Vielleicht damals - Michael Steber - E-Book

Vielleicht damals E-Book

Michael Steber

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Beschreibung

Vielleicht damals erzählt von einer Generation. Nicht als zusammenhängender Roman, sondern als assoziative Popkulturgeschichte zwischen Autobiographie und philosophischem Essay. So springt Vielleicht damals hin und her zwischen einer allgemein menschlichen Sicht auf Vergangenheit, der unverkennbaren Wehmut der Kinder der neunziger Jahre und der individuellen Erinnerung des Autors. In einem mal analytischen, mal melancholischen Ton, immer mit dem zu hohen Anspruch, zugleich objektiv Geschichte zu schreiben und Kindheitserinnerungen hemmungslos nostalgisch festzuhalten. Als wäre es wirklich möglich, sich mit Hilfe der Popkultur und vor allem Videospielen an eine tiefere Wahrheit zu klammern, um dem großen Dunkel zu entgehen, das die Zukunft ist.

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Vielleicht damals erzählt von der Suche nach einer Generation mit den Mitteln der Erinnerung. Um irgendwo zwischen philosophischen Grübeleien, geteilten Erfahrungen und individuellen Eindrücken in der Popkultur etwas Gemeinsames zu finden, an dem sich die Kinder der neunziger Jahre in ungewissen Zeiten festhalten können.

Michael Steber, geboren 1985 in Augsburg, lebt aktuell zwischen Augsburg und München. Nach einem Studium der Anglistik, Romanistik, Philosophie und Pädagogik arbeitet er als Lehrer für Englisch, Französisch und Philosophie/Ethik. Im Anschluss an Aufenthalte in Frankreich, den USA, Japan und Singapur unterrichtet er derzeit an einem Gymnasium am Ammersee. Steber schreibt seit seiner Jugend und war auch journalistisch vor allem im Bereich der Popkultur tätig, die ihm heute noch sehr am Herzen liegt. Er glaubt, dass die Popkultur ein wesentlicher Teil seiner Identität war, ist und immer sein wird. Vielleicht damals ist sein erstes längeres Werk.

Inhalt

Vorwort

Wie man sich erinnert

Wie wir uns erinnern

Wie ich mich erinnere

Was man noch weiß

Was wir noch wissen

Was ich noch weiß

Wie man daran zurückdenkt

Wie wir daran zurückdenken

Wie ich daran zurückdenke

Was man hatte

Was wir hatten

Was ich hatte

Mit wem man lebte

Mit wem wir lebten

Mit wem ich lebte

Wie man gemeinsam war

Wie wir gemeinsam waren

Wie ich gemeinsam war

Wie man sich änderte

Wie wir uns änderten

Wie ich mich änderte

Was man fühlte

Was wir fühlten

Was ich fühlte

Was man sich ausdachte

Was wir uns ausdachten

Was ich mir ausdachte

Woran man sich orientierte

Woran wir uns orientierten

Woran ich mich orientierte

Was man versteht

Was wir verstehen

Was ich verstehe

Wie weit man gehen konnte

Wie weit wir gehen konnten

Wie weit ich gehen konnte

Was man liebt

Was wir lieben

Was ich liebe

Was man verloren hat

Was wir verloren haben

Was ich verloren habe

Was einem bleibt

Was uns bleibt

Was mir bleibt

Für alle, die vielleicht damals dabei waren

Zum Geleit: Ich habe noch nie ein Vorwort geschrieben. Das hier ist mein erstes, und das macht mich etwas nervös. Kriege ich das hin? Was, wenn ich auf einmal zu abstrusen Themen wie Eierlikör oder Sissi-Filmen abdrifte? Nicht auszudenken! Andererseits, was mache ich mir überhaupt Sorgen. Ich schreibe nur ein Vorwort. Das sind zwei, drei, vielleicht vier Seiten. Michael Steber hat dagegen ein ganzes Buch geschrieben! DAS ist mal ordentlich Druck! Da sollte ich doch zumindest ein brauchbares Vorwort hinkriegen. Sollte. Man möge mir verzeihen, wenn ich mich dabei vor allem den digitalen Aspekten widme – die sind eben mein Schwerpunkt.

Vorwort

Ich war ein Sega-Kind. Sonic war cool. Golden Axe war cool. Shinobi war supercool. Michael Steber dagegen, der Autor des Buches, welches Sie gerade erwartungsvoll aufgeschlagen haben, ist mit Nintendo aufgewachsen, wie Sie den kommenden Seiten entnehmen werden. Heute hat das freilich kaum noch Relevanz, doch damals hätten wir kaum in unterschiedlicheren Welten leben können. Die Generation, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs aufwuchs, musste sich nicht mehr um Atombomben oder Ähnliches sorgen. Für elf, zwölf Jahre war die Welt für einen durchschnittlich-deutschen Jugendlichen überraschend sorglos und konfliktfrei – bis eben auf die Konflikte, die wir selbst schufen. Stichwort: Sega gegen Nintendo. »Meine Konsole ist schneller!« – »Dafür hat meine mehr Farben!« – »Deine Spiele ruckeln doch!« – »Gar nich‘!« – »Wohl!« – Und so weiter und so weiter. Schaut man heute zurück, bleibt nur mehr Amüsement für die damaligen Konflikte übrig. Die Lagerbildung war äußerst willkürlicher Natur.

Meist bekam man zu Geburtstag/Weihnachten/Erstkommunion/Konfirmation oder einem beliebigen anderen geschenketrächtigen Event eine Spielkonsole – Mega Drive oder Super Nintendo. Und diesem Lager gehörte man dann an. Mit Leib und Seele. War so. Der Vollständigkeit halber: Exotischere Systeme wie PC-Engine und Neo Geo waren für den Durchschnittsspieler damals lediglich Gerüchte und hübsche Bilder aus Zeitschriften, aber ganz sicher keine Konsolen, die man jemals tatsächlich selbst besitzen könnte, daher stehen sie außer Konkurrenz; wer doch eine von beiden hatte, überging die Sega-Nintendo-Dichotomie direkt und wurde in den Rang eines Großmeisters erhoben. Oder so etwas Ähnlichem.

Was sich hier bierernst liest, das war in der Realität natürlich ein großer Spaß für alle Beteiligten. Eigentlich verstand man sich ja doch blendend, und was gab es Schöneres, als an einem faulen Nachmittag einen Freund oder eine Freundin aus dem »anderen Lager« zu besuchen und für ein paar Stunden in eine seltsame, aber irgendwie auch vertraute Parallelwelt reinzuspielen? Das sind die Erinnerungen, die einen guten Teil einer Generation geprägt haben. Was früher Bonanza, Lassie oder Flipper waren, das ist für diese, unsere Generation Sega. Oder Nintendo. Die Haptik der alten Controller, die weichen Klänge des SNES oder der charakteristische FM-Sound des Mega Drive, all das vermag uns auch heute noch in einen wohlig-warmen Schleier der Nostalgie zu hüllen.

In der Generation, der ich ebenso wie der gute Autor dieses Buches angehöre, ist die Nostalgie auffällig oft im Digitalen verwurzelt, und das kann man weder riechen noch schmecken (auch wenn manch ein Sammler auch heute nicht umhin kann, doch mal kurz die Nase ins Plastik einer alten Sega- oder SNK-Hülle zu stecken). Aber es hat die größten Eindrücke hinterlassen. Und dann auch noch Eindrücke, die »unsere« waren. Natürlich, es gab auch mal Eltern, die selbst eine Affinität zu digitaler Unterhaltung hatten, doch für die meisten waren und sind Mega Drive, Super Nintendo und Co. komische Daddelboxen, die dumm machen. Und viereckige Augen noch dazu.

Aber die Spiele haben uns gehört. Wir hatten unseren eigenen Jargon: Level. Joypad. 16 Bit. Dungeon. All so was. Die eigene Geheimsprache, bei der die Erwachsenen außen vor waren. Was müssen wir damals nervig gewesen sein! Aber toll war‘s halt auch. Welche Generation kann denn schon den Start und die Formierung eines komplett neuen Mediums so direkt miterleben? Das, was die Kinder und Teenager heute ganz selbstverständlich mitnehmen, das war für uns damals ein Wunder – und das war es Monat für Monat wieder, wenn irgendetwas »Tollesneuesanderes« herauskam. Das kann schon prägen!

Nun ist Nostalgie eine Sache, mit der ich fast tagtäglich zu tun habe, … und das auch noch für Geld! Ich halte an meiner Hochschule Vorlesungen über klassische Spiele und deren Macher vor Studierenden um die 20, und es ist immer wieder ein durchaus merkwürdiger Gedanke, dass die meisten der Titel, über die ich da rede, bedeutend älter als mein Publikum sind. Was ich weiland als Speerspitze der Technik erlebt habe, das ist für mein Publikum irgendwo zwischen Bronze- und Eisenzeit angesiedelt. Und natürlich frage ich mich dann … wie ist das mit meiner eigenen Nostalgie? Was davon ist verklärt? Was hält einer kritischen Betrachtung stand, wie sehr ist mein eigener Blick darauf eingefärbt?

Überhaupt, was ist diese kritische Betrachtung? Welchen Maßstab legt man da an? Ist es möglich, sich geistig zurück nach »damals« zu versetzen? Ein allgemeingültiges Rezept dafür gibt es freilich nicht. Nostalgie ist eben etwas, das jeder Mensch anders für sich erlebt. Für manche ist sie mit Musik verbunden. Oder mit Film. Oder mit der sinnlichen Wahrnehmung. Was für viele heutige Musikliebhaber ein Schlager der schlimmsten Sorte ist (»Du bist so heiß wie ein Vulkan«), das weckt in anderen Menschen wohlig-warme Gefühle aus den unbeschwerten Tage der Adoleszenz in den 70er Jahren.

Filme, die der moderne Cineast nur mithilfe von stetig fließendem Eierlikörnachschub erträgt (»Franz! Sissi!«), gehören für wieder andere zum alljährlichen Feiertagsritus. Möglicherweise auch gemeinsam mit erwähntem Eierlikör, wenn auch aus anderen Gründen. Stichwort Eierlikör: Andere Arten der Nostalgie werden oft von olfaktorischen oder gustatorischen Faktoren getriggert – ich werde mit Sonic the Hedgehog wohl auch noch in 20 oder 30 Jahren dieses seltsam-weiche Fruchtgummi aus US-Produktion verbinden, das mir die Verwandten aus den Staaten zum gleichen Weihnachtsfest beschert haben, als auch Konsole und Spiel unterm Baum lagen.

Diese ganze Prägung, diese Nostalgie einer Generation wird heute ja auch ganz ordentlich versilbert. Klassische Spiele oder Marken werden beispielsweise gerne neu aufgelegt. Was war es für ein Hallo, als ein bestimmter Keks-Schokoriegel, der mit dem Buchstaben »T« anfängt, für eine Weile wieder unter seinem alten Namen mit »R« verkauft wurde! Was dabei aber bemerkenswert ist: Oft ist es eben »unsere« Generation, die sich bis heute damit befasst. Indie-Entwickler, die heute Spiele im Stil der Klassiker basteln. Die zitieren, die iterieren. Andere nehmen die alten digitalen Chiptunes und FM-Sounds und pressen sie auf aufwendig produzierte, analoge (!) Schallplatten. Manche machen selbst Spiele für die alten, eigentlich doch längst ausgemusterten Kisten. Oder sie verarbeiten das Ganze eben in einem Buch. Wie der Autor des Buches, von dessen Lektüre ich Sie durch mein langsam ausuferndes Vorwort abhalte. Deswegen genug von meiner Seite. Ich übergebe freudig das Wort an den eigentlichen Autoren. Herr Steber, übernehmen Sie!

Thomas Nickel – Journalist, Spiele-Historiker und Gamedesigner

»Und wenn Sie selbst in einem Gefängnis wären, dessen Wände keines von den Geräuschen der Welt zu Ihren Sinnen kommen ließen – hätten Sie dann nicht immer noch Ihre Kindheit, diesen köstlichen, königlichen Reichtum, dieses Schatzhaus der Erinnerungen? Wenden Sie dorthin Ihre Aufmerksamkeit. Versuchen Sie die versunkenen Sensationen dieser weiten Vergangenheit zu heben.«

Rainer Maria Rilke – Briefe

1 Wie man sich erinnert

Auf eine merkwürdige Art und Weise sind die besten Momente, Stunden, Tage, Jahre und Zeiten immer schon vorbei und werden im Nachhinein Schritt für Schritt leiser, aber auch intensiver. Obwohl sie sich zeitlich immer weiter entfernen und eigentlich ganz verschwinden müssten, tragen sich manche von ihnen auf einem unbestimmten, wohligen Gefühl durch all die Jahre. Natürlich verschwinden auch viele Erinnerungen ganz und werden irgendwann eben nicht mehr erinnert. Wahrscheinlich sogar die meisten. Bestimmt lässt sich das mit dem Fassungsvermögen des Gedächtnisses oder evolutionären Gründen erklären. Man vergisst, weil der Speicher irgendwann voll ist. Oder es zu sehr wehtut, mit der Last der Vergangenheit weiterzuleben. Die gebliebenen und bleibenden Erinnerungen sind letztlich Überlebende eines langen Stroms aus Lebenseindrücken, und selbst dann wählt man ständig aus und hängt bestimmten Erinnerungen nach, als gäbe es doch eine Chance, sie irgendwie in die Gegenwart zurückzuholen.

Der französische Autor Marcel Proust, einer der ganz Großen, schreibt von zwei Arten der Erinnerung. Die Erinnerung, die man bewusst hervorruft, um sie zu genießen, nennt er mémoire volontaire, also willentliche Erinnerung, weil sie nur durch den Willen des Erinnernden wieder in sein Leben tritt. Die zweite Erinnerungsform bei Proust ist die mémoire involontaire, also die unwillentliche Erinnerung, die tief in äußeren Umständen wie Orten, Gegenständen oder Gerüchen schlummert und nicht bewusst hervorgerufen werden kann, sondern plötzlich in das Leben der Menschen hereinbricht, dafür aber umso intensiver als Funke, der die Unmittelbarkeit des damals Erlebten noch einmal entzündet. Diese Momente kommen fast einem Erweckungserlebnis gleich und sind es im Wortsinn ja auch, da die begrabene Erinnerung eben wieder zum Leben erweckt wird. Doch die moderne Welt verändert sich ständig und so stark, dass diese Auslöser nur selten auftreten oder gar ihr Potenzial entfalten können. Da aber Erinnerungen das Leben angenehmer machen können, greift man bewusst darauf zurück und macht Gebrauch von der mémoire volontaire. Und genau darin liegt vielleicht das Problem. Denn ruft man die Erinnerung bewusst hervor, wird man sie immer auch verändern, also bestimmte Aspekte hinzufügen oder weglassen, bis sie in das Bild passt, das die Jahre von der Vergangenheit gezeichnet haben. Kurz gesagt, man idealisiert die Vergangenheit und erinnert Wunschbilder, oder härter ausgedrückt, man erinnert Lügen statt der wirklichen Erlebnisse. Da die vergangene Wirklichkeit aber nicht mehr erlebbar ist und für immer im Leben um einen herum ruhen wird, ist es nur natürlich, sie zu verändern. Schon immer haben Menschen die Welt verändert, nicht nur ganz praktisch, indem sie etwa konkret auf die Natur einwirken, sondern auch gedanklich, indem sie äußere Einflüsse ihrem Weltbild anpassen. Das mag in manchen Bereichen verwerflich oder sogar gefährlich sein, aber was private Erinnerungen betrifft, ist es auf eine zutiefst menschliche Art unschuldig. Nur so versteht man auch, dass die Zeit einen nicht allein lässt mit all den Veränderungen, dem Alter und den Verlusten, während sie Jüngere einfach so beschenkt, die das natürlich nicht genießen können, bis auch sie etwas oder alles vermissen. Nein, man versteht auch etwas viel Wichtigeres, das die Wahrheit zwar in ihrer Wucht nicht aufhalten, sie aber zumindest in eine wohlige Melancholie verwandeln kann: Erinnerungen sind mit anderen Menschen teilbar, genau wie das Leben der Gegenwart teilbar ist. Man geht nie allein durch diesen großen Wandel der Zeiten. Immer hat man Menschen, die einen begleiten, vielleicht nicht an seiner Seite, doch zumindest auf dem gleichen Weg, von dem zwar niemand weiß, wohin er führen wird, aber jeder zu wissen glaubt, wie er bisher verlaufen ist. Durch diesen Blick nach hinten entsteht eine Verbindung. Natürlich hat jeder anders gelebt und erinnert anders, es gibt also gleich zwei Möglichkeiten für Abweichungen vom großen Ganzen des Damals. Aber man wird immer eine Schnittmenge finden, Gemeinsamkeiten, mit denen man alte Zeiten heraufbeschwören kann. Sie kommen vielleicht nicht von selbst zu einem, doch heraufbeschwören kann man sie. Das geht auch allein, aber wenn man es zusammen macht, entsteht eine Verbindung zwischen den Menschen, die echte Nostalgie erst möglich macht. Nostalgie, dieser Schmerz der Heimkehr zu den Zeiten, die vor allem eins waren und sind: gemeinsam.

Wenn sich also die wirkliche Vergangenheit dem Zugang der Menschen entzieht und die willentliche Erinnerung nur eine idealisierte Vergangenheit heraufbeschwört, die jedoch guttut und Verbindungen schafft, ist es dann nicht zutiefst menschlich, sich diesem idealisierten Zerrbild hinzugeben? Zumal dann, wenn der Alltag uns zwingt, voll Angst nach vorne zu leben? Gegenwart im eigentlichen Sinn gibt es sowieso nicht, denn wenn man sie bewusst wahrnehmen will, wird sie noch erwartet oder ist bereits vorbei. Vielleicht für die ganz großen Weisen, für die mag es Gegenwart geben. Vielleicht über Meditation oder ein kompromisslos erfülltes Leben. Aber »normale« Menschen sind immer anderswo, niemals bei sich, sondern in der Vergangenheit oder der Zukunft. Angesichts dieser Alternativen ist es vielleicht nicht immer vernünftig, jedoch verständlich, die Vergangenheit zu wählen, selbst wenn sie nicht einmal ihr Versprechen von Echtheit erfüllen kann, geschweige denn das Versprechen von Erfüllung oder Zugänglichkeit, sondern in einen wohligen Schimmer des Flunkerns getaucht ist. Oder wie es der große Tom Waits in einem seiner verletzlichen Momente formulierte: Heute grauer Himmel und morgen Ängste, also muss man wohl warten, bis das Gestern hier ist. Und genau deshalb, weil man darauf ewig warten müsste, macht man Gebrauch von Erinnerungen. Man greift sie sich, führt sie sich zu, ja nascht sogar davon. Immer irgendwie bewusst und immer mit dem Gefühl einer verdienten Belohnung. Auch wenn Proust anderer Meinung wäre: Die mémoire volontaire ist die Arznei, vielleicht auch das wahre Opium des Volkes, ganz sicher aber Zutat eines guten Lebens. Deshalb kann und sollte man ihr in verschiedenen Abstufungen der Hemmungslosigkeit frönen. Immer dann, wenn es nötig wird oder man ganz zufällig auf das wohlige Vergnügen dahinter stößt.

Wie wir uns erinnern

Über Generationen und die sie verbindenden Erinnerungen zu schreiben, kann eigentlich nur schiefgehen. Menschen und Zeiten sind unterschiedlich, und wenn sich jemand anmaßt, eine »Generation« auszurufen und dann auch noch deren kollektive Erinnerungen zu beschreiben, ist das wahrscheinlich sehr weit weg von der Wahrheit und mehr Produkt persönlicher Neigungen. Beschrieben wird, was gewesen sein soll, und nicht, was wirklich gewesen ist. Aber das ist menschlich. Und genau wie die Erinnerungen selbst kann das daraus entstehende Trugbild einer Generation Menschen zusammenbringen und ihnen das Gefühl geben, etwas gemeinsam erlebt zu haben, das so für niemand anderen jemals mehr erfahrbar sein wird. So werden auch wir hier tun, als wären wir eine Generation gewesen und nicht viele unterschiedliche Menschen, die vielleicht zufällig das eine oder andere gemeinsam hatten. Wir werden so tun, als hätten wir uns gekannt und regelmäßig Zeit miteinander verbracht, ganz einfach als Teil unseres Lebens mit allen kleinen und großen Höhen und Tiefen. Als wüssten wir noch heute, was uns damals bewegt hat, in dieser Zeit, die wir heute als weniger sorgenvoll heraufbeschwören, als sie es vielleicht wirklich war. Orte, die noch heute und für alle Zeit für uns mit Bedeutung aufgeladen sind und sein werden, auch wenn sie sich, genau wie wir selbst, stark verändert haben oder nicht einmal mehr existieren. Auch sie werden wir noch einmal besuchen, und damit sind nicht unbedingt wirkliche Orte gemeint, sondern Archetypen bestimmter Orte, die wir alle so oder ähnlich kannten und nun mit Nostalgie belegen, weil das die letzte und einzige Möglichkeit ist, die uns geblieben ist.

Wer wir sind und waren? Schwer zu sagen. Der typische und vielleicht auch klischeehafteste Begriff, den wir verwenden könnten, wäre Kinder einer bestimmten Zeit. Aber warum Kinder? Natürlich waren wir damals Kinder oder vielleicht auch Jugendliche, aber der Begriff Kinder könnte zwei Bedeutungen haben, die über unser Alter hinausgehen. Einerseits werden Kinder in die Welt geworfen, ohne sich dafür entschieden zu haben, und wenn wir die Zeit betrachten, dann sind wir alle Kinder eines Jahres oder eines Jahrzehnts. Ja, wir waren verschieden, aber wir können auch nicht verleugnen oder vergessen, dass diese Jahre und Zeiträume unser Leben vorbestimmt haben. Nehmen wir nur den Zeitraum unserer Geburt, dann sind wir alle Kinder irgendeines Jahres, das zwischen der Mitte und dem Ende der achtziger Jahre liegt. Diese Jahre waren es, in die wir hineingeboren wurden und die uns vorgaben, was uns letztendlich prägen sollte. Eine andere Perspektive erscheint aber wichtiger. Wir waren unseren Geburtsjahren nach zwar Kinder der Achtziger, aber mit denen, die sich ebenfalls so bezeichnen, haben wir wenig gemeinsam. Wir teilen nicht ihre Hobbys und Interessen, ihr Leben. Ihre Geschichten schienen uns aus einer anderen Zeit zu stammen. Sie waren die, die gefühlt immer schon dreißig oder gar vierzig waren und uns alt erschienen, irgendwie aber auch weise und weiter in dem, was alle als das wirkliche Leben bezeichnet hätten. Nie hätten wir uns vorstellen können, wie es für uns hätte aussehen sollen, dieses Alter und das wahre Leben. Ein fester Arbeitsplatz, gefestigte Überzeugungen oder gar eine Familie, all das war unendlich weit weg für uns. Nur eines war klar: Es gab einen Graben zwischen uns und denen, der uns zwar nicht zu Feinden machte, uns aber doch trennte und für einen Bruch in der Kommunikation sorgte, gerade wenn es nicht um den Alltag ging, sondern um das, was uns wirklich etwas bedeutete: Popkultur.

Wir waren also nicht diese Art von Kindern der Achtziger. Dieses Jahrzehnt hatte uns zwar hervorgebracht, aber nicht geprägt. Unsere goldene Zeit war eine andere. Nicht jenes Jahrzehnt, in dem wir geboren wurden, sondern diese Jahre, als wir die Welt erstmals bewusst wahrnahmen und die wir deshalb heute so verklären können. Weil wir wissen, wie alles aussah und sich anfühlte, und wenn wir heute daran zurückdenken, dann sind wir uns sicher, dass es genauso war und dass dieses wohlige Gefühl damals immer da war und dass wir dachten, es würde auch für immer bleiben. Heute wissen wir, dass es nicht so ist, und vielleicht haben wir es auch damals schon geahnt, aber verdrängt. Und so wollen wir auch heute verdrängen, dass unsere Erinnerung vielleicht nicht jene Gegenwart war. Dass wir unterschiedlicher waren und sind, als wir glauben wollen. Wir wollen stattdessen so tun, als wären wir eine Generation aus einem Guss, als wäre unsere mémoire volontaire authentisch und nicht wie die der anderen Generationen nur eine willentliche Illusion trauriger, alternder Menschen. Also wollen wir stolz die Bezeichnung aufgreifen, dass wir Kinder einer Zeit sind. Diese Bezeichnung ist nicht nur eine wehmütige Metapher, sondern gibt uns insofern Recht, als wir eine Zeit nicht nur erlebt haben, sondern auch von ihr geprägt und geformt wurden. Und ja, auch wir haben sie geformt. Denn in vielem, wenngleich nicht in allem, waren wir typisch für damals und verliehen den Stunden, Tagen und Jahren ihren Charakter, der sie heute für uns so einzigartig macht und für andere Generationen so fremd und rätselhaft. Diese Stunden, Tage und Jahre waren die Neunziger und frühen Zweitausender, und wir waren ihre Kinder. Kollektiv haben wir sie erlebt und gelebt, in ihnen gefühlt, gelacht und getrauert, bis wir sie irgendwann ziehen lassen mussten und sie zu Erinnerungen wurden.

Wie ich mich erinnere

Auch wenn die Erfahrung des Menschen im Allgemeinen und sein Umgang mit Erinnerungen bestimmten Mustern folgen, kommt es immer auch darauf an, selbst das zu tun, wodurch Erfahrungen und Erinnerungen überhaupt erst entstehen: zu leben. Und ja, unsere gefühlte Generation hat in ihrem Leben natürlich ähnliche Entscheidungen getroffen, und wenn es nur Entscheidungen im kleinen oder alltäglichen Bereich waren. Nicht unbedingt die ganz großen Dinge, sondern einfach der Entschluss, etwas Bestimmtes zu einem Teil seines Lebens zu machen. Auch das verbindet mit anderen. Nicht nur Produkte zu konsumieren, sondern gleichzeitig die Gesamterfahrung als atmosphärisches Plus zu erleben und darin Gemeinsamkeiten finden. Trotzdem gibt es immer auch Anekdoten, die man so nur selbst erlebt hat, auch wenn sie in das große Ganze eingebettet sein mögen. Jene Momente, Stunden und Tage, die natürlich innerhalb einer Zeitperiode stehen, die aber nur man selbst erlebt hat und die vielleicht noch einige Freunde oder Bekannte kennen, die Teil dieses Puzzles unseres ganz persönlichen Lebens sind. Sie alle werden Teil einer ganz persönlichen Geschichte. Vielleicht sind es genau diese Anekdoten, die Generationen erst entstehen lassen im Fluss des Lebens. Denn es wird sich immer jemand finden, der an sie anknüpfen kann oder Ähnliches erlebt hat. Jemand aus derselben Generation, der ebenso nostalgisch auf die Zeit zurückblickt und ahnt, dass diese Tage nie mehr wiederkommen werden. Der ebenso hemmungslos idealisiert, wie es Menschen nun einmal tun. Der wahrscheinlich anders aufgewachsen ist und doch etwas in den Worten oder im Glanz der Augen entdeckt, wenn jemand anderes davon erzählt. Der daran anknüpfen kann. Vielleicht sogar auf einer allgemeinen Ebene, als Mensch insgesamt. Denn so wie alle Menschen geliebt, gehasst, sich gefreut und gelitten haben, es noch immer tun und immer tun werden, so gibt es in jeder Generation Anlässe dafür. Und so verschieden diese in ihrer konkreten Form auch sein mögen, wenn man sie abstrahiert, sind sie immer Teil dessen, was die Bedingung des Menschen genannt wird.

Auch wenn alles, was wir tun, denken und fühlen, in einen größeren Rahmen gebettet zu sein scheint, selbst wenn es nur in der Rückschau so ist, müssen wir uns doch positionieren und unser eigenes Leben betrachten als das, was es ist. Zwar nur ein Ausschnitt aus dem großen Ganzen, aber eben jener Ausschnitt, in den hinein wir alle Bestandteile legen, die wir dann in der Summe Leben nennen. Genauso wie es wichtig ist, dass wir nicht in diesem Ausschnitt verbleiben und seine Grenzen im Leben durchschreiten, ist es wichtig, dass wir uns selbst überhaupt erst bewusst werden, wie diese Momentaufnahme des großen Ganzen für uns aussieht. Wohin wir geworfen wurden, woher wir kommen, wie wir dort ankamen und abreisten, kurzum: wer wir waren und sind.

Zumindest die ersten dieser nicht immer einfachen Fragen kann ich für mich beantworten. Ich komme aus Deutschland, genauer gesagt, aus dem südlichen Teil Bayerns. Lange war mir das nicht bewusst, später wurde es mir zuwider, zu anderen Zeiten wiederum gewann ich vieles daran lieb. Aber dass mein Leben dort seinen Anfang nahm und immer wieder auch seinen Mittelpunkt und Anker findet, kann und will ich nicht abstreiten. Ich wurde 1985 geboren und war somit automatisch Teil der Menschengruppe, die zuvor so wagemutig als Generation bezeichnet wurde. Meine Welt schien weder groß noch klein, sie war einfach, wie sie war. Meine Welt und die vieler anderer. Eine ganz andere Welt als die, die ich heute vorfinde. Und ja, ich werde sie loben und idealisieren. Ich will mein eigenes Leben als Fenster zu Vergangenem benutzen und teilen, was war und vielleicht in anderer Form wiedererkannt wird. Nicht alles und von allen, dazu ist das Leben zu individuell. Aber doch genug, um darin Gemeinsamkeiten zu sehen. Irgendwo zwischen dem Leben jedes Menschen, den Tagen unserer Generationen und meiner heute vergoldeten damaligen Zeit.

2 Was man noch weiß

Vielleicht klang das bisher zu negativ: dass man sich an Erinnerungen klammert und diese gewissermaßen vergoldet, dass man sich aktiv etwas widmet, das nicht real ist und so auch nie war. So menschlich das auch sein mag, ist das nicht auch Verschwendung von Energie und Lebenszeit? Trauert man nicht einfach stur einem willkürlichen Zeitabschnitt nach, von dem man nicht einsehen kann oder will, dass er unwiderruflich vorbei ist? Weist genau dieses Verhalten nicht sogar vielleicht darauf hin, dass man mit der Gegenwart nicht zurechtkommt und auch die Zukunft und ihren besten Begleiter, die Hoffnung, abgeschrieben hat? Ganz so wie es Tom Waits sagt in einem seiner vielen Klagelieder, aus denen immer auch die Lebenserfahrung des betrunkenen alten Mannes spricht? Die harte, klare und destillierte Form der Wahrheit? Vielleicht. Wahrscheinlich. Wahrscheinlich ist es so, und Menschen, die sich zu sehr und über dieses scheinbar natürliche Maß hinaus mit der und ganz besonders mit ihrer Vergangenheit befassen, kommen nicht zurecht mit all dem. Mit dem Leben. Mit der leisen Ahnung, dass es irgendwann, und für manche sogar von Anfang an, mehr nimmt als gibt. Dass es womöglich im Nichts endet, und mit ihm alles und alle. Aber. Es muss doch auch hier ein Aber geben, dieses kleine große Wort, das Menschen als Zeichen setzen hinter die Zerwürfnisse und Wirrungen, die ihnen widerfahren. Als Lebenszeichen, als Beweis, dass sie nicht nur gelebt werden von dem, was auf sie zukommt.

Das soll auch hier gelten. Natürlich sind Erinnerungen immer auch eine Realitätsflucht. Eines der vielen kleinen Paradiese, in die man sich flüchtet, wenn alles oder auch nur manches zu viel wird und die Realität nicht mehr genug zu bieten hat. Aber, und da ist das Wort wieder, genau diese Paradiese sind es erst, die uns das Leben erträglich machen und uns ermöglichen, es aktiv zu gestalten, sodass es mehr als nur erträglich wird. Ein gutes Leben. So schlicht die Formulierung klingt, vielleicht ist das die größte und älteste Aufgabe eines Menschen. Nur wer überhaupt aus der Distanz auf sein Leben blicken kann, kann es voll erfassen und entsprechend gestalten. Und ist nicht die zeitliche Distanz eine der größten, respekteinflößendsten überhaupt? Denn anders als zum Beispiel die räumliche Distanz kann sie nur mental überbrückt werden und stellt so eine Distanz zur Realität dar. Durch diesen Blick von außen sieht man klarer, was geschieht, und wird sich bewusst, dass man vieles davon selbst gestaltet. Vielleicht sogar alles, denn zumindest die Reaktion auf ein Geschehen kann man immer in einem gewissen Rahmen selbst wählen. So kann das Schwelgen in der Vergangenheit eine feige Flucht sein, eine Selbstaufgabe angesichts des Wandels, der unscheinbar und doch unaufhörlich auf uns wirkt. Es kann aber auch eine Bestandsaufnahme des Bisherigen sein und die Basis bilden für Reflexion und Aktivität. Es kann uns inspirieren, die Vergangenheit wiederzubeleben in einer neuen Form und daraus unsere Zukunft zu gestalten. So muss es nicht immer negativ und hoffnungslos sein, wenn man sich der Vergangenheit zuwendet. Wenn man aus Erinnerungen Neues schafft, entstehen wiederum neue Erinnerungen und alles mündet in jenen Fluss der Zeit, den so viele heraufbeschwören, aber nur wenige wirklich wahrnehmen. Dabei ist es eigentlich eindeutig: Man ist der- oder dieselbe, die man vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren war. Und eben auch nicht. Diesen Widerspruch zu verstehen und den Wandel mit Bedeutung anzureichern, bedeutet vielleicht auch, sein Leben zu verstehen. Rückblickend, aber auch aktiv nach vorne gewandt und gestaltend.

Was wir noch wissen

Jetzt, als Erwachsene, gibt es beständig etwas zu tun. Man kann man sich beruflich »reinhängen«, sich selbst ständig optimieren und an seiner Karriere feilen. Wahrscheinlich ist das auch das Los dieser Zeit. Unsere Zeit aber, die Zeit, die wirklich uns gehört hat und uns geprägt hat, damals, wurde vor allem von dem bestimmt, was man banal Hobbys nennen könnte. Und davon gab es ziemlich viel, von der Zeit und den Hobbys. Natürlich gab es die Schule und ab und zu andere Aufgaben, aber wenn wir ehrlich sind und als müde Erwachsene zurückblicken, sehen wir eindeutig, dass wir damals viel Zeit hatten. Zeit für uns und die anderen, die dann Teil dieses Wir wurden. Auch hier könnten wir wieder argumentieren, dass es dieses Wir nie gab, aber wir wollen trotzdem daran glauben. Aus heutiger Sicht würde man sagen, dass wir Nerds oder Geeks waren, und damit haben wir kein Problem. Weil Nerds und Geeks vielleicht manchmal etwas seltsame, aber letztendlich gute Menschen sind und damals jeder irgendwie eines von beidem war, wo auch immer der genaue Unterschied liegen mag. Nur dass wir es nicht nötig hatten oder auch nur auf die Idee gekommen wären, uns ein Etikett zu geben. Wir wussten instinktiv, dass es andere mit den gleichen Interessen gab und Dinge, die man einfach haben musste. Das können wir ganz unschuldig sagen, ohne Konsumkritik oder erwachsenen Überdruss. Wir haben den Kanon unserer Kindheit erschaffen und sind ihm gefolgt. Ja, damals gab es so etwas noch. Nicht nur Kindheit an sich, auch eine Art Kanon. Wir hatten nicht die unendlichen Möglichkeiten des Internets, und wenn sich jemand zum Beispiel für Videospiele interessierte, dann war es zumindest sehr wahrscheinlich, dass er ein Super Nintendo hatte und darauf bestimmte Spiele spielte. Heute ist immer gleich alles Lifestyle, und die Optionen dieser Lebensführungen sind schier unendlich. Und genau das tun sie auch: Sie führen das Leben in eine Richtung, und jemand, der eine andere Richtung nimmt, führt ein ganz anderes Leben, obwohl er gleich alt ist. Klar gab es auch früher Unterschiede, aber sie waren wesentlich kleiner und verschwanden schnell, wenn wir die großen Gemeinsamkeiten der Zeit entdeckten. Videospielkonsolen, Sport und ganz allgemein Popkultur als große Nivellierung der Unterschiede. Soziale Unterschiede gab es zwar auch, aber sie bestimmten vor allem, in welchem Ausmaß man sich seinen Interessen widmen konnte, indem man einfach mehr Geld in sie investieren konnte. Andere Interessen gaben sie nicht oder nur sehr begrenzt vor. Vielleicht gab es Eltern, die lieber wollten, dass ihre Kinder sich mit dem beschäftigten, was sie als Hochkultur definiert hatten. Doch gegen die Strahlkraft von Videospielen konnten sie nur wenig ausrichten. Irgendwie waren wir also alle gleich, so unwahrscheinlich das auch klingen mag.

Wie schon erwähnt, hätten wir uns das Etikett »Nerds« niemals selbst gegeben, und ehrlich gesagt finden wir, dass gerade die negativen Aspekte dieses Wortes eher auf die heutigen Generationen zutreffen. Zwar waren uns beispielsweise Videospiele sehr wichtig, aber wir waren insgesamt weniger an elektronische Geräte gebunden als die Jüngeren es heute sind. Insofern waren wir vielleicht nerdig, aber Kinder sind immer irgendwie Nerds, weil sie auch scheinbar unbedeutende Interessen mit viel Hingabe und ungeachtet der Meinung anderer verfolgen. Ist das nicht etwas Wunderbares? Wir waren das Positive am Nerdtum, bevor es cool wurde, sich dieses Etikett zu geben. Heute bezeichnet es eher einen leeren Trend, die negativen Aspekte, wie soziale Isolation, mit der alles zersetzenden heutigen Ironie ignorierend. Wir waren sozusagen natürliche Nerds und wussten es nicht. Aber wir waren auch mehr. Wir waren, und auch das ist wieder hemmungslos nostalgisch, manchmal ganz einfach draußen. So sehr wir Videospiele liebten, irgendwann hatten wir auch davon genug, und die einzige Möglichkeit war dann, rauszugehen und, als wir klein waren, ganz einfach zu spielen. Fußball, Basketball, Brettspiele, Hauptsache spielen. Auch das war Teil unserer Freizeit, unserer Hobbys, unseres Lebens, so unwahrscheinlich es auch manchen der heutigen jungen Menschen, die eine aus unserer Sicht falsche Wahl aus den vielen Lebensstilen getroffen haben, erscheinen mag. Deswegen wollen wir forsch sagen, dass wir ausgeglichen waren. Nerds avant la lettre, die neue Technologien, die damals in unseren Augen auch viel unkomplizierter und stilvoller waren, bereitwillig annahmen und doch dafür nicht das klassische Kindsein der Generationen vor uns aufgaben. Vielleicht haben wir deshalb sogar eine Art Scharnierfunktion zwischen zwei Zeitaltern von Menschenleben. Jenen Menschen, die nur sehr begrenzte Formen von Technik in ihrem Leben hatten, und denen, die voll darin aufgehen und aus unserer Sicht andere Teile ihres Lebens dafür vernachlässigen.

Vor allem Ereignisse und Erzeugnisse der Popkultur sind von Bedeutung, wenn es um Hobbys geht, die im Leben einer Generation eine wichtige Rolle spielen. Also wollen wir hier in zumindest einem Punkt konkreter werden. Für uns waren Videospiele wichtig, da sind wir sicher nicht die erste und auch nicht die letzte Generation. Aber, wie das nun mal so ist, wir haben andere Generationen und deren Videospiele weniger verstanden als unsere eigenen. Die Spiele vor uns waren uns oft ein Rätsel, weil sie uns naturgemäß weniger zugänglich waren als die für uns aktuellen Titel. Außerdem erschienen sie uns zu simpel, die Grafiken zu schlicht und die Spielmechaniken zu vereinfacht, um mit dem mithalten zu können, was wir gewohnt waren und erwarteten. Bestimmt ist es ungerecht, das so zu sagen, aber ist es nicht immer so, wenn Menschen älter werden und Generationen kommen und gehen, dass einer den anderen in gewisser Weise abhängt, was den Zurückbleibenden nur unverständig mit dem Kopf schütteln lässt? Und so ging es ja auch uns, wie wir heute im Rückblick verstehen müssen. Auch wir verstehen die Videospiele heutiger Kinder und Jugendlicher weniger als die, die wir gerne die unseren nennen, und wahrscheinlich sind die Gründe dafür dieselben, die auch unsere Vorgänger auf uns und unsere Interessen bezogen haben. Irgendwie erkennen wir darin vielleicht sogar eines der ewigen Gesetze des Lebens, die sich nie ändern, in allen Lebensbereichen wirken und doch von allen Menschen immer erst im Rückblick verstanden werden. So ist es auch für uns heute und im Bereich Videospiele. Für viele von uns sind die neuen Spiele ein Rätsel. Gut, vielleicht nicht unbedingt die Spiele selbst, aber doch die Begeisterung, die die Jüngeren ihnen entgegenbringen, obwohl sie doch so schnelllebig sind und blutleer wirken. Man kann und muss sie oft im Internet spielen, sie brauchen ständig Updates und gerade die bekannten Spiele wirken wie leblose Grafikdemos und Schnittorgien. Natürlich ist auch das zu einfach und es gibt auch heute noch unabhängige Spiele und sogar Retrospiele, die sich direkt an Leute wie uns richten. Aber ein wehmütiger Blick zurück im Angesicht des Jetzt ist nun einmal selten differenziert und kompetent. Deshalb sei uns das an dieser Stelle verziehen.

Um schon hier etwas konkreter zu werden, wollen wir kurz zwei Gegenstände erwähnen, über die wir in unserer Erinnerung ganz genau Bescheid wissen. Was Videospiele betrifft, stehen neue Konsolen immer für eine neue Ära. Gefürchtet von denen, die sich keine neue Konsole leisten können oder, was damals durchaus vorkam, deren Eltern ihnen verboten haben, mit einer weiteren Konsole ihr vermeintlich gefährliches Hobby zu intensivieren und so vielleicht ganz abzudriften in diese für die Älteren unverständliche virtuelle Welt. Womit wir wieder bei der Kluft sind, die Generationen von Menschen scheinbar immer trennen muss. Andere wiederum haben, angefeuert von Videospielmedien und ihren eigenen Erwartungen in Freundeskreis und Schule, der neuen Ära entgegengefiebert und jedes Bruchstück an neuer Information aufgesogen. Auch dazwischen gab es Leute, und vielleicht waren sie die Weisesten, die eine neue Konsole und die damit verbundene Ära einfach hinnahmen und mitmachten und den Lauf der Dinge akzeptierten, ohne allzu nostalgisch oder überschwänglich zu werden. Unsere Generation wurde gefühlt zwei Mal durch solche neuen Ären geprüft. Die erste davon begann, als das Super Nintendo Entertainment System, kurz SNES, erschien. Heute müssen wir ironischerweise im Internet nachschauen, wann das war, nämlich 1992. Vielleicht waren nicht alle von uns damals bewusst dabei, aber fast alle von uns wurden von dieser Konsole und ihren Spielen geprägt. Das Super Nintendo war die erste Konsole, die 16 Bit und später sogar 32 Bit schaffte, und natürlich waren das für uns nur irgendwelche Zahlen, von denen wir uns nicht vorstellen konnten, was sie wirklich bedeuteten, aber die Art, wie sie in unser Leben traten, ließ uns ahnen, dass ein Wandel bevorstand. Mit einem Knall begann alles mit Spielen wie Super Mario World und Street Fighter 2 und ebenso endete es mit Spielen wie Terranigma oder Harvest Moon. Vielleicht war das langsame Ende dieser Konsole sogar noch wichtiger für uns, denn inzwischen waren wir mit dem Super Nintendo und seinen Spielen gewachsen und mit ihm verschwand ein Teil unserer Kindheit für immer. Die zweite Konsole, die für uns wichtig war, wenn auch vielleicht nicht ganz so bedeutend wie das Super Nintendo, war die Playstation. One, also die allererste. Auch hier ging es um nichts Geringeres als eine neue Ära, die Grafik war nun endgültig dreidimensional und unsere liebgewonnenen Pixel wichen Polygonen und anderen Gebilden mit Namen, die wir kaum verstehen oder auch nur aussprechen konnten. Gewissermaßen besiegelte die Playstation das Ende unserer Kindheit, indem sie hinwegwischte, war für uns immer da war: die einfache und doch sentimentale Gefühle erzeugende Welt der Pixel. Diese kleinen Teilchen, die für sich gesehen nur eckige, bunte und flimmernde Vierecke waren, aber in ihrem Zusammenspiel und aus der Distanz Bilder zeigen und Geschichten erzählen konnten, die uns zwar nicht immer Wege durch unsere Jahre vorgaben, aber uns doch etwas gaben, an das wir uns in schwierigen Zeiten klammern konnten. Bis heute. Ob die Bedeutung der Pixel wirklich aus ihnen selbst heraus kam oder ob wir nur, wie man es prinzipiell mit allem machen kann, Bedeutung in sie legten, ist eine müßige Frage, die wir uns vor allem damals nicht stellten. Für uns waren die Pixel auf jeden Fall bedeutend, so unverständlich es für Ältere auch war, dass etwas so Kleines und in ihren Augen nicht Reales wichtig sein kann.

Einige von uns werden nun sagen, dass es zwischen den erwähnten Konsolen Super Nintendo und Playstation noch einen weiteren Meilenstein gab, nämlich das Nintendo 64. Das stimmt, und es war vielleicht sogar diese Konsole, die am sehnlichsten erwartet wurde, konnte sie doch als erstes Gerät mit 3D-Grafik aufwarten. Die Videospielzeitschriften überschlugen sich von den ersten Momenten an angesichts selbst kleinster Neuigkeiten zum Nintendo 64. So unwirklich anders und neuartig war das, was Nintendo dort nach und nach durchsickern ließ. Aber irgendwie auch kalt, so überwältigend anders das Spielgefühl auch war. Und doch sind bestimmt nicht alle aus unserer Generation dieser Meinung und es wäre besser, sich auf eine persönliche Meinung einzulassen, statt vielen Spielern und Menschen etwas in den Mund zu legen, das sie so vielleicht nie gefühlt oder gedacht haben.

Was ich noch weiß

Damals hatte eigentlich jeder ein Super Nintendo, so auch ich. Zwar hatte ich schon zuvor einen Gameboy, aber der fühlte sich als mobile Konsole mehr nach etwas an, mit dem ich mich nebenbei mal kurz beschäftigte, während ich eigentlich etwas anderes machte, und sei es nur warten. Das Super Nintendo dagegen war, wie manche damals so schön sagten, ein Heimcomputer und das Spielen damit eine bewusstere Tätigkeit. Ich musste mich an einem bestimmten Ort einfinden, mir mehr Zeit nehmen und schließlich die Konsole und den Fernseher fast zeremoniell starten, bevor ich endlich spielen konnte. Beim Super Nintendo war sozusagen auf allen Ebenen mehr Einsatz erforderlich. Zeitlich, finanziell und auch emotional. Trotzdem kam das Super Nintendo als meine erste wirkliche Konsole eher unspektakulär in mein Leben. Ich hatte es nicht etwa, wie spätere Konsolen, lange erwartet und jede Information darüber aufgesogen, sondern es war einfach so, dass man im Freundeskreis und über das Fernsehen mitbekommen hatte, dass es da seit einiger Zeit etwas Neues gab, und das hatte man sich dann ganz unreflektiert und natürlich zu Weihnachten gewünscht. Und plötzlich war es da und es war ziemlich gut. Meistens mit dem fantastischen Super Mario World. Super Mario kannte man ja vom Gameboy schon, da war das Spiel ein No-Brainer, vor allem, weil es sowieso meist im, noch so ein schön nostalgisches Konsumwort, Lieferumfang enthalten war. Doch es war nicht einfach nur enthalten, sondern hat unsere Spielerfahrung geprägt. Ich kam also zum Super Nintendo eher unspektakulär und nicht als versierter Kenner des Mediums Videospiele. Sondern als etwas viel Einfacheres. Als Kind, das einen natürlichen Spieldrang hat, und der war schon damals nicht nur, aber eben auch elektronisch, und die Zeichen der Zeit wollten es, dass das Super Nintendo zum richtigen Zeitpunkt erschien. Von da an war Videospielen nicht mehr einfach nur ein Zeitvertreib, sondern ein richtiges Hobby, mit dem man sich befassen und über das man sich austauschen konnte. Ich wurde Videospieler, mindestens genauso, wie ich auch Schüler oder Fußballer war. Aber als Videospieler hätte ich mich nie bezeichnet, eben weil es ein Hobby war, das fast jeder hatte. Videospielen war die Default-Beschäftigung meiner Zeit. Ich hätte mich eher rechtfertigen müssen, wenn ich nicht gespielt hätte. Trotzdem hat es mich nicht ganz definiert. Natürlich war es ein wichtiger Teil von mir und hat mich, gerade im Nachhinein betrachtet, auch geprägt, indem es mir Geschichten und Orientierungspunkte meiner Kindheit und Jugend gab. Aber damals war es vor allem ein Teil der Erfahrung, in einer bestimmten Zeit aufgewachsen zu sein. Wahrscheinlich war es das vorher auch und ist es auch heute noch, aber eben auf eine andere Art, die ich nicht immer verstehen kann oder will, aber die für jüngere und ältere Menschen bestimmt eine ähnliche Bedeutung hat.

Während der jüngeren Generation wohl sowieso egal ist, was jemand in meinem Alter über Videospiele schreibt, habe ich die ältere Generation vielleicht unbewusst vor den Kopf gestoßen, so als wären auch derartige Reaktionen wieder eine Gesetzmäßigkeit zwischen Menschen unterschiedlichen Alters. Ganz bestimmt sogar werde ich auch Menschen aus meiner Generation verstören, vielleicht durch meine einseitige Vorliebe für japanische Videospiele, vielleicht durch meine heute eher anekdotische als faktische Sicht auf die Vergangenheit. Ich bin schuldig und bleibe es auch an dieser Stelle. Einerseits habe ich das Super Nintendo in den Mittelpunkt gestellt und musste das auch gewissermaßen, denn es war mein Fenster zur Welt der Videospiele und ist jetzt eine Zeitmaschine zurück in meine Kindheit. Andere Zeiten und sicherlich großartige Konsolen wie der Mega Drive können diese Rolle für mich einfach nicht übernehmen. Genau aus diesem Grund, durch diese natürliche Selektion meiner Erinnerung, habe ich auch eine videospielgeschichtlich vielleicht noch wichtigere Konsole als das SNES, nämlich das Nintendo Entertainment System oder kurz NES außer Acht gelassen. Das NES war für mich persönlich weder in Bezug auf die Spiele noch als Erinnerungswerkzeug so bedeutend wie das SNES. Zu meiner Verteidigung kann ich aber sagen, dass ich mir ein NES von meinem eigenen Ersparten gekauft habe, und zwar etwa ein oder zwei Jahre später, als ich schon ein SNES hatte, um meine Videospielerfahrung zu erweitern und zu verstehen, was es davor gab. Das gelang mir dadurch ein Stück weit, aber die Konsole wurde nie ganz so Teil meiner Nostalgie, die nun im Rückblick eine so wichtige Rolle spielt.

Interessanterweise habe ich auch der Playstation nicht direkt entgegengefiebert. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich das bei Konsolen eigentlich nie so energisch getan wie bei einzelnen Spielen. Genauso unauffällig, wie ich das Super Nintendo fast im Zuge eines Naturgesetzes der damaligen Zeit bekam, kam auch die Playstation in mein Leben. Zuvor aber wurde das Nintendo 64 veröffentlicht, und für mich war es von Anfang an eher ein Feind. Nicht, weil ich es ablehnte oder kein Fan von Nintendo war. Im Gegenteil, mir war zumindest bewusst, dass Nintendo es schon richtig machen würde und man sich auch diese Konsole bedenkenlos kaufen konnte. Beim Kaufenkönnen lag aber auch das Problem. Ein Problem im privaten Bereich. Wie einige andere meiner Freunde sah ich mich mit Eltern konfrontiert, die Videospiele prinzipiell eher kritisch sahen und obendrein den natürlichen Lebenszyklus einer Konsole nicht verstanden. So waren sie der Meinung, dass meine zwei Konsolen und der alte Gameboy doch genug seien, und machten mir von Anfang an klar, dass ich das Nintendo 64 nicht bekommen würde und auch nicht selbst kaufen durfte. Sie hatten das Phänomen Videospiele nicht begriffen und wahrscheinlich kann man ihnen das auch nicht vorwerfen. Für sie waren Konsolen und Spiele wie weiteres Zubehör für dasselbe Hobby. Wer einen Fußball hatte, brauchte doch auch nicht noch einen zweiten. Dass Videospiele von sich aus mehr und immer neue Perspektiven und Inhalte mitbringen, hatten meine Eltern nicht verstanden. Vielleicht ahnten sie, dass sich zumindest optisch etwas veränderte. Wie im Bereich Fußball ein neues Trikot oder ein Spielertransfer, was das alte Trikot nicht gerade im Ansehen steigen ließ. Dass das auf dem Schulhof kein Garant für Ruhm und Ansehen war, konnten meine Eltern nachvollziehen. Aber im Bereich Videospiele? Da war sie wieder, die Kluft zwischen den Generationen. Mir wurde also unmissverständlich erklärt, dass ich kein Nintendo 64 bekommen würde, und so wurde der ganze Hype um diese Konsole, jeder kleine Informationsschnipsel in den Zeitschriften und im Freundeskreis, zu einem dunklen Vorboten für mich. Was andere freudig erwarteten, zeigte mir nur, dass eine Ära, meine Ära, zu Ende ging und schon bald durch etwas Neues ersetzt werden sollte. Etwas ebenso Großes und Leuchtendes, das vielleicht schon. Aber etwas, an dem ich ganz einfach nicht teilhaben würde. So muss es sich anfühlen, an der Schwelle zu einer neuen Zeit zu leben, die schillernd zu werden verspricht, die man aber nicht erleben wird. Aus heutiger Sicht finde ich, dass das Nintendo 64 schlecht gealtert ist und die Wut auf meine Eltern ist natürlich verflogen. Vielleicht ist das aber auch nur deshalb so, weil mir die Erinnerung verwehrt blieb und ich nur am Rande bei Freunden mitbekam, wozu das Nintendo 64 fähig war. In jedem Fall aber fühlte ich mich damals verdammt dazu, einer desolaten Zukunft entgegenzuspielen. Ich sträubte mich dagegen, das Unvermeidliche zu akzeptieren und machte so zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung, dass das nur wenig bringt. Das Nintendo 64 kam und mit ihm eine Durststrecke meines Lebens als Videospieler, die ich versuchte abzuwenden, indem ich weiterhin Super Nintendo spielte und zu argumentieren versuchte, warum diese Konsole letztendlich immer besser sein würde als das Nintendo 64. Ich hatte zwar aus heutiger Sicht Recht, glaubte aber damals selbst nicht daran und konnte vorerst nichts tun.

Doch der Lauf der Dinge tat sein Übriges. Ich wurde etwas älter und meine Eltern gaben es auf, mir so streng zu diktieren, wofür ich mein Geld ausgeben durfte. Inzwischen war auch die Playstation erschienen und eine kurze Recherche ließ mich staunen, dass sie sogar früher als das Nintendo 64 in Deutschland veröffentlicht wurde. Das verwunderte mich, denn für mich war das Nintendo 64 nicht nur technisch schwächer, sondern auch gefühlt älter. Während es zum Beispiel noch auf Module setzte, erschienen die Playstation-Spiele schon auf CD, was mir damals unwirklich futuristisch und irgendwie abwegig erschien. CDs sind doch für Musik und meinetwegen für PC-Spieler mit Installationen und allem Pipapo, wie soll man damit ein Konsolenspiel direkt starten können? Allerdings gab es in Playstation-Spielen gerenderte Videos, und das hat mich nachhaltig beeindruckt. Trotzdem sah ich zunächst keinen Grund, mir die Playstation zu kaufen, obwohl ich es sogar durfte. Die Durststrecke des für mich so sinnlosen Konsolenverbots war vorüber. Aber entweder hatte ich kein Geld oder die konkreten Spiele lockten mich nicht genug. Ich weiß es nicht genau, wahrscheinlich war es eine Mischung aus beiden Gründen. So zogen die Tage ins Land und ich spielte immer noch Super Nintendo, obwohl es bereits zwei neue Konsolen gab. Vielleicht war ich auch einfach zu bequem, um mich mit einer neuen Konsolengeneration zu befassen. Da ist das Wort wieder, Generation. Wahrscheinlich gibt es nicht nur bei Menschen Generationen, sondern auch bei den Dingen, mit denen sie sich beschäftigen, und weil bei den Menschen neue Generationen nachkommen, muss es auch neue Dinge geben, da die neuen Menschen sich nicht mehr für die alten Dinge begeistern können. Es gibt also fast eine Art Symbiose zwischen den Generationen der Menschen und der Dinge. Diese zu durchbrechen, ist nicht einfach, eben weil sie fast naturgegeben erscheint. Deshalb halten die alten Menschen an den alten Dingen, also ihren Dingen, den Dingen ihrer Generation fest, obwohl sie auch mit den Dingen der neuen Generation leben könnten. Könnten, aber vielleicht nicht können oder gar wollen. Und so war es wohl eine Mischung aus Geldmangel, Nostalgie und der Angst, eine neue Generation könnte begonnen haben, die mich zunächst davon abhielt, der Playstation entgegenzufiebern und sie sofort zu kaufen, so interessant und neuartig sie auch erschien.

Trotzdem blieb Videospielen mein Hobby, und auch oder gerade weil es drohte, immer weiter aus dem Blickfeld meines Alltags zu verschwinden, wollte ich auf dem aktuellen Stand bleiben und zumindest aus der Distanz mitbekommen, wie sich mein liebgewonnenes Medium weiterentwickelte. Das war immer mit dem Schmerz verbunden, sehen zu müssen, was ich alles verpassen würde, aber eine Zeit lang war der Schmerz nie groß genug gewesen, um darauf mehr zu reagieren als mit einem leisen Bedauern beim Lesen von Zeitschriften. Irgendwann kam jedoch der Moment, der das leise Bedauern zu einem lauten Aufruf werden ließ. Einem Aufruf, dem ich zu folgen hatte, zu vielversprechend waren die Aussichten und zu sehr hätte ich es bereut, das nicht erlebt zu haben. Es ging natürlich um ein Spiel, und interessanterweise habe ich von dem Spiel nicht durch eine Videospielzeitschrift erfahren, sondern durch die Animania, eine Zeitschrift für Anime, Manga und japanische Popkultur im Allgemeinen. Natürlich gab es auch zahlreiche westliche Videospiele, aber für mich hatten diese keinen Reiz. Meine Videospiele waren japanisch, und das waren sie nicht nur aufgrund ihrer Herkunft, sondern sie transportierten auch die Kultur Japans auf eine Weise, die immer mehr Interesse in mir für das Land entstehen ließ und mich so erst bewusst zu Anime und Manga brachte. Aber das ist eine andere Geschichte. Das Spiel, von dem ich in der Animania las, war der Türöffner für japanische Rollenspiele im Westen überhaupt und wurde so überschwänglich gelobt, dass ich nicht anders konnte, als aktiv zu werden. Es war Final Fantasy 7. Final Fantasy, diesen Namen hatte ich schon einmal gehört, aber da zu der damaligen Zeit, meiner Erinnerung nach, kein Teil der Serie offiziell in Deutschland erschienen war, blieb es bei dem Gerücht, dass es sich um eine legendäre und vielleicht die beste Rollenspielreihe überhaupt handelte. Vor allem Final Fantasy 6, das ja für mein geliebtes Super Nintendo erschienen war und in den USA unter Final Fantasy 3 lief, umgab immer der Nimbus des vielleicht besten Rollenspiels, das ich nie gespielt hatte. Das sollte ich nachholen, auch aufgrund meiner Eindrücke von Final Fantasy 7. Der Artikel in der Animania zitierte zunächst einen amerikanischen Videospieljournalisten, der so weit ging, das Spiel nicht nur als das beste Spiel aller Zeiten, sondern als bestes Unterhaltungsprodukt aller Zeiten zu bezeichnen. Diese Aussage gewann sofort meine Sympathie, und noch heute finde ich, es sollte mehr überschwängliche Superlative in der Sprache geben, auch wenn der Autor insgeheim weiß, dass diese vielleicht nie erfüllt werden können. Der deutsche Artikel zum Spiel relativierte und begnügte sich damit, Final Fantasy 7 als eines der besten Videospiele aller Zeiten zu bezeichnen. Ohne die genauen Argumente noch wiedergeben zu können, sie waren auf jeden Fall überzeugend. Hinzu kam die unfassbare Grafik, und obwohl ich nie besonders viel Wert auf Grafik legte, was alle Videospieler von sich behaupten, die sich über den typischen Mainstream-Fan erheben wollen, sprach mich die Ästhetik des Spiels an. Das war etwas ganz Neues, eine metallisch-kalte und doch ungemein atmosphärische Aufmachung, die sich bei allen denkbaren Einflüssen aus Kunst und Kultur bediente. Heute würde ich sagen, es war postmodern. Und damals hatte ich noch nicht einmal den Soundtrack gehört. Als der Artikel noch einmal klarstellte, dass allein dieses Spiel es wert sei, sich eine Playstation zuzulegen, ging alles ganz schnell und ich nutzte mein Erspartes, um eben dies zu tun. Meine Eltern hatten nur wenig einzuwenden, denn ich war älter geworden, war zumindest etwas selbstständiger, und wer weiß, vielleicht hatten sie auch etwas mehr von Videospielen verstanden. Dass Videospiele mehr waren als nur austauschbarer Zeitvertreib. Vielleicht hatten sie ein bisschen geahnt, dass Videospiele Kulturerzeugnisse waren, die ganze Generationen begleiten konnten.

So kaufte ich mir die Playstation einige Zeit, nachdem der Hype um die neue Konsole abgeklungen war. Als einziges Spiel dazu hatte ich Final Fantasy 7. Und mehr brauchte ich auch nicht. Es war fantastisch, ein Erweckungserlebnis in meiner Biografie als Videospieler und noch heute ein leuchtender Teil meiner Erinnerung an die damalige Zeit. Ohne an dieser Stelle zu sehr ins Detail gehen zu wollen, es war und ist auch vielleicht heute noch, zumindest durch meine nostalgische Brille, das beste Videospiel aller Zeiten. Die Ankunft dieses Spiels, und das Wort Ankunft ist hier nicht übertrieben oder unpassend, markiert einen dieser Punkte im Leben, auf die man zurückblickt und sie noch mehr durch verklärende Erinnerung vergoldet. Auch wenn es augenscheinlich nur ein Videospiel war, war es doch so viel mehr, und ich werde nicht müde, davon an anderer Stelle zu erzählen. Final Fantasy 6 legte ich mir danach zu, in einer Version für die Playstation, und es war ebenso ein unfassbar gutes Rollenspiel, konnte mich aber nicht ganz so beeindrucken wie der siebte Teil der Reihe. Wer weiß, vielleicht hätte es die Rolle einnehmen können, die Final Fantasy 7 für mich hatte, wenn ich es zuerst gespielt hätte. Aber wie so oft sind auch hier Mutmaßungen über die Vergangenheit zwecklos und mich überkommt die leise Ahnung, dass auch der Zufall in das Leben einen Weg zeichnet, der dann im Nachhinein gewollt erscheint.

3 Wie man daran zurückdenkt

Nostalgie ist ein ständiger Begleiter eines jeden Menschen, sobald er genug Erinnerungen angesammelt hat, um überhaupt nostalgisch werden zu können. Wann genau das der Fall ist, ist nicht so einfach zu sagen. Vielleicht ist es sogar schon bei Kindern so, dass sie sich an frühere Jahre erinnern können und sich zurückwünschen in eine frühere Zeit. Oder bei Jugendlichen, die mit den Veränderungen dieser Zeit und dem Schwebezustand zwischen Kindheit und Erwachsenenalter nicht zurechtkommen und vielleicht gerne wieder ein Kind wären. Auf jeden Fall aber bei Erwachsenen, wann auch immer man diesen Lebensabschnitt beginnen lassen will. Sie sehnen sich zurück und wissen nur zu gut, was Nostalgie ist. Aber wie schon erwähnt, ist das natürlich und muss nicht unbedingt negativ sein. So entwickeln alle Generationen Erinnerungen im wahrsten Sinne des Wortes und hüllen sie in Nostalgie. Wahrscheinlich laufen dabei immer dieselben Mechanismen ab: Man erlebt etwas bewusst oder lebt einfach nur vor sich hin, empfindet es aber auf irgendeine Weise als angenehm und möchte zumindest indirekt, dass es nie mehr aufhört. Dann aber stellt man fest, und das ist wiederum eine der grundlegenden Wahrheiten des Lebens, dass sich alles verändert und dass diese Momente, diese Erlebnisse, diese Zeit unwiderruflich vorbei sind. Statt sie einfach hinter sich zu lassen und weiterzuleben, bleibt ein Teil von einem selbst in dieser Vergangenheit zurück und das Ich der Gegenwart, das vielleicht gerade nicht so zufrieden ist, schmückt diese immer mehr aus, bis sie in jenem goldenen Licht erscheint, in das wir Begriffe wie die glückliche Kindheit oder die gute alte Zeit tauchen. So gleich aber die Abläufe dieser Verklärung bei unterschiedlichen Menschen sind und immer waren, so verschieden können wiederum ihre konkreten Inhalte sein. Oftmals wird die Kindheit zum Gegenstand der Verklärung. Aber in Bezug auf das Konkrete, das sich für eine solche Verklärung anbietet, und jenes, das man eher außen vorlässt, finden sich Unterschiede, weil die Welt, die letztendlich die Basis für Erinnerungen ist, sich immer wieder radikal verändert. Und auch die Menschen verändern sich. So können selbst Kleinigkeiten, die man früher nicht einmal bewusst wahrgenommen hat, zu wertvollen Bestandteilen der Erinnerung werden, vielleicht nicht ihre grundlegendsten Pfeiler, aber doch jene Details, die das Vergangene durch einzelne Menschen erst wirklich einzigartig werden lassen. Andere, viel größere Ereignisse und Veränderungen im Leben der Menschen, können wiederum zur Selbstverständlichkeit und gar nicht erst zu bewussten Erinnerungen werden, da Erinnerungen immer nur das sind, was wir allein oder in bestimmten Gruppen zu besitzen glauben. Und so gilt auch für Erinnerungen, dass sie dem Gesetz des ewigen Wandels unterworfen sind. Dies gilt für Generationen und Menschen allemal und vielleicht auch für denselben Menschen, dessen Erinnerungen ständig bearbeitet werden, sich wandeln, irgendwann verschwinden oder aus dem Nichts der Vergangenheit wieder auftauchen. Auch deshalb ist es schwierig, Erinnerungen über Generationen hinweg zu vergleichen, denn wenn schon individuelle Menschen derselben Generation unterschiedliche Erinnerungen haben, dann wird es umso schwieriger, Gemeinsamkeiten mit Individuen anderer Generationen zu finden. Abgesehen von menschlichen Grunderfahrungen auf einem allgemeinen Niveau, dem, was man conditio humana nennt. Leben, Tod, Liebe, Schmerz, Freude. Dieses ewige Spiel, dessen Regeln immer gleich bleiben, so unterschiedlich man sich auch innerhalb des Spielfelds bewegt und dagegen sträubt, dass es so verläuft, wie es immer verlaufen ist. Aber auch über diese grundlegenden Gemeinsamkeiten hinweg kann man in der Gruppe, die man Generation nennt, durchaus gleiche Erfahrungen erkennen und daraus für andere Generationen neue und unbekannte, für jene Generation aber kollektiv bedeutende Erinnerungen ableiten.

Wie wir daran zurückdenken