2,99 €
Viernheimer Apfelmus erzählt in mehreren Episoden einige nicht ganz ernst zu nehmende Geschichten der Viernheimer Familie Linsenblum - beginnend im Jahr 1925 mit der Geburt des Oberhauptes Alwine.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2017
Werner Wind
© 2017 Werner Wind
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-1910-5
Hardcover:
978-3-7439-1911-2
e-Book:
978-3-7439-1912-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Titelfoto: Werner Wind
Herzlichen Glückwunsch, Sie haben soeben durch den Kauf dieses Buchs begonnen, Ihren literarischen Horizont zu erweitern.
Lernen Sie die etwas andere Viernheimer Familie kennen, deren Geschichte 1925 mit der Geburt des Familienoberhauptes Alwine beginnt und mit ihrem 90. Geburtstag im Jahre 2015 ihren Höhepunkt erreicht.
Sollten die lustigen Erzählungen der Familie Linsenblum nicht ihre Zustimmung finden, können Sie diese Lektüre durchaus auch dazu benutzen, Papierdrachen zu basteln bzw. die hohe Kunst des Origami auszuüben. Man kann dieses Buch auch als Untergrund zum Sitzen verwenden, wenn man sich mal wieder zu klein oder zu unbedeutend vorkommt. Man kann es auch zerreißen, um ein Mosaik zu zaubern. Kurzum, Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Natürlich können Sie dieses Buch, wie jeder normale Mensch, einfach lesen und sich an meiner etwas gewöhnungsbedürftigen Schreibweise erfreuen.
Bedanken möchte ich mich bei meiner Frau Beatrix, die es geschafft hat, meine Schreibfehler auf ein Minimum zu reduzieren. Auch konnte ich beobachten dass sie einige Male herzhaft lachen musste.
Sollten Sie auch darüber lachen können, hätte ich mein Ziel erreicht. Und vielleicht kommen Sie auch mit mir zu dem Schluß:
„Sind wir nicht alle ein bisschen Linsenblum?“
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Ihr Werner Wind
Rund um die Apostelkirche herrschte in dieser kalten Nacht des 16. Januar 1925 eine übernatürlich gespenstige Ruhe. Etliche Einwohner der hessischen Metropole hüllten sich in eine seltsame Lautlosigkeit, die abseits jeglicher Norm lag. Sogar die heiteren Alkoholgesänge, die normalerweise aus den Häusern lautstark zu vernehmen waren, passten sich der Stille an, was bei der Viernheimer Geschwätzigkeit und der extremen Sangesleidenschaft umso erstaunlicher war. Sogar die oberbayerische Zwergdogge „Nymphe“ von Pfarrer Beichtel, die ansonsten bei jedem Geräusch losbellte, verhielt sich ungewöhnlich still.
Der Nachtwächter Bruno Bleiback, der üblicherweise jede Stunde mit seiner krächzenden Stimme die Uhrzeit durch die Dorfidylle brüllte, bewegte nur seine Lippen, ohne dass ein Ton seinen Mund verließ. (In den siebziger Jahren kam man auf diese Gegebenheit zurück. So erlangte er als Erfinder des Playback-Verfahrens posthum eine gewisse Berühmtheit.)
Auch das unter Karies leidende Albino-Frettchen „Così fan tutte” des Metzgermeisters Willibald Sauerwein benahm sich eigenartig. Entgegen der sonstigen Gewohnheiten, im Schlachthaus stundenlang Runde um Runde um die Schweinehälften zu drehen, lag das Tier in der leeren Bettpfanne unter dem Sterbebett der 93jährigen Clementine, der Urgroßmutter von Willibald, und gab keinen Ton von sich. „Sterbebett“ - diese landläufige, etwas übertriebene Bezeichnung von Willibald, war aber das Bett mit der bequemsten Matratze sowie der wärmsten Bettdecke, und es lag sich einfach himmlisch darin. Das Frettchen, wenn es der deutschen Sprache mächtig gewesen wäre, hätte dies bestätigen können. Clementine war eigentlich, abgesehen von einer schweren Blutwurstallergie, kerngesund. Sie liebte aber die übertriebene Fürsorge der Familie. „Was so ein noch nicht geschriebenes Testament doch ausmacht“, sagte sie sich und beschloss, noch einige Jahre in diesem Bett ihre „Todkrankheit“ auszuleben.
Der übergewichtige, unter Alkoholeinfluss stehende Aushilfspfarrer Rufus Hohlbein bereitete im Weinkeller der Apostelkirche seine Sonntagspredigt vor. Die niedergeschriebenen Worte wurden allerdings von der am Vorabend besuchten Prunksitzung der „Lachenden Einmachgummis“ stark beeinflusst:
„Jetzt sind wir keusch und trotzdem froh, und katholisch sind wir sowieso!
Wir feiern von Viernheim bis zur Grenze, und auch der Pfarrer ist da nicht zu bremse. Helau!“
Sein Schottenrock, den er noch von der gestrigen Karnevalssitzung um die Hüften geschlungen hatte, gab der religiösen Atmosphäre noch ein kleines Farbtupferl. Überaus störend gestaltete sich allerdings die Lautstärke seiner Schreibfeder auf dem Papier, bis er endlich bemerkte, dass seine Tintenspitze die Federhalterung längst verlassen hatte.
Die Dorfältesten Heinz Blösel und Fritz Kumulkule sowie der Heppenheimer Pfarrer Octavius Frauentritt, dem man ein Verhältnis mit der jungfräulichen Holzkreuzfabrikantin Kunigunde Drücker nachsagte, gingen im Keller des Rathauses ihrer verbotenen Tätigkeit als Schnapsbrenner und Geschmackstester nach und unterbrachen für kurze Zeit ihre alkoholintensive Tätigkeit, um mit der Stille im Einklang zu sein. Der 70jährige Heinz war Archivar der Stadt Viernheim und konnte neben seiner Tätigkeit als Bewahrer der vorhandenen Dokumente jederzeit den Alkoholbestand des Rathauskellers kontrollieren und auch testen. Genau wie der 75jährige Fritz, der als Laufbursche im Rathaus seinen kargen Unterhalt verdiente. Beide waren ja sogenannte Strohwitwer, nachdem ihre Frauen mit den Hochseilartisten eines durchreisenden Zirkus das Weite suchten. Diese Probleme hatte Pfarrer Octavius aufgrund seiner Berufung nicht. Er war ja alleinstehend, obwohl die gegenteiligen Meinungen einiger Viernheimerinnen sehr zum Nachteil des Geistlichen ausgelegt wurden.
Im Übrigen konnte man ihm ein Zölibatsvergehen trotz der totalen Überwachung von mehreren neidvollen Hausfrauen nie nachweisen. Diese wussten aber auch nichts von dem Baumhaus im naheliegenden Wald, das er nach Beendigung des Gottesdienstes mit Kunigunde besuchte, um ihr den Katechismus näher zu bringen. Also ein rein sakrales Verhältnis.
Unabhängig davon waren die Alten der Meinung, dass sie solch eine Stille das letzte Mal während der Sonnenfinsternis am
30.08.1905 gehört hatten. Die Ursache für diese Ruhe war jedoch bekannt. Im Hause Schneiderhain sollte diese Nacht ein Kindlein das Licht der Welt erblicken und man versuchte, in völliger Lautlosigkeit den ersten Schrei des Neugeborenen zu erhaschen.
Störend wirkte hier nur das pfeifende Geräusch der fallenden Schneeflocken, die mit einem knalligen Laut auf den eisigen Boden aufschlugen.
Erst viel später gesellten sich noch einige undefinierbare Töne verschiedener heimkehrender Sänger dazu. Diese hatten in der Gaststätte „Zum Salmonelleneck“ ihren dritten Platz beim Mörlenbacher Fassbier-Triathlon gefeiert und teilten, ohne Wissen der bevorstehenden Geburt, ihre Freude lautstark mit der restlichen schlafenden Viernheimer Bevölkerung. Da die beiden Dorfpolizisten Heiner Schnekmaul und Paulchen Blösel auch bei den Sängern mitwirkten, wurden einige Beschwerden über die Ruhestörung erst gar nicht verfolgt.
Derweil hatte man in der Wohnung Schneiderhain alle Hände voll zu tun, um den neuen Erdenbürger willkommen zu heißen. Charlotte lag im Wohnzimmer auf der Liege in der Nähe des warmen Ofens und unterdrückte die immer öfters auftretenden Wehen durch den Genuss einiger Apfelbutzen. Ihre Großmutter schwörte, besonders bei Geburten, immer auf die Heilkräfte der Natur.
„Mit Apfelbutzen in dem Mund bleibt der Nachwuchs auch gesund“,
pflegte sie immer zu sagen.
Eine kleine Kerze auf der Kommode neben dem Fenster warf ihr trübes Licht in den Raum. Die Schatten an der Wand ähnelten mit ihren eigenartigen Bewegungen dem „Hüttenfelder Keuchheitsreigen“, der alljährlich von den letzten jungfräulichen Ministranten aufgeführt wird.
Der mit vielen Beulen versehene Topf auf dem alten Kohleherd gab gurgelnde Geräusche von sich, so als wolle er sagen: „Mein Wasser kocht“. Liesl, das zweijährige Nesthäkchen, war gerade dabei ihrer Puppe den Bauch mit Apfelbutzen zu füllen, nachdem deren Strohfüllung dem Ofen als Nahrung zugeführt wurde.
Mittlerweile war es zwei Uhr. Es schneite, und durch das Fenster sah man im wolkenverhangenen Mondlicht die Silhouette der Apostelkirche, die nur ab und zu von den Paarungsritualen einiger Schneehasen unterbrochen wurde. Ein alter unterernährter Wolf heulte seinen schaurigen Gesang, so als wollte er die Geburt musikalisch begleiten.
Zu dieser Zeit gab es im Viernheimer Wald und Umgebung noch wilde Tiere, die auch die Möglichkeit nutzten, im Dorfkern nach Nahrung zu suchen. Sie konnten aber nur einige alte Kartoffelschalen, die eigentlich für die Obdachlosen gedacht waren, in ihren kargen Speiseplan einfügen.
Die Besitzerin des Dorfladens, Winifried Kuhwalke, hatte ein Herz für notleidende Streuner. Ob Mensch oder Tier. Sie sorgte dafür, dass niemand übermäßig unter Hunger leiden musste. Später nahm sie noch Fische in ihr Sortiment auf. Die bekam sie von ihrem Bruder Wolfram, einem vorbestraften Wasserwilderer. Selbst einige notleidende Magistratsangehörige konnte sie ab und zu mit einem streng riechenden, einkiemigen, rückenschwimmenden Rheinwels erfreuen.
In der kargen Tierwelt war hier neben dem einen Wolf und einigen Weinheimer Zwerguhus auch der harmlose, monotone Brüllhahn noch des Öfteren zu sehen. Im Laufe der Zeit verschwand der possierliche Schreihals allerdings aus dem Landschaftsbild. Einige Naturwissenschaftler vermuteten eine Brüllüberschneidung mit der Viernheimer Bevölkerung, der das Tier nicht gewachsen war.
Da die Landschaft ab 1920, nach der Urbarmachung, ihren Status als Sumpflandschaft verlor und somit als Ausflugsziel zur Verfügung stand, war der sonntägliche Spaziergang der Bevölkerung immer wieder ein Erlebnis. Es war wie im Zoo, nur musste man hier keinen Eintritt bezahlen. Neben abgewählten Parteimitgliedern und einigen arbeitslosen Laternenanzündern, die sich um die Reinigung des Waldes kümmerten, sah man sehr seltene hessische, überlange Einhorn-Regenwürmer, die mit bayerischen Langfuss-Eigelbmotten und fehlfarbenen Königsfliegen aus Baden-Württemberg im Einklang lebten und ihre Scheu gegenüber dem Menschen nach kurzer Zeit verloren. Nur der dreiflossige rote Klebebarsch, der in der Vergangenheit die kargen Tümpel dieser Gegend reichhaltig bevölkerte, war neben dem Brüllhahn auch nicht mehr heimisch. Hier hatte die beginnende Technisierung der Umwelt ihre Spuren hinterlassen, so dass nur noch einige Gemälde dieses Waldbewohners der Nachwelt erhalten blieben.
Manche Schullehrer nutzten diese Tierwelt und die Vielfalt der Natur, um ihren Schülern die Grundlage für einige Aufsätze zu liefen, wovon der Nachwuchs aber keinen großen Gebrauch machte. Dieser suchte lieber nach Munition, die heimkehrende Soldaten vom letzten Krieg hier entsorgten. Gefunden wurde allerdings nichts.
Einige Pärchen, die noch nicht verheiratet waren, hatten endlich die Möglichkeit, fern ab jeglicher Aufsicht ihren Trieben freien Lauf zu lassen. Manchmal lagen die Balzgeräusche der Tiere mit den Kopulationsgeräuschen einiger Viernheimer im akustischen Wettbewerb, und man machte sich einen Spaß daraus, im Unterholz nach den Ursachen des heftigen Atmens zu suchen. Nebenbei konnte man beobachten, wie viele höher gestellte Persönlichkeiten des Viernheimer Lebens ihren Bediensteten die Vorteile eines bemoosten Waldbodens näher brachten.
Eine kleine Sensation war die Tatsache, dass die kleidungslose Witwe Christel Quadrokowitsch, die bei dem Lehrer Gustl Reiter als Putzhilfe arbeitete, während einer solchen Lehrstunde über die anatomischen Unterschiede der Geschlechter eine sehr seltene gelbäugige Sumpfdotterkröte sah. Allerdings auf einem Skelett im Blattwerk eines Brombeerstrauches, worauf Christel erschrak und sofort ihre Nacktheit verhüllte. Gustl meinte nur: „Du kannst dir Zeit lassen, der Totenkopf sieht eh nix mehr.“
Inzwischen hatte die Kröte, wahrscheinlich aufgrund der frivolen Szene, das Weite gesucht und wurde auch nie wieder im Viernheimer Wald gesichtet. Der herbeigerufene Polizist Paulchen Blösel erkannte sofort an dem Skelett, durch das Fehlen einiger Finger, der versteinerten Leber und an der gut erhaltenen Augenklappe, dass es sich wahrscheinlich um den Obdachlosen Endres Rundel handelte, der seit zwei Jahren vermisst wurde.
Endres verdiente zu Lebzeiten seinen Unterhalt durch Betteln und war so etwas, wie ein Viernheimer Original. Seine Mutter soll ja, unbestätigten Klatschgerüchten zufolge, eine jungfräuliche Rathaus-Mitarbeiterin gewesen sein, während sein Vater auch für die Mutter gänzlich unbekannt war. In dieser Zeit war ja die Jungfräulichkeit, die mittels eines Schwures bei der katholischen Obrigkeit versichert werden musste, Voraussetzung für eine Anstellung im Rathaus, was sich jedoch in späteren Jahren ändern sollte. Zu dieser Zeit gab es noch einen Tag der Jungfrau, der mittels einer Prozession mit weiß gekleideten Mädchen und Frauen gefeiert wurde. Aufgrund des letzten Umzuges mit dem Pfarrer und nur einer Frau, bei der es sich um seine Haushälterin handelte, wurde dieser Feiertag wieder abgeschafft.
Endres saß immer vor der Apostelkirche, seine Mütze an seiner Seite, die ab und zu mit einigen Apfelbutzen bestückt war. Die Kinder tanzten um ihn herum und sangen:
„Bettelmann, der kleine Zwerg, kriegt seinen Arsch nicht über' n Berg.
Ein paar Finger hat er schon verloren.
Es war wohl kalt, sie sind erfroren.“
Der Pfarrer hatte Mitleid mit ihm und verschaffte ihm in der Weihnachtszeit in der Krippe, als Ersatz für den verstorbenen Esel, ein Dach über dem Kopf.
Den Polizisten war der Obdachlose immer ein Dorn im Auge, da er in der Osterzeit beim sonntäglichen Kirchengang die Bevölkerung mit einer Hasenmaske auf dem Gesicht belästigte. Bis er eines Tages wie vom Erdboden verschluckt war. Keiner wusste über sein Verschwinden Bescheid.
Paulchen kannte diese Geschichte über das mysteriöse Verschwinden noch, und mit Blick auf die Knochen meinte er: „Der sah damals schon schlecht aus.“
Die Untersuchung durch die Sicherheitspolizei Heppenheim ergab, dass es sich bei der Todesursache um eine, zu dieser Zeit öfters und sehr beliebte, akute Alkoholintoxikation handelte und somit nicht um ein Verbrechen. Dass Christel und Gustl während dieses Fundes nackt waren, wurde aus Rücksicht gegenüber den beiden einzigen Viernheimer Jungfrauen im Polizeibericht und im Volksblatt nicht erwähnt.
Mittlerweile näherte sich die Geburt bei den Schneiderhains mit großen Schritten. Herbert, der werdende Vater, hatte „gegen die Wehen“ und zur Desinfektion schon einige Gläser Absinth geleert. Die Nervosität verabschiedete sich ganz langsamvon ihm und machte der Freude über den Nachwuchs Platz. Das wichtigste laut Herbert aber war, dass in der Hektik keiner die Kanne mit dem Alkohol verschüttete. Schließlich ist ein Neugeborenes nur dann lebensfähig, wenn es mit einem kleinen Umtrunk empfangen wurde.
Die Geburt verlief mittels Hilfe des anwesenden Schmiedes Kurt Kraftschek, Freund von Herbert, und seiner Frau Hedwig ohne Komplikationen, und ein schreiendes Mädchen erfreute die Familie. Die kurzzeitige Stille der wartenden Viernheimer wurde durch einen frenetischen Beifall ersetzt. Dass sogar Papst Pius XI später gratuliert haben sollte, konnte nie bestätigt werden.
Kurt hatte als Geschenk für das Neugeborene eine Wiege aus alten, leeren Abwasserrohren geschmiedet. Zwei alte halbe Räder an der Seite sorgten für einen Schaukeleffekt. Kurt meinte, es wäre ein Kinderbettchen für die Ewigkeit. Diese währte allerdings nur zwei Tage. Beim ersten Ausprobieren mit dem Neugeborenen brach eine Schweißnaht, und das ganze Gebilde fiel in sich zusammen. Das Kind lachte. Kurt versprach, ein neues Bettchen zu schmieden.
Hedwig, die als selbsternannte Hebamme den Frauen in der Umgebung zur Verfügung stand, hatte auch schon bei Liesl, der Erstgeborenen im Hause Schneiderhain, ihre helfende Hand im Spiel.
Die Beiden waren so etwas wie eine mobile Viernheimer Geburtshilfe. Ihr mitgeführtes kleines Wägelchen beherbergte alles, was man für eine Entbindung brauchte. Einige Flaschen Apfelschnaps, bzw. Absinth, diverse Mullbinden, eine Schere für die Nabelschnur und das Buch: „Entbinden, wie bei Oma.“
Kurt war mehr oder weniger für die alkoholische Betreuung der Ehemänner zuständig. Da auch Hedwig die Hilfe einiger Gläser Absinth als Geburtshilfe beanspruchte, waren die Entbindungen im Raum Viernheim immer mit einer gewissen Fröhlichkeit behaftet.
Absinth war ja gewissermaßen ein Wundermittel. Bei etwa 60% Alkohol eignete sich dieses Getränk nicht nur zur Unterhaltung und als Problemlöser, sondern auch zur Desinfektion. Sein hoher Gehalt an Wermut, Anis, Fenchel und diversen Kräutern sorgen außerdem für eine gesunde Ernährung. Auch konnte durch den Handel dieses Nahrungsergänzungsmittels die Arbeitslosenquote in Viernheim und Umgebung drastisch gesenkt werden.
Nachdem man mit einigen Gläsern dieser gesunden Flüssigkeit auf die reibungslose Geburt angestoßen hatte, war es an der Zeit, sich der Namensgebung für das Neugeborene zu widmen. Den Vorschlag von Herbert, das Baby doch „Absinthinchen“ zu nennen, wurde von Charlotte ebenso abgelehnt wie die Idee von Hedwig, die Kleine aufgrund einiger Pickel im Gesicht doch mit dem Namen „Streuselerna“ zu beglücken. Charlotte hatte im Geheimen den Namen für ihr Kind aber schon festgelegt. In Gedenken an die Großtante Alwine väterlicherseits, die bei dem berühmten Odenwälder Mähdrescherziehen in Unter-Schönmattenwaag tödlich verunglückte, bekam das Neugeborene auch den Namen Alwine.
Alwine war das zweite von insgesamt drei Kindern der Eheleute Charlotte und Herbert Schneiderhain, die einen kleinen Bauernhof außerhalb der Dorfgrenze hatten - direkt hinter dem Gelände des späteren „Aldi“. Nur ein kleiner, mit Apfelbäumen umsäumter Weg ging von der Apostelkirche aus zu diesem Gehöft. Dieser führte nach einer kleinen Gabelung in der einen Richtung nach Weinheim und in der anderen nach Heppenheim.
Der Bauernhof war so klein, dass sich die überdachten sanitären Anlagen außerhalb des Wohnhauses, direkt neben dem alten Brunnen, auf zwei Holzbohlen befanden. Eine Bohle war zum Sitzen über einer Grube gedacht, während die andere zum Festhalten war. An dieser Bohle war auch das Toilettenpapier befestigt, das aus alten Zeitungen, hauptsächlich des Viernheimer Anzeigers, bestand. So konnte man sich neben der Verrichtung seiner Notdurft auch über die Todesanzeigen, den Ratenkauf für Grabsteine sowie über die neuen Ordensträger des Bayerischen Jungfrauenbundes informieren.
Bei starker Kälte im Winter wurde bei der Örtlichkeit ein kleines Lagerfeuer errichtet (wobei sich auch hier der „Anzeiger“ als sehr hilfreich erwies), so dass das mitgebrachte Wasser aus dem Brunnen, das als Toilettenspülung diente, im Eimer nicht gefror. Allerdings mussten bei Benutzung des Aborts erst die vielen Tiere, darunter die Gelbbauchunke und das blonde Mangalitzaferkel, auch Wollschwein genannt, verjagt werden, die sich immer zuerst an dem Feuer erwärmten, um dann später ihrem zügellosen Fortpflanzungstrieb freien Lauf zu lassen.
Der Stall dieses Anwesens diente ab und zu als Wohnzimmer. Nur durch den Umbau und mit Hilfe der mysteriösen „gehenden“ Steine von den übernächsten Bauernhöfen, die auf unerklärliche Weise den Weg zu den Schneiderhains fanden, konnte das Wohnhaus später vervollständigt werden.
Herbert hatte dieses landwirtschaftliche Kleinod der Familie Heinz und Edda Liebholz bei dem Kartenspiel „Böse Dame“ (auch „Graue Laus" genannt) in der Kneipe „Tante Horst“ in Weinheim während seiner Hochzeitsnacht im Wonnemonat Mai 1922 gewonnen. Dieses Kartenspiel war zu der damaligen Zeit sehr beliebt. Es wird mit einem normalen Skatblatt gespielt, und es können bis zu vier Personen gemeinsam spielen. Es ist ein sehr alkohollastiges Spiel, dessen wichtigstes Ziel es ist, auf keinen Fall die Pik-Dame auf der Hand zu haben. Dies ist die böse Karte und wird mit 50 Minus-Punkten und drei Lokalrunden gewertet.
Herbert wollte eigentlich nur seine Vermählung feiern, wurde aber von Heinz und Edda genötigt, an diesem Spiel teilzunehmen. Die beiden waren stark spielsüchtig, und außer dem Bauernhof, einer wollenen Unterhose von Edda und einer Strickliesel, auf der eine Widmung der berühmten Schauspielerin Greta Garbo zu lesen war, hatten sie alles verspielt. Normalerweise wurde nur um kleine Einheiten der Rentenmark gespielt, aber die Emotionen wallten hoch, und irgendwann ging es um viel mehr. Herbert hatte Glück, und letztendlich konnte er am frühen Morgen, mit Unterstützung eines guten Blattes und einiger Bierchen, den Bauernhof in seinen Besitz übernehmen. Heinz wollte dann beim nächsten Spiel seine Frau Edda als Einsatz einbringen, was jedoch von Emilie, der Frau von Horst, abgelehnt wurde. „Verheiratete Frauen werden nicht eingesetzt“, meinte sie.
Man beendete dann das Spiel, und Herbert lud die Verlierer noch zu einigen Gläsern Absinth ein, so dass der Abschied von ihrem Bauernhof mit einem Lächeln begleitet wurde. Herbert war überglücklich. „Wir haben ein neues Zuhause“, jubelte er. Charlotte war ja noch nicht hier, so dass er seine Freude mit einigen alkoholischen Getränken teilte.
Der Besitzer der possierlichen Gaststätte, dessen Gäste hauptsächlich aus Freien Töchtern und Dorfmatratzen sowie einigen Gewerbegebieter (heute würde man Zuhälter sagen) bestanden, hatte sofort nach dem Spiel seine, mit den winzig kleinen Zahlen auf der Rückseite versehenen Karten zur Sicherheit entsorgt. Ab 1920 war ja öffentliches Falschspiel verboten und konnte bei Entdeckung mit einer hohen Geldstrafe oder einigen Jahren Gefängnis bestraft werden. Das galt auch für den, der die Räumlichkeiten zur Verfügung stellte.
„Tante Horst“ hatte allerdings vorgesorgt und die Glücksspiel-Kontrolleure von Weinheim beim nächsten „Nackt-Skat“ mit ausgewählten Damen aus der Region sehr stark berücksichtigt, worauf man natürlich etliche Augen zudrückte.
Charlotte sollte eigentlich nachkommen, um ihre Hochzeit gebührend zu feiern, konnte aber nicht. Ihr viel zu großes gummiloses Strumpfband, das sich schon seit sieben Generationen in Familiensitz befand, hatte sich in ihrer alten 2 Zimmer Wohnung gegenüber der Apostelkirche unglücklicherweise an der Deckenleuchte verheddert. Sie wollte die Kerze auswechseln, und auf unerklärliche, mysteriöse Weise verknotete sich das Band an der Kerzenhalterung. Sie stand dann die ganze Nacht auf einem Bein auf dem Stuhl und wartete, bis Herbert sie morgens befreite.
Einige „Nachtschichtler“ der Firma Freudenberg, die auf dem Weg in ihr Viernheimer Zuhause waren, standen lange Zeit vor dem Fenster und beobachteten unter höchster Erregung diese Befreiungsaktion. Die Nachfrage nach gummilosen Strumpfbändern nahm danach in Viernheim und Umgebung fast neurasthenische Züge an.
Von der Familie Liebholz, die den Bauernhof verlassen musste, hörte man übrigens in Viernheim nie wieder etwas. Gerüchten zufolge sollen sie außerhalb von Worms in einem großen landwirtschaftlichen Anwesen für die Hilfestellung zur Gülleentsorgung des gesamten Tierbestandes zuständig gewesen sein.
Lupine, die Mutter von Heinz, wurde beim Auszug total vergessen. Sie war in einem kleinen Verschlag neben dem Stall mit dem Klöppeln von Papiertaschentüchern beschäftigt und wurde ein halbes Jahr später zufälligerweise von Dackel Hermann entdeckt. Durch sein Bellen wurde Charlotte informiert, die dann dafür sorgte, dass die Oma in der Fundstelle des alten Rathauses für die nächsten Jahre ein neues Zuhause fand. Ernährt hatte sich Lupine in dieser Zeit von allerlei Kräutern, die sie während ihrer nächtlichen Raubzüge in den umliegenden Gärten gefunden hatte. Aufgrund ihrer Vegetationserfahrung wurde sie später von einem Frankfurter Pflanzenhof adoptiert und sollte, unbestätigten Informationen zufolge, als Miturheberin der berühmten „Frankfurter grünen Soße“ gelten.
Angesichts des gewonnenen Anwesens von der Familie Heinz und Edda Liebholz, wurde aus den Schneiderhains typische Viernheimer Bauern. Da das Gelände rund um den Stall mit Apfelbäumen übersät war, nur unterbrochen von einigen Beeten mit Teltower Rübchen, konnte man seinen Unterhalt hauptsächlich mit der Herstellung von Apfelmus, Apfelwein und Apfelschnaps bestreiten.
Auch die aufkommende Viernheimer Kunstszene konnte mit Charlottes Apfelschalenbilder, wie „Das letzte Apfelmahl“ oder„Der Sixtinische Apfel“ bereichert werden. Herbert hatte für diese Art von Kunst keinerlei Verständnis, obwohl er geschälte Äpfel, eingelegt in einen guten Apfelbrand, als Füllung für tote Hühner durchaus auch kunst- und reizvoll fand.
Zu dieser Zeit wurde auch das berühmte Spiel „Präzisionsschälen von Äpfeln“ geboren. Die Aufgabe der Spieler bestand darin, genau 222 Gramm Apfelschalen zu schälen. Es wurde von der 65jährigen Magd Eusebia Mangel vom Bauernhof Trödel ins Leben gerufen, die von ihren Eltern zu einem dreitägigen Stubenarrest verdonnert wurde, weil sie zum wiederholten Male einem bayerischen Stallburschen hinter einem Strohballen ihre Unterwäsche zeigte. Und das in ihrem Alter!
Das Apfelschalenspiel war sehr beliebt, um langweilige Trauungen oder Beerdigungen aufzulockern. Der letzte bekannte Rekord ist dem einarmigen Hausmeister des Hüttenfelder Freudenhauses „Knallhütte“, Waldi Pudelmus, zuzuordnen, der während einer Beerdigungsfeier mit 220 Gramm Apfelschalen neue Maßstäbe setzte.
Charlotte hatte trotz der vielen Arbeit und mit Hilfe ihres Mannes Herbert auch noch Zeit für eine weitere Schwangerschaft, die mit der Geburt eines gesunden Jungen beendet wurde. Auch hier hatten Kurt und Hedwig wieder ihre helfenden Hände mit im Spiel. Natürlich nicht bei der Zeugung, sondern bei der Geburt. Der Neugeborene erhielt den Namen Heinrich.
Die Namensgebung war übrigens eine regelrechte Odyssee. Eine alte Freundin von Charlotte, die in Weinheim wohnende Giselinde Breslauer, kannte einen katholischen Milchbauer, dessen bester Freund Waldemar von seiner Frau Ruth verlassen wurde, da sie einen Liebhaber namens Rufus hatte, der aber leider zu früh verstarb und von einem Pfarrer namens Heinrich beerdigt wurde. Dieser Pfarrer war der heimliche Schwarm von Giselinde. Bei der letzten Beichte bei ihm musste man sie zwei Tage später gewaltsam aus dem Beichtstuhl ziehen. Charlotte entschied sich letztendlich ihrer Freundin zuliebe für diesen Namen, obwohl Herbert es lieber gesehen hätte, dass der kleine übergewichtige Nachwuchs den Namen Judas bekäme.
Im Laufe der Zeit wurde die Familie größer, und neben den Kindern konnten die Schneiderhains zwei Kühe mit den Namen Luise und Dagmar, einen Stier namens Adolf, zwei Schweine, genannt Fetti und Ingeborg, ein paar Hühner inklusive des Hahnes Pillemann, die einäugige Katze Lanzelot und den Dackel Nosferatu, der ihnen schon vorher in der Walpurgisnacht zugelaufen war, ihr Eigen nennen.
In dieser hektischen Zeit kam auch mal ein Obersturmbannführer auf dem Hof vorbei, der kurz zuvor noch seiner Tätigkeit als Tierfutter-Vorkoster nachging, und befahl, zwecks Vermeidung von Identifikationskonflikten mit einer höheren Stelle dem Stier und dem Dackel andere Namen zu geben. Den Stier nannte man dann Heinrich und den Dackel Walter. Um die Obrigkeit etwas zu ärgern, bekam der Hund mit „Moshe“ noch einen Zweitnamen.
Den Tieren Namen zu geben, war eine Eigenart von den Schneiderhains, an der sich übrigens später viele Viernheimer Bauern beteiligten. Da gab es Kühe mit dem Namen „Rektalinchen“ oder Stiere, die den Namen „Bullenei-Bertram“ oder „kleiner Pipigünter“ erhielten. Der absolute Höhepunkt kam vom Bauer Schimmelhans, der sein Schwein „Cunnilinguinchen“ nannte.
Ein trauriges Erlebnis unterbrach das idyllische Leben der Schneiderhains, das später in der Stadtchronik als größter „Jauche-Unfall“ der Zwanziger Jahre erwähnt wurde. Alwines ältere Schwester Liesl ertrank während des Spieles „Schlangenschwanzfangen“ in der nicht abgedeckten Güllegrube. Sie konnte zwar schwimmen, war aber dem Morast ähnlichen Inhalt nicht gewachsen. Man wurde auf diesen Unfall aufmerksam, als Alwine undHeinrich schrien: „Reingefallen, wir haben gewonnen, gewonnen.“
Die Bergungsaktion durch den zufällig anwesenden einbeinigen Weltkriegsveteranen Adalbrecht Raucher nahm aufgrund der widrigen Umstände einige Zeit in Anspruch. Die anschließende Mund-zu-Mund-Beatmung des evangelischen Pfarrers Traugott Beichtel, der gerade 25 Gläser Apfelmus für die Bedürftigen seiner Pfarrei kaufen wollte, war leider, zum Nachteil von Liesl, nicht von Erfolg gekrönt. Das lag daran, dass seine angeborene Hasenscharte eine kontinuierliche Luftzufuhr verhinderte und so seine Wiederbelebungsversuche mehr einem Pfeifkonzert ähnelten, als dazu, Liesl zu retten.
Man einigte sich darauf, dass diese Spielrunde nicht gezählt wurde.
Charlotte und Herbert waren der Meinung, dass Liesl aufgrund ihrer übertriebenen Hektik über den Drehkreisel von Pfarrer Beichtel stolperte und in die Grube fiel. Die beiden machten sich riesige Vorwürfe, da Herbert vergessen hatte, die Grube abzudecken. Der zur Überprüfung des Unglücksfalles abgestellte Ordnungshüter und NSDAP-Mitglied Kunibert Ransig aus Heppenheim, der sich recht schnell am Unglücksort einfand, war etwas übereifrig, stolperte auch über den Kreisel von Pfarrer Beichtel und fiel kopfüber in die Güllegrube. Mit ihm seine Frühstücksdose mit den zwei Leberkäsbrötchen. Sein Schrei: „Sch….“ wurde von der Musikprobe des vorbeilaufenden Viernheimer Leierkasten-Ensembles verschluckt, die gerade dabei waren, die Melodie von „Was machst du mit dem Knie lieber Hans“ einzuüben.
Die Stiefel von Kunibert blieben allerdings unversehrt und glänzten ohne Makel weiter. Pfarrer Beichtel, der dieses Mal rechtzeitig zur Stelle war, zog nach längerer Überlegung und den pfeifenden Worten:
„Steht dir die Gülle bis zum Mund, liegst bestimmt du auf dem Grund“
den Prüfer aus den dunklen Fluten. Seit diesem Zeitpunkt war die Bemerkung „Die NSDAP stinkt mir“ in Viernheim nicht mehr strafbar. Bei der nächsten Leerung der Grube konnte wie durch ein Wunder die Dose mit den Leberkässemmeln unversehrt wieder ans Tageslicht befördert werden.
Der Abort durfte nach einer ausführlichen Untersuchung nicht mehr benutzt werden, da er von der übergeordneten Heimatschutzarchitekturverwaltung in Heppenheim als „Denkmal geschützt“ eingeordnet werden sollte. Bei der Rettungsaktion fand man in der Grube einen Stein mit einem eingemeißelten Datum. Es war der09.03.1796. Wie es sich bei der Überprüfung durch den legasthenischen Gauleiter Dr. Werner Bullem herausstellte, fand an diesem Tag die Vermählung von Napoléon Bonaparte mit der Witwe Joséphine de Beauharnais statt. Sofort fragte Charlotte: „Hatte Napoléon in unserer Toilette geheiratet?“ Dies konnte von Dr. Bullem nicht beantwortet werden. Dafür sei der Reichsleiter für Toiletten und Gülle-Behältnisse Hessen, Dr. Dr. Reinhold Koth, zuständig.
Der Herr Reichsleiter verfügte nun, dass die Güllegrube eine Zeit lang Teil des Geschichtsunterrichts der Goetheschule sein sollte, und zwar so lange, bis die eingesetzte Kommission überprüft habe, ob Napoléon und seine Angetraute arischer Abstammung waren oder nicht. Charlotte war der Meinung: „Viernheims Toiletten sind einmalig.“
Das Spiel „Schlangenschwanzfangen“ sollte eigentlich danach wiederholt werden. Nach langem Hin und Her einigte man sich aus Pietätsgründen, die unterbrochene Runde erst nach der Beisetzung fortzusetzen.
Da es bei der Trauerrede von Liesl’s Beerdigung, die übrigens in ihrem geklöppelten Trachtenkostüm beigesetzt wurde, zu erheblichen Geruchsbelästigungen kam, hatte der katholische Geistliche Dr. Clemens Langkalt die Rede von der Güllegrube in den Garten der Kleingärtner-Gaststätte „Zum Tulpenheini“ verlegt.
Aber auch hier gab es einen Zwischenfall, der später nur hinter vorgehaltener Hand weitererzählt wurde. Bauer Fritz Sattel, der bei der letzten Bürgermeisterwahl die Mehrheit um genau drei Stimmen verfehlte und beim zweiten Durchgang verlor, wollte an diesem Tag seinen Traktoranhänger voller Jauche auf seinem naheliegenden Acker als Dünger verteilen. In Höhe der Kleingärtner verlor er aufgrund eines defekten Dichtungsgummis den Inhalt und überschüttete die Trauergemeinschaft mit einer Duftwolke, die es dem Pfarrer unmöglich machte, die Trauerrede fortzusetzen. Ein kleiner Umtrunk in der Gaststätte überbrückte diese unangenehme Unterbrechung. In seiner später fortgeführten Rede bedauerte Dr. Langkalt diesen furchtbaren Vorfall und gab Charlotte und Herbert den Rat, nicht so streng mit der Grube zu sein. Sie wäre ja auch ein wichtiger Teil ihres Lebens. Mit dem Lied: „Der Bauer fährt die Gülle aus“, konnte Liesl später auf dem Friedhof der Erde zurückgeführt werden.
Die feierliche Bestattung wurde allerdings durch einen weiteren kleinen Zwischenfall überschattet. Ein Havaneser, einer dieser kleinen wuscheligen Hunde, von dem keiner wusste wo er herkam, sprang am Bein des Pfarrers hoch und führte diese rammeligen Bewegungen aus. Und das nicht nur einmal, so dass sich die Beisetzung über drei Stunden hinzog.
Die Bemerkung der 73jährigen Ernestine Hohlrohr: „Das nimmt kein gutes Ende“, wurde zuerst nicht beachtet.
Ernestine war eines der wenigen Viernheimer Originale. Sie verbrachte ihre Tage auf dem Friedhof und sorgte dafür, dass keiner von denen aus der Reihe tanzt. Sie wusste, wer wo lag, und wer demnächst unter die Erde kam. Sie kannte die Sargträger persönlich und verkaufte während den Bestattungen das inzwischen auch in Viernheim bekannte „Eis am Stiel.“. Ihrem Wunsch, in der kleinen Kapelle zu übernachten oder eventuell dort auch zu leben, wurde jedoch seitens der Stadt Viernheim nicht entsprochen.
Herbert ließ die Aussage von Ernestine nicht in Ruhe, und so fragte er sie: „Sie sind wohl abergläubisch?“
„Nö, eigentlich nicht, aber ich kann mich noch erinnern, dass im Juli 1914 der Oma eines Wilderers ein volles Güllefass vom Traktoranhänger ihres betrunkenen Enkels auf den Kopf fiel. Sie wurde nach einer 14-tägigen Duftneutralisierung bestattet. Hier spielte bei der Beisetzung auch ein Hund eine Rolle. Wie aus heiterem Himmel tauchte ein Havaneser auf, sprang an des Pfarrers Bein hoch und rammelte was das Zeug hielt. Einige Tage später begann der Erste Weltkrieg.“
Und so bekam die Beerdigung von Liesl eine nachdenkliche Note.
Ernestine starb zwei Jahre später beim Seniorensportfest. Beim 25-Meter-Seniorinnen-Hängebrustschwimmwettbewerb im Rhein blieb sie mit ihrem Bikinioberteil an der Schraube eines Raddampfers hängen. Das Oberteil wurde abgerissen, wobei Ernestine dann beide Hände dazu benutzte, ihren Busen zu verdecken, so dass sie ihre Schwimmbewegungen vernachlässigte. Sie ertrank. Die Überlegung der katholischen Kirche, ein Kreuz auf dem Unglücksort zu platzieren, scheiterte nur an der starken Strömung des Rheines.
Mysteriös war die Tatsache, dass am Rheinufer ein Havaneser leise vor sich hinbellte und mit dem Schwanz wedelte. Die Schadensersatzforderung der Raddampferschraubenfirma „Dreh-Heiner“ wegen eines Kratzers an der Schiffsschraube, wurde jedoch von der Mannheimer Gerichtsbarkeit abgelehnt.
Alwines jüngerer Bruder Heinrich, der eine Zeit lang unter einem Grützbeutel, also einer gutartigen Zyste im Unterhautzellengewebe litt, machte später Karriere als arbeitsloser Schönheitschirurg. Er hatte schon des Öfteren während seiner Kindheit der Kuh Dagmar mit Mamas einzigem Lippenstift die Lippen verschönert. Dem Stier Adolf fiel daraufhin die Zunge auf den Boden und er wühlte mit den Hinterhufen den Boden auf. Das lag allerdings auch an dem Strumpfband von Charlotte, das Heinrich heimlich entwendete, um der Kuh Dagmar den Euter zu schmücken.
So könnte man Alwines Kindheit als harmonisch bezeichnen, wenn da nicht die öfter wechselnden Arbeitskräfte auf dem Bauernhof für Unruhe sorgten.
Da gab es die Magd Nadeschda, die immer und immer wieder versuchte, an ihrem Vater das „Melkhandwerk“ zu erlernen. „Mein Gott ist die dumm“, meinte Alwine, „mein Vater ist doch keine Kuh.“ Allerdings wunderte sie sich über die murmelnden Laute bzw. das Stöhnen, das ihrem Vater über die Lippen kam. Das hatte sie bei den Kühen Luise und Dagmar noch nie gehört. Und wieso war die Magd nackt? Charlotte überzeugte dann ihren Mann mittels einer Sense auf dessen Hinterteil, den Melklehrgang mit Nadeschda einzustellen.
Da war auch noch der Knecht Sergej, der immer mit der Nachbarin Elfriede Klemmrohr morgens ins Feld ging, um ihr bei der Apfelernte zu helfen, ohne zu berücksichtigen, dass gerade mal die Blütezeit begonnen hatte. Entdeckt wurden die Beiden von dem Weinheimer Pfarrer Gottlob Dünnkreuz vom Orden der planzfreien Botaniker, der mit Schwester Johanna von den Heiligen Prämienstratenserinnen mitten in dem Apfelbaumfeld auf dem Boden lag, um sie in die Welt des exzessiven Nachtgebetes einzuführen. Die Soutane von Pfarrer Gottlob wurde als Kopfkissen benutzt. Was sie allerdings in ihrer Tätigkeit störte, waren die röhrenden Geräusche, ähnlich der Brunftschreie des Viernheimer Rotwildes. Die Ursache wurde schnell entdeckt. Einige Apfelbäume weiter lagen Sergej und Elfriede, gut versteckt hinter einem Brombeerstrauch, und übten unter einer starken Geräuschkulisse die hohe Kunst der genussvollen Liegestütze.
Beim nächsten Gottesdienst in der Apostelkirche war dies der Anlass, dass die Gemeinde nochmals auf das zehnte Gebot hingewiesen wurde: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weibes, Ordensschwester, Magd, Vieh, Apfelschnaps, einfach alles, was dein Nächster hat.“
Nadeschda wurde eines Tages während der Arbeitszeit und ohne Bekleidung bei einer sogenannten „bewegungsintensiven Pressgymnastik“ mit einer höher gestellten Persönlichkeit des Rathauses überrascht und des Hofes verwiesen. Die höher gestellte Persönlichkeit war, wie es sich später herausstellte, nur eine männliche Reinigungskraft.
Und da gab es auch noch die bulgarische Magd Malgorzata, die morgens bei Sonnenaufgang erschöpft, der deutschen Sprache nicht mehr mächtig, neben dem Brunnen lag. Die Aufklärung durch den eiligst herbeigerufenen Viernheimer Dorfpolizisten Heiner Schnekmaul ergab, dass sie in der Nacht mit ihrer Einwilligung von einer Hundertschaft Polizeianwärter aus dem Bereich Frankfurt „bespaßt“ wurde. Diese kam gerade von einem vierwöchigen Orientierungsmarsch und wollte sich aufgrund der sommerlichen Temperaturen am Brunnen etwas erfrischen. Die leicht bekleidete Magd half ihnen, das Wasser aus dem Brunnen anzusaugen, was die Anwärter als Einladung verstanden, zusammen mit ihr die hohe Kunst der Sittlichkeitsübertretung auszuüben.
Die 76jährige Cornelia Reselmaier und die 81jährige Rosalinde Quarkmichl vom Aussiedlerhof Drummel, die gerade ihre Langlauf-Trainingseinheit absolvierten, standen schon eine ganze Weile hinter einem Gestrüpp und beobachteten ganz interessiert diese bewegungsintensiven Darbietungen.
Rosalinde: „Da haben uns doch unsere Füße richtig geführt.“
Cornelia: „Warum hört man da nichts?“
Rosalinde: „Ist doch klar, dann würden ja die Viernheimer Männer Schlange stehen.“
„Glaube ich nicht. Die bewegen sich doch sonst auch nicht so“, meinte Cornelia. „Das geht aber noch besser, der Mann muss mehr drücken.“
Interessiert unterhielten sie sich weiter über dieses Thema.
„Der ist aber schnell.“
„Dein Mann war noch schneller. Ich weiß es genau.“
„Die einen sagen so und die anderen so.“
„Manche sind aber recht klein, da sieht man ja nichts.“
„Die können aber noch wachsen.“
„Ist egal, ich war ja auch nicht gerade verwöhnt.“
„Hast du eigentlich deinen Mann mal verlassen wollen?“
„Verlassen nie, mit dem Traktor überfahren schon.“
„Jetzt weiß ich auch, wieso dein Mann so früh gen Himmel gefahren ist. Guck mal, die sind schon fast fertig.“
„Ich wäre so gerne noch einmal eine Magd.“
Und so machte eine unnötige Bemerkung nach der anderen die Runde.
Nach einer Weile verließen die Beiden die illustre Gesellschaft mit den Worten: „Das müssen wir unbedingt unseren Freundinnen erzählen, ob die uns das glauben werden?“
Auch die Magd konnte sich einer gewissen Müdigkeit nicht widersetzen und beendete den körperlichen Reigen. Sie zog dann, unter Absingen des Liedes „Ganz dahinten wo der Leuchtwurm steht“ und einem seligen Lächeln im Gesicht, den Polizeianwärtern hinterher.
Wieder einmal herrschte auf dem Bauernhof ein Mangel an landwirtschaftlichen Kräften. Deshalb mussten Alwine und ihr Bruder auf dem Acker und bei der Stallsäuberung helfen. Da galt es, die Hinterlassenschaft der Tiere im nahegelegenen kleinen Garten als Dünger zu verteilen. Die Bitte von Vater Herbert, den natürlichen Dung als Wachstumsverstärker nicht auf sondern unter die Salatblätter zu platzieren, kam leider etwas zu spät, was den Geschmack und den Nährgehalt dieser grünblättrigen Nahrung aber nur minimal veränderte.
Geholfen wurde ihnen dabei von Mechthild Klemmrohr, der einzigen Tochter der Nachbarn und heimlichen Liebe von Heinrich.
Mechthild war ein kleines, sehr stark behaartes, übergewichtiges rothaariges Mädchen mit Sommersprossen, einer starken Brille, vielen Pickeln und einer recht großen Zahnlücke. Dass sie lispelte fiel nur auf, wenn sie sprach.
Mechthild und Heinrich trafen sich oft hinter den Strohballen im heimischen Stall, wo sie beide verschüchtert Händchen hielten, allerdings unter dem Rock von Mechthild.
Zufällig fiel Papa Klemmrohr bei einem Besuch im Stall diese Situation ins Auge, was natürlich zu einer Vater-Tochter-Diskrepanz führte. Heinrich erklärte sofort mit zittriger Stimme, dass er kalte Hände gehabt habe, was aber dann mit einem Satz heißen Ohren und einigen Backpfeifen wieder kompensiert wurde. Mechthild musste daraufhin sofort in die Kirche, um ihren Rock mit Weihwasser zu reinigen, während Heinrich mit den Worten gedroht wurde: „Wenn du das nochmal machst, musst du dich mit Mechthild verloben. Ich glaube nicht, dass du das willst, oder?“
Einige Zeit später kam wieder Heinrichs Wissensdurst zum Vorschein, indem er bei Mechthild auch seinem zukünftigen Wunschberuf als Mediziner nachgehen wollte. Er schlug ihr als Vorsorge eine ausführliche Tastuntersuchung in ihrer Unterhose vor. Dazu meinte er, dass sie an einer stark schmerzenden Hosengummi-Allergie litt und sich sofort ausziehen sollte, so dass er durch Handauflegen ihre Schmerzen lindern könne. Mechthild lehnte mit der Begründung ab, dass sie überhaupt keine Unterhose tragen würde, da das Gummiband total ausgeleiert sei und sie deshalb auch keine Schmerzen habe. Sie würde sich auf keinen Fall von ihm betasten lassen. Der Grund war, dass sie ein Auge auf Samuel geworfen hatte.
Samuel war der Sohn und Nachfolger der Schmiede von Paul Grundel und dessen Frau Magdalena. „Er hatte so einen schönen Hammer in der Schmiede“, dachte Mechthild. Außerdem zeigte er ihr die hohe Kunst des Schmiedens, indem er ihr einen Anhänger in Form eines Herzens inklusive einer Halskette aus robustem Baustahl schmiedete.
Sie lernte ihn beim sonntäglichen Kirchenbesuch kennen, als sie sich aufgrund der Obladenknappheit die letzte Hostie teilen mussten. Sie hatten dann kurze Zeit später zufälligerweise zur Bereinigung ihrer Sünden den gleichen Beichtstuhl aufgesucht. Dieser Umstand blieb natürlich nicht ohne Folgen. Der Vikar Luzifer Horn, der anschließend als Stellvertreter des Pfarrers Johannes Guhle die Beichte abnahm, bekam urplötzlich rote Wangen, die nie mehr verschwanden.
Einige Zeit später hatten die Beiden geheiratet und tranken mit dem Geistlichen in Erinnerung an die Enge des Beichtstuhles ein Glas Schaumwein. Dass Mechthild zu diesem Zeitpunkt schon schwanger war, schrieb der Pfarrer dem hohen Viernheimer Fruchtbarkeitsklima zu.
Die Großeltern von Alwine, Trudelheit und Eugenius Schneiderhain, wohnten im benachbarten Heppenheim in einem kleinen Häuschen, das schon seit drei Generationen fest in deren Hand war. Sie verdienten ihr Geld mit dem Handel von Zahnprothesen. Mit Hilfe eines bulgarischen Busfahrers hatten sie die „Beisser“ in Tirol gebraucht erworben und dann in Hessen als Neuware gewinnbringend verkauft. Erst zwei Jahre später wurde von den Leuten bemerkt, dass sie nur Oberkiefer-Prothesen trugen. Aufgrund diverser Anzeigen wurde mit der Strafbehörde die stillschweigende Abmachung getroffen, die unteren Prothesen kostenlos nachzuliefern, sowie diese Tätigkeit einzustellen. Nur so konnte eine Strafverfolgung vermieden werden. Um ihren weiteren Lebensunterhalt zu finanzieren, spielte Eugenius dann mit seiner Drehorgel vor dem Heppenheimer Rathaus, während einige NSDAP-Mitglieder bei ihrer Wahlveranstaltung mit einem Schuhplattler die Zuschauer erfreuten.
Die Großeltern kamen normalerweise alle zwei Wochen mit ihrem Bollerwagen zu Besuch. Da sich jedoch genau zwischen Heppenheim und Viernheim die Gaststätte „Zum zahnlosen Wiesel“
