu tiefen Dekolleté, bei dem er sich fragte, warum sie überhaupt eine Bluse trug. Der Kerl neben ihr schien sich das Gleiche zu fragen, denn er fingerte ständig an ihr herum. Am Nachbartisch saß eine Gruppe und spielte Karten. Sie waren ungefähr in seinem Alter und offensichtlich schon ziemlich angetrunken. Zwei der Spieler trugen gerade einen Zwist miteinander aus. Zwei Tische weiter begegneten seine Augen einem stiernackigen Kerl, der ihn mit glasigem Blick fixierte. Harald schaute betont gelangweilt weg. Er kannte diese Typen. Die warteten nur darauf, Streit anzufangen, und danach stand ihm nicht der Sinn. Die jungen Leute, die auf der anderen Seite Kicker spielten, erinnerten ihn an seine ehemalige Clique. Peter, der ihm vor drei Jahren in seiner Heimatstadt über den Weg gelaufen war, hatte ihm erzählt, dass zwei von ihnen schon tot waren. Gerade Jörg, der Vernünftigste von ihnen allen, war an Krebs gestorben und hatte eine Frau und zwei kleine Kinder zurückgelassen. Steffen hatte sich den goldenen Schuss gesetzt. Von ihm wusste er nur, dass er allein bei seinem Vater aufgewachsen war, dessen Erziehungspraxis darin bestanden hatte, dem Jungen jeden Tag vorsorglich eine Tracht Prügel zu verabreichen. Sie alle hatten nicht viel über sich geredet. Sie waren in einem Alter gewesen, in dem man den harten Kerl herauskehrte, und dazu gehörte nicht, sich über Probleme oder Gefühle auszulassen. Nur im angetrunkenen oder bekifften Zustand hatten sie sich ab und zu etwas erzählt.

Er sah wieder zum Billardtisch. Lisa zog die Stirn kraus, bevor sie einen exzellenten Stoß hinlegte. Was trieb sie in diese Kaschemme? Trotz ihres geübten Spiels und der in ihrem Mundwinkel eingeklemmten Zigarette hatte sie etwas Zerbrechliches an sich. Er schätzte sie auf allerhöchstens zwanzig. Es war ein ziemlich ausgeglichenes Spiel, und ihr Gegner gewann nur ganz knapp. Sie kam zur Bar geschlendert und bestellte sich noch einen Ouzo. Auch diesen kippte sie in einem Zug. „Greg, leg doch mal die andere Platte von Queen auf und mach lauter.“

Dieser nickte und kurz darauf erklang We will rock you. Sie lief zur Tanzfläche. Das Lied lockte mehr Leute an, und bald herrschte eine ausgelassene Stimmung. Die Leute klatschten mit den Händen über ihren Köpfen und stampften mit den Füßen den Rhythmus auf dem Boden mit. Lisa schien in ihrem Element zu sein. Immer wieder sah er ihre roten Locken schwingen. Als das langsamere We are the champions erklang, wiegte sie sich in den Hüften. Clärchen hatte nie diese Lust an Bewegung zu guter Musik kennenlernen dürfen. Er stöhnte innerlich. Würde er denn nie vergessen können? Er beschloss zu gehen, zahlte und trat in die kalte Nacht. Tief sog er die frische Luft ein. Welch ein Unterschied zu der verräucherten Atmosphäre, aus der er gerade kam. Unentschlossen stand er vor dem Haus, bevor er sich schließlich nach rechts wandte. Er würde noch einen Spaziergang machen.

*

***

Lisa saß lustlos auf einem der Barhocker in der Grotte. Seit Lydia vor drei Tagen nach Hamburg gefahren war, war sie nicht mehr zu Hause gewesen, denn ihr graute vor der Stille in der leeren Wohnung. Lydia hatte sie mitnehmen wollen, doch sie hatte ihre Gegenwart gescheut. Sie bestellte bei Greg eine Cola.

Der hob die Augenbrauen. „Na, du siehst ja ganz schön fertig aus. Was hast du getrieben?“

Sie seufzte. „Ich war gestern nach meinem Besuch hier noch mit Corey und Freddie im Fliegenden Holländer. Kennst du die Disco? Sie liegt ungefähr dreißig Kilometer westlich außerhalb der Stadt. Es war eine richtig gute Stimmung, bis die beiden nachts um halb drei auf die Idee kamen, sich noch eine Wettfahrt zu liefern.“

„Und bei wem bist du mitgefahren?“

Sie tippte sich an die Stirn: „Natürlich bei keinem! Die waren ganz schön besoffen.“

„Und du wolltest lieber nicht mit deinem Leben spielen. Kann ich verstehen. Mich wundert es sowieso, dass die beiden noch den Führerschein haben.“ Er stellte ihr die Cola hin. „Wie bist du dann nach Hause gekommen?“

„Ich bin getrampt. Zwei Typen mit so ‘nem Sportwagen haben mich mitgenommen.“

„Also doch das Spiel mit dem Feuer?“

Lisa winkte ab: „Ach was, mir passiert schon nichts.“ Ihre Stirn legte sich in Falten. „Obwohl ich sagen muss“, setzte sie hinzu, „dass es mir bei der Fahrt durch die dunkle Landschaft und den Wald schon mal ganz kurz mulmig geworden ist.“

„Ganz kurz? Mensch Lisa!“

Sie zog eine Grimasse: „Ist doch egal! Hab ich schon öfter gemacht.“ Sie trank das Glas aus, bevor sie weiter sprach. „Sie haben mich überredet, noch mit ins Quasimodo zu gehen. Da war es voll, sag ich dir. Aber sie hatten gute Musik aufgelegt, und ich habe viel getanzt. Einer der beiden hat mir ständig Drinks spendiert.“

„Und dann?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Heute Morgen bin ich bei diesem Billy aufgewacht. Er schlief noch, und da habe ich mich aus dem Staub gemacht.“

Greg stieß einen Pfiff aus und schüttelte den Kopf. „Du machst ja Sachen. Von Heidi kenne ich ja solche Geschichten, aber von dir noch nicht.“

Sie fiel ihm ins Wort: „Apropos. Wo ist sie denn?“

„Sie ist mal kurz rüber in ihre Wohnung gegangen, kommt aber gleich wieder.“ Er zeigte zur Eingangstür. „Wenn man vom Teufel spricht …“

Heidi betrat gerade die Kneipe. Sie hatte keine Jacke an und rieb sich über die Oberarme, während sie auf Lisa zusteuerte. „Hallo Lisa.“ Sie gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Was ´n das?“ Lisa starrte Heidi an, die ihre langen dunklen Haare blondiert hatte. „Bist du bescheuert?“ Heidi verteidigte sich. „Ich wollte mal was anderes ausprobieren.“

Lisa sah Greg an, der die Schultern hob, sie wieder fallen ließ und sagte: „Ich finde es auch schade.“

Heidi zog eine Grimasse, nahm sich das Tablett mit den Getränken und war verschwunden.

Lisa schüttelte den Kopf: „Wie kommt sie denn auf diese Schnapsidee?“

„Sie hat jetzt einen türkischen Freund.“

„Ach, daher weht der Wind.“ Lisa seufzte. „Wegen ‘nem Typen würde ich mich bestimmt nicht verändern.“

Greg lachte. „Warte erst einmal ab, bis du dich mal richtig verliebst.“

„Ach papperlapapp.“ Sie sah Heidi nach. „Die schönen Haare!“

Als Heidi wiederkam, fragte Lisa sie: „Sag mal, kann ich heute bei dir pennen?“

Heidi verzog das Gesicht. „Du – sonst gerne, aber nicht heute!“

„Warum nicht heute?“

„Mustafa besucht mich.“

„Ach so. Verstehe!“ Sie war enttäuscht. Heidi war immer lustig und fidel, aber sie hatte sich noch nie auf sie verlassen können.

Neben ihr erklang eine raue Stimme: „Ein Hefeweizen bitte.“

Der dunkle Lockenkopf von neulich hatte sich neben sie gesetzt. Sein markantes Gesicht zeigte Schatten auf Wangen und Kinn. Er sah sie an und nickte kurz zur Begrüßung. Er hatte eng beieinander liegende, bernsteinfarbene Augen, sein Körper wirkte sehr schlank, dabei doch kräftig, so als ob er es gewohnt sei, körperlich zu arbeiten.

Greg stellte ihm das Bier hin. „Arbeitest du bei der Spinnerei?“

Der Dunkle schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin Tierpfleger. Im Moment jobbe ich allerdings mal hier und da.“

„Tierpfleger? Das ist ja mal ein ungewöhnlicher Beruf.“

„Tatsächlich? Für mich nicht.“

Greg grinste. „Sagen wir so: Ich habe noch nie einen getroffen.“

„Ich schon.“ Seine Mundwinkel kräuselten sich verschmitzt nach oben.

Greg lachte und streckte ihm die Hand hin. „Greg.“

„Harald.“

Greg deutete auf das Weizen. „Das geht auf mich.“

„Danke.“ Harald hob sein Glas und prostete ihm zu. Nachdem er getrunken hatte, wies er mit der Hand in den Raum. „Sind immer dieselben Leute hier, oder?“

„Ja, wir sind hier alle eine Art Familie.“ Er zeigte auf Lisa. „Sie gehört auch dazu.“

Harald sah sie an. „Ist mir schon aufgefallen. Du spielst ziemlich gut Billard.“

Greg lachte. „Ja, das ärgert so manchen hier.“

Lisa zog eine Schnute: „Pah! Wäre ich ein Mann, wäre es kein Problem. Greg, lass mal ´n Gespritzten rüber wachsen.“

„Meinst du nicht, du hättest von gestern noch genug?“

„Nein, meine ich nicht. Hör auf, mir Vorschriften zu machen.“

Greg zuckte mit den Schultern. Er bereitete den Drink und stellte ihn vor Lisa auf die Theke. Er fragte Harald.

„Was war dein letzter Job?“

„Ich habe Wanderfalken bewacht.“

„Wieso müssen die bewacht werden?“

„Es gibt professionelle Hehlerringe, die versuchen, die Eier und auch die Jungen zu klauen. Die Eier werden in speziell temperierten Kästen ausgebrütet. Danach werden alle Jungen zur Jagd abgerichtet und für einen Haufen Geld nach Saudi Arabien verkauft.“

„Was sich die Leute alles einfallen lassen, um Kohle zu machen.“

Harald nickte grimmig. „Denen gehört das Handwerk gelegt.“

„Was macht man auf einer solchen Station?“

Harald berichtete, wie er verletzte Vögel gepflegt und sie dann wieder ausgewildert hatte. Tiere, die bei Falknern beschlagnahmt worden waren, die nicht hatten nachweisen können, dass die Tiere aus der Zucht stammten, waren ebenfalls auf der Station aufgenommen und entsprechende Plätze für sie zur Auswilderung gesucht worden. Er erzählte, wie er in den Felsen herumgeklettert war, in denen ehemals ausgewilderte Tiere ihre Brut versorgten, wie er die jungen Tiere aus dem Horst genommen und sie in einem weichen Säckchen vorsichtig an einem Seil heruntergelassen hatte. Anschließend hatte er die Kleinen gewogen und auf Parasiten untersucht „Wir haben das Brut- und Fütterungsverhalten ebenso studiert wie das Fang- und Jagdverhalten.“

Greg nickte. „Interessant. Passt irgendwie zu dir.“

„Wie meinst du das?“

„Deine Augen.“

Harald grinste. „Das musste ich mir schon öfter anhören.“

Lisa fragte: „Wie fühlt sich so ein Vogel an?“

„Ganz weich und flauschig.“

„Haben sie denn keine Angst?“

„Zu Anfang schon. Wenn du sie in der Hand hältst, spürst du, wie sie zittern. Aber wenn man sehr ruhig mit ihnen umgeht, ihnen leise zuredet, geht das schon. Und man beeilt sich natürlich auch, damit sie möglichst schnell wieder in ihren Horst kommen.“

„Hallo.“

Lisa und Harald drehten sich um. Hinter ihnen stand ein schlaksiger, hochgewachsener, junger Kerl mit rot-blonden Haaren, die ihm in alle Richtungen wirr vom Kopf abstanden.

Lisa stieß einen Freudenschrei aus. „Mensch Benny. Du warst ja lange nicht mehr hier.“

„Ich war bei meinen Eltern.“

Lisa verzog das Gesicht. „Und?“

„Unerfreulich wie immer. War wohl mein letzter Besuch.“

Greg rief über die Theke: „Was war so unerfreulich?“

„Das Übliche. Man kann ihnen einfach nichts recht machen.“

Harald nickte. „Das kenne ich.“

Bennys Blick fiel auf Harald. Seine großen, blauen Augen waren von einem dichten Wimpernkranz umgeben, die Gesichtszüge zart, und Nase und Mund wirkten wie gemeißelt.

Lisa stellte sie einander vor. „Harald – Benny.“

Benny nickte Harald zu, während er sich neben Lisa setzte. „Hilfst du noch bei der Buchhandlung aus?“

„Ja. Warum?“

„Brauchen die einen Auszubildenden?“

Lisa schüttelte den Kopf. „Lydia hat vor kurzem einen Lehrling eingestellt. Mehr geht nicht. Ist nur ´n kleiner Laden.“

„Schade!“

„Du gehst also nicht in die Baufirma deines Vaters?“

„Damit ich ständig den Alten im Genick habe? Nee, danke. Außerdem liegt mir das Geschäft überhaupt nicht.“

„Und das deiner Mutter?“

„Machst du Witze? Ich als Designer?“

„Ich dachte, du solltest Model werden!“

„Ich fall gleich vom Stuhl! Wofür hältst du mich?“

Lisa lachte. „Du siehst gut aus, könntest viel Kohle machen.“

„Könnte ich nicht!“

„Wieso nicht?“

„Das ist ein eiskaltes Geschäft, dafür bin ich nicht geeignet. Ne, ne. Ich will etwas mit Büchern zu tun haben. Vielleicht schreibe ich ja mal selber eins.“

Harald mischte sich in das Gespräch. „Also, wenn es dir um Literatur geht, wirst du als Buchhändler auch nicht glücklich.“

„Wieso?“

„Weil du da viel Buchführung hast, Einkauf, Verkauf und so´ n Zeug. Du bist einfacher Verkäufer, nur dass du kein Obst, Klamotten oder ähnliches, sondern Bücher an den Mann bringst.“

„Du kennst dich ja aus.“

„Wollt ich auch mal machen, hab ich aber abgebrochen. War nichts für mich.“

Lisa warf ein. „Wenn ich so sehe, was Susanne in der Berufsschule hat. Echt öde!“

„Na ja, war nur so ´ne Idee.“ Benny sah sich um. „Ich gehe mal die anderen begrüßen.“

Harald wandte sich wieder Lisa zu: „Wer ist Lydia.“

„Meine Ersatzmutter.“

„Was?“

„Meine leibliche Mutter ist tot. Lydia war mit ihr befreundet und hat mich bei sich aufgenommen.

„Was ist mit deinem Vater?“

„Der kann mir gestohlen bleiben. Der konnte nur saufen und prügeln.“ Sie nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas. „Sie waren geschieden. Ich hoffe, ich sehe ihn nie wieder!“

Er zündete sich eine Zigarette an. „Wo ist denn diese Buchhandlung?“

„In der Glazer Straße.“ Lisa kramte nach ihren Zigaretten. Mist, sie hatte sie bei Billy liegenlassen. „Gibst du mir eine Zigarette?“

„Klar.“ Harald reichte ihr den Tabak. „Kannst du drehen?“

„Ja.“ Sie griff danach und holte die Blättchen heraus. Aber sie rauchte meist Filterzigaretten und stellte sich nicht sehr geschickt an. Schließlich nahm Harald ihr die Sachen ab und drehte eine für sie. Er hielt sie ihr hin. „Einmal ablecken bitte.“

Lisa leckte das Blättchen an der Schnittkante ab.

Harald klebte es zusammen, reichte ihr die fertige Zigarette und gab ihr Feuer. „Demnach bist du hier aufgewachsen?“

„Ja. Und du?“

„In Darmstadt.“

„Hast du Geschwister?“

„Nein!“ Er drückte seine nur halb gerauchte Zigarette im Aschenbecher aus und sah auf die Uhr. „Ist schon ziemlich spät.“

„Willst du schon gehen?“

Er sah sich um. „Eigentlich noch nicht. Ich habe morgen frei. Aber die Kneipe leert sich langsam. Scheint bald Feierabend zu sein.“

Greg sagte: „Ich sperr jetzt ab. Wer da ist, trinkt aus, rein kommt keiner mehr.“

„Prima“, freute sich Lisa und sah Harald an. „Wollen wir ´ne Runde Billard spielen?“

„Gute Idee.“

Während sie sich ein Match lieferten, setzten sich die übrig gebliebenen Gäste um den runden Tisch. Einige waren schon angetrunken und in ziemlich aufgekratzter Stimmung. Während Harald und Lisa sich auf das Spiel konzentrierten, erzählten sich die anderen lustige Geschichten. Ihr Gelächter war laut und ausgelassen. Ab und zu kommentierten sie das Billardspiel. Lisa zitterten die Hände. Sie war nicht gut und verlor. Als sie Revanche forderte, lehnte Harald ab. „Das wird heute nichts. Du hast schon zu viel getrunken.“

Lisa zuckte mit den Schultern. „Stimmt! Sag mal, kann ich bei dir pennen?

„Was?“ Harald runzelte die Stirn. „Wieso gehst du nicht nach Hause?“

„Ich habe keine Lust, jetzt noch so weit zu fahren.“ Sein bernsteinfarbener Blick war plötzlich kühl. „Das schien dich doch sonst auch nicht zu stören.“

Sie zog einen Schmollmund. „Heute doch. Außerdem wartet zu Hause sowieso niemand auf mich. Lydia ist nicht da.“

„Das kann ich nicht ändern.“ Sein Ton war schroff.

Lisa wandte sich ab. Sie war schwer getroffen und hoffte, dass niemand etwas merkte. Sie ging zu Heidi und bezahlte ihre Zeche. Greg hatte inzwischen die Tür geöffnet, so daß frische Luft hereinströmte. Als sie an ihm vorbei ins Freie trat, hörte sie seine leise Stimme in ihrem Rücken. „Mach keine Dummheiten, Kleine.“

Sie gab keine Antwort mehr.

*

Als Lisa wenige Tage später die Grotte betrat, stöhnte sie auf. Die schon wieder. Eine Gruppe von Männern mittleren Alters, die einmal im Monat ihren Stammtisch hier hatte, saß in der Nähe der Bar. Einer der Typen gab Heidi gerade einen Klaps auf den Po. Als Lisa an ihrem Tisch vorbei ging, wurde gepfiffen und gerufen: „Uhiii, was ist denn das für ein hübscher Schmetterling!“ Sie ignorierte sie und steuerte auf den Tresen zu. „Hallo Greg. Ein Colaweizen.“

„Okay.“

Missmutig starrte sie vor sich hin. Sie hatte einen furchtbaren Krach mit Lydia hinter sich. Sie war drei Tage nicht zu Hause gewesen und Lydia hatte sich sehr aufgeregt. So wütend hatte sie sie noch nie erlebt. Als Greg ihr das Weizenglas hinstellte, trank sie es gleich zur Hälfte aus.

„Donnerwetter“, sagte Greg. „Welche Laus ist dir denn heute über die Leber gelaufen?“

„Ach, lass mich einfach in Ruhe!“ blaffte sie ihn an. Heidi stellte sich zu ihr. „He, Lisa. Hast du schon gehört? Axels Frau hat ´n Sohn bekommen, einen Florian.“

„Ach ja?“ gab sie lahm zur Antwort.

„He, was is ´n mit dir passiert? Stell dir mal vor, so ein kleiner Wurm.“

„Na und? Du hast ja auch einen so kleinen Wurm und kümmerst dich nicht groß darum.“ Ihre Stimme war ironisch.

Heidi war sauer. „He Alte! Du kannst mich mal!“ Sie zeigte ihr den gestreckten Mittelfinger und ließ sie stehen.

Greg musterte sie neugierig. „Das war jetzt nicht sehr nett!“

„Pfff. Ich finde es auch nicht sehr nett, wie sie mit dem armen Winzling umgeht. Total niedlich der Kleine. Aber was hat er schon von ihr? Nachts arbeitet sie hier, tagsüber pennt sie oder treibt sich herum. Das Kind hat sie quasi einfach dem Vater überlassen. Warum bekommt sie dann überhaupt ein Kind?“

„War ja wohl ´n Unfall.“

„Toll! Ich hasse Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen.“

„Na, na, nun lass sie mal leben. Heidi ist schon in Ordnung.“

Lisa zuckte mürrisch mit den Schultern. Sie hatte sich jetzt so richtig in ihre Wut hineingesteigert. Ihre Laune wurde auch nicht besser, als Greg zu ihr sagte: „Da kommt Harald.“

„Der kann mich mal!“

Greg schüttelte den Kopf. „Du bist ja heute übel drauf.“ Harald ließ sich neben sie auf den Barhocker fallen und begrüßte sie. Sie ignorierte ihn. Während Greg und Harald anfingen, sich zu unterhalten, erhob sie sich und schlenderte zum Kicker. Als sie am Stammtisch vorbeikam, griff eine Hand nach ihr: „He, Kleine! Willst du ´n Drink? Ich gebe dir einen aus.“

„Warum nicht?“ Sie setzte sich, der Typ rückte zur Seite. Ihm fehlten zwei Zähne, und er roch schon stark nach Alkohol. Lisa besah sich die anderen näher, und schon bereute sie ihren Entschluss.

„Heda Heidi. Bring doch mal ´n Ouzo für diese Schönheit hier!“ schrie ihr Nachbar und brüllte ihr dabei ins Ohr.

Sie schob seine Hand weg, die er auf ihren Oberschenkel gelegt hatte. Die Hand glitt zurück. Lisa fing an zu schwitzen und beschimpfte sich innerlich für ihren Minirock. Die Zahnlücke rückte näher und flüsterte ihr ins Ohr: „Du hast schöne Titten. Da würde ich gerne mal dran spielen.“

Lisa ekelte sich und wollte aufstehen.

„He, wo willst du denn hin? Dein Drink kommt gerade.“

Lisa schaute Heidi flehend an, doch diese war noch böse und würdigte sie keines Blickes. Lisa ergab sich und trank den Schnaps, der ihr mit einem Male überhaupt nicht mehr schmeckte.

Die Hand rutschte höher.

„Lass das!“ fauchte sie. Allgemeines Gelächter. Er griff nach ihrer Brust. Ohne weiter nachzudenken, kippte sie ihm sein Bier in den Schoß.

Mit einem Mal war er auf den Beinen. „Du verfluchtes Miststück!“

Sie wollte ebenfalls aufspringen, doch er war schneller. Mit eisernem Griff hielt er sie am Nacken und drückte sie mit seinem Gewicht auf die Bank. Zitternd erwartete sie den Schlag.

„Lass sie sofort los!“ Die Stimme Haralds klang schneidend. Doch ihr Peiniger war schneller als gedacht. Blitzschnell hatte er sich umgedreht und hätte Harald nicht so eine gute Reaktionsfähigkeit gehabt, wäre die Faust in seinem Magen gelandet. Lauernd standen sie sich gegenüber. Im Raum war es ganz still geworden. Harald wich keinen Zentimeter zurück. Er wandte den Blick nicht von seinem Gegner und wirkte bedrohlich. Er sah wirklich aus wie ein Raubvogel. Die Augen zu Schlitzen zusammengezogen hielt er dem stierenden Blick des Gegners stand. Der Andere hielt es schließlich nicht mehr aus, verzog dann das Gesicht und sagte abfällig: „Wegen der mach ich mir doch nicht die Finger schmutzig.“ Dann drehte er ihnen den Rücken zu und setzte sich wieder.

Harald nahm sie am Arm und führte sie zum Tresen. „Was ist bloß los mit dir?

„Nichts.“ Sie fühlte sich mies. Die vielen durchgemachten Nächte und der Streit mit Lydia machten ihr doch mehr zu schaffen, als sie sich selbst eingestehen wollte. Und nun noch diese Typen.

Als es hinter ihr polterte, drehte sie sich um. Gerade erst hatte sich die Situation beruhigt, doch die übliche latent gewalttätige Stimmung der Kneipe brach sich erneut Bahn. Die Feindseligkeiten zwischen Türken und Griechen führten immer wieder zu Schlägereien. Diesmal hatten sich Ali und Alexandros in der Wolle. Ein Tisch fiel um, und der Inhalt sämtlicher Biergläser und Flaschen ergoss sich über das Menschenknäuel. Die Aggression, die in der Luft schwebte, war fast körperlich zu fühlen. Plötzlich schrie Heidi laut auf. Einer der Türken hatte ein Messer in der Hand und nun tauchten mehrere blitzende Stahlklingen auf. Harald stand auf, legte Geld auf den Tresen, verabschiedete sich von Greg und zog die widerstrebende Lisa zum Ausgang.

„Was ist das hier bloß für ein Hexenkessel?“

Sie wehrte sich. „Wir können doch jetzt nicht gehen.“

„Natürlich können wir. Willst du da mit hineingezogen werden?“

„Wir müssen Ali doch helfen.“

„Willst du ihm das Messer führen?“

Als sie draußen waren, starrten sie sich an.

„Du kannst ja wieder reingehen. Ich verschwinde jedenfalls.“ Harald wandte sich zum Gehen.

„Halt. Warte!“

Er drehte sich um.

Sie sah ihn bittend an. „Kann ich heute bei dir schlafen?“

„Na gut. Komm, es ist nur ein paar Schritte über die Straße.“

Als sie das Miethaus betrat, sah sie sich neugierig um. Bei Lydia war es reinlich und hell, hier hingegen war alles so verkommen. Haralds Wohnung aber war sauber und ordentlich, wenn auch sehr spartanisch eingerichtet. „Du wohnst wohl noch nicht so lange hier?“

„Wieso?“ Er folgte ihrem Blick. „Ach so, das stimmt. Aber mehr Besitztümer hatte ich noch nie. Übrigens solltest du jetzt mal diese Lydia anrufen.“

„Nein! Das kann ich nicht.“

„Wieso nicht?“

„Wir hatten heute einen heftigen Streit, und ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Kannst du nicht anrufen?“

„Das musst du schon selber machen.“

„Nein!“ Lisa war störrisch. „Ich kann einfach nicht.“ Harald ging zum Telefon, das im sich im Wohnzimmer befand. Kurz angebunden sagte er: „Gib mir die Nummer und ihren vollen Namen.“

„Lydia Kaufmann. Fünf, drei, vier, fünf, fünf, sechs, zwei.“

Schon nach dem ersten Klingeln hob jemand ab. „Spreche ich mit Frau Lydia Kaufmann?“

.....

„Entschuldigen Sie den späten Anruf. Mein Name ist Harald Wiebke. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Lisa bei mir ist.“

.....

„Nein, es geht ihr wirklich gut. Machen Sie sich keine Sorgen.“

.....

„Ich bin ein Freund von Lisa.“

.....

„Nein, Sie müssen Sie nicht abholen. Sie schläft hier, und ich bringe sie morgen zu Ihnen. Ist das in Ordnung für Sie?“

.....

„Ich denke gegen Mittag.“

.....

„Bitte?“

.....

„Ja, ist in Ordnung.“

.....

„Ja. Bis morgen.

.....

„Keine Ursache.“ Harald legte auf. „Die arme Frau war ganz aufgelöst. Du solltest wirklich auch mal an andere denken.“

Lisa zog eine Grimasse. „Ja, ja, ich weiß. Was hat sie gesagt?“

„Nicht viel. Sie war ziemlich verstört. Es hatte ja kaum geläutet, da war sie schon dran. Sie hat mit einem Anruf von der Polizei oder einem Krankenhaus gerechnet. Ich wollte sie nicht durch die halbe Stadt jagen, und so habe ich ihr angeboten, dich morgen zu bringen. Das hast du ja gehört. Sie erwartet dich zu Hause. Sie hat irgendetwas von einer Vertretung erzählt. Kraus oder so ähnlich.“

Lisa nickte. „Ihre Angestellte.“

Er gähnte. „Ich bin verdammt müde. Lass uns jetzt schlafen.“ Er ging ins Schlafzimmer und begann, sich auszuziehen. Sie musterte ihn. Er war gut gebaut. Es schien ihn überhaupt nicht zu stören, dass sie ihm zusah. Den Slip behielt er an. Dann schlüpfte er unter die Decke. Lisa war verärgert. Er schien nicht an ihr interessiert. Na, dem würde sie schon abhelfen. Betont verführerisch schälte sie sich aus ihrer Kleidung. Er beobachtete sie ungerührt. Als sie schließlich splitternackt vor ihm stand, drehte er sich zur anderen Seite und sagte nur: „Mach das Licht aus.“

Lisa schoss das Blut ins Gesicht. „Mir ist kalt.“

„Wenn du da im Freien stehst, kein Wunder.“

Lisa legte sich dicht neben ihn.

Er rückte weg. „Lass deine Verführungsversuche. Es hat keinen Zweck. Okay? Schlaf jetzt.“

„Harald?“

„Hm?“

„Findest du mich hässlich?“

„Quatsch!“

„Warum bist du dann so abweisend?“

„Abweisend? Na hör mal. Ich nehme nicht jeden mit nach Hause und lass ihn dann auch noch hier übernachten.“

„Ja, schon. Aber…“

„Was aber?“

„Warum schläfst du nicht mit mir? Du findest mich doch hässlich.“

„Du bist mir zu jung.“

„Du findest mich also nicht hübsch?“

Harald schaltete das Licht an und wandte sich ihr zu. „Ideen hast du.“ Er betrachtete sie ruhig. Dann griff er ihr ins Haar. „Diese roten Locken sind was ganz Besonderes. Du hast auch schöne Augen, groß, dunkel, ausdrucksstark. Sie bilden einen lebhaften Gegensatz zu dem leuchtenden Haar. Eigentlich bist du ziemlich hübsch.“

Lisa lag ganz still. Als er nicht weiter sprach, sagte sie heftig: „Ich hasse meine Sommersprossen!“

„Sie sind reizvoll, sie passen zu dir.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich.“ Er löschte das Licht. „Versuch jetzt, zu schlafen. Okay?“

„Harald?“

„Was denn noch?“

„Wieso bin ich dir zu jung?“

Harald stöhnte: „Du gibst wohl niemals Ruhe!“ Das Licht ging wieder an. „Sag mal. Kann es sein, dass du ein bisschen überdreht bist?“

Lisa schmollte. „Wieso?“

Harald schüttelte den Kopf und sah sie ernst an. „Du hast den Körper einer Frau und die Augen eines Kindes.“

„Du arroganter Sack! Außerdem …“, ihre Stimme überschlug sich, sie schnippte mit den Fingern, „hatte ich schon soo viele Männer, die haben nicht so gedacht wie du!“

Harald zuckte mit den Schultern. „Na und? Nur weil du mit vielen Männern schläfst, bist du noch lange nicht erwachsen. Und welcher Mann würde schon so ein Angebot ausschlagen, das ihm so leicht in den Schoß fällt?“

Lisa weinte jetzt fast. „Du bist gemein!“ Sie wollte aus dem Bett.

Doch er hielt sie fest. „Wohin willst du jetzt mitten in der Nacht?“

Lisa schluchzte: „Was geht es dich an, wohin die Hure nachts geht?“

„Ich habe nicht gesagt, dass du eine Hure bist.“

„Aber gedacht.“

„Auch gedacht habe ich das nicht.“ Seine Stimme bekam einen scharfen Klang. Als er ihr erschrockenes Gesicht sah, wurde seine Stimme wieder ruhiger. „Machst du das öfter?“

„Was?“

„Fremde Männer ansprechen und mit ihnen schlafen?“

„Was geht dich das an? Spielst du hier den Moralapostel? Außerdem kenne ich dich doch.“

„Na ja, kennen! Ich frage mich, was ein Mädchen wie du in solch einer Spelunke zu suchen hat. Du hast doch anscheinend jetzt ein geborgenes Heim gefunden. Oder verstehst du dich nicht mit Lydia?“

„Na ja, eigentlich schon, aber...“

„Aber?“

„Ach, ich weiß auch nicht. Sie ist irgendwie zu...“

„Ja?“

„Sie ist sehr warm und lieb.“

„Das ist doch prima.“

„Ich bin das nicht gewöhnt.“

Harald schüttelte den Kopf. „Du hast Nerven! Ich wäre froh gewesen, wenn ich so eine Chance gehabt hätte.“

„Wie meinst du das?“

„Ach, egal. Lass uns jetzt schlafen. Ich bin heute schon um halb drei aufgestanden und bin hundemüde.“

Lisa schlang die Arme um ihn und küsste ihn auf die Wange. „Danke.“

„Schon gut. Schlaf jetzt.“

*

Lydia und Lisa wohnten sehr ruhig. Die Häuser hatten höchstens vier Etagen und die Straßen waren von schönen alten Bäumen gesäumt. Als das Taxi vor dem Wohnhaus hielt, zitterte Lisa und sah Harald nur mit ihren Rehaugen an. Seit dem Aufstehen war sie sehr still und in sich gekehrt. Er half ihr beim Aussteigen. Ihre Hände waren heiß und feucht, ihr Blick fiebrig. Es gab keinen Fahrstuhl, sie mussten laufen. Sie waren gerade im zweiten Stockwerk angekommen, da öffnete Lydia schon die Tür. Harald war überrascht, wie attraktiv sie war, obwohl sie bleich und übernächtigt aussah. Von einer Ersatzmutter hatte er eine andere Vorstellung gehabt.

Lydia zog Lisa in ihre Arme. „Du bist ja ganz heiß.“

Sie gab Harald die Hand und bat ihn herein. Im Flur blieb sie einen Moment unschlüssig stehen. Dann wies sie ihm den Weg ins Wohnzimmer und sagte: „Entschuldigen Sie. Ich will nur erst Lisa ins Bett bringen. Haben Sie etwas Zeit?“

Harald nickte. Im Wohnzimmer ließ er sich in einen Sessel fallen und sah sich um. Helle, zierliche Kiefernmöbel waren großzügig angeordnet. Auf dem Parkettboden lagen nur vereinzelt kleine Läufer unter dem Wohnzimmertisch und unter einer hohen Bodenvase. Eine Zimmerseite wurde nur von Büchern eingenommen. Zwei Drucke von Monet zierten die gegenüberliegende Wand. Was er sah, gefiel ihm. Die Couch sah einladend aus. Am liebsten hätte er sich gleich hingelegt und geschlafen. Die Nacht war doch anstrengend gewesen. Er war froh, heute frei zu haben, und noch viel mehr, dass er sich ausgiebig rasiert hatte. Er erhob sich wieder, um sich ihre Bücher anzusehen, als Lydia herein kam und leise die Tür schloss „Sie ist schon eingeschlafen. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee oder etwas anderes?“

Er setzte sich wieder und schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

Lydia nahm Platz. In der Hand hielt sie eine Geldbörse. Einen Moment saßen sie sich still gegenüber. Dann sagte sie: „Ich habe gesehen, dass Sie mit dem Taxi gekommen sind. Ich möchte Ihnen gerne die Auslagen erstatten.“

Harald schüttelte den Kopf. „Das brauchen Sie nicht.“

„Ich möchte es gerne.“ Ihre Stimme klang bestimmt.

„Es waren zwanzig Mark.“

Sie gab ihm das Geld und sagte: „Sie sagten, Sie seien ein Freund Lisas?“

„Na ja, mehr ein Bekannter.“

„Sie kennen sie gar nicht?“

Kühl sagte er: „Ich habe das Mädchen nicht angerührt, falls Sie das vermuten!“

„Entschuldigen Sie. Ich bin angespannt. Ich habe mir solche Sorgen gemacht und die halbe Nacht nach ihr gesucht.“

Er nickte. „Ich verstehe schon. Aber gestern war sie auch noch nicht krank.“

Lydia schüttelte den Kopf. „Lisa ist wahrscheinlich nicht richtig krank. Wenn sie sich heute richtig ausschläft, ist sie morgen wieder auf den Beinen. Sie bekommt schnell Fieber, wenn sie in Erregung gerät oder unausgeschlafen ist. Sie ist da sehr anfällig. Woher kennen Sie sie?“

„Aus einer Kneipe. Sie heißt Grotte und liegt in der Gergenheimer Straße. Ich wohne schräg gegenüber, bin erst kürzlich dorthin gezogen.“

„Ist das eine Studentenkneipe?“

Zögernd sagte er: „Wenn ich eine Schwester hätte, würde ich nicht wollen, dass sie dorthin geht.“

Lydia sank etwas in sich zusammen. Sie tat ihm leid. Er beobachtete sie. Die Sonne zauberte Flecken an die Wand und erhellte auch Lydias Antlitz. Das blonde, dichte Haar fiel in weichen Wellen auf die Schultern und umrahmte ein ebenmäßiges Gesicht mit einer zarten Nase und einem sinnlich geschwungenen Mund. Der Seitenscheitel gab eine hohe Stirn mit schönem Haaransatz frei. Über ihren großen grünen Augen wölbten sich ausdrucksvolle Augenbrauen. Sie war wirklich eine schöne Frau. Die feinen Linien um Augen und Mund störten nicht, die Reife gab ihr eher einen ganz eigenen Reiz. Er wurde sich bewusst, dass er sie anstarrte, doch sie erwiderte ruhig seinen Blick.

„Die Verantwortung für so ein junges Mädchen ist sicher nicht leicht. Sie hat mir vom Tod ihrer Mutter erzählt, und dass sie ihren Vater nicht mehr sieht.“

Lydia nickte. „Ja, sie hatte bis jetzt nicht viel Glück in ihrem Leben. Der Vater war oder ist wahrscheinlich immer noch ein Alkoholiker. Mara, ihre Mutter, hat sich erst von ihm getrennt, als Lisa schon fünfzehn war. Und Mara ist, das vermutet die Polizei, absichtlich gegen den Baum gefahren. Die Polizei hat das Lisa, da sie schon volljährig war, nicht verschwiegen. Ich konnte es leider nicht verhindern.“

„Puh.“ Er nickte. „Jetzt verstehe ich einiges mehr.“

„Hat sie Ihnen Schwierigkeiten gemacht?“

„Nein, nein. Sie erschien mir nur so durcheinander.“ Lydia schüttelte den Kopf. „Ehrlich gesagt, weiß ich mir manchmal nicht zu helfen. Warum geht sie in so eine Kneipe?“ Sie seufzte.

Harald wusste keine Antwort.

Sie war wieder in Gedanken versunken, gab sich dann aber einen Ruck und erhob sich. „Nun ja, vielleicht braucht sie auch einfach nur mehr Zeit. Ich wollte Sie nicht mit meinen Sorgen belästigen.“

Er erhob sich ebenfalls. „Das haben Sie nicht.“

Sie trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ihre Haltung drückte eine gewisse Art von Stolz und Würde aus. Er hielt ihre Hand einen Moment fest. „Wenn Lisa erwacht, richten Sie ihr bitte einen Gruß von mir aus.“

Sie zog ihre Hand zurück. „Das werde ich machen und vielen Dank!“

*

***

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