Via Ápia - Geovani Martins - E-Book

Via Ápia E-Book

Geovani Martins

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Beschreibung

Auf der einen Straßenseite leben Douglas, Murilo und Biel in ihrem kleinen Apartment. Auf der anderen erstreckt sich Rio de Janeiros gigantische Rocinha Favela, dort wohnen die Brüder Wesley und Washington. Die Via Ápia markiert eine Grenze, doch gemeinsame Interessen verbinden die fünf jungen Männer: Fußball, Videospiele, Drogen. Schwankend zwischen Arbeitslosigkeit, stupiden Jobs, der strapaziösen Suche nach dem nächsten Joint und tosenden Funkpartys, versuchen die Anfang Zwanzigjährigen gerade, sich irgendwie ins Erwachsenenleben zu kämpfen – als eine Militärpolizeieinheit die Favela besetzt. Doch während nun rund um die Via Ápia die Schüsse hageln, wollen die, die sie ihre Heimat nennen, das pulsierende Leben der Favela nicht aufgeben.

Der Staat kennt nur eine Antwort auf die Probleme Brasiliens – und dieser Roman stemmt sich mit seiner Vielfalt kraftvoller, einzigartiger Stimmen dagegen. Geovani Martins erzählt von Freundschaft und Frustration, von den Träumen und Albträumen junger Männer und von den absurden Auswirkungen des Kampfes gegen die Drogen.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Cover

Titel

Geovani Martins

Via Ápia

Roman

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner

Suhrkamp

Impressum

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Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

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Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Via Ápia bei Companhia das Letras, São Paulo.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2023

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2023.

Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2023© 2022 by Geovani Martins

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg, nach Entwürfen von Alceu Chiesorin Nunes, unter Verwendung eines Fotos von Desert Morocco Adventure/unsplash

eISBN 978-3-518-77748-0

www.suhrkamp.de

Widmung

Ich widme dieses Buch Ecio Salles – dem großen Vasco-Fan, der das Leben so vieler Menschen verändert hat, unter anderem auch meins.

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Erster Teil

Rio, 27. Juli 2011

Rio, 28. Juli 2011

Rio, 3. August 2011

Rio, 8. August 2011

Rio, 17. August 2011

Rio, 19. August 2011

Rio, 26. August 2011

Rio, 31. August 2011

Rio, 6. September 2011

Rio, 10. September 2011

Rio, 12. September 2011

Rio, 15. September 2011

Rio, 27. September 2011

Rio, 7. Oktober 2011

Rio, 12. November 2011

Zweiter Teil

Rio, 13. November 2011

Rio, 18. November 2011

Rio, 3. Dezember 2011

Rio, 17. Dezember 2011

Rio, 30. Dezember 2011

Rio, 8. Januar 2012

Rio, 13. Februar 2012

Rio, 3. März 2012

Rio, 23. März 2012

Rio, 3. April 2012

Rio, 23. April 2012

Rio, 5. Mai 2012

Rio, 27. Mai 2012

Rio, 6. Juni 2012

Rio, 13. Juni 2012

Rio, 16. Juni 2012

Dritter Teil

Rio, 29. Juli 2012

Rio, 9. August 2012

Rio, 25. August 2012

Rio, 8. September 2012

Rio, 24. September 2012

Rio, 9. Oktober 2012

Rio, 16. Oktober 2012

Rio, 19. Oktober 2012

Rio, 20. Oktober 2012

Rio, 26. Oktober 2013

Informationen zum Buch

Via Ápia

Erster Teil

Rio, 27. Juli 2011

Noch eine Stunde bis zum Happy Birthday. Washington lief durch den Saal und sah auf die Uhr. Es war immer dasselbe. Wenn er frei hatte, rannte die Zeit, ein Monat kam einem vor wie fünf Minuten. Aber bei der beschissenen Arbeit wollte sie einfach nicht vergehen. Vor allem wenn dann noch der Fresskick einsetzte. Mit finsterer Miene trug er die Vollkorn-Snacks von Tisch zu Tisch. Noch nie waren ihm die Ricotta-Teilchen so attraktiv vorgekommen.

Den Kindern ging es offenbar anders. Nachdem sie in der ersten Stunde gefressen hatten wie die Schweine, verzogen sie jetzt schon das Gesicht, bevor sie überhaupt wussten, was es war. Zu allem Übel fing das Geburtstagskind auch noch an zu heulen und hörte nicht mehr auf. Ein nerviges Geplärre, das durch den ganzen Raum schallte, während Gäste, Eltern und Personal so taten, als wäre nichts. Das Kindermädchen gab ihr Bestes, tanzte mit den Deko-Tieren, schnitt Grimassen und alberte herum, aber der Kleine wollte einfach keine Ruhe geben. Das Geflenne vermischte sich mit den Liedern einer Zeichentrickserie, den Gesprächen, dem Lärm der Spielgeräte und sämtlichen anderen Partygeräuschen. Halb ausgehungert hielt Washington inmitten dieses Durcheinanders inne, atmete tief durch und dachte an das Ende des Tages.

Das mit dem Heißhunger war echt verrückt. Einerseits schmeckte plötzlich alles herrlich, andererseits zog sich einem der Magen zusammen, man konnte nicht mehr richtig sehen, der Blutdruck sank, es raubte einem jede Energie. Leider lief es auch immer gleich ab: Wenn er high war, vergingen die ersten beiden Stunden wie im Flug, manchmal machte es sogar richtig Spaß mit den Kids, aber sobald die Wirkung nachließ, kam dieser unerträgliche Hunger.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Washington lieber Getränke serviert. Klar, die Tabletts waren viel schwerer, aber egal. Hinter der Bar war es immer ziemlich locker, die Chefinnen tauchten so gut wie nie auf, so verging die Zeit total schnell. Außerdem zog ihm nicht vier Stunden lang der Essensgeruch von den Tabletts in die Nase.

Selbst nach drei Jahren bei dem Laden hatte Washington sich noch nicht an die Leute gewöhnt. Er hielt sie nur aus, weil er das Geld brauchte. Eigentlich sollte es nur für kurze Zeit sein, bis er alt genug war, um nicht mehr zum Militär zu müssen. Das war jetzt drei Jahre her. Wann sah er sich endlich nach einem vernünftigen Job um, mit anständigem Arbeitsvertrag und RioCard?

Washington drehte noch eine Runde und ging dann zurück in die Küche. Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand und stand plötzlich vor seiner Chefin. Mit vollem Tablett.

»Bietest du auch immer allen was an?«, fragte sie, bevor sie sich selbst eins von den Ricotta-Dingern in den Mund steckte.

»Klar, Ângela. Aber die sind alle satt, Mann. Du hast ja gesehen, wie sie am Anfang zugeschlagen haben. Wir sollten ihnen mal eine Pause gönnen«, erwiderte Washington, nachdem er das Essen in einen Behälter zu den anderen Resten gekippt hatte.

Ângela verzog das Gesicht, offenbar gefiel ihr seine Antwort nicht. Bevor sie den Mund aufmachen konnte, musste sie aber erst mal ihr Ricotta-Bällchen runterschlucken.

»Das tue ich, Washington, glaub mir. Aber dann beschweren sich womöglich die Kunden. Und was glaubst du, wer am Ende den Ärger kriegt, hm?«

»Ich meine ja nur, dass …«

»Was du meinst, interessiert mich nicht, Washington. Du sollst deine Arbeit machen. Denkst du, ich hab nicht beobachtet, wie du hier durch die Gegend schleichst? Schlecht gelaunte Kellner will niemand sehen, mein Lieber. Wenn du gestresst bist, bleib zu Hause. Ich hab keine Lust mehr, mich mit so etwas rumzuschlagen. Wenn du hier arbeiten willst, sei gut gelaunt und lächele. Wir organisieren hier Geburtstagspartys. Ich glaube kaum, dass du irgendwelche Spaßbremsen auf der Geburtstagsfeier deiner Kinder sehen willst …«

»Weißt du, was sie haben wollen? Hamburger. Haben schon mehrere nach gefragt. Die würden gut ankommen.«

»Dann geben wir ihnen eben Hamburger. Ich versteh sowieso nicht, warum wir hier keine machen.«

»Okay, dann warte ich, bis sie fertig sind.«

»Nichts da«, schaltete Francisca, die Köchin, sich ein. »Nimm das Tablett hier mit, bevor die Sachen kalt werden, dein Kollege ist damit los und bis jetzt noch nicht zurück.«

Im Gegensatz zu seinem Bruder amüsierte Wesley sich gut auf der Party. Nachdem er eine kleine Pause eingelegt hatte, saß er jetzt wieder bei der Spielecke, in Begleitung der ziemlich hübschen Talia, die zum ersten Mal dabei war. Wesley wurde übermütig. Da es sich um einen ersten Geburtstag handelte und mehr Erwachsene als Kinder da waren, blieb genug Zeit, sich zu unterhalten. Um sie nicht zu vergraulen, durfte er nicht zu aufdringlich sein, aber wenn er überhaupt eine Chance haben wollte, musste er zum Angriff übergehen. In der Firma gab es jede Menge schmierige Typen, einer lüsterner als der andere; wenn da mal eine Neue auftauchte, fielen sie direkt über sie her.

»Hast du schon mal bei jemand Berühmtem auf einer Party gearbeitet?«, wollte Talia wissen, nachdem das Thema ihrer beider Lieblings-Partylocations sich erschöpft hatte.

»Klar, schon oft. Hier kommen viele Fernsehstars oder auch Fußballer her … Einmal hatten wir eine Party für die Kinder von Luciano Huck und Angélica. Das war echt crazy, wie in einer Telenovela, so viele Promis. Die Chefinnen sind total durchgedreht, alles musste perfekt sein und so, am Ende war es eigentlich total entspannt.«

»Und habt ihr Fotos mit denen gemacht?«

»Nee, ist verboten. Wenn das jemand sieht, kriegst du tierisch Ärger. Du musst so tun, als hättest du die Leute noch nie gesehen, als wäre es das Normalste auf der Welt, dass die hier einfach so rumlaufen.«

Talia lachte. Also gestand Wesley ihr:

»Nur einmal hab ich nach einem Foto gefragt. Das war bei der Tochter von einem Spieler von Flamengo, Luiz Antônio oder Júnior César, ich weiß nicht mehr genau. Nur, dass Léo Moura da war. Da konnte ich nicht anders, der Typ ist ein Idol, ich musste ihn fragen. Aber erst draußen, nach der Feier.«

Talia wirkte nicht sonderlich beeindruckt. Sie tat, als hätte sie gar nicht zugehört. Vielleicht interessierte sie sich nicht für Fußball oder, noch schlimmer, war Vasco-Fan. Wesley wollte gerade das Thema wechseln, als sie fragte:

»Weißt du, wie teuer so ein Fest hier ist?«

»Ich hab gehört, mit weniger als acht Riesen kommst du gar nicht erst durch die Tür.«

»Dein Ernst? Achttausend Reais für vier Stunden Party?«

»Aber nur, wenn du nicht auf die Idee kommst, einen Zauberer oder Clown oder so was zu engagieren. Einmal hat ein Paar eine Theatertruppe gebucht, die Die kleine Meerjungfrau aufführen sollten, ich schwör dir, das Ganze hat nicht mal eine Stunde gedauert. Angeblich haben die für die Saalmiete und die Aufführung um die dreißigtausend gezahlt. Ist doch unglaublich, oder?«

Washington kam mit den Hamburgern aus der Küche. Inzwischen war sein Hunger in Hass umgeschlagen. Als er an der Spielecke vorbeikam, erklärte er seinem Bruder, er wolle das komplette Tablett beiseiteschaffen. Magal hatte sich auf der Toilette verbarrikadiert, Washington musste nur an den Gästen vorbei in den Flur, als würde er zurück in die Küche wollen, und dann das Essen bei seinem Kumpel lassen. Wesleys Aufgabe war es, die Chefin im Auge zu behalten und, falls sie im Saal auftauchte, in ein Gespräch zu verwickeln.

Der Plan ging auf. Magal verschlang seinen Anteil noch auf der Toilette. Als Nächstes schickte Washington seinen Bruder hinterher, er selbst drehte lieber noch eine Runde, zumal er wusste, dass Ângela ihn im Visier hatte.

Kaum war Washington weg, wollte Talia wissen, was los war. Wesley fragte, ob sie Hunger habe. Sie sagte, sie habe seit dem Mittag nichts gegessen, und da sie keine Wurst mochte, hatte sie die Sandwiches für die Angestellten nicht angerührt. Als er ihr von den Hamburgern erzählte, bekam Talia leuchtende Augen. Bevor er ging, versprach er, ihr ein paar aufzubewahren.

Washington konnte es kaum fassen, als er die Toilette betrat und ihm der Geruch in die Nase stieg. Das war der Duft des Sieges. Er fing mit den Cheeseburgern an, die mochte er am liebsten, allerdings nur, solange sie heiß waren. Kalt schmeckten die Sachen hier im Grunde alle nicht. Auch deswegen wartete Washington nie mit den anderen Angestellten auf die Reste. Er kriegte das Zeug nicht runter. Außerdem fand er das Gerangel um die paar Teigtaschen noch peinlicher, als sich zum Essen auf der Toilette zu verstecken.

Die vier Cheeseburger hatte er in Rekordzeit verputzt. Danach waren noch vier mit Salat und Tomaten übrig. Zwei für ihn, die anderen beiden für die Neue von seinem Bruder. Kaum hatte er sich den ersten reingestopft, klopfte es an der Tür.

»Besetzt«, antwortete er mit vollem Mund.

»Was machst du da?« Es war Ângela.

Washington spuckte die Reste vom Hamburger in die Kloschüssel.

»Ich muss pinkeln. Darf ich das nicht?« Er nahm die drei übrigen, wickelte sie in eine Schürze und ließ sie dort liegen. Dann spülte er und kam aus der Kabine. Seine Vorgesetzte erwartete ihn an der Tür.

»Ich weiß, Ângela, gleich wird gesungen. Ich bin schon unterwegs und kümmere mich um den Nachtisch.«

Als Washington in die Küche kam, zitterte er noch. Er blieb neben Magal stehen und stellte die Schälchen auf die Tabletts. Allmählich beruhigte er sich. Dieser Teil der Arbeit war immer entspannend. Den Nachtisch fertigzumachen, war fast so, wie sich zum Nachhausegehen fertigzumachen. Es war wie verhext, dieselben fünfundvierzig Minuten, die ihm vorhin noch wie eine Ewigkeit vorkamen, vergingen nach dem Singen wie im Flug.

»Was hat das zu bedeuten?« Ângela stand mit den Hamburgern in der Hand in der Küche.

Ohne auf eine Antwort zu warten, fing sie an, ihn vor allen anderen zusammenzufalten. Am meisten regte ihn daran immer auf, dass es zu nichts führte, genau wie die anderen Male, als sie ihn heimlich beim Essen erwischt hatte. Washington arbeitete jetzt schon seit ein paar Jahren dort, und auch wenn er vielleicht nicht der perfekte Mitarbeiter war, kannte er sich gut aus, stand immer zur Verfügung und hatte seinen Chefinnen schon mehrmals aus der Patsche geholfen. Es machte keinen Sinn, jemand wie ihn wegen einem halben Dutzend Hamburger zu feuern. Das wussten sie alle ganz genau, und genau deswegen hackten sie auch so genüsslich auf ihm herum.

»Feuerst du mich jetzt, oder ist das wieder alles nur Gerede?«

Ângela sah ihn entsetzt an.

»Bis vor kurzem warst du noch genauso Kellnerin wie wir. Du hast dir schon tausendmal heimlich Essen genommen, und jetzt kommst du mir so? Du kannst mich mal! Alles falsche Schlangen in diesem Scheißladen, echt jetzt, ich hab die Schnauze voll.«

Die Worte, die er so lange zurückgehalten hatte, sprudelten aus ihm heraus. Das Küchenpersonal verfolgte die Szene gebannt. Niemand dachte mehr daran, dass draußen eine Familie darauf wartete, ihrem Kind Happy Birthday vorzusingen.

»Aber, Washington, ich wollte doch nur sagen …«

»Ich hab keine Lust mehr auf das Gelaber, Ângela. Ohne Scheiß. Ich will nur noch mein Geld, dann bin ich weg.« Er kochte vor Wut.

Washington sah sich in der Küche um, wo er in den letzten Jahren fast jedes Wochenende verbracht hatte. Alles kam ihm fremd vor, noch fremder als an seinem ersten Arbeitstag. Eine große Erleichterung überkam ihn. Es war vorbei. Nie wieder würde er die blöden Spielsachen sehen müssen, diese beschissenen Lieder hören und Leute bedienen, die ohne professionelle Hilfe nicht mal für ihre eigenen Kinder Happy Birthday singen konnten.

»Wenn du dein Geld willst, musst du schon warten, bis die Party zu Ende ist. Ich hab noch anderes zu tun«, antwortete Ângela, bevor sie die Küchentür hinter sich zuschlug.

***

Als es endlich so weit war, vermisste Wesley seinen Bruder nicht mal. Er war zu sehr mit den anderen Jungs beschäftigt. Sie sangen, dachten sich Choreografien und irgendwelchen Scheiß aus, alles, um Talia zu beeindrucken. Dummerweise gefiel ihr das auch noch, jedenfalls lächelte sie die ganze Zeit über ihr Gekasper. Diese hinterhältigen Mistkerle.

Erst als die Torte verteilt wurde, fiel ihm Washington ein. Normalerweise wäre er jetzt vorbeigekommen, hätte irgendwas gesagt, sich die Desserts geschnappt, das übliche Herumgewusele gegen Ende des Festes.

»Hast du eigentlich was von den Hamburgern gegessen, Talia?«

»Oh, Mist, hab ich voll vergessen bei dem ganzen Geburtstagstrubel.«

Im selben Augenblick kam ein Kellner und klärte die beiden auf. So war das bei diesen Festen, da verbreiteten sich Neuigkeiten wie ein Virus. Der Streit zwischen Ângela und Washington ging jetzt schon in die Annalen ein.

Das Fest war vorbei. Wie immer versammelten sich die Angestellten an der Küchentür. Washington saß auf einer Gasflasche und rauchte eine Zigarette. Wesley ging zu ihm. Sein Bruder wirkte ruhiger, als er gedacht hätte. Nach dem ersten Kellner hatten ihm noch andere ihre Version der Geschichte erzählt, und mit jedem Mal klang es schlimmer.

»Was geht, Mann. Lass uns los.«

»Ich warte noch auf mein Geld. Ângela ist echt das Letzte, die will mich wohl verarschen. Sie denkt, wenn sie mich lange genug hinhält, hau ich schon irgendwann ab. Aber da irrt sie sich, Alter. Ohne mein Geld geh ich nirgendwohin.«

»Komm schon, Mann, hol's dir später. Es ist neun. Das Flamengo-Spiel fängt gleich an.«

»Shit, Alter. Hab ich ganz vergessen. Warte kurz, ich geh sie suchen.«

Wesley überlegte, ohne seinen Bruder aufzubrechen. Er wollte den Anfang vom Spiel nicht verpassen. Es war das Duell zwischen Ronaldinho und Neymar, zwei der größten Fußballer, die er je gesehen hatte. Die Flamengo-Gegner behaupteten gern, Ronaldinhos beste Zeit läge längst hinter ihm und dass er nur nach Rio gekommen sei, um auf Favela-Partys zu gehen und VIP-Orgien zu feiern, den Fußball habe er in Europa gelassen. Aber Wesley glaubte noch an sein Potenzial. Er hatte die Karriere des Zauberers in Barcelona verfolgt und ihn auch noch ein paarmal für Mailand spielen sehen. Natürlich wurde man mit dem Alter nicht besser, aber niemand, der so spielte wie er, verlernte so etwas von einem Tag auf den anderen. Alles eine Frage der Anpassung. Und irgendwie glaubte Wesley, dass Ronaldinho es ihnen bei diesem Spiel noch mal richtig zeigen würde. Auch ohne großartige Aktionen ihres Starspielers blieb die Mannschaft bisher ungeschlagen und kämpfte jetzt um den zweiten Platz. Wenn Ronaldinho sein Soll erfüllte, gehörte der Pokal ihnen.

Ângela ging ihre Checkliste durch und inspizierte in aller Ruhe den leeren Saal, als hätte sie den wichtigsten Job auf der Welt. Washington lief hinter ihr her und redete auf sie ein, dass er jetzt wirklich losmüsse. Das ging so eine ganze Weile. Als sie genug hatte, nahm sie Washington mit nach oben. Sie füllte eine Quittung aus, die er unterschreiben sollte, gab sie ihm aber erst, nachdem sie noch mal betont hatte, wie leid ihr der Streit in der Küche täte. Es sei keine große Sache. Wenn er gestresst sei, brauche er es nur zu sagen, dann würde sie jemand anderen anrufen. Washington hörte nur mit halbem Ohr zu, ihn interessierte bloß der Umschlag mit dem Geld. Während er die Scheine zählte, rollte im Vila-Belmiro-Stadion bereits der Ball.

***

»Scheiße, Mann, du hast zweihundert Mäuse auf Flamengo gesetzt? Alter, du bist ja noch verrückter als ich.«

»Warum, Mann? Ich konnte ja nicht ahnen, dass so was passiert. Ich hatte noch diverse Jobs diesen Monat, da hätte ich gut verdient. Also dachte ich, ich setz mal was auf mein Team.«

»Deswegen wette ich nicht, Alter, ohne Scheiß. Das ist mir zu heiß … Wie viel hast du von ihr gekriegt?«

»Sechzig. Hab diese Woche nur zwei Feiern gehabt.«

Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Bus kam. Als sie saßen, berichtete Washington seinem Bruder endlich, was passiert war. Wesley konnte es kaum erwarten, die Geschichte zu hören, wollte ihn aber auch nicht drängen. Wenn Washington lieber über etwas anderes reden wollte, hätte er so getan, als wüsste er von nichts.

»Und dann bin ich ausgeflippt. Im Nachhinein weiß ich gar nicht mehr richtig, wie es dazu kam. Es ging alles so schnell. Alle haben mich angestarrt, und ich hab einfach weitergeredet, die Worte kamen nur so aus mir herausgesprudelt. Und zack, stand ich da. Andererseits, scheiß drauf. Ich hatte sowieso keinen Bock mehr auf den Job. Besorg ich mir eben was anderes.«

»Richtig so, Mann. Das Leben geht weiter. Ich weiß gar nicht, wie du es so lange ausgehalten hast. Ich bleib auch nur noch bis Ende des Jahres, mach noch ordentlich Schichten, und von der Kohle hol ich mir dann ein Motorrad, irgendeine alte Kiste, egal, und dann fahr ich Motorradtaxi, ich zieh mein eigenes Ding durch, mach meinen Führerschein, hol mir eine Honda oder Yamaha, keine Ahnung. Ich hab keine Lust mehr, mich für andere totzumachen, ohne Scheiß.«

Der Bus fuhr am Wasser entlang. Manchmal bekam Washington Panik, weil er an einen Unfall denken musste, von dem er in den Nachrichten gehört hatte, wo ein Kombi von der Straße abgekommen und direkt ins Meer gestürzt war. Manchmal brüllte er den Fahrer an: Das ist hier kein Viehtransport, Arschloch. Aber nur wenn der Bus voll war und er die anderen Passagiere auf seiner Seite wusste. Einmal hatte ein Junge den Busfahrer beschimpft, als der Bus leer war, was dann leider richtig nach hinten losging. Als sie nach São Conrado kamen, hielt der Fahrer an und nahm sich den Jungen vor. Bis die Polizei kam und die beiden trennte. Diesmal hielt Washington nicht nur den Mund, weil der Bus leer war, sondern auch, weil er so schnell wie möglich nach Rocinha wollte.

»Ich schnall nur nicht, woher Ângela eigentlich wusste, dass ich auf dem Klo war. Seit sie befördert wurde, geht sie nur noch auf die Büro-Toilette. Was hatte sie da zu suchen?«

»Stimmt, Mann. Jemand muss ihr was gesteckt haben.«

»Scheiße, Alter, klar. Deine kleine Freundin hat mich verpfiffen, dieses miese Flittchen. Hab ich doch gleich gesehen, mir kann sie nichts vormachen mit ihrer hübschen Visage.«

»Spinnst du, Mann? Sie kennt dich doch gar nicht, warum soll sie dich verpfeifen? Das bildest du dir ein.«

»Okay, ich sag nichts mehr. Lass dich ruhig von der Kleinen um den Finger wickeln. Du wirst schon sehen. Aber sag nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Wesley wollte nicht glauben, was sein Bruder da erzählte. Talia schien ein nettes Mädchen zu sein, und letzten Endes hatte sie sich ihm geöffnet. Leider war Washingtons Verdacht aber nicht unbegründet. Mit Magal waren sie schon zu lange befreundet, abgesehen davon, dass er selbst etwas von den Hamburgern gegessen hatte. Er kam also nicht in Frage. Klar war es komisch, dass Ângela plötzlich dort auftauchte, aber das bewies nichts. Er musste die Augen aufhalten. Falls sie ein Spitzel war, würden sie es früher oder später rauskriegen.

An der nächsten Haltestelle stand ein älterer Mann auf und ging nach hinten durch. Obwohl so gut wie alle Plätze frei waren, hatte er sich auf den Behindertenplatz gesetzt, einfach, weil er ein Recht darauf hatte. Als er sich zur Tür umdrehte, sahen sie, dass er sich ein kleines Radio ans Ohr hielt und ein mürrisches Gesicht machte. Bestimmt hörte er das Spiel.

Wesley fragte ihn, wie viel es stand. Der Alte hielt den Blick gesenkt und dreht sich wutentbrannt nach ihnen um, als wären sie an allem schuld.

»Neymar hat noch ein Tor für Santos geschossen«, erwiderte er aufgebracht. Als er ihre Mienen sah, fügte er hinzu: »Drei zu null.«

*

Ryan Giggs bekam den am Gegner vorbeigespielten Pass und landete mit dem linken Fuß eine Flanke direkt auf dem Kopf von Chicharito Hernández.

»Leck mich, Alter. Du machst immer dieselben Tore!« Douglas war Barcelona. Und stocksauer.

»Jetzt heul mal nicht gleich. Trink aus den Scheiß, und weiter geht's.«

Das Spiel war fast vorbei. Mit diesem Tor, dem dritten des mexikanischen Stürmers, stand es fünf zu vier für Manchester United, Murilos Mannschaft. Biel saß daneben und baute einen Joint. Die drei waren komplett breit. Nicht, dass es neu gewesen wäre, bei jedem kassierten Tor einen Wodka zu trinken, im Gegenteil, das gehörte bei ihnen dazu. Aber an jenem Abend standen die Schleusen offen. Beim letzten Spiel hatte Murilo Biel acht zu sechs geschlagen, er war also schon ziemlich angetrunken, als er gegen Douglas antrat, seinen größten Rivalen bei Bomba Patch. Mal abgesehen vom ersten Spiel, das nach einem mageren eins zu eins ins Elfmeterschießen ging, was immer am schlimmsten war, weil man dann abwechselnd mit dem Gegner einen nach dem anderen kippen musste.

Nachdem er das fünfte Tor kassiert hatte, beschloss Douglas, es dabei zu belassen. In dem Zustand ins Elfmeterschießen zu gehen, schien ihm keine gute Idee zu sein. Das Problem war, dass Murilo nicht einfach normal gewinnen konnte. Er musste einen immer gleich richtig fertigmachen. Und was Douglas am meisten aufregte: Er gewann jedes Mal mit demselben Spielzug.

In der Nachspielzeit passte Murilo nicht mehr richtig auf, sodass Douglas seine Chance witterte und einen Pass auf Messi landete. Der Argentinier drang diagonal in den Strafraum ein, umspielte zwei Verteidiger und versenkte den Ball im spitzen Winkel im Tor. Der Torwart von United war nicht mal auf dem Bild zu sehen. Fünf zu fünf und das Ende der zweiten Halbzeit.

Der fünfte Kurze haute Murilo fast um, zumal er am wenigsten von ihnen vertrug. Douglas hatte das Gefühl, das ausnutzen zu können. Er wollte ihm in der Verlängerung noch zwei Dinger reindrücken, allein, um ihm einen Dämpfer zu verpassen. Aber da beide Mannschaften am Ende ihrer Kräfte waren und einige Spieler sogar verletzt, blieb es beim alten Spielstand.

Vor einem Elfmeterschießen war die Stimmung immer angespannt. Douglas warf einen Blick auf die halbvolle Flasche Kovak und bereute sein letztes Tor. Auf einmal war er genervt von der ganzen Szene. Es war Mittwochabend, er musste am nächsten Tag arbeiten, und sie saßen hier und ließen sich schon wieder volllaufen. Jetzt war es zu spät. Biel zündete den Joint an. Murilo bereitete gerade den ersten Elfer vor, als Douglas brüllte:

»Scheiße, Alter! Das Spiel!«

Ohne groß nachzudenken, ließ Murilo den Controller fallen und stellte den Fernseher an. Wie bescheuert konnte man sein. Sie hatten die PlayStation nur angestellt, um die Zeit vor dem Spiel Flamengo gegen Santos totzuschlagen.

»Lass weiter Playsi spielen«, rief Murilo, als er sah, dass es drei zu null für Santos stand.

»Was soll das, Bro? Du wolltest das Spiel doch sehen. Jetzt gucken wir es auch!«, antwortete Biel, der Vasco-Fan unter ihnen.

Die drei hatten sich Anfang des Jahres kennengelernt. Zuerst war Murilos Mutter mit ihrem Mann zurück nach Campo Grande gezogen und hatte ihm und seiner Schwester Monique die Wohnung überlassen. Gegen Ende letzten Jahres war dann Douglas ein Stockwerk unter ihnen eingezogen. Anfangs hatten sie nicht viel miteinander zu tun gehabt, sich höchstens gegrüßt wie alle Nachbarn, was geht, was geht, alles klar, alles klar.

Bis Murilo eines Tages super geladen aus der Kaserne kam und unbedingt einen rauchen musste. Er ging direkt zu den Dealern in der Via Ápia, aber es gab nur Haschisch. Also lief er weiter zum Valão, da war es dasselbe. Eigentlich rauchte er ungern mit Tabak, aber offenbar blieb ihm keine Wahl. Gras gab es angeblich nur bei den Jungs weiter oben. Auf dem Nachhauseweg traf er seinen Nachbarn, der sich gerade einen anzündete. Douglas sah, wie Murilo sich umblickte, und rief ihn zu sich, ob er mal ziehen wolle. Obwohl sie noch nie ein Wort gewechselt hatten, waren sie es gewohnt, den jeweils anderen kiffen zu sehen. Von da an rauchten sie gemeinsam, teilten ihr Gras oder legten zusammen. Es dauerte nicht lange, bis Douglas seine PlayStation 2 mitbrachte. Ab da war jeden Tag Party.

Monique war super genervt. Sie wollte für die Aufnahmeprüfung für die Uni lernen und musste in der wenigen Zeit, die ihr dazu blieb, den Lärm der beiden ertragen. Nachdem sie zu einer Freundin gezogen war, kam es, wie es kommen musste, und Douglas übernahm ihr Zimmer. Das machte alles einfacher. Sie teilten sich Aufgaben und Kosten und hatten so beide etwas davon. In der Größe etwas in Rocinha zu finden, war gar nicht so leicht. Zwei Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, Bad. Der Preis war nicht ohne, aber die Bude war es wert. In der Gegend bekam man für das Geld normalerweise gerade mal eine Einzimmerwohnung.

Zu der Zeit beschloss Douglas, tätowieren zu lernen. Schon als Kind hatte er gern gezeichnet und sogar ein bisschen Unterricht genommen, und so richtig war er nie davon weggekommen. Als in der Favela immer mehr Tattoo-Studios aufmachten, sah er darin eine Möglichkeit, Geld mit etwas zu verdienen, das ihm Spaß machte. Auch deswegen war der Umzug für ihn von Vorteil. Hier hatte er mehr Platz, um sich an irgendwelchen Leuten auszuprobieren.

Dann kam Biel. Er verkaufte Trips auf dem Karneval, als sie sich kennenlernten. Der kleine Angeber fing direkt an, Murilo und Douglas vollzulabern, die beiden konnten es kaum fassen. In all den Jahren hatte noch nie ein Typ aus der Südzone versucht, ihnen beim Karneval Drogen anzudrehen. Kaufen ja, da gab es immer irgendwelche Spinner, die was haben wollten, aber verkaufen? Nur untereinander. Murilo gab ihm zu verstehen, dass er kein Interesse habe. Vor LSD hatte er Panik, seit er in der Kaserne von einem Typen gehört hatte, der von seinem Trip nicht mehr runtergekommen war.

Douglas hatte auch noch nie welches genommen, war aber nicht abgeneigt. Guten Stoff gab es bekanntermaßen nur in der Südzone, das Zeug in den Favelas war pures Methamphetamin. Dasselbe galt für E. Wenn man länger suchte, konnte man schon ordentliches Ecstasy auftreiben, aber das richtig gute Zeug gab es woanders. Wenn man gute Drogen wollte, brauchte man Geld. So sah es aus. Murilo konnte sich nicht zurückhalten und erzählte ihnen erst mal die Geschichte von dem Kollegen in der Kaserne. Biel unterbrach ihn.

»Pass auf, Bro, ich les gerade ein Buch über den Typen, der LSD erfunden hat. Albert Hofmann heißt er. Das Buch ist der Hammer. Zum Beispiel als er es selbst das erste Mal probiert hat, zusammen mit seinem Assistenten. Die beiden waren so breit, dass sie nicht mal mehr ihr Auto in Gang bekamen. Der Typ setzt sich in den Wagen und hat keine Ahnung, wie er das Ding starten soll. Alter, die waren so was von high. Also mussten sie mit dem Fahrrad zurück. Und das ist das Beste, ohne Scheiß, Mann, wenn er erzählt, was er alles gesehen hat, Farben wie im Wald, die ganzen unheimlichen Geräusche, Bäume, Tiere und alles. Und das Ganze auf dem Fahrrad, voll auf dem Trip. Deswegen heißt das Zeug auch Bike 100, im Gedenken an diesen Tag.«

Er holte einen Bogen mit Pappen raus. Die Hälfte fehlte zwar schon, aber das Bild war noch gut zu erkennen. Eine Person auf einem Fahrrad, die Augen geschlossen, ein Lächeln im Gesicht, das eine Bein nach hinten gestreckt. Im Hintergrund ein Berg, der Tag und Nacht trennt, der Fahrradfahrer hat jedes Zeitgefühl verloren. In jedem Häuserblock sah man mindestens einen Typen, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck trug. Als Douglas das Bild sah, fing er an, sein Geld zu zählen. Wenn Murilo nicht dabei war, Scheiß drauf, dann schmiss er den Trip eben allein. Das Problem war, dass er fünfundzwanzig Reais kosten sollte und er nur noch fünfzehn hatte. Murilo fand noch einen Zwanziger in der Hosentasche. Als Biel ihn zögern sah, holte er zum letzten Schlag aus.

»In dem Buch steht, das Schräge am Acid ist, dass es einen Teil deines Gehirns blockiert, sodass die Neuronen andere Wege finden müssen, verstehst du? Du musst also quasi alles neu lernen. Deswegen das mit dem Fahrrad, weißt du? Als würde er alles zum ersten Mal machen. Und jetzt stell dir vor, Bro, du würdest den Karneval hier mal ganz neu erleben, als wäre es das erste Mal.«

Murilo sah sich in der Menge um, alle waren auf irgendwas drauf. Er hatte das Gefühl, ruhig ein bisschen Gas geben zu können.

»Ich hab noch zwanzig. Wenn ich dir einen Zehner gebe, reicht der Rest nur noch für den Bus.«

»Wo wohnt ihr denn?«

Die beiden sahen sich kurz an, bevor sie sagten, dass sie aus Rocinha kämen.

»Dann behaltet die zehn für Wasser und geht zu Fuß.«

Nachdem sie ihm das Geld gegeben hatten, holte Biel eine kleine Schere hervor und schnitt die Pappe in zwei Teile. Biel meinte, sie sollten sie auf der Zunge liegen lassen, bis der bittere Geschmack weg war, und dann mit Wasser nachspülen. Dann zündete er einen Joint an, dem Geruch nach Skunk. Er ließ ihn rumgehen und erklärte, gutes Gras würde die Wirkung beschleunigen. Murilo und Douglas sahen sich ungläubig an. Woher kam dieser Typ, der ihnen nicht nur Drogen verkaufte, sondern auch noch Joints baute? Schon bevor das LSD überhaupt anschlug, fühlte sich alles surreal an.

Eine Minute nachdem sie den Fernseher eingeschaltet hatten, schoss Flamengo sein erstes Tor. Luiz Antônio passte nach rechts, Rafael, der Torwart, sprang daneben, und Ronaldinho versenkte den Ball aus dem Fünf-Meter-Raum. Murilo geriet sofort in Feierlaune, aber dafür war es noch zu früh. Ronaldinho schnappte sich den Ball und lief damit zur Spielfeldmitte. Das Spiel sollte weitergehen.

Kaum war der Ball wieder im Spiel, erhöhten die Schwarz-Roten den Druck. Die Jungs sahen gespannt zu. Flamengo ignorierte einfach, dass sie schon drei Tore kassiert hatten und außerdem auswärts spielten. Drei Minuten später verkürzten sie mit einem Kopfball von Thiago Neves zum zwei zu drei. Als läge es am Alkohol. Es war ein wildes Hin und Her, eine einzige Bolzerei, überhaupt nicht wie ein Meisterschaftsspiel. Fünf Minuten später nahm Deivid einen hohen Ball an und verwandelte ihn zum dritten Tor für Flamengo. Douglas und Murilo sprangen vom Sofa auf und feierten den Ausgleich. Murilo brüllte aus dem Fenster:

»Richtig so, Flamengo! Zeigt es den Wichsern!«

Douglas stieg mit ein. Biel konnte sich kaum halten vor Lachen, zumal der Kommentator gerade verkündet hatte, dass das Tor nicht zählte.

Noch war ihnen nicht klar, warum, da sahen sie schon Neymar im Strafraum zu Boden gehen. Elfmeter für Santos. Mit einem Schlag kehrte sich die Freude in bittersten Frust um. Die schlimmste Niederlage kam immer dann, wenn man sich dem Sieg so nahe fühlte. Geknickt sanken sie zurück aufs Sofa. Borges, der bereits zwei Tore für Santos erzielt hatte, spekulierte auf einen Hattrick und holte sich den Ball. Doch dann kam Elano, der vor ein paar Tagen einen Elfer für die Nationalmannschaft verschossen hatte, und bat ihn, ausführen zu dürfen. Als Geste der Wiedergutmachung, wie der Kommentator aufgeregt erklärte.

Die drei starrten auf den Fernseher, während der Santos-Spieler sich bereit machte. Murilo nahm einen Schluck aus der Wodkaflasche. Elano versuchte es mit einem klassischen Panenka und scheiterte. Statt in die Ecke zu springen, blieb Felipe, der Torwart, einfach stehen und hielt ihn ganz locker. Aus Rache jonglierte er erst mal eine Weile mit dem Ball, bevor er ihn zurück ins Spiel gab. Selbst Biel, der Vasco-Fan war, sich aber im Grunde sowieso nicht besonders für Fußball interessierte, starrte nach der Nummer auf den Bildschirm.

Es dauerte nicht lange, und Flamengo erzielte den Ausgleich. Die ganze Favela explodierte vor Geschrei, Schüssen und Feuerwerk. Ihnen wurde klar, dass sie die zweite Halbzeit nicht zu Hause würden sehen können, ohne dass etwas kaputtging. Also packten sie ihr Geld und die Flasche Wodka ein und liefen auf die Straße.

*

Als die Brüder in die Via Ápia kamen, war irgendwas komisch. In der größten Favela Lateinamerikas herrschte natürlich immer Leben, der Lärm kam von überall gleichzeitig, aber an diesem Tag war etwas anders. Erst als sie die volle Bar betraten und einen Blick auf die Leinwand warfen, ergab alles einen Sinn. Die erste Halbzeit endete drei zu drei, die Flamengo-Fans waren voller Hoffnung, der Rest blieb allein schon aus Neugier. Die Favela machte sich zum Feiern bereit.

»Hol mal was zu kiffen, Mann. Wenn man bei so einem Spiel keinen raucht, stirbt man noch am Herzinfarkt.« Washington tat, als hätte er das ganze Spiel gesehen.

Während Wesley Gras besorgen ging, trank Washington erst mal ein Bier. Die Sorgen wegen der Arbeit und auch wegen seiner Wette lösten sich in der allgemeinen Begeisterung auf.

»Noch nicht einen Zug genommen und schon gut drauf, oder was?« Wesley war wieder da und fing an, den Joint zu bauen. »Die Jungs sind alle schwer am Wetten, aber in Hundertern.«

»Santos hat keine Chance. Wenn du so hoch in Führung liegst und der Gegner dann noch ausgleicht, kommst du da nicht mehr raus. Ich sag dir, wenn Flamengo so weitermacht, haben wir das Ding locker in der Tasche. Maranhão verliert Zweihundert an seinen Alten, der ist bestimmt stinksauer jetzt.«

Der Ball rollte wieder. Wesley zündete den Joint an, ohne den Blick von der Leinwand abzuwenden. Er nahm ein paar Züge und reichte ihn, als wäre es eine eingespielte Geste, im selben Augenblick weiter, als Neymar über die linke Seite frei nach vorn preschte und den vierten Treffer für Santos erzielt. Wutentbrannt nahm Washington den ersten Zug. Sofort waren seine Sorgen wieder da.

Die Fans hatten keine ruhige Minute mehr. Mit beiden Stürmern in Topform – Ronaldinho und Neymar lieferten ihre ganz eigene Show – jagte eine Chance die nächste. Ein paar Hardcore-Fans schienen kurz vor dem Herzinfarkt, darunter auch Wesley. Sein Bruder dagegen konnte sich nach dem Tor für Santos kaum noch auf das Spiel konzentrieren.

Er dachte über sein Leben nach, über den Streit bei der Arbeit, die Wette, alles erschien ihm so chaotisch, dass selbst das Topspiel der Saison nicht dagegen ankam. Er überlegte, was er mit seinen zweiundzwanzig Jahren erreicht hatte. Nichts. Wenn er heute starb, würde er niemandem auch nur irgendwas hinterlassen. Seine Mutter musste immer noch Miete zahlen. Er bereute es, zwei Jahre vor dem Abschluss die Schule geschmissen und die Ausbildung, die sein Onkel ihm organisiert hatte, nicht zu Ende gemacht zu haben, nur weil ihm der Weg ins Zentrum zu weit war. Jetzt saß er hier, ohne Arbeit, ohne Ausbildung, und verlor wahrscheinlich gleich noch seine Wette. Er war derart in Gedanken versunken, dass er gar nicht mitbekam, wie Ronaldinho direkt vor dem Strafraum gefoult wurde. Erst als die ganze Bar aufschrie, sah er, was los war.

Alle hielten sie den Atem an, als Ronaldinho Anlauf nahm und mit einem Geniestreich genau das tat, womit niemand gerechnet hatte, weder Santos noch die eigenen Teamkollegen. Statt den Ball über die Mauer zu heben, schoss er ihn flach drunter durch direkt in die linke Ecke. Vier zu vier, ganz Rocinha drehte durch.

Keine zehn Minuten später brachte er sie dann auch noch in Führung und damit ins Finale. Mit dem Schlusspfiff starteten erneut Geschrei, Schüsse und Feuerwerk. Alle lagen sich in den Armen, zumindest die Flamengo-Fans. Menschen, die sich nie gesehen hatten, beglückwünschten sich und gaben sich gegenseitig Drinks aus. Joints wurden freimütig geteilt. Die Schlange vorm Koks ging bis um die Ecke. Dazu gab es Lança-perfume in rauen Mengen. Wäre zufällig ein Gringo vorbeigekommen, hätte er zu Hause erzählen können, er habe in Rio die größte Fangemeinde der Welt feiern sehen. Fehlte nur noch, dass der Mestre die Boxen runterholen ließ, so wie 2009, als Flamengo den Meistertitel holte.

Washington umarmte seinen Bruder. Er konnte es nicht fassen. Dieser Tag, an dem alles in die Brüche zu gehen schien, hatte sich ins Gegenteil verkehrt, brachte Hoffnung und Sieg. Nicht nur hatte seine Mannschaft das beste Spiel der Saison gewonnen, es hatte ihm auch noch eine Stange Geld eingebracht, das er gut gebrauchen konnte, bis er einen neuen Job gefunden hatte. Washington fühlte sich wie im Film, als er die Treppen zur Cachopa hochlief. Zu Hause angekommen, warf er die Klamotten in die Ecke und ließ sich aufs Bett fallen. Letzten Endes war er doch ein Glückspilz.

Rio, 28. Juli 2011

Es klopfte an der Tür, laut und bestimmt. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis Douglas merkte, dass es bei ihnen war. Als er schließlich die Augen öffnete, spürte er ein dumpfes Pochen im Kopf. Die Nacht davor, die ihm weit weg wie ein Traum erschien, forderte ihren Tribut. Es würde einer dieser Tage werden, an denen er sich schwor, nie wieder Alkohol zu trinken.

Bevor er zur Tür ging, kippte er sich in der Küche erst mal eine ganze Flasche Wasser rein. Abgesehen davon, dass er eine trockene Kehle hatte, war es besser, nicht gleich hinzulaufen. Falls es ein Nachbar war, der ihm etwas erzählen oder sich beschweren wollte, würde er schon wiederkommen. Aber das Klopfen hörte nicht auf. Bestimmt hatte Biel mal wieder seinen Schlüssel verloren.

»Ich komm ja schon, verdammt!«, rief er, während er die leere Flasche in den Kühlschrank stellte.

Als er die Tür öffnete, erschrak er. Er hatte so fest mit Biel gerechnet, dass er nicht mal Shorts trug. Vor ihm stand Coroa, der Besitzer des Hauses, in dem sie wohnten, und noch einiger anderer in der Gegend. Ein dicker, wortkarger Mann, der mit mürrischer Miene auf und ab lief, jedes Guten Morgen, Guten Tag und Gute Nacht ignorierte und niemandem verriet, wie er sein Geld ausgab. Douglas wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, ob er wieder reingehen und sich etwas anziehen oder so tun sollte, als machte es ihm nichts aus, in Unterhose dazustehen. Coroa wirkte ebenfalls irritiert. Er musterte seinen Mieter von Kopf bis Fuß und verweilte etwas länger in der Mitte, als hätte er noch nie eine Morgenlatte gesehen.

»Ist Murilo auch da?«

»Guten Morgen, Senhor Coroa. Murilo hat heute Dienst, er ist schon in der Kaserne.«

Douglas betonte die Worte Dienst und Kaserne, als könne er sich damit Respekt verschaffen.

»Wenn er zurück ist, sag ihm, er soll zu mir hochkommen.«

»Wollen Sie speziell mit ihm reden, Senhor Coroa? Wenn es um die Wohnung geht, können Sie auch alles mit mir besprechen.«

»Na gut. Dann sag ich dir jetzt mal was, und das kannst du auch deinen Freunden erzählen. Ich brauche die Wohnung. Bis nächsten Monat müsst ihr euch was Neues suchen.«

»Moment mal, was soll das heißen? Wenn es ein Problem gibt, dann reden wir darüber. Wir sind erwachsene Menschen. Immerhin zahlen wir jeden Monat unsere Miete, oder?«

»Hör zu, Junge, ihr könnt von Glück reden, dass ich Respekt vor der Mutter von diesem Murilo habe. Ich weiß, dass sie einen Haufen Möbel hiergelassen hat, ihretwegen kriegt ihr noch einen Monat. Das ist mehr als genug. Wäre ich nicht so fair, würde ich euch noch heute auf die Straße setzen.«

Douglas wurde schwindelig. Als er die Tür öffnete und Coroa sah, hatte er sich schon auf eine Beschwerde gefasst gemacht, zumal er jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, sich über irgendwas beschwerte, aber dass sie jetzt auf einmal aus der Wohnung raussollten, damit hatte er nicht gerechnet.

»Ich werde sie an ein Paar vermieten, die weder Kinder noch Tiere oder sonst irgendwas haben. Die Frau geht auch arbeiten. Anständige Leute, die keine Unruhe verbreiten, so wie ihr, verstehst du? Ständig dieser Grasgestank und dieser Lärm. Das erträgt ja kein Mensch. Meine Frau hat Probleme mit der Lunge. Manchmal denk ich, sie erstickt gleich. Das Schlimme ist, ich hab ihr schon gesagt, dass ich euch auf die Straße setze, und sie hat euch auch noch verteidigt! Da kannst du mal sehen. So ist sie. Man kann dem Zeug hier ja sowieso nicht aus dem Weg gehen, hat sie gesagt, wenn es nicht der Nachbar ist, kommt es von der Straße oder aus der Bar, die Leute können es ja wohl nicht lassen. Aber jetzt ist Schluss mit dem Theater, nicht in meinem Haus. Hier leben Familien, verstehst du? Menschen, die arbeiten und ihre Ruhe brauchen. Ihr hattet eure Chance, okay? Das Thema ist durch. Selber schuld. Schluss, aus, vorbei.«

Er redete schnell und aufgeregt. Sein gelbes Gesicht war rot angelaufen. Douglas versuchte, sich zu rechtfertigen, aber der Alte ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.

»Heute Morgen, ich hatte noch nicht mal gefrühstückt, ja, da dachte ich, ich seh meine Frau tot umkippen, direkt vor meinen Augen. Kannst du dir das vorstellen, Junge, wie sich das anfühlt für einen Mann?«

Je mehr Coroa redete, desto weniger verstand Douglas.

»So blöd, wie du guckst, hat euer Freund, der Blondkopf, der hier eingezogen ist, offensichtlich noch nicht erzählt, was er angerichtet hat.« Bei diesen Worten hielt er vor Wut kurz inne und holte Luft. »Während ich die Vögel füttere, macht meine Frau gerade das Frühstück, da taucht der Kerl plötzlich aus dem Nichts auf. Das Gesicht von Drogen verzerrt. Meine Frau bringt mir meinen Kaffee und denkt, da steht ein Gespenst vor ihr im Flur. Sie schreit auf und fällt vor Schreck in Ohnmacht. Ich sofort zu ihr, fast wär mir noch der Kanarienvogel abgehauen. Und das Schlimmste, dein Freund hier hat sich kein bisschen gerührt. Hat mich nur angestarrt, mit seiner Junkie-Fresse, wie ein Irrer. Ich hab meine Frau auf einen Stuhl gesetzt, und als ich ihn mir vorknöpfen wollte, da war er auf einmal verschwunden, genauso schnell, wie er aufgetaucht war, der Scheißkerl.«

Es gab keinen Grund, warum Coroa sich die Geschichte hätte ausdenken sollen. Auch weil Biel dauernd irgendeinen Scheiß baute. Douglas wurde wütend. Es würde schwer sein, den Alten von seinem Entschluss abzubringen.

»Ganz ehrlich, Senhor Coroa, wenn ich das höre, was soll man da machen? Das war eindeutig nicht richtig.« Douglas versuchte, die richtigen Worte zu finden und das Vertrauen seines Vermieters zu gewinnen. »Ich kann nur sagen, das mit Ihrer Frau tut mir schrecklich leid, wirklich, von Herzen. Wir mögen sie hier alle sehr gern, das müssen Sie wissen. Nur gestern, da haben wir ein bisschen über die Stränge geschlagen. Wie ja alle, oder? Haben Sie das Spiel gesehen?« Der Alte sah ihn ernst an. Sein Kopf bewegte sich nicht. »Aber im Ernst, ich hab den beiden gestern schon gesagt, sie sollen sich beherrschen, kein Schnaps mehr, Schluss mit dem Gequalme, einfach brav zur Arbeit gehen und gut. Sie können also ganz beruhigt sein, ich gebe Ihnen mein Wort, so etwas wird nie wieder passieren.«

»Ich hab gesagt, was ich zu sagen hatte. Du kannst Murilo Bescheid geben, ihr habt einen Monat, dann seid ihr raus.« Mit diesen Worten drehte er sich um und ging die Treppe hoch.

Douglas versuchte noch, ihn aufzuhalten, aber der Alte ließ sich nicht beirren. Noch leicht benommen schlug er die Tür zu. Als er die Augen schloss, schossen ihm die Bilder von gestern Abend durch den Kopf: die zweite Halbzeit in der Bar, die leere Flasche Wodka, das Bier zum Runterspülen, die nächste Flasche Wodka (noch billiger als die erste), die Frau, die Murilo an die Wäsche wollte, Biel, der mit einem Unbekannten kokste.

Douglas bekam Panik, was bitte war das für ein Leben? Er war jetzt über zwanzig und lebte seit seinem siebzehnten Lebensjahr allein, so konnte es nicht ewig weitergehen. Sich mitten in der Woche so gehen zu lassen, und dann am nächsten Tag völlig verkatert mit zerknautschtem Gesicht zur Arbeit erscheinen. Sein Chef bei der Apotheke brachte schon die ganze Zeit dumme Sprüche. Von wegen mal wieder zu spät und rote Augen und so. Douglas wusste, dass er sich zusammenreißen musste, aber es gelang ihm nicht so richtig.

Dabei war der Job als Bote einer der besten, die er bisher hatte. Er war schon immer gern Rad gefahren, fand es toll, zwischen den Autos durchzusausen, den Wind im Gesicht zu spüren. Als Erstes fuhr er immer direkt runter nach São Conrado und hing erst mal am Strand ab. Bei der Arbeit konnte er zwischen zwei Lieferungen einen rauchen, er musste nicht schwer tragen, und wenn gerade niemand in der Apotheke anrief, hatte er sogar noch Zeit zu zeichnen.

Mal abgesehen vom Mindestlohn war das einzig Nervige eigentlich, dass er immer hoch bis an die Tür musste. Am liebsten hätte er die Bestellungen einfach beim Pförtner abgegeben, aber die Leute wollten ja auf keinen Fall die Wohnung verlassen. Sobald er das Gebäude betrat, verspürte Douglas den Drang, alles kaputtzumachen. Vasen, Bilder, Spiegel, alles. Nicht, dass er die Leute um ihr Leben beneidete. Aber wenn er die gemusterten Fliesen sah, die makellos sauberen Flure, die massiven Holztüren, den nach Lavendel duftenden Mülleimer, bekam er jedes Mal einen Anfall.

Während er so über seinen Job nachdachte, ging ihm gleichzeitig das Gespräch mit dem Vermieter nicht aus dem Kopf. Die Frage war doch: Warum hatten sie diesen Idioten bloß bei sich einziehen lassen? Mit jedem Tag wurde deutlicher, dass Biel ihnen nicht guttat. Sicher, er war witzig, man konnte gut mit ihm quatschen, und auf seine Art war er sogar großzügig, aber letztendlich basierte sein ganzes Leben auf einer Lüge. Wie kann ein Kind, das in der Favela aufwächst und auf eine staatliche Schule geht, nur weil es als Weißer geboren wurde, bei den Reichen leben, sich anziehen und reden wie sie? Der Junge log, sobald er den Mund aufmachte. Und nicht ein, zwei Mal am Tag wie alle anderen, sein ganzes Leben lang. Wo er geboren und aufgewachsen war, wer seine Mutter war, die Schule, alles. Wie ging das? Selbst als Biel zu ihnen nach Rocinha zog, hörte er nicht auf mit seinem Bullshit. Wahrscheinlich konnte er in Wirklichkeit nicht in den Spiegel schauen und musste sich deswegen immer so abschießen. Bei dem Gedanken bekam Douglas fast Mitleid mit ihm. Trotzdem, er hatte seinen Entschluss gefasst. Er würde mit Murilo sprechen, ihm Coroas Geschichte erzählen und ihm erklären, dass sie Biel vor die Tür setzen mussten, wenn sie weiter dort wohnen wollten. Nichts Persönliches, aber es war ja auch nicht ihre Schuld, wenn er ständig breit war. Murilo hätte bestimmt Verständnis.

Der Gedanke, die Wohnung zu verlieren, machte ihm Angst. Sie war relativ groß, gut gelegen, machte was her, und die Travessa Kátia war eine der besten Straßen an der Via Ápia. Man brauchte keine zwei Minuten zur Bushaltestelle, der Bäcker um die Ecke hatte Tag und Nacht geöffnet, und es gab diverse Läden, wo man was zu essen bekam, den üblichen Mittagstisch, japanisch, Pizza und so weiter. Mal abgesehen davon, dass man zu Fuß in zwanzig Minuten am Strand von São Conrado war. Allerdings stand das Haus dummerweise zwischen einem Bordell und einer evangelikalen Kirche, und wenn nicht auf der einen Seite rumgehurt wurde, beteten sie auf der anderen. Am schlimmsten war es freitags, wenn alle am Koksen und im Puff waren und nebenan den Herrgott priesen. Abgesehen davon alles super. Sie mussten weder Geld für ein Motorradtaxi ausgeben, noch litten sie an Wassermangel, zwei Probleme, mit denen die meisten Bewohner zu kämpfen hatten.

Vor allem war es nicht nur schwer, eine brauchbare Wohnung zu finden, sie würden auch noch umziehen müssen. Den Kühlschrank durch die schmalen Gassen tragen, Regale auseinanderbauen, die man nie wieder zusammengebaut bekam, die Matratze am Seil hochziehen, das übliche Generve. Allein der Gedanke strengte ihn schon an. Douglas war fest entschlossen, alles zu tun, um hierbleiben zu können.