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Nachdem Caro völlig unerwartet ihre Kündigung erhält, schlittert sie von einer Panikwelle in die nächste. Wen kann sie bloß in ihre neue "schwierige berufliche Situation" einweihen? Die Antwort auf diese Frage ist leicht, schließlich kennt sie ihre beste Freundin Miri mehr als ihr halbes Leben lang und gemeinsam haben sie schon so einiges durchgestanden. Obwohl die beiden nicht unterschiedlicher sein könnten, sind sie unzertrennlich und echte Herzensfreundinnen. Nach Abwägung aller zur Verfügung stehenden Optionen greifen sie schließlich mit beiden Händen nach den Sternen und erfüllen sich ihren langersehnten Traum. Doch als das Schicksal plötzlich zuschlägt, scheint auf einmal alles in Gefahr. Während Miri um ihr Leben und Caro ums Café kämpft, bekommen beide unerwartete Unterstützung - unter anderem von "Mr. Vollidiot", der immer wieder Caros Wege kreuzt und sie dabei jedes Mal unendlich auf die Palme bringt. Aber warum macht ihr Herz dann so komische Sachen, wenn er in der Nähe ist?
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Barbara Dell lebt mit ihrer Familie in einem roten Schwedenhaus südlich von Hamburg. Wenn sie nicht gerade im Familientrubel untergeht, arbeitet sie in einer kleinen Kinderarztpraxis. In ihrer Freizeit liebt sie es, mit einem Kaffee auf der Veranda oder unter dem Apfelbaum neben den Hühnern zu sitzen und zu lesen oder zu schreiben.
Vor ein paar Jahren entdeckte sie die Freude am Texten neu. Ihr Wunsch und ihre Motivation ist es, mit ihren Geschichten ein wenig zum Nachdenken anzuregen. Über uns, unser Leben und über Themen, die viele irgendwie kennen. Sie schreibt über Menschen, die zueinanderfinden, die unterschiedlicher nicht sein können, aber am Ende trotzdem zusammenkommen und sich manchmal auch lieben lernen. Denn eines darf für sie auf keinen Fall fehlen: ein Happy End!
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Triggerwarnung:
Liebe Leser:innen,
bevor Sie anfangen, Caros und Miris Geschichte zu lesen,
möchte ich Sie darauf hinweisen,
dass in der Geschichte eine Person schwer erkrankt.
Für Bianca
Meine liebe Herzensfreundin!
*
In Erinnerung an Sarah
Unsere Zeit war viel zu kurz, aber sie ist immer in meinem Herzen!
Alles auf Anfang
Das Leben muss weitergehen
Alte Freunde
Familienbande und neue Türen, die sich öffnen
Auch Träume brauchen einen Plan
Männer-WG
Sportliches Desaster
Café-Projekt Phase A: Planung & Vorbereitung
Nervenaufreibende Verhandlungen
Unerwartete Unterstützung
Tausche Abschied gegen Neuanfang
Unerfreuliche Begegnung
Café-Projekt Phase B: Umsetzung unseres Traumes
Kein Weg zurück
Letzte Vorbereitungen
Jetzt geht’s los …
Café-Projekt Phase C: Eröffnung
Aller Anfang ist schwer
Wiedersehen mit »alten« Bekannten
Aus der Traum?
Es gibt auch ein Leben ausserhalb des Cafés …
Durchhalten lohnt sich
Unverhofft kommt oft
Eine Welt bricht zusammen
Zwischen Angst und Hoffnung
Wo waren nur all unsere Träume geblieben?
Rettung naht
Veränderungen stehen bevor
Von hundert auf null
Sternschnuppenspektakel
Der grosse Tag
Wiedersehen
Auszeit vom Alltag
Man sollte Träume leben, solange man die Chance hat
Das Herz macht, was es will
Für immer vielleicht?
Zwischenmenschliche Beziehungen
Überraschung
Hinterhofgespräche
Mal wieder Praxisurlaub
Zwischen neuen Plänen und (Café)-Alltag
Irgendetwas hat sich verändert
Tanzendes Herz oder doch nur Freunde?
Wenigstens eine zwischenmenschliche Beziehung mit Happy End
Lesung im Coffee & Cake
Es knistert nicht nur in den Tannenzweigen
Kerzenschein und Tannenduft
Weihnachtsstimmung pur
Der 90. Geburtstag
Einmal Vollidiot, doch immer Vollidiot
Nur noch dreimal schlafen …
Eine ganz einfache Erklärung?
Ende gut, alles gut - Ein paar Monate später -
Aber das kann doch nicht … Ich meine, das darf doch …«, aufgewühlt und nicht in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu bilden, starrte ich in die beklommen dreinblickenden Augen meines Chefs. Besser gesagt meines Noch-Chefs, denn ich hatte soeben meine Kündigung erhalten.
»Leider doch, Frau Hansen.« Betrübt und zerknirscht sah er mich an. »Es bleibt mir nichts anderes übrig.«
»Aber warum, Herr Schubert? Nach sieben Jahren!«
»Sehen Sie, es ging mit der Agentur in letzter Zeit immer mehr bergab. Es kamen viel zu wenig Aufträge. Ich kann die Augen einfach nicht mehr länger davor verschließen.« Unbehaglich rutschte er auf seinem Stuhl hin und her. »Sie werden leider nicht die Einzige sein, der ich kündigen muss. Glauben Sie mir, es fällt mir nicht leicht.« Traurig blickte er mich über den Rand seiner Lesebrille hinweg an. »Sie waren die ganzen Jahre immer eine gute und zuverlässige Mitarbeiterin. Ich bin mir sicher, dass Sie schnell etwas Neues finden werden.«
An dieser Stelle wusste ich, dass es keinen Sinn mehr machte, weiter nach dem Warum zu fragen. Wortlos nahm ich den großen braunen Umschlag, den Herr Schubert mir über den Tisch zugeschoben hatte. Ich wendete ihn in meiner Hand hin und her. Das war sie also, meine Kündigung. Kraftlos erhob ich mich vom Stuhl und schlich in mein Büro. Die anderen Kollegen waren längst nach Hause gegangen und genossen ihren Feierabend.
Wie ein nasser Sack plumpste ich in den Bürostuhl und drehte mich in alle Richtungen. Traurig ließ ich den Blick durch den Raum schweifen, in dem ich die letzten sieben Jahre eine Menge Zeit verbracht hatte. In wenigen Wochen würde diese endgültig vorbei sein. Wie würde es dann weitergehen? Ich hatte keine Ahnung. Langsam packte ich alle Sachen inklusive des braunen Umschlags in meine Tasche und verließ deprimiert das Büro. Wie schnell konnte aus einem ganz gewöhnlichen Mittwoch einer der schwärzesten Tage des Jahres werden.
Ich trat hinaus in die kühle Märzluft und lief ziellos durch die Straßen. Hatte ich tatsächlich gerade meinen Job verloren? Ja, hatte ich. Nach und nach sickerte diese Information auch in die letzten Ritzen meines Gehirns. Was sollte ich jetzt bloß tun? In dem Versuch, die aufsteigende Angst abzuschütteln, beschleunigte ich meine Schritte. Sicherheit war existenziell für mich und jetzt das!
Überhaupt lief es in meinem Leben gerade nicht rund. Vor fünf Wochen, sechs Tagen und ziemlich genau drei Stunden hatte Andreas mit mir Schluss gemacht. Einfach so. Ohne Grund. Nun ja, vermutlich nicht ganz ohne Grund. Meine beste Freundin Miri war sich sicher, dass der blöde Mistkerl oder die hohle Dumpfbacke, wie sie ihn seitdem nannte, schlichtweg kalte Füße bekommen hatte. Was den Schmerz über die Leere, die er hinterließ, nicht geringer machte.
Wütend kickte ich einen Stein aus dem Weg. Nichts lief nach Plan. Alles lief aus dem Ruder. Mein Leben war in wenigen Wochen in einem riesengroßen Chaos geendet. Ich spürte unweigerlich, wie die Angst sich steigerte und ich geradewegs in eine Panikwelle schlitterte. Langsam zählte ich bis zehn und atmete dabei automatisch tief ein und aus. Genauso wie Anna es mir erklärt hatte. Vier-Fünf-Sechs. Sie studierte im fünften Semester Psychologie und musste es wissen. Sieben-Acht. Außerdem war sie mit meinem Bruder Nico zusammen. Neun-Zehn. Allmählich beruhigten sich meine Atmung und mein Herzschlag wieder und ich konnte anfangen, darüber nachzudenken, wie es jetzt weitergehen würde. Aber was tat man, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde? Ich war ratlos und mit der ganzen Situation total überfordert. Zwar wusste ich, dass ich immer zu meiner Familie gehen konnte, wenn ich jemanden zum Reden brauchte, aber in diesem Fall war das ausgeschlossen. Meine Mutter war schließlich diejenige, von der ich das mit dem Sicherheitsbedürfnis hatte. Unvorstellbar, ihr von der Kündigung zu erzählen. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, denn die Trennung von Andreas hing ihr immer noch nach. In ihren Augen war er der perfekte Mann für mich und durch seine zuverlässige Art ein Traum von Schwiegersohn. Nun ja, seine Zuverlässigkeit mir gegenüber hatte sich zwar in Luft aufgelöst, was meine Mutter allerdings nicht davon abbrachte, an ihrer hohen Meinung ihm gegenüber festzuhalten. Mit meiner Schwester Lena über die Veränderungen meines Berufsstatus zu reden, war keine Option. Sie wohnte mehr als 150 Kilometer entfernt und ich wollte nicht am Telefon mit ihr darüber sprechen. Meinen Vater und Nico konnte ich ebenfalls sofort ausschließen, da die beiden nie etwas für sich behalten konnten. Es würde umgehend bei meiner Mutter landen und genau das wollte ich ja verhindern. Ich seufzte. So wie es aussah, hatte mein Leben gerade einen Reboot gemacht. Alles auf Anfang!
Eigentlich war mir sowieso längst klar, dass ich mit meinen Sorgen und Ängsten am besten zu Miri ging. Sie war schließlich meine beste Freundin und immer für mich da, wenn ich sie brauchte.
Es war schon eine halbe Ewigkeit her, seitdem wir uns das erste Mal gesehen hatten. Mehr als ein halbes Leben. In der siebten Klasse stand sie eines Morgens in unserem Klassenraum. Sie war mit ihren Eltern von Hamburg nach Lüneburg gezogen. Wir mochten uns vom ersten Moment an und so entstand über die Zeit eine immer vertrautere und enge Freundschaft. Eine Freundschaft, die einem das Leben nicht oft schenkt, und, da war ich mir sicher, die ewig halten würde. Wir hatten inzwischen so viel erlebt und gemeinsam durchgestanden. Gute und schlechte Zeiten geteilt.
Ich wühlte im Rucksack nach meinem Handy und wählte ihre Nummer. Schon beim zweiten Klingeln nahm sie ab. Allein der Klang ihrer Stimme sorgte dafür, dass es mir schlagartig ein bisschen besser ging. Automatisch verlangsamte ich meine Schritte und wechselte die Richtung zu Miris Wohnung.
»Hey, Süße, komm mal her.«
Heulend ließ ich mich in Miris Arme fallen.
»Was ist denn passiert? Am Telefon war nur Scheiße-Arbeit-was-jetzt? vor lauter Schluchzen zu verstehen.«
»Oh.« Ich schniefte und versuchte, meinen Tränenfluss unter Kontrolle zu bringen, während Miri mich zu ihrem Sofa schob. In kurzen Sätzen fasste ich die Geschehnisse der letzten Stunde zusammen.
»Ach du Scheiße!«, brachte Miri es auf den Punkt. »Und das passiert ausgerechnet dir. Wo du Veränderungen doch so liebst.«
»Danke«, erwiderte ich trocken. »Sehr hilfreich.«
»Na ja, ist doch so. Und hast du schon einen Plan?«
»Miri, ich habe vor einer Stunde meine Kündigung bekommen und bin seitdem kopflos durch Lüneburg gelaufen.« Langsam spürte ich eine neue Panikwelle heranrollen.
»Aha, verstehe.«
Im Stillen fragte ich mich, ob sie wirklich verstand und was es da überhaupt zu verstehen gab. Dann konzentrierte ich mich wieder auf meinen Atem.
»Gut, dass du zu mir gekommen bist!« Miri stand auf und verschwand in der Küche. Ich hörte ein Klirren und eine Minute später lehnte sie mit zwei Gläsern und einer Flasche Weißwein im Türrahmen.
»Wo hätte ich denn sonst hingegen sollen?«, fragte ich verwirrt.
»Na ja, zum Beispiel zu deinen Eltern.«
»Auf gar keinen Fall! Unmöglich! Meine Mutter leidet immer noch unter dem Verlust ihres Lieblingsschwiegersohnes in spe. Jetzt noch der Verlust meines Jobs, das würde sie nicht verkraften.«
»Caro, sie hat drei Kinder bekommen und großgezogen. Glaub mir, sie kann einiges verkraften.«
»Nicht dein Ernst. Du tust ja gerade so …«
Miri ließ mich nicht ausreden. Lächelnd hielt sie mir eins der Gläser hin.
»Lass uns auf die Chancen im Leben anstoßen.«
Welche Chancen? Ich nahm einen ersten Schluck Wein und musste an meine Oma denken. Ich hörte sie sagen, was sie immer sagte, wenn ich befürchtete, eine Welt würde zusammenbrechen. »Mien Deern, wenn irgendwo eine Tür vor deiner Nase zuschlägt, öffnet sich irgendwo anders eine Neue. Du musst nur gut aufpassen, dass du nicht daran vorbeiläufst.« Dann würde ich mal hoffen, dass Omi recht behielt und vor allem, dass es nicht zu lange dauerte, bis sich die neue Tür öffnete.
»Wie geht es eigentlich deiner Schwester?«
»Lena?«, fragte ich unnötigerweise und leicht verwirrt über den abrupten Themenwechsel.
»Na, wer denn sonst?« Miri lachte laut auf.
»Äh, richtig«, antwortete ich. »Es geht ihr gut. Sie sind gerade auf der Suche nach einem Haus in der Umgebung von Kiel. Mit Jella und dem Baby wird es langsam zu eng in der Wohnung.«
»Ja, das dachte ich mir schon. Kommen sie bald mal wieder zu Besuch? Ich würde die zwei kleinen Racker so gerne mal wiedersehen.«
»Ich glaube, erst zu Ostern. Sie haben mit den Kindern und der Haussuche gerade alle Hände voll zu tun.«
»Scheint Lena gutzutun, dieses ganze Familiending.«
»Ja, das tut es«, stellte ich fest. Jetzt wo ich so ohne Freund und nun auch noch ohne Job dastand, kam mir das Leben meiner großen Schwester auf einmal perfekt vor.
»Wie dem auch sei, deine Mutter wird es überleben. Es war ja nicht ihr Freund, der reißausgenommen hat und es ist auch nicht ihr Job, der futsch ist.« Miri holte mich mit ihrer Zusammenfassung unvermittelt wieder in die Gegenwart zurück.
Ich stöhnte leise auf und trank einen großzügigen Schluck Wein. »Gut, dass du mich noch mal daran erinnerst hast. Ich hätte fast vergessen, dass mein Leben gerade so richtig den Bach runtergeht.«
»Gern geschehen«, grinste sie mich an und griff nach meiner Hand. »Du weißt, dass ich nichts davon halte, um den heißen Brei herum zu reden. Hör auf, den Kopf in den Sand zu stecken. Mit geradem Blick voran und die Dinge anpacken.«
Wenn man bei Miri darauf hoffte, in Selbstmitleid versinken zu können, konnte man ewig warten. Das wusste ich schon lange und es war genau das, was ich brauchte, um nicht von einer Panikwelle in die nächste zu schlittern. Seufzend griff ich nach dem Glas und nahm einen weiteren Schluck. Angenehm kühl floss er durch meine Kehle. Noch ein paar Schlucke, und es würde mir vielleicht nicht mehr schwerfallen, für eine kurze Zeit mein Dilemma in seinem ganzen Ausmaß zu vergessen.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem schalen Geschmack im Mund und brummendem Schädel. Ob meine Kopfschmerzen von den zwei leeren Weinflaschen kamen, die auf dem Tisch standen, oder weil ich auf Miris Couch eingeschlafen war, wusste ich nicht. Letzten Endes war das auch völlig egal. Ich brauchte dringend eine Schmerztablette und einen starken Kaffee.
»Was hast du heute für Pläne?«, fragte ich Miri bei unserer Verabschiedung.
»Keine Ahnung. Ich muss später noch ein paar Dinge erledigen und …« Sie hielt mitten im Satz inne. »Hey, ich bin heute Abend auf dieser Party. Komm doch mit!«
»Auf keinen Fall! Ich bin doch gar nicht eingeladen.«
»Mensch, Caro, das ist doch egal. Was meinst du, wer da alles aufkreuzt und gar nicht eingeladen ist. Das ist doch der ganze Spaß an der Sache!«
»Bei wem denn?«
»Kennst du nicht. Ich habe letzte Woche im Voice so einen Typen kennengelernt und der hat mich eingeladen. Ist eher eine etwas größere Privatparty. In der Garage.«
»Mmh, ich weiß nicht. Ich überlege es mir noch mal«, antwortete ich ausweichend.
»Das wäre eine super Chance, dich ein bisschen abzulenken und nicht ständig an Andreas und deinen verlorenen Job zu denken. Ich komme um zweiundzwanzig Uhr und hole dich ab.«
Ich seufzte. Es war sowieso sinnlos, Miri etwas auszuschlagen. Also stimmte ich lustlos zu. Bis dahin hatte ich noch genug Zeit, um ein wenig in Selbstmitleid zu versinken und den Tag in der Agentur hinter mich zu bringen. Zuerst legte ich jedoch noch einen kurzen Zwischenstopp zu Hause ein. Hüpfte unter die Dusche, zog mir neue Klamotten an und nahm eine Schmerztablette gegen den üblen Kater.
Auf dem Weg zur Arbeit kaufte ich beim Bäcker um die Ecke noch schnell ein belegtes Brötchen. Das musste heute als Frühstück reichen. Für Sybille und Claudia, meine beiden Kolleginnen, mit denen ich mir das Büro teilte, nahm ich zwei Franzbrötchen mit. Auch nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte, kam mir der Gedanke, dass unsere gemeinsame Zeit schon sehr bald vorbei sein würde, surreal vor und machte mich traurig.
Angespannt, wie sie auf meine Neuigkeiten reagieren würden, betrat ich das Büro.
»Hey, guten Morgen! Guckt mal, was ich euch mitgebracht habe.« Ich stand vor Sybilles und Claudias Schreibtisch und hielt die Bäckertüte in die Höhe. Ihre Köpfe bewegten sich im Takt der Tüte, die wie ein Pendel hin und her schwang.
»Guten Morgen, Caro! Was hast du uns mitgebracht?«, fragte Sybille und ein erwartungsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht.
»Lasst euch überraschen. Ich ziehe schnell meine Jacke aus, hole uns einen Kaffee und …« Ich hielt kurz inne und schluckte schwer, als ich in die freudigen Gesichter der beiden sah. Sie rechneten nicht mit dem, was ich ihnen gleich mitteilen würde. »Und dann muss ich euch noch ganz dringend etwas erzählen«, presste ich traurig hervor.
Bevor jedoch Fragen auf mich einprasseln konnten, war ich schon aus der Tür verschwunden, um meine Sachen im Aufenthaltsraum zu verstauen. Mit drei Bechern Kaffee stand ich ein paar Minuten später wieder im Büro.
»Na dann schieß mal los. Was gibt es denn so Dringendes zu erzählen?«, fragte Claudia.
»Ich habe gestern nach Feierabend meine Kündigung bekommen«, ließ ich die Bombe platzen und blickte in zwei erstarrte Gesichter.
»Was? Das glaube ich ja wohl nicht! Du willst uns auf den Arm nehmen?« Sybille sah mich fassungslos an, während Claudia unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her rutschte und die Unterlagen vor sich anstarrte. Sie war bei uns für die Buchhaltung zuständig und hatte als Einzige außer unserem Chef Einblick in die Finanzen. Der Groschen, dass sie schon länger mehr wusste als wir, fiel bei Sybille und mir gleichzeitig. Wir drehten uns zu ihr um und sahen sie fragend an.
»Hast du davon gewusst?«, hakte ich nach, als ich das Schweigen nicht mehr länger aushielt.
»Na ja. Nicht so direkt, aber ich weiß ja um die Finanzen«, druckste Claudi und wandte nervös ihren Blick auf den Bildschirm. »Ich konnte mir denken, dass das so nicht mehr lange weitergeht. Es tut mir ehrlich leid, Caro.«
»Schon gut, Claudi, du kannst doch nichts dafür!«, beruhigte ich ihr sichtbar schlechtes Gewissen, dass sie nicht hätte haben sollen.
Immer noch schweigend, aufgrund der Neuigkeit, saß Sybille auf ihrem Bürostuhl und knibbelte an ihrem Zeigefinger. »Ich habe nicht gedacht, dass es so schlimm um uns steht. Wir waren doch immer die führende Agentur in Lüneburg.«
»Wir waren! Das ist schon seit ein paar Jahren nicht mehr so. Seitdem sich die vielen kleinen Agenturen in Lüneburg niedergelassen haben.« Claudias Worte hingen schwer in der Luft und keiner von uns war in der Lage, sich wieder dem Büroalltag zu widmen. Ich nippte an dem inzwischen lauwarmen Kaffee und dachte nach. Es war nicht abzustreiten. Die Aufträge waren in den letzten Jahren zurückgegangen. Ich hatte es lange nicht wahrhaben wollen, aber jetzt musste ich den Tatsachen ins Auge sehen.
Nach einem endlos langen Arbeitstag, an dem mein Chef mir mit einem schlechten Gewissen aus dem Weg gegangen war, machte ich mich deprimiert auf den Heimweg. Den Besuch in der Arbeitsagentur verschob ich auf morgen. So blieb mir noch genug Zeit, die Stellenanzeigen in der Lünepost zu durchforsten, bevor Miri mich später abholen würde.
Mit dem Fahrrad waren es vom Büro nur fünf Minuten bis zu meiner Wohnung, die in einer Seitenstraße nahe dem Stadtzentrum liegt. Die ganze Straße war gesäumt von aneinandergereihten Häusern aus roten alten Backsteinen. Von außen sahen sie alle gleich aus und ich vermutete, dass sie sich auch im Inneren kaum unterschieden. Meine Wohnung liegt oben unter dem Dach und ich freute mich, gleich zu Hause zu sein. Als ich vor Nummer neunundneunzig zum Stehen kam, schloss ich mein Fahrrad ab, schaute in den Briefkasten und drückte die Klinke der Haustür herunter.
Die alten Holzstufen knarrten laut unter meinen Füßen, als ich die Treppe hochstieg. Ich schloss die blau gestrichene Holztür zu meiner Wohnung auf, ließ sie hinter mir zufallen und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Erschöpft vom Tag legte ich meinen Kopf an die kühle Glasscheibe und schaute mich in dem winzigen Raum um, der den Namen Flur oder Diele nicht verdiente. Von hier ging es gleich links in mein Schlafzimmer, in dem ein Bett, ein Kleiderschrank und eine kleine Kommode Platz fanden. Auf der gegenüberliegenden Seite führte eine Tür in ein winziges Badezimmer.
Ich streifte die Schuhe von den Füßen, ließ den Rucksack unachtsam von meiner Schulter auf den Boden gleiten und hängte meine Jacke an einen Haken. Fünf Schritte weiter stand ich im einzigen großen Raum der Wohnung. Eine halbhohe Wand trennte die kleine Küchenzeile vom übrigen Wohnraum. Ich schlurfte in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Nachdem sie sich brummend aufgeheizt hatte, legte ich eine Kapsel ein und drückte den Startknopf. Von leisem Summen begleitet, lief die dunkle Flüssigkeit in den Becher, gefolgt vom herrlichen Duft frischen Kaffees, der meine Lebensgeister gleich wieder erwecken würde. Mit dem dampfenden Becher in der Hand öffnete ich die Tür zum Balkon. Von hier aus hatte ich einen wunderschönen Blick auf die Dächer und Hinterhöfe der umliegenden Häuser. Ich atmete die klare, kühle Luft ein. Es war angenehm warm für einen Spätnachmittag Anfang März. Die ersten Anzeichen des nahenden Frühlings machten sich bemerkbar. Wenigstens ein Lichtblick in meinem ansonsten gerade trüben Leben. Seufzend setzte ich mich auf einen der beiden Korbstühle und trank den ersten Schluck Kaffee.
Langsam wurde es Zeit, mich für den Abend fertigzumachen. Verzweifelt wühlte ich in meinem Kleiderschrank nach den passenden Klamotten. Nach dem deprimierenden Tag in der Kanzlei hatte ich zwar wenig Lust auf eine Party zu gehen, aber bei Miri kam kein Nein in Frage. Was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, war unumstößlich. Das hatte ich in all den Jahren unserer Freundschaft gelernt und oft ihre Hartnäckigkeit und ihre Lebensfreude bewundert. Miri lebte im Hier und Jetzt und dachte nicht ständig über die Zukunft, Sicherheit und all die Dinge nach, die mich grundsätzlich nervös werden ließen. Das machte Miri eben aus und ich liebte sie, genauso wie sie war. Voller Tatendrang und Lebendigkeit.
Was soll’s. Vielleicht war eine Party heute genau das Richtige, um mich abzulenken. Ich klaubte die für gut befundenen Klamotten zusammen und machte mich auf den Weg ins Badezimmer. Nach einer angenehm heißen Dusche zog ich mich an und legte ein dezentes Make-up auf. Mir blieb noch genug Zeit, um eine Kleinigkeit zu essen. Die sicherste Maßnahme, damit ich nicht nach dem ersten Drink umfiel.
Kurz darauf klingelte schon Miri an der Tür.
»Ich komme runter«, rief ich in die Sprechanlage, schnappte mir Jacke, Schlüssel und meine Tasche. Ich warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel, stopfte noch schnell eine lose Haarsträhne zurück in den Zopf und ließ die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fallen.
»Hey, los geht’s!« Miri hakte sich bei mir unter und wir machten uns zu Fuß auf den Weg in die Garage. Seit über dreißig Jahren war sie die Kult-Disco in Lüneburg. In der ehemaligen Lagerhalle fanden regelmäßig die besten Konzerte und Partys statt, bei denen Miri niemals fehlte.
»Mmh ja, los geht’s«, grummelte ich vor mich hin.
»Na, du klingst nicht gerade sehr begeistert«, stellte Miri fest. »Wo ist deine Vorfreude? Wir werden heute Abend richtig abfeiern. Wir werden jede Menge Spaß haben, neue Leute treffen und wer weiß, vielleicht ist ja sogar jemand Heißes für dich dabei!«
»Och Miri, ich habe keine Lust auf jemand Heißes. Ich habe gerade genug andere Probleme.«
»Caro, Caro, wann wirst du endlich lernen, das Leben zu genießen?«
Tja, diese Frage stellte ich mir auch gelegentlich. Aber ich war eben nicht Miri. Miri, die so gut wie jeden Abend auf einer anderen Party zu finden war, ohne sich jemals Gedanken darüber zu machen, dass sie am nächsten Tag arbeiten musste. Miri, die ewige Singlefrau, bei der ich mich an keine Beziehung, die länger als ein paar Wochen gehalten hatte, erinnern konnte. Manchmal kam mir aus ihrer Wohnung ein Typ entgegen, den ich danach nie wieder sah. Das war nicht mein Leben. Ich wollte etwas Festes. Keine One-Night-Stands und im Grunde, da war ich mir sicher, ging es Miri genauso. Nur, dass sie es im Gegensatz zu mir noch nicht wusste.
»Caro, du lebst dein Leben mit angezogener Handbremse. Lass doch mal los. Das Leben ist zu kurz, um ständig darüber nachzudenken, was richtig oder falsch ist.«
Ein paar Tage später zeigte sich der März von seiner ungemütlichen Seite. Heftiger Regen prasselte auf mich ein, als ich auf dem Weg zu Nicos Werkstatt war. Immer wieder ging mir das Gespräch mit dem Mitarbeiter der Jobagentur im Kopf herum. Vor allem sein Hinweis, dass ich mich in einer »schwierigen beruflichen Situation« befand, setzte mir zu. Nicht ausweglos, hatte er mit zu Falten gekräuselter Stirn und besorgtem Blick gesagt, aber schwierig. Diese wenig hilfreiche Aussage hatte mich keineswegs beruhigt, sondern mir eine weitere schlaflose Nacht beschert. Ich zog meine Kapuze tiefer ins Gesicht, um dem Wind und dem Regen zu trotzen. Gebracht hatte es am Ende nicht viel. Ich kam trotzdem klatschnass in der Werkstatt an. Es war später Samstagnachmittag. Eine Zeit, bei der ich sicher sein konnte, dass Nico mit seinem Kumpel Michi in der Werkstatt war.
Nico schraubte gerade an einem alten Ford und hing mit dem Oberkörper im Motorraum.
»Hey, Bruderherz, wie geht’s?«
Vor Schreck fuhr er zusammen und stieß beim Hochkommen unsanft mit dem Kopf an die Motorhaube.
»Autsch! Mensch, Caro, hast du mich erschreckt! Kannst du dich nächstes Mal vielleicht nicht so anschleichen.« Er rieb sich die schmerzende Stelle am Kopf, während sich zeitgleich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Dafür liebte ich meinen kleinen Bruder. Er konnte mir nie lange böse sein. Das war schon immer so gewesen.
»Wo ist Michi? Ich hatte fest damit gerechnet, dass er heute auch hier ist.«
»Er ist gerade los, um uns von der Tanke Bier zu besorgen.« Kaum hatte Nico seinen Satz beendet, als Michi mit einem Sechserträger um die Ecke kam.
»Caro, schön, dich zu sehen!« Michi kam zu mir, nahm mich in den Arm und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
»Ich hab dich schon vermisst«, sagte ich grinsend. Biss mir aber im nächsten Moment auf die Lippen, als ich den hoffnungsvollen Schimmer in seinen Augen sah. Ich wusste schon lange, dass Michi mehr für mich empfand als reine Freundschaft. Bei mir sah es da anders aus. Für mich war er der beste Kumpel, den man sich vorstellen konnte. Immerhin kannte ich ihn schon fast mein ganzes Leben. Nico und er waren seit dem Kindergarten die besten Freunde und dementsprechend oft war Michi bei uns zu Hause ein und aus gegangen. Nico räusperte sich. »Was macht dein Bulli? Alles okay oder zickt er mal wieder?«
Dankbar für den Themenwechsel sprang ich auf Nicos Frage an. »Alles okay fürs Erste. Aber man weiß ja nie, wann der Anlasser mal wieder schlapp macht und ich einen dringenden Hilferuf absetzten muss.«
»Auch ein Bier, Caro?« Michi hielt mir eine Flasche entgegen.
»Ja, gerne. Danke.« Ich nahm die geöffnete Flasche, setzte mich auf einen klapprigen Stuhl in der Ecke und machte es mir bequem. So gut das in einer Werkstatt zwischen all den Ersatzteilen und Reifen, die sich überall stapelten, überhaupt möglich war. Aber ich liebte diesen Ort mit seinen typischen Gerüchen nach Öl, altem Gummi und Frostschutzmitteln. »Und was habt ihr heute Abend noch so vor?«
»Ich werde noch versuchen, das Baby hier zum Laufen zu bringen«, antwortete Nico und strich liebevoll über den Ford.
»Und was ist mit Anna? Möchte sie an einem Samstagabend nichts mit ihrem Freund zusammen machen?«
»Mädelsabend! Sie wollen zusammen lernen.« Nico zeichnete bei dem Wort Lernen Anführungszeichen mit den Fingern in die Luft. »Daher wird sie mich nicht vermissen.«
»Und du?«, fragte Michi in meine Richtung. »Hast du noch Pläne?«
»Nein, heute nicht. Ich muss mich noch von der letzten Party mit Miri erholen, bei der ich erst um drei Uhr zu Hause war. Das ist nichts für mich, wenn ich am nächsten morgen früh raus muss.«
»Miri scheint das nichts auszumachen, oder?«
»Nein«, lachte ich. »Das wird mir auch ein ewiges Rätsel bleiben. Vermutlich liegt es an der Übung. Sie macht das ja schließlich mehrmals die Woche. Eine andere Erklärung habe ich dafür nicht.«
Wir saßen bis spät in den Abend zusammen. Tranken Bier, redeten und ich schaute den Jungs beim Schrauben an den Autos zu, bis es schließlich Zeit für mich wurde, nach Hause zu gehen.
»Tschüss, Jungs! Nico, sehen wir uns morgen zum Mittagessen bei Mama und Papa?«
»Klar«, hörte ich Nicos dumpfe Antwort, die unter dem alten Ford hervorkam.
Der Regen hatte sich inzwischen gelegt. Auf dem Heimweg schlenderte ich durch die dunklen Seitenstraßen und atmete den frischen Duft feuchter Erde ein. Dabei hing ich meinen Gedanken nach und musste an früher denken. An die Zeit, als Nico, Lena und ich noch Kinder waren. Wir hatten damals schon in dem Haus im Wilschenbruch gewohnt, in dem meine Eltern immer noch lebten. Das Wohngebiet liegt am Rande von Lüneburg. Direkt am Tiergarten. Wälder und Auen erstrecken sich entlang der Ilmenau. Ein wahres Paradies für Kinder. Oft waren wir mit unseren Freunden den ganzen Tag draußen unterwegs gewesen und erst zum Abendbrot völlig dreckig wieder nach Hause gekommen. Wir hatten eine unbeschwerte und glückliche Kindheit gehabt.
Später dann, in der Schulzeit hatte ich Miri kennengelernt. Wir waren von Anfang an unzertrennlich und Teil einer größeren Clique. Jeden Tag nach der Schule hatten wir alle zusammen abgehangen und die Nachmittage miteinander verbracht. Es war eine unvergessliche Zeit. Nachdem wir das Abi in der Tasche hatten, hatten sich unsere Wege jedoch getrennt. Das Einzige, was geblieben war, was all die Jahre gehalten hatte, war meine Freundschaft zu Miri.
Nele war damals nach München gegangen, um zu studieren. Max hatte ich vor ein paar Jahren mal in der Stadt getroffen, als er bei seiner Mutter zu Besuch war. Er war immer noch auf der Suche, vermutlich nach sich selbst. Amelie hatte ihre Jugendliebe Luca geheiratet und zwei Kinder bekommen. Inzwischen lebten sie in der Nähe von Osnabrück und Lisa hatte vermutlich als Einzige von uns ihren Traum verwirklicht. Sie hatte einen alten Bauernhof in Österreich gekauft und restauriert. Dabei hatte sie ihren jetzigen Freund kennengelernt, der die Tischlerarbeiten auf ihrem Hof gemacht hatte. Die Einzigen, die in Lüneburg geblieben waren, waren Miri und ich. Ein oder zweimal im Jahr schafften wir es, uns alle wiederzusehen. Dann war es für ein paar Stunden wie früher, bis jeder wieder in sein Leben zurückkehrte. Aber das war okay, denn ich war dankbar für die Zeit in meinem Leben, die wir gemeinsam hatten.
Als ich in die Barckhausenstraße bog, in der meine Wohnung lag, freute ich mich schon auf mein kuschelig weiches Bett. So langsam spürte ich die Müdigkeit der letzten Woche und konnte ein Gähnen nicht mehr länger unterdrücken.
Später im Bett schweiften meine Gedanken erneut ab. Ich dachte darüber nach, wie viele Freunde einem im Leben begegnen. Manche kommen, manche gehen und manche von ihnen bleiben. Vielleicht sogar ein Leben lang. Und die, die bleiben, machen unser Leben ein wenig heller. Die, die für uns da sind, mit uns lachen und weinen, uns unterstützen und an uns glauben. Auf sie kommt es an. Freunde, die auch in den dunkelsten und schwierigsten Zeiten an unserer Seite bleiben und mit uns durch dick und dünn gehen. Manchmal stellt sich erst nach einiger Zeit heraus, wer es gut mit einem meint, und manchmal merkt man plötzlich, dass jemand, den man für einen Freund gehalten hat, gar keiner ist. Und dann gibt es vielleicht die Eine, zu der ein unsichtbares Band besteht. Und diese eine ist für mich Miri!
Obwohl wir so unterschiedlich wie Salz und Zucker waren, waren wir Schwestern im Herzen. Miri, mit ihren Tattoos und ihrem speziellen Klamottenstyle. Miri, die nie zur Ruhe kam. Immer unterwegs und keine Party ausließ. Die unstetig von einem Job zum nächsten wechselte. Trotzdem oder vielleicht genau wegen unserer vielen Unterschiede verband uns dieses unsichtbare Band. Ich war mir sicher, dass nichts und niemand auf dieser Welt es schaffen würde, dieses Band zu trennen.
Viel zu früh für einen Sonntag erwachte ich vom prasselnden Regen, der an meine Fensterscheiben klatschte. Ein vorsichtiger Blick durch meine halbgeöffneten Augen zeigte, dass sich meine Befürchtungen bewahrheiteten. Ein weiterer verregneter Tag stand bevor, obwohl ich so sehr auf einen sonnigen Frühlingstag gehofft hatte. Darauf musste ich wohl noch etwas länger warten. Der März befand sich eindeutig in einer Identitätskrise. Missmutig schob ich die warme Bettdecke zur Seite und schlurfte barfuß in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Wenn an Schlaf schon nicht mehr zu denken war, konnte ich es mir zumindest mit einer kuscheligen Decke auf dem Sofa gemütlich machen.
Während ich in den heißen Dampf des Kaffees pustete, dachte ich über meine »schwierige berufliche Situation« nach. Schließlich war das Thema noch nicht vom Tisch. Arbeitssuchend zu sein, war so ziemlich die schlimmste Vorstellung für mich. Ich schloss für einen Moment die Augen und seufzte. Es war niederschmetternd. Jobs für Werbegrafiker lagen nicht auf der Straße. Zumindest nicht in Lüneburg. Also musste ein Plan her und das möglichst zügig. Dumm war nur, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie dieser Plan aussehen konnte. Vorerst bestand er lediglich darin, meine Familie noch nicht einzuweihen, dass ich mich ab nächstem Monat in eben dieser »schwierigen beruflichen Situation« befand. Damit würde ich noch ein wenig warten. Ich schaffte es erfolgreich, mir einzureden, dass ich schon rechtzeitig etwas finden würde. Auf diese Weise konnte ich mit reinem Gewissen meiner Familie den Verlust meines Jobs noch ein wenig länger vorenthalten. Vielleicht hatte ich ja auch Glück und auf einem der Jobportale oder in den Stellenanzeigen der Lünepost würde in den nächsten Tagen das Unwahrscheinliche wahrscheinlich werden und sich doch noch etwas auftun. Es war immerhin im Bereich des Möglichen und dann hätte ich schließlich alle ganz umsonst beunruhigt. Und das wäre doch einfach äußerst ärgerlich gewesen.
Alle paar Wochen zitierte meine Mutter Nico und mich am Wochenende zum Mittagessen nach Hause. Damit bekam sie wenigstens in regelmäßigen Abständen zwei ihrer drei Kinder zu Gesicht. Heute war einer dieser Sonntage und ich freute mich darauf, zumindest den größten Teil meiner Familie zu sehen.
Als Erster empfing mich voller Freude mit dem ganzen Hinterteil wackelnd Omis Dackel. Mit seinen kurzen Beinen sprang er, so gut er konnte, an mir hoch.
»Hallo, Walther«, begrüßte ich ihn und kraulte ausgiebig hinter seinen Ohren. Nachdem Omi sich vor Kurzem bei einem Sturz den Oberschenkelhals gebrochen hatte, wohnte sie zusammen mit Walther in Lenas früherem Zimmer. Kurz vorher hatte sie ihn aus dem Tierheim gerettet, so ihre Worte. Was bei meiner Mutter wenig Freude auslöste, denn seit Omi bei ihnen wohnte, war sie diejenige, die mehrmals am Tag mit Walther spazieren gehen durfte. Ich grinste bei dem Gedanken still in mich hinein. Irgendwie war es Ironie des Schicksals. Meine ganze Kindheit hatte sie sich erfolgreich gegen unseren Wunsch nach einem Hund gewehrt und nun hatte sie doch einen am Hals. Zumindest vorerst, bis Omi wieder selber mit ihm spazieren gehen konnte.
»Hallo, Caro«, freute sich meine Mutter und zog mich an sich. »Komm schnell rein, ich muss wieder in die Küche. Geh ruhig zu den anderen ins Esszimmer. Ich bin gleich so weit, dann könnt ihr mir beim Reintragen helfen.« Schon war sie wieder in der Küche verschwunden.
Nachdem Walther befunden hatte, dass meine Begrüßung angemessen genug ausgefallen war, tat er es meiner Mutter gleich und trollte sich in die Küche. Vermutlich in der sicheren Annahme, dass ein Stück vom Sonntagsbraten aus Versehen direkt vor seine Schnauze fallen würde.
Omi hatte ihren Dackel nach ihrem dritten Ehemann Walther benannt, der vor einem Jahr seinen zwei Vorgängern gefolgt und von uns gegangen war. Ich fand die Namensgebung etwas befremdlich und es ein wenig fragwürdig, seinen Hund nach dem verstorbenen Mann zu benennen. Im besten Fall konnte man es Omis mangelndem Einfallsreichtum zuschreiben. Falls dem jedoch nicht so war, wollte ich lieber nicht genauer hinterfragen, was das über Omi beziehungsweise ihre Beziehung zu Ehemann Nummer drei aussagte.
Nachdem ich mich meiner Jacke und Schuhe entledigt hatte, trat ich ins Esszimmer und wurde gleich darauf von meinem Vater in die Arme geschlossen.
»Caro, mein Sonnenschein. Was macht das Leben in der Stadt?«
»Hallo, Papa.« Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange und lächelte. »Lüneburg ist doch nicht London oder Paris. Was soll schon los sein? Außerdem darf ich dich daran erinnern, dass Wilschenbruch auch zu Lüneburg gehört.«
»Stimmt, aber hier ist es so ruhig und grün, dass ich das tatsächlich gerne mal vergesse«, schmunzelte mein Vater und kniff ein Auge zusammen. Er hatte mal wieder einen seiner Scherze gemacht.
Nacheinander begrüßte ich Anna, Nico und Omi. Ich drückte Omi ganz vorsichtig an mich. In dem Ohrensessel sah sie so klein und zerbrechlich aus, dass ich bei ihrem Anblick ein wenig Angst bekam. Obwohl ich wusste, dass sie für ihre 89 Jahre noch wirklich rüstig war. Schließlich war sie bis zu ihrem Unfall noch zweimal in der Woche zum Schwimmen gegangen.
»Na mien Deern, wie geht’s dir? Was machst du denn für ein Gesicht wie sieben Tage Schietwetter?« Stirnrunzelnd blickte sie zu mir hoch. Schnell schluckte ich meine Sorgen um sie runter und strahlte sie an. »Alles gut Omi. Wie geht’s dir?«
»Och, mir geht’s prächtig! Ich werde ja auch den ganzen Tag über betüdelt. Aber damit ist ab morgen Schluss! Ich habe dem Herrn Andersson, weißt du, der immer zum Turnen zu mir kommt, gesagt, ab morgen geht’s mal ran an den Speck. Nicht immer diese Übungen, wo ich nur mit den Zehen wackeln soll. Ab morgen wird gelaufen, und zwar draußen an der frischen Luft. Sonst komm ich ja gar nicht mehr auf die Beine.«
Bei der Vorstellung wie Omi ihrem dreißigjährigen gepiercten und tätowierten Physiotherapeuten, dem sie gerade Mal bis zur Brust ging, eröffnen würde, dass jetzt mit dem Zehenwackeln Schluss sei, konnte ich mir ein Lachen nur mühsam verkneifen. Aus den Augenwinkeln sah ich an Annas leuchtenden Augen, dass es ihr nicht anders ging.
»Caro, was macht denn die Agentur?«, fragte meine Mutter unvermittelt.
Ich verschluckte mich heftig am Brokkoli, was mich glücklicherweise davon befreite, sofort antworten zu müssen. Vorerst zumindest. Damit beschäftigt, die verirrten Brokkolikrümel aus meiner Luftröhre zu husten und zeitgleich fieberhaft nach einer Antwort zu suchen, überforderte mich komplett. In meinem Kopf ratterte es so schnell, wie der Gebührenzähler eines Taxis. Als sich der Hustenanfall langsam legte, war meine Mutter mit ihrer Aufmerksamkeit bereits bei Nico. Erleichtert atmete ich auf. Das verschaffte mir einen weiteren Moment zum Nachdenken. Nico erzählte gerade, dass er einen alten Wagen, die Marke war mir entgangen, in Aussicht hatte. Auf jeden Fall eine Rarität unter den Oldtimern. Während mein Vater und er fachsimpelten, startete meine Mutter ahnungslos einen zweiten Angriff. »Und Caro, mit deinen Projekten? Alles okay?«
Ich entschied mich spontan für die halbe Wahrheit.
»Ja«, antwortete ich hoffentlich selbstsicherer, als ich mich fühlte. »Alles okay, die Projekte laufen gut.« Das war der halbe Teil der Wahrheit, denn die Projekte, die wir hatten, liefen ja auch gut. Die andere Hälfte, das mit der Kündigung, verschwieg ich geflissentlich.
»Na, dann bin ich ja beruhigt. Gestern habe ich mit Lena telefoniert. Sie haben endlich ein Haus in Aussicht. Der Makler hat allerdings noch andere Familien, die Interesse haben. Also weiter die Daumen drücken, dass es klappt.«
»Das machen wir«, sagten Nico und ich wie aus einem Mund. Erleichtert dieses Mal so glimpflich vom Haken gekommen zu sein, widmete ich mich dem Nachtisch.
Nach dem Mittag nahm ich Walther an die Leine und machte mit ihm einen Spaziergang zur Ilmenau. Der Dauerregen vom Vormittag hatte sich gelegt und hier und da blinzelte sogar die Sonne verschlafen durch die graue Wolkendecke. Meine Gedanken wanderten wie von allein zu meiner »schwierigen beruflichen Situation«, als es in der Jackentasche anfing zu klingeln.
»Hey, Miri, was gibt’s?«, fragte ich und war etwas abgelenkt durch das Vogelgezwitscher, das ich im Hintergrund hörte. »Wo bist du gerade?«
»Hey, Caro, ich habe gerade meine Joggingrunde durch den Stadtpark beendet. Wollte nur mal hören, wie es dir geht und ob du schon einen Plan hast?«
»Einen Plan?«, wiederholte ich unnötigerweise.
»Na ja, wegen deines Jobs. Du weißt schon. Deine ›schwierige berufliche Situation‹.« Miri äffte den Mann von der Jobagentur erstaunlich gut nach.
Wäre meine Situation nicht so furchtbar und in der Tat schwierig, hätte ich gelacht. Stattdessen seufzte ich so laut, dass Walther abrupt zum Stehen kam und mich erschrocken ansah, während ich versuchte, ihm auszuweichen, um nicht über ihn zu stolpern.
»Nein, immer noch kein Plan. Nicht mal eine Idee. Es ist zum Verrücktwerden. Meine Mutter hat auch schon gefragt. Irgendwann muss ich es ihnen erzählen.«
»Ich weiß sowieso nicht, warum du das nicht schon längst gemacht hast. Caro, du musst den Tatsachen mal langsam in die Augen sehen. Herr Schubert wird dir den Job nicht wieder zurückgeben. Außerdem hast du die coolsten Eltern der Welt.«
»Ich weiß. Aber es ist so schwer. Ich will sie nicht unnötig beunruhigen.«
»Musst du entscheiden. Weißt du was? Wenn du keinen neuen Job findest, machen wir doch einfach unser Café auf.«
»Wie kommst du denn jetzt darauf?«
»Na ja, wir haben schon so oft darüber gesprochen. Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Träume endlich wahr werden zu lassen.«
»Träum weiter, Miri. Wovon sollen wir das denn bezahlen und überhaupt, das ist so was von unsicher.«
»Ich würde den Sprung auf jeden Fall wagen, hab nicht viel zu verlieren. Sag mal, kommst du heute Abend mit ins Voice?«
»Och, Miri, kannst du denn nie genug kriegen?«
»Wovon?«
»Von diesen ganzen Partys, Feiern, Kneipen und Voice-Besuchen.«
»Niemals!«, lachte sie laut.
Ich wusste nicht, warum ich überhaupt gefragt hatte. Die Antwort war mir sowieso längst klar gewesen.
»Miri, ich muss morgen arbeiten und ich kann mich noch ganz genau an den Tag nach unserer letzten Party erinnern. Sei mir nicht böse.«
»Okay. Dir kann ich doch sowieso nie böse sein. Aber mach mich nicht dafür verantwortlich, wenn du nichts erlebt hast, bevor es irgendwann zu spät dafür ist.«
»Weise Worte«, stellte ich fest.
»Von einer weisen Frau«, lachte Miri. »So und jetzt muss ich für die letzten Kilometer noch mal richtig Gas geben. Bye, bye.« Im nächsten Moment hatte sie auch schon aufgelegt.
Manchmal fragte ich mich, ob Miri sich durch die ganzen Partys und Feiern von etwas ablenkte? Ob sie versuchte, damit eine innere Leere zu füllen. Von dem, aus meiner Sicht, schon exzessiven Joggen mehrmals die Woche mal ganz zu schweigen. Doch ich war da vielleicht auch kein Maßstab. Meine Motivation, Sport zu treiben lag ungefähr gleichauf damit, mich einer Zahn-Operation zu unterziehen.
Ich hatte schon mehr als einmal versucht, sie darauf anzusprechen. Aber Miri war jedes Mal ausgewichen. Sie hatte mir versichert, dass es ihr gut ging und das Feiern und Laufen ihr Ausgleich zu den langweiligen Gelegenheitsjobs waren. Trotzdem blieb ein leiser Zweifel in mir zurück …
Ein paar Tage später war ich auf dem Rückweg von Nicos Werkstatt zu meiner Wohnung. Meine Gedanken kreisten mal wieder unaufhörlich um meine »schwierige berufliche Situation«. Den leer stehenden Laden entdeckte ich genau in dem Moment, in dem mir klar wurde, dass ich nicht mehr länger Menschen durch meine Werbeslogans beeinflussen wollte. Seit letztem Sonntag hatte ich oft über das Telefonat mit Miri nachgedacht. Das hatte ein paar Rädchen in meinem Kopf dazu gebracht, sich weiter zu drehen. Ich weiß nicht, warum es genau in diesem Moment »klick« machte, aber auf einmal erschien mir alles glasklar. Ich wollte noch mal von vorne anfangen. Etwas ganz Anderes, etwas Neues machen. Bisher hatte ich nie den Mut dazu aufgebracht. Mein Streben nach Sicherheit war immer stärker gewesen als all das, was mein Herz mir schon lange versucht hatte zu sagen.
Die Idee mit dem Café war nicht neu. Sie war schon vor ein paar Jahren auf einem unserer letzten Klassentreffen entstanden. Wir hatten zu viel Alkohol getrunken und während wir den endlosen Erfolgsgeschichten ehemaliger Mitschüler zuhörten, hörte ich Miri plötzlich neben mir sagen: »Wir wollen uns auch selbstständig machen. Caro und ich. Wir wollen ein Café eröffnen.«
Ungläubig hatte ich Miri mit offenem Mund angeschaut. Wir wollten was? Ich erinnerte mich noch genau an den unauffälligen Stoß ihres Ellenbogens in meine Rippen. Während ich versuchte, mich zu erinnern, wann wir jemals über diese Café-Sache nachgedacht hatten, legte sich das typische Miri-Grinsen auf ihre Lippen. Doch je mehr wir, in all den Jahren danach, darüber gesprochen hatten und je öfter wir überlegten, wie unser Café aussehen würde, desto mehr war die Sache zu unserem gemeinsamen Traum geworden. Immer wieder kam das Thema auf. Wir bauten uns immer höhere Luftschlösser und malten uns in den allerschönsten Farben das Leben als Cafébesitzerinnen aus.
Und nun stand ich hier. Vor diesem leeren Ladengeschäft in meinem Wohnviertel und musste an all das denken. Es war eine geradezu ideale Lage für ein Café. Da war sie, die Tür, von der mir Omi immerzu erzählte. Sie hatte sich soeben für mich geöffnet und ich war glücklicherweise nicht daran vorbei gelaufen. Merkwürdig, dass ich vorher noch nie bemerkt hatte, was sich hinter den abgeklebten schmuddeligen Fenstern verbarg. Links und rechts der Ladentür erstreckten sich bodentiefe Fensterfronten über die ganze Häuserbreite. An einer Stelle, wo ein größeres Stück Zeitungspapier fehlte, wischte ich ein kleines Guckloch in die staubigen Scheiben und drückte mein Gesicht dagegen, um besser in das Innere sehen zu können. Ein großzügiger offener Raum mit einem alten Holzboden ließ mein Herz ein paar Takte schneller schlagen. Auf der rechten Seite ging es in einen weiteren Raum. Mit ein wenig Glück befand sich dort eine Küche. Neben der Tür existierte sogar schon ein Holztresen. Sowohl der Tresen als auch der Boden waren aus dunklem Holz, doch mit ein wenig Arbeit ließ sich sicher etwas Tolles daraus machen. Früher musste hier schon mal ein Café oder eine Kneipe gewesen sein. Komisch, dass mir das nie aufgefallen war. Bei nächster Gelegenheit würde ich Nico danach fragen. Plötzlich kam Leben in mich und in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich musste sofort und auf der Stelle Miri anrufen und ihr davon erzählen. Schnell schoss ich ein Foto vom Schild des Maklers, das an der Tür klebte, und wählte gleich darauf Miris Nummer. Hoffentlich würde sie genauso euphorisch auf meine Entdeckung reagieren wie ich.
»Hey, Miri, weißt du, was ich gerade gesehen habe?«, fragte ich aufgeregt.
Am Abend zuvor hatte ich Miri am Telefon eine knappe Zusammenfassung der leer stehenden Räume gegeben. Uns war klar, dass wir unbedingt mehr Zeit brauchten, um alles in Ruhe zu besprechen. Kurzentschlossen hatten wir uns heute nach der Arbeit bei unserem Lieblingsitaliener verabredet.
Luigi empfing uns wie gewöhnlich mit einem breiten Lächeln und drückte uns mit einer festen Umarmung an seinen kugelrunden Bauch.
»Aah, da kommen ja meine Bellas! Wie geht es euch?«
Wir versicherten ihm mehrmals, dass es uns seit unserem letzten Besuch vor zwei Wochen unverändert gut ging. Er führte uns wild gestikulierend an einen Tisch und fast im selben Moment standen schon wie von Zauberhand zwei Gläser Weißwein und ein Korb mit frischem Weißbrot vor uns.
»Wie kommt es überhaupt, dass du heute Abend Zeit hast?«, fragte ich Miri verschmitzt. »Keine Party?«
»Na hör mal, wenn meine beste Freundin mich ruft, lass ich jede Party sausen.« Miri grinste mich an.
»Nee, ist klar! Sag mal, warst du heute schon da und hast dir den Laden von außen angeschaut?« Aufgeregt wartete ich auf ihre Antwort.
»Ja klar!«
»Und? Jetzt spann mich doch nicht länger auf die Folter!«
»Er ist perfekt!« Miris Augen glänzten, als sie weitersprach. »Die Lage, die Räume und einfach alles. Ich hätte richtig Lust. Aber jetzt sag mal ernsthaft, Caro. Würdest du das echt mit mir zusammen aufziehen, das mit dem Café? Bei unserem Telefonat am letzten Sonntag hast du noch gesagt, das sei viel zu unsicher.«
»Klar. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Man sagt doch immer, die beste Zeit etwas zu verändern, ist jetzt.«
»Was für ein denkwürdiger Moment. So ein Satz aus deinem Mund grenzt an ein Weltwunder. Ich habe nicht gewagt, darauf zu hoffen, dass ich das jemals erleben würde.«
»Ha, ha, sehr witzig.«
»Du würdest so etwas Unsicheres wie den Sprung in die Selbstständigkeit wirklich wagen?« Miri sah mich immer noch ungläubig an.
»Mal ganz ehrlich, Miri, ich bin doch sowieso in dieser ›schwierigen beruflichen Situation‹. Was habe ich schon zu verlieren?«, erinnerte ich sie.
»Mmhm, stimmt schon. Außer einem Haufen Kohle fällt mir da sonst auch wirklich nichts ein.«
»Oh, Miri«, rief ich. »Hör auf, sonst mache ich doch gleich wieder einen Rückzieher. Ich habe die ganze letzte Nacht nicht geschlafen, weil ich ständig hin und her überlegt habe.«
Miri lachte laut auf. »Puh, die alte Caro ist doch noch da.«
»Na, besten Dank auch«, sagte ich, fiel aber in Miris Lachen ein.
Nachdem Luigi unsere Bestellung aufgenommen und mit schnellen Schritten in die Küche geeilt war, schmiedeten Miri und ich Pläne.
»Auf jeden Fall werden wir uns einen sinnvolleren Namen für unser Café ausdenken, als Luigi es mit seinem Restaurant gemacht hat«, grinste Miri mich über ihr Glas Weißwein an.
»Stimmt, La Trattoria ist wirklich nicht sehr einfallsreich. Den Namen gibt es an den italienischen Küsten wie Sand am Meer«, lachte ich.
»Nicht nur da.« Miri fiel in mein Lachen ein. Dann wurde sie wieder ernst. »Hast du dir eigentlich schon überlegt, wie wir das mit dem Café finanzieren könnten?«
»Mmhm, ich habe ein wenig darüber nachgedacht. Da ist doch das Geld, das ich von Tante Alma vor ein paar Jahren geerbt habe. Damit hätte ich schon mal Eigenkapital. Und dann müssen wir weitersehen.«
»Ich werde meinen Vater um Geld bitten. Er hat ja nie viel für mich getan. Jetzt kann er sein Gewissen damit beruhigen.«
»Miri, das kannst du doch so nicht sagen!«
»Klar kann ich. Wann hat mein Vater sich in all den Jahren nach der Scheidung mal wirklich um mich gekümmert oder gefragt, wie ich zurechtkomme?«
Ich tat es nicht gerne, aber in diesem Punkt musste ich Miri recht geben. Wir waren mitten in der Pubertät, als sich ihre Eltern von heute auf morgen getrennt hatten. Für sie war es eine schlimme Zeit gewesen. Es hatte sie verändert, härter gemacht und uns hatte es noch ein bisschen mehr zusammengeschweißt. Daher wusste ich, dass es keinen Sinn machte, weiter mit ihr über dieses Thema zu reden. Entscheidungen, die sie einmal getroffen hatte, waren unumstößlich.
Ich biss genüsslich in meine Pizza, als mir schon die nächste Idee kam. »Miri, du könntest Kissen für die Stühle und Sofas nähen!«
»Mmhm, darüber habe ich auch schon nachgedacht und du musst mir unbedingt noch Nachhilfe im Backen geben. Da bin ich eine absolute Null.«
»Das bekommen wir zusammen schon hin. Vielleicht sollten wir Ostern einen leckeren Käsekuchen backen. Dann können wir meiner Familie auch gleich von unserer Idee mit dem Café erzählen.«
»Das ist doch perfekt. Kommt Lena auch mit ihrer Familie?«
»Ja, klar. Und mein Bruder mit Anna.«
»Dann sind wir in diesem Jahr wieder eine richtig große Runde«, stellte Miri fest.
»Ja, darauf freue ich mich schon.«
Irgendwann im Laufe der Jahre war es selbstverständlich geworden, dass Miri bei unseren Familienfesten dabei war. Anfangs, nach der Scheidung ihrer Eltern, war sie an den Feiertagen noch abwechselnd zu ihnen gefahren, hatte aber schon nach kurzer Zeit die Nase voll davon. Meine Mutter konnte das nicht lange mit ansehen und von da an war sie immer bei uns. Für meine Eltern und Geschwister war sie zu einem weiteren Familienmitglied geworden.
Das Wochenende hatten Miri und ich damit verbracht, uns Gedanken darüber zu machen, wie ernst es uns mit der Idee vom eigenen Café war. Es dauerte nicht lange und wir waren uns einig, dass meine Kündigung und die leer stehenden Räume ein Wink des Schicksals waren. Eine Chance, die so schnell nicht wieder kam. Wir mussten einfach mit beiden Händen nach den Sternen greifen und unseren Traum festhalten.
Bevor ich jedoch den Makler anrief, wollte ich Nico noch mal wegen der Räume fragen. Vielleicht wusste er mehr darüber. Ich beschloss, ihm nach der Arbeit einen Besuch abzustatten. Dieses Mal nicht in seiner Werkstatt, sondern in der Männer-WG. Seit ein paar Jahren wohnte er mit Michi und Felix, einem gemeinsamen Kumpel, nur wenige Straßen von mir entfernt. Ich verbrachte gerne meine Zeit dort. Bei ihnen war immer was los und das war eindeutig mehr als in meinen eigenen vier Wänden.
Zu Fuß waren es nicht mal fünf Minuten bis zur WG. Ich genoss die laue Luft, die schon verführerisch nach Frühling roch. Fieberhaft überlegte ich, wie ich Nico Informationen über die leer stehenden Räume entlocken konnte, ohne ihn über meine derzeitige »schwierige berufliche Situation« aufklären zu müssen. Mir war klar, dass das vermutlich nicht funktionierte. Was mich in eine weitere
