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Das Leben an der Côte d'Azur der 1920er Jahre ist aufregend. Und so weht stets ein Hauch von "The Great Gatsby" durch die Seiten dieses fabelhaften Romans. Im Herzen der Handlung stehen Gerald Murphy und Sara, in deren Haus Berühmtheiten wie Hemingway, die Fitzgeralds und Picasso verkehren. Auch Gerald ist Maler. Sara und er heiraten gegen den Willen ihrer Eltern. In der Villa America verbringen sie regelmäßig die Sommersaison inmitten ihres Freundeskreises aus exzentrischen Künstlerpersönlichkeiten. Heimlich beginnt Gerald eine Affäre mit dem Piloten Owen. Und im Laufe der Zeit trüben Intrigen und Eifersüchteleien das unbeschwerte Leben in der prächtigen Villa. Hat Saras und Geralds Ehe noch eine Chance? Liza Klaussmann ist ein mitreißender Künstlerroman gelungen, eine fein gezeichnete Milieustudie, in der fast alle Charaktere historisch belegt sind.
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Seitenzahl: 621
Veröffentlichungsjahr: 2016
Liza Klaussmann
Roman
Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Das Leben an der Cote d’Azur der 1920er Jahre ist mondän, elegant und aufregend. Regelmäßig verbringen der Maler Gerald Murphy und seine Frau Sara die Sommermonate in ihrer Sommerresidenz Villa America. Pablo Picasso, Ernest Hemingway, John dos Passos, Zelda und Scott Fitzgerald und viele andere berühmte Künstler gehen bei den Murphys ein und aus. Man feiert extravagante Partys, tanzt unter freiem Sternenhimmel oder diskutiert nächtelang über Politik, Mode und natürlich Kunst. Doch im Laufe der Zeit trüben Intrigen und Eifersüchteleien das unbeschwerte Leben in der prächtigen Villa. Als Gerald heimlich eine Affäre mit dem Piloten Owen beginnt, brechen schwere Zeit für die Murphys an.
Ein außergewöhnlicher Künstlerroman, atmosphärisch und klug geschrieben, inspiriert von den Biographien der realen historischen Persönlichkeiten.
Motto
Was verloren ging
1935. Kapitel
Das Erwachen
1898. Kapitel
1910. Kapitel
1913–1914
1915. Kapitel
1918. Kapitel
Die goldene Schale
1923. Kapitel
1924. Kapitel
1925. Kapitel
1926. Kapitel
1927–1928
1929. Kapitel
1930. Kapitel
1931. Kapitel
1932. Kapitel
1933. Kapitel
1934. Kapitel
1935. Kapitel
1937. Kapitel
Was gefunden wurde
1928. Kapitel
Anmerkungen der Autorin
Danksagung
Zitierte Werke
Dies eine weiß ich:
dass die Lebenden weiterleben
und die Toten mit ihnen …
so dass in der Natur wie in der Liebe
nichts vergeblich ist.
Laura Crafton Gilpin
Ein Romanautor hat gewöhnlich nur eine einzige Botschaft: »Hier habt ihr eine von vielen Möglichkeiten, wie wir Menschen sein können.«
Eudora Welty
An dem Nachmittag, an dem Owen Chambers’ Leiche aus der Baie des Anges gezogen wurde, war der Himmel blau wie ein Drosselei. Erst nach drei Tagen hatten sie sich zu ihm vorgekämpft – Springfluten vor der Küste von Antibes und das Fehlen geeigneter Geräte –, und als sie ihn endlich bargen, schlängelten sich Algen durch sein wirres blondes Haar. Er war kaum mehr wiederzuerkennen.
Er war an einem schon fast sommerlich heißen Märzmorgen im eigenen Flugzeug gestartet; zurückgelassen hatte er einen Brief, den sein Freund Vladimir Orloff verschwinden ließ und dessen Inhalt niemand je erfahren sollte.
Man wusste über ihn nur, dass er Amerikaner und im Ersten Weltkrieg Pilot gewesen war, dass er allein gelebt und sich eine Zeitlang in den Kreisen der amerikanischen Künstler- und Schriftstellerkolonie an der Côte d’Azur bewegt hatte, bis diese Leute auseinandergegangen und in ihre Heimat zurückgekehrt waren.
Da er unter den Einheimischen nur wenige Freunde gehabt hatte – einen Automechaniker, der für ihn tätig gewesen war, mehrere Piloten eines nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkts und den aus Weißrussland stammenden Vladimir –, fiel das Begräbnis kurz und bescheiden aus. In den Grabstein wurden nur sein Name und das Sterbedatum gemeißelt. Alles andere verschwand mit ihm.
Am selben Tag, an dem man Owen aus dem Meer zog, hörte Tausende Meilen entfernt auf der anderen Seite des Atlantiks in einem düsteren Bostoner Krankenhauszimmer das Herz des fünfzehnjährigen Baoth Murphy für immer auf zu schlagen.
Zehn Tage lang hatten seine Mutter Sara und sein Vater Gerald am Bett des nach Luft ringenden, sich vor Schmerzen krümmenden Sohnes ausgeharrt. Als der Junge gestorben war, weigerte sich Sara, seinen Tod zu akzeptieren. Erst nachdem man sie ruhiggestellt hatte, ließ sie sich vom Bett ihres Kindes wegführen.
Sara, sagte später eine Freundin, habe alle ihre Feinde schon am Eingangstor bekämpft, und als dieses überrannt worden sei, keine Türen mehr gehabt, die sie hätte schließen können.
Gerald dagegen verließ lautlos das Krankenzimmer und blieb eine Weile draußen auf dem stillen Gang stehen. Jeden, der vorbeiging, bedachte er mit einem leichten, fast freundlichen Nicken.
1898–1918
Auf dem ganzen Heimweg von der Schule dachte Gerald nur an Pitz. Ab dem Augenblick, als die Glocke in der Blessed Sacrament Academy zu läuten begann, und auf dem langen Fußmarsch durch den Central Park, während die Kinderfrau sein Handgelenk so fest umklammerte, dass es weh tat, bis zu seinem Elternhaus in der West Fifty-Seventh Street. Als sie das Stadthaus erreichten, war er so aufgeregt, dass er bei dem Gedanken an den Hund, der hinter der schweren schwarzen Tür auf ihn wartete, fast in die Hose gepinkelt hätte.
Pitz hatte er ein knappes Jahr zuvor als ganz besonderes Geschenk zum zehnten Geburtstag bekommen. Seine Mutter hatte an Schwangerschaftsübelkeit gelitten, was immer das war, und Gerald hatte Pitz erhalten, um, so sein Vater, Verantwortung für etwas zu übernehmen. Gerald hatte die Worte vernommen, aber nicht erfasst, denn gleich darauf war der drahthaarige Foxterrier in den Salon gestürmt.
Heute wurde sein Freund genau ein Jahr alt, und Gerald hatte zwei Butterkekse vom Mittagessen für ihn abgezweigt. Er hatte gut achtgegeben, damit die Kekse in der Tasche des Wollmantels nicht zerkrümelten und die Kinderfrau sie nicht entdeckte.
Die Kinderfrau hasste Pitz. Sie sagte immer, er sei schmutzig und werde sie eines Tages alle beißen und vielleicht sogar das Baby im Schlaf ersticken, aber Gerald wusste, dass das eine Lüge war. Pitz war ein ganz besonderer Hund. Er war sein ganz besonderes Geschenk gewesen, und jetzt war er sein bester Freund. Etwas ganz, ganz Besonderes. Und das Großartigste war, dass der Hund Geralds Gedanken zu lesen vermochte. Man konnte es sogar sehen: Immer wenn Gerald an etwas Geheimes dachte, legte Pitz den Kopf schief. Dann wusste Gerald, dass Pitz seine Gedanken kannte.
Endlich ging die schwarze Tür auf. Als Gerald den Hund dahinter warten sah, hätte er vor Erleichterung am liebsten geweint. Er wusste nicht warum, aber er hatte Angst, dass sich die Tür eines Tages öffnen und Pitz nicht dahinter sein könnte.
»Wenn du unbedingt mit dem Drecksköter spielen musst, dann nur draußen im Garten!«, sagte die Kinderfrau.
Gerald sah Pitz an und tastete vorsichtig nach den Keksen in der Tasche. Es war Januar, der Wind brannte auf der Nase, aber dem Jungen war es lieber, draußen mit Pitz zu frieren, als es drinnen mit der Kinderfrau warm zu haben. Er ging zur Hintertür.
»Gerald Clery Murphy!« Die Kinderfrau konnte ihre Stimme in die Höhe schrauben. Anders wusste Gerald es nicht zu beschreiben, wenn diese Stimme immer größer und größer wurde, bis sie sich schließlich bedrohlich über ihm auftürmte. »Was tun wir als Erstes?«
Widerwillig machte Gerald kehrt und stieg die Treppe hinauf, um sich umzuziehen. Pitz sah ihm nach und hütete sich, ihm in den ersten Stock zu folgen, solange die Kinderfrau in der Nähe blieb.
Es war kalt im Haus, und die zugezogenen Vorhänge sperrten das letzte verbliebene Tageslicht aus. Sein Vater sagte immer, nur Kranke würden in warmen Häusern wohnen, und die Murphys wären nie krank. Aber Mutter war von dem Baby krank und sehr blass gewesen und hatte oft mit schriller Stimme nach der Kinderfrau gerufen, weil es dem Baby nicht gutging oder etwas mit dem Baby nicht in Ordnung war.
Im Obergeschoss musste Gerald sehr leise an der Tür seiner Mutter und am Kinderzimmer vorbeigehen, damit Mutter nicht gestört wurde. Die Kinderfrau marschierte hinter ihm her. Er hoffte, sie würde ihm nicht den Mantel mit den Keksen abnehmen, denn dann bekäme er eine Strafe, und Pitz würde man wieder in den Keller sperren. Pitz musste in seinem Korb in dem kleinen Raum neben der Küche schlafen, aber dort war es immer kalt, sogar im Sommer. Wenn es abends still wurde im Haus, schlich sich Gerald nach dem Nachtgebet hinunter und brachte den Hund hinauf in sein Bett im zweiten Stock.
Hin und wieder sah die Kinderfrau nach ihm, und wenn sie Pitz entdeckte, musste sein Freund in den Keller. Manchmal ließ sie ihn erst am nächsten Nachmittag wieder heraus. Dann erkannte Gerald in den Augen seines Freundes das Entsetzen nach einem ganzen Tag im Dunkeln ohne Fressen und Wasser. Wenn das passierte, sah Gerald ein, dass es seine Schuld war, und er schmuggelte Pitz eine Zeitlang nicht in sein Zimmer; doch nach sechs, sieben Tagen hielt er es nicht mehr aus und ging das Wagnis aufs Neue ein.
»Gib mir den Mantel!«, sagte die Kinderfrau und streckte Gerald ihre kräftige Hand entgegen. »Bei dem Schmuddelwetter ziehst du deine Pelerine an.«
Während Gerald nach einem Vorwand suchte, um den Mantel anzubehalten, begann hinter der Kinderzimmertür seine Mutter zu schreien. »Kommen Sie, Sie müssen sich die Kleine ansehen – ihre Haut ist so unnatürlich verfärbt!«
Die Kinderfrau wandte sich von Gerald ab und meinte barsch: »Regen Sie sich nicht auf, Mrs. Murphy! Dem Baby geht es gut. Ich komme gleich zu Ihnen.«
»Ja, bitte kommen Sie!«, rief seine Mutter, aber es klang schon weniger panisch. »Ja, ja«, fügte sie ein paar Sekunden später wie im Selbstgespräch hinzu.
Gerald ergriff die Gelegenheit und sauste die Treppe weiter hinauf. Jetzt war sein Mantel mit der wertvollen Fracht vor dem Zugriff der Kinderfrau sicher.
Er zog die Schuluniform aus, breitete die Knickerbocker über den Stuhl und legte Hemd und Pullover für den nächsten Morgen zusammen. Dann schlüpfte er in die Sachen, die er immer beim Spielen trug, zog den Wollmantel wieder über und machte sich auf den gefährlichen Weg zu Pitz hinunter.
Am Fuß der Treppe ging er in die Knie, umarmte den kleinen Foxterrier und schmiegte seine Wange an den Hundehals. Es roch nach Erde und nach Tier, nach frischem Brot und Laub, und Pitz’ Fell, so rauh wie Geralds Haarbürste, pikste an der Nase.
Der Hund blieb regungslos stehen und ließ sich trotz der duftenden Kekse in der Tasche des Jungen geduldig drücken. Gerald seufzte leise auf; es klang wie ein Gebet.
Zum ersten Mal an diesem Tag berührte Gerald Murphy etwas Warmes.
Gerald aß sein Abendessen allein an dem kleinen Tisch im Kinderzimmer. Außer dem Tisch befanden sich in dem Raum ein kleiner Stuhl, eine Schiefertafel zum Rechnen, ein Schaukelpferd, auf dem man sehr unbequem saß (ein Geschenk seines Onkels), und mehrere Kladden, in denen Gerald vor den Mahlzeiten Schönschrift üben musste.
Früher hatten zwei Stühle hier gestanden, doch als Geralds Bruder Fred ins Internat kam, hatte man den einen fortgeschafft. Gerald vermisste seinen Bruder nicht sehr. Fred war zwar nie unfreundlich gewesen, doch er hatte immer wie ein Straßenbahnschaffner mit ihm gesprochen – höflich, aber so, als wäre er da und gleichzeitig nicht da. Das Baby war noch zu klein, um mit ihm im Kinderzimmer zu essen, aber Gerald hoffte, dass seine Schwester bald alt genug wäre und er jemanden zum Reden hätte.
Das einzig Gute am Kinderzimmer war das riesige Rundbogenfenster mit Aussicht auf die Fifty-Seventh Street. Durch dieses Fenster konnte Gerald die Leute draußen beobachten und sich Gedanken über sie machen, während er sein gekochtes Rindfleisch aß.
Er kaute gerade an einem besonders zähen Stück, als vor dem übernächsten Haus ein Hansom Cab hielt. Sofort schob er seinen Stuhl so um den Tisch herum, dass er das Gefährt im Blick behalten konnte. Ein Herr im Abendanzug stieg aus; die Dame, die ihm folgte, trug ein dunkelblaues Kleid und stützte ihre behandschuhte Hand leicht auf seinen Arm. Ein welkes, braunes Eichenblatt fiel auf den Hut des Mannes. Die Dame neigte ihrem Begleiter ein wenig den Kopf zu, und Gerald glaubte zu sehen, dass sie lächelte, nachdem der Mann etwas gesagt hatte. Ihr Lächeln erinnerte ihn an eine Freundin seines Vaters in Atlantic City.
Dorthin war sein Vater im zurückliegenden Frühjahr mit ihm gefahren. Gerald sollte sich die Strandpromenade ansehen und ein bisschen frische Luft schnappen. Mutter hatte Sorge wegen seiner blassen Gesichtsfarbe, die sie auf seine reizbare Galle zurückführte. Gerald war beunruhigt, weil er nicht wusste, was das zu bedeuten hatte, und weil es gefährlich klang. Er wollte Vater danach fragen und hätte es während der Straßenbahnfahrt zum Fähranleger beinahe getan, doch auf dem Dampfer, der sie über den North River und zum Bahnhof von Paulus Hook brachte, vergaß er es wieder.
Noch bevor das Signalhorn die Abfahrt verkündete, zogen die gerahmten Reklameplakate an der Wand der langen, mahagoniverkleideten Kabine Gerald in ihren Bann. Er kniete sich auf die Bank, um die Bilder besser betrachten zu können, bis Vater ihn mit dem Spazierstock antippte. Gerald setzte sich sofort richtig hin, aber er musste sich sehr zusammenreißen, um nicht mit den Beinen zu schlenkern.
Als das Schiff ablegte, erhob sich Vater, bedeutete ihm, ebenfalls aufzustehen, und ging an Deck. Es war ein nasskalter Vormittag. Grau in grau hing der Himmel über dem Hafen, und die Landungsbrücken in Manhattan durchstießen den Nebel wie Fangarme, die sagen wollten: Bleib da! Bleib da! An einem der Piers hatte ein riesiger Dampfer festgemacht, und ein imposantes Schleppschiff mit einem großen, dicken »C« auf dem Schornstein fuhr so dicht an ihnen vorbei, dass Gerald glaubte, er bräuchte nur den Arm auszustrecken, um es zu berühren.
Er hätte sich gern an seinen Vater gelehnt, hätte so gern den leichten grauen Wollstoff des Anzugs gefühlt. Vater trug immer denselben Anzug, aber Gerald konnte sich nicht erinnern, ihn je berührt zu haben. Jetzt wollte er es wagen, es war so kalt. Er rückte ein wenig näher. Im selben Augenblick trat sein Vater zur Seite, reckte den Arm in die Höhe und deutete auf etwas.
»Siehst du das große Gebäude da drüben? Sechs Straßen weiter arbeite ich.«
Die Mark Cross Company, Vaters Firma. Lederwaren und Sattelzeug für den anspruchsvollen Herrn.
»Und das große Gebäude, was ist das?«
Vater warf ihm einen ärgerlichen Blick zu, weil Gerald ihn unterbrochen hatte.
»Das ist das American Surety Building.«
»Warum ist es so viel größer als die anderen?«, fragte Gerald wagemutig weiter.
»Weil es nun einmal so ist.«
»Wie kann man etwas so Hohes bauen?« Er wusste, dass er sich auf dünnem Eis bewegte.
»Das ist ein Wolkenkratzer. Sie haben dieses Gebäude so hoch gebaut, weil sie es so wollten.«
Gerald sah seinen Vater an, der den Blick über den Fluss hinweg auf das große Gebäude gerichtet hielt. Sein Vater dachte über etwas nach. Diesen Ausdruck hatte er manchmal, wenn Gerald zum Gutenachtsagen ins Arbeitszimmer geschickt wurde und sein Vater, die Hand an die glatte Stirn gelegt, gerade etwas las.
»Das müsst ihr noch lernen, Gerald, du und dein Bruder«, sagte sein Vater. »Sich etwas vorzunehmen und bis zum Ende dabeizubleiben. So ist dieses Gebäude entstanden. So entsteht alles, was der Mühe wert ist.« Vater klopfte mit dem Spazierstock an die Reling, drehte sich um und ging wieder hinein. Gerald folgte ihm. Er staunte noch immer darüber, wie man das große Gebäude hatte bauen und so hoch hinaufklettern können, ohne hinunterzufallen.
Nach der Fähre saßen sie lange im Zug. Vater las Gerald sehr ausführlich aus dem Buch eines Mannes namens Ralph Waldo Emerson vor (dessen Büste in Vaters Arbeitszimmer stand und Gerald argwöhnisch beobachtete, wenn er sich verbotenerweise hineinschlich), und dann waren sie in Atlantic City.
Gerald war schon am Meer gewesen, aber noch nie in einer Stadt am Meer wie dieser, mit riesigen Hotels und einem Gehweg aus Holz voller Menschen gleich neben dem Sand und hohen, meilenweit ins Wasser ragenden Piers, die ihn an Clowns auf Stelzen erinnerten. Es gab Geschäfte mit allen möglichen Sachen, die Gerald nicht kannte, und Paare, die in Zweierrollstühlen vorbeiflitzten. Am Eingang zum Young’s Pier stand ein gigantischer Eiswasserbrunnen. Vor dem Heinz Pier, dessen »feierliche Eröffnung« den Worten seines Vaters zufolge noch nicht lange zurücklag, bekam er eine Anstecknadel in Form einer süßsauren Gurke.
Auf der Promenade blieb er immer nah bei Vater, der ihm nach einer Weile ein großes Gebäude zeigte, auf dem ganz oben eine riesige Fahne wehte. Das sei ihr Hotel, das United States Hotel. Der Name beeindruckte Gerald enorm.
Am Abend verkündete Vater, er gehe nun ins Theater, um sich ein Stück mit einer berühmten französischen Schauspielerin anzusehen. Gerald wollte nicht allein im Zimmer bleiben, aber Vater konnte es nicht ausstehen, wenn man Zicken machte. Deshalb sagte er nichts, als Vater in Abendkleidung wegging, nachdem er zuvor das Licht gelöscht hatte.
Gerald lag im Dunkeln und dachte an das Spiel, das er Pitz beibringen wollte. Er wollte seine Spielzeugsoldaten, die im Weihnachtsstrumpf gelegen hatten, in einer Reihe aufstellen, und der Hund sollte sie einen nach dem anderen mit der Schnauze umstoßen. Er schloss die Augen und versuchte sich seinen Freund vorzustellen. Schließlich rollte er das Kissen zusammen, schob es neben sich, legte den Arm darüber, als wäre es Pitz, und schlief ein.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, drang Gelächter aus dem Salon, der zwischen seinem Schlafzimmer und dem des Vaters lag. Gerald stieg aus dem Bett und öffnete die Tür. Im jungen Licht sah er eine dunkelhaarige Dame, die ein malvenfarbenes Kleid trug und lachend über Vaters Knie lag. Als sie Gerald erblickte, verstummte sie augenblicklich, aber Vater zuckte nicht mit der Wimper. Einen Moment lang war sich Gerald nicht sicher, ob Vater wirklich Vater war; er sah anders aus als sonst, leichter irgendwie, netter.
»Miss Church hat gerade ihren Handschuh gesucht, Gerald«, erklärte Vater und stupste die Dame sanft vom Schoß.
»Ach so.« Gerald rieb sich die Augen und betrachtete verstohlen seinen zerknitterten Schlafanzug.
Dann sah er wieder zu der Dame hin. Sie hatte ein hübsches Gesicht und ein freundliches Lächeln, und Gerald fragte sich, ob sie den Tag mit Vater und ihm verbringen würde. Doch da griff Miss Church schon nach ihrem Umhang, hielt einen Handschuh in die Höhe und sagte: »Ach, da ist er ja. Auf Wiedersehen, Patrick – sehr erfreut, Gerald.«
Gerald lächelte und sagte: »Auf Wiedersehen.«
»Wir reisen ab«, erklärte Vater, als Miss Church weg war. »Pack deinen Koffer, der Page wird gleich hier sein.« Über welchen Witz die beiden auch immer gelacht haben mochten, Vater schien ihn jetzt nicht mehr lustig zu finden. Seine Miene war wieder wie immer.
»Kann ich noch etwas frühstücken?« Gerald hatte plötzlich großen Hunger.
»Frühstück ist etwas für Damen und Kranke«, antwortete Vater, »und für Leute, die ihren Zug verpassen.« Er stand auf, ging in sein Zimmer und schloss leise die Tür.
Gerald betrachtete die Tür. Er mochte geschlossene Türen. Sie waren so glatt und sahen so ruhig und ordentlich aus.
Er hatte das gekochte Rindfleisch aufgegessen, und das Paar aus dem Hansom Cab war längst im übernächsten Haus verschwunden. Er stand von dem kleinen Tisch auf, nahm eine Kladde und einen Stift und begann zu zeichnen – eine Tür mit zwei Holzkassetten als Augen. Weil es ihm nicht gelang, wie er wollte, begann er ein Blatt zu zeichnen und gab sich große Mühe mit den winzigen Rippen, die es durchzogen. Denn so stellte er sich tote Blätter vor, wie kleine braune Skelette, aber aus Spitze, zarter noch als die Spitze, die seine Mutter zum Kirchgang trug.
Als er fertig war, leuchtete die Lampe neben ihm ein wenig matter. Er blickte zum Fenster hinaus und sah, dass es schneite. Große, schwere Flocken bedeckten die Äste der Bäume wie weißes Moos. Er wartete darauf, dass ihn die Kinderfrau holen kam, damit er Mutter und Vater gute Nacht sagen konnte. Vielleicht hatte sie es vergessen. Vor dem Fenster ging ein Mann mit einem Hund vorbei, und er stellte sich vor, wie Pitz und er irgendwann einmal an einem Januarabend gemeinsam spazieren gehen würden, während der Schnee auf sie fiel und sie einander ihre Gedanken über die Welt mitteilten.
Er hatte Pitz schon eine ganze Weile nicht mehr nach oben gebracht. Doch als die Kinderfrau endlich erschien und über eine Erkältung klagte, sah er die Gelegenheit gekommen. Nach dem Beten ging er auf Zehenspitzen hinunter, nahm Pitz auf den Arm und trug ihn mit pochendem Herzen in sein Bett.
Sie lagen nebeneinander, der Hundekörper an Gerald geschmiegt. Er legte das Gesicht an Pitz’ Hals, atmete ein und aus. Er lauschte nach den Schritten der Kinderfrau. Als alles still blieb, lockerte er seinen Griff und schloss die Augen.
Es musste schon sehr spät sein. Gerald hatte geträumt, er wäre ein Pirat. Vielleicht hatte er auch geträumt, dass er mit Vater Straßenbahn fuhr, und dann erst, dass er ein Pirat wäre. Plötzlich tat sein Arm weh. Er öffnete die Augen und sah das vom Licht ihrer Lampe verzerrte Gesicht der Kinderfrau. Sie zwickte ihn. Dann wurde es laut, sie schrie etwas von Teufel und von Niedertracht und schmutzigen Tieren, und ihre Spucke flog ihm ins Gesicht. Gerald setzte sich auf und sah Pitz mit krummem Rücken und eingezogenem Schwanz so klein und unauffällig, wie es nur ging, in der Ecke beim Schreibtisch kauern. Sein Freund erschien ihm so winzig. Er schrie auf und versuchte aus dem Bett zu kommen, doch die Kinderfrau stieß ihn zurück. Dann ging sie auf den Hund los und schlug ihn, schlug ihn immer und immer wieder.
Da kam Vater herein. Die Kinderfrau sagte etwas. Gerald brachte kein Wort heraus. Kein einziges Wort, um seinen besten Freund zu retten. Vater packte Pitz und verließ das Zimmer. Die Kinderfrau deutete mit einem großen, grässlichen Finger auf Gerald, rief: »Du hättest das Baby umbringen können!«, und schlug die Tür hinter sich zu.
Am nächsten Morgen beorderte Vater Gerald noch vor dem Frühstück in sein Arbeitszimmer. Gerald schrubbte sich gründlich das Gesicht, bevor er hinunterging, denn es machte Vater wütend, wenn er sah, dass sein Sohn geweint hatte.
»Du hast dich nicht verantwortungsvoll gezeigt, Gerald«, sagte Vater. »Da du mit dem Hund nicht umgehen kannst, wird er nicht länger im Haus bleiben. Jedes Tier hat seinen Platz, und wenn man es nicht dort belässt, wird es nicht nur gefährlich, sondern bekommt auch einen schlechten Eindruck von seinem Herrchen. Ab heute hältst du dich von ihm fern. Er wird ausschließlich im Garten leben. Dort kann er sich nützlich machen und Ratten fangen. Und du kannst dich nützlich machen, indem du lernst, Verantwortung zu übernehmen. Hast du mich verstanden?«
»Draußen stirbt er«, sagte Gerald.
»Red keinen Unsinn! Er bekommt eine Hundehütte. Ich habe Harold bereits angewiesen, eine zu bauen. Ein Hund ist und bleibt ein Hund, Gerald.«
»Bitte nicht – Pitz ist …«
»Es reicht. Hör auf mit dem Gejammer – du siehst schon aus wie die Kinderfrau. Ich habe dir einmal gesagt, dass man dabeibleiben muss, wenn man sich etwas vorgenommen hat, erinnerst du dich? Das gilt auch für diese Sache. Sei ein Mann, zieh eine Lehre daraus und bring es zu Ende! Und jetzt will ich nichts mehr davon hören. Du frühstückst heute im Kinderzimmer. Guten Tag, Gerald.«
In der darauffolgenden Woche öffnete Gerald jede Nacht sein Fenster und sprach leise mit Pitz, der unten saß und einsam und verlassen hinaufsah. In den ersten Tagen wartete Pitz, bis es Gerald zu kalt wurde und er das Fenster schließen musste; erst dann verkroch er sich in der kleinen Holzhütte, die Harold in einer Ecke des Gartens errichtet hatte. Doch am Freitag wartete der Hund nicht mehr, bis Gerald ihm von seinem Tag erzählt hatte, und am Sonntag kam er, als das Fenster hochgeschoben wurde, nicht einmal aus der Hütte.
Als Pitz auch am Montagabend nicht erschien, öffnete Gerald eine Schublade der Doppelkommode in seinem Zimmer, holte die älteste der darin aufbewahrten Decken hervor, trat ans Fenster und schob es hoch.
»Pitz«, rief er ganz ruhig und leise.
Der Himmel war unglaublich dunkel, schwarzblau.
»Pitz«, rief er ein wenig lauter.
Endlich streckte der Hund seinen kleinen Kopf zur Hütte heraus.
»Komm, Pitz!«
Zaghaft wagte sich das Tier hervor und ging in die Richtung, aus der Geralds Stimme kam.
Gerald hielt die Decke an einem Zipfel, hängte sie aus dem Fenster und warf sie mit Schwung, so weit er konnte.
Pitz schlich hin und schnüffelte daran. Dann sah er zu Gerald hinauf, und Gerald spürte, was sein Freund ihn fragen wollte.
»Na los, Pitz, nimm sie! Sie ist für dich.«
Pitz sah ihn noch eine Weile an. Schließlich fasste er die Wolldecke und schleifte sie zu seiner Hütte.
»Ich hab dich lieb, Pitz«, rief Gerald in den Garten hinaus. »Ich hab dich lieb.«
Als es Februar wurde, hatte Gerald bereits drei Decken, mehrere Paar Wintersocken, aus denen sich Pitz seiner Vorstellung nach ein Kissen machen konnte, einige vom Mittag- und Abendessen abgezweigte Leckerbissen sowie eine aus dem Salon stibitzte Schachtel Bonbons hinuntergeworfen. Eines Abends aber gab es nichts zu werfen – sein Hunger beim Mittagessen war so groß gewesen, dass er nichts übrig gelassen hatte. In seiner Verzweiflung schleuderte er einen Spielzeugsoldaten aus dem Fenster. Pitz kam aus der Hundehütte, schnupperte daran und sah zu Gerald hinauf, der einen Augenblick lang glaubte, sein Freund wäre enttäuscht, weil er nichts zu fressen bekam. Doch dann stieß der Hund die kleine Bleifigur mit der Schnauze an, richtete den Blick wieder zum Fenster und bellte leise auf. Da begann Gerald zu weinen.
Als am nächsten Tag nach der Schule die Kinderfrau sich um das Baby kümmern und die Köchin Besorgungen machen musste, beschloss Gerald, eine mögliche Strafe auf sich zu nehmen, und ging in den Garten.
Er blieb am Eingang stehen und rief Pitz. Zuerst geschah nichts. Dann schnellte der kleine Kopf aus dem Loch der Hundehütte hervor. Voller Angst, aber auch erleichtert ging Gerald über den hartgefrorenen Boden zu seinem Hund. Pitz verließ die Hütte sehr langsam. Gerald kniete sich hin und streckte ihm die Hand entgegen, in der ein Keks lag.
»Komm, Pitz«, sagte er.
Der Hund kam näher. Sein Fell war stark verfilzt und rauher, als Gerald es in Erinnerung hatte. Vorsichtig folgte das Tier dem Geruch des Leckerbissens, schnupperte erst mit gebührendem Abstand, schoss plötzlich darauf zu und schnappte sich den Keks.
Die lange rosige Zunge, das dichte Fell – Gerald konnte es nicht erwarten, ihn zu berühren, zu spüren, zu riechen. Sein Freund, sein bester, sein tapferer Freund. Auf den Knien streckte er die Arme nach ihm aus, doch Pitz wandte sich ab und begann leise zu knurren. Gerald wünschte sich so sehr, Pitz zu umarmen, dass er die seltsamen Laute nicht wahrnahm, ihre Bedeutung nicht erkannte, und als er dem Hund die Hand hinhielt, drehte sich Pitz blitzschnell um und biss tief hinein.
»Nein, Pitz, nein!«, rief Gerald leise. Obwohl die Hand weh tat und blutete, versuchte er noch einmal, seinen Freund zu umarmen, zu berühren. Pitz knurrte nur und fletschte die Zähne.
Hilflos lief Gerald ins Haus zurück, um im Verborgenen zu weinen, doch es gelang ihm nicht. Die Hand schwoll auf die Größe einer Zwiebel an, die Kinderfrau sah es und war sofort im Bilde. Sie meldete es seinem Vater, und das Urteil ließ nicht lange auf sich warten. Pitz musste verschwinden. Wohin, das erfuhr Gerald nicht, darüber schwieg sich Vater aus. Er teilte nur mit, dass Gerald von nun an die gesamte Zeit außerhalb der Schulstunden im Kinderzimmer zu bleiben habe.
Als die Kinderfrau ihm abends das Essen brachte, konnte er sich nicht dazu durchringen, sie auch nur anzusehen.
»Jedenfalls ist die Sache jetzt ein für alle Mal bereinigt«, sagte sie, während sie ihm ein mickriges Stück Lammpastete hinstellte. »Und du hast es auch nicht besser verdient, Gerald Clery Murphy. Ich habe dich gewarnt vor diesem Köter, diesem schmutzigen, bösen Vieh!« Sie klopfte neben den Teller. »Meiner Meinung nach hat dein Vater von Anfang an nicht hart genug durchgegriffen.«
»Sie haben Pitz geschlagen.« Gerald starrte auf den Tisch und ballte die Fäuste im Schoß. »Sie haben ihn geschlagen und ausgesperrt, deshalb hat er mich gehasst, und nun ist er weg. Er war mein einziger Freund auf der Welt. Jetzt hasse ich Sie.«
Die Kinderfrau grub ihre Finger in seine Schulter und zwang ihn, zu ihr aufzusehen. Ihre Augen erinnerten ihn an die glänzenden grauen Kieselsteine am Strand von South Hampton; die waren zwar glatt, aber beim Darübergehen taten sie weh. »Ich«, sagte sie, »hätte aus dem Drecksköter einen Kaminvorleger machen lassen. Dann hätte er mir wenigstens die Füße wärmen können.«
Ihm fiel wieder ein, wie Pitz der Kinderfrau ängstlich und verzweifelt den weichen Bauch gezeigt hatte, bevor sie ihn zu schlagen begann, und in diesem Moment fasste Gerald Murphy den ersten echten Entschluss seines Lebens.
Er drehte sich auf dem Stuhl um und sagte im kältesten Ton, den er zustande brachte: »Sie sind eine böse Frau, egal, was die anderen sagen, und ich werde nie wieder ein Wort mit Ihnen reden.«
Allen Ermahnungen seiner Eltern zum Trotz machte er die Ankündigung wahr. Wie die Männer, die die Wolkenkratzer gebaut hatten, nahm er sich etwas vor und blieb dabei, weil man alles, was der Mühe wert war, so und nicht anders machte.
Drei Wochen später steckte man ihn in ein Internat.
Sara Wiborg liebte es, Erde an den Händen zu spüren, das feuchte Material zwischen den Fingern zu haben. Sie ging durch den Garten ihres Elternhauses in Clifton, Ohio, und suchte Gräser und kleine Gegenstände für das Diorama, ein Unterrichtsprojekt in Miss Elys Privatschule.
In einem Monat, im Juli, würden sie nach Deutschland ziehen. Ihr Vater hatte sich mit dem Kaiser angefreundet, und nun sollten sie dort ein Jahr verbringen, während Vater seine Auslandsgeschäfte erweiterte. Mit fünfzehn war sie sowieso zu alt für Miss Elys Schule, und wäre es nicht Deutschland gewesen, dann auf jeden Fall eine andere Schule, auch wenn sich ihre Mutter weigerte, die Mädchen wegzuschicken, denn dazu, so sagte sie immer, liebte sie ihre Kinder zu sehr.
Sara hatte sich für ein Farmdiorama entschieden. Etwas abseits starrte Hoytie, die mittlere Schwester, in den Himmel und träumte vor sich hin. Olga, neun Jahre alt und die Jüngste, war mit der Kinderfrau ins Gewächshaus gegangen, um Blumen für ihre Tropendarstellung zu schneiden.
Eine seladongrüne, mit Kieseln gefüllte Schüssel in der Hand, ging Sara zu einer schattigen Stelle unter einer Eiche. Das dunkle Moos, das dort den Boden bedeckte, war so feucht, dass es sich formen ließ. Behutsam zog sie es ab und legte die Streifen über die Kiesel, bis ein glänzender grüner Miniaturberg entstand. Weil ein perfektes Haus nicht nur auf einem Berg, sondern auch am Meer stehen musste, hatte sie mittels einer kleinen Vertiefung die Küste nachgestellt.
Als Nächstes suchte sie winzige Zweigspitzen von Kiefer, Schwarzahorn, Hartriegel und Zauberhasel, aus denen ein Wäldchen für ihre Farm entstehen sollte. Dann sammelte sie zarte Bärengrasblüten und steckte sie reihenweise ins Moos. Das war das Weizenfeld.
Beim Veilchenpflücken brach das Gewitter los. Mit Urgewalt fegte es über die Ställe und den Senkgarten, über das Gewächshaus und die dahinterliegende Weide, stürmte durch das Anwesen wie galoppierende Pferdehufe.
Sara packte die Schüssel, nahm die Veilchen in die Hand – locker, um die Blütenblätter nicht zu zerdrücken – und lief zum Haus. Als sie sich nach Hoytie umdrehte, sah sie ihre Schwester dastehen und den herabstürzenden Regen anstarren.
»Beeil dich, Hoytie!«, rief sie. »Sonst wirst du ganz nass.«
Hoytie wandte sich zu ihr, stampfte zornig mit dem Fuß auf und schrie voller Empörung, die elfjährige Faust zum Himmel gereckt: »Der Regen … regnet … auf … mich!«
Sara lachte. »Ach, Hoytie, der Regen regnet doch auf uns alle. Nun komm schon!«
In der Eingangshalle eilte ihnen ein Dienstmädchen mit Handtüchern entgegen. Sara begann ihre Schwester trockenzureiben. In den aufblitzenden Wandspiegeln erhaschte sie hin und wieder einen Blick auf Hoytie und sich.
Sie staunte über das, was ihre Schwester soeben verkündet hatte. Mit welcher Gewissheit manche Menschen wussten, wo ihr Platz in der Welt war … Sie selbst hatte keine Ahnung, wohin sie gehörte oder wo sie einmal landen würde.
Als sie wieder einigermaßen trocken war, nahm sie das winzige Farmhaus, das sie angemalt hatte – die Holzstäbchen weiß, die Fensterbretter gelb –, und setzte es auf den kleinen grünen Berg. Dann trug sie das Diorama in den Türkischen Rauchsalon, in dem die Eltern ihre Schätze aus Vorderasien aufbewahrten.
Sie stellte die Schüssel auf den Parkettboden, trat an eine der Glasvitrinen und nahm zwei ägyptische Goldfigürchen heraus: Echnaton und seine Gemahlin Nofretete.
König und Königin wurden vor das weiß-gelbe Haus plaziert. Mit ernsten Mienen saßen sie da und herrschten über ihre wunderschöne, üppig bepflanzte Farm.
Als Tüpfelchen auf dem i bestreute Sara die kleine Vertiefung mit den zarten violetten Blüten, die sie vor dem Unwetter gerettet hatte. Ein duftendes, veilchenblaues Meer.
Schon vor Tagesanbruch stand Owen auf und sammelte im Hühnerhaus die noch warmen Eier ein. Er molk die beiden Kühe, lud die Aluminiumkannen, die Kartoffeln sowie Butter und Käse auf den Karren, schirrte die Stute an und machte sich auf den Weg in die Stadt. Seine Hände an der Leine waren steif von der Kälte, und seine Hoden pulsierten am warmen Körper. Er verlagerte sein Gewicht auf dem hölzernen Kutschbock, starrte auf die Laterne, die ihm den Weg wies, wünschte sich, die Flamme würde in seine Richtung flackern.
Er dachte ans Frühstück. Je schneller er auslieferte, umso eher war er wieder zu Hause und umso eher stellte ihm seine Mutter den Teller hin. Er trieb das Pferd an. Er roch die von den Hufen zermalmten Kiefernnadeln, aber die Luft Anfang März war noch kalt und der Duft nur sehr schwach.
Er ging die Namen der Kunden durch. Mrs. Violet Pease, Mrs. Camilla Thurston, die Drakes, das Pfarrhaus von St. Andrew’s, Mr. Cushing, der alte Schulmeister. Einer fehlte, aber wer? Owen war noch schlaftrunken und wie betäubt von der Kälte. Seine Füße waren längst taub; er versuchte, die Zehen in den Stiefeln zum Wackeln zu bringen, spürte aber nicht einmal mehr, ob sie sich überhaupt bewegten.
Um sich abzulenken, rechnete er aus, wie viel sie diesmal verdienen würden. Eine der beiden Kühe, Lettuce, musste bald trockengestellt werden; bis man sie wieder melken konnte, würden die Lieferungen monatelang sehr viel kleiner ausfallen.
Lettuce war Owens Lieblingskuh, ein hellbraunes Jersey-rind. Er hatte sie selbst ausgesucht, vorletzten Sommer. Seine Mutter war gegen den Kauf gewesen – der ganze Aufwand, bis man so ein Kälbchen großgezogen hatte. Jerseyrinder waren kleiner und empfindlicher als andere Rassen, aber er hatte zu bedenken gegeben, dass sie dafür auch weniger fraßen und besonders gute Milch gaben. Außerdem fühlten sie sich so weich an, aber das hatte er seiner Mutter nicht gesagt; ein weiches Fell war kein Grund, sich ein Nutztier zu halten.
Und auch dass er mit Lettuce sprach, verschwieg er. Anfangs hatte er immer vor dem Melken mit der Kuh geredet, weil sie dann weniger angespannt wirkte, aber nach und nach hatte er den Eindruck gewonnen, dass sie es wirklich wollte, dass sie ihn verstand und auf die Gespräche mit ihm geradezu wartete. Sie gab jetzt mehr Milch als früher, und Owen glaubte fest an einen Zusammenhang, obwohl er sich dessen gleichzeitig schämte. Er hatte keine Lust, darüber nachzudenken, er machte es einfach.
Wenn alles gutging, würde Lettuce im Mai kalben. Hoffentlich ließ sich als Ausgleich für die fehlende Milch ein guter Preis für das Kälbchen erzielen, ob nun als Schlachtkalb oder als späteres Milchvieh. Knapp würde es im nächsten Monat auf jeden Fall werden.
Dann kam die Saatzeit. Der Herbst zog sich wegen der Seeluft stets lange hin, aber der Frühling setzte spät ein, Anfang April, wenn sie das Getreide und die Zucker- und Gartenerbsen säten. Im Mai würde er die Schule schwänzen, dann gab es einfach zu viel zu tun. Die Gemüsefelder mussten umgegraben, der Winterroggen untergepflügt und die ersten Kartoffeln geerntet werden. Im Juni fuhren sie das Heu ein, eine richtige Schufterei. Aber dann hatte man auch die wunderschönen milden Sommerabende, wenn man todmüde das Heu zum Bündeln einbrachte, die Zugochsen dahintrotten ließ und in den sich unablässig veränderten Himmel schaute.
Wenn es ihm in der Schule langweilig war, dachte er manchmal über die größeren Farmen auf der Insel nach und versuchte auszurechnen, wie viel so eine kosten würde. Doch obwohl er mit Zahlen gut umgehen konnte – sie fügten sich in seinem Kopf wie von selbst zusammen –, kam er nie zu einem Ergebnis. So viele Eier gab es nicht auf der Welt, um so eine Farm kaufen zu können.
Als kleiner Junge hatte er sich oft vorgestellt, ein reicher Verwandter seines Vaters würde auftauchen und sie mit Geld überschütten. Manchmal war dieser Verwandte ein Eisenbahnmagnat, manchmal ein Fabrikant aus Chicago. Seinen Vater hatten die Blattern dahingerafft, als Owen drei Jahre alt war. Er konnte sich kaum mehr an ihn erinnern – eigentlich nur noch an den Geruch von Leder und Wet Blue aus der Gerberei, der Arbeitsstätte seines Vaters. Nachdem er einmal einen solchen Tagtraum erzählt hatte – den von dem Fabrikanten aus Chicago –, war ihm von seiner Mutter der Kopf kräftig zurechtgerückt worden. »Dein Vater war ein anständiger Mensch«, hatte sie gesagt, »aber er besaß nun mal kein Geld außer dem, was er verdient hat, und nützliche Verbindungen hatte er auch nicht. Er war ein guter Ehemann, aber es ist besser, wenn wir nicht mehr an ihn denken.«
Seine Mutter stammte von der Insel. Sie hatte ihre Familie verlassen, um sich in Boston Arbeit zu suchen, und schließlich einen Mann vom Festland geheiratet. Nachdem man Owens Vater zum Sterben ins Siechenhaus gebracht hatte, war seine Mutter auf die kleine Milchfarm ihrer Eltern zurückgekehrt, die sie nach deren Tod übernahm. Als seine Großeltern vier Jahre zuvor das Zeitliche gesegnet hatten, war Owen bereits alt genug zum Mithelfen gewesen. Jetzt, mit vierzehn, war er so kräftig, dass sie nur noch zweimal im Jahr zusätzliche Leute einstellen mussten.
Seine Mutter war eine kluge Frau. Er liebte sie. Er konnte sich noch an ihre frühere Schönheit erinnern. Nicht dass sie hässlich geworden wäre, aber sie sah wie alle Inselbewohner etwas verwittert aus. Sie war stark, manchmal stärker als er, half Kälbern auf die Welt und brachte sogar Heu ein, wenn kein zweiter Mann aufzutreiben war.
Owen hob den Blick zum dunstigen, sternenlosen Himmel. Hinter ihm klapperten die Milchkannen. Erst bei seiner Ankunft in der Stadt in etwa einer Stunde würde die Sonne aufgehen. Dann fünf Lieferungen, danach eine Stunde Rückfahrt, dann Frühstück. Nein: sechs Lieferungen. Die neue kam ja noch hinzu. Der Mann vom Festland. Dank seiner Bestellung würden sie den Fehlbetrag etwas verringern können und besser über die Runden kommen.
Mr. Glass, genau, so hieß er. Die Leute hatten viel gemunkelt, als der Festländer den Grund außerhalb von Katama kaufte, und noch mehr, als er das große Haus baute. Verheiratet, ein Sohn, eine Tochter, wenn dem Tratsch zu glauben war.
Vier Dutzend Eier hatte der Mann vom Festland geordert. Eine große Bestellung für jemanden mit einer kleinen Familie. Wahrscheinlich sollten sie für das Osterfest gefärbt werden. Aber egal – oder wie seine Mutter gesagt hatte: »Meinetwegen kann er darin baden, solange er zahlt.«
Seufzend kuschelte sich Owen ein bisschen tiefer in seinen Mantel und trieb die Stute an.
Als Erstes hielt er vor Mr. Cushings Haus. Er sprang vom Bock, zog einen Sack Kartoffeln vom Karren, trug ihn zur Tür, klopfte zweimal und ging zurück, die Milchkanne holen. Mr. Cushing, dünn wie eine Bohnenstange, öffnete und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen.
»Gut in der Zeit heute«, sagte er, als Owen die Milch auf die Veranda stellte.
»Ja, heute habe ich eine Lieferung mehr.«
»Wohin denn?«
»Für den Festländer draußen bei Katama.« Owen streckte den Arm nach der leeren Kanne von der Vorwoche aus und hoffte, der alte Schulmeister würde nicht in Redelaune geraten.
»Mr. Glass.«
»Genau.« Owen trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
»Der soll da draußen in einer großen Scheune einen Flugapparat versteckt haben.«
Owen hörte auf zu treten. »Haben Sie ihn gesehen?«
»Nein, Carey hat es mir erzählt. Er hat die Scheune gebaut.«
»Wie hat er den Apparat auf die Insel gebracht? Man kann doch nicht die ganze Strecke fliegen?« Wie jeder andere Junge im Dorf hatte Owen alles über die Flugmaschine der Brüder Wright gelesen, aber Wilbur Wright war damit nur vierundzwanzig Meilen weit gekommen, und das über der Prärie, nicht über dem Atlantik.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, Owen.« Mr. Cushings gleichmütiges Lächeln ärgerte den Jungen.
Er nahm die Milchkanne und zog sie zum Karren. Mr. Cushing rief ihm etwas nach, doch Owen, ganz mit der neuen, unglaublichen Nachricht beschäftigt, fuhr schon los, und die Stimme des Schulmeisters verhallte ungehört.
Um zur Straße nach Katama zu gelangen, musste Owen auf die andere Seite der Stadt und somit einen Umweg machen. Er überlegte, dass er Mr. Glass beim nächsten Mal besser an die erste Stelle seiner Liste setzen sollte, denn das Haus der Familie stand fast am Ende der Bucht. Owen folgte der Wegbeschreibung seiner Mutter und bog erst in die vorletzte kieferngesäumte Stichstraße ein.
Der Weg war frisch geebnet; es ging so ruhig dahin, dass der Karren kaum klapperte. Nach einiger Zeit lichteten sich die Bäume, und zu Owens Rechten tauchte eine riesige Scheune auf. Dahinter lag ein großes, abgeerntetes, verschneites Feld. Er hielt an und dachte eine Weile über den Flugapparat nach, der dort wie ein Schatz versteckt war. Dann fuhr er weiter bis zu dem Haus am Rand einer kleinen Klippe. Er bog in die kreisförmige Auffahrt ein und brachte das Pferd vor der imposanten Veranda zum Stehen.
Da kein Hausangestellter und auch sonst niemand auftauchte, hob er den Korb mit den Eiern vom Karren und schlenderte zum hinteren Teil des Hauses, zu einer Tür mit einem kleinen Säulenvorbau. Er stellte den Korb auf dem gepflasterten Weg ab, blickte aufs Meer hinaus, das in schieferfarbenem Wintergrau vor ihm lag, und ging dann zurück, um die zwei Milchkannen zu holen, die der Festländer bestellt hatte.
Als er auf der Rückfahrt erneut die Scheune passierte, ließ sich seine Neugier nicht mehr zügeln. Er fuhr hin, hielt an. Sah sich um, warf einen Blick zurück zum Haus. Nichts regte sich. Der Schnee auf dem Feld dämpfte das Meeresrauschen.
Er beschloss, es zu wagen. Er öffnete das Scheunentor einen Spaltbreit und spähte hinein, aber es war zu dunkel. Er zog das Tor etwas weiter auf und machte einen Schritt ins Innere. Weil er auch jetzt noch nicht viel sah, ging er ein klein wenig weiter, dann noch ein bisschen und noch ein bisschen.
Während sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnten, nahm die Maschine nach und nach Gestalt an. Ein wahres Monstrum aus weißem Stoff, glänzendem Holz und kaltem, funkelndem Draht. »Flugzeug« wurde es in manchen Zeitungen genannt, aber Owen fand »Flugapparat« viel passender. Konstruiert wie eine Geometrieaufgabe, aus Rechtecken, gleichschenkligen Dreiecken, Halbkreisen, rechten Winkeln, gestreckten Winkeln und Bögen. Und die Tragflächen erst! Zweimal zwei waren es, zwei oben, zwei unten, riesengroß, jedes Paar mindestens so lang wie sechs Menschen. Und in der Mitte steckte wie ein hässliches Herz ein Haufen Metall mit Ketten und anderen verdrillten Gegenständen, und dahinter waren zwei glänzende Propeller. Davor befanden sich zwei unglaublich kleine Sitze, die Owen an die Stühle im Theater in Boston erinnerten. Der ganze Apparat stand auf zwei langen, schmalen, vorn wie Skier hochgebogenen Holzstücken.
Wie viele Eier man wohl verkaufen musste, um sich so etwas leisten zu können?
»Es wurde in Kisten geliefert«, sagte jemand hinter ihm.
Owen drehte sich um. Am Scheuneneingang zeichnete sich die breite Silhouette eines Mannes gegen das Licht ab.
»Und zwar in ziemlich großen.« Der Mann zog seine Reithose hoch und ging auf Owen zu, der wie festgewurzelt dastand. »Mit wem habe ich die Ehre?«
»Ich bin Owen. Owen Chambers. Von der Farm.«
Jetzt, dicht vor ihm, sah Owen, dass die glatte Haut des Mannes leicht gerötet und sein Haar straff nach hinten gekämmt war. Am auffälligsten aber war der breite, buschige Schnurrbart. Der Kopf erinnerte an ein Pferd – Sehnen, Knochen, Fleisch. Ein massiger Kopf. Der Kopf eines reichen Mannes.
»Aha, du hast also gehört, dass ich ein Flugzeug habe. Das hat sich aber schnell herumgesprochen.«
Der Mann war Mr. Glass. »Ja, Sir. Entschuldigung, aber da war niemand …«
»Und da wolltest du mal einen Blick darauf werfen.«
Owen überlegte, welche Strafe man wohl bekam, wenn man in eine Scheune eindrang, um sich einen Flugapparat anzusehen.
»Nun mach dir nicht ins Hemd, Owen Chambers von der Farm, ich zeige dich schon nicht an.« Er sah zu der Flugmaschine hin. »Ist ja auch ein durchaus erfreulicher Anblick.«
»Kann der Apparat wirklich fliegen?«
»Ob er fliegen kann?« Mr. Glass schnaubte. »Natürlich kann er fliegen. Warum hätte ich ihn sonst wohl?« Er musterte Owen leicht abschätzig. »Möchtest du ihn mal anfassen?«
Owen nickte.
»Na, dann los!«
Owen ging so zaghaft auf den Flugapparat zu, als würde er sich einer Schlange nähern. Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte eine untere, offenbar mit schwerer Leinwand bespannte Tragfläche. Er hatte erwartet, dass sie sich wie ein Segel anfühlen würde, doch seine Fingerspitzen trafen auf etwas Schwammiges, Klebriges. Erschrocken zog er die Hand zurück.
»Der Stoff ist gummiert«, erklärte Mr. Glass. »Schlau, was?«
Owen sah ihn an. In diesem Moment wurde ihm klar, wie viel dieser Mann wissen musste und, im Umkehrschluss, wie wenig er selbst wusste.
»Das Flugzeug heißt Flora«, sagte Mr. Glass. »Ich habe es nach meiner Tochter benannt.«
»Wie ein Schiff.«
»Ja, aber wie ein Schiff, das fliegt!« Mr. Glass strich über eine der Holzstangen, die sich zwischen dem oberen und unteren Flügel spannte.
»Und wie bringt man es …« Owen konnte sich nicht vorstellen, wie das komplizierte Monstrum in den Himmel befördert werden konnte.
»Komm mal mit!« Mr. Glass führte ihn zum Scheunentor und deutete auf ein kegelförmiges Gestell mitten im Feld. »Siehst du den Pylon dort? Das Flugzeug wird aus der Scheune gezogen und auf die Schiene gesetzt. Dann hängt man das Gewicht ein, und sobald es herunterfällt – wusch …« Er vollführte eine nach oben gerichtete Handbewegung. »… saust das Flugzeug vorwärts und fliegt auf und davon.«
»Haben Sie ihn … es … hier schon mal fliegen lassen?«
»Nun ja, für einen Start braucht man mindestens sechs Männer – und passende Bedingungen natürlich.« Mr. Glass kratzte sich am Kinn. »Aber im Frühling, wenn das Wetter besser wird, suche ich mir ein paar Leute zusammen und absolviere den Jungfernflug.«
»Sie sind also noch nie damit geflogen?«
»Doch, doch. Gleich nach dem Kauf, und zwar mit Orville Wright persönlich.« Er starrte auf einen unsichtbaren Punkt in der Ferne. »Unglaublicher Mann, dieser Orville Wright. Und wenn man dann dort oben ist … Meinen Sohn konnte ich allerdings nicht dazu überreden. Nicht dass er Angst gehabt hätte, nein, aber Charlie ist eher der intellektuelle Typ, er interessiert sich für Bücher und so …« Wieder kratzte Glass sich am Kinn.
»Ich könnte mithelfen, wenn es so weit ist.«
Mr. Owen richtete den Blick auf Owen, als hätte er vergessen, dass der Junge neben ihm stand. »Mal sehen.« Plötzlich schien er das Interesse verloren zu haben. »Musst du nicht allmählich zurückfahren und dich um eure Farm kümmern?«
»Ja, Sir.« Owen wurde rot.
Es fiel ihm schwer, sich von dem grandiosen Ungetüm loszureißen, wieder auf den Karren zu steigen, um seine Arbeit zu machen, in die Schule zu gehen. Es war ihm fast unvorstellbar, während er, langsam rückwärtsschreitend, den Blick auf die blendend weißen Tragflächen und die kalten, eleganten Propeller gerichtet, die Scheune verließ.
Er erzählte keinem seiner Schulkameraden von dem Flugzeug, sondern hütete sein Geheimnis wie einen Schatz. Aber weil ihn danach drängte, mit jemandem darüber zu reden, setzte er sich nach Erfüllung seiner abendlichen Pflichten, als es draußen auf der Insel dunkel und still geworden war, zu seiner Mutter in die Küche und sagte: »Der Festländer hat einen Flugapparat.«
»Ach, wirklich?« Seine Mutter stand am Herd. Sie drehte sich nicht um.
»Ja, in der Scheune. Im Frühling will er damit fliegen.«
»Es ist Frühling.«
»Später, wenn es wärmer ist.«
»Wenn es wärmer ist, haben wir Sommer.«
»Und wenn schon …«
»Das ist nicht dasselbe.« Jetzt sah seine Mutter ihn an. »Die Leute sagen nicht immer das, was sie meinen. Sie sagen oft sogar das Gegenteil.«
Da erzählte Owen seiner Kuh Lettuce von dem Flugapparat.
»Er sieht aus wie ein riesiges Vogelskelett«, berichtete er, während er ihren Rücken streichelte. »Und in der Mitte ist Metall.« Er fuhr über die Hungergrube. »Aber das meiste ist aus Holz und Stoff.« Er strich die hintere Flanke hinunter. »Aber das ist kein gewöhnlicher Stoff. Der fühlt sich wie Gummi an.« Seine Hand hatte die Zitzen erreicht. »Das müsstest du mal sehen! Aber wahrscheinlich würde er dir gar nicht gefallen. Vielleicht hättest du Angst davor.« Hellgelb und sämig wie Honig spritzte die Milch in den Eimer.
In der Nacht träumte er von der Flora, vom Fliegen in der Luft, vom Aufsteigen. Er träumte von klebrigem Stoff und von Männern mit buschigen, eckigen, fichtenholzfarbenen Schnurrbärten. Er träumte von allem, was er nicht kannte, aber eines Tages vielleicht kennenlernen würde.
Seit Anfang Juni war Sara mit ihren beiden Schwestern und ihrer Mutter in London. In den Zeitungen wurden die drei Schwestern bereits bis zum Überdruss »Die drei Wiborg-Mädchen« genannt. Sara war »die Schicke«, Hoytie »der dunkle, kultivierte Typ«, Olga, die jüngste, »die zarte Schönheit«. Mit diesen Bezeichnungen fühlten sie sich wie in ein enges Korsett gezwängt, das sie fremden Vorstellungen entsprechend formte und bei jedem Widerstand drückte.
Sara betastete die weiche Stelle auf ihrem Augenlid, die sich seit der Ankunft in Europa im März immer wieder entzündet hatte. Das Dienstmädchen, das ihr das Kleid für den Abend anpassen sollte, steckte eine Nadel in die hellgrüne Seide und pikste sie unter der Achsel. Der Schmerz war wie ein kleiner Blitz, doch Sara hielt still. Ein einzelner Regentropfen traf die große Fensterscheibe, hinter der sich der Hyde Park erstreckte.
Dieser Abend sollte der endgültige Sieg ihrer Mutter auf dem langen Marsch durch die europäische Ballsaison werden. Der Gemüseball im Ritz. Die Spitzen der Gesellschaft hatten sich zunächst sehr, dann etwas weniger höflich darum bemüht, von Adeline Wiborg eingeladen zu werden. Tagtäglich erhielt Saras Mutter Bestechungsgeschenke in Form von Einladungen zu dîners intimes oder in private Opernlogen, und jedes Mal lächelte Adeline und begann leise vor sich hin zu summen.
Sara betrachtete den Kranz aus Karotten, Strauchtomaten und Minzezweigen, der neben ihr auf der Chaiselongue lag. Ein albernes, dekoratives, nutzloses Ding. Wie ich. Sie war sehr müde.
Sie tröstete sich mit dem Gedanken, an diesem Abend wenigstens nicht in irgendwelchen tableaux vivants posieren oder mit ihren Schwestern singen zu müssen – eine der wichtigsten Waffen im Arsenal ihrer Mutter. Solche Aufführungen präsentierten sie schon seit Jahren in ihren Häusern in Ohio, New York und East Hampton, aber auch in europäischen Salons und solchen an der gesamten Ostküste. Abends zuvor hatten sie für die Gäste der Duchess of Rutland die Klage der Rheintöchter aus dem Rheingold gesungen. Gerade mit dieser Darbietung bewegten sie sich auf einem schmalen Grat zwischen Schicklichkeit und Sinneskitzel, aber ihre Mutter hatte gemeint: »Immerhin sind wir hier in London, wo ganz allgemein ein etwas anzüglicherer Geschmack vorherrscht.«
Anfangs war das Licht so gedämpft, dass der Raum nahezu im Dunkeln lag. Atemlos verfolgte das Publikum mit, wie es nach und nach heller wurde, bis schließlich Sara und ihre Schwestern mit entblößten Schultern reglos hinter einem Gazevorhang auftauchten. Sehr, sehr langsam begannen die drei Wiborg-Schwestern ihre Arme wellenförmig zu bewegen. Das Licht von hinten ließ ihre nackte Haut wie fahles Wasser erscheinen und warf die wogenden Schatten ihrer Leiber auf den durchsichtigen Stoff. Dann stimmten sie, sanft den Oberkörper wiegend, die flehende Wehklage der Rheintöchter über das verlorene Gold an. Es war nicht unbedingt schockierend, übte jedoch eine unerwartet laszive, ja erregende Wirkung aus, und genau darauf baute ihre Mutter.
Am Abend zuvor war allerdings etwas vorgefallen. Sara hatte zu träumen begonnen, erst nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr, bis es nur noch den sanft wallenden Vorhang gab, die vertrauten Stimmen der Schwestern, eine erinnerte Szene im Kinderzimmer, das warme Gaslicht im Rücken. Aus einem Grund, der ihr noch immer rätselhaft war, hatte sie den Kopf an Hoyties Schulter gelegt, hatte das Parfüm ihrer Schwester gerochen und war plötzlich wieder im Haus ihrer Kindheit in Clifton, Ohio, und es war Frühling, und sie fühlte sich getröstet von all den kleinen, vertrauten Dingen: der Hecke, in der das Kaninchen mit dem fehlenden Ohr lebte, dem dunkle Fleckchen unter der Eibe, wo sich die Farne, grün und frisch und flaumig, zaghaft aufrollten, dem Platz neben der Kellertür, wo es nach Veilchen duftete.
Dann hatte Hoyties Ellbogen sie mit gnadenloser Heftigkeit gestoßen und in den Salon zu den modrig riechenden Teppichen und den Rindfleischresten auf dem Anrichtetisch zurückgeholt, und Sara war klargeworden, dass sie einige wenige belanglose Sekunden hindurch tief geschlafen hatte.
Aber wenn sie so belanglos waren, warum dachte sie dann jetzt noch daran, während das Dienstmädchen nach einem Stück Stoff griff, um ihr das Blut abzuwischen?
Sie war neunundzwanzig Jahre alt. Die meisten ihrer Freundinnen hatten geheiratet, einen Hausstand gegründet, lebten ihr eigenes Leben. Kurz bevor sie vom Mädchen zur Frau geworden war und auch eine Zeit danach hatte sie sich wie in der Schwebe gefühlt, als wäre sie noch nicht wirklich lebendig, als stünde der entscheidende Moment noch bevor, in dem sie wie im Märchen wachgeküsst würde, die steifen Arme und Beine ausschütteln könnte und alles seinen Anfang nähme. Doch nach einer Weile hatte sie erkannt, dass das Leben genau das war, was im Moment geschah, und war mit dieser Erkenntnis einfach wieder eingeschlafen – nein, genauer: Es war ein Dösen gewesen, bei dem man die ganze Zeit über wach zu sein glaubt, um schließlich zu merken, dass Stunden vergangen sind und man doch geschlafen haben muss.
Im Lauf des vergangenen Jahres war es noch schlimmer geworden mit ihr. Begonnen hatte es im letzten Sommer, als es ihr zunehmend schwerfiel, das Bett zu verlassen, und sie manchmal einfach liegen blieb und den ganzen Vormittag aus dem Erkerfenster ihres Strandhauszimmers in East Hampton starrte und immer wieder die Augen zusammenkniff, damit die Linie zwischen dem Rasen und dem dahinterliegenden Meer verschwamm. Zusammenkneifen, öffnen, zusammenkneifen, öffnen, bis aus Blau Grün wurde und aus Grün Blau.
Im Herbst hatte sie sich im Metropolitan Museum of Art die Bilder von Whistler angesehen. Sie erinnerte sich gut an die Gemälde. Etwa Perlmutt und Silber: Die Andalusierin, das schwarze Haar, der Schwung des silbrigen, über den Boden schleifenden Rocks, die dem Betrachter zugewandte Gesichtshälfte. Förmlich den Atem geraubt hatte ihr allerdings ein anderes Werk – Nocturne: Blau und Gold – Southampton Water. Der leuchtend zerfließende Hafen, erhellt nur vom Schein des orangeroten Mondes (oder der untergehenden Sonne?). Das Bild hatte etwas Düsteres, Schmelzendes, seine Ränder verschluckten das Licht.
Sara fühlte sich wie das Licht in diesem Gemälde, als würde sie immer nur sinken, nie nach oben kommen. Der Mutter blieben die Gefühle ihrer Tochter nicht verborgen.
»Deine ständige Bedrücktheit ist unpassend und zerrt an meinen Nerven«, hatte sie Sara eines Tages beim Frühstück erklärt. »Und wenn ich unpassend sage, meine ich unangebracht.«
»Unschicklich?«, hatte Sara vorgeschlagen.
»Ach, hör auf damit!«
Nur Olga war lieb zu ihr gewesen. Immer wenn Sara nicht herunterkam, ging ihre jüngere Schwester zu ihr hinauf, setzte sich auf Saras Schlittenbett und flocht ihr das Haar. Flocht es und löste es, flocht es wieder, stundenlang. »Du hast so schöne Haare«, sagte Olga. »So schwere Haare.«
»Ich glaube, jetzt sitzt es, Miss«, sagte das Dienstmädchen und holte Sara zurück in das Hotelzimmer, zurück in den Londoner Regen und zu ihrem pochenden Auge.
»Ja«, sagte Sara leise.
Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich. Sie sah eine junge Frau in einem gurkengrünen Kleid mit schwerem Haar und schläfrigem Blick. Dekorativ. Ja, wenigstens dekorativ.
Der Ball war ein voller Erfolg. Sara spürte es fast sofort, denn sie hatte im Lauf der Jahre gelernt, die Treffer und Fehlschüsse ihrer Mutter anhand bestimmter verräterischer Anzeichen zu erkennen. Im Fall des Misslingens wurde geflüstert, und dieses Flüstern konnte so laut werden, dass der ganze Saal summte, als hätte man einen Bienenschwarm in einen Glaskasten gesperrt.
Doch mit dem Gemüseball hatte ihre Mutter sich selbst übertroffen. Der große Festsaal war über und über mit Weinreben geschmückt, aus deren Rankengewirr Kürbisse, kleine Auberginen und Zucchini sprossen. Auch der riesige Kristalllüster in der Mitte war mit der Größe nach angeordneten Früchten wie Tomaten, Karotten und Maiskolben behängt. Die Angestellten des Ritz, in Livree, standen in einer Reihe an der Wand und boten auf ihren Tabletts Champagner sowie in Goldfarbe getunkte Äpfel und Birnen an. Ein Ball der Üppigkeit, phantasievoll und bizarr.
Sara stand etwas abseits einer nach Aufmerksamkeit heischenden Gruppe von Leuten und unterhielt sich mit Diana, Tochter der Duchess of Rutland.
»Nun ja«, sagte Diana und warf Sara einen verschmitzten Blick zu.
Sara lachte. »Genau.«
»Deine Mutter hat sich heute wahrscheinlich eine ganze Menge Feinde gemacht. Diese Frauen hassen nichts so sehr wie einen succès fou oder vor Amerika niederknien zu müssen. Wir schreiben schließlich nicht mehr 1905.«
Im Jahr 1905 hatte die Eroberung britischer Adelstitel ihren Höhepunkt erreicht. Nicht weniger als fünfundzwanzig junge Amerikanerinnen – Tinten-, Papier-, Kohle- und Stahlerbinnen – waren von Mitgliedern des Oberhauses zum Traualtar geführt worden.
Saras Mutter hatte die Zeitung nach der Lektüre des einen oder anderen Berichts geradezu angewidert aus der Hand gelegt.
»Man stelle sich vor – die eigene Tochter als Leibeigene zu verkaufen! Kein fließendes Wasser, kein Geld, nur Kühe und Pferde und Hunde. Diese Leute sollten sich schämen!« Adeline hielt nichts von der Ehe, erst recht nicht, wenn sie fünfundzwanzigfach geschlossen wurde.
Diana ließ den Blick über den Saal schweifen und wandte sich wieder Sara zu. »Reden wir über etwas unendlich viel Interessanteres, nämlich über mich.« Sie lächelte. »Woran denkst du, wenn du mich siehst?«
Sie trug ein glänzendes weißes Ballkleid mit einem breiten Saum in den Farben Rot, Grün und Gelb.
»Ich weiß nicht«, antwortete Sara gelangweilt. »An ein Gemüsebeet?«
»Ein Gemüsebeet, ja sicher! Tja, wer’s mag …« Sie musterte Saras hellgrünes Kleid und den lächerlichen Kranz. »Nein, meine Liebe, das sind Rennstreifen. Ich möchte nämlich dieses unmögliche Ragtime-Kartoffel-Rennen gewinnen, das deine Mutter hier veranstalten wird.«
»Tu’s lieber nicht, Diana«, sagte Sara lachend.
»Warum?«
»Du weißt genau, dass das nur eins von ihren altmodisches Spielen ist, bei denen immer die anderen die Angeschmierten sind.«
»Kommt darauf an, wie man es sieht. Man kann aus allem eine Kunst machen.« Sie zwinkerte Sara zu.
Olga eröffnete den Ball gemeinsam mit dem Fürsten Colonna, der, wie es gerüchteweise hieß, dem Glücksspiel ebenso verfallen war wie sein Vater. Ihnen folgte ein als Plantagensklave verkleideter Diener mit schwarz geschminktem Gesicht, der angestrengt eine mit Gemüse gefüllte Schubkarre vor sich herschob.
Der Anblick löste bei den Gästen wahre Lachsalven aus. Saras Mutter genoss strahlend ihren Triumph. Rechts und links standen weitere als Sklaven kostümierte Bedienstete und bliesen aus kleinen handgefertigten Füllhörnern Goldstaub in die Luft.
Saras Auge begann wieder zu pochen. Als die Gäste zum Parkett drängten, wurde sie vom ersten Herrn auf ihrer Tanzkarte abgeholt wie ein verlorenes Gepäckstück. Er stellte sich vor, seine Lippen bewegten sich, doch Sara hörte keinen Laut. Sie nickte trotzdem, reichte ihm die Hand. Er zog sie zwischen die Tanzenden und schwang sie, den Arm an ihre Taille gepresst, im Kreis herum. Sein Atem roch säuerlich nach Champagner.
Sie konnte nicht mehr klar sehen, alles im Saal drehte sich, ein Wirbel aus Farben über der Schulter ihres Tanzpartners. Sie geriet in Panik, konnte sich nicht mehr an die Schrittfolgen erinnern. Was war das? Ach ja, ein Zögerwalzer. Plötzlich fiel ihr die Geschichte vom Kleinen schwarzen Sambo ein, dem die eitlen Tiger die Kleider stahlen und einander neiderfüllt um einen Baum herum jagten, bis sie schließlich zu Butter schmolzen.
Ihr war übel. Im Kreis herum und herum. Der Goldstaub ließ den Saal ungebührlich glitzern, Champagner floss auf den Boden. Die Band spielte jetzt schneller. Sara bemühte sich, ihren Blick dem Tempo anzupassen. Die anderen Ballgäste sahen plötzlich wie Verrückte aus – schmatzende rot geschminkte Lippen, fuchtelnde Marionettenarme –, selbst Diana, die in einer Ecke stand und ihre Verehrer lachend dazu anspornte, auf ihren Sieg beim Wettrennen zu setzen.
»Es gibt doch nichts Besseres als einen Ball im Ritz …« sagte Saras Tanzpartner.
Einer seiner Schneidezähne war leicht verfärbt.
»Erst neulich habe ich zu Frank gesagt – Frank Wallis kennen Sie doch, Miss Wiborg, oder nicht? Guter Mann.«
Plötzlich wünschte sie sich, der Ballsaal möge in Brand geraten, in Flammen aufgehen, die das Gemüse und die Kostüme und die grauenhaften Menschenmarionetten ein für alle Mal vernichteten, ein für alle Mal verschlängen.
Schweiß trat auf ihre Oberlippe, und bestimmt waren auch auf dem Kleid schon Flecken zu sehen. Wenn sie nicht augenblicklich den Saal verließ, würde sie sterben.
»Entschuldigen Sie mich«, sagte sie zu ihrem Tanzpartner, »ich …«
»Ist Ihnen nicht gut, Miss Wiborg?«
»Nein. Doch. Mir ist nur ein bisschen schwindlig. Ich glaube, ich setze mich besser.«
»Aber ja, unbedingt.« Er führte sie zum Rand der Tanzfläche, wo sie seiner Aufdringlichkeit sofort entfloh.
Während sie sich an Unmengen von Seide, Chiffon und Federn vorbeizwängte, die sie zu erdrücken, zu ersticken schienen, sah sie Hoytie den Saal in Begleitung einer jungen Frau verlassen, die eine gelbe Robe mit gestuftem Rock und am Busen eine jägergrüne Seidenblume trug. Sara beeilte sich, die beiden einzuholen.
»Hoytie«, rief sie, als sie mit klopfendem Herzen den Vorraum erreicht hatte.
Ihre Schwester drehte sich um und zog die dunklen Brauen kaum merklich nach oben. Sie schien eher neugierig zu sein, als Saras Stimme zu erkennen
