Vier Nullen zu viel - Thorsten Smidt - E-Book

Vier Nullen zu viel E-Book

Thorsten Smidt

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Beschreibung

Warschau 1995, der "wilde Osten". Thomas ist 19 und designierter Erbe einer untergehenden Bonner Lacke- und Farbendynastie. Eigentlich will er lieber Fotografie studieren, als in Polen neue Märkte zu erschließen. Auf Drängen des Vaters begibt er sich dennoch nach Warschau, wo er auf gewissenlose Geschäftemacher und anarchische Künstler trifft. Zwischen beiden Seiten bewegt sich die rätselhafte Maria, in die sich Thomas Hals über Kopf verliebt. Doch damit beginnen seine Probleme erst ... Ein literarisches Roadmovie, eine skurrile Coming-of-Age-Story: Vier Nullen zu viel führt uns zurück in die rauschhaften 90er-Jahre, in denen alles möglich zu sein schien. Thorsten Smidt wirft einen klugen, äußerst amüsanten Blick auf diese Zeit des Umbruchs und erzählt seine Geschichte mit viel Spannung und Witz. "Vier Nullen zu viel" ist der erste Band des neuen Imprints "Woobooks", das außergewöhnlichen Texten abseits des Mainstreams eine Chance gibt. Die Entstehung des Buches war von einer Crowdfunding-Aktion begleitet, die innerhalb kürzester Zeit erfolgreich war und das große Interesse an dem Roman und dem Autor gezeigt hat. Mehr Infos unter www.woobooks.de

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Titelseite

Thorsten Smidt

Vier Nullen zu viel

oder:

Eine Reise nach Polen, um aufvernünftige Gedanken zu kommen

Roman

Widmung

Für Julia

Inhalt

Titelseite

Widmung

Zitat

Inhalt

Auf der Suche nach dem verlorenen Lächeln

Der Auftrag

Smiley

Tarnkappe

Meister Hinkebein

Krasnobrodzka

Vernissage

Polonaise

Autoalarm

Der Schmetterling

Altes Wäldchen

Budowa

Die letzte Flasche

Remont

Curry Club

Fluchtgedanken

Arkadien

Nachtleben

Vorspiel

Tischdame

Stadtrundfahrt

Safe House

Bloody Warszawa

Belgisches Viertel

Nachwort

Glossar der polnischen Vokabeln

Danksagung

Über den Autor

Impressum

Zitat

Muss denn alles schädlich sein,

was gefährlich aussieht?

Aus Wilhelm Meisters Lehrjahre

von Johann Wolfgang von Goethe

Auf der Suche nach dem verlorenen Lächeln

Hier würden sie mich so schnell nicht finden.

Ich hatte das Ende des Kellergangs erreicht und stand vor der Tür mit der roten Lampe darüber, als es wieder losging mit dem Hämmern im Kopf. Dumpfe Schläge, immer im gleichen Rhythmus. War wohl normal, dachte ich, wenn man sich erst eine Nacht zuvor mit der Warschauer Halbwelt angelegt hatte und danach weit über tausend Kilometer geflüchtet war, im Affenzahn die ganze Zeit.

Maria war in Sicherheit. Wie oft hatte ich mir das gesagt auf dem langen Weg zurück in den Westen? Ich hatte sie gerettet! Allein das zählte.

Hinter der Tür hing ein schwarzer Vorhang, die Lichtschleuse. Ich suchte nach einem Schalter, als mein Fuß ins Leere trat: eine Stufe. Ich spürte, wie mein selbst konstruierter Kopfverband ins Schwanken geriet. Er schien immer schwerer zu werden. Dabei lief mir das Blut schon eine ganze Weile nicht mehr in den Nacken.

Um mich herum war es dunkel, der Vorhang hinter mir zugefallen. Ich tastete mit beiden Händen die Wand ab, bis ich einen Drehschalter zu fassen bekam. Klackend breitete sich rotes Licht im Raum aus.

Mein Blick fiel in einen Spiegel, der direkt vor mir an der Wand hing.

»Ach du Scheiße«, stöhnte ich.

Die Jeans, die ich mir um den Kopf gewickelt hatte, waren dunkel verfärbt, hatten Schlagseite und hielten offenbar nur, weil ausreichend verklebt mit meinen Haaren. Auch mein Gesicht war blutverschmiert. Rinnsale von Schweiß hatten darin senkrechte Bahnen ausgewaschen.

Alles in allem hatte ich schon mal frischer ausgesehen.

Ich sah mich um. Tatsächlich: Die notwendigen Utensilien und Chemikalien, das Fotopapier, die drei Plastikschalen für die Entwicklung der Abzüge – alles war da. Endlich würde ich die Filme in meiner Tasche entwickeln können. Endlich würde ich meiner Erinnerung die Fotos meiner Reise hinzufügen.

Endlich würde ich Maria wiedersehen.

Bei meinem überstürzten Abschied in Warschau hatte meine Kontaktperson, die verrückte Eva, nur von einem sicheren Unterschlupf geredet. Von einer Freundin, bei der ich mich verstecken könnte und die mich bestimmt eine Weile aufnehmen würde. Hier in Köln stellte sich heraus, dass diese Freundin nicht nur Galeristin mit Schwerpunkt auf Fotografie war, sondern auch eine komplett ausgestattete Dunkelkammer besaß.

»Von der Stetten-Reiferscheidt«, hatte sie sich vorgestellt, aber ich sollte sie Trixi nennen. Vorname und siezen.

»Thomas, Sie sind Künstler?«, wollte sie wissen, nachdem ich zunächst beim Parken auf dem Gehweg eine Telefonzelle gerammt, mir damit die Aufmerksamkeit des Publikums in ihrer Galerie gesichert und dann dort meinen turban­gekrönten Auftritt hingelegt hatte. Ich war in eine Vernissage hineingeplatzt.

Trixi ließ nicht locker: »Sie machen Performances? Bestimmt etwas Orgiastisches, so wie Sie ausstaffiert sind!« Sie zeigte auf meinen Kopf, auf dem meine blutdurchtränkten Jeans thronten. »Oder spielen Sie an auf die geschundene Kreatur? Nun sagen Sie schon, spannen Sie mich nicht so auf die Folter!«

Zum Glück wurde Trixi von anderen Gästen in Beschlag genommen, sodass ich ihr die Antwort schuldig bleiben konnte. Stattdessen bekam ich ein Glas Champagner in die Hand gedrückt, das ich in mich hineinkippte, und dann noch schnell ein zweites und ein drittes.

Irgendwann lag ich auf einem Sofa im hinteren Teil der Galerie. Mir war schwindelig vom Pochen in meinem Kopf und möglicherweise auch vom Dom Pérignon auf nüchternen Magen.

Geweckt wurde ich von Gläserklirren. Es wurde aufgeräumt, die Gäste waren verschwunden. Trixi setzte sich zu mir. Was ich denn nun in Warschau getan hätte? War es ein Kunstprojekt? Ich erklärte, dass ich Fotos gemacht hatte und es eigentlich eine Geschäftsreise hatte werden sollen, nur sei dann alles anders gekommen. Natürlich verstand sie nicht, war ja auch eine lange Geschichte, aber das mit den Fotos, das interessierte sie.

So hatte ich von der Dunkelkammer erfahren. Meine Müdigkeit war wie weggeblasen. Ich wollte nicht das Gästezimmer beziehen, ich wollte mich nicht frisch machen. Ich wollte meine Filme entwickeln. Und da des Künstlers Wunsch Trixis Befehl war, zeigte sie mir, wo es in den Keller ging. Immer den Gang entlang bis zur Tür mit der roten Lampe darüber.

Ich holte die Filmdosen aus der Kameratasche. Es konnte losgehen. Ich löschte das Laborlicht, knackte die erste Filmpatrone und fädelte den Filmstreifen auf die Spule der Entwicklerdose.

Aufnahme für Aufnahme würde ich mich auf die Suche begeben. Auf die Suche nach Marias Lächeln.

Der Auftrag

Am Anfang denkt man immer, da kommt nichts mehr. Das Papier schwappt in der Entwicklerflüssigkeit hin und her und will sein Geheimnis nicht preisgeben. Doch dann plötzlich treten auf der leeren Fläche Schatten hervor. Sie werden schnell dunkler und nehmen Form an. Und weil alles gleichzeitig entsteht, weiß man nicht, wo man hingucken soll. Als Erstes erkenne ich, ganz am Rand, Gabi, meine Freundin – das war sie zu diesem Zeitpunkt ja wohl noch. Sie dreht den Kopf zur Seite, als ob da noch etwas anderes passiert und sie schon vergessen hat, dass sie gerade fotografiert wird. Dabei ist sie nicht allein. Da bin ja noch ich, und dann stehen da mein Vater und meine Schwester samt ihrer Pubertätspickel. Wir haben vor dem Rosenbogen Aufstellung genommen, so wie immer für Familienfotos. Nur dass diesmal zwischen mir und meinem Vater eine Lücke ist, da, wo im Frühling noch meine Mutter gestanden hat, gestützt auf meinen Arm.

Für die Aufnahme hatte ich Edith, unserer Haushälterin, meine vorab eingestellte Leica in die Hand gedrückt. Sie hatte gekeift, dass sie noch eindecken müsse. Im Speisezimmer war also die volle Dröhnung zu erwarten. Es war ein Freitagabend. Mama hätte Brettchen auf dem Tisch in der Küche verteilt und Wurst und Käse in die Mitte gestellt. In meinem Bauch zog es sich zusammen, wenn ich daran dachte. Als würde das Pochen im Schädel nicht schon reichen.

Hinter dem ganzen Bohei hatte mein Vater gesteckt. Ein besonderer Anlass verlangte nach einem guten Essen, das waren seine Worte. Er hatte gesagt, wir müssten reden. Über meine Reise. Klar, hatte ich gedacht, einen Tag vorher wäre es nicht verkehrt gewesen, mal etwas mehr darüber zu erfahren. Warschau, ein paar Tage, das waren die Brocken, die ich bislang zugeworfen bekommen hatte. Was auch immer.

Der Gong ertönte. Es war angerichtet. Edith zündete die Kerzen an. Die 30 Grad, draußen wie drinnen, reichten wohl noch nicht. Insofern war mein Schwesterherz mit ihrem bauchfreien Outfit irgendwie auch wieder passend angezogen.

»Oh, Ochsenschwanzsuppe«, bemerkte Gabi. »Vielen Dank für die Einladung, Herr Meister.«

Mein Vater hob das Weinglas. »Ich möchte anstoßen auf die Familie.«

Meine Schwester hing über ihrem Teller und arbeitete wie ein Schöpfwerk. Gabi gab ihr unter dem Tisch einen Tritt.

»Nun, also. Auf die Familie!«

Ich sagte: »Prost«, trank einen Schluck und freute mich, endlich die Suppe essen zu können.

Mein Vater tupfte sich mit der Serviette die Mundwinkel. Es folgte ein Räuspern, bevor er erneut ansetzte: »Wenn ich sage auf die Familie, so sage ich das mit allem Nachdruck. Nur wenn wir als Familie zusammenhalten, können wir schwere Zeiten durchstehen.«

Gabi nickte.

»Fertig«, verkündete Anke und stand auf.

Gabi schickte einen giftigen Blick über den Tisch, woraufhin Anke zurück auf ihren Stuhl plumpste.

»Seit nunmehr drei Generationen«, fuhr mein Vater fort, »gibt es die Meister Farben GmbH & Co. KG. Es bricht mir das Herz, wenn ich sagen muss, nein, wenn ich fragen muss, wie lange noch.«

»Darf ich den nächsten Gang auftragen?« Edith hielt schon die nächste Schüssel in der Hand.

»Ja doch«, sagte mein Vater.

»Aber Herr Meister!«, rief Gabi. »Wie furchtbar.«

»Der deutsche Markt ist so hart umkämpft wie noch nie. Das Geschäft ist wahrlich kein Zuckerschlecken mehr.«

Edith servierte Braten. Neuen Wein gab es auch. Anke hatte Kopfhörer auf, wo auch immer sie die hergezaubert hatte.

»Wer, frage ich euch, schätzt denn heute noch deutsche Wertarbeit?«

Gabi nickte schon wieder. Vielleicht wollte sie ja später die Firma übernehmen.

»Wir sind, das kann ich nicht genug betonen, existenziell bedroht. Wenn wir nicht ins Hintertreffen geraten wollen, müssen wir, daran führt kein Weg vorbei, neue Märkte erschließen.«

Mein Vater rührte das Fleisch nicht an, obwohl es eigentlich ganz okay war. Für irgendwas musste die Haushälterin ja gut sein.

»Und damit kommen wir zur eigentlichen Hauptperson dieses Abends.« Mein Vater nahm wieder sein Weinglas. »Lasst uns anstoßen auf Thomas!«

Ich hatte einen großen Bissen im Mund, den ich nur mit Mühe so schnell heruntergeschluckt bekam. Anke folgte Gabis Wink, vielleicht auch einem weiteren Tritt. Jedenfalls ließ sie die Kopfhörer unterm Tisch verschwinden.

»Auf Thomas«, frohlockte Gabi.

»Was ist los?«, fragte Anke.

»Prost«, sagte ich.

»Auf die nächste Generation«, sagte mein Vater, »die Verantwortung übernimmt für die Familie, für die Firma!«

Ich leerte mein Glas.

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte Anke.

»Aber Anke!«, sagte Gabi.

»Ist alles recht?«, fragte Edith.

»Bitte?«, sagte mein Vater.

Wir saßen nun zu dritt am Tisch. Auf Ankes Platz lag ihr Discman. Mein Vater war mit seinem Braten beschäftigt.

»Worum geht es denn eigentlich?«, fragte ich schließlich. »Wäre gut, wenn ich mal ein paar Infos kriege.«

Mein Vater stutzte. Dann legte er das Besteck zur Seite. »Du fährst nach Warschau, habe ich das nicht schon gesagt? Ich muss schließlich hier die Stellung halten.« Er wandte sich meiner Freundin zu. »Aber keine Angst, Gabi, du bekommst ihn schnell wieder.«

Er säbelte weiter an seinem Braten, und ich war so schlau wie vorher. Hunger hatte ich keinen mehr.

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, dozierte Gabi.

»Sehr richtig«, gab mein Vater zurück. »Und ganz alleine ist er ja auch nicht. Im Gegenteil. Er soll lediglich unserer Freundin Eva etwas zur Hand gehen. Sie ist diejenige, die sich auskennt, die unzählige Kontakte hat. Und: Als Schlesierin spricht sie unsere Sprache.«

»Eva?« Anke stand neben dem Tisch, den Discman in der Hand. Brauchte sie wohl auf ihrem Zimmer. »Etwa die Frau, die im Bademantel zum Mittagessen gekommen ist? Die war dufte.«

»Nun, ihr erfrischendes Wesen hat uns jedes Mal angerührt, wenn sie uns, auf Einladung meines Rotary Clubs, besucht hat. Sie, eine Kostümbildnerin, hat sich vor der Wende im Untergrund bewegt und zusammen mit ihren Künstlerfreunden unsere Polen-Hilfe aufgebaut.«

»Und heute ist sie auch in der Farbenbranche?«, fragte Gabi.

»Nicht direkt.« Wieder dieses Räuspern. »Aber sie hat Kontakte.«

»Darf ich abräumen?« Edith stand im Türrahmen.

Mein Vater machte eine wegwischende Bewegung. »Vielversprechende«, sagte er. »Zu potenziellen Partnern. Wir können und wollen nicht investieren. Deshalb heißt Partner für uns: Vertriebspartner. Hörst du, Thomas? Nicht mehr und nicht weniger.«

Edith seufzte und verschwand Richtung Küche.

»Wir müssen einen Brückenkopf bauen, einen Brücken­kopf in den Osten. Und Thomas braucht dabei im Grunde genommen nur die Augen offen zu halten. Wie eine …«, er überlegte einen Moment, »Fernspähtruppe. Genau! Auch die ist, wie ihr vielleicht wisst, von entscheidender Bedeutung für den Sieg.«

»Thomas als Fernspäher«, sagte Gabi und nickte schon wieder.

Mein Vater strahlte. »Ja, so kann man es sagen.«

»Ich bin Zivi«, sagte ich.

»Nicht mehr. Gott sei Dank«, meinte mein Vater. »Lass es mich so ausdrücken: Als zukünftiger Kaufmann und Erbe meiner Firma ist jetzt dein Einsatz gefragt. Wenn du dabei zudem ein wenig die Welt kennenlernst und auf vernünftige Gedanken kommst, soll mir das nur recht sein.«

Edith verteilte das Dessert, eine Eistorte. »Herr Direktor«, sagte sie. »Ich sollte Sie noch an die alte Stereoanlage erinnern, die hinten im Heizungskeller steht.«

»Ja, richtig. Danke, Edith.« Mein Vater drehte sich zu mir. »Thomas, die Stereoanlage, du weißt schon, die alte, die wir früher hier stehen hatten, die ist im Grunde doch noch tadellos. Die nimmst du mit. Du musst Eva sagen, dass das moderne Technik ist. Die war nicht billig, damals.«

»Das wird der Kracher«, sagte ich.

Mein Vater schaute kurz auf, dann wischte er mit der Hand einen imaginären Krümel vom Tisch. »Jetzt lass dir noch ein paar organisatorische Dinge sagen. Erstens: Du fährst mit dem Auto. Du nimmst den Golf von deiner Mutter. Schließlich soll es ja nach etwas aussehen, wenn ihr in Warschau irgendwo vorsprechen müsst. Aber, zweitens: Du musst auf den Wagen aufpassen. Er ist erst ein knappes Jahr alt und so gut wie gar nicht gefahren worden. Wie dem auch sei, du weißt ja, wie es heißt: Kaum gestohlen, schon in Polen.«

»Da bin ich dann ja schon.«

Mein Vater stutzte kurz, dann trug er mir noch auf, mich unbedingt jeden Tag zu melden. Und von Eva erwartete er Berichte. Schriftlich. Auf dem Weg sollte ich in Berlin einen Zwischenstopp einlegen und bei meinem Patenonkel, seinem – unserem – Anwalt, übernachten. Das hätte er schon geklärt. Im Übrigen könnte ich mich glücklich schätzen, dass sich mir solch eine Gelegenheit zum Sammeln praktischer Erfahrungen böte, noch dazu im Ausland. Ganz abgesehen vom Ernst der Lage wäre das doch eine perfekte Vorbereitung auf das BWL-Studium.

Also gab ich am nächsten Tag meinem Vater die Hand und umarmte meine Schwester. Von Gabi hatte ich mich schon vorher mit einem schnellen Kuss und der Zusicherung verabschiedet, ihrem Einrichtungsgeschmack unbedingt zu folgen – sie wollte die Zeit meiner Abwesenheit zum Besuch diverser Möbelhäuser nutzen, um die gemeinsame Wohnung, die mein Vater uns organisiert hatte, auszustatten.

Dann stieg ich ein und fuhr los. Im Kofferraum stand der Wäschekorb mit der Stereoanlage, auf der Rückbank meine Adidas-Tasche. Neben mir auf dem Beifahrersitz aber hatte ich meine Fotoausrüstung platziert.

Smiley

Sven hatte gleich eine Idee gehabt, wo man abends hingehen könnte, schließlich war Samstag. In den Osten, hatte er verkündet, und die Richtung passte ja grundsätzlich für mich. Bis zur Oranienburger Straße, hatte er gemeint, weiter sollte man nicht fahren. Dabei war das eigentlich erst die Mitte von Berlin, nur eben nicht von Schöneberg aus betrachtet. Sven meinte, dass er während der Semesterferien natürlich für nichts garantieren könnte, weil er sonst immer zu seinen Eltern gefahren war. Er kam schon ins dritte Semester, in der Schule war er mein einziger Freund aus der Stufe über mir gewesen. Im Berliner Nachtleben kannte er sich prima aus, mit Sicherheit besser als mein Patenonkel. Den würde ich morgen anrufen, das hatte ich mir fest vorgenommen. Aber heute war eben Samstag.

Den Golf hatte ich nicht weit von Svens Bleibe abgestellt, ein BN-Kennzeichen zwischen all den Bs, immer noch blitzblank. Beim Reinfahren in die Stadt hatte ich gemäß Instruktion meines Vaters schon mal vollgetankt. Morgen würde ich damit bis Warschau kommen, so der Plan – zumindest zu diesem Zeitpunkt. Sven hatte gefragt, ob ich nicht auf einen Geländewagen umsteigen wollte, bei dem Zustand der Straßen dort, was er so gehört hätte. Aber meinem Vater stand ja eine Geschäftsreise vor Augen, keine Expedition. Seine größte Sorge war, dass es in Polen kein bleifreies Benzin geben und der Drei-Wege-Katalysator Schaden nehmen würde, doch in der Hinsicht hatte ihn die Bonner Geschäftsstelle des ADAC beruhigen können.

Man wusste ja tatsächlich nicht, was einen im Osten so erwartete. Deshalb hatten wir auch schnell noch etwas bei McDonald’s am Bahnhof Zoo gegessen, bevor wir schließlich in die S-Bahn gestiegen waren. Und jetzt standen wir hier, zurückgebeamt in den Sommer 1945. Der Krieg war vorbei, aber noch hatte niemand aufgeräumt. Das Gebäude, zu dem Sven mich geführt hatte, sah wirklich schlimm aus. Man konnte, weil die Außenwand fehlte, in die einzelnen Etagen hineinsehen wie in ein Puppenhaus. Es war eben nur halb weggebombt, wusste Sven. Dafür hatten die Mauern, die noch standen, umso mehr Graffiti abbekommen. Dass dies mal ein Kaufhaus gewesen sein sollte, konnte ich kaum glauben. Ein schönes Fotomotiv, dachte ich, und zog die Leica aus der Tasche.

»Mann, spinnst du?« Sven ruderte mit den Armen. »Das mögen die bestimmt nicht, wenn du hier rumknipst wie bescheuert.«

Also packte ich die Kamera wieder weg.

»Wir müssen erst mal checken, wie es am Eingang aussieht«, erklärte Sven. »Die lassen nicht jeden durch. Da muss man schon entsprechend auftreten.«

»Logo.«

»Das ist total angesagt hier. Haben ein paar Typen besetzt, und jetzt ist ständig Party. Die Polente traut sich da auch nicht rein.«

»Stark.« Er kannte sich wirklich aus.

Sven spazierte die Straße entlang und ich hinter ihm her. »Echt blöd. Da ist keiner.« Er kaute auf seinem Daumennagel.

Vielleicht würde ich doch noch eine Aufnahme machen können. Unbekannter Osten, dachte ich, das wär’s. Das könnte das Thema einer ganzen Fotoserie werden. Wenn es hier schon so aussah. Abgewrackt, gesetzlos, auf jeden Fall anders. Dann würde die ganze bescheuerte Fahrt wenigstens einen Sinn bekommen.

Sven stieß mich in die Seite. »Guck! Zwei Mädels. Da hängen wir uns dran. Schnell!«

Ich musste rennen, um ihm schräg über die Straße zum Torbogen zu folgen, durch den die beiden Mädchen gerade verschwanden. Wir stolperten hinterher.

Es war ziemlich dunkel im Eingang. Ich hörte Lachen, entfernte Stimmen, ein dumpfes Wummern. Sven stand vor mir und machte keine Anstalten, weiterzugehen. Als ich ihm über die Schulter blickte, verstand ich, warum. Aus dem Nichts war eine schwarz gekleidete Gestalt aufgetaucht.

Sven räusperte sich. »Wir wollten nur …«

Der Kerl hatte sich direkt vor uns aufgepflanzt und musterte uns von Kopf bis Fuß.

»Aber ist auch nicht so …« Sven machte einen halben Schritt zurück.

»Nee, wirklich nicht«, sagte ich.

Nun hob der Typ seine rechte Hand. Zwischen den ausgestreckten Fingern wackelte eine Zigarette. »Jungs, habt ihr mal Feuer?«

Wir schüttelten den Kopf, woraufhin er sich umdrehte und wieder verschwand. Ich kam mir ziemlich bescheuert vor. Schnell weiter, dachte ich. Diesmal Sven hinter mir.

Von den Räumen war in der Dunkelheit nicht viel zu erkennen. Wir steuerten auf den Lärm zu, der aus der oberen Etage kam. Und da war dann auch endlich mehr Betrieb. Es war sogar verdammt voll. Im zuckenden Licht bewegte sich eine Masse Menschen, als wäre sie ein einziges Wesen mit unendlich vielen Gliedmaßen. Arme schleuderten, Köpfe schwankten, Beine stampften. Alles in grell aufscheinenden Farben und in einer Luft, als hätte man das Raucherabteil des Interregio mit unserer Waschküche zusammengelegt.

Wir schoben uns zwischen wild zappelnden Körpern hindurch. Wegen der dröhnenden Bässe verstand ich nicht, was Sven mir zubrüllte. Erst als er mit seiner Hand eine Kipp­bewegung machte, kapierte ich, dass er was trinken wollte. Also kämpften wir uns weiter vor, bis wir einen Typen im Netzhemd erreichten, der einen Turm aus Bierkästen bewachte. Das Beck’s, das Sven von ihm erstand, war natürlich warm. Wir lehnten uns an eine Wand und stießen an.

»Die Leute sind aber fertig hier!«, schrie ich Sven zu.

»Normal!«, brüllte er zurück.

»Und die Musik, ist die immer so?«

»Glaub schon. Ist halt keine Dorfdisse.«

Die Leute im Raum bewegten sich wie Schlafwandler, dicht an dicht, jeder für sich. Wir tranken unser Bier.

Ein Mädchen in schlackernder Latzhose drückte sich an uns vorbei. An einem Band um den Hals hing ein Schnuller.

»Hi!«, brüllte Sven.

»Verpiss dich!«, brüllte sie.

Sven zuckte mit den Schultern. »Mann, war die verklemmt.«

Nach einer Weile zeigte Sven zur Seite. »Holst du?«

Als ich nicht gleich verstand, ergänzte er: »Bier?«

Die Flaschen waren nicht kälter geworden. Aber allmählich schmeckte es besser.

Dann leuchteten plötzlich gelbe Augen vor uns auf. »Was wollt ihr haben?«, zischte eine heisere Stimme. »Ich hab alles, was ihr braucht. Ich meine, um in Fahrt zu kommen. Müsst nur sagen.«

»Danke, ist schon okay«, meinte Sven.

»Wie seid ihr denn drauf? Nur zugucken is nicht.«

»Also, ich bleib beim Bier«, sagte ich.

»Hey, den Tod in Venedig könnt ihr später noch spielen. Hier ist Party, okay?« Der Typ zog ein kleines Plastiktütchen aus seiner Hosentasche. »Freunde der Nacht! Ich würde sagen, für euch sind die Grünen genau die richtigen.«

»Nee, lass mal«, sagte Sven.

»Vielleicht später«, sagte ich.

»Ach, so sieht’s aus.« Der Typ griente, seine Augen funkelten. »Easy. Für jeden gibt’s ein erstes Mal.«

»Kenn ich eh schon«, sagte Sven. Ich sah ihn von der Seite an, aber er hielt den Kopf gesenkt.

»Passt mal auf, Jungs. Ich geb euch zwei Grüne für ’nen schlappen Zwanni. Weil ihr es seid. Die Nacht ruft.« Er beugte sich vor. »Glaubt mir, ihr werdet so geil drauf sein wie noch nie.«

Der Typ presste meine Hand zu einer Faust zusammen, darin ein kleines Etwas. Sven versuchte, den Typen wegzudrücken. Er stand jetzt so dicht vor uns, dass ich seinen Atem an meinem Ohr spürte. Und ich spürte seine Hände, die an meiner Hose rumfummelten.

»Lass das«, sagte ich und versuchte, die leere Bierflasche zwischen uns zu schieben.

»Hier«, sagte Sven, und ich sah, wie er dem Typen einen Schein zusteckte. Der machte einen Schritt zurück, zwinkerte uns noch einmal zu, und schon hatte die wogende Masse ihn verschluckt.

Ich öffnete meine Hand, und zum Vorschein kamen zwei grüne Pillen. Sven nahm eine und drehte sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Auf der Tablette war ein Smiley.

»Hast du das wirklich schon mal probiert?«, fragte ich ihn.

»Hab davon gehört. Soll nicht so gefährlich sein.«

»Ich weiß nicht.«

»Scheiß drauf«, sagte Sven, warf sich die Pille in den Mund und spülte sie mit dem Beck’s runter. Er sah mich auffordernd an, und ich machte es ihm nach.

Wir stießen an, lehnten uns wieder an die Wand. Reden brauchten wir nicht, die dröhnenden Bässe umschlossen uns. Irgendwo weiter weg schwebte ein Typ über der Menge, eigenartig von unten beleuchtet, Kopfhörer mit der Schulter ans Ohr gepresst und mit den Armen in der Luft rudernd. Er war der Priester, er zelebrierte die Messe. So wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und gerieten in Verzückung. Das Licht blitzte, die Gestalten im Raum erschienen und entschwanden. Ein Standbild nach dem anderen. Arme gereckt, Köpfe schief, keine Augen.

Nach einer Weile war die Wand hinter mir nicht mehr da, und auch Sven war weg, aber das machte nichts. Alles um mich herum hatte sich aufgelöst, da war nichts als der hämmernde Rhythmus, die einzelnen Töne wie Stromschläge. Ich beobachtete meine Hände, die durch die Luft wirbelten, spürte, wie meine Füße dann und wann den Boden berührten. Ich konnte nicht aufhören, wollte nicht aufhören. Alles war so easy, so easy wie noch nie. Die Beats brandeten gegen meinen Bauch, schwappten durch ihn hindurch, trieben mich auf Wellen von goldenem Licht, auf und ab. Ich ließ es geschehen, wurde leichter und leichter.

Erst allmählich nahm ich wahr, wie aus dem Nebel vor meinen Augen eine Kontur hervortrat. Ein Lächeln blitzte auf. Die Marionettenfäden zogen mich weiter, und ich musste den Kopf drehen, aber da war es wieder, das Lächeln. Ich lächelte zurück. Als ich einen Kuss auf meinen Lippen spürte, umfasste ich den Körper und zog ihn an mich heran. Eine Zunge schob sich in meinen Mund, gegen mein T-Shirt rieben zwei Brüste. Das war anders als mit Gabi, besser, heftiger. Dann war das Mädchen wieder verschwunden. Ich hatte noch den fremden Geschmack auf meinen Lippen, während ich mich um mich selbst drehte, ringsum bloß zuckende Gestalten. Auch mich hatte der Rhythmus schon wieder erfasst, und ich konnte nicht mehr sagen, was da eigentlich passiert war. Ob überhaupt etwas passiert war.

Als mich Sven irgendwann durch den Torbogen zog, hatte jemand das Licht aufgedreht. Ich beschloss, einfach die Augen zuzulassen.

»Scheiße, scheiße, scheiße!«, schrie Sven.

In meinem Kopf klopfte der Rhythmus weiter.

»Ich muss zurück!« Svens Stimme überschlug sich. »Es ist schon Morgen!«

War mir egal.

»Die Aufführung, Mann! Da muss ich dabei sein!«

»Können wir nicht wieder rein?« Ich lehnte mich an eine Laterne.

»Du kapierst nicht!« Sven packte mich an den Schultern. »Bei uns im Haus! Aufführung! Die alten Herren! Scheiße.«

Für den Moment waren das zu viele Infos auf einmal. Außerdem drang die Helligkeit unangenehm durch meine Augenlider.

»Ich muss mich umziehen!« Sven wurde immer lauter.

Mir war schummrig. Es war gut, die Laterne im Rücken zu wissen.

Sven schaltete jetzt auf Jammern um. »Die verstehen keinen Spaß. Und ich bin noch Fuchs.«

Ich machte die Augen auf. Das Licht traf mich wie ein Schlag.

»Die schlachten mich.«

»Sven«, sagte ich und hielt mich an der Laterne fest. »Du bist Sven, du bist kein Fuchs.«

»Mann, nun versteh doch! In meiner Verbindung!«

»Verbindung?«

»Studentenverbindung. Da bin ich Fuchs. Frischling. Arsch vom Dienst.«

»Fuchs, du hast die Gans gestohlen …«

»Taxi! Wir brauchen ein Taxi!« Sven machte einige Schritte auf die Straße und drehte sich im Kreis. Er hielt beide Hände in die Höhe, als wollte er die Sonne anbeten, aber in Verbindung mit dem Drehen war das wohl keine gute Idee, denn plötzlich sackte er zusammen. Nach hinten abgestützt saß er auf dem Asphalt. Ich setzte mich neben ihn.

»Was soll ich denn jetzt machen?« Er heulte fast.

Irgendetwas brummte hinter uns.

»Das kriegen wir hin«, sagte ich und wandte mich um. Ich schaute auf einen Kühlergrill. Eine Autotür wurde geöffnet, und ein Paar Stiefel kam zum Vorschein.

»Jungs!«, sagte eine Stimme. »Kann ich euch vielleicht noch was zu trinken bringen?«

»Nee, danke«, sagte ich.

»Oder die Zeitung?«

»Nein, wirklich nicht.«

Nun drehte sich auch Sven um. »Taxi«, sagte er. »Taxi!«

Der Mann beugte sich zu uns runter. »Sicher. Taxi. Steigt ein.«

Sven stützte sich auf meiner Schulter ab, um hochzukommen. Dann zog er mich hoch. Der Mann hielt uns die Tür auf, und wir rutschten auf die Rückbank.

»Wohin darf ich die Herrschaften denn kutschieren?« Der Mann blinzelte im Rückspiegel.

»Schöne-«, nuschelte Sven.

»-dings«, fügte ich hinzu.

»Schnell«, sagte Sven.

»Ist das ein Taxi?«, fragte ich.

»Für euch immer«, sagte der Mann und fuhr los.

Ich ließ die Häuser an mir vorbeiziehen.

Sven krallte sich an meinem Arm fest. »Ich muss mich noch umziehen.«

»Dein T-Shirt ist doch okay.« Nur ein bisschen fleckig vielleicht.

»Die Farben!«

»Farben?« Nee, eigentlich nur Dreck.

»Ich muss Farben tragen!«, schrie Sven.

»Und ich muss nach Warschau.«

Der Mann drehte sich zu uns um. »Was denn nun? Ihr müsst euch schon entscheiden.« Er hörte nicht auf, mir in die Augen zu schauen.

Ich war beeindruckt. Das Auto konnte alleine fahren. Dass es das schon gab.

»Scheiß auf Warschau!«, rief Sven. »Zur Aufführung!«

»Darf man fragen, was gegeben wird?«, fragte der Mann.

»Peter und der Fuchs«, sagte ich.

»… nicht der Wolf?«, fragte der Mann.

»Die Winterreise«, sagte Sven.

»Ist nicht Sommer?«, fragte ich.

»Und was hat da ein Fuchs verloren?«, fragte der Mann.

Wusste Sven auch nicht. Wir schaukelten auf der Rückbank hin und her.

»Wo sind wir überhaupt?« Sven wischte mit dem Arm über die Scheibe, dabei war die gar nicht schmierig oder beschlagen.

»Ruhig Blut, Füchschen. Wir sind im Landeanflug. Ihr müsst mir nur noch die Straße verraten.«

An die vielen Plattenbauten konnte ich mich gar nicht mehr erinnern.

»Wo zum Henker sind wir?«, fragte Sven.

»Schönefeld. Wo der Osten am schönsten ist.« Der Mann grinste uns an.

»Scheiße«, sagte Sven. »Schöneberg hab ich doch gesagt. Wir wollen nicht in den Scheißosten.«

»Ich schon«, sagte ich.

»Immer langsam, Sportsfreunde. Erst wollt ihr nach Schönefeld, dann nach Warschau, dann wieder nach Schöneberg. Die Herrschaften müssten sich bitte mal entscheiden.«

»Schöneberg, Berg, Berg! In den Westen, Mann. Die Aufführung geht gleich los.«

»Dann bitte ich, die Gurte anzulegen und das Rauchen einzustellen. Ready for Take-off.«

Die Beschleunigung drückte mich in den weichen Sitz.

Wachgerüttelt wurde ich von unserem Fahrer. Ich schaute neben mich, aber Sven war nicht mehr da.

»Zahltag«, sagte der Mann.

Ich verstand nicht.

»Einen Blauen, wenn’s recht ist. Weil ihr es seid.«

Eine geöffnete Hand schwebte vor meinem Gesicht. Also durchwühlte ich meine Kameratasche, denn da musste irgendwo das Geld sein. Ich legte den 100er auf die Hand und kletterte aus dem Auto.

»Schönen Gruß auch an die Kameraden!«, schallte es noch hinter mir her.

»Tschö«, sagte ich und knallte die Autotür zu. Nun musste ich nur noch Sven wiederfinden. Ich drehte mich im Kreis und entschied dann, auf dem Gehweg weiterzusuchen.

»Thomas!«, rief Sven. Er stand in einem Hauseingang und winkte mir zu. Als ich ihn erreicht hatte, drückte er mir den Schlüssel in die Hand. »Versuch du mal.«

Ich stocherte im Schloss herum und lehnte mich gegen die Tür, bis sie ohne mein Zutun nachgab. Ein Typ im Anzug hielt sie auf. Wir zwängten uns an ihm vorbei, und als ich aufsah, begriff ich endlich Svens Problem. Es saß uns direkt gegenüber. In mehreren Stuhlreihen. Herren und Damen in feinen Klamotten, alle hatten Zettel in der Hand, und alle sahen uns mit großen Augen an. Vielleicht hätten wir die Winterreise anstimmen sollen. Ein Klavier mit aufgeklapptem Deckel stand bereit.

Ich spürte einen leichten Druck an der Schulter. Noch so ein Typ, diesmal mit Fliege, ziemlich staatstragend. Er dirigierte uns durch eine Tür hinaus. Wir fanden uns in der Küche wieder. Unser Auftritt war beendet. Applaus brandete auf.

Sven sank auf einen Stuhl, während hinter der Tür das Klavier einsetzte und eine Männerstimme fistelte: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.«

Ich setzte mich auch.

»Schau mal, ob Bier da ist«, sagte Sven tonlos.

»Das Mädchen sprach von Liebe«, leierte die Stimme, »die Mutter gar von Eh.«

Ich ging zum Kühlschrank. Das Schultheiss war kalt, schmeckte aber trotzdem nicht. Wir saßen nebeneinander und schwiegen. Sven zeigte auf die Tischplatte vor sich und grinste. Er hatte Brotkrümel zu einem Smiley arrangiert.

Tarnkappe

Abends, als wir uns Frühstück machten, war Sven wieder Sven. Ohne Farben, Fuchsschwänze oder was auch immer. Während wir ein paar Stunden geschlafen hatten, waren die Stühle im Eingangsbereich weggeräumt worden. Auch der Smiley auf dem Küchentisch war verschwunden. Svens Augenlider hingen auf Halbmast. Ich hatte Kopfschmerzen.

»Ich kapier immer noch nicht«, brummte er, »was du eigentlich im Ostblock willst.«

»Warschau. Ich muss nach Warschau.«

»Sag ich doch. Ostblock.«

»Zu deiner Info: Die Mauer ist weg. Der Kapitalismus hat gesiegt.«

»Mal im Ernst: Können die das überhaupt? Wirtschaft und so? Ich meine, nicht polnische Wirtschaft, sondern hartes Geld, gute Waren.«

»Null Ahnung.«

Wir kauten weiter auf kaltem Toast herum.

Sven schob mir ein Schultheiss rüber. »Bleib doch. Hier ist schon mehr als genug Osten. Und du bist immer wieder schnell im Westen. Zumindest, wenn du Glück hast.«

Ich grinste.

»Im Ernst, was hast du in Warschau verloren?«

»Du weißt doch, mein Vater schickt mich. Es geht um unsere Firma. Deren Zukunft liegt offenbar im Osten.«

»Und warum fährt er dann nicht selbst? Du hast doch keinen Schimmer, wie es da zugeht. Und von Wirtschaft erst recht nicht. Warum sagst du ihm nicht einfach, dass du keinen Bock hast?«

Ich zuckte mit den Schultern und spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Bier runter.

»Mann, das ist gefährlich. Das Einzige, was da schon funktioniert, ist die Mafia. Drogen, Mädchen, Kalaschnikows.«

»Und wenn schon. Davon mache ich dann Fotos.«

»Witzbold.«

»Nee, im Ernst. Eine Fotoserie. Vielleicht könnte ich sie Der Wilde Osten nennen.«

»Du hast ’nen Knall.«

»Eine Bestandsaufnahme, dokumentarisch und trotzdem künstlerisch, weißt du?«

»Junge, wer will denn so was sehen?«

»Vielleicht kriege ich damit eine Mappe zusammen für die Kunstakademie.« Die Kunstakademie war mein Traum, genau das, was ich wollte, wo ich meine Zukunft sah. Aber das wollte mein Vater nicht hören. Und selbst Sven schien es für eine Schnapsidee zu halten.

»Da wird sich Gabi aber freuen, dass sie in Zukunft einen brotlosen Künstler durchfüttern darf.« Er wedelte mit einer Toastscheibe. »Übernimmt sie dann eure Firma?«

Ich zog eine Grimasse. »Dafür muss die erst mal gerettet werden.«

»Richtig, ich vergaß. Deshalb die Expedition. Ich sag nur: Mission Impossible.«

»Mal seh’n. Im Übrigen habe ich ja auch eine Gouvernante.«

»Eine was?«

»Eva. Eine Bekannte von meinem Vater. Zu ihr soll ich fahren.«

»Und die soll was? Auf dich aufpassen?«

»Oder ich auf sie.«

Sven fing an zu lachen. »Verstehe! Thomas, der Rächer der Enterbten, der Beschützer von Witzen und Weizen …«

»Halt’s Maul!«

»… der Stecher der weisen Witwen …«

Ich musste Sven vorübergehend in den Schwitzkasten nehmen, damit er endlich die Klappe hielt.

»Alter Schwede«, meinte Sven, als er wieder zu Atem kam. »Das ist doch alles total bekloppt. Ich sag dir, lass es. Die ganze Reise und alles, das ist keine gute Idee.«

Ich sagte nichts. Meine Flasche war leer. Ich wollte zurück ins Bett.

Die Tür flog auf, und ein Typ in einer Chevignon-Jacke kam in die Küche. War dem nicht heiß?

»Alles roger in Kambodscha?«, röhrte er und zeigte wie ein Showmaster mit beiden Zeigefingern auf Sven. »Affengeiler Auftritt vorhin! Kann man die Clownnummer auch privat buchen?«

»Arschloch«, sagte Sven.

Die Jacke hatte sich vor dem Kühlschrank aufgebaut und klapperte darin herum. Eine Bierflasche kam zum Vorschein.

Er wandte sich mir zu. »Frage: War das nicht dein Auto mit dem Bonner Kennzeichen?«

»Ja, ist meins.«

»Schicke Karre.«

»Geht so.«

»Jedenfalls gut, dass du noch mal umgeparkt hast. Mit ihrem Tor verstehen die Nachbarn keinen Spaß.«

»Wieso umgeparkt?«, sagte ich und stand auf.

Sven folgte mir.

Auf der Straße war nichts los. Wahrscheinlich saßen alle vor dem Tatort. Dicht an dicht standen Autos geparkt. Nur vor dem Nachbarhaus klaffte eine Lücke. Da, wo ein Tor in der Hauswand war. Hatte ich gestern wohl übersehen.

»Da stand er«, sagte ich. »Der Golf.«

»Wundert mich nicht«, sagte Sven und rubbelte seine Bartstoppeln.

»Wieso?«

»Na ja, wegen der Mafia. Aus dem Osten.«

»Jetzt hör doch mal auf mit deinen Geschichten. Ist wahrscheinlich abgeschleppt worden.«

»Wat schreist’n da rum?« Über mir hing ein Igel aus dem Fenster.

Ich musste den Kopf in den Nacken legen. Dichte graue Borsten bedeckten ein kreisrundes Gesicht. Darin blitzten zwei Knopfaugen.

»Entschuldigung, haben Sie was gesehen? Mein Auto ist weg. Ein Golf. Ziemlich neu.«

»Nüscht hab ich jesehen.«

»Genau hier habe ich ihn gestern geparkt.«

»Na, da biste aber jelackmeiat.«

»Also haben Sie doch was gesehen?«

»Nee, aber heut um sechse war er schon weg, wa.«

Ich spürte leichte Panik in mir aufsteigen.

»Weg is weg. Dit is amtlich.« Der Igel verschwand in der Fensteröffnung.

»Sven, ich muss meinen Patenonkel anrufen.«

»Das wolltest du doch sowieso machen.«

»Der ist Anwalt.«

»Das nützt dir auch nichts mehr. Aber so kannst du wenigstens noch ein paar Tage bleiben. Bevor du zurück nach Bonn fährst.«

Ich nickte.

Mein Patenonkel schien vor der Glotze zu sitzen, als ich ihn anrief. Im Hintergrund hörte ich eine Männer- und eine Frauenstimme, die abwechselnd etwas aufsagten.

»Wo warst du eigentlich gestern?«, fragte Onkel Manfred. »Du solltest doch hier übernachten. Auf meinem Grundstück wäre der Wagen nicht gestohlen worden.«

»Könnte doch auch abgeschleppt worden sein.«

»Ich werde das morgen abfragen, pro forma. Aber abgeschleppt in der Nacht auf Sonntag? Ich bitte dich! Thomas, das ist das neue Europa!«

»Und was soll ich jetzt machen? Weiterfahren kann ich ja nun nicht mehr.«

»Erstens: Ruhe bewahren«, sagte er. »Zweitens: Brand melden – das übernehme ich. Drittens: In Sicherheit bringen – will sagen, du kommst zu mir.«

»Ich kann bestimmt auch noch bei Sven bleiben.«

»Nimm dir ein Taxi, dann bist du in 15 Minuten bei mir.«

»Die Taxis sind etwas eigenartig hier.«

Durch den Telefonhörer hörte ich Geschrei und eine Polizeisirene. Also auch er: Tatort.

»Wie du willst. Aber morgen früh kommst du gleich in meine Kanzlei. Dann sehen wir weiter. Thomas, mach dir keine Sorgen. Wir werden das Kind schon schaukeln.«

Die Polizeisirene wurde leiser.

»Und mein Vater …?«

»Den rufen wir morgen an, wenn alles geklärt ist.«