Vielleicht am Meer - Claudia Bose - E-Book

Vielleicht am Meer E-Book

Claudia Bose

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Beschreibung

Was ist Liebe? Mariana von Weiden, Geschäftsführerin der Weidenhof Frucht GmbH, liebt den Hof ihrer Familie in der niedersächsischen Heide, die Erdbeerfelder, die Weite und den Rhythmus der Natur. Hier fühlt sie sich sicher und zu Hause. In ihren Liebesbeziehungen hingegen ist sie sich in gar nichts sicher. Die erste Beziehung, die so überhaupt nicht in ihr geordnetes Leben zu passen scheint, erlebt sie mit dem Berliner Musiker Paul, der mit voller Wucht einiges in ihrer Welt durcheinanderwirbelt – und dann sang- und klanglos wieder daraus verschwindet. Dieses Ende noch nicht verarbeitet, trifft sie bereits den nächsten charismatischen Musiker: Daniel. Zwischen ihnen baut sich eine besondere Verbindung auf, der sie beide nicht recht vertrauen können. Zu prägend sind vergangene Erinnerungen. Wie viel Mut braucht es, sich auf das große Abenteuer Liebe einzulassen? Mariana, Daniel und die Menschen um sie herum loten jeder auf seine Art die Untiefen dieser Frage aus. Dabei kommt sich Mariana langsam selbst auf die Spur und begreift : Sie muss aus ihrem Schneckenhaus raus, wenn aus dieser besonderen Verbindung zwischen ihr und Daniel mehr werden soll. Doch sie ist nicht die Einzige, der Daniel begegnet ist. „Vielleicht am Meer“ ist eine Spurensuche, auf der Bühne und Backstage, zwischen der niedersächsischen Heide und der internationalen Musik-Szene – und irgendwo zwischen Herz und leider auch Schmerz, ohne rührselig zu werden.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

Danksagung

if not with you

how can I find the ocean floor

if not for you

what do I need this body for

(Diorama, »Truth and Movement«)

Prolog

Mariana blickte sich um. Der Raum strahlte geschäftsmäßige Hochwertigkeit aus: weiße Wände, ein heller Besprechungstisch, Echtholzstühle mit beiger Polsterung, Sideboards aus demselben Holz. An den Wänden hingen Reproduktionen, Grünpflanzen standen in allen Ecken des Raumes. Die Herren waren bereits anwesend, zwei Vertreter der Bank und der Vorsitzende des Landesbauernverbandes. Dieser vertrat die Bauern, von denen die Weidenhof Frucht GmbH zusätzlich zu ihrer eigenen Produktion die Beeren für ihre Fruchtaufstriche bezog.

Nach dem Händeschütteln und dem Austausch von Belanglosigkeiten setzten sich alle und kamen zügig zum Grund ihrer Zusammenkunft. Der Herr, der Mariana als Abteilungsleiter für Investitionsvorhaben bereits aus früheren Gesprächen mit der Bank bekannt war, sprach Marianas Vater an und bat ihn um den Vortrag seines Anliegens. Hans von Weiden erklärte: »Kaufmännische Geschäftsführerin der Weidenhof Frucht GmbH ist meine Tochter, Mariana von Weiden. Sie übernimmt die Präsentation.« Damit lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und nickte Mariana zu.

Mariana verteilte Unterlagen und sprach von dem Wandel, den sie mit der Weidenhof Frucht GmbH anstrebten. Die Auslastung der neuen Fertigungs- und Abfüllanlage sollte nicht mehr mit Fremdprodukten sichergestellt werden. Die eigene Produktpalette des Weidenhofes sollte deutlich ausgebaut, die produzierte Menge immens erhöht werden. Dafür waren die Verträge zur Produktion von Fremderzeugnissen zu kündigen, der Zukauf von Obst aus der Region war enorm zu erhöhen und vor allem musste eine neue Tiefkühlhalle gebaut werden, um die Früchte lagern und somit das ganze Jahr über frisch produzieren zu können.

Noch während Mariana sprach, baute sich eine Mauer vor ihr auf. Die Herren stellten keine sachlichen Fragen, sondern blätterten nur unbestimmt in den vor ihnen liegenden Unterlagen. Mit jedem Satz wurden sie unruhiger.

Nachdem sie ihre Präsentation beendet hatte, wandte sich der Abteilungsleiter der Bank direkt an ihren Vater: »Herr von Weiden, wir haben Ihr Konzept bereits vorab diskutiert und sind uns einig: Die Vergrößerung der Produktionsanlage haben wir noch mitgetragen, Sie sind durch Fremdproduzenten sehr gut ausgelastet. Das ist jetzt noch nicht einmal zwei Jahre her, die Anlage hat sich längst noch nicht amortisiert. Wir haben Bedenken, dass Ihr Ruf als Familienbetrieb und Qualitätsproduzent durch diese Vergrößerung bereits in Mitleidenschaft gezogen wurde.«

Der Vorsitzende des Landesbauernverbandes ergänzte: »Hans, du bist doch einer von uns. Du weißt, wie wir alle zu kämpfen haben, auch wenn regionale Produkte wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Die ansässigen Obsthöfe würden dir gerne ihre Ernten verkaufen, allerdings stellst du fast überzogene Qualitätsansprüche, die sehr hohe Kosten verursachen. Meinst du wirklich, es sei möglich, die Produktion auf solch große Mengen auszudehnen, wie ihr sie für eure Pläne benötigt? Es tut mir leid, das so direkt sagen zu müssen, aber du bist doch selbst Obstbauer und vielleicht solltest du dich auch wieder darauf besinnen. Darin bist du einer der Besten von uns.«

Keiner hatte bisher das Wort direkt an Mariana gerichtet. Oder eine Frage gestellt. Mariana stand nun auf. »Meine Herren, ich weiß, Sie schätzen alle meinen Vater sehr. Er hat unser Unternehmen zu dem gemacht, was es heute ist. Und er hat erkannt, dass es Stillstand ist, der uns jedes Jahr um unser Überleben kämpfen lässt. Ja, wir sind Kämpfer. Aber lieber kämpfen wir uns nach vorn als gegen Windmühlen. Keiner kann heute mehr Bauer bleiben, ohne auch Ingenieur und Ökonom zu sein. Mein Vater hat das erkannt. Deshalb hat er gute Ingenieure in sein Unternehmen geholt. Und er hat gesehen, was meine Ausbildung aus mir gemacht hat. Deshalb hat er mich als kaufmännische Geschäftsführerin aufgenommen und die Weidenhof Frucht GmbH zu unserem gemeinsamen Unternehmen gemacht. Lassen Sie uns zusammen unser Konzept auf Herz und Nieren prüfen. Gerne beantworte ich Ihnen alle Ihre Fragen. Sollten Sie dazu nicht bereit sein, suchen wir uns andere Gesprächspartner. Und glauben Sie mir, diese werden wir finden.« Mariana setzte sich wieder und sah kurz ihren Vater an. Er lächelte und nickte ihr erneut zu. Mariana atmete tief durch und fügte ihrer Rede hinzu: »Und noch einen Hinweis, meine Herren, die Verhandlungen über dieses Konzept führen Sie mit mir.«

1. Kapitel

Bereits früh in diesem Jahr hatte Mariana das Gefühl verspürt, dass auf ein Ende ein neuer Anfang folgen musste. Also ritt sie, sobald der verschwindende Frost den Boden wieder atmen ließ, mit ihrem Pferd Amon aus, den Frühling zu suchen. Und sie fühlte, wie sich endlich wieder eine fast unbeschwerte Fröhlichkeit in ihr ausbreitete. Jeder Frühling brachte neues Leben. Es wurde Zeit, dass sie diesen dicken Trauerklos in ihrem Bauch endlich loswurde. Nur ihre Schwester Katrina wollte den Winter festhalten und knallte mit der Tür zum Schweinestall, bis sie schief in den Angeln hing.

So manches Wochenende dieses Frühjahres verbrachte Mariana bei ihrem Bruder Alex in Hamburg. Anja, seine Freundin, absolvierte gerade ein Auslandssemester in Oslo. Und Alex mochte das Alleinsein überhaupt nicht. So manchen Nachmittag saßen Mariana und ihr Bruder in dicken Daunenjacken auf dem kleinen Eisenbalkon von Alex’ Wohnung und angelten die Bierflaschen direkt aus dem Kasten.

Es war ein verregneter und windiger Abend im April, als Sascha, Marianas vielleicht engster Freund, sich in ihr Hamburger Balkonidyll klingelte. Er versuchte Mariana mit vielen Worten und fuchtelnden Armen zu einem Konzert zu überreden. Sie verstand ihn nicht genau. Irgendeine seiner Bands, die er betreute und zu der er Mariana schon ab und zu geschleppt hatte, hielt mit ihrem Tour-Tross inklusive Support-Band in der Stadt. Mariana gab ihre angesäuselte Bierseligkeit nur widerwillig auf.

Alex und Sascha, deren Beziehung bisher von respektvollem Desinteresse geprägt war, verbündeten sich an diesem Abend allerdings schon am Eingang der Hamburger Konzerthalle miteinander. Sascha bekämpfte die Trennung von seiner großen Liebe Ulrike seit einigen Monaten mit einer DJane aus Heidelberg und so überließ Mariana die beiden Männer ihrem schnell im Bier erkannten Fernbeziehungsschmerz. Sie streifte durch die Halle und traf schließlich eine ehemalige Kommilitonin, mit der sie die Minuten durchbrachte, während sie misstrauisch Alex und Sascha in ihrer neu gefundenen Männerfreundschaft beobachtete. Ab und zu tauchten sie aus den Nebelschwaden ihrer innigen Diskussion auf, um Mariana dann schief von der Bar aus zuzuwinken. Das hieß, Sascha grinste schief und Alex ruderte mit beiden Armen, als wollte er ein Flugzeug einweisen.

Die Vorgruppe, deren Namen Mariana schon wieder vergessen hatte, startete ihr Programm. Wilde Klavierkaskaden und eine Stimme mit einem Timbre wie aus weichem, abgewetztem Samt trafen Mariana mitten in ihren Grübeleien über die seltsame Aufgedrehtheit ihres Bruders. Sie war fasziniert. Irgendetwas in dieser Stimme traf einen tief in ihr liegenden Nerv. Neugierig schob sie sich zwischen den sich mehr und mehr zum Takt der Musik wippenden Menschen einige Reihen nach vorn und lauschte den melodiösen, aufwendigen Klanglinien, die immer wieder von aggressiven Schüben durchbrochen wurden: »I swam through the deep valley of tears and finally, finally reached the shore. I crossed rapids and met all my fears, looked up at the stars at night for years. But I made it to the shore.«

Mariana war durchaus ein musikinteressierter Mensch, auch wenn sie Saschas Leidenschaften und seinem Musikverständnis nie so ganz folgen konnte. Die Musik dieser dunklen Szene war ihrer Meinung nach größtenteils geprägt von stereotyper Langeweile. Hin und wieder fanden sich Perlen, deren Glanz in Marianas Augen vor allem durch warme Stimmen und intelligente Songgeschichten erstrahlte. Sie hörte den Diskussionen über Entwicklungen in der elektronischen Musik der Dark-Wave-Szene und den Lobpreisungen auf diese oder jene Band immer aufmerksam zu. Die Musik dazu schallte durch ihr Auto und ihr Wohnzimmer, aber kaum je erkannte sie darin die bejubelte Innovation oder Genialität.

Gefesselt verfiel Mariana hier nun dieser Musik. Ihr gefiel nicht alles, manche Stellen legten sich ihr regelrecht quer in den Magen, aber die Intensität dieses Sounds nahm sie komplett gefangen. Die zwei Jungs an den Instrumenten verblassten auf der Bühne hinter ihrem Frontmann. Offensichtlich lebte er seine Musik, teilweise wirkte es so, als würde er sein Publikum gar nicht wahrnehmen. Dann wieder stand er am Rand der Bühne und schaffte es, dass Mariana auf ein Meer aus zuckenden Armen schaute. Das gelang nicht vielen Support-Bands, die noch vor den eigentlichen Stars des Abends auftraten. Sie würde Sascha nach dem Konzert fragen, er konnte ihr sicher mehr über diese Band und ihre Musik erzählen.

Den Großteil des Hauptkonzertes ließ Mariana mehr oder weniger über sich ergehen. Alex und Sascha klebten immer noch an der Bar und hatten mittlerweile ein Level erreicht, auf dem sie zur nicht immer schmeichelhaften Analyse des Publikums übergangen waren.

Nach dem Konzert hatte Mariana genug vom Bier. Ihr war klar, dass dies eine lange Nacht werden würde. Sie grübelte darüber nach, ob sie Alex überreden könnte, ihr den Wohnungsschlüssel zu überlassen. Die Jungs umklammerten nach wie vor ihre Bierflaschen. Irgendwann umklammerten sie auch Mariana. Der Kreis wurde größer, als ein Teil der von Sascha betreuten Musiker in den Bierreigen einstimmte, um ihren Erfolg zu feiern. Da half nur Flucht. Mariana schnappte sich einen Arm voll leerer Bierflaschen und drängelte sich in Richtung Bar. Das Leergut musste dringend in Nachschub verwandelt werden. Sie lehnte sich weit über den Tresen und versuchte, die etwas überforderte Bedienung auf sich aufmerksam zu machen. Es dauerte eine Weile. Und nur unter der Zuhilfenahme ihrer Ellenbogen gelang es ihr, ihren Platz an der Getränkequelle erfolgreich zu verteidigen. Während die leeren Flaschen sich klirrend in einen halbvollen Kasten unter der Theke einreihten und dieser dann seinen Platz in der Mauer aus Getränkekisten an der seitlichen Wand der Bar fand, spürte Mariana ganz deutlich Blicke in ihrem Rücken. Offensichtlich hatte jemand großen Spaß daran, wie ihr Oberkörper sich immer weiter über die hohe Theke schob und ihr Po in Richtung Barbesucher gereckt wurde. Auf einer angenehmen Welle aus Bier-Endorphinen schwebend, war ihr das nicht einmal unangenehm. Den Arm voller frischer Flaschen, deren kalte Kühlschrankperlen ihr T-Shirt durchnässten und Gänsehaut auf Armen und Brust erzeugten, warf sie ihrem amüsierten Gegenüber ein herausforderndes »Was guckst du denn so?« mitten ins Gesicht.

»Na, ich guck’ halt.« Er schien nicht gewillt, den hingeworfenen Handschuh aufzuheben. Sein Lächeln wirkte fast ein wenig arrogant. Mariana drückte ihrem keinen Schritt zurückweichenden Herausforderer bereits die Bierflaschen in den Bauch, um sich mit unbeeindrucktem Hüftschwung an ihm vorbeizudrängeln, als sie mitten in der Bewegung stockte. Dieser herausfordernde Blick ... Noch vor wenigen Stunden war genau dieser Blick über die Menge geschweift, selbstbewusst, aber dennoch voller kindlichem Staunen über den Respekt und die Wogen aus Applaus, die ihm entgegenbrandeten. Beinahe hätte Mariana ihn nicht erkannt. Vor ihr stand der charismatische Frontmann der Vorgruppe, der mit seiner etwas unnahbaren Ausstrahlung sein Publikum sofort in seinen Bann gezogen hatte. Er lachte ihr immer noch mitten ins Gesicht. Entspannt lehnte er an einer Säule, zwei Meter vor der Bar, umgeben von den Jungs seiner Band. Sie hielten sich an großen Gläsern mit klarer Flüssigkeit fest, in der die Eiswürfel klirrten. Jeder von ihnen hatte ein noch volles Glas in der Hand und vereint in adrenalinlastiger Nach-Konzert-Euphorie unterzogen sie das Hamburger Publikum einer ausführlichen Musterung. Dabei geriet ihnen nun ausgerechnet Mariana vor die Flinte. Sofort umschloss sie der Ring aus schwitzenden Gin-Tonic-Gläsern und Mariana kam sich vor wie ein Kaninchen in der Schlinge.

Bis zu diesem Punkt konnte sie den Abend detailliert nacherzählen. Der Rest verlor sich in einem großen Rausch. Genau beschreiben konnte sie danach einzig das unglaubliche Gefühl, in dieser Nacht etwas ganz Besonderes erlebt zu haben und Teil von etwas Größerem gewesen zu sein. Es begann mit noch mehr Getränken und vielen lauten, in Ohren geschrienen, sinnlosen, philosophischen und belanglosen, genuschelten und erneut gesagten Worten. Sascha und Alex wurden schnell Teil der Party, die sich später auch noch auf die Tanzfläche verlagerte. Mit knurrendem Magen und dem unstillbaren Hunger nach mehr und Abenteuer fand sich Mariana, eingekeilt zwischen Till, dem Keyboarder der Band, und Daniel, dem charismatischen Leadsänger, irgendwann auf der Rückbank eines Taxis wieder. Neben dem Fahrer saß Sascha und sie fuhren hinter einem anderen Taxi, in dem Alex mit Frank, dem Bassisten, und Bastian, dem Tontechniker, die Richtung zu seiner Wohnung eingeschlagen hatte.

Dann, in Alex’ kleiner Küche, bearbeitete Daniel mit dem riesigen Fleischmesser einige Zwiebeln. Mariana stand neben ihm und rührte abwechselnd mit dem angespitzten Kochlöffel, mit dem ihnen früher einmal ihre Mutter grobmaschige Wollmützen gestrickt hatte, in den kochenden Nudeln und in der auf dem Herd blubbernden Tomatensoße. Während sich die Zwiebeln ihrem Schicksal ergaben, erzählte Daniel Mariana vom Tour-Alltag. Sie sah dabei seinen großen, kräftigen Händen bei der Arbeit zu. Dann wieder starrte sie auf ihre eigenen kleinen, runden Hände, mit denen sie mit aller Kraft den Kochlöffel umklammerte, um ihre kurzen, ungeduldigen Finger daran zu hindern, nach diesen Händen zu greifen, die alles zu können schienen. Mariana schob diese ungewohnten Empfindungen gegenüber einem völlig Fremden auf die reichlichen Mengen Alkohol, die an diesem Abend bereits geflossen waren. Eine unglaubliche Leichtigkeit hatte sie gepackt, während sie mit diesem Mann, ganz aus Samt, in Alex’ Küche stand und Nudeln kochte.

Der Raum nebenan breitete sich friedvoll vor Mariana aus, als sie mit Tellern voller Pasta die Küchentür aufstieß. Alex und Till lagen nebeneinander auf dem Fußboden. Sie starrten gezielt Löcher in die Zimmerdecke und philosophierten über die pädagogischen Tiefen der »Drei ???«. Sascha saß in der anderen Ecke des Zimmers in Alex’ altem Ohrensessel. Seine riesigen Füße lagen besitzergreifend auf dem Schreibtisch und erdrückten Alex’ aufgeschlagenes Chemiebuch. Mit Bastian und Frank war er in eine intensive Diskussion über die Entwicklung der elektronischen Musik versunken. Daniel und Mariana wählten einen Platz auf dem Fußboden an der Küchenwand, wo sie mit gekreuzten Beinen und Nudeln essend ihr Gespräch wiederaufnahmen. »Ich wusste schon immer, dass die Musik mein Leben ist«, antwortete Daniel gerade auf Marianas Frage, wann er sich entschlossen hatte, die Musik zu seinem Beruf zu machen.

»Ich finde das bewundernswert.«

»Findest du?« Daniel sah Mariana ehrlich interessiert an. »Ist es so bewundernswert, dem zu folgen, was einem selbst schon immer völlig klar war?«

Nachdenklich legte Mariana die Gabel auf ihrem Teller ab. »Vielleicht hast du Recht. Mein Weg war ja auch schon immer so vorgezeichnet. Also bin ich einfach immer weiter geradeaus gegangen, weil ich auch nie wirklich wusste, an welcher Stelle ich am besten abbiegen sollte. Ich habe eigentlich erst seit ein, zwei Jahren das Gefühl, endlich zu wissen, was ich persönlich von meinem Leben für mich erwarte und dass mein Weg nicht zwingend der Weg meiner Familie, sondern tatsächlich mein ganz eigener ist.«

»Diese Sinnsuchen und Grübeleien hatte ich nie. Für mich gab es keinen Zweifel, was ich will. Ich will Musik machen, meine Musik, und davon leben können. In der Musik werde ich niemals Kompromisse eingehen, also arrangiere ich mich eben an anderer Stelle.«

Sie schwiegen eine Weile. Mariana hörte das Kratzen des Besteckes auf den mit lilafarbenen Stiefmütterchen bemalten Tellern, die Alex von ihrer Oma zum Einzug geschenkt bekommen hatte. Sie würde so gern mehr von Daniel erfahren, über sein Leben und dieses Selbstbewusstsein, das er mit jedem Atemzug ausströmte. Aber sie wusste nicht, wo sie mit ihren Fragen beginnen sollte. Und so stand sie auf und brachte ihren Teller zurück in die Küche. Sie begann das Geschirr in die Spüle zu räumen und die Überreste der geopferten Zwiebeln zu beseitigen. Es schien, als hätten alle in diesem Raum nebenan ein Ziel. Einen großen Plan, an den sie fest glaubten. Sie hatten sich ihr Leben erobert und waren fest gewillt, sich alles zu nehmen, was ihnen zustand. Selbst Sascha, dessen erklärtes Ziel es war, jeden Tag so viel Spaß wie möglich zu haben. Mariana war müde. Sie wollte nach Hause und ihr Gesicht in das Fell ihres Pferdes Amon vergraben. Sie hatte Angst vor den Fragen.

Plötzlich stand Daniel hinter ihr. Er hatte noch eine Flasche Wein gefunden und suchte jetzt einen Korkenzieher. »Hey, nebenan sind sie bei ›Al Bundy‹ und ›Beavis & Butthead‹ gelandet. Da habe ich keine Chance.« Er lachte, entkorkte den Wein und suchte im Küchenschrank nach Gläsern.

Mariana nahm ihm die Flasche aus der Hand und zwei Wassergläser vom Board über dem Kühlschrank. »Warum machst du das alles?«, fragte sie. »Was treibt dich an? Der Wunsch nach Ruhm und Ehre?«

Daniel sah sie eine Weile nachdenklich an. Schließlich nahm er ihr die Gläser aus der Hand und hielt sie ihr zum Einschenken hin. »Hm, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Mit fünf Jahren habe ich den ersten Musikunterricht bekommen, und das war für mich schon damals wie endlich zu Hause ankommen. Ich habe alles verschlungen, was ich im Plattenschrank meiner Eltern gefunden habe. Später hat mich alles andere einfach nur noch genervt. Die Schule, dieser Druck von allen Seiten, die Erwartungen, das, womit wir jeden Tag zugeschüttet werden. Da habe ich mir meine eigene Welt gesucht.« Daniel lächelte sie an. »Wenn du nie darüber nachdenkst, ob du etwas in deinem Leben ändern solltest, dann scheint doch alles richtig für dich zu sein. Was für ein Geschenk. Ehrlich gesagt, beneide ich dich fast ein bisschen um dieses Gefühl.«

Sie verließen gemeinsam die Küche. Daniel setzte sich neben Bastian und Frank. Er lächelte Mariana an und zeigte auf den Platz an seiner Seite. Mariana setzte sich und Daniel stieg nun doch in die mittlerweile reichlich surreale Diskussion der Jungs über Randfiguren ihrer Comic-Kindheitshelden ein.

Mariana dachte darüber nach, was Daniel zu ihr gesagt hatte. Gab es etwas, was sie gerne in ihrem Leben ändern würde? Oder war ihr Leben tatsächlich so beneidenswert? Sie dachte an Amon und ihre, wie es ihr schien, so kleine Welt. Die Heide war für sie ihr Zuhause, wie für Daniel die Musik sein Heim war. Für sie beide war dieses Refugium jeweils ihr Schutzwall vor den Ansprüchen einer maßlosen Welt. Mariana musste sich eingestehen, dass es vor allem ein Schutzwall vor ihren eigenen Fragen war, die sie so wunderbar beiseiteschieben konnte, wenn sie mit Amon in der Heide unterwegs war. Es gab immer genug zu tun, um nicht zu viel nachdenken zu müssen. Alex behauptete manchmal, sie würde vor dem Leben fliehen. Hatte er Recht? Bisher hatte sie das nie verstanden. Denn sie war doch mittendrin in ihrem eigenen Leben. Wie konnte es sein, dass Alex sie anzustacheln versuchte, mehr unterwegs zu sein, und Daniel wiederum meinte, sie sei um ihre geordnete Welt zu beneiden?

Als ein Taxi die Jungs um sieben Uhr morgens abholte, um sie zurück zu ihrem Bus und in ihr Tour-Leben zu bringen, verabschiedete sich eine Gruppe neuer Freunde mit vielen Umarmungen und Versprechungen voneinander. Daniels Arme umfingen Mariana und hielten sie einen Moment fest. Dann sah er sie an. »Auf bald«, sagte er nur. Mariana schlug die Augen nieder. Das Adrenalin pulsierte durch ihre Adern und sie konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Ein plötzliches Glücksgefühl strömte durch sie hindurch, sie atmete tief ein und aus. Doch außer den Hamburger Möwen, die auf Morgenpatrouille waren, schien dies niemand zu bemerken.

Tief und traumlos verschliefen alle drei – Alex und Mariana im Bett und Sascha schnarchend auf dem Sofa – einen erstaunlich sonnigen Sonntag im April.

2. Kapitel

Nach jener denkwürdigen Nacht ihrer ersten Begegnung vergingen fast vier Monate, bis Mariana Daniel wiedersah. In dieser Zeit gestattete sie ihrer Erinnerung immer wieder Ausflüge. An langen Nachmittagen auf dem Rücken ihres Pferdes versuchte sie sich jedes gesprochenen Wortes dieses Pasta-Abends zu entsinnen, aber es gelang ihr nicht. Die genauen Gespräche verblassten mit der Zeit. Was blieb, war dieses warme Gefühl im Bauch. Die Wochen vergingen, aber das Gefühl ließ sich nicht verscheuchen. Genauso wenig wie die zögerliche Gewissheit, in einer einzigen trunkenen Nacht und in nur wenigen Stunden mit diesem fremden Menschen vielleicht etwas ganz Neues entdeckt zu haben. Etwas Besonderes. Daniel hatte eine Saite in ihr zum Klingen gebracht, die auch Monate später immer noch in ihr nachklang.

Mariana war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass die Männer, die in den letzten Jahren an ihr Herz geklopft hatten, zwar die Tür zu ihrer Seele gefunden hatten, sie aber nicht öffnen konnten. Sie rüttelten an der Klinke, fanden aber den Schlüssel für das Schloss nicht, um die Tür zu öffnen. Daniel hatte den Briefumschlag mit dem Schlüssel noch nicht einmal von Mariana überreicht bekommen, da schien er bereits einen verwilderten Geheimeingang mitten hinein in ihre Seele gefunden zu haben.

Auf einem nasskalten Festival im August sollten sie sich wiedersehen. Mariana entdeckte Daniel hinter der Absperrung vor der Bühne. Er war nicht schwer auszumachen, da er die meisten Menschen um sich herum ein gutes Stück überragte. Seine Haare erschienen ihr dunkler als bei ihrem Kennenlernen und auch den dichten Bart hatte er damals nicht gehabt. Er erschien ihr älter, aber das konnte auch täuschen. Sie war sich sowieso nicht ganz sicher, was von all diesen Eindrücken in ihrem Kopf real und was davon mittlerweile zu einem ganz eigenen Bild verschwommen war. Er trug zerrissene, dunkle Jeans und sprach mit einer Frau, die eine Menge Foto-Equipment über ihrer Schulter trug. Sie wirkten sehr vertraut miteinander und Marianas Herz schlug bis zum Hals. Sie war sich sicher: Wenn sie den Mund aufmachte, würden statt Worte ihre lauten und unrhythmischen Herzschläge hervordröhnen. »Da ist er«, flüsterte sie, erstaunt darüber, zwar irgendwie heiser gekrächzte, aber dennoch deutliche Wörter zu Stande gebracht zu haben. Sofort geriet sie in helle Panik, Daniel könnte sie durch die Wand aus Krach hindurch hören.

»Ja, dann los.« Marianas Freundin Nadine stieß ihr ihren Ellenbogen aufmunternd in die Seite.

Mechanisch lief Mariana auf das Absperrgitter zu. »Nicht denken, nicht denken«, murmelte sie dabei unablässig vor sich hin. Und was, wenn er mich nicht mehr erkennt? Wenn er nicht mehr weiß, wer ich bin, fragte sie sich stumm. Alle Zweifel, die sie bereits die letzten Tage gequält hatten, kamen wieder hoch. Doch schließlich straffte sie ihre Schultern. Egal, jetzt habe ich hier den ganzen Tag diesen Regen und diesen Krach durchgestanden, dachte sie, jetzt wird nicht gekniffen. Wenn er mich auslacht, fahre ich nach Hause und alles ist wie vorher. Sie bahnte sich schneller einen Weg durch die vor dem Regen in die Halle flüchtenden Menschenmassen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, ihr Magen krampfte sich zusammen und sie kam sich so unsagbar lächerlich vor – Mariana von Weiden, Geschäftsführerin und definitiv erwachsen, ein aufgeregtes Huhn auf der Jagd nach einem Popstar. Sie erreichte die Absperrung direkt an der Stelle, hinter der Daniel stand und der Frau mit dem Foto-Equipment gerade zum Abschied winkte, und ohne sich ein längeres Zögern zu gestatten, rief sie laut und deutlich »Hi!« in seine Richtung.

Erstaunt drehte er sich um und ein erkennendes Strahlen erfasste sein Gesicht. »Hi.«

Mit solch einer sichtlich erfreuten Reaktion hatte Mariana nicht gerechnet und sie spürte ein Vibrieren in ihrem Körper, als ihr Herz einen ganz kleinen wilden Sprung in ihrer Brust tat. Sie starrte Daniel ehrfurchtsvoll an und aus Angst, er würde sich wie eine Fata Morgana in Luft auflösen, tat sie etwas, was so gar nicht ihre Art war. Mariana, die in ihrem Beruf so durchsetzungsstark sein konnte, in ihrem Privatleben aber von selbstbewusst auftretenden Menschen, die sie beeindruckten, regelmäßig eingeschüchtert wurde, begann wie ein Wasserfall auf Daniel einzureden: »Ich freu mich so, dich wiederzusehen. Ich hatte nicht damit gerechnet, bei diesen ganzen Menschen hier. Dieses Festival ist ja besser bewacht als Fort Knox. Und Sascha konnte auch nicht kommen. Und das Wetter ist so richtig eklig. Und das im August ...« Mariana hielt inne. Was rede ich da eigentlich?, dachte sie und fühlte sich wie Baby, die Johnny in »Dirty Dancing« gerade den berühmten Satz mit der Wassermelone ins Gesicht geworfen hatte.

Aber Daniel wandte sich nicht machohaft angewidert ab, sondern antwortete auf ihren Wetter-Smalltalk. Was er antwortete, bekam Mariana aber leider nicht mit, weil sie gerade damit beschäftigt war, innerlich beschämt zu erröten und nach einem Mauseloch zu suchen. Das war in einem betonierten, ehemaligen Flughafenhangar ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. »Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich freue, dich heute wiederzusehen«, wiederholte sie stattdessen noch einmal. Dieser Satz kam allerdings aus solchen Tiefen ihrer Seele, dass Mariana selbst darüber erschrocken war.

Daniel sah Mariana an und sie hatte das Gefühl, dass sie in diesem Moment das erste Mal von einem Menschen wirklich angesehen wurde. In andächtiger Stille standen sich Mariana und Daniel gegenüber, zwischen ihnen das Absperrgitter, das die Bühnengötter vom gewöhnlichen Rest trennte, und um sie herum ohrenbetäubender Krach, da die nächsten Musiker auf der Hangarbühne mittlerweile mit ihrem improvisierten-Soundcheck begonnen hatten.

»Und, wie geht es dir sonst so?«, unterbrach Mariana den Moment der Stille zwischen ihnen, der ihr irgendwie unheimlich wurde.

»Gut. Nach dem Konzert hier habe ich einige Tage frei, aber ich weiß noch nicht so recht, was ich damit anfangen soll ...«

»Das ist ja lustig. Ich habe auch zwei Wochen Urlaub und keine Idee, wie ich so viel freie Zeit sinnvoll nutzen könnte. Fährst du weg?«, fragte Mariana schnell, dankbar für das Gesprächsthema.

Er musterte sie und zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, das hat sich alles so kurzfristig ergeben.«

»Flieg doch ein paar Tage in die Sonne«, schlug Mariana vor.

»Tja, ich weiß nicht. Das ist mir, glaube ich, schon wieder zu viel Stress für so ein paar kostbare Tage.«

»Wenn ich nur mal abschalten und den Kopf freibekommen möchte, fahre ich ans Meer. Meine Freundin Sontje besitzt in Holland ein Haus. Schon auf dem Weg dorthin stellt sich bei mir eine Urlaubsahnung ein, und wenn ich dann da bin, habe ich das Gefühl, der Wind bläst mir den ganzen Müll aus dem Kopf.« Während Mariana erzählte, bekam sie auf einmal großes Fernweh nach der holländischen Küste. Sie blickte an Daniel vorbei und fand irgendwo hinter ihm, in dem ganzen Gewirr aus Lautsprechern und PA-Technik, das versteckte Gefühl, dass es bald mal wieder Zeit dafür war, sich vom Nordseewind die Flausen aus dem Kopf pusten zu lassen.

»Das wäre was«, antwortete Daniel mit sehnsüchtiger Stimme und ebenfalls mit einem Blick, der an Marianas Kopf vorbei in die Menschenmenge gerichtet war. »Einfach den ganzen Tag am Strand sitzen und lesen.«

»Oder stundenlang spazieren gehen, jeden Tag dieselbe Strecke.«

»Und die Wellen ansehen, eine nach der anderen, die an den Strand gelaufen kommen.«

»Und die Füße im Sand eingraben und den Wolken nachsehen.«

»Und die Uhr im Koffer lassen und nur genau das tun, wozu man Lust hat.«

Mariana und Daniel standen mitten im Electrokrach, vereint in einer Wolke aus gemeinsamer Urlaubssehnsucht. Die nächsten Worte formten sich tief in Marianas Bauch und waren da, bevor sie die Kontrolle über sie erlangen konnte. »Dann lass uns doch gemeinsam ein paar Tage nach Holland fahren.«

Als Nadine sich verschwitzt und mit endorphinumflorten Augen einen Weg aus der zum Electrosound hüpfenden Menge zurück an die Hangarwand gebahnt hatte, fand sie Mariana mit glühenden Wangen und verzweifeltem Blick. Sie saß auf dem blanken Betonboden und zupfte an ihrem zusammengeknautschten Regenschirm herum. »Und? Wie war es? Was hat er gesagt?« Nadines Neugierde war echt und Marianas anscheinende Verzweiflung löste in ihr kein Mitleid aus. Es schien sehr gut gelaufen zu sein, sonst würde Mariana sie nicht anschauen wie ein gehetztes Reh. Alles Außerplanmäßige stiftete Unruhe und Verwirrung in Marianas geordneter Welt, die niemand so wirklich zu durchdringen schien.

»Daniel und ich fahren übermorgen gemeinsam nach Holland.« Marianas Stimme war klar und emotionslos, aber ihr panischer Blick sprach Bände.

»Was?« Nadine setzte sich neben Mariana auf den Hallenboden und rutschte aufgeregt auf dem Beton herum. »Wie hast du das denn geschafft?«

»Keine Ahnung. Wir haben über das Meer gesprochen und darüber, dass wir jetzt beide freihaben, und dann habe ich es ihm einfach vorgeschlagen und er hat sofort Ja gesagt. Nadine, was mache ich denn jetzt?« In Marianas Blick lag ehrliche Verzweiflung. »Ich kann doch nicht mit jemandem, den ich kaum kenne, so ohne weiteres in den Urlaub fahren.«

»Klar kannst du.« Nadine war begeistert und winkte lässig ab. »Dieser Daniel steht anscheinend auf dich, das wird der romantischste Urlaub, den du je hattest.« Vor Nadines Augen zeichnete sich der Ablauf der nächsten Tagen ganz klar ab, und sie verstand kein bisschen, wieso ihre Freundin wie ein Häufchen Elend immer noch regungslos auf dem kalten Hallenboden saß, anstatt sich gemeinsam mit ihr in den buntesten Farben auszumalen, wie Mariana, ihre beste Freundin, das Herz des bestaussehenden Frontmannes der Electropop-Szene eroberte – und garantiert stilvoll brach. Er würde Songs darüber schreiben, und sie, Nadine, würde mit wissender Miene die dazugehörige Geschichte erzählen können.

3. Kapitel

Wenn sie gekonnt hätte, hätte Mariana die ganze Aktion doch noch rückgängig gemacht. Was für eine selten bescheuerte Idee! Was hatte sie nur geritten, einem wildfremden Mann anzubieten, mit ihr in den Urlaub zu fahren? Nadine war jedenfalls total aus dem Häuschen. Sie drohte mit dem Entzug ihrer Freundschaft, als sie Mariana dabei ertappte, wie diese an einer Absage für Daniel feilte. »Was willst du denn eigentlich?« Nadine war ehrlich entsetzt. »Irgendwie werde ich aus dir nicht schlau. Dieser Daniel gefällt dir offensichtlich. Siehst du, jetzt wirst du schon wieder rot. Warum nimmst du denn die Gelegenheit nicht einfach an, die dir hier auf dem Silbertablett serviert wird?« Immerhin schaffte es Nadine, die scheinbar grenzenlose Panik in Mariana etwas einzudämmen.

Mariana, der jede Form von Selbstinszenierung völlig fremd war, hatte Daniel auf dem Festival von dem kleinen Ferienhaus am Amstelmeer erzählt, in dem sie schon einige verlängerte Wochenenden mit Sontje verbracht hatte. Unerwähnt gelassen hatte sie dabei allerdings die Tatsache, dass dieses hübsche kleine Häuschen nicht Sontje, sondern deren Eltern gehörte. Und was würden die wohl dazu sagen, wenn die Freundin ihrer Tochter mit einem Kerl, den sie eigentlich selbst nicht kannte, dort plötzlich Urlaub machen wollte? Nadine machte Nägel mit Köpfen. Sie rief die ihr bis dahin persönlich noch unbekannte Sontje an und erzählte ihr die ganze Geschichte. Nicht ohne dabei hier und dort ihre eigenen Schnörkel hinzuzufügen. Es dauerte den gesamten nächsten Tag und es war einiges an Überzeugungsarbeit nötig – Mariana musste selbst bei Sontjes Eltern »vorsprechen« und kam sich dabei unglaublich lächerlich vor. Aber schließlich schwenkte Sontje triumphierend den Schlüssel zum Glück vor ihrer Nase. Allerdings hatte das Glück einige Ecken und Kanten, zum Beispiel Rasenmähen und Fensterputzen, dafür war es aber komplett für umsonst und jetzt fest in Marianas Hand.

Ihre gesamte Konversation mit Daniel fand per E-Mail statt. Er schien sich ehrlich auf die sich ihm plötzlich und unverhofft bietenden Urlaubstage zu freuen und ahnte von der ganzen Aufregung, die er verursachte, kein bisschen. Und so kam es, dass Mariana nur zwei Tage nach dem überraschenden Showdown auf dem verregneten Musikfestival völlig benommen in ihrem Auto saß, Ziel Wunderland.

4. Kapitel

Hinter Amsterdam wurde das Land weiter und die Schafe wurden zahlreicher. Mariana konzentrierte sich auf die schnurgerade Autobahn vor ihr und hielt kurz ihre Nase aus dem Fenster. Konnte man das Meer schon riechen? Sie musste ein kleines bisschen über sich selbst lachen. So ein alberner Unsinn! Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie jetzt die Augen geschlossen. Sie versuchte sich zu konzentrieren. Ein halbes Dutzend Mal war sie diese Strecke schon gefahren. Immer hatte sie dabei direkt hier auf der Autobahn, bereits kurz hinter Amsterdam, dieses Rauschen erfasst. Sie spürte körperlich, wie mit jedem Kilometer etwas hinter ihr blieb und darauf wartete, auf der Rückfahrt wieder eingesammelt zu werden. Sie hatte sich das noch nie so recht erklären können. Marianas Zuhause war ihre Heimat, ihre Heimat war die niedersächsische Heide. Für ihre Sorgen, da hatte sie ihre Pferde. So wie ihre Freundin Sontje um die Erdbeerfelder joggte, wenn sie sich über ihren Mann, ihren Chef oder sonst etwas ärgerte, so stieg Mariana aufs Pferd. Auf dem Rücken von Amon hatte sie bereits die Entscheidung getroffen, die neue Abfüllanlage zu kaufen und damit die Produktion der familieneigenen Konfitürenfabrik und auch ihre Verantwortung gewaltig zu vergrößern. Sie hatte um ihre erste Liebe Simon geweint und ihre wilden Glücksgefühle für ihre letzte Liebe Paul zu fangen versucht. Sie brauchte Holland und das Meer nicht, um ihre Sorgen zu vertreiben oder Knoten aufzulösen. Sie wurde nur mit jedem Kilometer ein kleines Stückchen leichter, mit jedem Hauch Nordseewind, der sich in ihren Haaren verfing, verschwanden ein paar Flocken Staub von ihrer Seele. Vielleicht war es ein Gefühl von Freiheit. Wer sie war, war hier egal. Sie konnte sein, wer sie wollte. Es machte Spaß, ab und an mit diesem Gefühl aufzuwachen und zu wissen, dass man auf der Rückfahrt in die Heide wieder eingefangen wurde von der Geborgenheit, die im Schlepptau der Sicherheit am Straßenrand wartete. Mariana von Weiden, dreißig Jahre alt, mittelgroß und mittelschwer, mit mittellangem, krausem, dunkelrotem Haar, halb schwedisch, halb Überbleibsel bedeutungslosen deutschen Landadels. Auf dem Weg nach Hause würde sie ihre Identität als introvertierte, aber durchsetzungsstarke Geschäftsführerin der Weidenhof Frucht GmbH wieder wie einen liebgewonnenen, perfekt sitzenden Mantel überziehen. Sie würde zurückfahren in das Land ihrer Kindheit, sie würde ihre Großeltern und ihre Eltern begrüßen und sie würde nirgendwo anders sein wollen. Sie würde Amon ihre Nase ins Fell stecken und ihm für die Sicherheit danken, die er ihr vermittelte. Es hatte Mariana noch nie großartig hinaus in die Welt gezogen. Für sie gab es nie einen schöneren Flecken als diese ertragreiche Erde mitten in Niedersachsen. Nichts mehr als der krautige Geruch der Heide und der süße Duft der reifen Erdbeeren erzeugten in ihr das Gefühl von Heimat. Dieser Duft, der sofort an alle anderen Sinne andockte und die Geschmacksnerven in freudiger Erwartung zum Explodieren brachte. Hier wusste sie, wer sie war. Die Grenzen waren weit genug gesteckt, so dass sie niemals das Gefühl von Enge bekam. Aber heute war sie nicht unterwegs zu einem gewöhnlichen Wochenendausflug, heute war sie dabei, über die Grenzen ihres eigenen Zauns zu springen.

Als sie in dem kleinen Dorf am nordholländischen Amstelmeer ankam, war der Himmel grau. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie stand minutenlang am Straßenrand und starrte den vereinzelten Autos entgegen, die sich entlang der schmalen Kanäle über das platte Land schoben. Würde er kommen? Um zu verhindern, dass sie doch noch einfach wieder alles zusammenpackte und davonfuhr, öffnete sie das Haus und den Schuppen. Sie schleppte die altersschwache Stereoanlage Richtung Terrasse, riss alle Fenster auf, um den Augustwind hineinzulassen, und entschied sich für den holländischen Lokalsender. Sie schrubbte die Küche, putzte den Boden, überzog die Bettdecken und Kissen in den kleinen Schlafzimmern mit frischer Bettwäsche und scheuchte dabei einige Mäuse auf. Als sie gerade hochkonzentriert und mit Hingabe die Fenster putzte, fiel ihr vor Schreck fast der Lappen aus der Hand, als hinter ihr ein Auto hupte. Über der heruntergekurbelten Fensterscheibe des reichlich eingestaubten Opel Kombis lachte Daniel sie an. Er war da.

5. Kapitel

»Hi.« Daniel stieg aus dem Auto und streckte sich ausgiebig. Über seinen Augen hing ein müder Schleier und er wirkte erschöpft. »Na du, machst du das alles für mich?« Er nickte in Richtung Putzeimer und drückte Mariana mit dem rechten Arm kurz an sich. Dann startete er seine Expedition rund um das kleine Häuschen. Einen Meter hinter der schmalen Terrasse, im fast kniehohen Gras, blieb er stehen und grinste sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Ein Glück, dass ich das hier noch gefunden habe. Ich habe mich ganz schön verfahren und bei dir anzurufen war ja vergeblich.« Erschrocken dachte Mariana an ihr Mobiltelefon, das immer noch in der Seite ihrer Reisetasche steckte. »Dafür kenne ich jetzt das örtliche Chinarestaurant, die Bäckerei und den Bauern am Ende der Straße, den mit dem Hund, der seinen Job sehr ernst nimmt«, fuhr Daniel mit einem fast schelmischen Lächeln fort.

Wenig später räumte er seine Tasche in das kleinere der beiden Schlafzimmer, Mariana kochte Kaffee und er schleppte die Gartenmöbel aus dem Schuppen auf die Terrasse, wo sie sich die spärliche Nachmittagssonne mit dem Unkraut teilten. Sie redeten nicht viel. Mariana war völlig verunsichert und ihr Herz pochte immer noch deutlich spürbar weit oben in ihrem Hals. Daniel hatte die Augen geschlossen und seine nackten Füße ruhten auf der verwitterten Holzbank, die schon seit Jahren niemand mehr in den Schuppen räumte. Seine Turnschuhe und Socken lagen verstreut auf den Steinplatten. Mariana konnte nicht anders, sie musste Daniel die ganze Zeit ansehen. Sie ertappte sich dabei, wie sie darüber nachdachte, wie er wohl im Schlaf aussah. Ob er auf dem Bauch schlief? Oder eingerollt wie ein frierender Embryo auf der Seite, so wie sie? Ob ihm seine Locken morgens auf einer Seite wild vom Kopf abstanden und dafür an der anderen Seite platt wie eine Flunder klebten? Wenn Daniel sie in diesem Moment angesehen hätte, hätte er bemerkt, dass sie lächelte und sich dabei mit beiden Händen durchs Haar fuhr, so als müsste sie noch einmal den Sitz ihres eigenen krausen Lockenfilzes überprüfen. Aber Daniel war offensichtlich eingeschlafen. Mariana konnte einfach nicht glauben, dass er jetzt wirklich hier vor ihr saß. Nach zwei kurzen Begegnungen in ihren Leben. Momentaufnahmen, die sie beide hierhergebracht hatten, obwohl sie eigentlich fast nichts voneinander wussten.

Wieder fiel ihr auf, wie müde er zu sein schien. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Sein Kopf neigte sich leicht zur Seite. Seine linke Hand lag auf seiner Brust und hob sich mit jedem Atemzug, fast so, als wollte er das Herz in seiner Brust beschützen. Der andere Arm hing seitlich aus dem Liegestuhl und die Kuppe seines Mittelfingers streifte den Löwenzahn, der sich wagemutig zwischen den zerrissenen Steinplatten hervorzwängte. Sein Zeigefinger war am oberen Ende mit einem breiten, schon reichlich mitgenommenen Pflaster umwickelt. Ein dichter Flaum bedeckte seinen Handrücken, der in der jetzt tiefer stehenden Sonne golden glänzte. Eine Weile saß Mariana nur da und sah Daniel an. Konnte die Zeit nicht einfach stehen bleiben? Sie und er und vor ihnen nur wogende Gräser. Was sollte sie jetzt tun? Nach einer Weile entschied sie sich für das Naheliegende, stand auf und ging ins Haus. Dabei versuchte sie, leise zu sein.

Mariana war keine große Köchin. Sie besah ihre mitgebrachten Vorräte und entschied sich für Makkaroni mit einer Fertig-Tomatensoße. Da ihr das etwas zu dürftig erschien, briet sie noch eine Zwiebel und ein paar Champignons, die sie unter die Soße rührte. Sie war gerade dabei, den Tisch mit zwei Tellern aus dem bunten Geschirrsammelsurium zu decken, Gläser dazuzustellen und parallel in ihrer Kiste nach den mitgebrachten Papierservietten zu kramen, als Daniel auf einmal in der Tür stand. Er blieb unschlüssig im Türrahmen stehen und wirkte fast ein bisschen verlegen. Er ging zum Herd, rührte in den Nudeln und der Soße und lief dann zum Auto, um die mitgebrachten Weinflaschen zu holen. Beim Essen erzählte Mariana von diesem Haus, von Sontje und den zahlreichen Wochenenden, die sie gemeinsam hier verbracht hatten. Daniel hörte aufmerksam zu und stellte viele Fragen über Sontje und ihre Freundschaft. Dann erzählte er von seiner Arbeit als Musiker und von der Produktion seiner aktuellen CD. Sie fanden schnell zueinander. Das gegenseitige Verständnis, was sie bei ihrem Kennenlernen vor einigen Monaten in Hamburg empfunden hatten, war auch hier wieder da. Es war ein ruhiger Abend, sie entspannten sich beide und genossen die Gesellschaft des anderen. Vertrautheit brauchte offensichtlich nicht immer viel Zeit, um zu wachsen. Nach dem Essen spülten sie gemeinsam das Geschirr und Mariana schlug einen Spaziergang vor. Also marschierten sie etwas später Seite an Seite auf der menschen- und autoleeren Straße am Kanal entlang, den Deich zum Amstelmeer als Ziel vor Augen.

Es war zu kühl für eine Nacht mitten im August. Daniel lief rechts von Mariana. Er trug eine olivgrüne Fleecejacke, deren Kragen er aufgestellt und deren Reißverschluss er bis unter sein Kinn gezogen hatte. Die Hände stemmte er tief in die Hosentaschen seiner Jeans. Dabei zog er die Schultern nach oben – er fror.

Das leuchtende Rot von Marianas Daunenweste schwebte neben ihm über die Straße. Daniel überlegte, ob er nicht irgendetwas erklären müsste. Sollte er ihr offenbaren, warum er ihr Angebot zu diesen Tagen in Holland so bereitwillig angenommen hatte? Aber was genau sollte er da erzählen? Das letzte halbe Jahr war die intensivste Zeit seines Lebens gewesen. Zuerst war da diese Tournee. Er war für Wochen eingesperrt mit zehn anderen Menschen in einem Bus und dennoch glücklich wie vielleicht nie zuvor. Jeden Abend bekam er aufs Neue kaum fassbare Anerkennung für all die harte Arbeit der letzten Jahre. Er hatte das Gefühl, dass das, was er mit seiner Musik zu sagen hatte, auch andere Menschen erreichte. Seit seiner Kindheit hatte er das erste Mal wirkliche, neue Freunde gefunden, die ihn verstanden und wie er über die Musik kommunizierten. Diese unglaubliche Support-Tournee, die sie bestreiten durften, war eigentlich zwei, drei Monate zu früh für ihre Band gekommen, hatte sich aber nicht mehr verschieben lassen. Danach hatten er und sein Bandkollege Till wie zwei Verrückte an der Fertigstellung ihres neuen Albums gearbeitet. Dieser Kraftakt, in dem ihr gesamtes Herzblut steckte, würde nun in wenigen Wochen erscheinen. Alle hofften, dass die absolvierte Support-Tour die Türen für einen Erfolg geöffnet hatte. Bald hieß es wieder »on the road«, diesmal allein – eine eigene Clubtour durch ganz Europa.

Daniel biss die Zähne zusammen und seine Hände in den Taschen seiner Jeans ballten sich zu Fäusten. Und irgendwo in diesem Chaos gab es seine Freundin Jasmin, deren stille Wut erst von Daniel, dann von den Zimmerwänden und schließlich vom Telefon abprallte. Als Daniel im Mai das erste Mal seit Wochen nach Hause kam, war nicht mehr viel zurückgeblieben in ihrer einstmals gemeinsamen Wohnung. Er konnte sich einfach nicht die Zeit nehmen, darüber wirklich nachzudenken. Als Einziges gestatte er sich seine Trauer um Hund Campo, Jasmins sensiblen Hovawart, den er ehrlich vermisste.

Er hatte noch kein neues Bett gekauft, seine Matratze lag auf dem nackten Boden. Der Schlaf mied ihn regelrecht in diesem kahlen Zimmer. Als Mariana ihn vor zwei Tagen ansprach, wollte er ganz banal einfach nur schlafen, tagelang nur schlafen. Er hoffte, der Ortswechsel würde ihm dabei helfen.

Ihm war bewusst, dass er das alles erzählen müsste, um dieser seltsamen, auf ihn so warmherzig und ein wenig verloren wirkenden jungen Frau zu erklären, warum er jetzt hier war. Das wollte und konnte er aber jetzt nicht. Also schwieg er.

Schweigend erreichten sie die Treppenstufen, die über den Deich zum Amstelmeer führten. Obwohl es eigentlich zu kalt dafür war, setzten sie sich auf den flachen Gipfel des Deiches. Mariana genoss für einige Augenblicke ihr gemeinsames Schweigen. Als sie schließlich doch etwas sagte, war ihre Stimme fast nur ein Flüstern: »Es ist zwar nicht wirklich das Meer, aber wenn wir den Atem anhalten, hören wir trotzdem das Rauschen. Zum Eingewöhnen ist es genau richtig. So heben wir uns noch etwas für morgen auf.« Sie schaute in den nachtblauen Himmel. »Man sieht so viele Sterne. Heißt das nicht, dass morgen ein schöner Tag wird?«

Daniel nickte. »Genau. Der Wind hat alle Schlechtwetterwolken davongeblasen.«

»Gone with the wind … Es ist zwar nur Süßwasser, aber ich habe trotzdem das Gefühl, als ob ich das Salz schon auf meiner Zunge schmecken könnte.«

»Das könnte aber auch der Nachgeschmack deiner etwas übereifrigen Soße sein«, spottete Daniel.

Entrüstet knuffte ihm Mariana in die Seite. »Wenn du es besser kannst, bist du morgen dran.«

»Okay, das ist ein Deal.« Daniel stand auf und hielt Mariana seine Hand hin, um ihr hochzuhelfen. »Auf, auf, Prinzessin, sonst verkühlt Ihr Euch noch und dann gibt es morgen nur Pfefferminztee und sonst nichts.« Die aufkommende romantische Stimmung war fürs Erste dahin, bedauernd ließ sich Mariana von Daniel auf die Beine ziehen. Der Griff seiner Hand war fest und sicher. Leider ließ er sie gleich wieder los, sprang einmal mit angewinkelten Beinen kräftig in die Höhe und lief dann zielstrebig auf die Treppe zur Straße zu. Es hielt ihn auch nicht auf, dass Mariana einfach auf dem Deich stehen blieb. Er rannte die Treppe hinunter, einige Meter die Straße entlang und drehte sich dann um. »Na, was ist jetzt?« Er wirkte unsagbar fröhlich. Er lief einige Schritte rückwärts, machte dann kehrt und lief weiter.

Mariana musste sich anstrengen, um ihn einzuholen.

Atemlos erreichten sie ihr kleines Häuschen. Sie öffnete die Tür und dann standen sie dicht an dicht im engen Flur. Mariana spürte Daniels Atem auf ihrem Gesicht. »Na, dann gute Nacht. Und vielen Dank noch einmal für das alles hier.« Daniels eben noch so fröhliche Stimme klang auf einmal wieder völlig erschöpft. Er tastete mit seinen Fingern nach dem Lichtschalter. Seine großen schwarzen Pupillen wurden blitzschnell winzig klein. Er strich mit einem Finger zart über Marianas Wange und war mit drei großen Schritten in seinem Schlafzimmer verschwunden.

Wie in Trance kochte Mariana Tee und starrte von der Terrasse aus in den Himmel. Einmal mehr ärgerte sie sich, dass sich ihr Wissen über Astronomie im Erkennen von Großem Wagen, Kassiopeia und Orion erschöpfte.

Später lag sie im schon etwas durchgelegenen Ehebett von Sontjes Eltern. Über ihr gingen die Mäuse auf dem Dachboden ihrem geschäftigen Treiben nach und Mariana musste daran denken, dass sie immer panische Angst davor hatte, eine der Mäuse könnte durch ein Loch in der Decke einfach so auf ihr Bett fallen. Sontje hatte das immer sehr belustigend gefunden. Sie empfand das Gekrabbel der Mäusekrallen über ihnen »gemütlich«.

Marianas Schlaf war unruhig und sie wurde früh wach. Der Nebel hing noch über den nordholländischen Wiesen. Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Die zweifelnde Unruhe in ihr machte es schwer, die Beine stillzuhalten, aber sie traute sich nicht fort vom Haus, aus Angst, Daniel könnte aufwachen und sie wäre nicht da.

Als er schließlich Stunden später aufstand, hatte Mariana bereits zwei der Fahrräder aus dem Schuppen geholt und einigermaßen in Schuss gebracht. Jetzt stand sie mit einem Marmeladenbrot in der Hand davor und schob mit den Füßen klirrend das Werkzeug zur Seite.

»Guten Morgen.«

Mariana drehte sich um.

Daniel stand auf der verwilderten Terrasse. Obwohl es schon beinahe Mittag war, lag immer noch der erschöpfte Schleier über seinem Gesicht. Aber sein Lächeln war amüsiert und ehrlich. »Mir schwant, das wird ein sportlicher Tag.« Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete er zweifelnd die etwas altersschwachen Hollandfahrräder in ihrer ganzen Pracht. »Dafür brauche ich ein ordentliches Frühstück.«

Als es langsam Abend wurde, saßen sie am Strand von Den Helder und sahen der letzten Fähre nach Texel hinterher. Marianas nackte Zehen gruben sich in den kühlen Sand. Eine große Zufriedenheit hinterließ ein prickelndes Wohlgefühl auf ihrer Haut. Daniel hatte sich mittlerweile seine Jacke unter den Kopf geschoben und sah dem Himmel beim Aufleuchten zu. Am Ziehen in ihrem Po bemerkte Mariana die Kilometer, die sie quer durch die Felder und dann gegen den Wind am Deich entlang zurückgelegt hatten. »Ich glaube, das gibt einen ordentlichen Muskelkater«, sagte sie und ließ etwas Sand aus ihrer geschlossenen Faust auf Daniel niederrieseln.

»Du reitest doch so viel, da dürfte dir das bisschen Fahrradfahren eigentlich nichts ausmachen.« Daniel wischte den Sand unbeeindruckt von seinem Bauch.

»Na ja, das scheint andere Muskelgruppen anzusprechen.« Noch mehr Sand prasselte auf Daniel.