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1929 ist Vicki Baum das Sinnbild der "neuen Frau": Selbstbewusst, modern, unabhängig. - Doch das Leben der Schriftstellerin war nicht immer so schillernd: die Mutter krank, der Vater ein Tyrann, die Ehe ein Fiasko. Vicki kämpft sich durch. Sie verlässt Wien, findet die Liebe und sie schreibt, aus Vergnügen, aus Not, aus Ehrgeiz. Mit jedem Buch wird sie erfolgreicher. Hollywood verfilmt ihren Roman »Menschen im Hotel«. Bei den Dreharbeiten verliebt sich Vicki in das ungezwungene Land. Sie schnappt sich Mann und Kinder, kehrt Europa den Rücken und fängt in L.A. ein neues Leben an. Gerade noch rechtzeitig, denn der Faschismus wirft seine Schatten voraus.
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Impressum
Titel der Originalausgabe: Vicki Baum. So herrlich lebendig. Romanbiografie
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal
Umschlagmotiv: © ullstein bild
E-Book-Konvertierung: Arnold & Domnick, Leipzig
ISBN (E-Book): 978-3-451-81063-3
ISBN (Buch): 978-3-451-06817-1
Für
Kurt Werner Pulla
(1955–2015)
Inhalt
Eins
Endlich frei sein, endlich!
Zwei
In haltlosen Zeiten
Drei
Geradewegs ins neue Leben
Vier
Auf in die Welt
Anhang
Ein Leben in Stichpunkten
Literaturangaben
Dank
Eins
Endlich frei sein, endlich!
~
I
Ein Schrei zerriss die schläfrige Sonntagnachmittagsstille. Er durchzog das elegante Schlafzimmer, schwappte über die Diele mit dem Perserläufer, breitete sich in allen Zimmern aus, machte auch vor der Eingangstür nicht halt. Er drang zur Belästigung der Nachbarn durch Böden und Wände, stieß zum Fenster hinaus auf die Straße. In der Küche fiel der Tochter des Hauses die Wärmflasche, die sie gegen die Rückenschmerzen der kränklichen Mutter gerade befüllte, aus der Hand. Das siedende Wasser ergoss sich über ihre Finger und der brennende Schmerz verband sich augenblicklich mit dem infernalischen Schrei, der gar nicht enden wollte, auch nicht menschlich klang, eher wie ein Tier – im Todeskampf.
»Was ist denn jetzt wieder los?«, entfuhr es Vicki. Sie wickelte ein Küchenhandtuch um ihre verbrühte Hand, stieß die Tür auf und lief ins Schlafzimmer. Auf dem Bett krümmte sich die Mutter. Ein hilfloses Bündel, vor Schmerzen fast ohnmächtig. Erbarmungswürdig, wenn sie nicht ohne Unterlass kreischen würde.
Vicki fuhr ein kalter Schauer über den Rücken. Sie stürzte ans Bett, ergriff die Hand der Kranken, schrie gegen den Klagelaut an: »Was ist los? Was ist?« Die aufsteigende Panik trieb ihre Stimme in die Höhe. »Bitte! Bitte hör’ auf zu schreien«, flehte sie, bereit, alles zu tun, die Ursache des Ungemachs sofort abzustellen, wenn es denn eine gab, denn der blanke Irrsinn brauchte keinen Grund.
Schaudernd dachte Vicki an den Tag zurück, als ihre Mutter versucht hatte, sich aus dem Fenster zu stürzen. Zwölf Jahre war es her, seit sie in die Privatheilanstalt Inzersdorf gebracht wurde. Vicki war erst sieben Jahre alt gewesen. Niemand hatte ihr irgendetwas erklärt. Sie lag mit Scharlach im Bett, als ihre Mutter verschwand und durch eine furchteinflößende Pflegerin ersetzt wurde. Wochenlang hatte Vicki geglaubt, Mama wäre gestorben und der Vater getraue sich nicht, ihr die traurige Nachricht zu sagen. Schließlich löste die Putzfrau die Sache auf: Die Madame war nicht tot, sie war verrückt und ins »Narrenhaus« gebracht worden. Seither war die Mutter nervös und kränklich gewesen, doch der blanke Irrsinn hatte seine Fratze nicht noch einmal gezeigt. Bis heute?
Vicki streichelte den nach hinten gekrümmten Kopf, allein, um sich nicht die Ohren zuhalten zu müssen. »Es ist gut, Mama. Alles wird gut. Beruhige dich.« Streng und freundlich redete sie auf die Mutter ein und konnte nicht einmal sagen, ob ihre Stimme den Vorhang aus Schmerzen und Schreien überhaupt durchdrang.
Ein Arzt! Ein Arzt musste her. Sofort. Vicki wand die Hand aus der Umklammerung, stürzte die Treppe hinunter und klopfte an die Tür von Dr. Kotnik in der ersten Etage, der war zwar nicht ihr Hausarzt, aber er hätte sicher geholfen, wäre er nicht übers Wochenende mit der Frau und den zwei goscherten Buben aufs Land gefahren. Die Mutter kümmerte das nicht, sie schrie und schrie, verlangte einen Arzt, eine Morphiumspritze. Vicki konnte den Ärger kaum zurückdrängen: »Bitte, bitte, nimm dich zusammen, probier’ es doch. Ich hole Dr. Popper, ja ja, er wird dir sicher etwas geben, Morphium, bestimmt, ganz bestimmt«, versicherte sie, als ob sie nicht gewusst hätte, dass die Mutter sich niemals zusammennehmen konnte und wollte, sich nie beherrschen würde.
Still betete Vicki zu einem Gott, an den sie nicht glaubte, und zu ihrem Großvater, den gütigen, kleinen alten Juden, der seit dreizehn Jahren tot war, er möge der Mutter eine Ohnmacht schicken, egal was, wenn nur das Schreien aufhörte. Als sie die Wohnungstür erneut öffnete, stand die Hausmeisterin davor und reckte neugierig den grindigen Hals hinein: »Was ist denn da los?«, fragte sie. »Was soll das Spektakel?«
»Nichts ist los«, erwiderte Vicki und trat einen Schritt vor die Tür. »Die Mama hat sich den Rücken verrenkt. Ich muss einem Arzt telefonieren.«
»Das G’schrei muss aufhören!«, bestimmte die Alte und empfahl: »Der Justizrat in der Zweiten hat einen Fernsprechapparat.«
Zwei Etagen tiefer öffnet die Schwester des besagten nach kurzem Klopfen. Sie war eine grillenhafte Person, die Vicki oft dabei beobachtet hatte, wie sie beständig vor sich hinmurmelnd immer drei Schritte vor und zwei zurück die Treppe erklomm. Nun schauderte ihr vor der Kontaktaufnahme, aber die gellenden Schreie der Mutter trieben sie voran. Sie murmelte etwas von starken Rückenschmerzen und bat, den Telefonapparat benutzen zu dürfen. Man führte sie in die düstere Wohnung.
Dr. Popper war nicht in der Stadt und als läge ein Fluch auf diesem sonnigen Spätsommersonntag, war auch kein anderer Arzt zu sprechen. In ihrer Verzweiflung wäre Vicki vielleicht einfach davongelaufen, hätte das Fräulein ihr nicht so ruhig und verständnisvoll zur Seite gestanden. So lief sie den restlichen Nachmittag, bis in den Abend hinein immer wieder die zwei Etagen hinunter zum Telefon und wieder zur Mutter hinauf, ohne dass die unmenschlichen Schreie auch nur für eine Minute ausgesetzt hätten.
Rettung kam kurz vor zwei Uhr nachts in Gestalt eines sehr jungen Mannes, dessen Gesichtsausdruck und Achselzucken nichts als blanke Hilflosigkeit verrieten. Seine Autorität als Arzt bewies er schließlich, als er mit der lautstark geforderten Morphiumspritze herausrückte. Offenbar war er zu dem Schluss gekommen, dass hier eine Süchtige auf Entzug tobte und so verabreichte er ihr eine gehörige Portion des süßen Gifts.
Binnen Minuten ebbten die irren Schreie ab, bis sie zu einem kläglichen Wimmern wurden. Ruhe. Fast schon Stille. Doch die Pause währte nur kurz. Kaum hatte der junge Arzt das Haus verlassen – Vicki hatte nicht einmal Zeit gehabt, sich einen Tee zu bereiten –, ging der Albtraum weiter: Schrille Schreie, nun begleitet von krampfartigem Würgen, Erbrechen und wildem Schluchzen. Entgegen der voreiligen Diagnose des Mediziners hatte Mathilde Baum noch niemals Morphium erhalten. Ihre unsagbaren Schmerzen rührten, wie ihr Hausarzt einige Zeit später feststellen sollte, von einer Wirbelsäulenentartung. Krebs. Die Metastasen hatten an diesem Schreckenstag die Wirbelsäule erreicht und ein Todesurteil über sie verhängt. Zunächst aber wehrte sich ihr Körper vehement gegen die hochdosierte Arznei, die endlosen Stunden der Nacht hindurch bis zum Anbruch des neuen Tages. Und von da an jeden Tag, denn der Körper war jung und verweigerte dem Tod einen schnellen Triumph.
II
Der Sessel stand noch immer da, wo Vicki ihn vor Monaten platziert hatte, nah am Krankenbett, das noch immer kein Sterbebett war, aber eines sein würde – früher oder später. Vicki stellte die Notenmappe an die Wand. Sie kam vom Wiener Konzertverein, wo sie seit drei Monaten als Harfenistin für das Berufsorchester engagiert war. Und das mit nur neunzehn Jahren. Noch dazu als einzige Frau unter achtzig Männern. Der Gipfel ihrer Karriere. Fast fünfzig Auftritte hatte sie im letzten Monat absolviert. Wenn sie nicht probte oder spielte, war sie bei der Mutter. Tagsüber zwischen den Proben und nachts, wenn sie den Schmerzensschreien ihrer Mutter nicht entrinnen konnte.
Vicki setzte sich in ihren Sessel. Sie klagte nicht. Einer musste der Mutter in ihrem Todeskampf beistehen und ihr Vater konnte es nicht. Er verabscheute Krankheiten, fürchtete Ansteckung, hatte umgehend seine Reisetasche gepackt und war zu seiner Mutter gezogen. Seither kam er einmal die Woche zu einer kurzen Visite. Vicki genoss die Abwesenheit des großen Tyrannen.
Erschöpft legte sie den Kopf ans Polster, betrachtete den ausgemergelten Körper der Kranken. Morphiumgetränkter Schlaf. Wie lange noch? Jeder Atemzug, den sie tat, riss Oberkörper und Kopf energisch mit sich, wie viele würden die magere Gestalt noch erschüttern, ehe das schwache Fleisch seinen Dienst einstellte?
Vicki saß einfach da und wartete, dass die Qual wieder aufbrandete oder ein für alle Mal endete. Bis zur nächsten Dosis dauerte es noch über eine Stunde. Dr. Popper hat ihr eingeschärft, es mit den Injektionen sehr genau zu nehmen. Nicht weniger als vier Stunden durften zwischen zwei Spritzen liegen, auch wenn die Wirkung schon nach der Hälfte der Zeit nachließ und die letzte Stunde vor dem rettenden Gift von Stöhnen und Schreien erfüllt war.
Draußen, vor dem Fenster trieb der Wind graue Wolken über den Himmel. Es war Februar und so düster, als würde es niemals Frühling werden. Wen kümmerten die Knospen und Triebe, wenn das Leben sich so qualvoll festkrallte an einen Körper, der seit Monaten unrettbar verloren war.
Irgendwann ging es los. Ein Stöhnen weckt Vicki aus ihrem substanzlosen Dämmerzustand. Im Zimmer war es dunkel, bis auf das kleine Nachtlicht. Das Stubenmädchen musste es inzwischen entzündet haben, die fröhliche Flamme durch einen grünen Schirm vor den Augen der Kranken verborgen. Wie spät mochte es sein? Mathilde starrte mit wildem Blick zur Decke. Die wahnsinnige Qual war zurück. Vicki spürte einen Augenblick reglos dem Brennen nach, das hinter ihrer Schläfe saß, da formte sich schon der Schrei in der trockenen Kehle der Kranken, schon brach er hervor, hallte durchs Zimmer. Dienstpersonal und Nachbarn war der Lärm längst zu einer vertrauten Belästigung geworden. Jeder Tag war durchschnitten von seinem infernalischen Rhythmus. Die arme Mama, die niemals auch nur die geringste Selbstbeherrschung besessen hatte, nichts, was sie ein wenig hätte stützen können, nichts von solchen unwägbaren Kräften wie Selbstzucht und Disziplin, keine Interessen, keine Liebe, keine Religion. Die arme Mama. Längst hatte sie sich den Folterqualen des Schmerzes willenlos überlassen.
Dieser markerschütternde Schrei riss Vicki endgültig hoch. Schnell öffnete sie das Schubfach vom Nachtkästchen, fand die Ampulle in ihrer Kassette. Routiniert brach sie das Glas, zog die Flüssigkeit mit der Spritze auf, hob die Haut am Oberschenkel an, der von den Einspritzungen schon ganz gesprenkelt war, stach zu und wartete, bis das Stöhnen leiser wurde und die Stille zurückkehrte. Selige Morphiumstille. Ruhe für die nächsten Stunden.
Vicki schlich zur Tür. Auf dem Gang roch es nach Fichtennadeln. Vetl, die gute Seele, hatte ihr ein Bad eingelassen. Im Wasser würde sie den steifen Körper entspannen und den Krankenzimmergeruch von sich waschen. Danach würde sie im wattierten Morgenrock, den Frau Gross ihr für die kalten Winternächte genäht hatte, wieder in ihrem Lehnstuhl sitzen, am Bett der Mutter. Hier verbrachte sie ihre Nächte. Jede Nacht seit dem verhängnisvollen Spätsommersonntag. Sie wird ein wenig lesen, darüber einschlafen, bis zum nächsten Stöhnen, zur nächsten Spritze oder bis die Morgensonne sie einstweilen von den Tochterpflichten entband.
III
Müde trottete Vicki die Eingangsstufen hinunter. Sie machte einen tiefen Atemzug, erleichtert dem Krankenzimmer für ein paar Stunden zu entkommen. Brennend schnitt die Luft ihr in der Lunge, Eis glitzerte im Rinnstein und die Sonne stand blassrot hinter der grünweißen Kuppel der Karlskirche. Wie im Schlaf bog Vicki von der Nibelungen- in die Operngasse ein. Sie fühlte sich wie erschlagen; die schlaflose Nacht steckte ihr noch in allen Gliedern. Unzählige Male war sie diesen Weg gegangen, zur Schule, zum Konservatorium, jetzt zur Orchesterprobe. Einen Augenblick wunderte sie sich über den Herrn im Seidenzylinder, der ihr erwartungsvoll ins Gesicht blickte. Kurze Beine, großer Kopf, blonde Haare die wässrigen Augen verschwanden fast hinter einer clownhaften Nase, die zu allem Überfluss von der Kälte rot gefroren war.
»Mein Gott, Herr Dr. Prels, woher kommen Sie denn?«, fragte Vicki überrascht, die Bekanntschaft vom gestrigen Abend gleich am Morgen wiederzutreffen.
Er deutete auf ein Café. »Ich hab’ dort im Café auf Sie gewartet«, erklärte er mit einem freundlichen Blinzeln. »Ich hab’ dort ein Gedicht für Sie geschrieben.«
»Tatsächlich?«, fragte Vicki. »Dann lassen Sie mal sehen.«
Prels schüttelte abwehrend den Kopf. »Leider ist es ganz misslungen.«
Blitzschnell zog er einen Zettel aus der Manteltasche, zerriss ihn in kleine Schnipsel und warf sie in den Wind, ehe Vicki danach greifen konnte. »Erstes Gebot: ›Du sollst niemals zu schreiben versuchen, wenn du verliebt bist.‹ Aber was kann ein Mensch sonst machen, wenn’s ihn fast zerreißt?«
»Sie sind wohl ein ganz G’scheiter, was?«, spottete Vicki. »Soll mich das etwa neugierig machen?«
»Eh. Und? Hat’s geklappt?«
»Nein!«, sagte sie bestimmt. »Obwohl ich gern gesehen hätte, was auf dem Zettel stand. Bestimmt war es die letzte Wäscherechnung. War sie wenigstens bezahlt?«
Der Dichter griff sich dramatisch ans Herz: »Das hat gesessen! Und recht haben Sie. Der Herr sei mir gnädig. Ich bin verdammt, ein Fräulein mit hellseherischen Fähigkeiten zu lieben.«
Vicki deutete lächelnd eine Verbeugung an, und wandte sich zum Gehen. Im Orchester missbilligte man Verspätungen und sie wollte sich diesbezüglich nichts zu Schulden kommen lassen.
Aber Prels ließ sich nicht so leicht abwimmeln. Er deutete auf das Eis im Rinnstein, das unschuldig glitzerte. »Rutschen Sie auch so gern?«
Dieser Kerl war doch wirklich zu amüsant. »Natürlich. Wer nicht.« Vicki war noch keinen Schritt weitergekommen.
»Fein. Dann wollen wir rutschen.« Er stülpte sich den Zylinder auf den Kopf, nahm ihre Hände überkreuz wie ein Eislauflehrer und zog sie die Straße hinunter. Lachend und mit roten Wangen erreichten sie den Musikverein. Beim Abschied wurde Prels kurz ernst: »Sie haben so müde ausgesehen. Eines Tages erzählen Sie mir, was mit Ihnen los ist, ja?«
Vicki winkte ab. Sie hatte noch nie jemandem von ihren persönlichen Verhältnissen erzählt. Niemand wusste von der kranken Mutter, den schlaflosen Nächten, der überwältigenden Erschöpfung und wie die Sinnlosigkeit in ihrem Inneren wütete. Sie hatte das alles mit einem harten Panzer ummantelt, einer Schutzhülle, an der sie nicht zu rütteln wagte. Fing man einmal an zu sprechen und zu klagen, dann gab es kein Halten mehr. Das Selbstmitleid würde sie einfach wegspülen. Und nichts veranlasst die Leute schneller dazu, einem ihre Sympathie zu entziehen, als wenn man zeigt, dass man sie nötig hat.
»Es ist nichts«, behauptete sie.
»Keine Ausflüchte. Jeder trägt irgendeine Last.«
»Und Sie?«, fragte Vicki ungläubig.
»Sicher! Ich bin der einzige Sohn einer hysterischen, verwitweten Mutter.«
»Und ich bin die einzige Tochter einer Totgeweihten.« So schnell die Worte heraus waren, so schnell bereute sie sie wieder. Grußlos entzog sie sich und ging eilig die Treppe hinauf, von wo ihr der Kammerton schon entgegenschlug.
Was war das nur für ein Vogel?, fragte sie sich. Als sie drei Stunden später wieder herunterkam, stand Max Prels noch immer aufgeweicht und mit Schnee auf dem Mantel beim Eingang. Vicki schnappte empört nach Luft: »Herrgott, Sie haben doch nicht wieder auf mich gewartet?«
»Warum nicht? Ich habe Ihnen Maroni mitgebracht.« Er nahm ihre Hand und führte sie in seine tropfnasse Manteltasche zu einer warmen, kleinen Tüte. Die Esskastanie duftete himmlisch. Vicki steckte sich gleich zwei in den Mund. Wie lange hatte sie keine Maronen mehr gehabt? Seit der Großvater gestorben war, der die Leckerei wie Prels in einer kleinen warmen Tüte in seiner Manteltasche trug.
»Sehen Sie? Ich habe es gewusst. Maroni ist das, was Sie brauchen«, stellte Prels befriedigt fest. »Ihre Lippen sind genau die von einem verhinderten Maroni-Vielfraß. He, nicht so gierig! Lassen Sie mir auch noch ein paar übrig!«
So hatte es angefangen mit dem Max Prels und seither war er eigentlich immer da gewesen.
IV
Auf den Dachböden des 4. Bezirks stiegen die Dienstboten jeden Morgen gegen sechs Uhr aus den schmalen Betten. Lautlos kleideten sie sich an und wuschen sich die Müdigkeit mit kaltem Wasser aus den Augen. Mali mochte einen Augenblick am offenen Dachfenster stehen, den Strahlen der Morgensonne nachspüren und den Vögeln lauschen, die wie sie munter ihr frühes Tagewerk begannen. Vielleicht sprach sie ein kleines Gebet, denn dem Herrn sollte man immer danken, ganz besonders für so einen schönen, klaren Morgen wie heute.
Kurz darauf waren ihre Schritte auf der Stiege vom Gesindetrakt zu hören. Leicht schlurfend, mit der Waschschüssel auf der Hüfte ging sie der morgendlichen Stille entgegen. Die Herrschaften schliefen noch, was Mali als gottgewollte Ordnung begrüßte. Sie schürte das Feuer im Küchenherd und setzte den großen Wasserkessel auf. Die gnädige Frau würde in zwei Stunden aufstehen und ein Bad nehmen, das nach Kiefern duftete. Bis dahin war noch einiges zu tun. Aber zuallererst bereitete sie sich ein Butterbrot und eine große Tasse Malzkaffee.
Die Wohnzimmertür war heikel. Aber Mali hatte herausgefunden, dass sie die Tür leicht anheben musste, um sie lautlos zu öffnen. Sie zog die schweren Vorhänge zurück, machte die Fensterflügel auf und ließ frische Luft herein. Dann schaute sie sich um. Die letzte Nacht hatte Spuren hinterlassen. Mali stellte Wein- und Likörgläser auf das mitgebrachte Tablett, brachte die übervollen Aschenbecher hinaus und wischte Tische und Kommoden ab. Sie schüttelte die Kissen auf, glättete die Deckchen und versicherte sich, dass weder Staub noch Asche auf den Sockeln der Lampen lagen. Bei den Büchern war sie unsicher. Sie wagte nicht, die aufgeschlagenen Exemplare, die zuweilen in der Sofaritze klemmten, ins Regal zu räumen. So stapelte sie die Bücher nur auf dem Beistelltisch am Fenster. Noch schnell mit dem Besen durch das Zimmer, dann war alles picobello: Die Möbel aus einfachem Holz schimmerten, die Sonne spiegelte sich in den Fensterscheiben, Boden und Silber glänzten und nicht einmal der Ofen zeigte Spuren von Gebrauch.
Kaum war Mali mit ihrer Arbeit im Haus fertig, lief sie, den Dackel Lumpi an der Leine führend, für frische Semmeln und Stangerln zum Bäcker an der Ecke. Auf dem Rückweg kaufte sie der greisen Alten an der Kirche ein Sträußchen Feldblumen ab. Das hatte die Frau Doktor ausdrücklich gewünscht. Mali gefiel das. Man musste den armen Leutchen helfen, wo man konnte.
~
Als Vicki erwachte, war schon heller Tag. Sie blinzelte der Morgensonne entgegen, die durchs Fenster schien, blieb noch einem Moment liegen und wunderte sich über die Stille im Raum. Die Uhr tickte, die Vögel zwitscherten, draußen auf dem Gang hörte sie Mali ihrer Arbeit nachgehen, doch es fehlte das leise Gurgeln, das sie jede Nacht begleitete und mittlerweile zur Gewohnheit gehörte – bis dass der Tod sie scheidet, oder jemand dieses kleine, absurde Experiment für beendet erklärt. Sie hob Kopf und Blick über den Wust von Spitzenkissen und stellte fest: Sie war allein.
Ihr »Ehemann« – ein Begriff, der sich nur in Anführungszeichen denken ließ – war nicht da. Ohne Ankündigung und Erklärung und zum allerersten Mal in den sieben Wochen ihrer Ehe hatte Dr. Max Prels vor ihr das Bett verlassen.
Schnell war ihr klar geworden, Max gehörte eher zu der Sorte Mensch, der dem kurzen Kampf am frühen Morgen erliegt und weiterschläft, zu spät erwacht und sich um all das nicht kümmert. Vicki wusste nicht, was sie davon halten sollte. Mochte es nun gut sein oder schlecht. Sie nutzte die Gunst der Stunde. Ohne weitere Umschweife drückte sie den kleinen Elfenbeinknopf der elektrischen Klingel, die dicht am Kopfende ihres Bettes angebracht war. Seit sieben Wochen reizte sie der matte Schimmer dieses Knöpfchens, den zu drücken der gurgelnde Schlaf ihres Gatten sie bisher abgehalten hatte.
Es dauerte nur Sekunden, bis Mali ihren runden Blondschopf zur Tür reinsteckte: »Guten Morgen!«, grüßte sie freundlich. »Was kann ich für Sie tun?«
»Ach, bring mir doch eine Tasse Tee«, bat Vicki und kicherte innerlich ob der weinerlichen Nachdrücklichkeit ihrer Forderung. Sie zupfte das Kopfkissen zurecht und streckte sich noch einmal aus.
Sieben Wochen Ehe. Das war nun wirklich keine große Leistung. Beschlossene Sache, seit sie Max Prels auf der staubigen Couch seines Studios ihre Jungfräulichkeit geschenkt hatte. Diese legendenumrankte Opferung erwies sich als überraschend nüchterner Akt. Für sie war es ohnehin nur eine gute Gelegenheit gewesen, das lästige Hymen loszuwerden und dem treuen Gefährten durch schwere Zeiten ihren Dank zu erweisen.
Die Eheschließung hätte sich als gleichfalls nüchterner Akt der Entjungferung anschließen sollen, doch als Minderjährige – neun Monate trennten sie von ihrem 21. Geburtstag – brauchte Vicki dazu die Zustimmung ihres Vaters. Der egozentrische Alte hatte sich natürlich geweigert und ein opernhaftes Drama aufgeführt: »Nur über meine Leiche heiratest du diesen verworfenen Bohemien!«, noch heute klang ihr das Brüllen in den Ohren. »Wie kommt das Schlamperl überhaupt dazu, ihren Freier ins Haus zu führen. Hat deine Mutter dich keinen Anstand gelehrt, du Hatschen, du Liederliche!« Getobt und gepoltert hatte er, ihr jeden Kontakt zu diesem Nichtsnutz verboten und wutentbrannt die Wohnung für die nächste Binokelparty verlassen.
Die Vorzüge dieser Verbindung waren dem Herrn Papa erst aufgegangen, als Vicki an einer schweren Streptokokken-Infektion erkrankte. Nur Wochen nach dem Tod der Mutter war sie zusammengebrochen. Der Hals war es, immer der Hals. Sie hatte das so lange wie möglich ignoriert, bis nichts mehr ging. Alle möglichen Spezialisten standen kopfschüttelnd an ihrem Bett, sahen zu, wie das Fieber sie aufzehrte, und konnten sich weder auf eine Diagnose noch auf eine Behandlung einigen. Man bangte um ihr Leben.
Reflexartig hatte der Vater seine schwarze Reisetasche gepackt, wollte sich davonmachen, halb gelähmt von der Angst vor Ansteckung. Doch die Mutter war tot, niemand war da, der sich kümmerte. Der Anstand zwang ihn, zu bleiben. Wie gerufen kam da der dummdreiste Dichter, der sich in das Herz seiner Tochter geschlichen hatte. Er erbot sich und nichts war dem Vater lieber, als dem Schwiegersohn in spe die Pflege der Kranken aufzubürden.
Wochenlang war Vicki zu schwach gewesen, auch nur den Löffel zum Mund zu führen. Max hatte sie gefüttert. Er stützte sie, als sie das Laufen wieder lernte, brachte ihr die ersten Zuckerkringel mit, als sie nach Monaten endlich wieder essen konnte.
Nach der Genesung schaute der Vater dann nicht mehr so genau hin. Dass Max die Frage der Mitgift mit einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch fegte, hatte dem Vater imponiert. Da fragte er nicht mehr nach Religion und Stellung und wunderte sich auch nicht, wie ein Redakteur des 8-Uhr-Abendblattes monatelang am Krankenbett seiner Braut hatte ausharren können. Vicki schmunzelte bei dem Gedanken daran, denn sie selbst hatte auch nie darüber nachgedacht, wovon der Herr Doktor eigentlich lebte.
Mali brachte ein kleines Silbertablett herein. »Haben Sie gut geschlafen, gnädige Frau?«, fragte sie freundlich und zog die Vorhänge auf.
Die herrschaftliche Ansprache fuhr Vicki noch immer heiß durch den Körper. Aber so war es ja nun. Sie war die Dame des Hauses. »Geschlafen habe ich offensichtlich wie ein Stein, Mali. Der Herr Doktor ist mir wohl entwischt.«
»Der Herr Doktor ist schon ganz früh aufgebrochen. Seine Mutter hat nach ihm geschickt.«
Ach, die Schwiegermama, dachte Vicki, und begrub die Hoffnung, Max könnte schon beruflich unterwegs sein. Erst nach der Eheschließung war ihr klar geworden, dass ein Mann, der so viel Zeit und Energie in eine Eroberung steckte, unmöglich einer geregelten Arbeit nachgehen konnte. Das konnte nur, wer keine Pflichten und Termine hatte. Denn der studierte Jurist Dr. Max Prels war eigentlich gar kein Redakteur. Er hatte seine sichere Stellung als Beamter der kaiserlich-königlichen Staatsbahn aufgegeben, weil er den Traum vom Schreiben leben wollte. Er war Schriftsteller, freier Journalist und ein echter Wiener. Und als solcher saß er im Kaffeehaus, spielte Schach und Karten, trieb sich in der Oper herum oder im Theater. In ruhigen Stunden entwarf er vielleicht ein Buch oder schrieb einem Artikel, doch die meiste Zeit wartete er auf den großen Durchbruch. Vicki hatte Texte von ihm gelesen und war ganz überzeugt, dass der Erfolg nicht lange auf sich warten lassen würde. Bis dahin waren sie ein vielbeschäftigtes Paar, das sich in beruflicher Hinsicht keinesfalls im Weg stehen wollte.
~
Der herbe Tee schmeckte köstlich und hatte genau die richtige Temperatur. Vicki holte ein Notizheft aus dem Nachtkästchen. Darin hatte sie die Termine der nächsten Wochen notiert: Samstag 24. April 1909. 9 Uhr Probe. 19.30 Uhr Konzert, Großer Saal.
Nach den Monaten der Krankheit hatte sie an der Harfe wieder ganz von vorne beginnen müssen, mit den allerersten Übungen für Anfänger. Aber es tat gut, mit frischem Geist daranzugehen. Sie machte schnell Fortschritte und war nun auch in die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Die ganze Stadt war im Haydn-Fieber, denn der alte Meister wäre Ende Mai hundert Jahre alt geworden. Nun erklangen seine Kompositionen das ganze Frühjahr aus allen Sälen und Salons. Der Wiener Konzertverein gab eine Vorstellung nach der anderen. Manchmal gleich zwei oder drei pro Tag. So konnte Vicki schnell wieder Fuß fassen. Sie war glücklich und das Leben schmeckte süß. Umso mehr, seit sie sich vom Joch der väterlichen Tyrannei befreit hatte. Morgens Probe abends Konzert und nachmittags ein Stündchen für die Damen der Gesellschaft. Das Geld reichte gerade aus. Wer sich einen Mann wählte, der den Redakteur nur spielte und sich mit Buch- und Konzertbesprechungen über Wasser hielt, der musste selbst für den Lebensunterhalt sorgen. Dass sich das Geldverdienen für eine Frau ihrer Herkunft eigentlich nicht ziemte, machte die Sache besonders reizvoll und sie gedachte in Dankbarkeit ihrer seligen Mutter, die gegen den Widerstand des Vaters die Ausbildung zur Harfenistin vehement durchgesetzt hatte.
Vicki legte das Notizbuch zurück ins Schränkchen und griff nach dem Schulheft, das sie dort verbarg. Das Fieber hatte ihr so viele Erinnerungen in den Kopf gespült, die sie einfach aufschreiben musste. Niemand sollte davon erfahren, denn sie verband damit keine Ambitionen und wollte ungern mit Max und seinen Freunden aus dem Café Kremser konkurrieren. Sie blätterte das Heftchen auf und las die erste Seite: Die kleine Martha hatte Halsweh gekriegt und durfte in Mamas großem breiten Bett liegen; lang ausgestreckt lag sie da, den Rücken wohlig in die guten, weichen Federkissen gedrückt und unter den langen gesenkten Wimpern warf sie verächtliche Blicke auf ihr mageres Gitterbettchen, das schmal und bescheiden, das harte flache Rosshaarkissen unter einer Pikeedecke versteckend, sich gleichsam frierend an die Wand lehnte.
Wie von selbst hatte sich das Ganze zu einer kleinen Erzählung entwickelt. Die Geschichte einer Krankheit, geschrieben aus der Sicht eines Kindes. Schatten der Vergangenheit, die sie mit der Niederschrift ein für alle Mal hinter sich zu lassen hoffte. Das Schreiben war, anders als das Harfespielen, ein tägliches Vergnügen geworden. Ein amüsanter Zeitvertreib, ohne Sinn und Ziel, dem sie sich gerne widmete, wenn sie alleine war, so wie jetzt.
Eine Stunde später ging Vicki mit dem Teetablett in der Hand in die Küche. Einen kurzen Moment war Mali irritiert, weil die Dame des Hauses ihr das Geschirr persönlich in die Küche brachte. Mit erwartungsvollem Blick nahm sie das Tablett entgegen und fragte nach weiteren Wünschen. Mali war eine echte Perle: Wäsche waschen, Teppich klopfen und Silber putzen hatte sie ohne weitere Anweisungen gut im Griff. Ordnung und Sauberkeit ließen nichts zu wünschen übrig. Die Böden waren geputzt, die Lampen gereinigt, die Betten täglich ausgeklopft. Vicki sorgte nur für ein paar Details: Sie bestimmte, welche Blumen auf dem Tischchen stehen sollten und ob es Braten oder Butterbrote zum Abendessen gab.
Außerdem schrieb sie die Einkaufsliste für das kleine Barschränkchen. Vicki holte nun einen kleinen Notizzettel aus der Tasche ihres Hausmantels und übergab ihn dem Mädchen. Alkoholische Getränke mussten stets in ausreichender Menge vorhanden sein. Der Wohnungsschlüssel lag unter der Fußmatte, die Freunde waren zu jeder Zeit willkommen. Und sie kamen meist am Abend. Dann gab es Gelächter und Witzeleien und ernsthafte Diskussionen bis tief in die Nacht hinein. Manch einer enthüllte seine zarte Seele und mach einer musste sich gefallen lassen, dass sie zerpflückt wurde.
»Und Zigaretten brauchen wir noch«, erklärte Vicki augenzwinkernd. »Halten Sie das Kästchen immer randvoll. Wir wissen nicht, wann der Herr Doktor ins Schreiben kommt und es wäre ein Desaster, wenn er dann wegen Zigaretten das Haus verlassen müsste.«
V
»Küss’ die Hand, Gnädigste!« Vicki genoss den großen Auftritt am Tisch. Die Herren waren geflissentlich aufgesprungen. Konta drückte ihr mit ironischem Zwinkern einen Schmatzer auf den Handrücken, Csokor verbeugte sich tief, während er seinen Platz neben Max räumte und Konradin von links einen Stuhl hinüberreichte.
»Verehrteste!« Max grüßte herzlich mit angedeuteter Verbeugung.
»Meine Herren!« Vicki nickte den Anwesenden zu und nahm Platz.
Das Café Kremser war dem Ehepaar Prels zum liebsten Schlupfwinkel geworden. Es lag ganz in der Nähe zum Musikverein und Vicki kam jeden Tag mehrmals daran vorbei. Das war sehr praktisch, auch wenn das Kremser nicht gerade die erste Adresse für Kaffeehausliteraten war. Da musste man schon ins Cenral, wo Peter Altenberg und Anton Kuh residierten.
Max hatte sich nun aber am guten, alten Kärntnerring niedergelassen. Hier teilte er sich den engen Schankraum mit den adretten Herren vom Wintersportclub und den Malern der zweiten Garde. Dazwischen saßen bürgerliche Damen mit großen Hüten beim Mokka und die kleinen Angestellten versuchten bei Schach und Zeitungslektüre einen Hauch Boheme zu erhaschen. Hier in der rauchigen Luft wartete er auf Ideen für das nächste Feuilleton, schärfte den Geist durch treffende Bemerkungen in angeregtem Gespräch mit Freunden. Am Stammtisch informierte er sich über die letzten Neuigkeiten, den neuesten Klatsch. Hier wurden die Bonmots und Witze vom Stapel gelassen, die man sich anderntags genüsslich in der Stadt erzählte. Hier träumte man von zukünftigen Erfolgen, prophezeite der Konkurrenz das nächste Fiasko; hier stritten sich junge und nicht mehr so junge Hitzköpfe erregt über Mädchen und politische Meinungen und in der Zurückgezogenheit der Herrentoilette wechselte Geld den Besitzer – diskret erbeten, zögernd geliehen. Eine Damentoilette gab es übrigens nicht, obwohl immer mehr Frauen und Mädchen in die geheiligten Räume des Kaffeehauses eindrangen.
In der Fensternische, mit Blick auf den Ring, wo die Elektrische in regelmäßigen Abständen ihre Bahnen zog, hatte sich die übliche Runde versammelt: Max Graf, Theodor Csokor, Robert Konta, dazu ein paar Ambitionierte, deren Namen sich nie ins Buch der Zeit einschreiben werden: Franz Konradin, Hermann Glaßmeier und Georg Wolter. Kettenrauchende Männer, zusammengeschweißt durch große Erwartungen und den Glauben an eine verheißungsvolle Zukunft, die sich einstweilen mit Musikkritiken, Lehrtätigkeit und Journalismus über Wasser hielten.
»Was für ein kolossaler Unsinn läuft da gerade bei der Kronen Zeitung?«, fragte einer. Und verwickelte seinen Nebenmann in eine heftige Diskussion über Menschen, von denen Vicki noch nie gehört hatte.
Diese rührte währenddessen vergnügt in ihrer Tasse herum. Der Ober hatte ihr die Ermattung an der Tür schon angesehen und war mit der heißen Stärkung schnell bei der Hand gewesen. So waren die Sitten im Café Kremser. Dem aufmerksamen Ober war es eine Ehre, seinen Gästen die augenblickliche Neigung jederzeit vom Gesicht abzulesen. Unermüdlich wurden die angeschlagenen, zerkratzten, kleinen Marmortische blank gewischt und Wassergläser nachgefüllt. Die richtigen Getränke und die gewünschten Zeitungen brachte er selbstverständlich ohne Aufforderung, denn er kannte die Gewohnheiten und Vorlieben seiner Kundschaft.
Das Fräulein Baum, das nun eine Frau Prels war, konnten weder Melange noch Mokka erfreuen. Sie trank Tee, heute einen starken schwarzen, mit einer doppelten Portion Zucker, einem Scheibchen Zitrone – und einem kleinen Kännchen Rum. Diese barbarische Mischung hatten bereits ihr Vater und ihr Großvater geschätzt. Der erfahrene Ober wusste das natürlich.
Vicki genoss die Fürsorge und die charmante Flirterei der Herren. Der Rausch der Unabhängigkeit hatte seit der Hochzeit nicht nachgelassen. Das Glück kribbelte ihr durch den Körper, wenn sie an ihrem Platz in der Fensternische saß und den Tassen beim Klimpern, den Gästen beim Lachen und den Tischherren bei ihren feurigen Debatten lauschte. Unglaublich, dass sie wirklich frei war, frei von der väterlichen Aufsicht, von den Streitereien und Beleidigungen, von allen Pflichten, die sie sich nicht selbst auferlegt hatte. Sie fühlte sich wie ein Kind, das die Schule schwänzte.
Da trat ein junger Mann im adretten Straßenanzug an ihren Tisch. »Meine Herren, wehrte Dame,« Konradin war gleich aufgestanden und präsentierte den Besucher mit ausholender Geste. »Darf ich Ihnen den brillanten Otto Soyka vorstellen?« Der junge Mann verbeugte sich geniert, aber Konradin ließ sich nicht bremsen: »Noch studiert er – selbstverständlich auf Wunsch seines verstorbenen Vaters – Maschinenbau an der Technischen Universität. Aber schon in wenigen Jahren werden Sie ihn als Autor weltbekannter Romane kennen.«
»Noch einer von denen«, brummte Graf. »Seit der Reiter-Josef nach Salzburg zurückgekehrt ist, sinkt die Zahl der Musiker auf ein rekordverdächtiges Tief und Literaten werden immer mehr.«
»Immerhin haben Sie mit unserer berühmten Lieblingsharfenistin einen vielbeachteten Star in ihren Reihen!«, erwiderte Csokor.
Soyka setzte sich auf den Stuhl, den der Ober hinter ihm abgestellt hatte. Am Tisch ging das Gespräch unbeirrt weiter. »Haben Sie schon Königliche Hoheit gelesen?«, fragte Max in die Runde. Er schrieb an einer kleinen Rezension für ein gänzlich unbedeutendes Blättchen, das allerhöchstens von ein paar alten Damen im Vorarlberg gelesen wurde. Sofort entbrannte eine heiße Diskussion um Standesunterschiede und das glückliche Ende des lang erwarteten Romans. Vicki sagte nichts. Sie bewunderte Thomas Mann, seit sie die ersten Kapitel der Buddenbrooks gegen den Willen ihres Vaters heimlich gelesen hatte.
Bücher, Poesie, Tagträumen, Blumen, Spielen und Freundschaften – die Willkürherrschaft im Hause Baum hatte derartige Zerstreuungen streng verboten. Aber Vicki hatte Wege zur Literatur gefunden. Ihre Buddenbrooks hatte sie seither in Ehren gehalten. Erst versteckt hinter der Kommode im Schlafzimmer der Eltern. Mittlerweile natürlich längst frei zugänglich.
Max präsentierte sein Urteil für die provinzielle Leserschaft mit Wiener Blasiertheit, als wäre es der Weisheit letzter Schluss: »So gut als wie die Buddenbrooks ist’s fei’ net.«
Das wiederum konnte Vicki so nicht stehen lassen. Sie schätzte ihren Gemahl, fand aber wenig Gefallen am feinsinnigen Kannibalismus mit denen die Herren am Tisch sich gegenseitig zerfleischten. Ein richtiggehendes Blutbad konnte das werden. Aber Thomas Mann war eben Thomas Mann und sie würde verhindern, dass er einem solch plumpen Gemetzel zum Opfer fiel. Sie richtete sich auf und hob die Brauen. »Meine Herren, als Frau und Leserin kann ich Ihnen versichern, ein schlechter Thomas Mann ist immer noch besser als fünf hochgeistige Feuilletons. Ich habe die Neue Rundschau jedenfalls nicht wegen der kleinen Schreiberlinge abonniert.«
Rundherum brach Gelächter aus.
»Das hat gesessen!«
Max fasste sich theatralisch ans Herz, stimmte aber herzlich ins Gelächter ein und auch Vicki konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Otto Soyka wagte einen Vorstoß: »Wehrte Frau Prels, ich muss Sie fragen, was wollen Sie eigentlich mit diesen alten Journalisten?«
Neugierig wandte sich Vicki dem Neuankömmling zu. Er war tatsächlich jünger als die anderen und offensichtlich vorlaut. Sein Jungenhals ragte stolz aus dem geschlossenen Kragen, die Haare trug er in langen Wellen und die überraschend hellen Augen schauten aufmerksam hinter einem Kneifer hervor. Dieser kesse Einwurf brachte ihm die Aufmerksamkeit der Gruppe ein und er sonnte sich einen Augenblick lang in diesem Erfolg, ehe er fortfuhr: »Sehen Sie, Gnädigste, die alten Herrschaften haben doch keine Träume. Die sitzen hier tagaus, tagein im Kaffeehaus, trinken ihren Mokka und ihren G’spritzten und machen schlecht, was andere geleistet haben. Das ist doch nur Palaver. Aber wir Jungen – ich zähle die Dame selbstverständlich dazu –, wir Jungen, wir haben noch Kraft und Zeit, das Große zu erreichen.«
»Na, da schau her«, sagte Max mit freundlichem Spott. »Die Jugend weiß es besser. Das ist ja mal eine Überraschung.«
Soyka ließ sich nicht beirren: »Ich schreibe gerade an einem futuristischen Detektivroman. Er spielt in New York. Die Großstadt mit all ihren modernen Errungenschaften wird darin selbst zum Mordinstrument. Ein Urgrund von Korruption und Verbrechen! Das wird einschlagen, eine ganz große Sache.«
»Was Sie nicht sagen.« Max zwinkerte Vicki zu. Soyka erkannte, dass er hier keine Verbündeten machen würde. An Max gewandt fragte er: »Was sind denn Ihre Pläne?«
Dieser schaute zu Vicki und antwortete: »Nun ich wüßt’ zwar nicht, was Sie das angeht, aber ich werde schon in Kürze eine Zeitschrift herausbringen.«
Vicki lächelte wissend. Das war die schöne, alte Geschichte, die ihr Ehemann schon oft an diesem Tisch erzählt hatte. Ein ambitioniertes Blättchen sollte dereinst erscheinen, das literarische und musikalische Themen verband. Vicki mochte es, wenn Max davon erzählte. Was war der Mensch ohne Träume? Und er hatte so wenige Ambitionen, da war es gut zu wissen, dass er das Träumen nicht ganz aufgegeben hatte.
»Was Sie nicht sagen«, frotzelte Soyka. »Und wann soll es so weit sein?«
Darauf antwortete Max nicht. Die Schwachstelle in seinem Plan war allgemein bekannt. Er brauchte einen Finanzier, jemand der bereit war, in seine Idee zu investieren. Nur wer? Seine gelegentlichen Versuche Investoren für seine Sache zu gewinnen, waren erfolglos geblieben. Vicki legte ihm tröstend die Hand auf den Schenkel. »Seien Sie lieber freundlich, Soyka, denn wenn es so weit ist, werden dort ausgewählte Autoren zusammenkommen. Dann werden Sie Prels hinterherrennen, dass er Ihre kleinen Geschichtchen veröffentlicht.«
VI
Max drückte eine weitere Zigarette aus. Der Aschenbecher quoll über, die Luft war zum Schneiden. Seit vier Stunden saß er hier und hatte noch immer nichts Vorzeigbares zu Papier gebracht. Mühevoll legte er den Füller auf den Tisch. Lieber hätte er ihn gegen die Wand geworfen. Stattdessen zündete er sich eine weitere Zigarette an, rauchte und starrte düster vor sich hin.
Da war es nun wirklich keine Hilfe, dass Vicki an der Tür auftauchte. Es blieb ihm nicht verborgen, dass sie vor der undurchdringlichen Luft, die blau und fest im Zimmer stand, zurückwich. Sie nahm einen tiefen Atemzug, hielt die Luft an, ehe sie sich aufmachte, wie ein Taucher, der sich vom Beckenrand in die Tiefe abstieß. Den Blick aufs Ziel gerichtet ging sie geradewegs zum Fenster, öffnete beide Flügel weit. Der Zigarettenrauch wirbelte auf und flog zum Fenster hinaus, ließ Wut und Verdrossenheit zurück, die den Raum schlimmer als vorher vergifteten.
»Liebling, so kann doch kein Mensch arbeiten!«, sagte sie. Ihre aufgesetzte Freundlichkeit blieb ihm nicht verborgen. Vicki leerte den Aschenbecher, sammelte die zerknüllten Blätter vom Boden auf, brachte ihm aus der Küche eine Tasse Kaffee und Wein in einem der Bleikristallgläser, die sie bei ihrem Gastspiel in Prag gekauft hatte, und ... glotzte ihm über die Schulter. Und das hasste er wirklich. Es gab ja auch nichts zu sehen. Max schob die fünf noch nicht ganz verworfenen Anfänge unter das Abendblatt und knüllte das vor ihm liegende Papier zusammen.
Er gab vor zu lesen, während sie hinter seinem Rücken ein paar Bücher ordnete. Was sollte dieses Herumscharwenzeln? Warum ging sie nicht einfach? Die Demütigung trieb ihm ein Stöhnen durch die Kehle, ein Husten sollte die Qual verbergen. Die Sätze wollten einfach nicht fließen. Er fühlte sich wie Gustave Flaubert, der sich angeblich auf der Suche nach dem richtigen Wort wochenlang am Boden wand. Aber er war vermutlich nicht Flaubert. Jedenfalls wollte er kein Meisterwerk schaffen. Er versuchte lediglich, diese gottverdammte Kurzgeschichte niederzuschreiben.
Endlich setzte sich Vicki mit einem Buch auf das Sofa. Der Abgabetermin war in drei Tagen und sein Kopf war leer. Da war nichts. Nichts! Wie konnte er jemals hoffen ein Schriftsteller zu werden, wenn er nicht eine kleine Kurzgeschichte zustande brachte? Als läge das Gehirn in Schockstarre. Da kam kein Wort heraus und schon gar kein spritziger kleiner Kommentar. Es war die reinste Qual. Er konnte es nicht. Unfähig. Hatte noch nie etwas Anständiges zu Papier gebracht, etwas Wertvolles. Er hangelte sich mit gelegentlichen Kleinigkeiten durch und musste viel zu oft Freunde angehen, die Mutter um Hilfe bitten, oder bei Tante Dorothea vorbeigehen – das Pfandleihaus an der Dorotheenstraße beherbergten alle kleinen Erbstücke seines Vaters: die Taschenuhr, den Füller mit der goldenen Miene, die Manschettenknöpfe und den Ring. In der Not hatte er sich sogar an Vickis Kleinmädchenschmuck vergriffen. Eine dünne Silberkette mit einem Opalanhänger hatte er versetzt. Natürlich wollte er es zurückholen. Mit dem Geld für die Kurzgeschichte, die einfach nicht entstehen wollte.
Max legte die Zeitung zur Seite und schaute aufs Papier: »Der junge Mann mit der Lederschürze stapelte die Äpfel in seinem Kasten, als wäre jeder ein kostbares Gut ...«
Er nahm den Stift, setzte einen Absatz hinzu. Ließ den Stift wieder fallen. Er hatte kein Talent. Lächerlich zu glauben, dass er einmal etwas auf die Beine stellen würde.
Er wollte aufstehen und gehen, ins Kaffeehaus, zu einer Partie Schach. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, das hatte er in den letzten zwei Wochen jedes Mal getan, wenn er eigentlich hätte arbeiten sollen. Es war nicht unwahrscheinlich, dass Vicki absichtlich hier saß, um diesen Fluchtweg abzuschneiden.
Was machte sie eigentlich zu Hause? Sie hatte doch sonst keine Zeit stundenlang hier herumzusitzen. Immer Termine. Proben. Konzerte. Unterricht. Aber jetzt saß sie hier, wie festgenagelt. Ein Buch auf dem Schoß. Was las sie da? Der Weg ins Freie. Schnitzler. Ja, der konnte natürlich schreiben. Und er selbst? Er bekam nicht einmal diese Kurzgeschichte hin, wer wollte da von Romanen träumen?
Der Abgabetermin. Er konnte nicht schon wieder einen verstreichen lassen, schon wieder kein Honorar, schon wieder auf ihre Kosten leben. Ein erwachsener Mann, der sich von seiner Ehefrau aushalten lässt. Lächerlich. Das war er: eine lächerliche Figur.
