Viel Fleiß, kein Preis - Martin Wehrle - E-Book

Viel Fleiß, kein Preis E-Book

Martin Wehrle

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8,99 €

Beschreibung

Was wäre los im Land, wenn Männer ein Fünftel weniger als Frauen verdienten? Wenn sie bei Beförderungen übergangen und beim Reden dauernd unterbrochen würden? Die Hölle wäre los! Dass Frauen so behandelt werden, ist aber ganz normal. Martin Wehrle dreht den Spieß um: Da passiert das alles einem Mann, der eines Morgens als Frau aufwacht. Ein Kunstgriff, der den Skandal verdeutlicht. Was auf den ersten Blick amüsiert, beschämt auf den zweiten – und fordert für Frauen die Gleichberechtigung.

Dieses Buch ist schon einmal unter dem Titel "Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!" im Mosaik Verlag erschienen.

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Seitenzahl: 392

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Buch

Herr Müller, ein beruflich erfolgreicher Macho, wacht eines Morgens in einem weiblichen Körper auf. Fortan muss er sein Leben als Frau bestreiten und stößt dabei auf ungeahnte Schwierigkeiten: Im Bewerbungsgespräch lauern ihm Schwangerschaftsspione auf, er verdient nur noch die Hälfte, wird in Meetings überhört und auf seine Qualitäten als Frau und Mutter reduziert.

Humorvoll und anhand schockierender Beispiele aus der Praxis entlarvt Martin Wehrle die Benachteiligungen von Frauen im Beruf.

Autor

Der Erfolgsautor Martin Wehrle ist Deutschlands bekanntester Karriere- und Lebenscoach. Seine Bücher haben rund um den Globus begeisterte Leser gefunden, zuletzt erschienen die Bestseller »Bin ich hier der Depp?«, »Sei einzig, nicht artig!« und »Der Klügere denkt nach«. An seiner Karriereberater-Akademie gibt er Erfahrungen weiter und bildet mit großem Erfolg Coachs aus. Firmen schätzen ihn als unterhaltsamen Redner und Podiumsteilnehmer.

Kontakt: www.karriereberater-akademie.dewww.wehrle-redner.de

Außerdem von Martin Wehrle im Programm

Geheime Tricks für mehr Gehalt ( auch als E-Book erhältlich)

Bin ich hier der Depp? ( auch als E-Book erhältlich)

Sei einzig, nicht artig ( auch als E-Book erhältlich)

Der Klügere denkt nach ( auch als E-Book erhältlich)

Martin Wehrle

Viel Fleiß, kein Preis

Warum Frauen im Berufsleben oft den Kürzeren ziehen

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Alle Ratschläge in diesem Buch wurden vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

Dieses Buch ist bereits unter dem Titel »Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!« im Mosaik Verlag erschienen.

Copyright: © 2014 Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Dr. Christine Laudahn

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

MZ · Herstellung: IH

ISBN 978-3-641-21172-1 V004

www.goldmann-verlag.de

Inhalt

Vorwort: Plötzlich Frau

1. Bewerberin mit Klapperstorch: »Wie darf ich Ihren Bauch deuten?«

Böses Erwachen: »Wie kommt Petra in mein Bett?«

Ein Überfall am Morgen

Wenn Frauen gegen Mauern laufen

Warum Schönheit den Aufstieg bremst

Wer hat Angst vorm Klapperstorch?

Von Mäuschen und Zockern

Bewerberin trifft Schwangerschafts-Spione

Ein Job dank Klingelschild

2. Die Rede-Fehde: »Darf ich Sie mal kurz unterbrechen?«

Die geraubte Sekretärin

Wenn der Dienstwagen lahmt

Schwarze Rhetorik im Meeting

Eine Sekretärin besteht aus Schweigen

Wie man Machtspielchen gewinnt

Der Seminar-Schwindel

Die Kunst der Dienstreise

Die GSG 9 im Seminar

Karriere als »Bar-Frau«

Chat mit Coach: Wo Frauen managen, steigt der Gewinn!

3. Der Schönheits-Fehler: »Ziehen Sie sich was Nettes an!«

Zwischen den Lichtinseln

Was tun, wenn einer »Schätzchen« sagt?

Das vermisste Wesen: die Chefredakteurin

Der Blick zieht mich aus, aber der Mann nicht an

Trägt der Erfolg Ihren Namen?

Kampf dem Herrenwitz

Chat mit Coach: Rhetorik – mit der gleichen Waffe fechten!

4. Die Lohn-Bremse: »Ich schätze Ihre Bescheidenheit!«

»Du bist zu weich für dieses Business!«

Haltet den Ideen-Dieb!

Von Gehältern und Geheimnissen

Warum eine Forderung keine Bitte ist

Wie Chefs beim Gehaltspoker tricksen

Eine Villa und vier Forderungen

Chat mit Coach: Der Fluch der Bescheidenheit

5. Der Sozial-Fall: »Backen Sie wieder den Geburtstagskuchen?«

Zwei Freunde fürs Leben

Suche Dumme fürs Organisieren!

Ganz toll, Ihr Protokoll!

Wer backt den Geburtstagskuchen?

Wie Mann delegiert: »Kollegin, übernehmen Sie!«

Betriebsausflug ins Blaue

Chat mit Coach: Der Fehler, dein Freund und Helfer!

6. Die Partner-Panne: »Schatz, mein Hemd ist schlecht gebügelt!«

Frühschicht für den Freund

Die rhetorische Retourkutsche

Zwischen Bügeln und Beruf

Bin ich seine Putzfrau?

Männer an die Waschmaschine!

Chefarzt-Gattin von Beruf

Ich erzähle vom Büro – und er schläft ein!

Geht’s ein paar Nummern kleiner?

7. Der Baby-Crash: »Sie wollten doch das Kind, nicht die Karriere!«

In geheimer Mission

Das Kind in dir

Ein Parkplatz für Schwangere

Der Baby-Flurfunk

Weiblicher Atommeiler mit Restlaufzeit

Warum Mütter nicht perfekt sein sollten

Erziehung ist Management-Training

Der Einbruch

Chat mit Coach: »Sie haben den Preis wirklich verdient!«

8. Das Führungs-Fanal: »Für diesen Knochenjob fehlt Ihnen die Härte!«

Wenn Stillen nicht still macht

Die geschenkten Schnuller

Intrige aus dem Bilderbuch

Führen geht über Probieren

Villa Kuntergrau

Sind die Stuten bissig?

Führen ist weiblich

Spurlos verschwunden

Ich bin Peter, nicht Dschingis Kahn!

Die große Stunde der Frauen

Das Schicksal als Freund

Bonus-Kapitel: Die besten Karriere-Tipps – Wie Sie Männer mit ihren eigenen Waffen schlagen

Sechs Richtige für Ihre Bewerbung

Sechs Richtige für Ihr Auftreten

Sechs Richtige für Ihre Gehaltsverhandlung

Sechs Richtige für Ihr Sozialverhalten

Sechs Richtige für berufstätige Mütter

Sechs Richtige für Ihren Aufstieg

Weiterführende Literatur

Vorwort: Plötzlich Frau

Was wäre los im Land, wenn ältere Managerinnen in ihren Vorzimmern leichtbekleidete Jünglinge als Chefsekretäre hielten? Wenn Männer ein Fünftel weniger als Frauen verdienten, obwohl sie mehr Gewinn erwirtschaften? Wenn jedes Bewerbungsgespräch nur für Männer zum Polizeiverhör würde, heimliche Frage: »Planen Sie Kinder?« Wenn ja: Klappe zu, Bewerbung tot.

Ich garantiere Ihnen: Die Hölle wäre los! Dagegen ist es ganz normal, dass Frauen so behandelt werden. Noch immer.

Dieses Buch wagt ein Gedankenexperiment: Herr Müller, ein beruflich erfolgreicher Macho, wacht eines Morgens in einem weiblichen Körper auf – und muss sein Berufsleben fortan als Frau bestreiten.

Wie geht es ihm damit, wenn er beim Reden unterbrochen wird? Mit Blicken ausgezogen? Als »Schätzchen« angesprochen? Mit wenig Geld abgespeist? Für Hilfsarbeiten eingespannt? Und schließlich, weil schwanger, als »Muttertier in spe« abgeschrieben?

Es wird komisch, das verspreche ich Ihnen, wenn auch nicht für Herrn Müller. Vieles, was er als Frau am Arbeitsplatz erlebt, wurde mir exakt so in Karrierecoachings erzählt – und wird in diesem Buch durch seriöse Quellen gestützt. Der Perspektivenwechsel enthüllt: Alle Kolleginnen sind gleich, aber einige Kollegen sind gleicher.

Dass Frauen in den Firmen vor allem zwei Bereiche leiten, die Kaffeemaschine und den Geschirrspüler, dass Mütter in Teilzeit-Jobs gedrängt werden, Chefinnen ihre eigenen Sekretärinnen sind und Julia zum Geburtstag den Friseur-Gutschein bekommt, während sich Julian über das Management-Buch freuen darf: All das ist Realität.

Deshalb enthält jedes Kapitel handfeste Tipps, wie Sie tückische Frauen-Fallen umgehen, Ihre Wünsche durchsetzen und Ihr persönliches Glück finden. Das Bonus-Kapitel am Ende des Buches fasst die Erkenntnisse zusammen – damit Sie nach der Lektüre alles bekommen, was Sie verdient haben. Auch gegen Widerstände.

Lassen Sie uns an einer Berufswelt arbeiten, in der sich kein Mann mehr davor fürchten muss, eines Tages als Frau aufzuwachen; denn Frauen wachen jeden Tag so auf!

Viel Spaß beim Lesen

wünscht Ihnen

Ihr

Martin Wehrle

P.S. Bitte schreiben Sie mir, was Sie in Ihrem Unternehmen als Frau erleben (Kontakt über: www.karriereberater-akademie.de). Oder lassen Sie uns diskutieren, ich komme gerne als Redner oder Podiumsteilnehmer zu Ihrer Veranstaltung: www.wehrle-redner.de

1. Bewerberin mit Klapperstorch:

»Wie darf ich Ihren Bauch deuten?«

In diesem Kapitel lesen Sie unter anderem …

wie Peter Müller, ein gelernter Mann, sein böses Erwachen als Petra erlebt,warum Angela Merkel angeblich vor allem eines gebacken bekommt: ihren Apfelkuchen,warum schöne Frauen vorzugsweise von hässlichen Jobs geküsst werdenund wie sich Schwangerschafts-Spione im Bewerbungsgespräch von hinten anschleichen.

Böses Erwachen: »Wie kommt Petra in mein Bett?«

Als Herr Müller eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer Frau verwandelt. Sein Prachtkörper, im Fitnessstudio mit viel Schweiß erkauft, hatte erheblich an Muskelmasse verloren. Sein Kinn, seit Tagen unrasiert, war glatt wie die verchromte Kühlerhaube eines BMW. Und sein blonder Kurzhaarschnitt, den der Fön schon beim ersten Anhauchen trocknete (das brachte ihm jeden Morgen fünf Minuten zusätzlichen Schlaf!), war zu einer wallenden Mähne mutiert.

Ängstlich glitt seine Hand unter die Decke, aber das, was er an seinem Körper zu finden hoffte, fand er nicht mehr. Stattdessen hatte ihn sein Schicksal – oder wer immer sich hinter diesem üblen Scherz verbarg – mit Merkmalen ausgestattet, die er immer schon geschätzt hatte, wenn auch nur an weiblichen Körpern. Vorsichtig hob er die Decke und blinzelte an sich hinab. Was er da sah – den Körper einer jungen Frau, gar nicht schlecht gebaut –, hätte er unter normalen Umständen begrüßt, erst recht in seinem Bett.

Heute nicht! Seine Gedanken rasten wie Flipperkugeln durch den Kopf. Was, zum Teufel, war über Nacht mit ihm passiert? Fand sein Schicksal es etwa komisch, ihm ein Frauenleben als Höchststrafe aufzubrummen, statt ihn mit einem blauen Auge, etwa einem qualvollen Foltertod, davonkommen zu lassen?

Er schloss die Augen, um vor der Wirklichkeit zu fliehen, doch die Flipperkugeln in seinem Kopf dröhnten umso lauter: Würde er – wenn er blieb, was er jetzt war – überhaupt weiter als Marketing-Leiter arbeiten können? Oder lief er Gefahr, in einem Frauenberuf entsorgt zu werden, um zahnlosen Alten den Brei zu füttern, ungezogene Kinder wie eine Schafherde über Spielplätze zu treiben oder nörgelnden Patienten ihre Rezepte gegen Fußpilz auszuhändigen, natürlich vom Herrn Doktor unterschrieben? Würde sein stattliches Gehalt, eine Hausnummer, hinter der sein dickes Ego residiert hatte, nun den Sinkflug antreten? Und würden ihm demnächst, wenn er zum Kopierer lief, die Kerle mit Stielaugen auf den Hintern glotzen?

Stopp! Dieser Gedanke zeigte, dass er bereits in die Falle gegangen war. Wie kam er darauf, selbst zum Kopierer laufen zu müssen? Eigentlich hatte er sich die Kopien doch immer von Frau Neuner, seiner Sekretärin, machen lassen! Aber würde er künftig noch Chef sein und ein Sekretariat dirigieren? Er war 35 Jahre alt, hatte BWL studiert und seinen Job als Marketing Director vor einem halben Jahr gekündigt, um mit seinem besten Freund Jan durch die Wüste von Dakar zu brettern, eine Männertour auf Motorrädern, deren Motoren lauter als Löwen gebrüllt und Staub bis zum Himmel gewirbelt hatten. Genau sein Geschmack!

Und nun, frisch von der Reise zurück, wollte er seinen Durchmarsch als Bewerber starten. Der Fahrstuhl sollte sich nach oben bewegen, gerne ins Stockwerk der Bereichsleiter. Der Zeitpunkt, da ihn das Frausein übermannte, hätte ungünstiger nicht sein können.

Die Flipperkugeln in seinem Kopf rollten rückwärts, in die Vergangenheit: Er sah sich an einem Tisch thronen, eine Bewerbungsmappe vor sich, auf die er kritisch linste; sah, wie er Einstellungsgespräche mit jungen Frauen führte, die seinem Chefblick so hilflos ausgeliefert waren wie ein Reh auf der Straße dem Autoscheinwerfer.

Eine seiner Lieblingsfragen von damals: »Ist es für Sie denkbar, langfristig auf Teilzeit umzustellen?« Gemeint war natürlich: »Planen Sie Kinder?« (Was man ja so direkt, der blöden Gesetze wegen, nicht fragen durfte!) Und wehe, eines dieser dummen Muttertiere in spe hatte freudestrahlend bejaht. Dann hatte sie erstens bewiesen, dass ihr Intelligenz-Quotient weit unter dem Gefrierpunkt lag, denn sie hatte seine Frage nicht durchschaut; und zweitens, dass sie keine Arbeitsergebnisse produzieren wollte, nur Kinder. Fast immer hatte er junge Männer vorgezogen. Seine Abteilung wollte er sich nicht vom Bauch einer Schwangeren sprengen lassen.

Und nun? Nun flehte er sein Schicksal an, den Scherz in die umgekehrte Richtung zu treiben und ihn zurück in einen Mann zu verwandeln! Denn er wusste, dass es auf dem Weg zu einer Spitzenposition eine Reihe überwindbarer Hindernisse gab – man durfte inkompetent, dumm oder eine emotionale Blindschleiche sein –, aber auch ein unüberwindbares Hindernis: nämlich, dass man nicht Peter hieß (wie er bis zum heutigen Tage), sondern Petra (wie er, so beschloss Herr Müller, vorerst ab heute). Männliche Chefs, so behaupteten Wissenschaftler, zögen Bewerber nach ihrem Ebenbild vor, also lupenreine Männer.[1]

Natürlich hatte er solche Studien für Blödsinn erklärt, für geschickte Lobbyarbeit von Frauen, die zwischen Windeln wechseln und Bügeln nichts Besseres zu tun hatten, als Männer in die Pfanne zu hauen. Und allein das Wort »Frauenquote« hatte ihm Geräusche entlockt, die denen seines Motorrads in der Wüste glichen.

Das Problem, in dem er jetzt steckte, war eindeutig ein Frauenkörper. Woher sollten die anderen Männer wissen, dass er einer von ihnen war? Bestand nicht die Gefahr, dass man ihn über einen Kamm mit allen Frauen dieser Erde scherte?

Das Stichwort »Kamm« brachte ihn auf eine Idee. Er stand auf und watschelte – die neuen Füße waren viel zu klein! – vor den Spiegel im Badezimmer. Eine Frau schaute ihn an, die hübsch gewesen wäre, hätte nicht der Schock ihr Gesicht zu einer Grimasse verzerrt; eine Frau, die er nie zuvor gesehen hatte, 20 Zentimeter kleiner als sein einstiges Gardemaß von 1,88 Meter.

Geblieben aus seinem alten Leben waren ihm nur die Haarfarbe (sehr blond), die Augenfarbe (sehr blau) und, so hoffte er, sein Gehirn (sehr klug!).

Herr Müller torkelte zurück ins Bett und murmelte »Gute Nacht!« In der Hoffnung, als Mann wieder aufzuwachen, sank er erneut in tiefe Träume; sie waren unruhiger als zuvor.

Ein Überfall am Morgen

Ein süßes Glockenspiel, fern und leise, umschlich seine Ohren. Das Geräusch schwoll an und senkte sich in seinen Kopf. Ein Hubschrauber beim Landeanflug, sein Bett vibrierte, der Schlaf fiel von ihm ab.

Die Türglocke! Wer konnte das sein, so früh? Die Bewegung, mit der Herr Müller hochschoss, war ein Sit-up aus dem Bilderbuch. Der Morgen lag golden im Zimmer, kitzelte Herrn Müllers Gesicht und verhing seinen Blick. Der Morgen? Das war sein blondes Haar! Mit einer Armbewegung, als wollte er sich ohrfeigen, fegte er sich die ungewohnte Mähne aus dem Gesicht.

Verdammt, das Schicksal hatte seine Reklamation abgelehnt und den Frauenkörper nicht zurückgenommen! Er war nicht mehr Peter, er war …

Weiter kam er in Gedanken nicht, denn nun rüttelte ein Überfallkommando an seiner Haustür. Eine Stimme, romantisch wie ein Wasserrohr-Bruch, ergoss sich durch die Tür: »Peter, du Penner! Es ist 11 Uhr! Liegst du etwa noch im Bett? Wir sind verabredet zum Joggen. Mach auf!«

Das war Jan, sein bester Freund! Instinktiv zog er seine Bettdecke nach oben, denn aus Hunderten Gesprächen wusste er, worauf sich die Wertschätzung seines Freundes bei Frauen konzentrierte. Nein, so würde er ihm nicht vor die Augen treten können, nie im Leben. Er stand auf, wankte – verdammt, die kleinen Füße! – zur Tür und sagte: »Ich kann heute nicht!«

Das hätte er besser unterlassen! Seine Stimme klang wie der Lockruf einer Meerjungfrau, hell und verführerisch. »Oh«, sagte Jan überrascht, »ich wusste nicht, dass Peter Besuch hat. Das sieht ihm wieder ähnlich, diesem alten Aufreißer!«

Herr Müller erstarrte. Hoffentlich würde sein Freund sich abwimmeln lassen.

»Schick ihn mir mal eben an die Tür«, sagte Jan, »ich muss ihn sprechen.«

»Das geht nicht, er ist … er ist gerade unter der Dusche.«

»Kein Problem, ich warte. Aber lass mich rein, Himmel Donnerwetter, es ist kühl und windig.«

Herr Müller verharrte. Jan begann, wieder an die Tür zu klopfen, kurz und rhythmisch und immer schneller. Herr Müller hielt die Luft an, bis er begriff: Es kam von innen, dieses Klopfen; das war sein Herz! Es schien wild entschlossen, ihm die weibliche Brust zu sprengen oder, falls das nicht gelänge, den Fluchtweg durch die Ohren zu nehmen.

»Er kann jetzt wirklich nicht!«, stieß Herr Müller hervor, und seine Stimme klang so dünn, dass er Mickey Mouse hätte synchronisieren können. »Er ist, wie soll ich sagen, in schlechtem Zustand.«

»Er hat gesoffen. Na und? Glaubst du, wir trinken zusammen nur rosa Kinderbrause?«

»Wenn du jetzt nicht gehst, dann gehe ich. Das wird Peter nicht gefallen!«

»Soll das eine Erpressung werden?«

Herr Müller durchwühlte seinen Kopf nach Worten, aber fand keine.

»Schon gut, schon gut«, sagte Jan. »Dann richte ihm einen Gruß aus: Er soll sich bei mir melden.«

Herr Müller hörte, wie sich Jans Schritte von der Tür entfernten. Dann kamen sie zurück: »Übrigens, ich bin Jan! Er soll sich bei Jan melden. Kennen wir uns eigentlich? Oder sollten wir uns kennenlernen?« Als Jan keine Antwort bekam (und auch – wider Erwarten – keine Handynummer unter der Tür hindurchgeschoben wurde, obwohl er den schönsten Romeo-Schmelz in seine Stimme gelegt hatte), joggte er mit hallenden Schritten davon.

Wenn Frauen gegen Mauern laufen

Herr Müller watschelte an seinen Kleiderschrank und schlüpfte in einen Pulli, der so groß war, dass er ihn als Fallschirm hätte nutzen können. Und seine Hausschuhe, Größe 46, fanden es lustig, sich beim Laufen immer wieder von seinen Füßen – er schätzte, Größe 39 – zu verabschieden. Kein Zweifel, er musste sich neu einkleiden.

Aber zuerst wollte er sondieren, was ihn – falls sein dämliches Schicksal stur bleiben sollte – in einem Berufsleben als Frau erwartete. Sicher hatte er heute Morgen, im ersten Schock, die Welt zu schwarz gesehen. Männerplanet? Ach was! Die Deutschland AG, Sitz Berlin, wurde doch von einer Kanzlerin geführt! Das wies schließlich darauf hin, dass die Gleichberechtigung mit Siebenmeilen-Stiefeln durchs Land eilte.

Zwar wurde die Kanzlerin »Mutti« gerufen, und jeder zweite Bericht über sie handelte von einem fröhlichen Landleben mit ihrem hausgemachten Apfelkuchen (Rezept streng geheim!). Aber manchmal gestand die Presse der Kanzlerin auch Tiefgang zu, etwa bei der Wahl ihres Ausschnitts in Bayreuth oder der Position ihrer Mundwinkel.

Außerdem: Zog nicht das ganze Land den Hut vor der wichtigsten Personalentscheidung ihrer politischen Karriere, dem Friseurwechsel zu Beginn? Und wenn die Medien mal wieder einen Steckbrief im Fußballstadion aushängten, durfte man sicher sein, dass sie nach Merkels Mann, einem gewissen Professor Sauer, fahndeten (warum weigerte er sich bloß, die Frau an ihrer Seite zu sein?).

Aber deshalb von Klischees, Rückständigkeit oder gar Frauenfeindlichkeit zu sprechen – nur weil man Gerhard Schröder nicht hätte »Papi« nennen können, ohne selbst als infantil zu gelten –, wäre nach Herrn Müllers Gefühl doch entschieden zu weit gegangen. Denn Angela Merkel, das wusste jeder, hatte den größtmöglichen Aufstieg hingelegt: von »Kohls Mädchen«, leibeigen, zu »Deutschlands Mutti«, volkseigen. Das war doch schon was!

Na also, redete sich Herr Müller ein, die Chancen für Frauen standen gar nicht so schlecht! Vielleicht auch in der freien Wirtschaft. Klar, vor 25 Jahren hatte man noch von der »gläsernen Decke« gesprochen. Aber mittlerweile trugen die Arbeitgeber doch rosa Kleider, mittlerweile wurden führungswillige Frauen händeringend gesucht, zur Not sogar mit dem Sieb einer Quote.

Als Betriebswirt hatte Herr Müller gelernt, sich auf ZDF zu verlassen, auf Zahlen, Daten, Fakten. Er tippelte ins Arbeitszimmer, ließ sich auf den Schreibtischstuhl sinken, der leise aufstöhnte, und warf den Computer an. Dann tippte er – gar nicht so leicht mit diesen langen Fingernägeln! – in die Tastatur: »Frauen Beruf Chancengleichheit.« Sofort ploppte ihm der Artikel eines Karriereberaters – A. Diesel hieß der Typ – entgegen. Die Überschrift machte ihn neugierig, er begann zu lesen.

Die Lüge von der Chancengleichheit

Bomben-Karriere: Frauen im Minenfeld

Wir Deutschen haben es geschafft, die Berliner Mauer einzureißen, aber eine andere Mauer steht noch. Sie zerschneidet die Berufswelt in zwei Hälften: das Karriere-Land, für ihn, und das Nicht-Karriere-Land, für sie. Wer als Frau die Seite wechseln will, muss sich über die grüne Grenze schleichen, sonst droht offenes Feuer.

Feuer droht durch Journalisten, wenn sie jede Managerin im Interview fragen: »Wie bringen Sie Beruf und Kinder unter einen Hut?« Das Gerichtsverfahren ist eröffnet, die Angeklagte hat das Wort. Und die Richter lauern darauf, welches Delikt sie denn nun eingesteht: Leiden die Kinder? Oder leidet der Beruf? Dagegen wird der Manager, der das gerahmte Foto seiner Kleinen auf dem Schreibtisch präsentiert, natürlich gefragt: »Wie schaffen Sie es, genug Freizeit mit Ihrer Familie zu verbringen?« Worauf er, selbst wenn er seine Familie nur noch vom Hörensagen kennt, die rührende Geschichte vom frühen Feierabend am Freitag erzählt.

Feuer droht durch eine Gesellschaft, die immer noch durch die Brille der Geschlechter-Klischees schaut: Ein frischer Vater, der seine Arbeitszeit steigert, gilt als guter Versorger; eine Frau, die dasselbe tut, als Rabenmutter. Ein Mann, der für seine Ziele kämpft, gilt als durchsetzungsstark; eine Frau, die dasselbe tut, als verbissen und zickig. Und was »gute Rhetorik« wäre, aus seinem Mund, sind bei ihr nur »Haare auf den Zähnen«.

Feuer droht auch durch Firmen, die eine Führungsposition immer noch als Altar betrachten, vor dem eine(r) täglich zwölf Stunden zu beten hat, natürlich in Vollzeit und Anwesenheit. Gleichzeitig bezahlen und befördern die Unternehmen nicht nach erbrachter Leistung, sondern nach gesprochener: Wer mit der Verbal-Pistole wedelt und Forderungen stellt, wie es viele Männer tun, erbeutet mehr Ansehen, mehr Gehalt, mehr Macht. Wer erstklassige Leistungen bringt und erwartet, von alleine dafür belohnt zu werden, wie es viele Frauen tun, dem geht es wie im Märchen: Und wenn sie nicht gestorben ist, dann wartet sie noch heute!

Und zu guter Letzt droht Feuer, das Frauen auf sich selbst eröffnen. Was tut ein Mann, wenn er eine Absage auf seine Bewerbung bekommt? Er schimpft auf den Entscheider. Was tut eine Frau? Sie fragt sich, was sie falsch gemacht hat. Was tut ein Mann, wenn er einen kleinen Erfolg erzielt hat? Er hängt ihn an die große Glocke. Was tut eine Frau? Sie präsentiert das Haar in der Suppe und verspricht, sich beim nächsten Mal zu steigern.

Und wenn eine berufstätige Frau ihre Qualitäten als Mutter einschätzt, vergleicht sie sich nie mit dem Vater des Kindes, wobei sie vorzüglich abschnitte, sondern immer mit Vollzeit-Müttern!

Der Sozialismus in Deutschland ist mit der Berliner Mauer gefallen, die real existierende Männerwirtschaft blüht. Ihr Zentralrat muss ein Aufsichtsrat sein, ein reines Männergremium. Oder wie erklärt es sich sonst, dass man bei den 200 größten deutschen Unternehmen 25 Vorstandstüren öffnen muss, bis man die erste Frau findet – dass also nur vier Prozent der Vorstände weiblich sind?[2] Wie kommt es, dass in der Lohntüte der Frauen ein großes Loch klafft, durch das 21 Prozent des durchschnittlichen Männergehaltes rieseln, womit Deutschland Europameister in Gehalts-Diffamierung ist?[3] Und wie passt es zu einer modernen Gesellschaft, dass über 80 Prozent der Teilzeit-Stellen von Frauen bekleidet werden – während Männer bei den Arbeitszeiten so gut wie nie halbe Sachen machen?[4]

Genug! Herr Müller konnte es nicht mehr lesen, dieses Gewäsch eines Berater-Fuzzis. Zwar mochten die Zahlen stimmen, aber der wichtigste Punkt versteckte sich ganz am Ende des Textes: Was die Frauen vom Erfolg trennt, waren sie selbst! Die Spielregeln der Karrierewelt hatten sie nicht begriffen. Erst über die eigenen Füße stolpern und dann die Schuld bei den Männern suchen, das ging gar nicht!

Herr Müller presste seinen Körper gegen die Lehne seines Bürostuhls, schloss den Browser und öffnete seine Bewerbungsunterlagen. Vom Deckblatt schaute ihn ein Mann mit blondem Kurzhaarschnitt an. Fremd kam ihm dieser Typ vor, fast exotisch. Aber nicht nur das: Er fand ihn sympathisch, gut aussehend, ja sogar … Hatte er jetzt »süß« gedacht? Verlegen zwirbelte er eine Haarsträhne zwischen Daumen und Zeigefinger. Aber nein, er fühlte sich nicht zu Männern hingezogen, ganz bestimmt nicht! Schließlich lag es ihm fern, Vorstandsvorsitzender eines Drei-Personen-Haushalts zu werden, an den nur ein schreiendes Baby berichtete, während der Etat vom Mann des Hauses verteilt wurde! Er wollte zurück in eine Führungsposition. Er war gelernter Mann, er würde das schaffen. Auch als Petra Müller. Und ganz sicher ohne Apfelkuchen!

Und so begann er, seine Bewerbungsunterlagen zu überarbeiten.

Warum Schönheit den Aufstieg bremst

Dass es so leicht ist, ein Zeugnis zu fälschen, hätte Herr Müller nie gedacht. Es brauchte nur einen erstklassigen Scanner (den hatte er), ein Bild-Bearbeitungs-Programm (das lud er sich runter) und eine doppelte Portion kriminelle Energie (die er, zugegeben, noch auf Vorrat hatte). Je länger er arbeitete, desto dichter führte er seinen Kopf an den Bildschirm, um als Fälscher bloß keine Spuren zu hinterlassen.

Nach drei Stunden waren ihm die weiblichen Formen, die seinen Körper schon erobert hatten, auch sprachlich gewachsen: »Peter« hatte sich zu »Petra« verwandelt, »Herr« zu »Frau«, »Mitarbeiter« zu »Mitarbeiterin«. In letzter Sekunde – das hätte er fast übersehen! – kam »der Vorgesetzte« für eine Geschlechtsumwandlung unters Messer, bis »die Vorgesetzte« übrig blieb.

In den Arbeitszeugnissen hatte er auch die restlichen Texte verändern müssen, weil die Wortlänge nicht mehr aufging. Das kam ihm gerade recht: Nun sagten ihm seine Ex-Chefs nicht mehr »gute Führungseigenschaften« nach, sondern »exzellente«. Die »stets volle Zufriedenheit« war angeschwollen zur »stets vollsten«, der letzte Jahresetat unter seinen Fittichen von drei auf neun Millionen explodiert. Und seiner Abteilung aus zwölf Leuten waren neun neue Köpfe gewachsen. Nebenbei hatte er seine BWL-Abschlussnote, eine fade 2,5 (er hatte damals vor allem das Nachtleben studiert!), in eine strahlende Eins verwandelt.

Den Kopf so dicht am Bildschirm, als wollte er ihn küssen, ging er seinen Lebenslauf noch einmal durch: 35 Jahre, ledig (und zurzeit Single!), Abitur auf dem zweiten Bildungsweg (Note 2,3), BWL-Studium an einer Fachhochschule (fünf Jahre, bis zum 25. Lebensjahr), erster Arbeitsplatz im Marketing eines Konzerns (zwei Jahre), zweiter Arbeitsplatz als Produktmanager eines Mittelständlers (drei Jahre) – und schließlich sein Wechsel zu dem Reifenhersteller Sander GmbH, wo er schnell den Sessel des Marketing Directors erobert und fünf Jahre gearbeitet hatte, bis zu seiner Motorradtour.

Sein neues Zeugnis beförderte ihn zum »Marketing Director International«, damit niemand auf die Idee kam, seine Marketing-Aktivitäten hätten nie einen Fuß ins Ausland gesetzt (auch wenn das leider so war!). Und aus der Motorradtour, die er eigentlich als Selbstfindungs-Trip hatte präsentieren wollen, machte er eine Sprachreise; schließlich wollte er nicht als Mannsweib gelten.

Zufrieden grinste Herr Müller. Hieß es nicht immer, dass Frauen so viel Wert aufs Frisieren legten? Er hatte sich gerade als Meister darin erwiesen! Mit diesen Bewerbungsunterlagen würden sich die Führungstüren vor ihm schneller öffnen, als er daran klopfen könnte.

Mit einer eleganten Bewegung ließ er seinen Bürostuhl an den Rand des Schreibtisches gleiten. Der Drucker spuckte stotternd Blatt für Blatt aus. Alles perfekt, bis auf … Ach ja, der blonde Typ auf dem Deckblatt! Er markierte das Foto auf dem Bildschirm und drückte die Enter-Taste. Das Gesicht löste sich auf, eine weiße Fläche blieb.

Herr Müller hielt inne. Und schluckte. War sein altes Leben nicht wie dieses Bild verschwunden? Hatte sich das übermütige Schicksal letzte Nacht womöglich auf der großen Tastatur vertippt? Und war es jetzt zu stolz, den Fehler einzugestehen und den reklamierten Frauenkörper gegen das Vorgängermodell umzutauschen (er hoffte immer noch, zurück in sein altes Leben zu dürfen)?

Eine Sekunde lang spielte er mit dem Gedanken, seine Bewerbung ohne Foto zu verschicken – schließlich ergab sich aus dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, dass kein Arbeitgeber mehr Fotos von Bewerbern anfordern durfte.[5] Aber dann fiel ihm ein, was er selbst als Chef gedacht hatte, wenn sich Frauen mit einem Deckblatt ohne Foto bewarben: »Die hat bestimmt gute Gründe, kein Bild von sich zu schicken!«

Wer als Frau über den Rummel gehen konnte, ohne gleich für die Geisterbahn geworben zu werden, hätte sich die Chance eines Fotos niemals entgehen lassen – und sei es, um einen Vorwand zu haben, das Badezimmer mal wieder zwei Stunden zwecks Kriegsbemalung zu blockieren (wie oft hatte ihn seine Ex Katja Hansen, eine Zeitungs-Redakteurin, zur Verzweiflung gebracht, weil sie ihren ersten Wohnsitz ins Bad verlegte!).

Bei männlichen Bewerbern ohne Foto wäre er hingegen nie auf die Idee gekommen, sie unter Hässlichkeits-Verdacht zu stellen: »Wahrscheinlich nervt es ihn, sich mit einem Dauergrinsen fotografieren zu lassen. Geht mir auch so!«

Und bei allzu schönen Bewerberinnen warf er als logischer Denker die Frage auf, wie wahrscheinlich es war, dass jemand im Lotto der Natur gleich zweimal sechs Richtige zog, beim Gesicht und beim Gehirn?

Es war wie in der Schule: Zwei Talente auf diametralen Feldern, etwa für Mathematik und für Deutsch, schlossen sich nahezu aus. Außerdem fürchtete er, dass eine solche Frau nur über den Gang zu spazieren brauchte, um die Männerhirne in den angrenzenden Büros vollends abstürzen zu lassen, die Frauen in den Zickenkrieg zu treiben und die Arbeit in eine Nebenrolle zu drängen.

Er musste an eine Studie israelischer Wirtschaftswissenschaftler denken, die ihm Jan kürzlich gemailt hatte: Bewarb sich ein attraktiver Mann (wie er es bislang war!), so verdoppelten sich seine Chancen, eine Einladung fürs Vorstellungsgespräch zu bekommen. Lohn der Schönheit! Das Gegenteil traf auf attraktive Frauen zu: Sie bekamen ihre Schönheit durch Absagen quittiert.[6] Aschenputtel war gefragt, Schneewittchen fiel durch.

Um zu prüfen, in welche Kategorie er als Petra fiel, trat Herr Müller erneut vor den Spiegel. Sein Anblick – war das wirklich er? – verwirrte ihn. Ein Frauengesicht, dessen Haut so glatt und ebenmäßig war, dass die Jahre daran abgerutscht waren (bis auf ein paar winzige Fältchen in den Augenwinkeln). Man hätte ihn für Anfang 30 halten können. Die Stirn, umspielt von einer blonden Mähne, war hoch und wohlgeformt. Die leicht gebräunte Haut schwang sich über erhabene Wangenknochen und tauchte links und rechts in zwei neckische Grübchen. Und schließlich blieb sein Blick an vollen, wenn auch ungeschminkten Lippen hängen, die ein feines Schmollen andeuteten.

Als Aschenputtel, das ahnte Herr Müller, würde er nicht durchgehen.

Wer hat Angst vorm Klapperstorch?

Herr Müller kam sich vor wie ein Feldherr, der zurück auf eine Schlacht blickte, die mit großen Verlusten einhergegangen war: Nervenverlusten! Dabei lag nur ein einziger Tag seines Lebens hinter ihm, sein erster Tag als Frau. Er saß auf dem Ledersofa im Wohnzimmer, den Laptop auf den Oberschenkeln. Auf dem Bildschirm flimmerte eine Mail von Jan:

Hey Peter,

oder darf ich dich untreue Tomate nennen? Kaum läuft dir eine Schnecke über den Weg, lässt du mich alleine durch den Stadtpark laufen! Endet deine Freundschaft an der Bettkante? Nun gut, ich gönn es dir!

Ist die Kleine eigentlich so süß wie ihre Stimme? Besonders helle scheint sie aber nicht zu sein: Als sie sagen wollte, dass du nicht zum Joggen kommst, hat sie von sich selbst gesprochen (»Ich kann heute nicht.«). Wo hast du sie eigentlich aufgegabelt?

Und denk dran: Morgen, 11 Uhr, gehen wir joggen. Diesmal keine Ausreden!

Bis bald, altes Haus!

Jan

Während Herr Müller überlegte, was er antworten sollte, geisterte der Tag seines bösen Erwachens noch einmal durch seinen Kopf. Am Nachmittag war er in die Stadt gegangen, in seiner liebsten Jacke. Die erwies sich plötzlich als so groß, dass die Ärmel seine Hände amputierten. In der Fußgängerzone war er gestolpert und hingefallen, seine viel zu langen Schuhspitzen hatten den Asphalt gestreift, und ein Vater flüsterte seiner kleinen Tochter zu: »Sie ist betrunken, diese Frau! Wahrscheinlich lebt sie auf der Straße. Schau dir nur die große Männerjacke an, die hat sie bestimmt vom Roten Kreuz bekommen.«

Seit wann interessierte sich die Menschheit dafür, was er trug und was er trank? Als Mann hätte er im grünen Kostüm des Außerirdischen durch die Innenstadt torkeln können, auf jeder Schulter ein kleines Raumschiff, ohne schräg angeschaut zu werden. Nie hatten sich Fremde erdreistet, seine Kleidung zu kommentieren oder seinen Schnapspegel zu schätzen (obwohl sich eine solche Schätzung an manchen Tagen, die er mit Jan verbrachte, wahrlich gelohnt hätte!).

Und dann erst der Spießrutenlauf in die Kleiderabteilung des Kaufhauses! Er war sich vorgekommen wie ein Mittelstürmer, der aufs Tor zueilte, aber sofort von einem Verteidiger attackiert wurde. Eine schnippische Verkäuferin sprang ihm in den Weg. Mit ihren Blicken vermaß sie ihn von Kopf bis Fuß. »Kann ich Ihnen helfen?« Den wichtigsten Teil ihres Satzes hatte sie nicht gesprochen, aber er dachte ihn mit: »Kann ich Ihnen vor die Tür helfen?« Offenbar hielt man ihn für eine Pennerin.

Die Verkäuferin bestand darauf, Herrn Müller bei seinem Einkauf zu »begleiten«, was schöner als »beaufsichtigen« klang, aber dasselbe meinte. Als sie ihn, während er in einem Stapel aus BHs wühlte, nach seiner Körbchengröße fragte, schwoll sein Kopf zu einer Farbe an, mit der er alle Rotlicht-Bars der Stadt hätte beleuchten können. Er gab sich die B-Note (und lag damit richtig, dank langjähriger Außen-Expertise), griff sich bequeme Unterwäsche (bloß keinen erotischen Spielkram!), sprengte fast ein 36er Kleid, wechselte dann in ein passendes 38er und spazierte schließlich in Schuhen der Größe 39, natürlich nicht hochhackig, aus dem Laden.

Die nächste Keule hatte ihn im Fotostudio getroffen. Herr Müller war zu seinem Stammfotografen gegangen, für Bewerbungsfotos. Aber der Fotofritze führte ihn nicht vor die Kamera wie sonst, sondern in eine kleine Kabine mit Spiegel (diesen Raum hatte er als Mann noch nie gesehen): »Hier können Sie sich zurechtmachen! Damit Ihre Bewerbung auch Erfolg hat.«

Zurechtmachen? Meinte er damit etwa, dass es sich mit Herrn Müllers neuem Gesicht wie mit einem Sandwich verhielt, dass es ohne Streichkäse aus Rouge, ohne Streugewürz aus Puder, ohne glänzende Zwiebelstreifen aus Lipgloss wertlos wie trockenes Brot war? Und warum hatte derselbe Fotograf nie ein Problem gehabt, ihn als Mann abzulichten mit Augenrändern wie Bierdeckeln, ohne Umweg über den Schminkraum? Der Typ hatte sein Gehirn wohl in der Dunkelkammer gelassen!

Herr Müller rückte auf dem Ledersofa ein Stück nach hinten und klickte die Gedanken des Tages aus seinem Kopf, so wie er jetzt die Mail von Jan wegklickte.

Seine Bewerbung war inzwischen mit einem Foto versehen (er hatte sich tatsächlich ungeschminkt fotografieren lassen, um nicht in die Schneewittchen-Falle zu tappen!), nun lautete die Frage: An welche Firmentüren sollte er klopfen? Seine Hand glitt über die Tastatur, er rief Stellenportale auf und stieß auf ein halbes Dutzend leitender Positionen im Marketing. Auf jede davon wollte er sich bewerben. Seine Qualifikation war so gut, dass es ihn nicht gewundert hätte, mehrere Zusagen zu bekommen – als Peter Müller. Aber als Petra, 35, kinderlos und attraktiv, war er sich seiner Sache nicht mehr so sicher.

Doch dann geschah ein Wunder: Bei einer der Positionen – Marketing-Bereichsleiter bei einem Energie-Konzern – war eine »anonyme Bewerbung« gefragt. Herr Müller zog den Laptop dichter an seinen Körper. Aus der Wirtschaftspresse wusste er, dass Firmen mit dieser neuen Form experimentierten. Der Bewerber musste nur seine Qualifikation offenlegen, nicht aber seinen Namen und sein Geschlecht, sein Alter und seine Herkunft. Studien hatten ergeben, dass von der anonymen Bewerbung vor allem die bedrohten Minderheiten im Land profitieren, sprich Migranten (aus exotischen Ländern) und Frauen (aus einem exotischen Geschlecht).[7]

Herr Müller hielt inne, denn der Umkehrschluss hieß doch, dass alle anderen Unternehmen genau diese Gruppen ebenfalls bevorzugten, wenn auch nur beim Aussortieren! Eigentlich hätte ihn das nicht wundern dürfen, denn er selbst hatte doch die Muttertiere in spe vom Hof gejagt. Aber während er meinte, schlauer als die anderen zu sein, schwamm er offenbar in der Mitte eines großen Konsens-Stroms, dessen Gluckern den Personalverantwortlichen einflüsterte: »Im Zweifel gegen die Frau!«

Und wenn es einen Korridor des Zweifels gab, dann zwischen dem 16. und dem 49. Lebensjahr, jener Zeit, da der Klapperstorch zum Tiefflug ansetzen konnte. Vorher war keine Karriere möglich, weil die Frauen noch zu jung waren, danach keine mehr, weil sie schon zu alt waren. Wie praktisch für die Männerwirtschaft! Aber nicht für Herrn Müller, seit er Petra hieß! Seine 35 Jahre, die er bis dahin als »bestes Alter« gesehen hatte, fühlten sich auf einmal wie ein dampfendes Brandmal auf der Stirn an.

Aber warum sollte er den Tag vor dem Abend schimpfen? Herr Müller ließ seine Finger klappernd über die Tastatur spazieren. In seinem Anschreiben betonte er, »Single aus Überzeugung« zu sein (um die Angst vorm Klapperstorch zu zerstreuen), und brachte seine Bewerbungen auf den Weg, fünfmal als Petra Müller, einmal anonym.

Und nun, als letzte Tat des Tages, tippte er noch eine Mail an Jan:

Hey Jan,

stell dir vor, Petra – so heißt sie – ist bei mir eingezogen! Es war keine Liebe auf den ersten Blick, ich bin morgens mit ihr aufgewacht und musste mich erst an sie gewöhnen. Aber nun sieht es so aus, als ob wir zusammenblieben und keinen Schritt mehr ohne einander gingen.

Wenn du meinst, sie sei nicht helle, irrst du dich. Sie hat die Logik eines Mannes (was ein Segen ist!) und den Körper einer Frau (kein Kommentar!). Du würdest sie mögen.

Was das Joggen angeht: Bitte vorerst ohne mich!

Bis bald

Peter

Von Mäuschen und Zockern

Als Herr Müller die erste Antwort-Mail auf seine Bewerbungen bekam, machte sein Herz einen Sprung, als wollte es aus der Brust hüpfen. Diese Reaktion war völlig übertrieben, denn es handelte sich nur um die Eingangsbestätigung einer Brauerei, bei der er sich als Bereichsleiter Marketing beworben hatte.

Solche Eingangsbestätigungen fühlten sich an, als hätte man einen lange geprobten Heiratsantrag mit Knicks gemacht, der jedoch die erwartete Wirkung verfehlte. Statt einem mit Tränen der Rührung in die Arme zu fallen, antwortete die Angebetete schnippisch: »Ich habe Ihre Bewerbung erhalten, vielen Dank dafür. Bitte geben Sie mir zwei Wochen, ehe ich entscheide, wen ich zum persönlichen Vorstellungsgespräch einlade.«

Herrn Müller war klar: Die Braut hoffte, dass ihr noch ein besserer Typ als er über den Weg lief. Nur vorsichtshalber hielt sie seine Bewerbung in Reserve, als eiserne Ration – so wie Peter Müller sich Frauen warmgehalten hatte, deren Nummer er nur dann wählte, wenn ihn alle anderen versetzt hatten.

Diese grauen Mäuschen hatten vor Freude gepiepst, wenn er sich nach einem halben Jahr mal wieder bei ihnen meldete. Keine schien auf die Idee zu kommen, dass sie nur zweite Wahl war. Sie gingen fest davon aus, er habe sechs Monate sein Telefon umschlichen, mit Herzrasen und zitternder Hand, ehe er es endlich wagte, ihre Nummer zu wählen.

Eines dieser Mäuschen war Sibille gewesen, eine Brünette aus der Buchhaltung. Ihr war es zu verdanken, dass sein Gehalt in nur drei Jahren von 60.000 Euro auf 140.000 Euro explodiert war. Denn Sibille hatte ihm ein kleines Geheimnis des Prokuristen Klaus Eiger gesteckt: Der Herr, ein passionierter Roulette-Spieler, pflegte sich an der Firmenkasse zu wärmen, wenn er mal wieder klamm war. Sibille hatte zufällig herausgefunden, dass Eiger hohe Rechnungen für Beratungs-Dienstleistungen der imaginären Firma »Denkquelle« stellte. Das Geld floss aufs Konto seiner Frau.

Aus lauter Angst um den eigenen Arbeitsplatz, als hätte es selbst etwas ausgefressen, hatte das Mäuschen gegenüber dem Geschäftsführer nicht mal »piep« gemacht. Doch als er, Peter Müller, im Bilde war, spazierte er fröhlich pfeifend in das Büro seines Vorgesetzten. Eiger, dem die Rente auf schnellen Füßen entgegeneilte, sah mit seiner grauen Einstein-Frisur immer aus, als wäre er gerade dem Bett entstiegen, wenn auch im Maßanzug.

»Ich finde, es wird Zeit für eine Gehaltserhöhung«, sagte Peter Müller, während er sich mitten im Raum aufbaute.

Eiger sah aus dem Fenster, wo gerade ein Platzregen aufs Pflaster prasselte. »Und ich finde, wir bräuchten heute besseres Wetter.«

»Ich möchte nicht mehr 60 000, sondern 90 000 Euro.«

»Und ich möchte jetzt einen Regenbogen«, sagte Eiger zum Fenster. »Und danach strahlenden Sonnenschein!«

Peter Müller kam einen Schritt näher. »Ich habe gute Argumente!«

»Ich auch. Dieser ewige Regen kotzt mich an. Und trotzdem lässt sich Petrus von mir nicht beeindrucken.«

»Aber ich kann Sie beeindrucken.«

Eiger wandte sich vom Fenster ab und beugte sich ein winziges Stück nach vorne, wie ein sprungbereiter Panther. »Sapperlot, jetzt mal im Ernst, Müller: Ein Drittel mehr Gehalt, ich bitte Sie! Ihre Kollegen sind schon froh, wenn sie drei Prozent bekommen.«

»Ich habe bessere Argumente.«

»Und ich habe das Gefühl, Sie überschätzen sich!«

Peter Müller setzte ein gefährliches Grinsen auf. »Herr Eiger, mir liegt das Angebot einer steinreichen Firma vor. Das Geld sprudelt auf ihr Konto, ohne dass sie dafür einen Finger krummmacht.«

Eiger quetschte das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, seine Augen verengten sich zu Schießscharten. »Darf ich erfahren, wie diese Firma heißt?«

»Denkquelle …«

Die Gesichtszüge des Prokuristen entgleisten, als hätte ein plastischer Chirurg seine Arbeit auf halbem Weg unterbrochen. Fortan suchte Müller den unglückseligen Zocker alle sechs Monate mit seinen Gehaltswünschen heim. Dem Mäuschen aus der Buchhaltung hatte er vorsichtshalber nichts davon erzählt, sonst wäre es womöglich auf die Idee gekommen, ebenfalls am Gehaltsetat zu knabbern. So hatte er sich ein stattliches Sümmchen angespart, genug für arbeitsfreie Monate und spektakuläre Motorradtouren.

Doch leider stand Klaus Eiger kurz vor der Rente, und wer wollte seinen Ölförderturm schon auf eine versiegende Quelle bauen? Sicher hätte ihn der alte Zocker, wäre er nach seinem Abgang aufgeflogen, mit in den Abgrund gerissen. Deshalb hatte Herr Müller beschlossen, sich eine neue Quelle zu erschließen, aus eigener Kraft als Bewerber.

Zehn Tage nach der Eingangsbestätigung mailte ihm seine potenzielle Braut noch einmal. Die Brauerei-Heinis hatten wohl zu lange im eigenen Starkbier gebadet, denn sie schrieben: »Wir bedanken uns für Ihr großes Vertrauen, das Sie uns durch Ihre Bewerbung entgegengebracht haben.« Wenn es schon Vertrauen brauchte, sich in einem solchen Saftladen zu bewerben, was brauchte es dann, um dort zu arbeiten? Den Mut eines Löwen? Das Gehirn eines Spatzen? Oder gar fortgeschrittene Selbstmord-Absichten?

Die Absage war in einen rhetorischen Zuckerguss verpackt, und am Ende hieß es: »Bitte werten Sie die Tatsache, dass wir uns anders entschieden haben, nicht als Geringschätzung Ihrer Person oder Ihrer Qualifikation.« Die Braut gab ihm einen Korb und fuhr, vor Vergnügen quietschend, mit einem anderen in die Flitterwochen. Und er, der Verschmähte, sollte das »nicht als Geringschätzung seiner Person« werten. Wie denn sonst, bitteschön?!

Herr Müller hätte perfekt zu der Position gepasst, sie war gewissermaßen aus seiner Rippe geschnitzt, wie einst Eva aus Adam. Aber genau hier, fürchtete er, lag der Fehler: Als Mann wäre er gegen die schlimmste aller Krankheiten gefeit gewesen, eine Krankheit, die neun Monate dauerte, mit einem Schrei endete und 18 Jahre nachwirkte. Und diese Krankheit konnte man sich, sofern man eine Frau war, mehrfach im Leben einfangen. Und andere Krankheiten noch dazu, da der schreiende Erreger in den ersten Lebensjahren seine Infektionen abstrahlte wie Atommüll seine Radioaktivität, immer auf die Mutter, die sich ohne Schutzanzug in die Sperrzone Kinderzimmer wagte, Verseuchung garantiert.

Kein Wunder, dass die Arbeitgeber auf Nummer sicher gingen. Und diese Nummer war ein Mann! Er war überzeugt, dass Peter Müller, anders als Petra, ins Vorstellungsgespräch gekommen wäre, sogar ohne frisierte Unterlagen. Aber erst recht mit!

Sein Verdacht formte sich zur Gewissheit, als er auf alle anderen Bewerbungen Absagen bekam, bis auf die anonymisierte bei einem Energiekonzern; hier flatterte ihm eine Einladung ins Haus. Doch wie, in drei Teufels Namen, sollte er während des Vorstellungsgespräches verbergen, dass er eine Frau war und anfällig gegen neunmonatige Krankheiten? (War er eigentlich anfällig dafür? Konnte er jetzt Kinder kriegen? Er schüttelte seinen Kopf heftig, bis dieser merkwürdige Gedanke wieder von ihm abfiel.) Was brachte es, einen Schleier zu tragen, wenn man ihn im entscheidenden Augenblick lüften und Gesicht zeigen musste?

Sicher, die anonyme Bewerbung sorgte dafür, dass – quasi aus Versehen – mehr Alte, mehr Ausländer, mehr Frauen zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden. Aber diese Missgeschicke konnten die Firmen mit Leichtigkeit korrigieren: indem sie nicht vor, sondern während des Vorstellungsgespräches aussortierten. Tschüs Abdullah! Tschüs Alter! Tschüs Antje!

Aber er, Herr Müller, war ja gelernter Mann. Er wusste genau, was er tun musste, um seinen ehemaligen Geschlechtsgenossen den Respekt wie Babybrei einzuflößen – und den Job seiner Träume zu erobern.

Bewerberin trifft Schwangerschafts-Spione

Als Herr Müller merkte, dass sein Vorstellungsgespräch aus dem Ruder lief, war schon alles zu spät.

Den kompletten Morgen hatte er vorm Spiegel verbracht, um sich so zu schminken, dass er ungeschminkt aussah. Doch so fein er den Lippenstift auch zog, jedes Mal glotzte ein Vamp aus dem Spiegel, der sich von frischem Männerfleisch zu ernähren schien. So wenig Rouge er auch auftrug, seine Wangen erglühten wie bei einem hitzigen Liebesspiel. Sein Kajalstrich sah verwackelt aus, als hätte ihn ein Betrunkener gezogen. Und bei dem Versuch, sein Puder-Döslein aus der Nähe zu betrachten, hatte er versehentlich eine weiße Nebelwolke eingeatmet, die ihn jetzt immer wieder niesen ließ.

Die Hälfte seiner Zeit hatte er damit verbracht, sich Schminke ins Gesicht zu kleistern, die andere Hälfte, sie wieder runterzukratzen. Am Ende konnte er sich das Rouge sparen, er hatte so viel auf seinem Gesicht herumgerubbelt, dass es wund wie ein Babypopo war. Und in der Zeit, in der er sein Haar machte, hätte man einen ganzen Hof voller Ponys auf Hochglanz striegeln können. Allmählich ahnte er, was Katja, seine Ex, so lange im Bad getrieben hatte.

Als Mann war er vor wichtigen Terminen nur für einen kurzen Boxenstopp ins Bad abgebogen: eine Minute föhnen, zwei Minuten rasieren, Deo links, Deo rechts. Dann einen kurzen Blick in den Spiegel, um den Schönsten im ganzen Land zu grüßen – hey, Peter, alter Kumpel! – und auf ging’s!

Und erst das Kleiden! Als Mann hätte er die ungeheuer komplizierte Wahl gehabt zwischen dunklem Anzug und dunklem Anzug, Hemd und Hemd, Krawatte und Krawatte.

Aber als Frau – das merkte er jetzt, nach diversen Einkäufen – stand ihm so viel Kleidung zur Auswahl, dass die beste Zeitmanagement-Idee darin bestanden hätte, grundsätzlich im Schlafanzug zur Arbeit zu gehen. Herr Müller verstand nicht, warum es keine Frau Knigge gab, die offiziell festlegte, ob man für wichtige Business-Termine ein Kostüm oder einen Hosenanzug tragen sollte? Ein Kleid oder eine Hose mit Blazer? Oder doch besser einen Rock mit Jacke?

Hinzu kamen wissenschaftliche Fragen, zu kompliziert für einen schlichten Männerkopf: Wenn ein Rock, wie kurz oder wie lang? Wenn ein Ausschnitt, wie tief (um genug zu zeigen) oder wie flach (um genug zu verbergen)? Wenn ein Kleid, wie eng (ohne anzüglich zu sein) oder wie weit (ohne dass frau noch fetter wirkte, als sie sich ohnehin schon fühlte, natürlich ohne es zu sein)? Und wenn Farbe, wie bunt (um nicht als graues Mäuschen durch die Welt zu schleichen) oder wie gedeckt (um kein Go-go-Girl-Image zu erwerben)?

Mit einem Hosenanzug (das war ihm noch am vertrautesten!), einer blauen Bluse (in sehnsüchtiger Erinnerung an seine Hemden!), schwarzen Lackschühchen und einem flauen Gefühl im Magen ging er dann ins Vorstellungsgespräch. Der Raum dämmerte hinter einer zugezogenen Jalousie, dicker Teppich dämpfte die Schritte, die Strahler von der Decke stellten das Make-up auf eine harte Probe. Der Tisch war groß genug für eine Partie Tischtennis.

Ihm gegenüber hatten sich zwei Herren breitgemacht: Markus Otten, der Personalchef, ein rundlicher Typ mit Glatze, und Karl Schlagetter, der Marketing-Vorstand des Energie-Konzerns, ein älterer Herr mit rotem Einstecktuch.

Die beiden Firmenvertreter nahmen den Begriff Vorstellungsgespräch wörtlich: 15 Minuten lang, ohne Atempause, stellten sie sich und ihre Firma vor, ein Heldenepos. Sie redeten den Strom ihres Energiekonzerns grün (»Unser wichtigster Kooperationspartner ist die Sonne!«), die Hierarchie zum Flachland (»Bei uns ist jeder Mitarbeiter eine Art Manager!«), die Gewinnabsicht zur Nebensache (»Wir sind Vorreiter einer gesellschaftlichen Entwicklung, der Energiewende!«) und den Job des Bereichsleiters Marketing zur spannendsten Aufgabe seit Erfindung der Arbeitswelt.

Aber die höchsten Eigenlob-Gesänge stimmten sie an, als sie über die anonymisierte Bewerbung sprachen. Ihre Anzüge staubten vor lauter Schulterklopfen. Am Ende meinte Personalchef Otten: »Die anonymisierte Bewerbung stellt sicher, dass wir niemanden ausgrenzen, nicht einmal Behinderte.«

Ach ja, seine Behinderung! Für ein paar Sekunden hatte Herr Müller vergessen, dass er hier als Frau saß.

Otten sah ihn streng an. »Nun müssen Sie uns einmal erklären, wie Sie Marketing Director International geworden sind, mit nur 35 Jahren?«

Herr Müller hatte sich vorgenommen, die selbstbewusste Erzählweise eines Mannes anzuschlagen. Er reihte Erfolg an Erfolg, Großtat an Großtat. Stets war es seine Hand, die Wasser zu Wein und Probleme zu Lösungen machte. Doch gerade, als er zu einem neuen Husarenstreich anhob, fiel ihm der Geschäftsführer Schlagetter ins Wort: »Sie leiden nicht gerade unter einem akuten Mangel an Selbstbewusstsein.«

»Dann passen wir gut zusammen«, gab Herr Müller mit einem Augenzwinkern zurück. Er lachte herzhaft. Doch die beiden Herren lachten nicht (wie sonst unter Alpha-Männern bei solchen Sprüchen üblich), sondern zogen empört die Augenbrauen nach oben. Die Strahler von der Decke blendeten noch etwas greller.

Stimmt, er war ja Frau! Hatte Diesel, dieser Karriereberater, in seinem Artikel nicht geschrieben: Wenn eine Frau dasselbe wie ein Mann tut, wird es anders bewertet?

Herr Müller ahnte, dass er sich bremsen musste. Indem er sich klein und den Herren Komplimente machte, die sie gierig aufsogen, stellte er die Hackordnung wieder her. Schließlich spielte er seinen Trumpf aus: Er skizzierte einen beachtlichen Katalog an Marketing-Maßnahmen, die er sich für den Energie-Konzern ausgedacht hatte, unter anderem eine Kampagne mit einem grünen Strommännchen, das an einer Ampel die Fahrt für die Energiewende freigab. Die beiden Herren waren angetan, das Gespräch schien sich zu wenden.

Bis Herr Otten unvermittelt fragte: »Können Sie sich auf längere Sicht vorstellen, auch in Teilzeit zu arbeiten?«