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Im diesem Buch werden Geschichten erzählt, die das Leben auch hätte schreiben können. Bei einigen ist auch wirklich so, die meisten sind jedoch frei erfunden. Viele Spielorte der Handlungen liegen am Wasser, doch nicht alle. "Vierzehn" handelt von einem Jugendlichen, der sich in eine Prostituierte verliebt und eine steile Karriere im internationalen Kokain-Handel macht. Es werden aber auch Märchen erzählt und Tabu-Themen behandelt, wie zum Beispiel die Liebe einer Tochter zu ihrem Vater oder der Suizid eines noch gar nicht so alten Mannes. Einige der Erzählungen sind jedoch, das hoffe ich zumindest, recht amüsant, da verliebt sich ein kleiner Seehund in seine Pflegerin oder ein junger Albatros in ein Eisbärenmädchen. Andere beschreiben Abenteuer, die vielleicht jeder von uns gerne erlebt hätte oder noch vor sich hat.
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Seitenzahl: 449
Veröffentlichungsjahr: 2016
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George Hansen
Vierzehn
Eine Erzählung Und andere Geschichten
Für meine Leser
Im diesem Buch werden Geschichten erzählt, die das Leben auch hätte schreiben können. Bei einigen ist auch wirklich so, die meisten sind jedoch frei erfunden. Viele Spielorte der Handlungen liegen am Wasser, doch nicht alle. »Vierzehn« handelt von einem Jugendlichen, der sich in eine Prostituierte verliebt und eine steile Karriere im internationalen Kokain-Handel macht. Es werden aber auch Märchen erzählt und Tabu-Themen behandelt, wie zum Beispiel die Liebe einer Tochter zu ihrem Vater oder der Suizid eines noch gar nicht so alten Mannes. Einige der Erzählungen sind jedoch, das hoffe ich zumindest, recht amüsant, da verliebt sich ein kleiner Seehund in seine Pflegerin oder ein junger Albatros in ein Eisbärenmädchen. Andere beschreiben Abenteuer, die vielleicht jeder von uns gerne erlebt hätte oder noch vor sich hat.
George Hansen
Es war mein Vater, der mich zu meiner Einschulung gebracht hat und so lange draußen wartete bis ich wieder aus meinem jetzt für mich ganz neuen Leben rauskam. Er hatte sich dafür einen Tag Urlaub genommen und er war es auch, der mir meine Schultüte gekauft und alle diese schönen Sachen, Süßigkeiten und alles mögliche anderes noch für mich darein gelegt hat. Die Tüte war zwar klasse, aber auf die Schule habe ich mich trotzdem nicht gefreut wie alle anderen Kinder. Ich wusste nicht, welche Vorstellungen die hatten, wahrscheinlich gar keine oder sie dachten, dass jetzt alles ganz toll für sie wird. Irgendwie fühlte ich, was da auf mich zu kommt und was ich da ahnte, das gefiel mir nicht besonders. Genauer erklären kann ich das heute nicht mehr.
Meine Mutter war wie immer bei solchen Anlässen abwesend und nicht dabei. Dieser wichtige Tag in meinem jungen Leben hat sie nicht einmal auch nur ein bisschen interessiert. »Papa macht das mit Dir schon, viel Spaß dabei.« Das war alles was von ihr an dem Morgen kam und viel mehr habe ich von ihr auch gar nicht erwartet. Ich hatte schon damals meine Erfahrungen mit ihr machen müssen und die meisten waren nicht besonders schön.
Ich fühlte mich von ihr einfach verraten und allein gelassen, wie schon so oft vorher. Zu oft. Sie konnte wohl nicht anders auf mich reagieren, auf mich einmal eingehen schon gar nicht. Für sie war ich einfach nur da, mehr nicht. Einkaufen, wenn ich einmal neue Sachen brauchte, ist sie auch nie mit mir gegangen, das hat alles mein Vater gemacht.
Die Lehrerin machte einen auf sehr freundlich, aber das war sie nicht, es war die reine Maskerade, das habe ich sofort gemerkt und sie hieß Sabine Johansen, das hat sie jedenfalls an ihre große Tafel geschrieben, vor der sie die ganze Zeit hin und her ging und uns angrinste als wäre sie eine Kasperle-Puppe. Aber wir mussten Frau Johansen zu ihr sagen, nicht Sabine, nicht beim Vornamen, wie das hier bei uns im Viertel eigentlich so üblich ist, sie kam sicher aus einem anderen Bezirk. Dann sagte sie uns, dass wir alle die Namensschilder beschreiben und vor uns auf den Tisch stellen sollen.
Ja was denn sonst, hielt sie uns für so dämlich, dass wir uns darauf setzen?
Sie sah mit ihrer bescheuerten Brille auch ziemlich blöd aus.
Da war meine Kindergärtnerin, die Susanne, schon ganz was anderes. Die war hübsch und ehrlich und ich mochte sie sehr gerne. Sie hat mich manchmal sogar mit zu sich nach Hause genommen und versucht, mir das zu geben, zu dem meine eigene Mutter nicht fähig oder bereit war. Aber die Zeit des Kindergartens war nun einmal vorbei, ob mir das nun passte oder nicht. Die hatte auch nicht so eine trutschige Frisur wie Frau Johansen. Susanne hatte Klasse.
Die Schildchen waren schon vorbereitet, und fast alle schrieben auch ganz brav ihren Namen darauf. Einige konnten allerdings noch nicht schreiben.
Ich konnte es schon lange, Lesen auch, mein Papa hatte es mir beigebracht aber ich schrieb nichts auf das kleine Schild.
»Und wie heißt Du?«, fragte mich meine erste Lehrerin. »Das weiß ich noch nicht.« – »Dann schreib doch einfach darauf, ›das weiß ich noch nicht.‹«
Das sollte wohl witzig sein und alle anderen Kinder haben ja auch schön gelacht. Ich fand das nicht so besonders lustig. Von dem Moment an war die Frau für mich unten durch, ich mochte sie von Anfang an nicht, aber ich habe doch alles mit gemacht, weil ich wusste, dass ich die Schule brauchen werde. Ich musste zur Schule gehen, denn ich hatte große Pläne für mein Leben. Die bekommt man, wenn man wie ich am Hafen groß wird und jeden Tag die Schiffe aus der ganzen Welt sieht. Natürlich war von vorne herein klar, dass nur ein Beruf für mich infrage kam: Ich werde Kapitän von einem großen Schiff und werde um die ganze Welt fahren und fremde, exotische Länder und Menschen sehen. Das war mein Plan, den ich zu der Zeit hatte. Ich war damals sieben Jahre alt.
Dass mein Leben in einer ganz anderen Richtung laufen wird konnte ich damals natürlich noch nicht einmal ahnen.
Einen richtigen Namen, der zu mir passt muss ich erst noch für mich finden und den werde ich mir später dann selber geben.
Ich habe selbstverständlich einen Namen, wie alle anderen hier ja auch, die machen sich bloß keine Gedanken darüber. Ich denke über alles nach, was mir begegnet und neu für mich ist.
Janno Berndmann heiße ich und dabei wird es auch sicherlich erst einmal bleiben.
Den eigenen Namen sollte man sich erst dann geben, wenn man genau weiß, wer man selber wirklich ist und sich auch gut kennt. Erst dann kann man einen für sich passenden finden und so nennt man sich dann eben, wenn die Zeit gekommen ist. Aber vielleicht werde ich ja ein »Janno«, das konnte ich zu der Zeit noch nicht wissen.
Von der Schule hat mein Vater erst gar nicht lange gesprochen als ich da raus kam und mich auch nicht so richtig ernsthaft gefragt wie denn meine erste Stunde dort für mich war, oder wie ich sie empfunden habe.
Die anderen Kinder sind nach ihrer ersten Schulstunde freudestrahlend und aufgeregt zu ihren stolzen Eltern gelaufen. Aber mein Papa ist nun mal kein Täuscher und kann sich auch nicht verstellen wie die meisten, oder er möchte es nicht gar nicht erst versuchen, weil es nicht zu ihm passt.
Ich hätte ihm zu gerne gesagt, wie blöde ich das dort alles fand, die Lehrerin und die anderen Kinder die ab jetzt meine Schulkameraden sein sollen, aber ich ließ es sein. Es kann sein, dass sich dafür einmal eine Gelegenheit ergibt, jetzt war sie jedenfalls nicht da.
Er hatte in dem Moment ganz andere Sorgen und das konnte ich ihm sogar ansehen, als ich langsam zu unserem Auto gegangen bin. Da stand er, angelehnt an dem Wagen und hat eine Zigarette geraucht. Das machte er nur noch sehr selten. Rauchen meine ich.
Etwas hat ihn bewegt und er wusste nicht so richtig, wie er anfangen soll, das habe ich gemerkt. Wir sahen uns sehr lange still an.
»So, mein Junge, ich möchte oder muss Dir jetzt etwas sagen und Du kannst mir glauben, es ist nicht einfach für mich und für Dich wird es auch nicht so ganz leicht sein. Du sollst es jedoch von mir erfahren.
Tut mir leid, das es gerade am diesem Tag ist. Wir waren doch immer ehrlich zueinander und das haben wir doch ganz gut hin bekommen, meinst Du nicht?«
Ich sah ihn fragend an und fürchtete mich vor dem, was er gleich sagen wird.
»Heute werde ich mich von Deiner Mutter trennen und aus unserer Wohnung ausziehen, aber für Dich werde ich Dein Papa bleiben, Dich werde ich nie verlassen, was auch immer passiert. Darum musst Du Dir keine Sorgen machen, Du darfst bloß keine Angst haben.
Mutti ist schon zu weit weg von mir und von uns und es geht nicht mehr weiter und wird auch nicht wieder so sein, wie es anfing, so schön, wie es auch einmal war. Ich habe mir alle Mühe gegeben, das kannst Du mir glauben. Doch da ist nichts mehr zu machen und ich möchte es auch nicht mehr. Wir haben alle nur ein Leben und das muss man nutzen so gut es irgendwie geht.«
Er machte eine lange Pause und sah mich an. Papa wartete auf eine Reaktion von mir, doch ich stand einfach nur so da. Dann hockte er sich zu mir runter und sprach weiter.
»Ich werde sehen, was ich da tun kann und alles versuchen, damit Du zu mir kommen kannst. Versprechen kann ich Dir das allerdings nichts, da entscheiden andere Leute drüber und auf die habe Ich keinen Einfluss. Ich bin dein Vater, verstehst Du, und Du bist mein Sohn und ich liebe Dich, und so wird es für immer sein.
Ich möchte jedoch auch nicht rechtlich und mit Anwälten gegen Deine Mutter vorgehen, so etwas gehört sich einfach nicht.«
Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass ich ihn damals verstanden habe aber trotzdem weinen musste, und dass er mich hochgehoben hat und wie er mich getröstet, und später in die Wohnung getragen hat in der er bald nie wieder sein wird.
Am Abend hat er einige Sachen zusammen gepackt und ist gegangen.
Er gab mir noch ein Blatt Papier auf das er seine neue Anschrift und die Telefon-Nummer geschrieben hatte. »Du kannst wann immer Du es möchtest mich anrufen oder zu mir kommen.«
Meine Mutter saß einfach so da und hat etwas gesehen, was wahrscheinlich nur sie allein wahrnehmen konnte. Ich hatte keine Ahnung was es war oder gewesen sein kann. Sie war so fremd und so weit weg.
Meine Eltern sind seit dem Abend getrennte Wege gegangen, jeder für sich in seine ganz eigene Richtung, die sie meinten einschlagen zu müssen oder zu wollen, wo immer der Weg sie auch hinführen wird.
Aber das Sorgerecht für mich bekam meine Mutter, das ist wohl immer so und damit war auch zu rechnen und ich war darauf innerlich vorbereitet. Ich war trotzdem ziemlich sauer auf die Leute, die da für mich Entscheidungen treffen.
Ich wäre viel lieber bei meinem Vater geblieben, doch das Jugendamt war da ganz anderer Meinung, ich wurde zwar kurz gefragt, aber es hat die gar nicht wirklich interessiert was ich, als ein kleiner Junge wollte, die haben mir auch nur halb oder ein viertel zugehört, sie meinten, dass mein Vater viel zu viel unterwegs ist und ich besser bei meiner Mutter aufgehoben bin.
Damit war für sie der Fall erledigt, die Akte zu und abgeschlossen. Der Nächste bitte. So lief das.
Es ist wahrscheinlich ewig das Gleiche. Es ändert sich nichts in dieser Welt und wer doch noch daran glaubt, wird es bitter lernen müssen oder irgendwann sehr enttäuscht sein.
Ich habe es schon damals verstanden. Vielleicht etwas zu früh und ich weiß auch nicht, ob es mir später einmal geholfen hat oder doch eher zu viel von meiner Kindheit kaputt machte.
Ich musste schon sehr früh auf meinen eigenen Füssen stehen, das richtige Gehen lernte ich dann auch noch sehr schnell. Mir blieb auch gar nichts anderes übrig, ich weiß noch, dass ich den ganzen Haushalt gemacht habe, Wäsche waschen, einkaufen, saubermachen und so weiter. Sogar Frühstück machte ich und kochen musste ich auch für uns.
Meine Mutter ist eine sehr schöne Frau und ich hätte mit ihr vor den anderen Schulkindern sehr gut angeben können, die ständig nur von den Autos ihrer Eltern sprachen. Ich habe eine schöne Mutter, das ist doch ganz etwas anderes als so ein blödes Auto.
Und das hätte ich ja auch nur zu gerne gemacht, ein bisschen angeben mit ihr, doch sie lief nur noch halb benommen den ganzen Tag in einem furchtbaren Jogging-Anzug durch die Wohnung und wenn nicht, dann saß sie vor den Geräten mit sämtlichen Fernbedienungen in ihren Händen und sah sich diese billig gemachten Serien an, die auch schon vormittags im Fernsehen laufen und auf manchen Sendern sogar den ganzen Tag. Ich habe dazu nie ein Wort gesagt, denn warum soll ich in mich in etwas einmischen, was sie jetzt als ihren Lebensinhalt sieht.
Man darf nicht den Halt verlieren, denn Halt bedeutet doch das Leben. Sie hat beide nicht mehr, weder den inneren Halt noch den äußeren. Eigentlich hat sie jetzt schon alles verloren. Ihren Mann und mich und ich glaube, es war ihr sogar ganz recht. Sie wollte nur noch für sich sein und ging auch nicht mehr aus der Wohnung, oder zumindest nur noch ganz selten. Aber auch nur dann, wenn es unbedingt notwendig war.
Nur zu so einem komischen Guru, da ging sie jede Woche einmal regelmäßig hin. Das konnte sie anscheinend dann doch noch sehr gut.
Manchmal hörte sie sich so einen alten Song von Marianne Faithfull an. Die Frau war wohl ihre innere und einzige Freundin. Eine alte Frau, die vor zig Jahren einmal einen Hit hatte.
Daran hat sich ihr Denken orientiert und sicher auch an dem, was ihr Guru ihr da ständig einflüsterte, den sie für den Mist, den er von sich gab auch noch bezahlte.
»At the age of thirty-seven, she realized that she will never ride through Paris, in a sportcar with the warm wind in her hair.« Sie hörte immer nur diesen einen Titel von der CD, manchmal mehrmals hintereinander und stellte dann den Player wieder ab.
Diesen einen Satz werde ich wohl niemals vergessen. »With the warm wind in her hair.« Ich habe ihn hunderte Male hören müssen.
Das war glaube ich ihr Wunsch oder ein Traum von ihr, wenn sie überhaupt noch richtig träumen konnte, sich einmal mit einem Cabrio in eine ganz andere Welt fahren zu lassen. Aber in welche andere Gegenwart wollte sie denn? Es gibt doch nur diese eine und mit der muss man nun einmal klarkommen.
Ob man es will oder nicht spielt dabei keine Rolle. Das bekommen die meisten Anderen doch auch irgendwie hin, auch wenn es nicht immer so leicht ist.
Früher hat sie selber einmal in einer Band gesungen und sie hatten viele Auftritte hier auf dem Kiez und waren sogar recht erfolgreich, jedenfalls für eine Amateur-Band. Jedes Wochenende haben sie in einem der Clubs gespielt und sie waren wirklich gut, das hat man mir zumindest einige Jahre später erzählt.
Warum meine Mutter so war oder geworden ist, weiß ich nicht genau, doch ich habe sehr viel darüber nach gedacht, aber auf diese Frage niemals eine Antwort gefunden und auch mit meinem Vater nicht darüber gesprochen. Man kann nicht jedes Rätsel auflösen, manche sind einfach zu schwierig für einen Mensch allein.
Vielleicht hat sie sich ihr ganzes Leben völlig anders vorgestellt oder sie wollte ein komplettes Neues.
Das geht aber nicht so einfach und selbst wenn, wie hätte es aussehen sollen und welches Leben sollte es denn sein für sie? Die Chance, etwas aus ihrem zu machen hatte sie ja, aber sie hat sie sich selber bestens verbaut.
Heute weiß ich, dass sie einfach nur gaga war und eine ordentliche Macke hatte. Sie hat auch mit esoterischen Sachen angefangen, die ihr irgendwelche eigenartige Leute eingeredet haben. Unter anderen ihr Guru aber mit der Zeit kamen noch weitere Typen und ganz andere Sachen dazu.
Ich denke, ihr war einfach alles zu viel und auch alles zu egal. Nur warum denn?
Eigentlich hatte sie doch gar keinen Grund so mit sich und allem um sich herum so unzufrieden zu sein, es hätte doch alles passen können.
Sie hatte ihren Mann, meinen Papa, der sich liebevoll um sie kümmerte, das habe ich doch gesehen, und ich weiß, dass Papa auch gerne bei ihr geblieben wäre, man spürt so etwas als Kind sehr gut, und sie hatte doch auch mich.
Aber ich glaube, dass sie nie meine Mutter werden wollte. Auch so etwas bekommt man mit, und wenn man noch so klein ist.
Sie hat mich auch niemals von sich aus in den Arm genommen oder war zärtlich zu mir. Wenn ich einmal kuscheln wollte und ihre Wärme brauchte, hat sie sich das zwar gefallen lassen, aber mehr auch nicht. Wärme war für mich einfach nicht vorgesehen. Ich habe sie gestört in ihrem Leben. Ich möchte nicht sagen lästig, aber so etwas in der Richtung war es wohl. Nein, ich war ihr lästig.
Mein Vater wäre sicher gerne einmal mit ihr durch Paris gefahren, in einem offenen Sportwagen. Den hätte er sich eben dann in der großen Stadt dort gemietet. Aber es ging nicht mehr mit ihr, es war alles schon viel zu spät.
Ich weiß auch, dass sie irgendwelche Mittel zu sich genommen hat, die nicht gut für sie waren. Aber sie wurde mir langsam auch immer mehr egal.
Manchmal habe ich mich noch gefragt, warum sie nicht bei ihrer Band geblieben ist, es hätte doch etwas für sie bedeuten können, und vielleicht hätten sie sogar einmal richtigen Erfolg gehabt, aber sie ist da einfach weg, und die Jungs mussten sich eine neue Sängerin suchen.
Mitten in einem Lied hat sie das Mikro auf den Boden gelegt und ist von der Bühne gegangen, und das Konzert war damit zu Ende.
Ich sehe nur noch wie sie immer trauriger und langsam mehr und mehr depressiv wird, und jetzt? Jetzt lässt sie sich nur noch einfach hängen und hat für aber auch gar nichts mehr ein Interesse – nicht einmal mehr ein restliches für mich, dabei bin Ich doch ihr Kind, ihr einziges und ihr Sohn.
Es ist sehr hart für ein Kind, wenn es spürt, dass die eigene Mutter einen nie haben wollte.
Aber es war ja Gott sei Dank noch jemand für mich da und das hat mir damals sehr geholfen.
Viel mehr weiß ich heute nicht mehr über diese Zeit, die bestimmt für mich keine besonders lustige war, es sind kaum noch mehr Erinnerungen daran in mir und die, die ich habe reichen mir voll und ganz. Sicher sind auch einige Gedanken dabei, die mir erst später kamen, das lässt sich oft nicht trennen.
Als Mensch kann man ja auch sehr gut und viel verdrängen, und Dinge und Erlebnisse ganz zu vergessen hilft auch, wenn es denn geht und man es kann. Meistens kann man es und es ist nicht einmal sehr schwer. Man muss sich nur besonders viel Mühe geben. Dann klappt das, jedenfalls manchmal. Ich möchte mich auch gar nicht an noch mehr erinnern und ich habe es ganz gut hinbekommen.
Mein Vater hat sein Wort gehalten, das er mir vor sieben Jahren gegeben hat. Wir haben sehr viel zusammen unternommen und irgendwann hat er mir auch seine neue Freundin vorgestellt.
Das war eine ganz liebe tolle Frau, völlig anders als meine Mutter, sie war so voller Leben und ich mochte sie sofort als ich sie zum ersten Mal sah und freute mich immer wenn sie bei unseren Ausflügen mit dabei war. Sie hatte auch so einen schönen Namen: Evalina.
Einige Male waren wir bei Hagenbeck und Papa erzählte uns etwas über die vielen Tiere, wie furchtbar gefährlich und wild manche von ihnen sind und von wo sie überall herkommen, was sie dort alles erlebt haben, wie er sie damals gefangen hat, als er noch Tierjäger in Afrika und in Südamerika war.
Dort hat er mal am Amazonas eine Anakonda erwischt, die war riesig groß, mindestens zehn Meter lang, dick wie ein Baum und hätte ihn fast gefressen, Kraft hatte die, doch er hat sie schließlich überwältigen können, ganz allein, und hierher mit gebracht. So ganz richtig zeigen konnte er uns die Anakonda allerdings nicht. »Die haben sie bestimmt an einen anderen Zoo verkauft, die sind ja ordentlich was wert, vielleicht ist die ja auch inzwischen gestorben, obwohl.« Und da tat er sehr nachdenklich. »Die werden normalerweise ja ziemlich alt, die Viecher.«
Natürlich war er auch in Australien, als Tierfänger kommt man nun mal auch verdammt viel rum in der Welt.
»Aber Janno, ich sage Dir und gebe Dir einen guten Rat, und tue mir bitte einen Gefallen, fahre niemals nach Australien, da ist es so höllisch gefährlich, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen.
Es gibt dort Schlangen, Taipan heißen die, die sind nicht einmal besonders groß, aber die sind so giftig, dass sie Dich mit einem Biss in die ewigen Jagdgründe, oder wie das da unten bei denen heißt, schicken. Es dauert nur ein paar Sekunden und das war es dann mit Dir. Und für Hundert andere Menschen würde dieser kleine Biss auch noch reichen.
Und was sich da unten alles im Wasser herumtreibt. Da gibt es Würfelquallen, wenn die Dich erwischen, schaffst Du es nicht einmal mehr zurück an den Strand. Von den ganzen Haien, die da überall rumschwimmen, möchte ich jetzt gar nicht erst reden. Die machen nur einmal kurz Happs und Du bist weg. Ich habe nur einen Sohn, und den möchte ich ganz gerne behalten. Also, vergiss Australien.
Es gibt auch andere schöne Länder, die man sich anschauen kann, aber Australien kannst Du knicken, lebensgefährlich, sage ich Dir. Dänemark zum Beispiel oder die Schweiz, da ist vor allem auch nicht so eine Glut-Hitze wie da unten, fünfzig Grad im Schatten sage ich nur und Du weißt was los ist.«
Er konnte das alles so schön mit seinen Gesten und einer einmaligen Dramatik erzählen, dass man es ihm fast alles geglaubt hätte.
Meinen Namen »Janno« habe ich übrigens inzwischen für mich akzeptiert, ich finde er passt gut zu mir.
Anschließend haben wir immer noch ein Eis gegessen, und seine Freundin und ich haben uns über seine Geschichten lustig gemacht. Wir kannten sie ja schon alle, aber haben uns trotzdem darüber gefreut, er erzählte sie doch so gerne. Und wir haben ihm auch immer zu gelauscht als würden wir sie zum ersten Mal hören.
Er saß dann da und hat gelächelt und war glücklich über uns beide, und darüber, dass wir unseren Spaß hatten und auch, dass wir bei ihm waren. Das war ihm das Wichtigste und für mich und seine Frau auch. Manchmal, wenn wir so unterwegs waren, kam der Wunsch in mir hoch, dass sie meine Mutter gewesen wäre.
Es ist ein eigenartiger Gedanke, das wusste ich, aber er war nur einmal da. Sicher wäre dann einiges in meinen Leben anders gelaufen. Ich hätte sie fragen können, ob sie es jetzt nicht werden möchte und bestimmt hätte sie sich darüber gefreut und mich als ihren Sohn angenommen. Doch ich habe sie nichts gefragt, weil ich mich nicht so richtig getraut habe.
»Aber das mit dem Taipan und den Quallen, das stimmt wirklich, und mit den Haifischen im Wasser auch, also niemals nach Australien.«
Er war der beste Vater, den ich mir für mich vorstellen kann. Und sie wäre sicher eine ganz tolle Mutter gewesen. Aber irgend so etwas Ähnliches war sie für mich doch, auch wenn ich es nicht angesprochen habe. In meiner gedanklichen Welt, war sie es und das reichte mir. Ich glaube, dass sie ähnliche Gefühle hat und sie hatte auch keine Scheu davor sie zu zeigen.
Das sind so die Momente gewesen, wo ich gemerkt habe, wie sehr Papa mich liebt, genauso wie die neue Frau, die bei ihm ist und die ich ja auch inzwischen so gerne habe. Aber er wertet nicht, und wir waren – wenn man es so sagen will – gleichberechtigt für ihn, sie hat das auch verstanden. Sie war überhaupt eine klasse Frau, und ich habe mich so sehr für meinen Vater gefreut, dass er sie, oder besser gesagt, die Beiden sich kennengelernt haben. Ich sah ja auch die Harmonie, die zwischen ihnen war, und heute auch immer noch ist. Sie haben sich eine ganz eigene Art, miteinander umzugehen ausgesucht.
Das hat mich beeindruckt und ich habe beschlossen, es später auch so zu machen. So wie sie, und nicht anders.
Ich mag es, wenn Menschen offen und ehrlich sind und ihre Gefühle nicht verstecken sondern einfach nur zeigen was sie wie empfinden und auch dazu fähig sind es auszuleben.
Warum bloß machen das nicht mehr Menschen, oder warum nicht alle, ist es denn wirklich so schwer oder wollen sie nur noch ihre eigene Show machen, die sie zu nichts führt?
Am liebsten mochte ich es, wenn wir drei mit seinem Freund und dessen Barkasse durch den ganzen Hafen gefahren sind. Papa hat dann immer die Sprüche vom Kapitän mit seinen eigenen weitergesponnen oder kommentiert, und alle auf dem Boot hatten viel zu lachen.
Heute glaube ich, dass die beiden das vorher eingeübt haben, aber es wirkte völlig spontan, und die Leute an Bord hatten ihren Spaß und ich auch.
Sein Freund hat mich sogar an einem Tag einmal steuern lassen, mir seine Mütze auf den Kopf gesetzt und mir seine Hand auf die Schulter gelegt.
Ich stand jetzt zum ersten Mal am dem Ruder von einem Schiff. Er drehte sich zu seinem Publikum um und sagte, »wir haben jetzt einen neuen Steuermann, den habe ich gerade angeheuert.«
Und alle klatschten und riefen mir etwas Freundliches zu. Einer fing an zu singen, »Seemann, grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne und grüß mir den Mond, Dein Leben, dass ist das Segeln, grüß mir die Ferne die keiner bewohnt. Schneller und immer schneller, weht der Wind wie es mir grad’ gefällt …« Weiter konnte er den Text vom Fliegerlied nicht so schnell umsetzen und mein Vater sprang ein. »Liebste komm doch an Bord, steige ein und ich zeige Dir meine eigene Welt.« Alles hat vor Freude gejubelt.
Das alles war unglaublich für mich, und ich war so stolz darüber. Jetzt bin ich endlich ein Kapitän. Na ja, noch nicht ganz, aber immerhin schon mal Steuermann, das ist ja auch was. Zumindest ein Anfang.
Er hat mir gesagt wohin ich fahren soll und die Armaturen erklärt, dann machte er weiter mit seinen amüsanten Texten. Manchmal griff er kurz ins Steuerrad, wenn ich einem dieser großen Schiffe oder einem der Docks zu nahe kam. Aber er sagte mir auch, dass ich es sehr gut mache und nach der Schule bei ihm anfangen kann. Er meinte das ernst. Barkassenfahrer in seiner Flotte kann ich also schon mal werden.
Papa hat mir, als wir bei ihnen im Haus waren, alles erklärt, wie dieser gewaltige Hafen funktioniert, wie der Handel rund um den Globus geht und warum es so ist wie es ist, und auch, warum man daran niemals etwas ändern kann. Er hatte da seine ganz eigenen Gedanken und ich habe sie schon damals verstanden und wusste was er damit meint, mir sagen möchte. Geld und das reine Chaos regieren die ganze Welt und es gibt keinen höheren Plan. So denkt er und ich glaube, er hat recht.
Er tickt so ganz anders als die Geschäftsleute und Ingenieure in dieser Stadt, aber auch er muss mitmachen, doch er hatte damit ein Problem, was ich ihm auch manchmal anmerkte. Wie gesagt, er wollte sich nicht verstellen, zumindest nicht uns gegenüber. In seinem Beruf bleibt ihm sicher nicht Anderes übrig, da muss er mitspielen wie alle in dem Betrieb.
Seit einigen Jahren ist er bei der großen Werft und entwirft diese ganzen Umbauten, die sie dort durchziehen. Einfach ist das bestimmt nicht, aber das kann er und ich fand das großartig und war so stolz auf ihn.
Er ist auch viel in anderen Ländern unterwegs und holt Aufträge für seine Firma rein. Sie packen neue Kabinen in die Schiffe oder machen sie mal eben um 50 Meter länger.
Die Männer der Werft schneiden sie in der Mitte durch und setzen ein riesiges Teil dazwischen. Danach schweißen sie dann einfach wieder alles zusammen und verlegen die Kabel und Leitungen entsprechend. Manchmal bauen sie sogar etwas ganz Neues.
Die Ölkonzerne, die in der Nordsee und auf allen Ozeanen bohren und ihre Plattformen und Bohrinseln betreiben, brauchen Tenderschiffe, die Saudis und andere möchten ganz gerne neue Fregatten haben. All so etwas machen sie hier. Mit den Versorgungsschiffen hatte er innerlich nie Probleme. Die hat er sogar gerne entworfen und gebaut, aber die Kriegsschiffe, die die Welt haben will, mit denen kam er nicht zurecht und es hat ihn seelisch sehr belastet, dass er daran beteiligt war.
Es ist wirklich wie im Fernsehen, ständig hört man diese Sirenen von der Polizei oder den Krankenwagen, die durch die Schluchten jagen und alles und jeden verscheuchen wollen.
Ich bin nicht mit der Fähre zu der Freiheitsstatue gefahren und habe mir auch nicht alle anderen wichtigen Plätze angesehen, das übliche Touristen-Programm habe ich nicht gemacht, aber auf das Empire-State-Building wollte ich schon gerne, ich möchte einmal mit einem so schnellen Lift fahren und über den Dingen stehen. Er ist einfach ein gut denkender Mann, der sich seiner Verantwortung sehr bewusst ist.
Ich sehe immer diese riesigen Schiffe im Hafen mit den inzwischen tausenden von Containern, die sie tragen und um die ganze Welt schippern, und denke mir, dass da oben einer stehen wird, der das Sagen hat, und genau der möchte ich einmal sein, nur noch der einzige, der alles bestimmt. Aber ich weiß, dass es andere machen werden, oder die, die es jetzt auch schon sind. Meinen Weg gehe ich trotzdem. Nur wohin, dass weiß ich noch nicht. Ich weiß auch nicht, wo ich oben stehen werde. Es muss ja nicht unbedingt ein Schiff sein. Obwohl, ich weiß es nicht. Schön wäre es schon, doch ich glaube, dass es da oben auch ziemlich einsam sein kann. Und einsam möchte ich niemals sein.
Meistens bin ich jetzt bei meinen Vater und seiner Frau, die ich ja heimlich als meine Mutter sehe. Als wir einmal alleine waren, mein Vater war zu Verhandlungen mit den Saudis nach Riad geflogen, kam sie zu mir und setzte sich ganz dicht neben mich. »Würdest Du mich als Deine Mutter annehmen, ich wünsche es mir so sehr, ich möchte Dich als meinen Sohn sehen dürfen.«
Jetzt kam alles aus mir heraus, diese Einsamkeit mit meiner echten Mutter, die verlorene Kindheit, alles was ich machen musste, die vergangenen Jahre.
Ich fing an zu heulen und klammerte mich an Evalina. Sie nahm mich in ihre warmen Arme und redete beruhigend auf mich ein. Ich brachte nur noch ein kurzes »ja« heraus, dann bin ich an ihr eingeschlafen.
Jeden Tag bin ich in der Schule aber auch nur, weil ich dieses verdammt nötige Abitur haben möchte. Gerne bin ich da nie hingegangen. Ich mag die Schule nicht, ich habe sie eigentlich von Anfang an abgelehnt, und auch die vielen Lehrer konnte ich nicht leiden, die mich mit ihrem ewigen Besserwissen und ihrer Heuchelei vom Gut-Mensch-sein und ihrer rausgehängten Schein-Toleranz nur noch nerven.
Aber das soll niemand merken. Ich mache einfach nur mit, viel mehr aber auch nicht. Es klappt jedoch ganz gut. Am schlimmsten sind diese unvermeidlichen Klassenfahrten, die einmal im Jahr mit schöner Regelmäßigkeit auf mich zu kommen. Grässlich. Einer ist komischerweise immer dabei, der meint seine Gitarre mit bringen zu müssen und schon im Bus oder Zug damit beginnt mir auf den Sender zu gehen.
Dann kommt immer, »Morning has broken«, oder so ein olles Zeug wie »Yesterday«. Die Lieder waren früher schon schlecht und sind durch die Jahre auch nicht besser geworden. Aber etwas anderes haben die nicht drauf, keiner hat einmal etwas eigenes oder gar neue Ideen, doch sie meinen, dass sie damit bei den Mädchen landen können, vor allem, wenn sie bei ihrem Vortrag auch noch so sentimental und gedankenverloren aus ihren blassen Augen schauen.
Auch die begleitenden Lehrer machen plötzlich einen auf »guter Kumpel.« Und dann diese Jugendherbergen mit ihren sechs-Bett Zimmern und dem scheußlichen Frühstück und Tee.
Mit meinen Mitschülern möchte ich eigentlich auch nicht allzu viel zu tun haben, die interessieren mich nicht besonders, es sind ziemliche Langweiler und reden immer nur das gleiche unwichtige Zeug. Freunde habe ich jedenfalls nicht unter ihnen gefunden.
Doch da muss ich nun mal durch und das bekomme ich auch super hin, auch wenn es mir innerlich noch so sehr schwerfällt. Es geht nun einmal nicht anders und ich habe es für mich akzeptiert und halte durch.
Wenn die nächste Klassenfahrt ansteht lasse ich mich allerdings krank schreiben, das habe mir nach der letzten fest vorgenommen.
Ich war vierzehn, da kam mir die Idee mit den belegten Brötchen. Brötchen-Service für die Damen in meinem Viertel. Das ist doch einmal etwas ganz anders, dachte ich mir. Wie ich darauf gekommen bin weiß ich heute nicht mehr so genau, aber ich habe damit angefangen und es gemacht.
Und es hat sehr gut geklappt, sogar besser als ich dachte. Natürlich habe ich es mir alles vorher durch gerechnet und auch ein wenig Marktforschung betrieben in der Form, dass ich die Frauen, die ich kannte gefragt habe ob sie daran interessiert wären. Sie waren es. Mein Geschäftsmodell war damit fertig.
An der Ecke von der Seilerstraße, wo ich wohnte gab es einen Bäcker, da habe ich sie mir gekauft mit Mett, Schinken und Käse, auch belegte Baguettes und Kuchen hatte ich immer dabei und zu den Frauen in der Herbergsstraße gebracht. Die haben sich sehr darüber gefreut und mir das Doppelte, manchmal sogar auch mehr von dem gegeben, was ich selber dafür bezahlt habe, das war ihnen egal. Mir aber nicht. Mit dem Bäcker wollte ich vorher sogar einen Mengen-Rabatt aushandeln. Zuerst hat er mich nicht für voll genommen, das änderte sich aber nach einer Woche. Und ich habe meinen Rabatt bekommen.
Das war sozusagen mein Einstieg in diese eigenartige hanseatische Welt des Handelns, und ich verdiente mein erstes eigenes Geld. Viel war es zwar nicht, aber immerhin ist es doch etwas mehr als das, was ich bislang in der Tasche hatte.
Man ließ mich in Ruhe meine Geschäfte machen, ich war ja auch für niemanden ein Konkurrent.
Und darüber war ich sehr froh, denn mit den Männern hier möchte ich nicht allzu sehr viel zu schaffen haben, dafür lebte ich hier schon zu lange und kannte das alles.
Jeder fängt einmal klein an, sagte mir eine der Damen, aber die meisten bleiben es auch, sie bleiben ihr Leben lang klein, die Anderen lassen es nicht zu, dass einer neben ihnen groß wird. »Ich aber nicht«, habe ich ihr geantwortet, und mich aber trotzdem für ihren Hinweis bedankt. »Na denn viel Glück, mein Lieber, dann mach mal weiter so.« Und ich machte weiter.
Zwei Wochen später kamen noch die Frauen von einem Kontakthof zu meinem Kundenkreis dazu und auch hier habe ich die Frauen mit Brötchen und allem anderen versorgt, was sie so alles für ihren Alltag brauchten.
Die meisten von ihnen waren völlig in Ordnung, manche aber auch sehr plump und ordinär. Was mir sofort auffiel, war, dass sie alle blond waren.
Sie standen in dem Hof vor ihren kleinen Zimmern und haben jeden angesprochen, der vorbei schlenderte. Einige hatten auch Kunden, die immer nur zu ihnen kamen. Das war für sie sehr praktisch, denn mit denen gab es keine langen Verhandlungen.
Sie haben mir gesagt was sie möchten und am nächsten Tag habe ich es ihnen gebracht, oder soll ich jetzt schon sagen geliefert? Eigentlich ja, ich bin jetzt immerhin ein Händler.
Meine letzte Kundin auf der Tour im Hof war sehr hübsch und nannte sich Michelle, aber so hieß sie bestimmt nicht wirklich. Viele hier geben sich einen französischen Namen. Es scheint sicher gut für ihr Geschäft zu sein, das sie machen.
So viele Französinnen kann es doch gar nicht geben, jedenfalls nicht hier, an diesem Ort. Manche hatten sich sogar auch einen Akzent zu gelegt. Das klang dann in etwa so: »oor isch bin die Janette, willscht Du nicht kommen mit mir mon Cher, isch kann machen alles was Du willscht.« Ich fand das ganze ziemlich albern, aber die Kunden stehen wohl auf solch einen Quatsch. Es ist ja auch egal, jeder soll sich so ausleben, wie er möchte, doch irgendwie taten die Männer mir sogar leid, viele waren so armselige Hanseln, dass sie sogar noch um den Preis feilschen wollten. Ich habe sie nicht weiter beachtet. Sie waren da und fertig, die gingen mich nichts an und interessierten mich nicht.
Ich wollte, dass Michelle mich einmal anspricht und wenn ich ganz ehrlich bin, ich mochte sie einfach von Anfang an sehr gerne, und da war auch noch etwas anderes, das ich nicht so richtig beschreiben kann. Doch eine Ahnung, wie ich das anstellen sollte hatte ich nicht. Ich hatte doch noch nie eine Freundin, gut, da war einmal ein Mädchen aus meiner Klasse, mit der bin ich über den Dom gegangen, das war es aber schon. Sie hat mich gelangweilt und Ich sie wahrscheinlich auch. Ich habe nicht einmal versucht, sie zu küssen, ich wusste ja auch gar nicht, wie das geht.
Nach einer Stunde hat sie sich verabschiedet. Sie müsse noch etwas für die Schule machen. Alles klar, sehr originelle Ausrede, aber ich war dennoch froh darüber.
Es war einfach etwas an Michelle, sie hatte so eine besondere Art. Michelle hat schöne lange blonde Haare und ganz weich aussehen, die aber nicht gefärbt sind wie bei all den anderen. Ich kann so etwas sehr gut unterscheiden.
Ob ihre leichten Locken auch echt waren, wusste ich nicht. Bald wusste ich es, sie sind echt. Und sie hat so schöne Sommersprossen.
Michelle nahm diese kleine Tüte mit dem Brötchen von mir und sagt zu mir, »wollen wir in mein Zimmer gehen? heute war nichts los und da kommt jetzt auch nichts mehr, Gott sei Dank. Du kannst mir ja ein wenig Gesellschaft leisten wenn Du möchtest, komm doch einfach mit, na komm schon her.«
Es ist alles so weich und sehr viel Wärme liegt in dem was sie sagt und vor allem, wie sie es formuliert.
Sie hat mich angesprochen und es ist ja auch genau das, was ich mir wünsche. Doch ich stehe zögerlich herum und weiß nicht so richtig, was ich jetzt machen soll. Aber sie nimmt einfach meine Hand als ob es das Selbstverständlichste wäre, und ich ging mit ihr mit.
Michelle hat so etwas Wahres an sich, was mich auf eine ganz eigenartige Weise berührt. Es sind so Gedanken in mir die ich gar nicht irgendwohin zuordnen kann, doch ich bin mir sicher und davon überzeugt, dass sie diejenige für mich sein wird. Mit Sicherheit bin ich zehn Jahre jünger als sie, oder sie zehn älter, je nachdem wie man es man es sieht, aber das ist mir egal. Ich fühle mich einfach von ihr angezogen und alles andere zählt für mich nicht und hat keinerlei Bedeutung. Ich habe schon immer ein bisschen anders gedacht als die meisten Menschen, das habe ich bestimmt von meinen Vater, von der Mutter konnte es jedenfalls nicht kommen. Das ist mir klar. Ich bin auch sehr froh über diese ganz eigene Art des Denkens. Damit möchte ich nicht behaupten, dass ich der einzige bin, aber als etwas Besonderes fühle ich mich schon. Es ist doch auch schön, dass die Menschen so verschieden sind, sonst wäre es doch verdammt langweilig auf dieser Welt, diesem Planeten, der niemals aufhören wird sich zu drehen und um seinen Stern seine Runden zu drehen. Er macht das ja schon seit ein paar Jahren und wird sicher auch seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht haben.
Michelle mag mich wohl auch ganz gerne und möchte vielleicht nur ein bisschen reden, einmal etwas anderes sagen und hören als diese dummen Sprüche die sie hier immer alle von sich geben. Die Männer und die Frauen.
Das habe ich mir zumindest gewünscht. Ich mochte sie seitdem ich sie vor ein paar Wochen zum ersten Mal gesehen habe.
Hier sind sehr viele schöne Frauen, doch Michelle war die Schönste für mich von ihnen und hat so ganz etwas Anderes an sich, ich kann es nicht beschreiben, ich weiß, ich wiederhole mich, als alle anderen in diesem Hof, sie sprach auch nicht so wie die. Sie war für mich genau das, was ich mir unter einer Frau vorstelle und mir für mich später einmal erhofft habe.
Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie sich einen Stolz und ihre Ehre, ich weiß nicht, ob es das richtige Wort ist, aber ich denke schon, für etwas aufgehoben hat und sich in ihrem Job gedanklich von ihrem Körper trennen kann, den sie für ihren Beruf braucht.
Ich kann mir allerdings nicht vorstellen wie das gehen soll und wie ich überhaupt auf den Gedanken gekommen bin, aber ich glaube es stimmt.
Viele Frauen sind hier, weil etwas, einiges oder sehr viel verdammt schief gegangen ist in ihrem Leben und es nicht so lief, wie sie sich das einmal dachten und vorgestellt haben. Manche werden auch von irgendwelchen miesen Typen dazu gezwungen, einige machen es auch, und das sind hier die meisten, weil es für sie eine ganz einfache Art ist um relativ viel Geld zu verdienen. Die machen es nur deswegen und träumen davon, sich später einmal ein Lokal zu kaufen oder eine Boutique auf zu machen.
Ich kenne das alles, ich lebe in diesem Viertel lange genug und mir kann hier keiner etwas erzählen, das ich noch nicht kenne.
Mir ist bis jetzt kein Fall bekannt, von Einer, die es auch nur im Ansatz geschafft hat. Die Frauen blieben hier, wurden immer älter, gingen vor die Hunde und landeten auf dem Straßenstrich und was da läuft, weiß ich inzwischen auch. So sieht das Ende aus.
Was Michelle hierher in den Hof gebracht hat weiß ich nicht und kann mir es auch nicht so richtig vorstellen. Sie hat so viel Edles und eine ganz eigene, feine Ehrlichkeit an und in sich.
Sie passt hier einfach überhaupt nicht hin, in diesem Dreck hat sie doch nichts verloren. Aber ich habe mir vorgenommen, sie niemals danach zu fragen.
Später hat sie mir einmal von sich aus erzählt wie sie Ihren Job gemacht hat. Die Männer mussten sich ausziehen und sie hat ihnen alles von sich gezeigt. Doch keiner durfte sie anfassen und sie hat auch niemanden berührt. Das hat die Männer noch schärfer gemacht. Sie hatte ihren ganz eigenen Geschäftsplan und es hat sehr gut funktioniert. Die Typen haben sich bei dem Anblick einen runtergeholt und sie ordentlich dafür bezahlt.
Michelle brauchte anschließend nur das Handtuch zu wechseln auf dem sie gesessen haben. Das war alles, aber sie hatte sehr viele Stammkunden. Manche kamen sogar fast jeden Tag. Mit Luden hatte sie nie irgendwelche welche Probleme, dafür hat der Vermieter des Zimmers gesorgt. Er bekam ja auch genug Geld dafür.
Ich habe den schon öfter gesehen und wusste gleich, dass er ein mieses Schwein ist. Solche Leute mochte ich noch nie und diesen einen schon gar nicht. Ich mag es nicht wenn Menschen andere ausbeuten und für sich arbeiten lassen, aber das ist ja überall so, ob hier, ob im Büro, in einer Fabrik oder beim Discounter an der Kasse.
Ihr Zimmer hat sie sehr hübsch eingerichtet und es war gar nicht so wie ich es hier erwartet habe. Alles ist in ein leichtes Rot getaucht und ein süßlicher, aber ganz dezenter Geruch oder Duft ist in diesem kleinen Raum. Zwei moderne Bilder hängen an der Wand.
Sie setzt sich auf einen der zwei kleinen Sessel und isst das, was ich ihr mitgebracht habe. Es war ein Brötchen mit gekochtem Schinken und ein paar Scheiben Gurke und Tomate. Ich hatte noch eine Tafel Schokolade für sie mit in die Tüte getan, ich wollte sie damit überraschen. »Oh, das ist aber ganz lieb von Dir, vielen Dank, ich liebe Schokolade.«
Wir reden über alles Mögliche, die meisten Älteren fragen einen ja immer nur nach der Schule und wie es da läuft, wollen wissen, wie die Zensuren so sind, und eventuell noch nach den Hobbys, die man hat, aber das macht sie nicht.
Sie möchte wissen, wie ich so lebe und was ich denke und dann fragt sie mich nach meinem Alter und ich sage vierzehn, vierzehn bin ich. Eigentlich wollte ich gerade schon sechzehn sagen, aber warum soll ich etwas Falsches antworten, jetzt, wo ich endlich bei ihr sein kann.
Ich mag sie doch so gern, da kann ich nicht gleich mit einer Lüge anfangen.
»Dann wird es ja langsam Zeit, meinst Du nicht auch, oder hast Du es schon einmal, möchtest Du? magst Du mich, und möchtest mich jetzt haben, nur mich?
Entschuldigung, so war das jetzt nicht für Dich gemeint, das ist wohl schon die erste Form von Berufskrankheit, pardon, aber komm doch bitte einfach zu mir, komm bitte zu mir.«
Für mich sind es nur drei Schritte und sie drückt mich ganz fest an sich. Vorher habe ich noch nie den Körper einer Frau so gespürt und hatte keine Ahnung davon, wie schön das sein kann.
Es war herrlich. Hier, an ihrem Körper hätte ich ewig bleiben können, so wohl fühlte ich mich.
Sie zieht mich aus und hilft mir aus meiner Hose.
»Ich werde Dir alles zeigen was Du lieben wirst und wissen musst, damit Dich später einmal eine richtige Frau auch lieben wird.«
»Ja, ich möchte, und ich habe Dich sogar sehr gern.«
Sie nimmt mich erst in ihre Hände und dann in den Mund und ich stehe da und zittere.
So nervös wie jetzt bin ich noch nie in meinem ganzen Leben gewesen und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll und es ist mir fast peinlich. Am liebsten würde ich jetzt rauslaufen, der Gedanke ging auch kurz durch meinen Kopf, aber er war wieder schnell weg, denn ich traue mich nicht und möchte es ja auch gar nicht.
Ich will jetzt hier bleiben. Es wird etwas mit mir geschehen, was genau das ist, weiß ich nicht, aber es wird etwas sein, das ich noch nicht kenne.
Sie hört auf und sieht mich direkt an.
»Habe keine Angst, Du darfst niemals Angst haben, wenn etwas Neues mit Dir passiert, ich tue Dir nichts, und werde es niemals machen, das verspreche ich Dir.« Das alles hat sie ganz ruhig, sehr ernst gesagt und mir dabei in die Augen gesehen.
Es waren nur drei kleine Schritte, die meinem Leben eine neue Richtung gaben. Das alles ist so neu für mich.
Wir gingen in ihr Bett und zuerst brachte sie mir das richtige Küssen bei, ich kenne das alles doch noch gar nicht, und danach zeigte sie mir, was ich mit ihren Busen machen soll.
Sie hat mir alles gesagt, »nein, nicht so, du musst viel weicher sein, weicher werden, und du hast auch eine Zunge, mit der kannst Du sehr viel machen, versuche es mal, das andere kommt nachher.«
Ich war so aufgeregt, dass ich gar nicht gefunden habe wo ich in sie rein gehen soll, aber auch das hat Michelle für mich gemacht und mir genau gezeigt wie es geht.
»Da ist sie, und jetzt musst Du Dich nur ruhig bewegen, ganz langsam, Du musst erst spüren, wie ich innen bin und wie es in mir aussieht und was da alles ist damit Du weißt wo Du bist, Du musst es Dir einfach nur vorstellen, und Dich auch selber spüren. Zwei, drei Minuten nur so, und versuche Dich bitte noch ein wenig zurückzuhalten aber dann möchte ich von Dir auch alles haben.«
Sie hat das alles ganz leise und zärtlich zu mir gesagt.
Ich war noch immer sehr aufgeregt aber es ging trotzdem und war einfach nur schön.
Es war Hundert mal besser als das, was ich vorher immer mit mir in meinem Zimmer selber gemacht habe, aber daran habe ich in dem Moment gar nicht gedacht.
Meine Gedanken waren jetzt nur bei ihr und bei mir. Dabei möchte ich jetzt überhaupt gar nicht denken, jetzt in diesem Moment, in dem, was da gerade mit mir passiert und das ich erlebe. Nein. Mein Denken hört auf und ich sehe nur noch sie.
Michelle hat mich wieder fest gemacht und sich auf mich gesetzt. Dann ging sie wieder runter von mir und hat mich an ihren Körper gedrückt und mein Gesicht an ihren Bauch und danach zwischen ihre wunderschönen Beine.
Ich habe mir alles angesehen und habe dann angefangen und ich habe dieses kleine Wunder gefunden, dass für mich ab jetzt wie eine Prinzessin ist. Michelle drückte meinen Mund fest an sich und ich konnte gar nicht genug von ihr bekommen. Da war etwas so Süßes in ihr drin und ich wollte mehr davon haben. Immer mehr.
Sie hat sich bewegt und gab mir immer wieder ihren Schoss. Ihr Atem ging schneller und sie hat ein bisschen gestöhnt, dann kam noch ein leises Lachen von ihr dazu und danach ein ganz kurzes Weinen. Genauso wie eben, als sie auf mir saß.
Ich bin wieder hoch an ihrem Körper und dieser feinen zarten Haut, jeden Zentimeter von ihr habe ich geküsst und an ihrem Busen blieb ich liegen.
Ich wusste ja jetzt was ich da machen soll, was sie möchte und was mir meine Wärme gibt, die, die ich so sehr brauche, mich nach ihr gesehnt, und bislang nie bekommen habe.
Michelle hielt mich fest in ihren Armen und ich fühlte mich so aufgehoben und auf eine Art beschützt wie ich es noch niemals vorher gespürt hatte und erleben durfte.
Wie kann so etwas nur so schnell gehen, wie kann es sein, dass man auf einmal weiß, zu wem man gehört und wen man gerne für sich haben möchte und für ihn da sein will? Und das alles in nur einer Stunde. Es war alles so verwirrend für mich und für sie sicherlich auch. Aber jetzt habe ich einen Plan für mein Leben, wie genau der aussehen soll wusste ich allerdings noch nicht, aber das Michelle eine Hauptrolle darin einnehmen wird war mir sofort klar. Ich war das erste Mal verschossen in meinem Leben und hatte doch Angst, dass alles für sie nur ein Spiel war.
Aber das war es nicht und sie hat es mir auch sehr bald gezeigt.
Wir gingen zusammen aus dem Haus und bevor die anderen Frauen irgendwelche Sprüche machten, sagte sie, »dass ist mein Neffe, den kennt ihr ja und ihr braucht gar nicht so komisch zu schauen.«
Das mit dem Neffen fand ich recht originell.
»Soll ich ab jetzt Tante Michelle zu Dir sagen?«
Michelle musste lachen und nahm mich kurz in ihre Arme.
Draußen auf der Straße schrieb sie mir ihren Namen und die Adresse auf einen Zettel.
Sie mache immer nur die Tagesschicht bis fünf, sagt sie noch, da wäre nicht so viel los und die wenigen Kunden sind noch nüchtern und nicht so schlimm wie die am Abend oder die, die in der Nacht kommen.
Über meinen Besuch bei ihr würde sie sich sehr freuen.
Dann ging sie einige Schritte und drehte sich noch einmal zu mir um und sagte, »Danke, ich danke Dir sehr.« Und ich stand da und sah ihr nach. Erst jetzt wusste ich langsam was da vorhin geschehen ist und was mit mir …, nein, bloß nicht jetzt lange nachdenken, es war einfach nur warm, so neu für mich und so schön.
Und ich glaubte auch, dass sie etwas an dem Nachmittag gefunden hat, was sie vorher nicht kannte. Heute weiß ich, dass ich damit richtig lag.
Zwei Tage später, am Sonnabend wollte ich ihr wieder ein Brötchen und Schokolade bringen, aber Michelle war nicht mehr in dem Kontakthof. »Nee, Deine ›Tante‹, die hat jetzt einen neuen Job, Michelle ist raus hier, die hat jetzt etwas anderes gefunden, aber Du kannst ja auch mal mit mir mitgehen, ich mache es Dir sicherlich noch besser.« Und dann lachten sie alle und ich kam mir ziemlich blöd vor und wollte nur noch schnell weg von hier, und bin raus aus dem Laden.
Meine Brötchen habe ich seitdem nur noch an die Damen in der Herbergsstraße geliefert. Das ist zwar schlecht für mein kleines junges Geschäft, aber in den Hof mochte ich nie wieder gehen. Meine Befürchtung war nur, dass sie in einem anderen Puff gelandet ist, aus welchen Gründen auch immer.
Mit meinem Rad fahre ich zu ihrer Straße und stelle das Fahrrad in den Flur von diesem Haus und gehe die Treppen rauf, suche ihren Namen an den Türen und Klingelschildern. Es ist ein Altbau und in der dritten Etage rechts, da finde ich ihre Wohnung.
Ich klopfe und ich höre die Schritte. Klack, klack, klack. Sie fragt, wer da ist, ich antworte und Sie macht die Tür auf und steht vor mir, noch viel schöner als vor zwei Tagen auch ihr Lächeln ist irgendwie, auf eine gewisse Art noch weicher geworden.
Sie trägt einen Kimono und hat sich die Haare anders zu recht gemacht. Ich stehe da mit meiner Brötchen-Tüte, etwas, nein, eigentlich richtig verlegen, aber wieder nimmt sie auch das von mir und sagt einfach nur, »es ist sehr schön, dass Du Deinen Weg zu mir gefunden hast, komm bitte rein, ich freue mich sehr über Deinen Besuch.«
Wir gehen in die Küche, sie macht uns etwas zu essen und stellt zwei Kerzen auf den Tisch. Ein Licht für mich und eines für sie. Mein Brötchen, das ich für sie mitgebracht habe wirft Michelle weg, das gehört für sie wohl zu einer längst vergangenen Zeit. Die Schokolade behält sie aber und legt sie auf den Tisch.
Michelle heißt wirklich Michelle, der Name war mal in Mode, hat sie mir gesagt.
Nach dem Essen gehen wir in ihr Wohnzimmer und legen uns auf das Sofa.
Ich darf wieder an dieser schönen und warmen Frau liegen, die mir so viel gibt, wir halten uns fest und sie streichelt mich.
Wir reden gar nicht viel und leben, erleben einfach nur das, was jetzt gerade im Moment ist. Ich lege meinen Kopf wieder dahin, wo er meint dass es für ihn am schönsten ist. Die Nacht über bleibe ich bei Michelle und es wurde für mich noch schöner als vor zwei Tagen in ihrem kleinen roten Zimmer, doch dieses mal bin ich schon viel ruhiger.
Verknallt bin ich in sie ja schon seit einigen Wochen, aber jetzt bin ich wirklich verliebt, oder ist das schon die wirkliche Liebe? Ist es für mich jetzt schon das Wahre, das ganz Große? Und was ist es für sie?
