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Was geschieht durch eine Begenung mit einem Obdachlosen, im Trubel der Vorweihnachtszeit? Nimmt man ihn überhaupt wahr? Löst sich beim einsamen Ben wenigstens zur Weihnachtszeit die Nervosität? Und hat auch er ein Geschenk verdient? Wie reagiert der kleine Fritz auf eine ganz einfache Frage, die ihm Baba im Kindergarten stellt? Die Antwort kann doch nicht so schwer sein? Oder doch? Wird Ruth sich an das Alleinsein zur Weihnachtszeit gewöhnen müssen? Es gibt doch niemanden mehr. Wirklich niemanden? Vier Episoden, die das Leben geschrieben haben könnte. Oder vielleicht doch geschrieben hat.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Marty Fridz
Weihnachtliche Episoden aus dem
Vier Adventsgeschichten Marty Fridz Copyright: © 2017 Marty Fridz Lektorat: Erik Kinting | www.buchlektorat.net
published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de
Warum müssen unsere türkischstämmigen Mitbewohner immer lautstark hupend im Schneckentempo durch die Hauptstraßen der Stadt fahren, wenn sie sich entschlossen haben, den Bund fürs Leben einzugehen? Wollen sie jedem vermeintlichen Konkurrenten ein für alle Mal klarmachen, dass jeglicher Versuch, mit der Braut oder dem Bräutigam anzubändeln, spätestens ab jetzt völlig nutzlos ist? Werden die bösen Geister, Neider und Gegner dieser Beziehung durch den Höllenlärm, den die Fanfaren verursachen, tatsächlich verscheucht? Es betätigt ja nicht nur das Brautpaar die Hupe in der, oft genau für diesen Anlass angemieteten, Ein- bis Zwei-Sterne-Luxusdroschke. Nein, auch sämtliche Familienmitglieder nebst Anhang und Freunden, die brav in der Kolonne hinter dem Pärchen hergondeln, beteiligen sich lautstark am Verscheuchen der bösen Geister.
Ich persönlich finde das ja eigentlich ganz niedlich, schließlich ist es für die Betroffenen ein besonderes Ereignis, egal ob es das erste Mal ist oder nicht. Wenn sie bloß nicht immer meine wichtigsten Verkehrsverbindungen durch derartige Veranstaltungen lahmlegen würden!
Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Situation, in der ich es wieder einmal sehr eilig hatte. Es lag selbstverständlich nicht an mir, dass ich so spät dran war. Es gab Gründe, die hier nichts zur Sache tun. Jedenfalls fuhr ich in meinem sternbehafteten Auto hinter einem extrem aufgemotzten 3er-BMW her. An dessen Fahrerseite baumelte außen ein stark behaarter Arm mit goldener Uhr am Handgelenk herunter. Die Aufmachung suggerierte mir, dass es sich hierbei mit Sicherheit um einen dieser reifenquietschenden Ampelstarter handeln musste, welche natürlich die nur für Busse und Taxifahrer freigegebenen Fahrspuren nutzten. Aufgrund meiner Terminprobleme käme mir das diesmal sehr entgegen, wäre doch dann die Spur vor mir frei. Der Besitzer des stark behaarten Armes machte allerdings keinerlei Anstalten, sich seinem Image gemäß zu verhalten und auf die Busspur zu wechseln. Ich wurde nun doch etwas nervös.Auf nichts kann man sich heutzutage mehr verlassen.
Vielleicht tat ich ihm aber auch unrecht. Er hatte möglicherweise nur Schwierigkeiten, an dem vor ihm fahrenden Pkw vorbeizukommen. Ein Indiz dafür mochte sein, dass er ständig hupte. Während wir uns einer grünen Ampel näherten, die ich unbedingt noch erwischen wollte, drückte auch ich auf die Hupe. Mein Vordermann unternahm jedoch keinerlei Anstrengungen, das Tempo zu erhöhen. Vielmehr lächelte er freundlich in seinen Rückspiegel und besaß außerdem die Unverfrorenheit mir mit der rechten Hand, die ja wohl eigentlich gefälligst an das Lenkrad gehört, zuzuwinken.
Ich gebe hier gerne zu, dass ich anfing, mich ein ganz klein wenig zu ärgern. Na gut: Ich wurde stocksauer! So etwas musste ich mir nicht bieten lassen! Wenn derartige Herrschaften so viel Zeit haben … Ich jedenfalls muss arbeiten. Ich habe Verantwortungsbewusstsein. Ich kann es mir nicht erlauben, entspannt und lässig über den Ku‘damm zu tuckern und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Wer weiß, wie dieser Typ vor mir sein Geld verdient? Sicherlich nicht mit ehrlicher Arbeit! Wie hätte er sonst so viel Zeit sich tagsüber in der von ihm gewählten Art und Weise über eine der bekanntesten Berliner Einkaufsmeilen zu bewegen?
Ich konnte nicht anders, als meinen Frust über diese Situation durch ständiges Hupen zum Ausdruck zu bringen. Ich wollte die vor mir herkriechende Schnecke einfach nur verjagen, sie wegpusten. Was mich während dieser ganzen Aktion zusätzlich in Rage versetzte war, dass selbst die Passanten auf der Straße sich nicht sonderlich an meinen lautstarken Verzweiflungstaten störten, sondern mir freundlich lächelnd zuwinkten.
Das war zuviel. Schwitzend und mit erhöhtem Puls scherte ich nach rechts aus. Wollen wir doch mal sehen, was auf so einer Straße wie dem Kurfürstendamm geht und was nicht. Gott sei Dank gab es ja noch die Busspur. Die war grad frei, was mir sehr gelegen kam.
Die Ampel sprang auf Rot und ich musste meinen angesetzten Überholversuch durch heftiges Bremsen abbrechen, was ein ohrenbetäubendes Quietschen der Reifen verursachte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie einige Passanten zusammenzuckten. Aha, geht doch! Haben wir jetzt endlich mal begriffen, was Lärm ist?
Ich atmete schwer, als ich an der Ampel direkt neben dem 3er-BMW stand. Unmerklich schielte ich zu ihm rüber. Aus dessen rechten Seitenfenster hing ebenfalls ein stark behaarter Arm mit einem dicken silbernen Armband am Handgelenk. Die Finger spielten mit einer Gebetskette.
Rot … Gelb … jetzt galt es! Die Signalanlage sprang auf Grün. Ein kurzer Verkuppler, heftiger Satz nach vorne, kurzes Eintauchen in die Vorderachse … mein Oberkörper wippte ruckartig in Richtung Lenkrad. Erneutes Kuppeln, Vollgas. Der Wagen schoß nach vorne, mein Oberkörper schoß nach hinten. Die Reifen quietschten bestialisch. Die Passanten an der Fußgängerampel sprangen erschrocken zurück und zeigten mir einen Vogel. »Vollidiot!«, hörte ich jemanden schreien. Ich vermutete, dass damit nur der BMW-Fahrer gemeint sein konnte, der mich überhaupt erst zu dieser Aktion genötigt hatte.
Ich jagte die Busspur entlang, auf der Suche nach einer geeigneten Lücke, in die ich mich wieder in die zugelassene Verkehrsspur einordnen könnte. Natürlich waren alle Autofahrer, die ich nun überholte, richtig sauer auf mich. Anders konnte ich mir deren ständiges Hupen nicht erklären.
Ich näherte mich einem weißen Mercedes der S-Klasse. Als ich mich auf dessen Augenhöhe befand, sah ich kurz hinüber. Auf dem Rücksitz saß ein unglaublich hübsches Mädchen. Der Kleidung nach zu urteilen, war sie wohl zu einer Hochzeit unterwegs. Obwohl sie es sicherlich auch eilig hatten, das entnahm ich dem dauernden Gehupe des Chauffeurs, lächelte sie zu mir herüber. Mir wurde ganz warm ums Herz.
Siedend heiß wurde mir, als ich das plötzlich vor mir auf der Busspur stehende Taxi sah. Mit kreischenden Bremsen kam ich gerade noch hinter der Droschke zum Stehen. Der Passant, welcher in diesem Moment in das Taxi steigen wollte, sah mich mit entsetzten Augen an und bedeutete mir mit wischenden Handbewegungen vor der Stirn, dass ich offenbar nicht alle Tassen im Schrank hätte.
Ich versuchte, mich wieder in die für Normalsterbliche zugelassene Fahrspur einzuordnen, die hupende Schlange auf dieser nahm aber irgendwie kein Ende. Nach geraumer Zeit sah ich dann endlich, wie jemand die Lichthupe betätigte, um mir die Möglichkeit zu eröffnen, mich in die Spur einzureihen.
Überglücklich, dass ich endlich weiterfahren konnte, bedankte ich mich wohlerzogen winkend bei meinem Gönner. Im Rückspiegel sah ich dann, wie zwei behaarte Arme aus einem hupenden 3er-BMW fröhlich zurückwinkten.
Ich hupte freundlich zurück.
Das überschwängliche Hupen auf der Rheinstraße reißt mich aus meinen nostalgischen Erinnerungen. Diese türkischen Hochzeitskolonnen werden auch immer länger. Irgendetwas klingt heute jedoch anders, als sonst, bei derartigen Veranstaltungen: Es ist ein brummender Grundton, der den Fanfarenklang untermalt.
Ich konzentriere mich auf das Geräusch. Plötzlich durchzuckt mich die Erkenntnis: Der Ton ist mir, als Fahrer eines Motorrades aus dem berühmten Werk in Minnesota, selbstverständlich vertraut – es ist der typische Sound einer Harley Davidson. In diesem Fall allerdings nicht nur eines, sondern vieler Motorräder des hier in Rede stehenden Herstellers. Ich stelle den selbstgezauberten Latte macchiato mit ordentlich Milchschaum auf dem Küchentisch ab und stürme auf die, meiner Meinung nach, einsturzgefährdete Loggia meiner derzeitigen Behausung im dritten Obergeschoss eines Altbaus. Unten fahren hunderte weihnachtlich geschmückte Motorräder im Konvoi an mir vorbei. Es sind nicht alles amerikanische Modelle, es gibt auch deutsche, italienische und japanische. Die Fahrer haben sich größtenteils als Weihnachtsmänner verkleidet. Ihre Motorräder sind mit blinkenden Lichterketten und Christbaumkugeln aufgebrezelt. Einige haben kleine leuchtende Tannenbäumchen auf den Sozius geschnallt. Das gab sicher Ärger mit der Stammbesetzung, die sich jetzt wohl grollend ins heimische Wohnzimmer zurückziehen musste, weil Herr Göttergatte unbedingt seinen Weihnachtsbaum spazierenfahren wollte. Die Passanten bleiben stehen. Viele winken der fröhlich hupenden Kolonne zu.
Und jetzt fällt es auch mir wieder ein: Am 24.12. ist Heiligabend, am 25.12. ist Weihnachten und das ist in genau zehn Tagen! Heiliger Strohsack, wie die Zeit vergeht.
Am Schluss des vorweihnachtlichen Motorradkorsos kommt dann noch ein Truck vorbei, auf dem eine Amateurblaskapelle aufklärend Alle Jahre wieder zum Besten gibt. Wer es bis dahin nicht begriffen hat, ist nun vollends informiert – vorausgesetzt, er kennt das Lied.
Das bunt blinkende Spektakel hat sich knatternd und hupend in Richtung Rathaus Friedenau verzogen und mir bleiben ein paar Minuten, um die Erkenntnisse aus dem gerade Erlebten zu ordnen.
Weihnachten … Das ist immer etwas ganz Besonderes: Winterzeit, Schnee, kalte Luft … Die unglaubliche Ruhe, die in dieser Zeit herrscht. Die Menschen sind gut gelaunt und freuen sich auf ein besinnliches Beisammensein mit ihren Lieben. Die wunderbaren Weihnachtslieder, die uns allerorts begleiten, stimmen uns auf das ein, was da kommt. Herrlich!
Ich weiß nicht, wie lange ich so gedankenversunken und blöde vor mich hinlächelnd auf der Loggia gestanden habe. Auf jeden Fall klärt sich mein Geist langsam wieder auf und ich stelle fest, dass von all den schönen verträumten Gedanken recht wenige übrig geblieben sind. Eigentlich ist eher gar nichts davon in meiner jetzigen Realität erkennbar. Es nieselt vor sich hin, die Temperatur pendelt zwischen ein bisschen kalt und eher zu warm für einen vernünftigen Schneefall. Unten auf der Straße hasten die Menschen in Richtung Schlossstraße, einer der Einkaufsmeilen in Berlin, und – wie sollte es anders sein? – die Autos hupen im Stau. Ich kann keinen Passanten ausmachen, der den hupenden Autofahrern freundlich zuwinkt.
Eben noch fasziniert von der bunten knatternden Horde, die mich gedanklich in die Vorweihnachtszeit gezogen hat, bin ich plötzlich ernüchtert. Muss ich nicht noch irgendwas vorbereiten oder besorgen? Hastig verlasse ich die Loggia. Ich erwarte ohnehin jeden Moment, dass sich dieses Bauteil vom Rest des Gebäudes löst und mit lautem Getöse auf den Bürgersteig donnert. Das würde so gar nicht zu den heiligen Klängen der Weihnachtslieder passen. Andererseits hätte ich mit meiner Weissagung recht behalten, schließlich gibt es hierzu eine Menge Schriftverkehr mit der zuständigen Hausverwaltung. Aber das tut hier nichts zur Sache.
Lange vor der Anmietung dieser Wohnung, hatten sich die Bewohner des Dachgeschosses über mir überlegt, dass Dachterrassen einen Sinn haben. Dummerweise sind solche Dinger nie ganz dicht. Gemeint sind hier die Terrassen, nicht die Eigentümer. Also läuft irgendwann mal Wasser durch die Altbaudecke, was sich zum Beispiel an der hiesigen Wohnzimmerdecke, auf einer Fläche von rund acht Quadratmetern sehr schön braun abzeichnet. Die Fenster zur Loggia vergammeln langsam durch die eingedrungene Feuchtigkeit, sodass sie sich nicht mehr richtig schließen lassen. Wenn das gestern passiert wäre, hätte ich keine große Last damit, es ist aber schon vor drei Monaten geschehen und eine Beseitigung des sogenannten Mangels scheint nicht in Sicht.
Nicht so schlimm. Wir haben bald Weihnachten. Da ist man nett und freundlich zueinander. Also ich bin es!
Inspiriert durch die motorisierten Weihnachtsmänner schalte ich die Lichterkette ein, die ich um die Balkontür herum befestigt habe. Eigentlich ist das eine stimmungsvoll, anheimelnde Lichtstimmung. In diesem Fall wird jedoch auch zusätzlich der gesamte Wasserschaden beleuchtet. Ich finde das im Moment nicht so festlich und ziehe den Stecker wieder aus der, vor einer Woche erst neu erworbenen, Dreifachsteckdose. Ohne Schadensbeleuchtung ist der weihnachtliche Stimmungseffekt zwar nicht mehr da, aber zumindest wird man nicht stets an den handwerklichen Dilettantismus erinnert.
Ich empfehle mir, mal langsam unter die Dusche zu gehen, um mir den Schlaf aus den Augen zu spülen. Im Anschluss daran werde ich, wenigstens nehme ich es mir strikt zu fast hundert Prozent vor, die nahegelegenen Einkaufszentren besuchen. Vielleicht werde ich durch die dortigen Schaufensterauslagen zum Kauf diverser, noch nicht vorhandener Weihnachtsgeschenke inspiriert.
Meine Stimmung steigt zunehmend. Ich habe mich für heute strukturiert. Ich weiß genau, was ich tun werde. Oft fällt mir das an den Wochenenden, an denen ich mich mal in Berlin befinde, schwer. Da ich mich wochentags beruflich bedingt zum Teil in Stuttgart aufhalte, sammle ich dort im Geiste sämtliche wichtigen Themen, die ich in der Hauptstadt erledigen muss. Beim Gitarreklimpern oder Comiczeichnen kann ich am besten entspannen und mir dabei die kompakte Struktur, der noch auszuführenden Leistungen des Wochenendes, am leichtesten aufbauen. Allerdings stelle ich irgendwann fest, dass meine Fingerkuppen durch das Gitarrespielen sehr stark schmerzen. Das ist kein Wunder, denn meist spiele ich stundenlang. Es lohnt sich dann einfach nicht mehr, irgendetwas anderes anzufangen. Und schließlich ist der Sonntag auch noch ein Tag. Hoffentlich hat wenigstens der Supermarkt von gegenüber auf, damit ich mir was Vernünftiges zum Abendbrot holen kann – und wenn‘s nur der Weißwein ist.
Frisch geduscht, unter Beobachtung des schönen roten Weihnachtssterns, der sein Dasein auf der gefliesten Fensterbank fristet, fühlt man sich gleich wie neu geboren und will den Tatendrang ausleben. Weihnachten … das ist herrlich. Die Möglichkeiten der Zeitmessung zeigen mir Daten zwischen 10:28 Uhr und 10:45 Uhr. Ich verstehe nicht, wie iPhone, iPad, MacBook und Ice-Watch so unterschiedliche Arten der Zeitwiedergabe haben können – ist doch alles elektronisch im Jahre 2013.
Ich vertraue der Aussage meines iPads und habe somit 17 Minuten gewonnen. Komischerweise verplempere ich derartige Gewinne immer mit dauernden Überlegungen, was ich mit der gewonnenen Zeit anfangen soll und eh ich michs versehe, ist schon wieder Weihnachten. Es ist wirklich merkwürdig: Anstatt beruhigt zu sein, dass ich noch so viel Zeit habe, werde ich nervös, weil ich noch so viel Zeit habe.
Ich nutze den zeitlichen Vorsprung erst mal, um mich in Ruhe einzucremen. Ich kann mir ja Zeit lassen und die Minuten des Eincremens dahingehend verschwenden, mir Gedanken darüber zu machen, wo ich bei der geplanten Struktur beginne.
So richtig genau kenne ich meinen Tagesstart nicht, als ich die Cremetube wieder schließe. In solchen Momenten ist es sinnvoll, ruhig zu bleiben, oder besser gesagt: zu werden. Ich schaffe es grade noch, mich teilweise anzuziehen, wobei Socken in dieser Phase nicht zwingend notwendig sind. Ich gehe ins Wohnzimmer und nehme das Beruhigungsmittel von der Wand. Nur mal ganz kurz ein paar Takte klimpern und dann geht‘s raus in den Weihnachtstrubel. Ich freue mich drauf.
Wie wird eigentlich Last Christmas auf der Gitarre gespielt? Gott sei Dank gibt es Internet. Google, google, google … da ist es. Die Griffstruktur ist nicht sehr einfach, das braucht Zeit. Irgendwie passt meine Stimme grad nicht so richtig zur Klangstruktur des Zupfinstrumentes. Da läuft doch was schief! Oder besser gesagt: Es klingt schief!
Nach einigen gruseligen Fehlversuchen stelle ich fest, dass die Gitarre verstimmt ist. Da das iPad über eine elektronische Stimmgabel verfügt, lässt sich das Problem flott und simpel lösen. Kurze Kontrolle über die Flageolett-Töne und schon klingt alles wieder harmonisch. Ich freue mich über das Ergebnis und zünde zwei Kerzen an. Nur ein paar Akkorde noch und dann werde ich rausgehen, ins Weihnachtsgetümmel.
Es ist schon erstaunlich, wie unglaublich schnell es in der Winterzeit dunkel wird. Mir fallen Dinge ein, wie kürzester Tag, längste Nacht … Also draußen ist es auf jeden Fall ziemlich dunkel. Das ist eigentlich merkwürdig. Ich sitze doch noch gar nicht so lange am Küchentisch. Ein rascher Blick auf die Digitalanzeige des iPhones klärt mich jedoch dahingehend auf, dass es doch irgendwie wieder heimlich 17:03 Uhr geworden ist. Donnerwetter. Kein Wunder, dass meine Füße so kalt sind.
Jetzt aber los, das wird sonst nichts mit dem Weihnachtsbummel, wobei das ja nun wohl eher ein Weihnachtssprint werden wird.
Ich hänge die Klampfe an den Nagel, ziehe mir in Windeseile die fehlenden Kleidungsstücke an, puste die Kerzen aus und geh zur Wohnungstür. Als ich davor stehe, weiß ich wieder mal nicht, ob es sich überhaupt lohnt, sich jetzt noch zwischen die hektischen Massen zu werfen. Morgen wäre ja auch noch ein Tag. Es ist dann zwar Sonntag, aber vor Weihnachten sind die Adventssonntage immer verkaufsoffen. Ich schiele zur Gitarre, kann mich jedoch von dem Gedanken losreißen und öffne beherzt die Wohnungstür.
Nachdem ich die Tür von außen abgeschlossen habe, gibt es kein Zurück mehr.
Ich überquere die Rheinstraße. Vor dem Supermarkt begrüßt mich ein Mädchen. Es hält mir eine Zeitschrift entgegen, die in einer Plastikhülle steckt. MOTZ steht auf der Titelseite, eine der bekanntesten Obdachlosenzeitschriften in Berlin. Diese Zeitungen werden von den Obdachlosen verkauft. Damit verdienen sie sich ein bisschen Geld, nehmen aber auch gerne ein paar Cent als Spende an. Oft wird man in der U-Bahn angesprochen. Die Zeitschrift kaufe ich selten, ich gebe den Verkäufern jedoch oft einen Euro.
Dieses Mädchen, das mir die Zeitung anbietet, ist sicherlich keine Obdachlose. Sie ist eher das, was man allgemein als Zigeuner bezeichnet. Sie wünscht mir einen guten Tag und lächelt etwas aufdringlich. Ich habe sie schon des Öfteren hier gesehen. Sie spricht kein Deutsch. Als ich ihr vor Kurzem eine Zeitschrift abkaufen wollte und ihr zwei Euro gab, bekam ich das hochgehaltene Heft nicht. – Sie hatte gar keine Zeitungen zum Verkauf, sondern hatte wohl mal in der Bahn beobachtet, wie Obdachlose damit Geld verdienten, dass sie die MOTZ hochhielten. Sie vermutete sicherlich mangels Sprachkenntnis, dass auf der Zeitung stehen würde Jib mir mal‘n Euro sonst kipp ick hier um! oder so ähnlich. Meine Belehrungen nahm sie stumm lächelnd zur Kenntnis, verstanden hat sie aber offenbar nichts.
Ich lasse sie stehen und lenke meine nunmehr schnellen Schritte in Richtung Schlossstraße. Diese Einkaufsmeile, gespickt mit Tausenden von Quadratmetern Verkaufsfläche, beginnt an einer großen Kreuzung, an der sich zwei U-Bahnausgänge befinden. Wenn man es schafft, die Kreuzung fußläufig ohne ständiges Anrempeln anderer Passanten zu überqueren, steht man vor dem Eingang eines riesigen modernen Einkaufszentrums. Hier sind zur Weihnachtszeit zusätzlich jede Menge Holzbuden aufgestellt, an denen man Rostbratwürste, Glühwein, Kuchen, Mützen oder Holzpuppen und dergleichen erwerben kann. Also alles, was man eigentlich nicht wirklich zwingend benötigt. Aber es macht Spaß, es zur Weihnachtszeit mal so richtig krachen zu lassen. Eine Thüringer Rostbratwurst mit Glühwein und Holzpuppe, mit ‘ner neuen doofen Mütze auf‘m Kopp – das hat man doch nicht alle Tage.
Ich erreiche die andere Straßenseite ohne größere Blessuren. Kaum dort angekommen, sehe ich einen Menschen, der versucht, unter einem Teppich hervorzukriechen. Wer damit nicht rechnet, ist erst mal verwirrt, so jedenfalls geht es mir. Als meine Neugierde mich zwingt, etwas näher heranzutreten, erkenne ich einen als Indianer verkleideten Typen, der in gebückter Haltung zwischen der sich vorbeischiebenden Weihnachtsbummelmenschenmenge hin und her rennt. Dabei stampft er kräftig mit den Füssen auf. An den Fußgelenken trägt er breite Ledermanschetten, an denen viele kleine Schellen hängen. Das macht jede Menge Rhythmus und es gibt einige Passanten, denen das offenbar ziemlich gut gefällt. Jetzt erst höre ich die sich von links heranschwingenden Töne einer Panflöte. Der Nutzer dieses Instruments trägt ebenfalls einen Teppich über der Schulter. Mittlerweile stufe ich die Tracht in die Anden-Region ein und nenne sie im Geiste Poncho. Ich gebe gerne zu, dass die Musik fesselnd ist. Ich ertappe mich dabei, dass ich fast schon rhythmisch mit den Tönen mitschwinge. Ein paar Passanten werfen im Vorbeigehen Münzen in die Schale, die vor einem Lautsprecher steht. Es ist für mich verwunderlich, weil sie ja nicht mal wenigstens kurz stehengeblieben sind, um der Darbietung zu lauschen – offenbar haben viele Menschen in der Vorweihnachtszeit ein großes Herz.
Die Musik ist in der Tat schön, sie hat nur so gar nichts mit Weihnachten zu tun.
Die Tausenden von Lichtern rings um mich herum schon eher. Man hat sich wieder echt Mühe gegeben, den Kunden eine festliche Stimmung zu verschaffen. Dafür muss es aber auch in den Kassen klingeln. Die vollgepackten Tüten Hunderter vorbeihetzender Kunden sind zumindest ein Indiz dafür, dass eben dieses Klingeln in den meisten Läden sehr oft zu hören ist. Ich möchte nicht wissen, wie viel unnützer Kram da in den vollgepfropften Tüten steckt. Nach Sylvester boomt dann wieder ebay. Na ja, so hat jeder was davon.
Als ich die kleine Nebenstraße zum Vorplatz des Forum Steglitz, einer weiteren Einkaufsbude, überquere, höre ich schon wieder dieses nervige Gehupe. Doch halt: Es ist keine wirkliche Hupe – zwei junge Männer spielen Trompete. Das, was sich da aus den goldblinkenden gebogenen Musikinstrumenten den Weg an die Ohren bahnt, sollen wahrscheinlich Weihnachtslieder sein. Ich muss allerdings gestehen, dass ich diese Version von Es ist ein Ros‘ entsprungen noch nie gehört habe. Es ist entweder eine ultraneue und sehr moderne Interpretation des Songs oder die Typen spielen einfach nur grottenschlecht. In meinem Kopf manifestiert sich der zweite Gedanke. Trotzdem – man mag es nicht für möglich halten – befinden sich einige Geldstücke in dem offenen Trompetenkoffer.
Ich drängle mich weiter durch das Gewühle, um dem Trompetenlärm zu entkommen. Gerade als ich glaube, dass zumindest die Lautstärke nachlässt, geht das Getröte an der nächsten Ecke wieder los. Wieso müssen sich unbedingt auch hier, nur ungefähr 30 Meter weiter, noch mal zwei Laienmusiker hinstellen und die Menschheit mit ihren ungekonnten Versuchen, Musik zu erzeugen ärgern? Ein Blick in den Instrumentenkoffer zeigt mir auch hier wieder, dass es entweder eine hohe Anzahl an anonymen Taubstummen gibt oder der Mitleidsfaktor in dieser Jahreszeit enorm hoch ist.
Ich möchte mir das Ergebnis meiner Überlegungen ersparen und quetsche mich weiter in die Menschenmassen, die mich ein Stück mitschleppen – glücklicherweise wenigstens in meine Richtung.
