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Sandra ist sich unschlüssig darüber, ob in ihrem Leben alles so ist, wie es sein sollte. Nachdem sich ihr unerwartet eine berufliche Veränderung auftut, macht sie auch privat einen folgenschweren Schritt. Denise ist zufrieden mit dem, was sie hat. Ausser, dass es ihr einfach nicht gelingen will, den Mann fürs Leben zu finden. Eines Tages begegnet ihr die vom Schicksal gekennzeichnete Gabriella und erzählt ihr davon, wie ihr Freund ohne ersichtlichen Grund Selbstmord begangen hat. Als Denise wenig später per Zufall auf einen Hinweis stösst, der eine Erklärung für eben diesen Selbstmord liefern könnte, setzt sie alles daran, um mehr herauszufinden. Nach einem anfänglichen Erfolgserlebnis droht sich die Spur, die zu Sandras Arbeitgeber geführt hat, jedoch bereits wieder im Sand zu verlaufen. Bis sich irgendwann herausstellt, dass auch Ana, die mit Sandra zusammenarbeitet, gewissermassen einen Bezug zur Tragödie hat. Sie hat eine Freundin verloren, bei der die Todesumstände ebenfalls ungeklärt sind. Darüber hinaus hat Ana neben ihrem Beruf mit familiären Problemen zu kämpfen und muss sich überlegen, wie sie alles unter einen Hut bringen kann. Wird es den vier Frauen gemeinsam gelingen, Licht ins Dunkel zu bringen, was die zwei mysteriösen Todesfälle angeht? Nachdem Denise ein paar gescheiterte Versuche in Sachen Liebe hat hinnehmen müssen, ist sie richtig versessen darauf, das Rätsel um den Selbstmord zu lösen. Sandra, vom Eifer ihrer Freundin angesteckt, weiss dafür endlich, was sie privat will. Nur, dass jetzt ihr Glück weiter weg zu sein scheint als jemals zuvor. Während sich Gabriella von einer Auszeit erhofft, dass sich ihr neue Perspektiven eröffnen würden, sieht sich Ana gezwungen, zugunsten ihrer Kinder eine Entscheidung zu treffen.
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Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das Buch
Sandra, Denise, Gabriella und Ana. Vier Frauen aus Zürich, deren Geschichten sich durch zwei mysteriöse Todesfälle miteinander verbinden. Es braucht die Mithilfe aller vier, um den Gründen für die tragischen Ereignisse auf die Spur zu kommen. Auch privat gibt es die eine oder andere Angelegenheit, die einer Lösung bedarf. Während Sandra versucht herauszufinden, was sie wirklich will, probiert Denise, Mister Richtig zu treffen. Gabriella will nach dem Selbstmord ihres Freundes ihr altes Leben hinter sich lassen und Ana muss zu Gunsten ihrer Kinder ihre familiäre Situation regeln.
Die Autorin
Daniela Herrli ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Sie hat Betriebsökonomie studiert und lebt heute mit ihrem Partner und ihren zwei Katzen in Südspanien, wo sie an der Universität unterrichtet. In ihrer Freizeit reist sie nach Möglichkeit gerne in verschiedene Städte und Länder. Die meiste Zeit verbringt sie mit Schreiben, wobei auch ihr Erstlingswerk Vier Gewinnt entstanden ist.
Daniela Herrli
Vier Gewinnt
© 2016 Daniela Herrli
Verlag: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-4999-1
Hardcover:
978-3-7345-5000-3
e-Book:
978-3-7345-5001-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.
Max Frisch
HERBST
SANDRA
Siebzehn Minuten, drei Kilometer, 223 Kalorien. Erschöpft drückte Sandra auf die rettende Stopptaste.
„Komm schon, noch fünf Minuten!“, rief ihr Melanie vom anderen Laufband munter zu.
„Ich kann nicht mehr! Ich habe das Gefühl, als würden meine Beine jeden Moment unter mir einknicken!“
„Okay, dann beim nächsten Mal. Ich mache noch ein bisschen, in Ordnung?“
„Ja, kein Problem. Ich gehe schon mal duschen.“ Mit zitternden Beinen stieg Sandra vom Gerät ab und lief zur Garderobe.
Erst als sie unter der kühlen Dusche stand beruhigte sich ihr Atem langsam und sie fühlte, wie wieder Leben in ihren Körper kam.
Sie zog sich an, legte ein wenig Make-up auf und löste den Knoten, der ihr langes braunes Haar zusammenhielt. Zufrieden mit ihrem Spiegelbild ging sie dann nach draußen, wo es mittlerweile dunkel war. Am Kiosk neben dem Fitnesscenter kaufte sie sich eine Coca-Cola und zündete sich eine Zigarette an. Gedankenverloren schaute sie dem Rauch nach, der sich weißlich in der Dunkelheit abzeichnete. Die erste Hürde hatte sie geschafft.
Schmunzelnd erinnerte sie sich daran, wie Melanie sie ermahnt hatte, in der Anfangsphase auf keinen Fall aufzugeben. „Zu Beginn ist es schwierig, sich zu motivieren, aber nach einer Weile geht es wie von selbst“, hatte sie ihr nachdrücklich versichert, nachdem sie sie dazu überredet hatte, mit ihr zu trainieren.
Ja, ich werde das durchziehen, dachte Sandra entschlossen und schaute an sich hinunter. Ihr Bauch und ihre Oberschenkel würden es ihr danken, wenn sie sie ein wenig in Form brachte.
„Wie fühlst du dich?“ Sie schreckte auf, da sie Melanie gar nicht hatte herankommen sehen.
„Eigentlich ganz gut, jetzt wo ich frisch geduscht und wieder zu Atem gekommen bin“, meinte sie und ließ den Zigarettenstummel in die leere Coca-Cola Dose fallen.
„Sehr gut, dann können wir ja zum angenehmen Teil des Abends übergehen!“ Melanie hakte sich bei ihr unter und deutete auf die Kreuzung vor ihnen. „Lass uns laufen, es ist gleich um die Ecke.“
Sie würden sich mit Freunden von Melanie auf ein paar Drinks treffen. Melanie war seit Jahren Flugbegleiterin bei der nationalen Airline und dementsprechend viel unterwegs. Insgeheim bewunderte Sandra ihre Energie, da sie selbst schon einen Kurzstreckenflug anstrengend fand und sich nicht vorstellen konnte, eine Woche lang hin- und herzufliegen und auch noch an ihren freien Tagen ständig etwas zu unternehmen.
Doch Melanie war schon immer sehr aktiv gewesen. Seit dem Kindergarten waren sie beste Freudinnen. Und obwohl sie ihre Berufswahl irgendwann in verschiedene Richtungen verschlagen hatte, trafen sie sich seit jeher regelmäßig.
Sandra hatte nach Abschluss ihrer Lehre verschiedene Bürojobs angenommen und arbeitete momentan für ein Pharmaunternehmen im Customer Service Center. Nach fast zwei Jahre fand sie das zwar nicht mehr wahnsinnig abwechslungsreich, aber immerhin war die Bezahlung in Ordnung.
„Puh, wir sind definitiv nicht die einzigen hier“, bemerkte Melanie, als sie an ihrem Ziel angekommen waren. Tatsächlich war die Bar gerappelt voll.
Während sie sich ihren Weg durch die Menge bahnten, hielt Melanie nach allen Seiten Ausschau. „Dort hinten!“, rief sie nach einer Weile und Sandra registrierte, dass ihnen von einem Tisch aus jemand zuwinkte.
Erleichtert darüber, dass sie offenbar nicht im Gedränge stehen bleiben mussten, folgte sie Melanie in den hinteren Teil des Lokals. Sie begrüßte alle am Tisch und setzte sich auf den Stuhl, den ihr ein hochgewachsener Blonder angeboten hatte. Ihn sah sie heute Abend zum ersten Mal. Soweit sie mitbekommen hatte, war er der neue Freund von Damian, der wiederum ein Freund von Melanie war.
„Ich habe gehört, ihr kommt gerade vom Fitnesscenter?“, fragte der Blonde und beugte sich leicht vor, damit er nicht schreien musste, um sich unter all den Stimmen Gehör zu verschaffen.
„Ja, genaugenommen war das meine erste Trainingssession“, erwiderte Sandra und beugte sich ebenfalls etwas vor. Sie fand ihr Gegenüber sehr attraktiv. War er wirklich schwul oder hatte sie das vorhin falsch verstanden? Nicht, dass es für sie eine Rolle gespielt hätte, sie war bereits seit Jahren mit ihrem Freund zusammen.
„Aha, und wie ist es gelaufen?“, erkundigte sich der Blonde und strahlte sie mit einem ehrlichen Lächeln an.
„Gar nicht allzu schlecht“, antwortete Sandra und noch bevor sie dem etwas anfügen konnte, brachte der Kellner ihre Bestellung.
Als sich alle zuprosteten, fragte jemand aus der Runde: „Luca, wie war eigentlich Stockholm?“
„Super!“, antwortete der Blonde. Ja richtig, Luca war sein Name. „Eine schöne Stadt, die Leute eher etwas zurückhaltend und das Essen hervorragend“, erzählte er mit leuchtenden Augen. „Mein Bruder und ich haben uns die ganze Zeit von den verschiedensten Fischgerichten ernährt.“ Während er einige Sehenswürdigkeiten aufzählte, die er sich mit seinem Bruder in Stockholm angeschaut hatte, lehnte sich Sandra entspannt zurück und nippte an ihrer Margarita. Ihr gefiel die Begeisterung, die in Lucas Stimme mitschwang, wenn er sprach.
Als er geendet hatte, erzählte Melanie von Tansania, wo sie ihr letzter Einsatz hingeführt hatte. „Das perfekte Reiseziel für Ferien zu zweit“, sagte sie und ließ ihren Blick durch die Runde schweifen. „Die Strände sind wunderschön und nicht so von Touristen überrannt, wie es an anderen Orten teilweise der Fall ist. Ich kann es jederzeit empfehlen.“
Sandra musste unweigerlich schmunzeln. Ihre Freundin war ein ewiger Single und es war amüsant, ihr zuzuhören, wie sie Ferien für Paare anpries.
„Warst du schon einmal in Afrika?“ Luca hatte sich wieder etwas vorgebeugt und blickte sie erwartungsvoll an.
„Nein, so weit habe ich es noch nie geschafft, und du?“ Er nickte, worauf sie sich gespannt aufrichtete, um seiner Schilderung über Südafrika zu lauschen. Seine Worte rissen sie richtiggehend mit und sie hätte ihm stundenlang zuhören können.
Irgendwann erhob sich jemand vom Tisch und verkündete, dass es für ihn Zeit war zu gehen. Daraufhin beschlossen sie alle, sich auf den Weg zu machen.
Nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, lief Sandra gemeinsam mit Melanie zur Tramhaltestelle. „Woher kennst du Luca?“, fragte sie ihre Freundin beiläufig.
„Von Damian, Luca ist sein neuer Freund.“ Aha, es stimmte also, dass Luca schwul war. „Er ist nett, oder? Und nicht zu vergessen, unglaublich gutaussehend!“, kommentierte Melanie.
„Ja, er ist ziemlich attraktiv.“ Sandra bemühte sich um einen gleichgültigen Tonfall und betätigte den Türknopf am Tram, das soeben die Haltestelle erreicht hatte. „Wir sehen uns am Wochenende, ja?“, vergewisserte sie sich und stellte ihren Fuß aufs Trittbrett.
„Auf jeden Fall, ich werde bis Sonntag hier sein“, bestätigte Melanie, bevor sie sich schnell drei Küsse gaben und Sandra ins Tram hüpfte.
Als sie wenig später zu Hause ankam, war sie immer noch beschwingt vom unterhaltsamen Abend. „Hallo!“, rief sie Simon zu. Ihr Freund saß auf dem Sofa und war in einen Film vertieft.
„Hallo, wie war es?“, begrüßte er sie ein wenig träge.
„Ziemlich gut fürs erste Mal“, meinte Sandra.
„Super“, entgegnete Simon einsilbig und nachdem er keine Anstalten machte, dem etwas hinzuzufügen, ging Sandra ins Bad und schminkte sich ab.
Sie war nicht wirklich müde, aber sie hatte keine Lust, schweigend neben Simon auf dem Sofa zu sitzen.
„Ich gehe schlafen, gute Nacht“, meinte sie, als sie wieder aus dem Badezimmer herauskam.
„Gute Nacht“, erwiderte Simon, ohne groß vom Fernseher aufzuschauen.
Sandra ließ sich ins Bett fallen und schloss die Augen. Ihre gute Stimmung war wie weggeblasen. Jetzt wollte sie nur noch schlafen.
Sie versuchte, an einen Bach zu denken und stellte sich vor, wie sie dem Lauf des Gewässers folgte, bis es in einen Fluss mündete. Da der Gedanke an Wasser einen beruhigenden Einfluss auf einen ausübte, half dies offenbar beim Einschlafen. Das hatte sie vor einiger Zeit in einem Artikel über Schlaflosigkeit gelesen. Weiter hatte es im Artikel geheißen, dass man störende Gedanken in Form von Ästen in den Bach werfen sollte. Sie konzentrierte sich auf die Strömung und sah die Steine auf dem Grund des Gewässers und das Schilf am Rand. Hie und da gab es kleine Brücken, die die zwei Ufer miteinander verbanden.
Irgendwann verschwamm der Fluss zu einem Meer, dessen sanfte Wogen sie in den Schlaf wiegten.
GABRIELLA
Es war so dunkel, dass sie fast nichts sehen konnte, doch der Mann bedeutete ihr, weiterzulaufen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie umkehren sollte, aber eine unsichtbare Kraft zog sie tiefer in die Finsternis hinein. Sie folgte dem Mann durch den engen Gang, immer darauf bedacht, auf dem unebenen Boden nicht in eine Rille zu treten.
Plötzlich stoppte der Mann und gab ihr zu verstehen, dass sie sich nach links wenden sollte. Sein Gesicht war von Schatten umgeben und es gelang Gabriella nicht, es zu erkennen. Wo sollte sie hingehen? Da war nichts als Schwärze.
Nachdem ihr der Mann erneut signalisiert hatte, nach links zu gehen, nahm sie eine Öffnung wahr, die sich im Gestein abzeichnete. Das musste ein Eingang in eine Art Nebenhöhle sein. Stumm zeigte ihr der Mann an, in den Schacht zu gehen.
Sie zögerte. Die Öffnung schien nicht groß genug zu sein, um hindurchzusteigen. Der Mann bemerkte ihr Zögern und machte eine energische Geste, woraufhin Gabriella zurückschreckte. Jetzt musste sie definitiv umkehren. Sie drehte sich um und stellte mit Entsetzen fest, dass pechschwarze Dunkelheit den Gang vor ihr verschluckt zu haben schien. Panik erfasste sie und ihr Herz begann, schneller zu schlagen.
Der Mann packte sie am Arm und riss sie herum. Nun konnte sie sein Gesicht sehen. Wie sie vermutet hatte, war es attraktiv, aber zu einem hässlichen Grinsen verzogen, was ihre Angst noch verstärkte. Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, doch seine Hand war wie aus Stahl. Ihr wurde ganz heiß und sie begann, schwer zu atmen.
Plötzlich mischte sich ein schrilles Piepsen zu den dumpfen Geräuschen der Höhle. Der Mann ging dazu über, sie zu schütteln und das Piepsen wurde immer lauter.
Als eine vertraute Stimme zu ihr drang, verschwand der Schauplatz in der dunklen Höhle nach und nach vor ihren Augen. „Gabriella, der Wecker!“
Wo war sie?
„Gabriella, kannst du den Wecker ausschalten?“
Sie kam langsam zu sich. Carlo, ihr Freund, lag halb auf ihr und versuchte, das piepsende Gerät zu erreichen. „Sorry“, meinte sie benommen und erstickte den lästigen Ton mit einem Klaps auf den Wecker. Sie schwitzte und fühlte sich wie gerädert. „Ich hatte wieder so einen unheimlichen Traum“, murmelte sie, immer noch gefangen von der Szene, die sie eben durchlebt hatte.
„Oh nein, das tut mir leid“, erwiderte Carlo und umarmte sie.
Gabriella schmiegte sich behaglich an seine weiche, kühle Haut. Carlo war groß und muskulös und wie seine Arme sie nun sanft umschlossen, fühlte sie sich sicher und geborgen. Sie verweilte einige Minuten in der Umarmung, bis sie sich zwang, aufzustehen.
Unter der Dusche wusch sie die letzten Reste des Albtraums weg und nachdem sie ihr Make-up aufgelegt hatte, fühlte sie sich frisch wie immer.
Eingewickelt in ein Badetuch ging sie in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Sie setzte sich zu Carlo, der wie jeden Morgen seine vier Scheiben Toast mit Marmelade verspeiste.
„Musst du heute lange arbeiten?“, fragte er.
„Nein, voraussichtlich nicht, es steht nichts Besonderes an“, antwortete Gabriella und ging in Gedanken den vor ihr liegenden Tag durch. Sie arbeitete für eine Großbank in der strategischen Personalplanung und hatte eben zwei Projekte abgeschlossen. Was momentan noch auf ihrem Tisch lag, drängte nicht und die meisten neuen Projekte würden erst im nächsten Jahr starten, wenn die Zielsetzungen für das Management und die einzelnen Abteilungen vereinbart wären.
„Sehr gut! In diesem Fall können wir heute Abend ins Kino gehen?“ Carlo schaute sie erwartungsvoll an.
„Ja klar, super Idee!“, erwiderte Gabriella. Sie beide liebten Kino und je kühler es draußen wurde, desto öfter gingen sie ihrer Leidenschaft nach. „Ich bin für einen Thriller“, beeilte sie sich hinzuzufügen.
„Deine Wahl“, entgegnete Carlo.
„Ich werde einmal schauen, was läuft, und dann für die Sechs-Uhr-Vorstellung reservieren.“
„Und ich suche uns ein nettes Restaurant aus, wo wir anschließend Essen gehen können“, ergänzte Carlo, während er seinen Teller in den Geschirrspüler stellte. Er küsste sie auf die Stirn und strich ihr durch das gewellte Haar, bevor er im Badezimmer verschwand.
Gabriella ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Sie achtete stets darauf, gut gekleidet aus dem Haus zu gehen und mochte das allmorgendliche Ritual des Zusammenstellens ihrer Garderobe. Heute entschied sie sich für eine weiße Bluse, einen dunkelblauen Rock mit dazugehörendem Blazer und schwarz gemusterte Strümpfe. Das Outfit verlieh ihrer zierlichen Figur Eleganz, ohne aber langweilig oder konservativ zu wirken.
Nach einem Blick auf die Uhr lief sie rasch ins Badezimmer, um sich von Carlo zu verabschieden. Er stand gerade unter der Dusche und so warf sie ihm einen Kuss zu und wünschte ihm einen guten Tag.
Auf dem Weg zur Arbeit nahm sie sich eine der Gratiszeitungen, die jeden Tag an allen größeren Haltestellen auflagen. Das Blatt enthielt die wichtigsten Infos, wobei sich über die Qualität streiten ließ. Im regionalen Teil fand sie einen Artikel über ein neues skandinavisches Restaurant, das sich offenbar bereits großer Beliebtheit erfreute.
Vielleicht sollten wir das heute Abend ausprobieren, dachte sie, überzeugt von der guten Bewertung, die das Restaurant in allen Sparten erhalten hatte.
Sie schrieb Carlo eine SMS und stieg dann an der Haltestelle ihres Arbeitsortes aus.
DENISE
Das durfte nicht wahr sein! Seit nunmehr fünf Minuten versuchte Denise, ihr Auto anzulassen. Sie fluchte und suchte im Handschuhfach nach der Nummer des Händlers, der ihr den Wagen verkauft hatte. Als er nach dem zweiten Klingeln abnahm, teilte sie ihm genervt mit, dass das Auto schon wieder nicht ansprang. Tatsächlich war es bereits das dritte Mal innerhalb weniger Wochen. Der Verkäufer auf der anderen Seite der Leitung meinte beschwichtigend, er würde umgehend jemanden vom Pannendienst vorbeischicken.
Denise ließ sich in den Sitz zurückfallen und trommelte mit den Fingern aufs Steuerrad. Sie hätte doch den Zug nehmen sollen, nun würde sie zu spät zur Arbeit kommen. Ungeduldig erwartete sie die Ankunft des Mechanikers.
Als dieser nach einer Weile eintraf, wandte er ein paar routinierte Handgriffe an, worauf der Wagen nur wenig später wieder funktionstüchtig war. Sie habe wohl beim Fahren die Handbremse nicht vollständig gelöst, was ein erneutes Anlassen des Autos verhindert hätte, erklärte er Denise fachmännisch.
Erleichtert über die schnelle Behebung des Schadens unterschrieb sie den Reparaturschein und machte sich auf den Weg. Auf der Autobahn rief sie im Restaurant an, um mitzuteilen, dass sie sich ein wenig verspäten würde.
Nachdem sie die Strecke im Eiltempo zurückgelegt hatte, sprang sie aus dem Wagen und zog sich im Laufen ihre Schürze über. Durch den Hintereingang betrat sie das Restaurant und sah von der Küche aus, dass rund die Hälfte der Tische bereits besetzt waren. Im Verlauf des Abends würde sich das Lokal wie immer bis auf den letzten Platz füllen. Seit es vor zwei Monaten geöffnet hatte, war es jeden Tag ausgebucht, da sich das Konzept der modernen skandinavischen Küche als voller Erfolg erwiesen hatte.
Denise mochte die angenehme Atmosphäre, die im Restaurant vorherrschte. Die Gäste waren in der Regel bei ihrer Ankunft neugierig auf das, was sie erwartete, und bei ihrem Weggang begeistert von dem, was ihnen geboten worden war. Ein ziemlicher Unterschied zu ihrem vorherigen Job in der Bar, wo Streitereien unter Betrunkenen oder anzügliche Bemerkungen von ihnen keine Seltenheit gewesen waren.
Auch die Arbeitszeiten waren im Restaurant bedeutend besser, Denises Schicht war jeweils allerspätestens um Mitternacht um. So standen ihr anschließend was das Ausgehen betraf noch alle Möglichkeiten offen. In der Bar hatte sie jeweils erst in den frühen Morgenstunden Feierabend machen können, wenn nur noch Clubs mit nicht mehr richtig ansprechbaren Feiernden offen gewesen waren.
„Hattest du Stau?“, fragte Ramona, eine ihrer Arbeitskolleginnen, als sie beide am Tresen standen, um eine Bestellung abzuholen.
Denise erzählte ihr vom Zwischenfall mit ihrem Wagen, woraufhin Ramona mit großen Augen verkündete: „Siehst du, deshalb habe ich erst gar kein Auto. Viel zu teuer, und wirklich verlassen kann man sich darauf auch nicht.“
Denise musste über diese banale Aussage schmunzeln, obwohl sie dem ersten Teil restlos zustimmte. Das Auto und sein Unterhalt waren in erster Linie teuer. Aber es war ihr zu wichtig, jederzeit mobil zu sein, als dass sie auf diesen Luxus verzichtet hätte.
„Kommst du gleich auch noch ein Haus weiter?“, erkundigte sich Ramona später hoffnungsvoll, als der große Ansturm vorüber war und sich das Restaurant wieder leerte.
„Ja, wieso nicht?“, entgegnete Denise. Sie mochte ihre Arbeitskollegen und bisher waren die Abende, an denen sie nach der Arbeit noch gemeinsam irgendwo hingegangen waren, immer lustig gewesen. Eilig kassierte sie fertig ein und erstellte ihre Abrechnung, um mit den anderen zusammen in die Bar um die Ecke zu laufen.
Dort wurden sie von dröhnender Musik empfangen.
„Was wollt ihr trinken?“, fragte jemand in die Runde.
Denise entschied sich für ein Glas Weißwein. Als sie sich zuprosteten, gesellte sich eine weitere Gruppe zu ihnen.
„Hallo, ich bin Christoph, zum Wohl!“, stellte sich einer der Männer ihr vor.
„Prost, ich bin Denise!“, erwiderte sie.
„Bist du öfters hier?“
„Ab und zu, ja. Ich arbeite in der Nähe.“
„Wo denn?“
„Im Scandinavia – ein paar Türen weiter die Straße hinunter.“
„Ah, das neue skandinavische Restaurant? Ich habe davon gehört, muss super sein. Aber offenbar relativ schwierig, einen Tisch zu kriegen.“
„Na, jetzt kennst du ja mich, dann sollte das kein Problem mehr sein“, meinte Denise lächelnd. Christoph war ihr sympathisch. Er war etwa in ihrem Alter, vielleicht auch etwas jünger.
„Stimmt, das ändert natürlich alles! Ich komme gerne auf das Angebot zurück. Und was machst du, wenn du nicht arbeitest? Außer in lauten Bars rumhängen natürlich?“
„Hm, das ist schwierig, lass mich überlegen, ob da noch etwas anderes ist …“ Denise versuchte, ein nachdenkliches Gesicht aufzusetzen, was ihr nicht recht gelingen wollte, da ihr Gegenüber bis über beide Ohren grinste. „Also ich male gerne“, entgegnete sie dann. „Nichts Verrücktes, mehr so Landschaften oder Gegenstände, die mir ästhetisch erscheinen. Ein- bis zweimal die Woche gehe ich schwimmen, und eben habe ich einen Spanischkurs angefangen. Und du?“
„Ich bin der klassische ’Trainiere-Dreimal-Die-Woche-Typ‘. Ansonsten mag ich es, Freunde zu treffen, oder aber auch mal ein Buch zu lesen. Momentan habe ich leider nicht so viel Zeit, da ich an einer internen Weiterbildung dran bin, das ist ziemlich anspruchsvoll.“ Um seine Worte zu unterstreichen, setzte Christoph eine angestrengte Miene auf.
„Wo arbeitest du?“
„Versicherung, aber lass uns nicht über Arbeit reden. Kann ich dir noch einen Drink bringen?“
Denise nickte und kurze Zeit später drückte ihr Christoph einen Gin Tonic in die Hand. Sie unterhielten sich weiter über dies und das, wobei er immer wieder dazu ansetzte, ihr etwas über das Versicherungswesen zu erzählen. Nicht über die Arbeit reden war eigentlich etwas anderes, aber sie schaute großzügig über dieses Detail hinweg.
Als die Nacht fortgeschritten war, schlug Ramona vor, in einen Club zu gehen. Da Denise noch nicht müde war, schloss sie sich der Truppe an und auch Christoph folgte ihrem Beispiel.
Am neuen Ort war die Musik noch lauter, was ein Gespräch gänzlich verunmöglichte. Also tanzten sie zu den elektronischen Tönen und während Denise Christoph betrachtete, überlegte sie, was dagegensprechen würde, mit ihm nach Hause zu gehen. Eigentlich nichts, sie konnten sich bei der Arbeit nicht über den Weg laufen, außer er würde ins Restaurant essen kommen natürlich, und er schien nicht von der Sorte zu sein, die nach einer Nacht unsterblich verliebt war.
Für Denise war es noch nie ein Problem gewesen, die Aufmerksamkeit von Männern zu gewinnen. Sie war groß und schlank und hatte blondes Haar, was gepaart mit ihrem unkonventionellen Kleidungsstil selten unbemerkt blieb. Die Schwierigkeit bestand eher darin, dieser Art von Bekanntschaften klarzumachen, dass sie an mehr als Spaß nicht interessiert war.
Als Christoph sie irgendwann zu sich zog, um sie zu küssen, wehrte sie ihn nicht ab. Und seine anschließende Frage, ob sie gehen sollten, bejahte sie, ohne zu zögern. Die Nacht mit ihm würde nicht das ultimative Erlebnis werden, dessen war sie sich nach dem Kuss sicher. Aber schließlich konnte sie nicht die ganze Zeit nur herumsitzen und warten, bis eines Tages endlich Mister Richtig auftauchte.
Am nächsten Morgen stellte sich sogleich das vertraute Gefühl ein, dass sie in das fremde Bett, in dem sie aufgewacht war, gar nicht hingehörte. Leise sammelte sie ihre Kleider zusammen und zog sich an.
„Soll ich Kaffee machen?“
Sie erschrak, da sie gar nicht bemerkt hatte, dass auch Christoph aufgewacht war. „Nein, ist gut, ich bin spät dran, meine Mutter macht heute Brunch“, log sie.
Christoph stand auf, um sie zu umarmen und sie versuchte, sich nicht zu versteifen. Sie wollte jetzt nach Hause. „Gibst du mir deine Nummer?“
„Klar, hast du dein Mobile?“ Sie diktierte ihm ihre Telefonnummer, die er gewissenhaft wiederholte, nachdem er den Kontakt erstellt hatte. Noch ein erzwungener Abschiedskuss, dann war sie draußen.
Der Himmel war grau und es regnete, typisches Novemberwetter. Sie schaute sich auf der leeren Straße um. Wie würde sie nach Hause kommen? Da war keine Bushaltestelle in Sicht, geschweige denn ein Bahnhof. Sie öffnete die Karten-App auf ihrem Mobile, die ihr ihren Standort verriet, und bestellte sich ein Taxi.
Zwanzig Minuten später war sie zu Hause. Sie machte sich Spiegeleier und einen frisch gepressten Orangensaft und beschloss, ein wenig zu malen. Sie mochte Regen zwar grundsätzlich nicht, aber wenn es draußen grau und trüb war, versetzte sie das in einen melancholischen Zustand, was sich fördernd auf ihre Inspiration auswirkte.
Nachdem sie Pinsel und Farben hervorgeholt hatte, befestigte sie ein frisches Blatt an der Staffelei und begann ihr Werk.
ANA
Am Hauptbahnhof herrschte geschäftiges Treiben. Ana bahnte sich ihren Weg durch die Menge und versuchte, ihre Freundin beim Treffpunkt zu erspähen. Cintia hatte den ersten Flug von Lissabon genommen, um den Geschäftstermin in Zürich im Verlauf des Vormittags wahrnehmen zu können. Da, die im beigen Rock und dem dazu passenden Blazer, das musste sie sein.
Im nächsten Augenblick schaute die Frau in Anas Richtung und winkte.
„Hallo!“, begrüßten sie sich und gaben sich nach Schweizer Art drei Küsse auf die Wangen.
„Es ist schön, wieder in Zürich zu sein! Abgesehen vom Wetter gefällt es mir hier wirklich sehr gut. Es ist alles so ordentlich, die Leute sind höflich und die Züge außerordentlich pünktlich. Sogar am Gepäckband musste ich keine Sekunde auf meinen Koffer warten.“
Während sie die paar Meter zu ihrem Zielort zu Fuß zurücklegten, lobte Cintia die sauberen Straßen und den makellosen Zustand der Bauwerke, an denen sie vorbeigingen.
Als sie vor dem schweren Holztor eines restaurierten Gebäudes ankamen, zögerte Ana. „Willst du schon hineingehen? Wir sind ein bisschen zu früh dran.“
Cintia zuckte mit den Schultern. „Das macht nichts, so kann ich im Warteraum die Unterlagen noch einmal durchgehen.“
Sie traten ein und Ana staunte über das moderne Innere auf der anderen Seite der Tür. Am Empfang erhielten sie je einen Anhänger, der sie als Besucher identifizierte. Sie hängten sich die Schilder um und gingen ins Wartezimmer, wo sie sich in die großen, bequemen Sessel setzten.
Cintia entnahm ihrem Aktenkoffer eine Mappe mit Dokumenten, in denen sie konzentriert zu blättern begann. Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen, es war praktisch alles schon beschlossen, nur der Vertrag fehlte noch.
Ein paar Minuten später wurden sie von einer Sekretärin abgeholt und zu einem der Sitzungszimmer geleitet.
„Möchten Sie einen Kaffee?“ Die Sekretärin musste ursprünglich aus Berlin kommen.
Ana meinte, den Akzent zu erkennen, den sie selbst sich vor Jahren angeeignet hatte, als sie an die Berliner Universität gegangen war. Dort hatte sie auch Cintia kennengelernt. Obwohl sie nicht im selben Semester gewesen waren, waren sie im Zuge eines Kurses, den sie beide fakultativ besucht hatten, schnell miteinander ins Gespräch gekommen.
Nach Abschluss ihres Betriebsökonomiestudiums hatte Ana noch einige Jahre in Berlin gelebt und war für eine große Beratungsfirma tätig gewesen, während Cintia gleich nach dem Erwerb ihres Diploms nach Portugal zurückgekehrt war, um im Betrieb ihres Vaters zu arbeiten. Vor etwas mehr als acht Jahren war Ana dann ihres heutigen Ehemannes wegen in die Schweiz gekommen.
Der Kontakt mit Cintia war seit der Beendigung ihres Studiums nur noch sporadisch gewesen, bis ihre Freundin ihr Ende letzten Jahres eine E-Mail mit der Anfrage geschickt hatte, ob sie an einem kleinen Beratungsjob interessiert wäre. Das Angebot war im richtigen Moment gekommen, da Ana seit der Geburt ihres ersten Kindes aufgehört hatte zu arbeiten und zu jenem Zeitpunkt gerne wieder in die Berufswelt hatte einsteigen wollen.
Seitdem war sie rund zwei Tage im Monat für Cintias Firma Atonis beschäftigt, was sich bestens mit der Familie vereinbaren ließ. Sie war auch schon zwei Mal nach Portugal gereist, um einige Aufgaben vor Ort zu erledigen. Cintia war sehr zufrieden mit dieser Konstellation, da Ana sowohl die portugiesische Kultur kannte, als auch mit der Schweizer Wirtschaft bestens vertraut war. Beides zusammen war eine gute Ausgangslage für ihr Projekt.
Es klopfte an die Tür und drei Männer in Anzug und Krawatte betraten den Raum.
„Guten Tag, wie geht es Ihnen?“
„Hatten Sie eine angenehme Reise?“
„Danke nochmals, dass der Termin noch diese Woche zustande kommen konnte.“
Als die üblichen Förmlichkeiten ausgetauscht worden waren, räusperte sich der Mann mit der hellblauen Krawatte, von dem Ana annahm, dass er der CEO war. „Wir haben Ihr Angebot intern noch einmal besprochen und die Daten, die Sie uns letzten Monat haben zukommen lassen, geprüft. Wir sind definitiv an Ihrem Angebot interessiert, haben aber noch zwei offene Punkte.“
Cintia zeigte ihm mit einem Nicken an, dass er weiterfahren sollte.
„Wie Sie uns bereits mehrmals mitgeteilt haben, möchten Sie nach dem Verkauf der Firma Ihres Vaters selbst nicht mehr für Atonis tätig sein, weder operativ, noch strategisch. Was werden Ihrer Meinung nach die Reaktionen der Investoren und Mitarbeiter sein?“
„Wie ich schon früher erwähnt habe, bin ich gerne bereit, Ihnen nach der Übernahme noch eine Zeit lang zur Verfügung zu stehen, um zu einem reibungslosen Übergang beizutragen. Da ich selbst keinen medizinischen Hintergrund habe, sehe ich mich aber auf die Dauer nicht in der Pharmabranche. Vor dem Tod meines Vaters habe ich die Finanzabteilung von Atonis geleitet und seit seinem Ableben werde ich als Direktorin der Firma tatkräftig von langjährigen Mitarbeitern unterstützt und beraten. Mein fehlendes Wissen auf dem medizinischen Gebiet lässt es jedoch leider nicht zu, dass ich längerfristig selbst die strategische Richtung des Unternehmens festlegen kann. Was ja auch der Grund für den angestrebten Verkauf von Atonis ist. Ich möchte das Lebenswerk meines Vaters in guten Händen wissen, sodass seine Ideen und Visionen unter den besten Voraussetzungen weiterexistieren können. Bezüglich Investoren schlage ich vor, dass wir diese so rasch als möglich gemeinsam informieren. Wegen der Mitarbeiter können Sie unbesorgt sein, ich versichere Ihnen, dass ich die Übernahme durch Toleb äußerst positiv kommunizieren werde.“ Cintia machte eine Pause.
„Sehr gut“, ergriff der Mann mit der rot gepunkteten Krawatte das Wort. „Diese beiden Themen sind uns wirklich wichtig. Hinsichtlich der Investoren möchten wir zumindest in einer ersten Phase nicht, dass Gelder zurückgezogen werden. Bezüglich der Mitarbeiter besteht unserer Auffassung nach ein nicht unwesentlicher Teil des Unternehmenswerts von Atonis aus deren Wissen. Wir erwarten natürlich nicht, dass die Leute glücklich sein werden über den Verkauf, aber wir würden gerne sicherstellen, dass alle Parteien für eine erfolgreiche Integration ihr Bestes geben.“
„Das ist absolut auch in meinem Sinne“, beeilte sich Cintia, ihm zuzustimmen. „Einige der Mitarbeiter arbeiten bereits seit vielen Jahren für Atonis und sind wie Familie für mich. Ich möchte ihnen die Möglichkeiten aufzeigen, die sich für sie ergeben, wenn sie für einen internationalen Konzern tätig sind. Wenn das auch in Ihrem Interesse ist, würde ich es begrüßen, wenn wir zusammen etwas ausarbeiten könnten, um es den Mitarbeitern gemeinsam zu präsentieren?“ Cintia schaute fragend in die Runde.
Einwandfrei, wie sie den Spieß umgedreht hat, dachte Ana und frohlockte innerlich. Nun lag es an den anderen, Zugeständnisse zu machen.
„Das ist eine gute Idee, ich komme in den nächsten Tagen gerne auf Ihr Angebot zurück“, meinte der Mann mit der rot gepunkteten Krawatte.
„Gut, in diesem Fall steht dem Vertrag nichts mehr im Weg“, ergriff der Mann mit der hellblauen Krawatte wieder das Wort. „Wir werden das Dokument im Verlauf der nächsten Woche aufsetzen und es Ihnen zur Durchsicht zukommen lassen. Alles in allem rechne ich damit, dass wir den Zusammenschluss spätestens Ende Monat kommunizieren können.“
Die beiden anderen Herren und Cintia nickten. Daraufhin beendete der CEO das Meeting und nachdem sich alle zum Abschied die Hände geschüttelt hatten, verließen Ana und Cintia das Gebäude wieder.
Sie entschieden sich, bei einem der Italiener in der Nähe zu Mittag zu essen.
„Danke Ana, ich schätze es überaus, mit dir zu arbeiten“, sagte Cintia feierlich, als sie sich an einen Tisch am Fenster gesetzt hatten. „Denkst du, du könntest es dir einrichten, in der nächsten Zeit ab und zu für einige Tage nach Portugal zu kommen? Ich wäre froh, dich für gewisse Themen an meiner Seite zu wissen.“
Ana bejahte begeistert. Auch ihr erschien es sinnvoll, die bevorstehenden Aufgaben direkt bei Atonis vor Ort zu erledigen.
Sie beschlossen, die Daten für ihre Einsätze in den nächsten Tagen festzulegen und diskutierten anschließend, um was es sich bei diesen bevorstehenden Aufgaben in etwa handelte.
„Auf jeden Fall wird mir bestimmt nicht langweilig werden“, kommentierte Ana, als sie diverse Arbeiten aufgezählt hatten.
Cintia lächelte. „Nein, das glaube ich kaum. Zumal du ja daneben noch eine Familie hast. Wie geht es den Kindern?“
„Den Kleinen geht es gut, danke. Um sie herum ist immer etwas los. Tobias hat eben seinen ersten Milchzahn verloren und Tanja kann es kaum erwarten, ab nächsten Sommer in den Kindergarten zu gehen. Auch ich freue mich auf diese Zeit. Wenn beide tagsüber versorgt sind, kann ich wieder ein wenig mehr arbeiten. Zwei Tage die Woche wären ideal. Ich hoffe, es wird nicht allzu schwierig werden, etwas mit diesem Pensum in meinem Bereich zu finden“, erzählte Ana.
„Ich denke nicht, dass das für dich ein Problem sein wird“, erwiderte Cintia. „Immerhin kannst du eine beträchtliche Erfahrung vorweisen aus der Zeit, in der du noch keine Kinder hattest.“
„Das stimmt, doch wenn ich mich so umschaue, sind alle interessanten Jobs Vollzeitstellen. Aber wir werden sehen, bis dahin dauert es ja auch noch ein paar Monate“, meinte Ana und hielt inne, als der Kellner mit der Rechnung kam.
Cintia bestand darauf, sie einzuladen und nachdem sie bezahlt hatte, begaben sie sich zur Garderobe.
„Wie sieht es bei dir privat aus?“, erkundigte sich Ana, während sie in ihre Jacken schlüpften.
„Da ist nichts Besonderes, ich arbeite viel, und bis jetzt ist mir der Mann fürs Leben einfach noch nicht begegnet.“ Diese Antwort überraschte Ana nicht. Seit sie sich kannten, hatte Cintia nie etwas von einem Freund erzählt und auch hatte Ana sie nie in Gesellschaft eines Mannes gesehen, der mehr als nur ein Kollege gewesen wäre.
„Gut Ding will Weile haben“, zitierte sie lächelnd und um das Thema zu wechseln, fragte sie: „Möchtest du heute Abend zu uns essen kommen?“
„Das ist lieb, danke, aber ich habe noch einiges fürs Geschäft zu erledigen und mein Rückflug morgen geht ziemlich früh. Doch bei der nächsten Gelegenheit gerne!“
Sie verabschiedeten sich und nach einem Blick auf die Uhr stellte Ana fest, dass sie noch zwei Stunden Zeit hatte, bis Tobias aus dem Kindergarten zurückkommen würde.
Ohne zu überlegen schlug sie den Weg Richtung Einkaufsmeile ein. Als Belohnung für die erfolgreichen Verhandlungen vom Vormittag wären neue Schuhe oder eine neue Bluse genau das Richtige.
I
Der Topf auf dem Herd begann zu zischen, worauf ihn Gabriella eilig von der Platte nahm. Sie war so mit der Zubereitung der Sauce beschäftigt gewesen, dass sie die kochende Pasta glatt vergessen hatte. Naserümpfend betrachtete sie die aufgequollenen Spaghetti, die von einem weißen Schaum gekrönt wurden und entschied sich, noch einmal von vorne zu beginnen.
Sie setzte frisches Wasser auf und wählte Carlos Nummer. Der Anruf wurde direkt auf die Mailbox umgeleitet. Ob er immer noch im Fitnesscenter war? Normalerweise machte er nie länger als eine Stunde und wäre um diese Zeit längst zu Hause. Aber gut, immerhin würde er ihren missglückten Versuch mit der Pasta nicht mitbekommen.
Im Radio wurde „It’s Raining Men“ gespielt, einer ihrer Lieblingssongs. Sie drehte die Lautstärke auf und ging die Post durch. Zu ihrer Freude lag zwischen den Rechnungen ein Brief des Reiseanbieters, bei dem sie ihre nächsten Ferien gebucht hatten. Sie öffnete den Umschlag und schaute sich die Unterlagen an.
Zwei Wochen in einem Fünf-Sterne-Wellness-Hotel auf Kreta. Obwohl es bis dahin noch fast ein halbes Jahr dauerte, kam ein bisschen Ferienstimmung in ihr auf.
Carlo wird die Swimmingpool-Anlage gefallen, dachte sie, als sie die Fotos mit den verschiedenen Becken und den sich darüber windenden kleinen Brücken betrachtete. Abermals versuchte sie, ihn zu erreichen. Wieder nur die Mailbox. Sie schaute in ihren Kontakten nach, ob sie die Nummer von einem der Kollegen hatte, mit denen Carlo jeweils nach der Arbeit trainierte.
Fehlanzeige, da war nichts. Schulterzuckend erstickte sie das aufkeimende unangenehme Gefühl und schaltete den Fernseher ein.
Während sie versuchte, sich auf eine Sitcom zu konzentrieren, probierte sie im Fünf-Minuten-Takt, Carlo zu erreichen. Sollte sie es bei seiner Arbeit versuchen? Aber die Büros wären längst leer, und selbst wenn nicht, würde bestimmt niemand mehr das Telefon abnehmen. Sollte sie seine Eltern anrufen? Nein, sie wussten sicher auch nicht, wo ihr Sohn momentan gerade war und würden sich vermutlich nur unnötig Sorgen machen.
Aber wo konnte er sein? Er ließ sie nie warten, ohne ihr den Grund für seine Verspätung mitzuteilen, und auch sein Mobile war eigentlich nie ausgeschaltet. Gabriellas Gedanken gingen unkontrolliert in alle Richtungen. Konnte es eine andere Frau sein? Sie hatte nie einen Grund dazu gehabt, ihm zu misstrauen. Angestrengt dachte sie nach. Nein, da war keine merkwürdige Situation, an die sie sich hätte erinnern können.
Unruhig ging sie zum Herd, um ihn wieder abzuschalten. Ob Carlo etwas passiert war? Was, wenn er einen Autounfall gehabt hatte? Aber hätte sie dann nicht schon längst jemand darüber informiert?
Nervös lief sie in der Wohnung auf und ab, begleitet von ihren Gedanken, die hin und her rasten. Immer wieder Carlos Nummer wählend, schaltete sie ihren Laptop an und gab „Autounfall Zürich“ bei Google ein. Da waren einige Artikel, aber nichts, was in den letzten zwei Stunden passiert wäre.
Plötzlich klingelte ihr Telefon. Erwartungsvoll schaute sie aufs Display, doch als sie dort „Mama Carlo“ stehen sah, erstarrte sie. Mit zittrigen Fingern nahm sie ab.
„Gabriella“, meldete sich Carlos Mutter schluchzend, woraufhin Gabriella den Atem anhielt. „Carlo …“, fuhr Carlos Mutter fort, aber dann brach ihre Stimme ab.
„Ist etwas passiert?“, fragte Gabriella alarmiert.
„Die Polizei hat mich eben angerufen …“ Wieder wurde der Satz von Weinen unterbrochen. Gabriellas Herz pochte wild. „Carlo ist … Sie haben Carlo gefunden … Tot …“, stieß die Mutter schluchzend heraus.
„Was?“ Gabriella war sich nicht ganz sicher, ob sie die stockenden Worte richtig verstanden hatte.
„Sie sagen, es sehe so aus, als ob er Selbstmord begangen hat …“
Gabriellas Kopf war mit einem Mal leer. Unfähig, etwas zu erwidern, setzte sie sich kerzengerade hin und presste das Telefon an ihr Ohr.
„Gino und ich müssen ins Krankenhaus, um die Leiche definitiv zu identifizieren. Vielleicht ist auch alles nur ein Fehler …“ Nun war das Traurige in der Stimme von Carlos Mutter einem beinahe sachlichen Tonfall gewichen.
„Kann ich … kann ich auch kommen? Bitte?“, flüsterte Gabriella heiser.
In der Leitung blieb es für einen Moment lang still. „Ja“, sagte die Mutter schließlich, „wenn du möchtest … Wir werden uns jetzt auf den Weg machen, die Polizei fährt uns hin. Es ist das Unispital Zürich.“
„Okay“, meinte Gabriella mit schwacher Stimme, „bis später.“ Sie legte auf und starrte ins Nichts, den Laptop mit den Unfallmeldungen immer noch vor sich. Was hatte Carlos Mutter gesagt? Selbstmord? Sie konnte das Wort nicht richtig einordnen. Natürlich wusste sie, was es bedeutete, aber es schien in keinem Zusammenhang mit Carlo zu stehen. Selbstmord und Carlo, das waren Wörter von zwei verschiedenen Sprachen, die nichts miteinander zu tun hatten.
Langsam stand sie auf. Ihre Beine waren schwer und ihr Kopf immer noch leer. Wie lange sie wohl bis zum Unispital brauchen würde? Ein Taxi wäre am schnellsten. Wo fand sie die Nummer für ein Taxi? Aber was, wenn der Taxifahrer mit ihr plaudern wollte, womöglich über ihre Pläne für den restlichen Abend? Nein, sie würde das Tram nehmen.
Schleppend machte sie sich zur Haltestelle unweit von ihrer Wohnung auf. Das Geschehen um sie herum nahm sie nur gedämpft wahr, all die Autos und die anderen Passanten, deren Geräusche wie aus weiter Ferne zu ihr drangen. Sie hatte das Gefühl, als befände sie sich in einer Blase und als würde alles nur im Zeitlupentempo ablaufen.
Da kam das Tram. Sie stieg ein und setzte sich auf einen freien Platz. Ein paar Jugendliche unterhielten sich lauthals über die Vor- und Nachteile des neusten iPhones. Sie waren unbeschwert und redeten alle durcheinander.
Gabriella schaute aus dem Fenster. Wo wollte sie hin? Richtig, ins Unispital. Sie holte tief Luft und schluckte, ihr Mund war ganz trocken. Am besten nicht zu viel überlegen. Carlos Mutter hatte gesagt, es sei möglich, dass alles nur ein Fehler war. Ja, es muss einfach ein Fehler sein, dachte sie und malte sich aus, wie sie und Carlo diese Anekdote der Schreckensstunden später Freunden und Kollegen erzählten.
Verstohlen blickte sie auf ihr Mobile, aber da war kein verpasster Anruf. Carlos Nummer noch einmal zu wählen, wagte sie nicht mehr.
Da, hier war ihre Haltestelle. Sie stieg aus und sah sich um. Wo musste sie hin? Zwischen den Bäumen sah sie ein Schild, das mit „Empfang“ beschriftet war. Sie folgte dem Pfeil und als sie vor dem Eingang eines der großen rechteckigen Gebäude stand, ging die gläserne Schiebetür automatisch auf.
Zaghaft trat sie ein und ging auf die Rezeption zu, die sich zu ihrer Linken befand.
„Guten Abend“, wurde sie von einer Frau mittleren Alters begrüßt.
„Guten Abend“, erwiderte sie und war überrascht, wie fest ihre Stimme klang. „Ich suche … Ich begleite jemanden, der eine Person identifizieren soll. Wo muss ich da hin?“, brachte sie heraus.
„Jemanden aus ihrer Familie?“, fragte die Empfangsdame und ein mitfühlender Ausdruck trat in ihre Augen.
„Die Eltern meines Freundes …“
„Wie ist der Name der zu identifizierenden Person?“
„Carlo Spina.“
Die Frau tippte etwas in ihren Computer ein und meinte dann: „Herr und Frau Spina sollten bereits hier sein. Ich nehme an, sie sind über Ihr Kommen informiert?“
„Ja, wir haben vorhin telefoniert.“
„Bitte nehmen Sie einen Moment Platz, ich rufe jemanden, der Sie zum richtigen Trakt bringen wird. Wie ist Ihr Name?“
„Gabriella Luprano.“
Die Mitarbeiterin wandte sich ihrem Telefon zu und Gabriella setzte sich auf einen Stuhl im Wartebereich. Ein älterer Mann, der ebenfalls an einem der Tischchen saß und in einer Illustrierten blätterte, nickte ihr zu. Ansonsten war alles ruhig. Sie schlug ein Bein übers andere und verharrte bewegungslos in dieser Position, bis sie von einem Pfleger im weißen Overall abgeholt wurde.
Still führte dieser sie durch verschiedene Gänge und Türen, bis sie vor einem Lift Halt machten. „Wir müssen in den dritten Stock“, erklärte er, als sie den Aufzug betraten.
Im dritten Stock angekommen gingen sie wieder einen Gang entlang, der von einer weiteren Schiebetür unterteilt wurde. Nachdem diese sich geöffnet hatte, sah Gabriella als erstes Carlos Eltern. Sie saßen beide weinend auf einer Bank, einen Arzt und eine Krankenschwester neben sich stehend. Als die Krankenschwester Gabriella erblickte, kam sie auf sie zu. Die Szene schien irreal.
„Sind Sie die Freundin von Herrn Spina?“, fragte sie leise.
„Ja“, entgegnete Gabriella ebenso leise.
„Es tut mir so leid … Herr Spina ist verstorben … Seine Eltern haben ihn eben identifiziert.“
Die Zeit schien stillzustehen. Gabriella schaute zu Carlos Eltern hinüber und ging wie im Traum auf sie zu, um sich neben ihnen auf der Bank niederzulassen. Sie fühlte sich leer, wie eine Hülle, die keine Worte, keine Emotionen kannte. Kann ich Carlo sehen, wollte sie den Arzt neben ihr fragen, aber sie konnte den Satz nicht formulieren. Er sagte irgendetwas über psychologische Betreuung und sie nickte nur.
Irgendwann war sie wieder zu Hause, jemand hatte sie im Anschluss an die Gespräche mit dem Polizisten und der Psychologin gefahren.
Sie schaute sich in der Wohnung um. Da lag immer noch der Ferienprospekt von Kreta, über den sie sich vor einigen Stunden so gefreut hatte.
Was für eine Illusion, dachte sie bitter und warf den Katalog in den Abfalleimer. Danach legte sie sich ins Bett und starrte in die Dunkelheit. Sie würde einfach liegenbleiben und warten, bis sie einschlief. Vielleicht war ja alles besser, wenn sie wieder aufwachte.
***
Sandra schaute auf die Uhr. Zehn nach fünf. Wie so oft in den vergangenen Wochen ging die Zeit bei der Arbeit nur schleichend voran. Sollte sie sich einen Kaffee holen? Besser nicht, ansonsten würde sie das Koffein noch Stunden später wachhalten.
Seufzend wandte sie sich ihrer Inbox zu. Drei neue E-Mails. Sie beschloss, noch zwei davon zu bearbeiten und sich dann zu der Bar aufzumachen, in der sie Melanie treffen würde.
Nachdem sie die E-Mails beantwortet hatte, fuhr sie mit einem Blick durchs Großraumbüro den Computer hinunter. Ihre Teamkollegen waren alle noch da und starrten teils konzentriert, teils gelangweilt in ihre Bildschirme.
„Schönen Abend!“, rief sie ihnen zu.
„Schönen Abend, bis morgen!“, kam es zurück.
Als sie ins Freie trat, stellte sie erfreut fest, dass es inzwischen aufgehört hatte zu regnen. Sie entschied sich, die paar Minuten bis zur Bar zu laufen. Wie immer um die Feierabendzeit wurde sie vom Strom der Geschäftsleute erfasst, die pflichtbewusst und meist gestresst zu ihrer nächsten Verabredung eilten. Was wohl ihre Geschichten sind?, ging es ihr durch den Kopf. In diesem einen Moment verschmolzen sie alle zu einem Ganzen, nur um sich im nächsten wieder aus der Menge zu lösen und den verschiedensten Tätigkeiten nachzugehen.
Sie bog nach links ab und begab sich auf den Weg der Limmat entlang, der von kleinen Läden gesäumt wurde. Hier waren nicht so viele Leute. Die Enten und Schwäne im Fluss stürzten sich laut schnatternd auf Brotstücke, die ihnen eine Passantin zuwarf.
Vor der Bar angekommen, konnte Sandra von der Kirchturmuhr über ihr ablesen, dass sie ein wenig zu früh dran war. Melanie war vermutlich noch nicht hier.
Sie ging hinein und ließ ihren Blick durch das Lokal schweifen, bis sie einen Bartisch mit zwei freien Stühlen erspähte. Rasch steuerte sie darauf zu und nachdem sie sich gesetzt hatte, winkte sie dem Kellner, um sich eine Margarita zu bestellen.
Während sie auf den Cocktail wartete, spielte sie auf ihrem Mobile herum. Eine blöde Angewohnheit, um das Warten zu überbrücken, aber immerhin besser als Rauchen.
Als sie das nächste Mal aufschaute, stand Melanie vor ihr.
„Hallo! Wie geht es dir?“, fragte ihre Freundin.
„Gut danke, und dir?“, erwiderte Sandra automatisch.
„Sehr gut!“ Melanie strahlte und entblößte dabei ihre makellosen Zähne.
„Irgendetwas Spezielles? Du scheinst ja förmlich zu fliegen“, bemerkte Sandra und musterte ihre Freundin neugierig.
„Ich habe jemanden kennengelernt!“, platzte Melanie heraus.
„Wirklich?“ Das war eigentlich nichts Neues, Melanie lernte ständig Leute kennen. „Wen?“
„Erinnerst du dich, als ich letzte Woche im Mascotte war?“
„Ähm ja, davon hast du mir erzählt …“
„Gestern habe ich Dario, den ich an jenem Abend kennengelernt habe, wiedergesehen.“ Melanie blickte sie erwartungsvoll an.
„Okay … Und?“, forderte Sandra sie auf, weiterzusprechen.
„Er ist richtig süß, so unschuldig irgendwie, und nicht so berechnend wie die meisten anderen.“
Überrascht nahm Sandra ihre Margarita entgegen, die der Kellner in diesem Moment brachte. Das waren ja ganz neue Töne. Normalerweise waren die Männer, mit denen sich Melanie traf, nicht süß und bestimmt auch nicht unschuldig.
„Irgendetwas fasziniert mich an ihm. Er hat diese Art, alles so zu nehmen, wie es ist, und alles so positiv zu sehen“, fuhr ihre Freundin fort und legte den Kopf leicht schief.
„Das hört sich gut an“, stimmte Sandra ihr zu, immer noch ein wenig perplex über die außerordentliche Begeisterung, die Melanie angesichts einer Männerbekanntschaft an den Tag legte.
