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Freiwillig gibt Santana Laurent ihren Traumjob auf einer kleinen Malediveninsel auf und startet eine Reise in das Ungewisse. Erinnerungen begleiten sie und sie blickt zurück in Ihre Vergangenheit. Verschiedene Momente durchlebt sie noch einmal: Liebe, Lust, Trauer, Peinlichkeiten, Verlust und Frustrationen. Das alles breitet sich erneut vor ihr aus. Ebenso wie die Suche nach der wahren Liebe. Und was wird sie am Ende der Reise erwarten? Liebe? Schmerz? Hoffnung? Oder ein wahrgewordener Traum?
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mandy Raddau
Vier Blicke zurück
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Heute
1. Blick zurück
2. Blick zurück
3. Blick zurück
4. Blick zurück
Danksagung
Impressum neobooks
Für
Sarah, Romy, Claudia
und
Jennifer
Die Warteschlange ist mir egal. Selbst jetzt noch, nach fast vierzig Minuten anstehen, grinse ich dämlich vor mich hin.Ich bemerke wie die Menschen um mich herum die Geduld verlieren und gleichzeitig Abstand von mir nehmen.Wahrscheinlich wirke ich wohl mehr als abnormal auf sie.Jemand der nicht wütend auf die Fluggesellschaft ist, kann einfach nicht richtig ticken, werden sie sich denken.Mein Lächeln hält an und setzt sich hinweg, über Beschimpfungen, Flüche und andere negative Energien, die sich hier geballt zusammengefunden haben. Die Riemen meines Rucksacks drücken auf meine Schultern. Auch das ist weit weg und vollkommen egal.Mit einer freundlichen Stimme, die so gar nicht zu ihrem gestressten Gesichtsausdruck passen möchte, begrüßt mich eine junge Dame am Flugschalter. Als sie ihr Gesicht ein wenig zu einer eigenartigen Grimasse verzieht, weiß ich, dass es an meinem Gepäck liegt. Meine Koffer sind voll mit Tauchutensilien und sprengen wie gewohnt die Kilogrammanzeige am Schalter.Nach den immer gleichen Floskeln, gehe ich mit meiner Bordkarte weiter und mache dem jungen Mann hinter mit Platz, der seit geraumer Zeit der Fluggesellschaft mit Beschwerden droht. Ich höre nur noch seine bissigen Antworten auf die Fragen der Fluglinienangestellten und schüttle den Kopf. Wie kann man nach einem zweiwöchigen Erholungsurlaub so angespannt und gereizt sein? Das Einzige, was ich verstehe ist, dass die Menschen Trauer empfinden diesen wundervollen Ort verlassen zu müssen.Mit langsamen Schritten suche ich mir einen ruhigen Platz und gebe mich erneut meiner Vorfreude hin.Das unablässige Kribbeln in meinem ganzen Körper will sich nicht beruhigen. Ängste, Bedenken und Unsicherheit schiebe ich für einen kurzen Moment beiseite und erlaube meinen Empfindungen in meinem Körper ein Chaos zu veranstalten.Ich fühle mich, als öffnen sich hunderte, wenn nicht sogar tausende wunderschöne Blüten in meinem Herzen, wie auf einer saftig grünen, berauschend bunten Frühlingswiese. Schnell schlüpfe ich durch die Sicherheitskontrolle und begebe mich zu einer abgelegenen Ecke in der Abflughalle. Vorsichtig nehme ich mir das immense Gewicht meines Rucksackes von den Schultern und setze mich. Meine Blicke gleiten über hunderte Gesichter, die alle eines gemeinsam zeigen: Abschiedsschmerz! Tief in mir finde ich ebenfalls dieses Gefühl, doch liegt es zurzeit verschüttet unter meiner Erwartung und der Freude.
Ungern verlasse ich diesen Ort, mein eigenes kleines Paradies, doch ich hoffe sehr ein Neues am anderen Ende der Welt zu finden.
Bedächtig streiche ich über die Außentasche meines Rucksacks. Nicht konsequent genug untersage ich mir diese zu öffnen und den Brief hervor zu holen. Mittlerweile habe ich vergessen wie oft ich ihn schon gelesen habe. Aber die verknickten und abgegriffenen Seiten sprechen Bände. Also öffne ich die Tasche und greife hinein. Das bloße Berühren des seidigen Papiers reicht mir diesmal allerdings aus und ich kann vor meinem inneren Auge die unverkennbar geschwungenen Buchstaben deutlich sehen.
Durch einen Tritt auf meinen Fuß werde ich von den wunderbaren Worten weggerissen und sehe gerade noch den Rücken des ungehobelten Mannes, der nicht eine einzige Silbe der Entschuldigung an mich richtet. Touristen! Eine blecherne Stimme sagt meinen Flug an und ich warte bis die meisten der Passagiere das Flugzeug betreten haben. Sodann wuchte ich meinen Rucksack hoch und gehe zu der freundlichen, kleinen Frau, die meine Bordkarte entwertet und mir mit zuckersüßer Stimme einen schönen Flug wünscht.
Ich werde nicht am Fenster sitzen, da ich keine Lust habe über neun Stunden neben einem Wildfremden eingeklemmt zu sein.
Der Abschied ist nun da und schnürt mir die Luft ab. Es fällt mir schwerer, als ich es mir eingestehen möchte. Genau aus diesem Grund betrachte ich, mit einem wehmütigen Lächeln, mein türkisblaues Wasser, sauge noch einmal die salzige Luft in meine Lungen und verspreche mir selbst, wieder zurück zukommen.
Gemächlich gehe ich über die Gangway. Leicht betrübt nutze ich jede Gelegenheit das flimmernde Silber auf den Wellen zu betrachten. Ich sehe noch einmal die Wasservögel, wie sie sich belustigt in die Fluten stürzen, und sage ihnen in Gedanken ›Lebewohl‹.
Ein Räuspern lässt mich meinen Blick von den Vögeln nehmen und richtet sich auf knallroten Lippen, die mir ein aufgesetztes Lächeln entgegen werfen. Die Stewardess schaut mich nervös an und ich bemerke, dass sie nur noch auf mich wartet.Fahrig und überbetont höflich, weisen mir die immer noch lächelnden Lippen den Weg zu meinem Sitzplatz. Den schweren Rucksack vorsichtig durch die wuselnden Menschen manövrierend, kämpfe ich mich zu meinem Platz. Schon sehe ich die zwei freien, nebeneinander liegenden Sitzplätze und freue mich meine Ruhe zu haben, als ich meinen Namen höre.»Huhu Santana! Santana hier!«
Mein Blick folgt der piepsigen Stimme und bleibt an den winkenden Händen von Katrin Michel und ihren frisch angetrauten Ehemann Leon-Alexander hängen. Beide hatten bei mir ihren Open Water Schein gemacht und ich bin sehr froh, dass man unter Wasser nicht sprechen kann. Jedenfalls nicht mit den Lippen.»Mensch Santana, was machst du denn hier?«
Was sie wohl jetzt als Antwort hören möchte?
Ich hasse solche Fragen und muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu antworten, dass ich hier den Reifendruck checke oder aber an Board Kompressionsstrümpfe verkaufe. Ich zwinge mich Katrin anzulächeln und erkläre ihr, dass ich Urlaub vom Urlaub brauche. Ihr fast hysterisches Kichern wirkt echt beängstigend und ich hoffe inständig, dass sie nicht auf die Idee kommt, nachher mal bei mir vorbei zu schauen.
Weiter krampfhaft lächelnd, bahne ich mir meinen Weg und setze mich erleichtert auf einen der leeren Plätze, nachdem ich den Kampf gegen die Gepäckklappe gewonnen habe.
Jetzt wo ich zur Ruhe komme, springen meine Gedanken wieder, wie wild, in meinem Kopf herum. Ich schließe meine Augen und erblicke ihn. Sehe seine wundervoll leuchtenden, bernsteinfarbenen Augen, die dunkelbraunen, lockigen Haare, die in alle Himmelsrichtungen weisen, das verschmitzte Lächeln, die langen Wimpern und spüre zeitgleich seine warmen und gefühlvollen Hände. Ich weiß nicht zum wievielten Male ich mir die Frage stelle: Womit habe ich ihn nur verdient?
Das Flugzeug rollt zur Startbahn. Leicht spüre ich das Ruckeln, welches mich wieder zurück zu meinen Gedanken geleitet. Erneut tauche ich ein in das Glimmen der Augen, die ich so liebe. Der Tumult in meinem Körper verbindet sich mit dem kribbelnden Gefühl, welches der Flugzeugstart mit sich bringt. Beruhigt und doch etwas traurig nehme ich das Steigen wahr und kuschle mich in meinen Sitz. Ich lächle, denn meine Gedanken machen sich auf in eine ganz andere Richtung. Zurück - Jahre zurück. Ich lasse es geschehen und tauche, in meinem ganz eigenen Flugzeug, in die dichten Wolken meiner Erinnerungen.
-dreizehn Jahre zuvor-
»Santana, Santana! Verdammt steh endlich auf!«
Ich vergrub mein Gesicht unter dem Kissen und hoffte mich in Luft aufzulösen. Ich hatte die ganze Nacht kaum ein Auge zugemacht. Mir war kotzübel vor lauter Aufregung und die Nummer mit dem Kissen schien nicht zu funktionieren.
Mit einem rabiaten Ruck flog meine Bettdecke weg und der kühle Windhauch rief auf meinem Körper eine unangenehme Gänsehaut hervor.
»Willst du an deinem ersten Schultag zu spät kommen? Steh auf und mach dich fertig. Ich hab dir deine Sachen schon rausgelegt!«
Der letzte Satz ließ mich aufschrecken.
»Was für Sachen? Ich ziehe mich seit meinem vierten Lebensjahr selbst an!«
Meine Mutter ignorierte meinen Einwand und ging aus dem Zimmer. Verärgert blickte ich ihr nach und rappelte mich auf. Langsam schlurfte ich ins Bad und versuchte meinen Ärger hinunter zu schlucken. Erneut überkam mich ein Schauer Übelkeit, der bald meinen ganzen Magen zusammenkrampfen ließ. Als ich in den Spiegel blickte verschlimmerte sich das unangenehme Gefühl noch mehr. Mir gegenüber stand ein Mädchen mit kurzen, zu kurzen Haaren. Die dunkelgrünen Augen wurden von unschönen, dunklen Ringen umrahmt und ließen es älter als fünfzehn aussehen. Sie empfand sich selbst nicht als schön oder gutaussehend. Die gerade Nase wirkte wie aus Pappmaschee und nicht wirklich zu dem Gesicht passend. Die Ohren waren so klein, als gehörten sie einem Säugling. Einzig schön fand sie ihre geschwungenen Lippen hinter denen sich zwei Reihen gerader, weißer Zähne versteckten. Aber wer achtete schon auf so etwas, wenn der Rest so wenig ansprechend war?
Schnell blickte ich weg. Ich wischte mir ein paar hellbraune Franzen aus der Stirn und griff zu meiner Zahnbürste. Den vorhersehbaren Verlauf des Tages versuchte ich so gut wie möglich zu verdrängen. Nach meinem Versuch mich etwas ansehnlicher aussehen zu lassen und mich die Erkenntnis erdrückte, dass dies nicht möglich sein könnte, bewegte ich mich langsam zurück in mein Zimmer.
»Santana, hör auf so herumzutrödeln und beweg deinen Hintern hier runter!«
Ich überging das Geschrei und schloss meine Zimmertür.
Jetzt sah ich nicht nur das Spiegelbild meines Gesichts, was schon schlimm genug war … nein … jetzt hatte ich das Glück mich im Ganzen sehen zu dürfen. Mein Spiegelschrank zeigte mich in meiner ganzen Pracht. Irgendetwas stimmte nicht mit mir. Ich sah aus, als hätte man mich falsch zusammengesetzt. Im letzten Jahr war ich enorm gewachsen. Leider hatten sich dazu nur meine Beine entschieden, ohne entsprechende Rücksprache mit dem Rest meines Körpers zu halten. Es war zum verrückt werden. Mein Hals sah aus wie ein Fahnenmast, dem man einen unförmigen Luftballon an das Ende gebunden hatte. Mein Oberkörper hatte eher etwas von einem Schneidebrett, als von weichen, weiblichen Rundungen. Einen Hintern hatte ich schon mal gleich gar nicht. Meine Arme gingen mir nur eine winzige Kleinigkeit bis unter die Hüften, so dass ich aussah, als hätte man Kermit den Frosch mit einem Schwan gepaart. Und dann diese Stelzen auf denen ich durchs Leben staksen sollte. Prima.
Tja, ich war definitiv gewappnet für den ersten Schultag in der neuen Schule. Ich kannte niemanden, war eine Lachnummer und hatte keine Ahnung wie ich alles überstehen sollte.
Unmotiviert suchte ich mir eine bequeme Jeans und ein passendes T-Shirt heraus, zog mich schnell an, suchte meinen Schulrucksack und trottete die Treppen hinab.
»Du solltest doch die schöne Bluse anziehen und die gelbe, luftige Hose. Es ist dein erster Tag und ich will nicht, dass du nur gewöhnlich bist.«
Ich verdrehte die Augen.
»Mutter, ich bin mehr als gewöhnlich. Und es macht’s nicht besser, wenn ich herumlaufe wie ein Kanarienvogel. Außerdem fahre ich mit dem Fahrrad.«
Ich sah wie meine angespannte Mutter ihre Augen aufriss und sogleich wild mit den Armen herum fuchtelte.
»Mit dem Fahrrad? Das kannst du vergessen! Es fährt ein Schulbus und den wirst du auch benutzen, sonst bringe ich dich höchst persönlich bis in den Klassenraum!«
Dies war keine leere Drohung. Das wusste ich und gab mich offiziell geschlagen.
»Ich muss los. Will doch nicht zu spät kommen!«
»Willst du nichts essen? Ich habe dir extra ein paar frische Butterhörnchen aufgebacken.«
»Nein danke. Ich kann nichts essen. Mein Magen würde das nicht lustig finden. Aber dank dir vielmals. Vielleicht esse ich sie heute Nachmittag!«
Bevor ich mir meinen Rucksack über die Schulter geworfen hatte, stand meine Mutter hinter mir, strich mit ihrer Hand leicht über meine Wange und wünschte mir viel Glück. Ich wusste, dass sie nicht im Geringsten ahnte, was in mir vorging.
Mit hastigen Schritten lief ich die Straße entlang, vorbei an der Bushaltestelle, an der ich eigentlich auf den Schulbus hätte warten sollen, bog scharf nach links ab und holte mein Fahrrad unter einem Busch hervor, wo ich es den Abend zuvor schon platziert hatte. Ich kannte meine Mutter eben besser, als sie mich.
Es wäre für mich unerträglich gewesen in einem Bus mit wildfremden Jugendlichen herumzufahren.
Mit ein wenig innerer Genugtuung, radelte ich auf meine neue Wirkungsstätte zu. Erst vor zwei Wochen hatten mich mein Eltern dorthin gezerrt. Und ich wusste jetzt schon, dass es eine Tortour werden würde. Zum einen hasste ich die Schule, also im Allgemeinen, zum anderen hatte ich Probleme mit Menschen, die ich nicht kannte. Das betraf alle Menschen. Aber dies war ein ganz anderes Thema.
Der Direktor, Herr Lempert, hatte mich vor zwei Wochen überschwänglich begrüßt und mir seine feuchte Waschlappenhand zum Gruß hingehalten. Bei dem Gedanken daran verzog ich angewidert mein Gesicht. Berührungen mit Menschen versuchte ich auf ein Minimum zu reduzieren. Ich hatte keine guten Erfahrungen gemacht. Während der Fahrtwind lau durch meine kurzen Haare fuhr, schüttelte ich meine unschönen Erinnerungen ab. Ich genoss nun wieder die letzten paar Minuten der Ruhe, der Freiheit. Glücklicherweise hatte ich ein Buch eingepackt und wusste wie ich meine Pausen verbringen würde. Es war nicht geplant, dass ich auch nur ein Wort mit irgendjemandem wechsle.
Schon tauchte das Schulgelände auf. Darauf stand ein neues, sandfarbenes, unansehnliches und wenig einladendes Gebäude mit weißen Fensterrahmen und unförmig anmutenden Säulen. Ich musste unwillkürlich schmunzeln, als ich versuchte mir klar zu machen, dass der Architekt mit Sicherheit einen in der Krone gehabt haben musste, als er den unförmigen Klotz entworfen hatte. Aber prinzipiell war ich froh, dass mich mein Vater auf diese Schule gehen ließ. Er hatte erwartet, ich würde auf eine renommierte Schule, mit einem voraus schreienden Ruf gehen und dort einen angesehenen Abschluss machen. Aber das waren Dinge, die ich ihn nicht für mich entscheiden ließ. Seit einem Monat sprach er nicht mehr mit mir. Ich war unbeeindruckt und würde es bleiben, bis in alle Ewigkeit.
Diese Schule war neu. Noch ohne Geschichte und Traditionen und was noch viel wichtiger war, alle Schüler würden, wie ich, am selben Tag ihren ersten Schultag haben.
Nur einige kannten sich untereinander, von ihrer alten Schule. Heute waren alle die Neuen, und das beruhigte mich ein wenig.
Ich war nicht die Einzige die mit dem Fahrrad kam. Am Abstellplatz war einiger Trubel, doch ich entzog mich diesem, indem ich mein Zweirad in der hintersten Ecke anschloss. Schnell und zugleich zaghaft, begab ich mich zur riesigen Turnhalle, um den Willkommensfeierlichkeiten beizuwohnen.
Nur sporadisch flogen meine Augen über einige Gesichter der ebenfalls neuen Schüler. Manche sahen glücklich aus, andere passten in meine Schublade und wieder andere schienen so selbstbewusst zu sein, als wären sie schon immer hier zur Schule gegangen. Gelegentlich bekam ich ein paar Schubser ab, aber es war erträglich. Weitere Busse rollten an, die noch mehr Schüler brachten. Mir war gar nicht klar gewesen, dass es so viele sein würden. Es kam mir vor, als hätte man alle Kinder der Stadt aufgenommen.
Ich versuchte nicht weiter darüber nachzudenken und quetschte mich durch die Flügeltüren des Turnhalleneingangs. Kurz darauf sah ich das Grauen in seinem ganzen Ausmaß. Das Gebäude schien vor lauter jungen Menschen zu bersten. Alle Neuankömmlinge wurden von mehreren erwachsenen Personen in verschiedene Richtungen geschickt. Ich vermutete, dass es Lehrer waren.
Als ich an der Reihe war, blickte ich hinab, auf einen kleinen Mann mit Halbglatze, der mich über seine schief sitzende Brille hinweg anschaute. Seine Haare, die verbliebenen, waren kunstvoll über die kahle Stelle gekämmt, so dass es aussah, als hätte man ihm einen gestrickten Teppich, mit riesigen Löchern, auf den Kopf geheftet. Die piepsig hohe Eunuchenstimme erklang und in diesem Moment war mir klar, dass niemand anderes mein Klassenlehrer werden würde, als diese eigenartige Gestalt vor mir.
»Welcher Jahrgang?«, piepste er mir entgegen.
»Neun!«, war die kürzeste Antwort die ich parat hatte.
»Nach links oben bitte!«, fiepte er mir den Weg.
Ich nickte stumm und ging.
Nun stand mir das Schlimmste bevor. Jetzt wo der Menschenpulk aufgelöst worden war, liefen die Schüler vereinzelt durch die Halle. Jeder hatte nun die Möglichkeit mich zu sehen, wie ich meinen Abstellplatz suchen würde und bei meinem Glück, würde ich mich tierisch auf mein Fressbrett legen. Würde passen! Das Gespött der Schule schon am ersten Tag. Quatsch, denn eigentlich hatte der erste Tag ja noch gar nicht begonnen. Das wäre in der Tat Rekord. Selbst für mich.
Hochkonzentriert betrachtete ich meine Schuhspitzen und schaffte es ohne Zwischenfälle zur rettenden Tribüne. Ich suchte mir einen freien Platz und setzte mich, ohne die neuen Mitschüler rechts und links zu registrieren.
»Was möchten Sie trinken?«
Schlagartig öffne ich meine Augen und sehe wieder das rote, aufgesetzte Lächeln der Stewardess.
»Ich hätte gern einen Tomatensaft und ein Wasser!«
Das Grinsen kommt meiner Bitte nach und reicht mir die gewünschten Getränke. Die Lippen bewegen sich dabei kaum und lassen nur ein stereotypes »Bitte schön!« erklingen.
Vorsichtig stelle ich beide Becher auf die Ablage des Nachbarsitzes und setze mich wieder aufrecht hin. Überall wuseln die Menschen mit ihren Getränken herum. Leises Gemurmel gelangt dumpf an meine Ohren. Schnell trinke ich meinen Saft und spüle mit etwas Wasser nach. Mit einem Lächeln schließe ich wieder meine Augen und blicke erneut zurück. Zurück zum ersten Tag in der neuen Schule.
»Junger Mann! Junger Mann!? Würden Sie bitte Ihren Rucksack zwischen die Beine nehmen, dass sich noch jemand neben Sie setzen kann?«
Erst jetzt begriff ich, dass der kleine Kerl, mit dem Teppich auf dem Kopf, mit mir sprach. Ich merkte wie meine Gesichtsfarbe locker den Farbenvergleich mit einer Erdbeere gewonnen hätte und versuchte mich in einem imaginären Loch zu vergraben. Verletzt sah ich dem herumfuchtelnden Männchen in die Augen und presste ein: »Junge Frau, wenns geht!« hervor.
Unbeeindruckt gestikulierte er weiter, bis ich den Rucksack zwischen meinen Beinen abstellte. Ich bemerkte das Flüstern um mich herum und die Blicke brannten sich durch meinen Körper. In meinen Kopf schossen die gewohnten Bedenken herum: Glotzten sie auf meine nicht vorhandenen Brüste oder die Miniohren, vielleicht aber auch auf die Schuhe, die mit einer Größe von zweiundvierzig fast die Ausmaße eines Mini U-Bootes besaßen?
Angewidert nahm ich wahr, wie sich jemand rechts neben mich setzte. In meinem Augenwinkel erkannte ich lange blonde Haare, die meiner neuen Nachbarin, leicht gewellt, über die Schultern fielen. Ich zwang mich nicht hinüber zu sehen.
»Was für ein tollwütiger Zwerg! Ich hoffe nur den Gnom haben wir nicht in Englisch. Aber bei meinem Glück!«
Mein Grinsen konnte ich nicht unterdrücken und dabei blinzelte ich zu dem blonden Mädchen mit der scharfen Zunge.
»Hi, mein Name ist Sophie, bin eine Null in Englisch und bin neu hier. Und du?«
Sie schob mir ihre Hand direkt unter die Nase. Bedächtig nahm ich sie in meine und drückte zu.
»Meine Güte. Was für ‘n Müsli futterst du denn? Du drückst ja zu, wie manch einer auf der Toilette!«
»Oh, entschuldige. Ich mag es nur nicht, wenn man mir so ein labbriges Ding in die Hand drückt.«
»Ha, ich weiß, was du meinst. Das hab ich meinem Exfreund auch immer gesagt!«
Auf Sophies Gesicht erschien ein verschmitztes Grinsen, welches mir die Zweideutigkeit meiner Aussage bewusst machte.
»Oh, nein … nein, das hatte ich nicht gemeint.«, erwiderte ich fast panisch.
»Schon gut. Sei nicht so verkrampft. Also, wie heißt du?«
Mir war die ganze Situation total unangenehm und ich hasste mich wieder einmal selbst. Normalerweise war ich gar nicht schüchtern, na jedenfalls nicht so. Eigentlich hatte ich eine ziemlich große Klappe und scheute keine Konfrontation, doch der heutige Tag überforderte mich. Ich überforderte mich!
»Ich heiße Santana! Und nein, mein Vorname ist nicht Carlos. Ich bin froh darüber, dass mein Vater kein Fan von Howard Carpendale ist, wer weiß wie ich dann heißen würde.«, versuchte ich mich selbst etwas aufzulockern.
»Santana, hm?«
Sophie schien angestrengt darüber nachzudenken und sah mich nickend an. »Ja, das passt. Schöner Name! Mal was anderes als Lena, Lisa, Lara, Mandy, Sandy.«
Ich nickte dankend.
»Und … haste dich hier schon mal nach ’n paar Kerlen umgesehen? Also ich hab noch nichts Beeindruckendes gesichtet.«
Nun hob auch ich meinen Blick und ließ ihn über die vielen Köpfe gleiten. Ehrlich gesagt wusste ich nicht genau wonach ich suchen sollte und schaute etwas unbeholfen zu den Zehntklässlern. Ich wollte nichts mehr mit Kerlen zu tun haben. Nie wieder!!! Doch wanderte mein Blick vorsichtig von einem zum anderen. Ganz nett aussehende Jungen waren schon dabei. Aber das war vollkommen egal.
Ohne, dass ich es merkte, waren mir Sophies Augen gefolgt und versuchten meine Beobachtungen nachzuvollziehen.
»Jap, der sieht schnuckelig aus. Gute Wahl!«, posaunte sie heraus, so dass uns einige andere Schüler hörten und ebenfalls zu dem Jungen mit den dunkelblonden, kurzen Haaren sahen. Nachdem dieser nun von dutzenden Augen angestarrt wurde, fühlte er sich eindeutig beobachtet und blickte nun seinerseits zu mir und Sophie. Und … er lächelte.
Scheiße! Hatte er Sophie eben gehört? Ich hoffte, dass dem nicht so war. Schnell riss ich meine Augen von ihm weg und stierte auf meine Füße. Gott war mir das peinlich! Und ich hatte gedacht das Schlimmste schon überstanden zu haben. Wieder mal zu früh gefreut!
»Ich kann herausbekommen wie er heißt. Ein Freund von mir geht hier auch in die Zehnte. Also wenn Interesse besteht?«, flötete Sophie mich fröhlich an.
»Nein danke, lass mal!«, war alles, was ich momentan sagen konnte und wollte.
Sophie erzählte noch ein wenig, während ich meinen Blick weiter gesenkt hielt.
Als alle Neuankömmlinge ihre Plätze eingenommen hatten, versammelte sich die gesamte Lehrerschaft auf einer kleinen Bühne. Kurzzeitig hatte ich wieder das Gefühl, dass ihre Blicke nur auf mir ruhten und das veranlasste mich all meine Muskeln anzuspannen. Wie von der Medusa in Stein verwandelt, saß ich da. Ich schüttelte meine Lähmung jedoch schnell wieder ab und versuchte auf die Worte des Direktors zu hören.
Glücklicherweise quälte man uns nicht ewig mit langweiligen Reden und wir wurden in Klassen aufgeteilt. Sophie entfuhr ein kurzes Kreischen, als sie hörte, dass wir beide in eine Klasse kommen würden. Ich war mir noch nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte und grinste erst einmal oberflächlich.
Man sagte uns unsere Klassenraumnummer, wo wir uns in zehn Minuten einfinden sollten.
Als ich mich erhob bestaunte Sophie meine Größe, hielt diesmal aber den Mund.
Und so verrann der erste Tag ohne weitere Zwischenfälle. Und ja, der Kerl mit dem geklöppelten Teppich auf der Birne wurde mein Klassenlehrer.
Die Schüler in meiner Klasse wirkten ganz sympathisch, obwohl natürlich einige Jungen aus der Form geraten waren. Aber das war bei Kerlen mit fünfzehn auch nicht anders zu erwarten. Die Lehrer, die ich kennenlernen durfte, machten einen ganz passablen Eindruck, wollte mir aber nicht zuviel davon versprechen.
Wir bekamen die Stundenpläne und Kursaufteilungen. Ich hatte nichts daran auszusetzen, außer, die Doppelstunden Mathe mittwochs und freitags, und das in den letzten Stunden des Schultages. Klasse!
Ansonsten lief der erste Tag ganz gut. Ich fiel nicht über meine Füße, steckte nichts in Brand und hielt mich auch sonst ganz tapfer, wenngleich ich oft das Gefühl hatte angestarrt zu werden. Kunststück! Ich war die Größte in der Klasse, abgesehen von zwei Jungs.
Am erfreulichsten war die Mitteilung, dass wir mittags schon nach Hause gehen durften. Daher packte ich schnell meinen Rucksack und stürmte gleich nach dem Klingeln hinaus. Flink schnappte ich mir mein Fahrrad und fuhr, ohne mich umzugucken, nach Hause.
Sanft und vorsichtig holt mich die Stewardess aus meinem Zeitsprung. Verschlafen blinzle ich sie an und starre wieder auf die vollen, roten Lippen. Überrascht bemerke ich, dass ich der jungen Frau noch nicht einmal in die Augen gesehen habe und hole es sogleich nach. Doch sofort danach verlagere ich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Lippen, denn diese scheinen mir nicht so aufrichtig abgeneigt zu sein, wie es ihr kalter Blick vermuten lässt.
»Vegetarisch oder Fleisch?«
Normalerweise würde ich jetzt oberlehrerhaft sagen: »In ganzen Sätzen bitte!«, schlucke es aber herunter. Ich möchte sie nicht allzu sehr belasten.
»Das vegetarische Gericht hätte ich gerne.« Mein lockeres Lächeln hilft nicht das Eis in den Augen der jungen Frau zum Schmelzen zu bringen.
»Bitte sehr!« Und schon landet dass Tablett mit dem heißen Schälchen auf meiner Ablage … wenig liebevoll.
Eigentlich habe ich keinen Hunger. Meine Aufregung versetzt mich schon seit geraumer Zeit in einen Strudel, der bestimmte Bedürfnisse nicht mehr in mein Bewusstsein lässt. Trotzdem stochre ich in meinem, keine Ahnung was es ist, eigenartigen Nudel-Gemüseauflauf herum und schiebe mir kleinere Häppchen in den Mund. Auf dem Monitor, verfolge ich unsere Flugroute. Noch keine zwei Stunden sind vergangen. Die Zeit spielt mit mir. Einerseits geht sie nicht schnell genug um, andererseits gefällt es mir in meinen Erinnerungen zu schwelgen und ich drehe mit Freuden die Zeit zurück. Wieder bemerke ich das Lächeln auf meinem Gesicht. Hier, mitten unter den vielen Menschen, fühle ich mich total abgeschirmt. Wie in einer anderen Sphäre oder Dimension. Keiner würde mein eigenartig verklärtes Gesicht deuten oder verstehen können. Das Essen ist nicht so schlecht, doch schaffe ich nicht alles und stelle das Tablett wieder auf die Ablage des Nachbarsitzes. Nur um mir kurz die Beine zu vertreten, stehe ich auf und gehe den Gang weiter nach hinten. Noch ungefähr sieben Stunden bis zur ersten Landung und mir tut mein Hintern jetzt schon weh.
Gerade als ich zu meinem Sitzplatz zurückkehren will kommt mir Katrin freudestrahlend entgegen. Mit Ach und Krach kann ich mir ein Augenverdrehen verkneifen und lächle sie an.
Weiß sie, dass sie nervig ist? Mit Sicherheit nicht!
»Mensch Santana! Das hättest du uns doch sagen können!«
Verwundert ziehe ich meine Augenbrauen zusammen.
»Was hätte ich sagen sollen?«
Schon erhalte ich einen dieser, zur Belustigung dienenden, Boxhiebe auf meinen Oberarm. Meine Brauen wölben sich noch mehr und mein freundliches Lächeln wird zu einer genervten Grimasse.
»Na, dass du nach Hause fliegst? Wir hätten zusammen sitzen können. Das wäre doch ein Spaß geworden. Wo sitzt du denn?«, trällert sie weiter.
Jetzt nur nichts Falsches sagen. Wenn sie entdeckt, dass ich alleine sitze, bekomme ich sie nie mehr los. Also, beste Taktik: Die Frage übergehen und sich herauswinden. »Ja ich muss nach Hause. Mein Arbeitsvisum ist abgelaufen. Ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber ich muss noch einiges an Schreibkram erledigen. Du verstehst das doch? … Deutsche Bürokratie! Wir sehen uns sicherlich noch ein paar Mal.«
Sofort verzieht Katrin enttäuscht ihren Mund. Entschuldigend tätschle ich ihr die Schulter und gehe auf die Toilette in der Hoffnung, dass sie danach verschwunden ist. Ich höre wie sie mit stampfenden Schritten kehrtmacht und mir den Weg frei gibt, um zu meinen Platz zu huschen.
Schnell und leicht gebückt erreiche ich meinen Sitz. Kurz darauf bin ich mein Tablett mit Essen wieder los, bestelle noch etwas zu trinken und mache es mir mit einem Kissen wieder gemütlich. Während das Entertainmentprogramm einen langweiligen Film zeigt, bereite ich mich darauf vor meinen eigenen Film zu genießen. Ich schließe meine Augen und öffne wieder einmal die Tür zu meiner Vergangenheit.
»So. Das ist Santana!«
Ich blickte in die zwei weiteren, neuen Gesichter vor mir.
»Sie heißt mit Vornamen nicht Carlos und mag es nicht, wenn man ihr ein labbriges Ding in die Hand drückt.« Sophie warf ihren Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Ich sah sie ein wenig verstört an und rümpfte die Nase.
Die rechts Stehende, die Kleinste der drei Mädels, kam einen Schritt auf mich zu und streckte mir ihre Hand hin. Ihre Haare gingen bis knapp unter das Ohrläppchen, eine Art Prinz-Eisenherz-Frisur. Einzelne Strähnen leuchteten in der Sonne wie Karamell. Sie war höchstens einen Meter sechzig groß, vielmehr klein, aber sie strahlte eine eigene Art von Selbstsicherheit aus. Ihre Augen glänzten in einem angenehmen dunkelblau und ich verspürte kurzzeitig den Drang in ihnen zu versinken. Tief und dunkel wie das Meer.
»Hallo, ich bin Rabea. Freut mich sehr dich kennen zu lernen. Ich habe gehört du bist erst kürzlich hier her gezogen. Du Arme!« In ihren Blicken las ich Aufrichtigkeit.
»Freut mich auch!«, erwiderte ich kurz und versuchte ihre Hand nicht zu sehr zu drücken. Ihr Lächeln war freundlich und einladend. Ich mochte sie und das war fast ein Phänomen.
»Und ich bin Charlotte!«, stellte sich die Dritte im Bunde vor. Ihre Augen waren fast so schwarz wie ihre Haare, die lang und glatt bis zu den Schulterblättern reichten. Ihre dunklen, kräftigen Augenbrauen ließen sie ein wenig kämpferisch wirken, doch ihre Stimme nahm die Schärfe aus ihrem Gesicht. Sie war etwas kleiner als ich - wer nicht - hatte eine auffallend gute Figur, wie auch die anderen zwei Mädels, und war ziemlich hipp gekleidet. Ihr Rucksack leuchtete in allen Neonfarben, die ich kannte.
»Wir drei kennen uns vom Jazztanz. Unsere Trainerin ist hier Lehrerin, deshalb haben wir hier auf die Schule gewechselt. Magst du Jazztanz?«
Ich blickte Charlotte entgeistert an und sah dann an mir herab.
»Ich glaube zum Tanzen kann ich die Stelzen hier nicht überreden. Ich bin froh wenn sie sich beim einfachen Gehen nicht verknoten. Das ist nichts für mich!«
Die drei Mädels grinsten mich an und Rabea heftete ihre Blicke auf meine Beine. »Also ich wäre froh, wenn ich nur annähernd solche Beine hätte. Sei stolz drauf!«
»Jeder will immer das, was er nicht hat! So ist das Leben!«, entgegnete ich ihr leicht schnippisch. Rabea blickte mich an und in ihren ozeanblauen Augen erkannte ich, dass sie gekränkt war. Sie hatte es mit Sicherheit nicht so gemeint wie ich Idiot es mit meinem angeknacksten Selbstwertgefühl aufgenommen hatte. Ich lenkte schnell ein, denn irgendwie mochte ich sie. Alle Drei. Unglaublich, denn ich hatte noch nie Freundinnen oder Mädchen gefunden, die sich mit mir abgeben wollten. Und hier hatte ich gleich mehrere.
So wurden aus uns Mädels, die unterschiedlicher nicht sein konnten, die chaotischen Vier.
Charlotte war eine Realistin. Nichts konnte sie umhauen und keiner konnte ihr psychisch schaden. Gefestigt wie ein Fels. Kerle standen bei ihr nur im Weg, obwohl sich ständig deren Blicke an sie hefteten.
Rabea wusste genau, was sie in ihrem Leben erreichen wollte. Architektur, dann Ausland. Ihre Noten sprachen genau dafür. Süß und klein wie sie war, entwaffnete sie jeden Jungen mit ihrer offenen und gleichzeitig zerbrechlichen Art. Sie konnte jeden um den Finger wickeln. Seit geraumer Zeit hatte sie einen festen Freund - Thilo.
Sophie versuchte uns alle zu täuschen, in dem sie vorgab ein total verrücktes Huhn zu sein. Aber insgeheim wünschte sie sich nichts sehnlicher als Geborgenheit, Vertrauen und irgendwann einmal eine große Familie. Durch ihre blonde Mähne lagen ihr alle Jungen zu Füßen und sie war in der Tat in Englisch eine totale Niete, dafür in Physik und Mathe eine absolute Bereicherung und tolle Hilfe.
Tja und dann ich. Der Ersatzbaukasten. Doch sie gaben mir nie das Gefühl ein Außenseiter zu sein. Zwar wirkte ich in ihrer Mitte fehl am Platz, doch scherte es sie einen feuchten Kehricht. Ich fühlte mich zum ersten Mal richtig wohl in der Gesellschaft anderer Menschen und begann aufzublühen und ihnen einiges von mir preiszugeben. Wirklich ein tolles Gefühl!
Es dauerte nicht lange und wir unternahmen alles gemeinsam. Manchmal las ich ihnen in den Pausen vor. Sie verdrehten am Anfang oft die Augen über meine, für sie exotische, Bücherwahl, lernten es aber zu schätzen. Wir halfen uns gegenseitig, denn jede von uns hatte seine Vorlieben und Stärken in den verschiedenen Schulfächern. Charlotte in Geschichte und Englisch, Sophie, wie schon gesagt, in Mathe und Physik, ich in Deutsch, Biologie und Kunst und Rabea … tja, die hatte keine Schwachstellen. Auch wenn Charlotte und Rabea die Parallelklasse besuchten, lernten wir gemeinsam. Endlich fand dieses Wort: Gemeinsam, einen Platz in meinem Wortschatz.
Gemeinsam überfielen wir das Frische-Eck, einen kleinen Laden mit Bäckerei, Fleischerei und einer Kühltruhe. Drei lenkten ab und die Vierte klaute Wassereis. Dreimal Orange, einmal Grapefruit.
Ich erzählte meiner Oma Rosa von meinen drei neuen Gefährtinnen und sie freute sich unbeschreiblich darüber. Mutter war es egal und Vater redete noch immer nicht mit mir. Nicht dass ich es vermisst hätte.
Durch ein Kreischen und Lachen fahre ich zusammen und reise aus meiner Vergangenheit zurück. Der Film ist wohl lustiger als ich gedacht habe. Ich schäle mich aus meinem Sitz und beginne erneut den Kampf mit der Gepäckklappe, die mich mit aller Macht zu hassen scheint. Schnell finde ich meinen MP3 Player. Doch bevor ich mich wieder setze fahren meine Fingerkuppen liebevoll über die Vordertasche meines Rucksacks. Mein Herz beginnt zu flimmern und unrhythmisch zu schlagen. Ich genieße dieses erneute chaotische Aufflammen meiner Gefühle. Gequält reiße ich mich los. Bald werde ich nicht nur dieses Stück Papier in den Händen halten.
Noch immer durch Kammerflimmern und Pulsrasen aus der Bahn geworfen, setze ich mich und wähle eine meiner Lieblingsplaylisten. Alles Instrumentalstücke aus verschiedenen Filmen. Ich weiß jetzt ganz genau, wohin ich meine Gedanken lenken werde. Schon jetzt muss ich schmunzeln. Die ersten Töne erklingen und die weiche Melodie schirmt mich von allem anderen ab. Ich bin wieder fünfzehn und meine peinlichsten Momente stehen mir bevor.
»Oh bitte tu mir das nicht an! Ich kann unmöglich in diesem kurzen Ding in die Disco gehen. Da kann ich mich kaum bewegen, ohne dass mir einer drunter glotzt.« Kopfschüttelnd zog ich den etwas breiteren Gürtel aus, den Charlotte mir als Rock andrehen wollte und schwang ihn über den Stuhl.
»Der steht dir wirklich toll! Deine langen Beine kommen da spitze zur Geltung! Du hast so eine klasse Figur!« Charlotte warf mir den Rock zurück an den Kopf.
»Meine Haxen will kein Mensch sehen. Außerdem kann ich darin nicht laufen. Ich beweg mich wie ein Bauer und Schuhe hab ich auch keine.«
»Mit dem Rock achtet keiner auf deinen Gang.«, versuchte sie mich aufzubauen.
»Binde einem Kamel ’ne Schleife um … es sabbert und stinkt trotzdem noch.« Betrübt setzte ich mich auf die Bettkante. Alles hatte fantastisch geklappt. Meine Eltern waren froh, dass ich mal was mit den Mädels unternahm, auch wenn wir offiziell nur ins Kino gingen. Für den nächsten Tag gaben wir vor Hausaufgaben zu machen und zu lernen, was ebenfalls auf Begeisterung bei meinen steifen Eltern traf.
Charlottes Mutter war cooler und hatte nichts dagegen, dass wir in die Disco gingen. Sie würde uns auch abholen. Ich konnte mir so ein Verhältnis zu meiner Mutter gar nicht vorstellen. Es würde eine zeitaufwendige Operation benötigen, ihr den Kleiderbügel aus dem Hintern rauszuschneiden.
An dem Türsteher kämen wir mit Sophies Hilfe vorbei, das war schon abgeklärt. Woher sie diese Typen immer kannte?
»Zieh deinen Kopf aus ’m Sand! Was für Schuhe hast du denn dabei?«, gab Charly die Hoffnung nicht auf.
»Nur die Treter hier und diese Komischen.« Ich zeigte auf ein Paar ausgelatschte, schwarze Spangenpumps, mit kleinem Absatz, die mir allerdings höchstes, körperliches Geschick abverlangten und mir das Tanzen definitiv untersagten.
»Die müssen gehen. Wir machen die nur noch etwas punkiger.« Charlotte verschwand und kam mit lautstarken Klappern zurück. »Wir sprühen etwas Farbe drüber und die sehen gleich aus wie neu.«
Bevor ich überhaupt ein Veto einlegen konnte, sprang sie zum Papierkorb und besprühte meine Schuhe direkt darüber. Und es gefiel mir.
»Solche hat keiner!«, sagte sie stolz wie Oskar.
»Da bin ich mir sicher!« und blickte auf die Schuhe in Kinderbettgröße, die nun im leuchtenden Pink vor mir standen.
»Jetzt musst du mir nur noch zeigen wie man darin ladylike läuft.«, bat ich Charly.
»Das macht Rabea, die müsste auch gleich hier sein! Also, dann ziehst du den Rock an?« Ihre Augen glänzten hoffnungsvoll.
Ich gab mich geschlagen und nickte. Ehrlich gesagt, war das Outfit wirklich toll und Oma würde vor Glück aus der Hose springen, wenn sie mich so sehen könnte.
Meine Oma war mir das Allerliebste. Sie war eine hoffnungslose Romantikerin und lebte in ihren Schmökern. Jedoch verstand mich niemand so gut wie sie, keinem vertraute ich alle meine wichtigen Dinge an, nur ihr. Sie war mein wahrer Schatz und am schönsten war es, wenn sie sich gegen ihren spießigen Sohn stellte, um meine Meinung zu untermauern und ihr Stärke zu verleihen. Sie war meine personifizierte Rettungsinsel. Rabea, Sophie und Charlotte waren bei ihr herzlich willkommen und nach ein paar Runden Rommee erzählte sie uns schnulzige Geschichten.
Die Haustürklingel riss mich von Oma weg und stellte mich vor neue, kaum zu bewältigende Aufgaben. Heute Abend schmiss ich mich nicht umsonst in Schale. Bastian, der dunkelblonde Junge aus der Zehnten, den ich an meinem ersten Schultag angeglotzt hatte, war der Grund. Nur wusste er noch nichts von seinem Glück. Sophie hatte natürlich den Namen erfragt und nun waren sie dabei mir einzureden, dass ich mich an ihn ranschmeißen sollte. Naja, er war ja wirklich irgendwie süß und, ganz wichtig, größer als ich. Aber sollte es nicht kribbeln oder so etwas, wenn man verliebt ist? Sophie wies mich immer darauf hin, wie verträumt ich ihn anblicken würde und wenn er nicht in meiner Nähe wäre, dann starrte ich angeblich verknallt vor mich hin.
Das war mir ehrlich gesagt nicht bewusst!
Oma empfahl in solchen Situationen einen Brief zu schreiben. Das konnte ich schon mal gar nicht. Dann zwängte ich mich doch lieber in den etwas breiteren Gürtel, der als Rock herhalten musste.
»Huhu!«, begrüßte mich Rabea und ließ das Willkommensküsschen weg. Damit hatte ich mich noch nicht angefreundet.
»Habt ihr ein paar schöne Sachen gefunden?« Neugierig und voller Erwartung blickte sie mich an.
Ich nickte etwas unsicher, was ihr ganz klar zu verstehen gab, noch etwas Aufbauarbeit leisten zu müssen.
»Ich kann in meinen Schuhen nicht wirklich elegant laufen. Sieht eher aus wie ein Papagei mit zwei Holzbeinen.«
Sie grinste mich an. »Das kriegen wir schon hin! Hast du dich schon mal geschminkt?« Insgeheim wusste Rabea, dass diese Frage überflüssig war.
»Du meinst, ohne dass ich mir mit der Wimpernspirale die Hornhaut zerkratze oder mit dem Lidschatten so rumhantiere, dass ich aussehe als wäre ich verprügelt worden. Wenn wir das ausschließen, dann habe ich mich noch nicht geschminkt!«
Jetzt war ich es die grinste.
Nach nur kurzer Zeit schaffte ich es einigermaßen vernünftig auf meinen wackeligen Schuhen herumzulaufen und wurde fachmännisch angepinselt. Das Ergebnis war recht passable. Ich fühlte mich etwas unwohl, oder vielmehr unsicher, doch die Mädels ließen sich nicht aus der Ruhe bringen und bliesen zur Attacke.
Es war tatsächlich kein Problem in die Disco zu kommen und wir suchten uns einen Platz ganz in der Nähe der Tanzfläche. Die Bässe brachten meinen Herzrhythmus durcheinander und ließen mein Herz holpern. Ich genoss dieses Gefühl. Mich schien auch keiner anzustarren und wenn, las ich in den Blicken keine Ablehnung. Sollte ich mich tatsächlich verwandelt haben und für diese Nacht eine neue und aufregende Santana sein? Mit einem ungalanten Knuff in meine Rippen, erwartete Sophie meine Aufmerksamkeit. Durch die laute Musik hindurch schrie sie mir zu, dass Bastian und seine Freunde gerade angekommen waren. Verstohlen blickte ich zu ihm hin. Ob er schon ahnte was heute auf ihn zukommen würde? Ich war mir nicht sicher, wen ich mehr bedauern sollte, ihn oder mich selbst!
»Los komm! Wir gehen was zu Trinken holen, dann müssen wir an ihm vorbei. Er muss auf dich aufmerksam werden. Hier in der Ecke sieht er dich nicht.«
Schon zuppelte Sophie an meinen Haaren herum, die sowieso schon in alle Himmelsrichtungen standen, so als hätte ich mich während eines Fallschirmsprungs frisiert. Unsicher rappelte ich mich auf und achtete krampfhaft darauf nicht über meine Füße zu stolpern. Unfallfrei schaffte ich es an die Theke und bestellte unsere Getränke. Aus den Augenwinkeln nahm ich mit Erstaunen wahr, dass einer von Bastians Freunden mich bemerkte und sich zu ihm hinüberbeugte, um ihm etwas mitzuteilen.
»Guck doch mal zu ihm rüber!«, zischte Sophie neben mir. Und als hätte sie eine heimliche Fernbedienung in der Hand, wandte ich meinen Kopf den fünf Jungen aus der Zehnten zu. Jetzt sah ich, dass sie mich alle taxierten und ihre Blicke über das neuerschaffen Gesamtkunstwerk von Rabea und Charlotte wandern ließen. Ich spürte wie mir Röte in das Gesicht stieg und drehte mich weg. Mit böse funkelnden Augen sah ich zu Sophie, die zu den Jungs winkend, neben mir stand. Nun war ich es die zischte. »Lass das!«
Ich schnappte mir die Getränke und ging hochkonzentriert zurück an unseren Tisch. Und da saß ich dann und beobachtete wie meine drei Mädels tanzten und sich amüsierten. Enttäuscht stellte ich fest, dass mich Bastian keines weiteren Blickes würdigte. Leicht angeschlagen stöckelte ich zur Toilette. Ohne großartig auf die Menschenmenge zu achten, die sich hüpfend und zappelnd zu den schnellen Beats bewegten, schlängelte ich mich in den Vorraum.
»Hübsch siehst du aus!«, erklang es direkt neben mir. Fast hätte ich es nicht auf mich bezogen und wäre weitergegangen. Etwas in meinem Inneren hielt mich zurück und ich blickte verwundert in zwei helle, blaue Augen, die durch das Neonlicht strahlten wie wertvolle Edelsteine.
Gleich darauf lächelten mich zwei Reihen strahlend weißer Zähne an, die ich anstarrte, immer noch verwundert darüber, dass die Worte tatsächlich mir galten. Ich versuchte gar nicht erst etwas darauf zu erwidern, denn mir war vollkommen klar, dass ich nur ein Stottern zu Stande bringen würde.
»Du siehst ganz anders aus als sonst!«, sagte er anerkennend.
Ich spürte wie meine Hassfarbe rot wieder die Oberhand über meine eigentliche Gesichtsfarbe gewann.
»Danke!«, war dann auch alles was ich in vollständiger, korrekter Aneinanderreihung von Buchstaben aus mir heraus brachte.
»Tja, wir sehn uns bestimmt noch!«, sagte das Lächeln und verschwand.
Nun passierte das, worauf mich meine Oma schon vor einiger Zeit vorbereitet hatte. Mein Magen fing an sich zu verknoten und ein Kribbeln floss durch meine Adern und schien das komplette Blut ersetzt zu haben. Mit eigenartig wackligen Knien begab ich mich auf die Toilette, wo sich eine Menge Mädchen und junger Frauen um den besten Platz vor dem großen Spiegel schlugen. Schnurstracks ließ ich den Trubel links liegen und schloss die Tür der Toilettenzelle. Noch immer wütete ein Durcheinander in meinen Körper und ich sah erneut die himmelblauen Augen vor mir. Ich erwischte mich bei einem Lächeln und konnte es gar nicht erwarten zurück zu gehen, um es den Mädels zu erzählen und Bastian vielleicht wieder zu sehen. Hoffentlich hatte ich dann auch die Barriere der Sprachlähmung überstanden und könnte eventuell mit ihm in vollständigen Sätzen reden.
Kurz darauf huschte ich schnell aus der Kabine, umging die gackernden Weiber, rempelte mich zum Waschbecken durch und verließ nach dem Händewaschen den überfüllten Raum. Vor der Tür, dem Eingangsbereich der Diskothek, war es ebenfalls immens voll und ich schlängelte mich erneut durch die brodelnde Masse.
Plötzlich hörte ich hinter mir ein Kreischen und Grölen, doch reagierte ich nicht darauf. Die Vorfreude auf die überraschten Gesichter meiner Freundinnen trieb mich voran. Dann hörte ich lautes Gebrüll, welches mir zu folgen schien.
Aussagen wie: »Guck dir die an! Da hat meine Oma ja was Fescheres drunter.«, »Hinten flach und vorne flacher!«, »Für den Arsch wäre selbst ein String noch zu groß!« oder »Warum sollte der Arsch nicht genauso hässlich sein, wie der Rest?«
Wie durch Geisterhand fühlte ich mich herumgerissen und starrte direkt in unzählige, verzerrte und lachende Gesichter, die mich anglotzten, auf mich zeigten, oder Gestalten, die sich bald auf den Boden kugelten vor Lachen. Einige kannte ich. Ein ganz bestimmtes Gesicht war auch dabei. Bastian! Aus unerfindlichen Gründen schaltete mein Verstand die Lautstärke der tobenden Menge ab. Nur ihn konnte ich reden hören. Wie in Zeitlupe vernahm ich Bastians Worte, die von seinen hysterisch, weit aufgerissenen Augen untermalt wurden: »Och … guckt doch mal, wie süß! Sieht sie nicht aus wie Schneewittchen! …«
Seine Worte klangen fast schwülstig vor lauter Mitleid, doch den Rest des Satzes betonte er anders. Mehr als Gehässigkeit schlug mir entgegen und ich stand da und wusste nicht ob ich mitlachen oder gleich heulen sollte. Seine Worte kamen mit Wucht und trieben mir einen Pfahl in mein, zum Leben erwachtes Herz: »… kein Arsch und kein Tittchen.«
Die Masse johlte wie auf einem Rockkonzert.
Ich verstand nicht gleich, bemerkte nicht das luftige Gefühl, welches mich umgab. Softe Wattewolken hatten mich die ganze Zeit, durch Bastians Worte vor der Toilette, umgeben und hielten alle unwichtigen Gefühle von mir fern. Fragend blieb ich stehen. Als Mittelpunkt des Gelächters tastete ich an mir hinab und konnte es nicht fassen, im wahrsten Sinne des Wortes, was ich durch meine Hände erkennen musste. In meiner Eile hatte sich, zum Spott der gesamten Discobesucher, mein Rock mit meiner Unterhose verbündet. Oder besser gesagt, meine Unterhose versuchte meinen Rock zu fressen, während mein Hintern Ausschau hielt, dass es auch ja jeder mitbekam. Barärschig stand ich in der Menschenmenge, fummelte, von nackter Panik ergriffen, an meinem Hintern herum, versuchte zu retten was noch gerettet werden konnte, musste aber in den Augen aller erkennen, dass es dafür schon zu spät war. Ich spürte die Kälte der Abneigung in meinen Körper kriechen; fühlte wie meine Augen zu brennen begannen und nach Tränen verlangten. Mir blieb nicht mal Zeit einen klaren Gedanken zu fassen, um rot zu werden. Nur noch meine Welt verschwommen wahrnehmend, bahnte ich mir einen Weg hinaus und rannte … rannte bis mir die Lungen brannten und ich meine gesamte Scham herauskotzte … mitten auf den Bürgersteig. Aber ich wollte nicht stehen bleiben, ihnen keine Chance geben mir zu folgen und weiter mit dem Finger auf mich zu zeigen. Fest schlang ich meine Arme um meinen Körper und bewegte mich wie in Trance weiter. Ich wusste weder wo ich war, noch wohin ich lief.
Irgendwann – ich weiß nicht mehr wie viel später, wurde ich von drei Paar Armen eingesammelt, aufgefangen und gerettet. Alle anderen Gefühle hatte ich verbannt.
Vorsichtig öffne ich meine Augen. Ich bemerke, dass mein Gesichtsfarbe von einem sonnengebräunten Braun, in ein Fliegenpilzrot übergewechselt ist. Meine tief sitzende Beschämung, ist mir in die Gegenwart gefolgt. Noch immer kann ich mir nicht erklären, wie ich dieses Erlebnis überstehen konnte; weiter machte obwohl ich etwas ähnliches schon einmal durchmachen musste. Glücklicherweise waren damals meine drei Mädels an Ort und Stelle und boten mir die beste Schutzmauer, die es gab. Trotzdem bin ich seit diesem Ereignis misstrauisch und hinterfragender geworden – mehr als ich es vorher schon war. Vor meinem inneren Auge erblicke ich ihre Gesichter, wie sie mir halfen die ersten Wochen danach in der Schule zu überstehen, welche ich eigentlich nie wieder betreten wollte. Sie schirmten alle Blicke, alles Böse ab und ich war sicher bei ihnen. Ich kann nicht in Worte fassen wie dankbar ich ihnen dafür bin und immer sein werde.
Ich schüttle verlegen meinen Kopf und lasse meine Erinnerungen zu Sophies sechzehntem Geburtstag wandern. Meine Wangen sind noch immer leicht gerötet, trotzdem muss ich lächeln.
»Uff, das wäre geschafft!«, sagte Sophie angespannt und schmiss sich auf ihr Bett. »Ich hasse es, wenn meine Verwandten zu meinem Geburtstag kommen!«
Wir alle wussten was sie meinte. Verwandte konnten äußerst peinlich sein.
»Ich hab eine Idee! Was haltet ihr davon wenn wir Flaschendrehen spielen?«
Sie sah aufgeregt in die Runde. Rabea stimmte zu, Charlotte sah zu mir und nickte vorsichtig. Auch ich schloss mich ihnen an. Es war zwar schon fast ein halbes Jahr her, seit ich in den Höllenschlund der Diskothek geblickt hatte, aber es fiel mir bis zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer, richtig Spaß zu haben. Charly knuffte mich in die Seite und ich schenkte ihr dankbar ein aufrichtiges Lächeln. Sophie klatschte aufgeregt in die Hände und rannte los, um eine geeignete Flasche zu besorgen. Wir anderen setzten uns schon in einen kleinen Kreis, stellten die Knabbersachen und das Naschwerk in greifbare Nähe, und machten es uns bequem, während wir warteten. Plaudereien über Belanglosigkeiten verkürzten die Wartezeit.
Kurz darauf sprang Sophie durch die Tür und hielt eine grüne Weinflasche in der Hand. Durch ihren plötzlichen Auftritt erschreckt, zuckte Rabea zusammen und schlug ihr auf die Wade. »Man, wegen dir bekomme ich ’nen Herzkasper. Spinnst du, hier so rein zu springen?«
