22,99 €
Ein Mailänder Garten. Zwei Kindheitsfreunde, ein Familiengeheimnis und eine unmögliche Liebe im Italien der goldenen sechziger Jahre. Zwei Kinder im Garten einer Mailänder Villa: Piero, der strahlende Sohn des großbürgerlichen Automobilunternehmers Renzo Rivolta. Und Valeria, die eigensinnige Tochter des Dienstmädchens. Sie versprechen sich, Freunde fürs Leben zu werden. Verbunden durch ein altes Familiengeheimnis erleben sie eine Jugend in den goldenen Jahren Italiens: Mailands mondäne Eleganz zwischen Dolce Vita und kultureller Revolution. Doch als Piero die Nachfolge seines Vaters antreten muss, verliebt sich Valeria in den Arbeitersohn Flavio, der Pieros Welt den Kampf ansagt. Bestseller-Autor Daniel Speck (»Bella Germania«) erzählt uns eine epische Geschichte über Leidenschaft, Verlust und den Preis dafür, zu werden, wer wir wirklich sind.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 670
Veröffentlichungsjahr: 2026
Daniel Speck
Roman
Tonino fühlt sich zu Hause in seinem Mailänder Wohnviertel in den Navigli. In der Schule wollte er nur ein wenig angeben mit der alten Wehrmachts-Pistole, die er gefunden hat. Doch auf einmal sitzt er mit seiner Mutter Valeria im Auto Richtung Maremma, auf der Flucht vor den Fragen der Polizei. Fragen, die Valeria nur beantworten kann, indem sie Tonino erzählt, wovon er nur wenig weiß: von seiner Herkunft, seiner Familie und von den Schicksalen derer, die vor ihm kamen. Es ist die Geschichte einer Freundschaft und einer unmöglichen Liebe. Als Kinder haben sich Valeria und Piero versprochen, immer Freunde zu sein. Zusammen sind sie aufgewachsen in der Villa Rivolta, sie als Bediensteten-Tochter, er als der Sohn und Erbe des großen Unternehmers Renzo Rivolta. Sie haben dolce vita an der sommerlichen Riviera erlebt, mondäne Eleganz und verrauchte Filmclubs an den Kanälen Mailands. Aber dann geht ein Riss durch ihre Verbindung: Können Valeria und Piero Freunde bleiben, obwohl sie zwei verschiedenen Welten angehören? Und was bedeutet ihre Geschichte für Tonino und seine Zukunft?
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Daniel Speck, 1969 in München geboren, führt uns mit seinen Romanen durch Kulturen und Epochen zu uns selbst. Auf Reisen findet er Geschichten, Orte und Menschen, deren Schicksale ihn als Weltenerzähler inspirieren. Der Autor studierte Filmgeschichte in München und verfasste Drehbücher, für die er mit dem Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Seine Romane sind allesamt Bestseller und finden höchste Anerkennung bei Kritik und Leserschaft. ›Bella Germania‹ wurde als Dreiteiler prominent verfilmt. Mit ›Piccola Sicilia‹, ›Jaffa Road‹ und ›Yoga Town‹ zeichnet Daniel Speck ein vielstimmiges Panorama und baut Brücken zwischen den Kulturen. www.danielspeck.com
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Zu diesem Buch ist bei Argon ein Hörbuch erschienen.
Zitate (jeweils mit freundlicher Genehmigung)
Umberto Eco, im Gespräch mit Chris Wallace, Interview Magazine, New York, 2.11.2015.
Italo Calvino, Der geteilte Visconte, aus dem Italienischen von Oswalt von Nostitz, 2013 Fischer Taschenbuch Verlag
Albert Camus, in: Hochzeit des Lichts, aus dem Französischen von Peter Gan und Monique Lang, © 2013 Arche Verlag GmbH, Zürich. Alle Rechte vorbehalten.
Giuseppe Ungaretti, Gedichte, übersetzt von Ingeborg Bachmann, © 1961 Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin. Alle Rechte vorbehalten.
Pablo Neruda, »Ich liebe dich nicht«, übersetzt von Fritz Rudolf Fries, in: Pablo Neruda, Die Gedichte 1–3, © 1986, 2009 Pablo Neruda und Stiftung Pablo Neruda; für die deutsche Ausgabe: © 1984, 2009 Luchterhand Literaturverlag. Alle Rechte vorbehalten.
Piero Rivolta-Barberi, »In His Own Words«, in: Solo un profumo – Just One Scent, © 1999, 2015 New Chapter Publisher, Sarasota, FL.
Covergestaltung: www.buerosued.de unter Verwendung von Motiven von Arcangel Images und Getty Images
ISBN 978-3-10-491654-5
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne des § 44b UrhG bleibt explizit vorbehalten.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.
Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.
Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.
[Widmung]
[Motto]
Prolog
Teil I
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Teil II
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Teil III
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
Dramatis personae
Playlist
Danksagung
Für Piero und Lele
Wir schreiben die Geschichte ständig neu. Unsere Erinnerung ist immer eine Deutung der Vergangenheit.
Umberto Eco
Diese Geschichte ist inspiriert von unvergesslichen Gesprächen mit Piero und Lele Rivolta, die mir ihre Erinnerungen anvertraut haben. Dennoch ist sie keine Biografie, sondern ein Roman, also das Werk meiner kreativen Imagination, die vergangene Ereignisse so erzählt, wie sie sich ereignet haben könnten.
Wie sie sich tatsächlich ereignet haben, wissen nur jene, die damals dabei waren. Und auch sie würden unterschiedliche Versionen erzählen, denn Erinnerungen sind ebenfalls Imagination – gefärbt von Gefühlen, Narben und Überzeugungen.
Jedes Erzählen ist unweigerlich ein subjektiver, kreativer Akt – geprägt von Betonungen, Auslassungen und Interpretationen. So sind Piero und Lele Rivolta als literarische Figuren zugleich weniger und mehr als ihre realen Vorbilder. Sie begegnen einem Ensemble fiktiver Charaktere, die ich erzähle, als hätten sie wirklich existiert –, obwohl sie hier zum ersten Mal ins Leben treten.
Aus dieser Begegnung entstand eine Synthese, die mehr ist als die Summe von Nacherzählung, Interpretation und Erfindung – die Erinnerung an eine mögliche Welt.
Man sagt, es gäbe eine große Liebe im Leben. Tatsächlich aber gibt es zwei: eine, die du nie bekommst, und eine, die du nie vergisst. So erzählt es jedenfalls meine Mutter, die es besser weiß als ich. Die erste, sagt sie, ist eine ungelebte Liebe; ein schöner Traum, der nie Wirklichkeit wird. Die zweite, sagt sie, ist eine leidenschaftliche Liebe, die dich im Kern erschüttert, fallen lässt und verletzt. Weil du anders nicht wachsen kannst. Und wenn du nicht verändert aus ihr hervorgehst, träumst du immer noch von der ersten, ungelebten Liebe, die nie aus dem Reich der Möglichkeiten in die Wirklichkeit herabgestiegen ist. Wenn du aber Glück hast, findest du irgendwann die dritte große Liebe. Die, bei der du endlich ankommst.
Doch das ist eine andere Geschichte, für Menschen, die unter einem guten Stern geboren wurden. Die Geschichte meiner Mutter jedenfalls handelt von den beiden ersten Männern ihres Lebens. Der eine war mein Vater, und der andere war der Vater, den ich gerne gehabt hätte. Als ich noch ein Kind war, verstand ich nicht, warum der eine nicht bei uns bleiben und der andere nie zu uns kommen konnte. Ich wusste nur, dass meine Mutter jeden auf seine Weise liebte, manchmal auch hasste – und dass man nicht nach den Gründen dafür fragen durfte.
Meine Mutter erzählte mir ihre Geschichte erst, als beide Männer nicht mehr bei uns waren, auf einer Reise durch mein Heimatland Italien, das ich bis dahin zwar gekannt, aber nicht verstanden hatte in seiner wilden, widersprüchlichen Schönheit. Und erst als sie zu Ende erzählt hatte, verstand ich die Unruhe, die sie antrieb, die Dringlichkeit ihrer Liebe zu mir und warum ich nie gewusst hatte, wo ich hingehöre. Vielleicht weiß ich es bis heute nicht.
Aber ich weiß jetzt, warum meine Mutter, die immer nach der Wahrheit suchte, ausgerechnet die Menschen, die sie am meisten liebte, anlügen musste.
Die Kinder, die Eltern
Manchmal glaubt man, unvollständig zu sein, und ist doch nur jung.
Italo Calvino
Am Tag, als meine Mutter mich ins Auto packte, um zu Piero zu fahren, endete meine Kindheit. Es war ein heißer Julimorgen im Jahr 1979, kurz vor den Ferien. In den Prüfungen fragten sie nach Caesars Ermordung, der Heimkehr des Odysseus und den Wachsflügeln des Ikarus – also nichts, was ein Vierzehnjähriger gebrauchen konnte. Und wenn ich einfach nur brav gebüffelt hätte, statt Mist zu bauen, wäre ich noch länger dieser Junge geblieben, der die ganze Welt im Kopf hatte, aber nichts vom Leben verstand.
Ich erinnere mich an den modrigen Geruch der Algen, der aus dem Kanal stieg, das blendende Sonnenlicht vor der Tür und die überstürzte Hast meiner Mutter, die doch sonst immer alles im Griff hatte. Wie eine Verbrecherin auf der Flucht. Und ich war ihr Komplize. Oder andersherum: Ich war der Verbrecher und sie die Komplizin – jedenfalls nach Meinung der Polizei, die uns gerade besucht hatte. An diesem Morgen verstand ich noch nicht, welche Lawine ich losgetreten hatte, nur dass ich Mamma in echte Schwierigkeiten gebracht hatte. Aber ich weiß noch genau, was sie anhatte – große Sonnenbrille, ausgeblichene Jeans und geknotete Bluse über dem breiten Gürtel – und dass mir, obwohl ich heftig protestierte, keine andere Wahl blieb, als ihr zu folgen.
»Wir fahren ans Meer«, sagte sie. »Zu Piero!«
»Ich will aber hierbleiben!«
»Steig ein, los!«
Sie schob mich in ihren Golf, der am Kanal parkte, warf ihre Reisetasche auf die Rückbank und fuhr mit quietschenden Reifen los. Sie drehte das Radio laut. Lucio Dalla, auch daran erinnere ich mich genau: »L’Ultima Luna« – das Lied war gerade herausgekommen. Ich wusste nicht, was es bedeutete, aber irgendwie klang es, als würde hinter uns die Welt einstürzen.
»Wann kommen wir zurück?«
Sie bog scharf in die Ausfallstraße ein, ohne zu antworten.
»Mamma! Wann?«
»Wir machen einen kurzen Urlaub«, sagte sie. »Dann sehen wir weiter. Du magst Piero doch, nicht wahr?«
Ich mochte ihn, ja, sehr sogar. Aber ich wollte zu Hause bleiben, bei meinen Freunden, meinem Fahrrad. Nur – was ich wollte, zählte mal wieder nicht. Einmal hatte Mamma zu mir gesagt: »Was Piero sich erlauben kann, kannst du dir nicht erlauben.« An diesem Tag war mir klar geworden, dass viele Türen, die ich für offen gehalten hatte, für mich verschlossen blieben. Die Verunsicherung, die damit einherging, verschwand nie wieder. Piero war ein Versprechen, das sie nicht halten konnte. Piero mit den Pferden, mit den schnellen Autos und dem Segelboot am Meer. Piero mit dem strahlenden Lachen. Piero, der meine Schule bezahlte.
Piero Rivolta.
»Hast du ihm erzählt, was passiert ist?«, fragte ich.
»Er wird dir helfen.«
Ich hatte Mist gebaut. Dabei hatte ich, wenn man’s ehrlich betrachtet, nichts Böses getan. Nur eine Pistole in die Schule gebracht. Und wenn Giancarlo nicht behauptet hätte, dass ich ihn umbringen wollte, wäre gestern nicht die Polizei vor unserer Tür gestanden. Sie wollten mich von der Schule werfen. Sie sagten, meine Zukunft stünde auf dem Spiel. Als Vorbestrafter hätte ich keine Chance im Leben.
Ich hatte das mulmige Gefühl, wir würden nie mehr nach Mailand zurückkommen. Ich liebte mein Viertel, die Navigli. Mamma und ich lebten in einer kleinen Wohnung in der Via Ludovico Il Moro. Hier waren die Häuser bunt, teils renoviert, teils runtergekommen, nicht zu hoch, und die Straßen nicht zu breit. Nachmittags, wenn Mamma noch im Büro war, streunte ich am Kanal entlang, wo die Werkstätten waren, die kleinen Läden und Kooperativen. Ich stöberte auf den Flohmärkten nach Comics, kaufte ein Tramezzino in der Bar am Eck, wo jeder mich kannte. Am meisten mochte ich die hölzernen Ruderboote, die wie Speere durch den Naviglio Grande glitten. Ich war Mitglied bei den Canottieri San Cristoforo. Am liebsten ruderte ich im Nebel, wenn die Stadt verstummte und nur das Eintauchen unserer Ruderblätter von den Kanalmauern zurückhallte. Die Jungs aus unserem Boot, mit denen ich die Wochenenden verbrachte, waren normale ragazzi wie ich – nur dass sie auf die normale Schule im Viertel gingen, und ich nicht.
Jeden Morgen trug ich mein Rennrad über die Kanalbrücke, fuhr an der alten Kirche vorbei und unter den Bahngleisen hindurch. Erst dort begann das laute, schnelle Mailand der vierspurigen Alleen. Mein Gymnasium, das Istituto Leone XIII, lag in der Zona Fiera, wo die feinen signori wohnten, zwischen Jugendstilvillen, Parks und achtstöckigen Wohnhäusern. Es gab einen Tennisplatz, eine Bibliothek, eine Kirche und ein Papstsiegel am Eingang. Du musstest eine Aufnahmeprüfung bestehen und Eltern haben, die sich das leisten konnten.
Wir trugen alle die gleiche Schulkleidung – blauer oder karierter Blazer a doppio petto, graue Hose mit Bügelfalten, dunkle Halbschuhe, Krawattenschal. Man sah mir nicht an, dass mein Papà aus dem Süden kam. Weder war meine Haut dunkler, noch meine Haare, ich hatte auch keinen sizilianischen Dialekt. Ich erzählte niemandem von ihm. Aber er war eben nicht da, holte mich nicht ab, stand nicht am Fußballplatz, kaufte mir keine Uhr. Manchmal, wenn die anderen erzählten, wo sie die Ferien verbracht hatten, und fragten, wo ich denn gewesen war, log ich, um nicht ausgelacht zu werden. Und trotzdem, die Jungs konnten es riechen, wenn du keiner von ihnen warst. Die Art, wie sie über andere Leute sprachen oder wie sie dich anschauten, wenn du einen Witz nicht kapiertest. Ihre angeborene Selbstsicherheit. Sie waren im Leben schon angekommen, bevor sie gestartet waren. Sie wussten, dass ihnen nichts passieren konnte. Wenn sie Mist bauten, boxte ihr Papà sie immer raus. Ich dagegen hatte nur meine Mutter.
Auf dem Heimweg in die Navigli zog ich immer den Ascot-Schal aus und faltete den Blazer in meinen Rucksack, damit meine Jungs mich nicht für abgehoben hielten. Sie machten sich trotzdem über mich lustig – anfangs noch auf kumpelhafte Weise, aber dann immer mehr auf eine Art, die uns voneinander entfernte. Sie hatten falsche Vorstellungen von der besseren Gesellschaft, so wie die Jungs auf meiner Schule falsche Vorstellungen von den kleinen Leuten hatten. Man hätte denken können, dass wir in den Navigli Probleme mit den Fäusten regelten, während auf dem Leone XIII intellektuelle Debatten geführt wurden, aber das stimmte nicht. Giancarlo und seine Freunde verfolgten mich gerne nach der Schule, um mich mit Schneebällen einzuseifen oder mein Fahrrad in den Kanal zu werfen. Sie schlugen immer erst dort zu, wo niemand sie kannte. Meine Mutter war die Einzige, die sich ihnen in den Weg stellte, sie verjagte und am nächsten Tag beim Klassenlehrer vorstellig wurde. Aber das änderte nicht viel –, nur dass sie mich dann Mamasöhnchen nannten. Und weil ich gepetzt hatte, warfen sie nicht nur mein Fahrrad, sondern mich in den Kanal.
Irgendwann erzählte ich meiner Mutter nichts mehr. Sie war eh meistens weg, weil sie keinen normalen Beruf hatte, sondern einen, den sie liebte: Sie war Journalistin beim Corriere della Sera. Morgens wachte sie mit den Radionachrichten auf, abends schlief sie mit den Fernsehnachrichten ein, und wenn es einen Gegenstand gibt, mit dem ich sie immer verbinden werde, dann ist es ihre Schreibmaschine. Niemand tippte schneller als sie. Die Nachbarn respektierten sie, denn sie schrieb über die Menschen im Viertel, vor allem über die Frauen. Für mich war sie der aufrichtigste, unbestechlichste Mensch, den ich kannte. Wenn ich beim Einkaufen aus Versehen mal ein paar Lire zu viel rausbekam, bestand sie darauf, dass ich das Geld zurückgab.
Doch dann geschah die Sache mit der Pistole, und mein Bild von ihr bekam den ersten Riss.
Es begann mit einem kaputten Wasserrohr. Eines Nachmittags, als ich von der Schule zurückkam, klaffte im Innenhof unseres Mietshauses ein tiefes Loch. Zwei Männer rissen das Pflaster auf und schaufelten feuchte Erde nach oben. Die Mülltonnen standen in der Einfahrt; ich musste das Fahrrad im Treppenhaus abstellen. Meine Mutter nahm die Wäsche vom Geländer und schloss die Fenster. Beim Abendessen redeten wir nur kurz darüber. Aber nachts wachte ich von einem Geräusch an der Haustüre auf, und als ich aus dem Fenster schaute, konnte ich erkennen, wie Mamma in den Hof ging, bis zum Rand der Grube, und mit einer Taschenlampe hinunterleuchtete. Eine Weile stand sie dort reglos herum. Ich fragte mich, was sie suchte. Dann hob sie das Absperrband hoch, stieg in das dunkle Loch und verschwand. Nur das Licht ihrer Lampe flackerte heraus. Ich wollte mich gerade anziehen, um runterzulaufen, als ich Signor Colombo sah, den portiere, der immer was zu meckern hatte. Im Pyjama kam er aus dem Treppenhaus und rief zögernd in die Grube hinunter:
»Signora, kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, nein«, kam es von unten herauf. »Ich dachte nur, ich hätte was verloren. Einen Ohrring …« Colombo stand eine Weile verlegen am Grubenrand und fragte sich wahrscheinlich dasselbe wie ich: wie jemand einen Ohrring ausgerechnet dort hineinfallen lassen konnte. Aber bevor er sie in ein Gespräch verwickeln konnte, stieg Mamma aus der Grube und wünschte ihm eine gute Nacht. Ich lief zurück ins Bett, hörte, wie sie leise die Wohnungstür schloss, und stellte mich schlafend.
Am folgenden Nachmittag, als ich aus der Schule kam, waren die Arbeiter, die das Loch ausgehoben hatten, schon nach Hause gegangen. Ihre Werkzeuge lehnten an der Hofmauer. Niemand schaute aus dem Fenster. Eine eigenartige Stille lag über dem Hof, das Absperrband flatterte im Wind. Ich stand mit meinem Fahrrad am Rand der Grube und schaute nach unten. Feuchter Sand, Steine und ein schwarzes, rostiges Rohr. Ich stellte das Rad ab und kletterte in die Grube.
Unten war es kühl. Es roch modrig. Ich hatte das Gefühl, gegen ein Gesetz zu verstoßen, das meine Mutter geschrieben hatte, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Aber ich sah nichts, was darauf hindeutete, was sie verloren haben könnte. Ich brach Steine heraus, schürfte im Sand und dachte, später würde ich mir die Hände waschen müssen, damit sie nichts merkte. Auf einmal stießen meine Finger auf etwas, das sich anders anfühlte. Etwas Hartes, Kaltes, das in ein vermodertes Tuch gewickelt war. Vorsichtig zog ich es aus seinem Versteck, wickelte den Fetzen auf und erschrak: Es war eine Pistole. Dunkles, poliertes Metall und Griffschalen aus braunem Bakelit. Sie lag schwer in der Hand, ehrfurchtgebietend und elegant. Wie in Kriegsfilmen.
»Tonino?«
Es war die kratzende Stimme von Signor Colombo. Ich schob die Waffe in meinen Hosenbund und schaute nach oben.
»Tonino, wo bist du?«
Er musste mein Fahrrad gesehen haben. Ich entschied mich für die Flucht nach vorn, kletterte aus der Grube und setzte ein unschuldiges Gesicht auf. Colombo stand neben meinem Rad und sah mich streng an.
»Was machst du da unten?«
»Nichts.«
Ich schob das Fahrrad ins Treppenhaus und ging nach oben.
»Wie geht’s deiner Mutter? Tutto bene?«
Erst als ich die Wohnungstür hinter mir zuzog, spürte ich seinen stechenden Blick nicht mehr im Rücken. Ich lief in mein Zimmer und wischte vorsichtig den Dreck von der Waffe. Da waren Nummern in den Lauf gestempelt. Und dann sah ich einen Adler, mit ausgebreiteten Schwingen, über einem Hakenkreuz.
Ich versteckte die Pistole in meinem Rucksack. Beim Abendessen entdeckte Mamma den Schmutz unter meinen Fingernägeln. Ich sagte, wir hätten Fußball gespielt. Sie war mit ihren Gedanken woanders.
Dann, nachts, dasselbe seltsame Spektakel im Hof: Der Lichtkegel der Taschenlampe und Mamma, die im Dunkeln etwas suchte, das sie nicht fand. Ich konnte nicht glauben, dass es um die Pistole ging. Meine Mutter hasste Waffen. Selbst Spielzeug. Konflikte, sagte sie, dürften nie mit Gewalt, sondern nur mit Worten ausgetragen werden. Als sie einmal eine Plastikpistole fand, die ich heimlich gekauft hatte, wurde sie wütend. Ich solle nicht »einer von denen werden« –, wobei nicht klar war, ob sie die Bullen oder die Verbrecher meinte. Ich sagte, die anderen Jungs dürften das auch, aber sie sagte, die anderen seien egal – in einer Diktatur würden alle in dieselbe Richtung marschieren, selbst wenn es die falsche sei; also solle ich nur meinem eigenen Gewissen folgen. Als ich entgegnete, in einer Diktatur würde ich den Diktator erschießen, warf sie die Knarre in den Müll und strich mir das Taschengeld.
Später bereute sie es, wir gingen zur Eisdiele, und ich tat so, als wäre alles in Ordnung. Aber gerade weil sie es verboten hatte, blieb bei mir eine morbide Faszination zurück. Ich schaute nicht mehr Tom & Jerry, sondern Krimis und Nachrichten. Als sie Aldo Moro entführten, wusste ich genau, wie viele Kugeln seinen Fiat 130 durchschlagen hatten, und nachts im Traum sah ich die toten Leibwächter auf der Straße liegen. Das war in Rom, wo mein Vater lebte.
Am nächsten Morgen nahm ich meinen Rucksack und fuhr in die Schule. Über die Kanalbrücke, an San Cristoforo vorbei, die Via Washington entlang – derselbe Weg wie jeden Tag, doch heute war alles anders. Allein das Gewicht auf meinem Rücken gab mir das berauschende Gefühl von geheimer Macht. Natürlich hatte ich nicht vor, jemanden zu erschießen; das alte Eisen war gar nicht geladen. Aber es war, als trüge ich ein Amulett. Wenn die Jungs mir heute blöd kämen, könnte ich sie in die Flucht schlagen.
Es fiel mir schwer, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Ich klemmte meine Beine um den Rucksack unterm Tisch. Ich machte mir keine großen Gedanken darüber, was ich mit der Waffe anstellen sollte, wem sie gehörte und wer sie vergraben hatte; es war einfach nur aufregend, sie zu besitzen.
Und alles wäre gut gegangen, wenn wir an diesem Tag keine Sportstunde gehabt hätten. Wenn Giancarlo mich vor den Umkleidekabinen nicht angerempelt hätte. Wenn mir dabei nicht der Rucksack aus der Hand gefallen wäre.
»Porca vacca!«, rief Giancarlo. »Tonino hat ’ne Knarre! Ist dein Papà bei der Mafia?«
Ich hatte keine Lust, irgendwas zu erklären, und schob die Waffe zurück in den Rucksack. Hätte Giancarlo mich später nicht bei den Fahrrädern abgefangen, wäre ich nach Hause gefahren und hätte das Scheißding in den Kanal geworfen. Aber er wollte sie unbedingt haben, weil es eine deutsche war.
»Verkaufst du sie?«
»Nein.«
»Wo hast du die her?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Willst du jemanden abknallen?«
»Vielleicht.«
Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, auf Augenhöhe mit ihm zu reden. Er hatte Respekt vor mir. Dann zog er etwas aus seinem Schulranzen: einen Sony Walkman. Weiß und silber und wahnsinnig schön. Sie kamen gerade auf den Markt, und wenn du wer warst, dann hattest du einen. Andersherum gesagt: Wenn du keinen hattest, warst du niemand.
Ich hatte keinen.
»Tauschen wir?«, fragte er leise.
Ich tat so, als interessierte es mich nicht.
»Plus 50000 Lire. Ci stai, amico?«
Er reichte mir die Hand, überzeugt davon, dass ich einschlug. Ich dachte nicht länger nach und schlug ein. Wegen des Walkmans, aber vielleicht war es auch das Wort »amico«. Wenn Giancarlo dir die Freundschaft anbot, dann warst du sicher.
Im selben Augenblick, als ich in den Rucksack griff, packte mich eine große Hand am Arm. Der Sportlehrer war uns gefolgt; wahrscheinlich hatte er uns in der Umkleidekabine beobachtet. Ich wollte eine Fliege machen, aber er hielt den Rucksack fest. Wir zerrten beide daran, und er zwang mich, den Inhalt vor seinen Füßen auszuleeren. Da fiel sie auf den Boden, die verfluchte Pistole, und alle flippten aus.
Es war einer dieser Momente, in denen man den Albtraum, in dem man sich verfangen hat, noch nicht wahrhaben will – als könnte man die letzten Minuten zurückspulen wie eine Kassette und dann löschen, als wäre das Unglück einfach nie geschehen. Man glaubt tatsächlich noch, alles wäre wie vorher, aber mit jeder Sekunde sinkt es tiefer ins Bewusstsein, dass der falsche Schritt unwiderruflich ist und das Leben nie wieder dasselbe sein wird. Alles, was dann folgte, zementierte diese neue, unerträgliche Wirklichkeit: der Lehrer, der uns zum Direktor schleifte. Der Direktor, der unsere Eltern anrief. Und meine Mutter, die zur Tür hereinstürzte, als wir vor dem Direktor saßen. Auf seinem Schreibtisch lagen die Pistole und der Walkman. Meine Pistole, sein Walkman – ich hatte von vornherein die schlechteren Karten.
»Signora, setzen Sie sich bitte. Können Sie mir erklären, woher Ihr Sohn diese Waffe hat?«
»Nein. Tut mir leid, Preside.«
Es war der stechende Blick und der schneidende Ton in ihrer Stimme, der mich irritierte. Sie wollte mich verteidigen wie immer, aber ihr Nein war an mich gerichtet, nicht an den Direktor. Sag es nicht, befahl sie mir mit ihrem Blick. Ich verstand nicht, warum. Sollte ich behaupten, ich hätte das Ding von einem Dealer gekauft? Meine Mutter konnte Lügen nicht ausstehen; sie verehrte Reporter, die Wahrheiten aufdeckten. Und jetzt, als der Direktor sich an mich wandte, um zu fragen, woher ich die Waffe hatte, schnitt sie mir das Wort ab, um zu erklären, dass sie mich gewaltfrei erziehen würde.
»Das bezweifle ich nicht, Signora. Dennoch hat Ihr Sohn diese tödliche Waffe in unsere Schule gebracht.«
»Heutzutage liegen doch überall Waffen herum. Jemand raubt einen Laden aus und wirft sie in den nächsten Papierkorb, nicht wahr?«
»Tonino, wo hast du sie gefunden?«
Ich linste zu meiner Mutter, die unmerklich den Kopf schüttelte. Die gespannte Stille, unerträglich. Je länger ich nichts sagte, desto tiefer ritt ich mich in die Scheiße.
»Ich hab sie … aus dem Kanal gefischt.«
»Dem Naviglio? Eine Waffe der Wehrmacht?«
»Was weiß ich.«
Dann kam Giancarlos Vater zur Tür herein. Dottore Balbi, Anwalt in einer großen Mailänder Kanzlei. Er führte sofort das Wort für seinen Sohn. Dann stellte er ihm Fragen. Es war ein einstudiertes Theater.
»Wolltest du die Waffe kaufen?«
»Nein. Tonino wollte sie gegen den Walkman tauschen, aber ich wollte nicht.«
»Doch, wollte er!«, rief ich, aber sie spielten ein gezinktes Spiel. Giancarlos Vater erklärte dem Direktor, ohne meine Mutter dabei anzusehen, dass hier Aussage gegen Aussage stünde und die Schulleitung kein Recht habe, seinen Sohn noch länger festzuhalten. Er nahm den Walkman ungefragt vom Tisch, stand auf und stieß seinen Sohn in die Seite, der ihm gehorsam folgte. Giancarlo wagte es nicht, mich anzuschauen. Der Direktor protestierte hilflos, aber der Anwalt verabschiedete sich und schob Giancarlo durch die Tür. Es gab Leute, für die selbst ein Schuldirektor nur ein Angestellter war.
»Was passiert jetzt?«, fragte meine Mutter in die peinliche Stille.
»Wir müssen den Fall im Kollegium besprechen. Nach dem Wochenende. Bis auf weiteres ist Tonino vom Unterricht suspendiert. Ich bin untröstlich.«
»Aber … er ist mitten in den Prüfungen!«
»Signora, es gibt Regeln. Wir sind eine jesuitische Schule …«
»Welche Regel? Wo steht das in der Schulordnung geschrieben?«
»Signora, ich bitte Sie um Verständnis. Ein Fall wie dieser ist in der Geschichte des Leone XIII noch nicht vorgekommen.«
»Dottore, ich habe für vieles Verständnis. Aber nicht dafür, dass mein Kind nicht lernen darf.«
»Wir werden Sie benachrichtigen.«
Sie griff nach der Waffe. Der Direktor legte seine Hand auf ihre.
»Signora, ich bitte Sie!«
»Sie gehört Ihnen nicht!«, rief meine Mutter. So scharf sprach sie sonst mit niemandem.
»Aber Sie werden damit doch nicht in Mailand herumlaufen wollen?«
»Lassen Sie mich los!«
Er zog widerwillig die Hand weg. Sie nahm die Pistole und betrachtete sie nachdenklich. Es schockierte mich, meine Mutter so zu sehen. Der Direktor fühlte sich sichtlich unwohl mit einer bewaffneten Frau in seinem Zimmer. Er stand auf.
»Signora, wenn Sie mir bitte dieses …«
Sie tat so, als wüsste sie nicht, was er meinte. Er deutete auf die Pistole.
»Ich hoffe, wir können das intern regeln, ohne dass ich die Behörden einschalten muss. Wir wollen doch niemandem seine Zukunft verbauen, im Gegenteil. Und … wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, wir sind sehr erfreut über Toninos schulische Leistungen. Umso mehr betrübt mich der Vorfall.«
Sie starrten sich in die Augen, und es wurde uns allen bewusst, wie unmöglich die Situation aussah. Ich schämte mich zu Tode, und Mamma schien zu begreifen, dass sie dabei war, alles nur noch schlimmer zu machen. Aber sie steckte die Waffe in ihre Handtasche, stand auf und schob mich aus dem Raum.
»Arrivederci, Preside.«
Auf dem Gehweg vor dem Eingang stand Mammas Golf. Sie riss den Strafzettel unterm Scheibenwischer weg und sperrte die Tür auf.
»Steig ein!«
Wieder dieser schneidende Tonfall. Ich kannte ihn nur aus Momenten, in denen sie wirklich Angst hatte.
Anders als befürchtet, gab es nur ein kurzes Verhör. Sie tat so, als wüsste sie nicht, wo ich die Pistole gefunden hatte, aber sie war keine gute Lügnerin. Ich fragte sie, warum sie wollte, dass ich den Direktor anschwindle.
»Weil ich nicht zulasse, dass du dir deine Zukunft verbaust«, sagte sie und fuhr los.
Welche Zukunft, dachte ich.
»Du darfst nie denken, dass die anderen stärker sind. Hörst du? Das Leben serviert uns nichts auf dem Silbertablett, also müssen wir kämpfen. Sonst kommen wir nirgendwohin.«
»Kannst du nicht Piero anrufen?«, fragte ich.
Sie tat so, als habe sie es nicht gehört.
»Er ist doch ein Freund vom Direktor, der regelt das.«
»Nein!«
»Warum?«
Sie fuhr herum.
»Was ist das mit euch Jungs und Waffen? Warum hast du sie nicht einfach liegen gelassen?!«
»Du bist doch auch in die Grube gestiegen!«
»Weil ich einen Ohrring verloren hatte!«
Warum lügst du mich an, wollte ich schreien, aber ich tat es nicht. Weil ich ihr schon genug Stress gemacht hatte.
Zu Hause schloss ich mich in meinem Zimmer ein und warf mich aufs Bett. Durch die Tür hörte ich, wie sie in der Küche das Radio einschaltete. In Momenten wie diesen, wenn die ganze Welt mich ankotzte, waren meine besten Freunde die Autoposter, mit denen ich meine Wände vollgehängt hatte: der Ferrari Daytona, der Lamborghini Countach und natürlich der Iso Grifo. Der schönste von allen. Piero fuhr so einen. Nicht nur das – er hatte ihn gebaut, den Iso Grifo. Als ich klein war, ließ er mich mal mitfahren. Mit Vollgas durch die Stadt. Piero durfte das. Ich verstand nicht, warum Mamma ihn jetzt nicht anrufen wollte.
Ich hörte, wie sie einen Teller auf den Tisch stellte und ihre Pasta aß, ohne wie üblich die Fernsehnachrichten anzuschalten. Irgendwann hörte ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Ich schlich aus meinem Zimmer. Auf meinem Platz am Esstisch stand ein unbenutzter Teller. Draußen war die Sonne untergegangen, aber es war noch hell. Ich folgte einem Instinkt und verließ die Wohnung.
Mammas Golf stand geparkt am Straßenrand, gegenüber vom Kanal. Wenige Autos waren noch unterwegs. Ich entdeckte Mamma am anderen Ufer des Kanals, in einer Telefonzelle. Sie drehte sich beim Sprechen immer wieder um, als hätte sie Angst, beobachtet zu werden. Nahm den Hörer enger an den Hals, sprach bedächtig und vorsichtig. Dann fuhr sie plötzlich hoch, gestikulierte wütend und legte auf. Sie sah sich unschlüssig um. Ich duckte mich hinter ein parkendes Auto. Durch die Fenster erkannte ich, wie sie die Telefonzelle verließ und auf die Kirche zuging. Sie öffnete die Kirchentür und verschwand. Mamma ging nie in die Kirche, außer an Ostern und Weihnachten. Sie war nicht religiös, sondern kritisch gegenüber der Kirche. Ich löste mich aus meinem Versteck und überquerte die Brücke. Die Kirchentür knarzte, als ich sie öffnete. Es roch nach erkaltetem Weihrauch. In den Bänken kauerten die gebeugten Großmütter, die im Dämmerlicht ihr Rosenkranzgebet murmelten. Vor dem Seitenaltar brannten Kerzen.
Ave Maria, piena di grazie, il Signore è con te.
Tu sei benedetta, e benedetto è il frutto del tuo seno, Gesù.
Ich schlich zum Seitenschiff. Dort sah ich sie, ganz vorne, wie sie gerade eine Kerze anzündete. Sie stellte sie zu den anderen Kerzen, so wie man es tat, um für die Seele eines Verstorbenen zu bitten. Das Licht flackerte auf dem dunklen Altarbild. Sie kniete sich auf die Holzbank, senkte den Kopf und presste beide Fäuste an die Stirn. Die Alten murmelten weiter ihren monotonen Singsang, wie Halbtote. Mir lief ein Schauer den Rücken herunter.
Santa Maria, Madre di Dio, prega per noi peccatori,
adesso e nell’ora della nostra morte.
Sie richtete sich langsam auf, als müsste sie ein unsichtbares Gewicht auf ihren Schultern stemmen. Ich floh, bevor sie sich umdrehen konnte.
Später, als ich in meinem Bett lag und versuchte einzuschlafen, kam sie leise in mein Zimmer, küsste meine Stirn und strich mir durch die Haare. So, wie sie es früher immer getan hatte.
»Keine Angst, mein Schatz. Niemand wird dich von der Schule werfen.«
Ihre Zärtlichkeit war überwältigend, aber ich konnte sie nicht annehmen. Meine Mutter war nicht mehr derselbe Mensch.
Am nächsten Morgen tat sie so, als wäre nichts passiert. Schon früh hörte ich das Tackern ihrer Schreibmaschine. Mein Frühstück hatte sie auf den Tisch gestellt. Sie blickte nur kurz auf und sagte, sie müsse den Artikel fertig schreiben, den sie gestern hätte abgeben sollen. Ich fühlte mich bestraft. Neben ihrer Olivetti stand eine Espressotasse, und auf dem Boden unterm Tisch stapelten sich Bücher.
So habe ich Mamma in Erinnerung: Schreibmaschine, Kaffee und Bücher, dabei barfuß, in Jeans und T-Shirt. Wenn sie schrieb, wurde sie leicht. Selbst bei schweren Themen. Die Konzentration auf die Sprache war ihr Weg, in einer Welt, die von anderen bestimmt wurde, ihren eigenen Platz zu finden. Sie schrieb sich frei. An ihrer Maschine war sie, obwohl sie das Leben fremder Menschen beschrieb, ganz sie selbst. Ich konnte am Klang der Tasten ihre Stimmung erkennen und hören, wenn sie aus dem Takt geriet. In diesem rhythmischen Ticken und Klingeln lag alles, was meine Mutter ausmachte: ihre Entschlossenheit, ihre Präzision, ihr Mitgefühl für die Welt, ihr Zögern, wenn sie die richtigen Worte suchte, und die Leidenschaft, mit der sie dann loslegte, um einen Gedanken zu verfolgen. Sie schrieb nicht, um die Welt zu verändern, sondern um sie zu verstehen. Sie gab sich nicht mit dem äußeren Anschein zufrieden, sondern suchte nach Wahrheit in einer Welt voller Ungewissheiten – um herauszufinden, auf welcher Seite sie stand.
Am meisten mochte ich es, wenn sie ihre Sätze mit bianchettokorrigierte. Der feine Pinsel in ihren Fingern, die professionelle Genauigkeit, mit der sie ein Wort löschte, das ihr nicht mehr gefiel. Sie saß dabei ganz aufrecht und wach vor der Maschine, nicht gebeugt und genervt wie ich, wenn ich beim Aufsatzschreiben einen Fehler gemacht hatte. Für sie war es eine Frage der Ehre, die Dinge so korrekt wie möglich zu benennen, aus einer Art Verantwortungsgefühl für die Welt. Wie mein Großvater Antonio, wenn er etwas mit den Händen reparierte: »Es ist nicht wichtig, was du machst, Tonino«, sagte er immer, »aber du musst es gut machen. Nur dann kannst du zufrieden sein.« Wenn ich Mammas Schreibmaschine hörte, wurde mein Körper ruhig. Ich konnte dabei einschlafen. Weil ich wusste, es geht ihr gut.
Aber heute war alles anders. Sie hatte ihren Rhythmus verloren, tippte gegen den Lärm der Arbeiter im Hof an, unruhig, fast besessen. Das Geklapper machte mich nervös. Ich schlich durch die Wohnung und linste durch die angelehnte Tür ihres Schlafzimmers. Auf dem Bett stand ein offener Pappkarton. Ich schob vorsichtig die Tür auf. Solange ich das Tippen aus dem Wohnzimmer hörte, konnte sie mich nicht sehen. Ich schlüpfte ins Zimmer. Neben dem Karton lagen orangefarbene Umschläge mit alten Fotos und Negativen. Ich fragte mich, warum sie die rausgekramt hatte und ob darauf die Waffe zu sehen war. Ich kniete mich vors Bett, um keine Spuren zu hinterlassen.
Einige Fotos kannte ich – Urlaubsbilder aus Sizilien, wir beide mit Nonno Antonio, den ich liebte, und ein Foto von Piero und mir, in seinem schwarzen Iso Grifo. Dann fand ich ein Bild, das ich nicht kannte: Es zeigte meine Mutter mitten im Wald, deutlich jünger als heute, mit einem Gewehr in der Hand. Nicht die Wehrmachtspistole, aber ein Jagdgewehr. Neben ihr stand Piero, der einen toten Fasan hochhielt. Sie trugen diese eigenartigen Klamotten von vornehmen Leuten, die auf die Jagd gehen. Und am Rand des Fotos, als wollte er nicht dazugehören, stand mein Vater. Er trug Schlaghosen und ein einfaches, kariertes Hemd. Während die anderen zwei lachten, blickte er ganz ernst in die Kamera. So kannte ich ihn – immer kämpferisch und düster, während Piero alles leichtnahm, auch das Schwere.
Es war das einzige Foto, das die drei zusammen zeigte. Schön sahen sie aus. Vital, aber irgendwie auch zornig, wie ein aufziehender Sturm. Ich fragte mich, wie sie in dem Moment, als sie fotografiert wurden, zueinander standen. Und ob es mir gelänge, ihre Fotos zu einer Geschichte zu ordnen. Dann würde ich vielleicht den Sinn darin erkennen, wie so verschiedene Menschen einen gemeinsamen Kosmos bilden konnten. Dann könnte ich die versteckte Ordnung in diesem Chaos finden.
Aber hatte es in unserer Familie je eine Zeit gegeben, in der alles in Ordnung war? Wenn ja, was war das Ereignis, das alles auseinanderbrechen ließ? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass wir einmal heil gewesen waren. Unsere Familie war immer schon un grande casino, ein großes Durcheinander. Es gab so viele Trennungen, kleine und große, bis Papà irgendwann mal aus den Familienfotos verschwand. Sicher, danach hatten wir einen gewissen Grad von Stabilität – nicht Normalität – erreicht. Es ging uns gut. Aber mir schien, dass mein Leben nicht als gerade Linie von der Vergangenheit in die Zukunft verlief, sondern in einer Kreisbewegung: Es führte immer wieder zurück zu einem vertrauten Gefühl der Unsicherheit –, nur dass sich mein Verständnis darüber vertiefte.
Plötzlich hörte das Tippen auf. Ich schlich aus dem Schlafzimmer. Sie hatte nichts bemerkt. Ich sah ihren Rücken, als sie die Seite aus der Maschine zog und zusammen mit den anderen Blättern in einen Umschlag steckte.
»Was machen wir jetzt?«, fragte ich.
Sie antwortete nicht.
»Ruf Piero an«, sagte ich.
»Nein!«
»Warum nicht?«
Sie gab mir keine Antwort, sondern steckte den Umschlag in ihre Handtasche. Dann schien sie sich an etwas zu erinnern, ging in ihr Schlafzimmer und räumte dort herum. Ich folgte ihr nicht, um keinen Verdacht zu wecken. Sie kam wieder heraus, zog die Tür fest zu und schlüpfte in ihre Turnschuhe.
»Wohin gehst du?«, fragte ich.
»Ich muss den Artikel in die Redaktion bringen. Du bleibst hier. Geh nicht raus und lass niemanden rein, capito?«
Mamma wusste eigentlich immer, was zu tun war. Im Zweifel tat sie lieber das Falsche als gar nichts. Aber jetzt war die Welt aus den Fugen geraten, und sie schien nur noch zu wissen, dass sie mich davon fernhalten wollte.
Die Wohnungstür fiel ins Schloss.
Ich hasste das Gefühl, eingesperrt zu sein, aber rausgehen wollte ich auch nicht. Die Geräusche im Hof, das Getuschel im Haus – alles kam mir auf einmal unheimlich vor. Ich war froh um die Wände. Aber dann wummerte der Presslufthammer im Hof, der Boden vibrierte, und ich erinnerte mich plötzlich daran, was Mamma einmal erzählt hatte: dass in unserer Wohnung, bevor wir einzogen, eine Freundin von ihr gewohnt hatte, eine Frau namens Giulietta, die ihren Mann betrogen hatte und deshalb von ihm ermordet worden war. Weil er sie liebte.
Durchs Fenster sah ich einen Fremden im Hof. Er war um die vierzig, trug Kotletten, ein offenes Hemd und eine braune Lederjacke. Er wechselte ein paar Worte mit den Bauarbeitern, schaute in die Grube, schlenderte zu den Mülltonnen, hob die Deckel hoch und zündete sich eine Zigarette an. Irgendwie erinnerte er mich an Clint Eastwood. Diese Art, sich zu bewegen, als mache er die Gesetze selber. Dann kam Signor Colombo aus dem Treppenhaus. Der Mann sagte etwas, das Colombo offensichtlich verunsicherte. Er deutete auf unser Fenster. Ich duckte mich. Kurz darauf schrillte es an der Tür. Ich bekam Angst. Es schrillte noch einmal, dann hörte ich Schritte aus dem Treppenhaus, die sich entfernten.
Das Telefon klingelte. Ich ging ins Wohnzimmer, starrte eine Weile darauf, dann hob ich den Hörer ab und erschrak.
»Ciao Tonino.«
Ich hatte seine Stimme lang nicht mehr gehört. Diese leicht kratzige, aber eindringliche Stimme, die mir zugleich nah und fremd war.
»Papà?«
»Ist Mamma da?«
»Nein.«
»Hör zu. Morgen nehme ich den Zug nach Mailand. Dann reden wir.«
»Hat Mamma dir erzählt, was ich …?«
»Nicht am Telefon. Hai capito? Bis morgen.«
Es rauschte in der Leitung, dann legte er auf. Erst jetzt merkte ich, dass meine Hand zitterte.
Am Nachmittag kam Mamma zurück. Ich sah durchs Fenster zum Hof, wie der fremde Mann sie ansprach. Sie wich ihm aus, aber er ließ sich nicht abschütteln. Colombo kam dazu. Mamma änderte schnell ihre Haltung und bat den Fremden mitzukommen.
Sie schrillte an der Tür, um mich zu warnen. Als sie aufsperrte und den Mann hereinbat, bekam ich Angst. Aus der Nähe sah er noch unheimlicher aus.
»Ciao Tonino. Das ist Commissario Zecchini von der Polizei. Er hat ein paar Fragen.«
Er reichte mir die Hand und grinste. Es wirkte wie eine Drohung.
Ich mochte ihn auf Anhieb nicht. Wie er das Wohnzimmer einnahm und sich umsah: die Schreibmaschine, die Sofakissen, unsere Familienfotos auf dem Regal. Mamma versuchte, ihr Revier zu behaupten, indem sie ihm etwas zu trinken anbot. Er schüttelte den Kopf und setzte sich auf die Couch, ohne um Erlaubnis zu fragen. Sie blieb stehen.
»Der Schuldirektor sagt, Sie hätten die Waffe mitgenommen. Eine Walther P.38. Von den Sturmtruppen.«
Er grinste mich an, als wäre ich sein Kumpel.
»Geh in dein Zimmer«, sagte Mamma.
»Nein«, meinte er. »Es ist besser, wenn er dabei ist.«
Sie sah ihn trotzig an, aber ich spürte, wie sie unsicher wurde. Er klopfte sein Zigarettenpaket aufs Knie.
»Ihr Sohn ist vierzehn Jahre alt. Also strafmündig.«
Mir wurde heiß und kalt.
»Na und? Er hat eine verrostete Waffe im Kanal gefunden. Das ist kein Verbrechen.«
Der Commissario zündete sich eine Zigarette an.
»Haben Sie ’nen Aschenbecher?«
»Ich rauche nicht.«
Er blieb unbeeindruckt, zog an seiner Zigarette und musterte ihren Körper auf eine Weise, die mich wütend machte.
»Kann ich die Waffe mal sehen?«
»Ich hab sie nicht mehr.«
Er zog seine Augenbrauen hoch. Ich hielt den Atem an.
»Ich hab sie in den Kanal geworfen.«
Der Commissario warf ihr einen »Verarsch-mich-nicht«-Blick zu.
»Ich mag keine Waffen«, sagte sie und deutete auf ein Joan Baez-Poster an der Wand. Der Commissario ignorierte es und schnüffelte durchs Wohnzimmer. Ich bewunderte, wie cool Mamma blieb.
»Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?«
Er musterte sie herausfordernd. Sie hielt seinem Blick stand. Dann wandte er sich zu mir:
»Es liegt eine Anzeige gegen dich vor. Nicht vom Direktor. Sondern von deinem Kumpel. Giancarlo Balbi.«
Es traf mich wie ein Faustschlag.
»Er sagt, du hast ihn bedroht.«
»Was?«
»Gestern Abend hat er eine schriftliche Aussage hinterlegt.«
»Aber das ist nicht wahr«, rief Mamma. »Sie wollten tauschen! Giancarlos Walkman gegen die Pistole.«
»Waren Sie dabei?«
»Nein. Aber ich vertraue meinem Sohn!«
»Mamma, der lügt! Du hast ihn doch selbst gehört, beim Direktor.«
»Ja. Giancarlo hat kein Wort davon gesagt.«
»Vielleicht war er eingeschüchtert«, sagte der Commissario.
»Vielleicht«, gab sie zurück, »hat er einen Vater, der Anwalt ist?«
Der Kommissar stand auf und öffnete das Fenster, um abzuaschen. Dann lehnte er sich ans Regal und fragte mich:
»Und dein Papà? Was macht der?«
»Er wohnt in Rom«, sagte Mamma in einem Ton, der mir zu verstehen gab, dass sie das Gespräch führte. Der Commissario nahm eins der Familienfotos vom Regal. Mamma und ich am Strand, in Badehose und Bikini.
»Keine Fotos von ihm, nirgends«, sagte er, als wäre das etwas, wofür man sich schämen sollte.
»Was hat das mit Ihrer Untersuchung zu tun?«, fragte sie.
»Warum ist er denn abgehauen?«
»Geht Sie das irgendwas an?«
»Und wer passt auf den Jungen auf, wenn Sie arbeiten?«
»Tonino ist alt genug, um auf sich selbst aufzupassen.«
Er schnippte den Zigarettenstummel aus dem Fenster und ging unbeeindruckt auf sie zu. Näher, als es ihr lieb war.
»Jungs brauchen einen Mann im Haus. Werden sonst Weicheier.«
Sie wich keinen Schritt zurück. Ich spürte, dass sie ihn am liebsten erwürgt hätte.
»Sie sollten jetzt gehen. Mein Sohn hat nichts getan!«
Er ignorierte sie und setzte sich neben mich auf die Sofalehne.
»Du wirst eine schriftliche Vorladung bekommen. Um deine Aussage zu machen. Im Kommissariat.«
Ich biss die Zähne zusammen und dachte an Giancarlo, dieses feige Arschloch.
»Und Sie bringen die Waffe mit. Eine Frau sollte nicht mit solchen Sachen spielen.«
»Arrivederla, commissario.«
Die Schärfe in ihrer Stimme schien ihn zu amüsieren.
»Übrigens bin ich verpflichtet«, sagte er, »das Jugendamt zu informieren.«
»Wieso?«
»Vernachlässigte Jungs sind wie Straßenköter. Irgendwann fangen sie an zu beißen. Glauben Sie mir; ich weiß, wovon ich spreche.«
»Hören Sie auf, mir zu unterstellen, dass ich mein Kind vernachlässige!«
Er stand provozierend langsam auf.
»Arrivederci.«
Mamma schloss die Tür und lehnte sich an die Wand. Bleich und fahrig. Dann packte sie den Einkauf aus und fragte, wie viel Hunger ich hatte, als könnten wir in unserer Routine Halt finden.
Ich umarmte sie. »Wir schaffen das schon, Mamma.«
Sie versuchte, nicht zu weinen.
»Papà hat angerufen.«
Sie fuhr alarmiert herum.
»Was hat er gesagt?«
»Dass er morgen kommt.«
Sie starrte mich an wie einen Verräter. Dann griff sie zum Telefon und rief ihn an.
»Ciao Flavio. Hör zu, du kannst nicht kommen.«
Sie zog das Telefon an der Schnur ins Schlafzimmer und drückte die Tür zu. Ich hörte sie trotzdem, denn es gelang ihr nicht, leise zu sprechen. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Also, es stimmte ja nie was zwischen ihnen, aber jetzt waren sie sofort von null auf hundert. Wenn Mamma mit Piero telefonierte, dann immer wegen etwas sehr Schönem oder etwas sehr Schwierigem, und danach war sie immer gut gelaunt. Wenn sie mit Papà telefonierte, war sie danach nicht mehr zu gebrauchen. Im Gegensatz zu Piero, der für jedes Problem eine Lösung parat hatte, blieb Papà eine einzige ungelöste Frage.
»Das sind Dinge, die ihn nichts angehen! Verstehst du? Ich hab keine Angst davor, was die Polizei rausfindet! Sondern davor, was er rausfindet … Nein, ich erzähl ihm keine Märchen, aber ich will nicht, dass er in einer kaputten Welt aufwächst! … Ja, ich weiß, die Welt ist kaputt! Aber er nicht!«
Sie riss die Tür auf, um zu sehen, ob ich davorstand, um zu lauschen. Ich bekam Angst vor ihr, wenn sie so wütend war.
Sie schob mich weg, dann rief sie in den Hörer:
»Nein! Du kannst nicht kommen. Flavio? Flavio!«
Ich starrte sie an, unfähig, mich zu bewegen. Sie stand kurz davor zu heulen. Aber keiner von uns war in der Lage, den anderen zu beruhigen. Sie lief in die Küche, um nicht zu zeigen, was sie fühlte, begann zu kochen, und wir aßen schweigend. Im Fernsehen zeigten sie eine Ölpest in der Karibik.
Später, als ich versuchte einzuschlafen, hörte ich sie in ihrem Zimmer weinen. Ich stand auf und ging rüber. Als sie mich sah, richtete sie sich im Bett auf und lächelte liebevoll, als wollte sie sagen: alles in Ordnung. Sie streckte mir den Arm entgegen, hielt meine Hand fest, und ich setzte mich auf den Bettrand.
»Alles wird gut«, sagte sie.
Ich wollte das nicht hören. Ich wollte nur die Wahrheit.
»Wem gehört die Pistole?«
Erst versuchte sie auszuweichen, aber weil sie merkte, dass ich mich nicht mehr abspeisen ließ, sagte sie:
»Piero hat sie mir geschenkt.«
»Warum?«
»Sie gehörte deinem Großvater.«
»Antonio?«
»Nein.«
An ihrer gebrochenen Stimme erkannte ich, dass sie den anderen Großvater meinte. Den ich nie kennenlernen konnte. Ihren Vater.
»Und wie kam sie in unseren Hof?«
»Jemand hat sie dort vergraben.«
»Wer?«
Sie schwieg.
»Papà?«
Sie wich meinem Blick aus.
»Mamma! Sag mir, was passiert ist!«
»Manchmal«, sagte sie mit fester Stimme, »ist es besser, nichts zu wissen. Die Polizei wird dich ausfragen. Und du wirst nichts sagen, weil du nichts weißt. Verstanden? Niente.«
Ich ging zurück in mein Zimmer, aber etwas in mir weigerte sich einzuschlafen.
Am nächsten Morgen riss sie mich aus dem Bett.
»Zieh dich an. Wir fahren!«
»Wohin?«
Sie stopfte meine Sachen in eine Tasche. Wir verließen die Wohnung und durchquerten den Hof mit der verdammten Grube. Dann schob sie mich in ihren Golf. Das war der Tag, an dem meine Kindheit endete.
Vor der tangenziale in Richtung Livorno hielt sie an einer kleinen Tankstelle. Als der Tankwart kam und sie nach Geldscheinen kramte, kletterte ich aus dem Auto. Ich überlegte abzuhauen. Aber ich konnte sie nicht alleinlassen. Ich hatte sie in diese Lage gebracht, also schuldete ich ihr Loyalität.
Aber sie schuldete mir eine Erklärung.
Als sie gezahlt hatte, stieg ich nicht mehr ins Auto ein.
»Was ist? Steig ein.«
»Nein.«
»Los, Tonino.«
»Sag mir verdammt nochmal, was los ist!«
»Setz dich rein«, sagte sie leise.
Ich hatte gewonnen. Aber im selben Moment, als ich wieder einstieg und sie sich ans Steuer setzte, spürte ich, was mit ihr los war: Sie hatte Angst, mich zu verlieren.
»Ich verrate dir ein Geheimnis«, sagte sie. »Es gibt zwei Arten von Familien. Die genetische und die spirituelle. Piero ist nicht mit mir verwandt, aber er ist wie mein Bruder, verstehst du?«
»Also mein Onkel.«
»Mindestens. Mehr.«
In der Tat bedeutete Piero für mich alles, was Papà nicht war: Er füllte den Raum einer Abwesenheit aus, den mein Vater nicht einnehmen wollte, durfte oder konnte. Aber warum das so war, hatte ich nie verstanden. Es gehörte zu den Dingen, die man nicht in Frage stellte, um niemanden zu verletzen und nichts kaputt zu machen. Mamma vermied das Thema, also vermied ich es auch. Aber jetzt hatte ich sie mit einer Waffe in der Hand gesehen und konnte das nicht mehr ungesehen machen.
»Was hat das mit mir zu tun?«
Sie ließ den Motor an, fuhr los und schaltete das Radio aus. Das tat sie nur, wenn sie nervös war. Oder wenn sie etwas loswerden musste.
»Ein Menschenleben«, sagte sie, »besteht aus durchschnittlich 27000 Tagen. Bei uns, in Westeuropa. Aber eigentlich lässt sich eine Biografie auf einige wichtige Ereignisse reduzieren. Und es gibt immer einen roten Faden, der alles verbindet. Manchmal ist er offensichtlich, manchmal versteckt. Alle Entscheidungen, die ich getroffen habe, im Guten und im Schlechten, hatten mit Piero zu tun. Auf gewisse Weise auch du. Und ich will nicht, dass du die gleichen Fehler machst. Ich will, dass du glücklich bist. Verstehst du mich?«
Nein, ich verstand nicht, was sie meinte. Nur, dass ihre Flucht aus Mailand eine Flucht nach vorne war. Weil ihr gerade alles, worüber sie nie gesprochen hatte, um die Ohren flog. Und weil sie nicht wollte, dass Papà mit mir darüber sprach. Sie bog auf die tangenziale ein und folgte den rostigen Schildern nach Livorno. Dann erzählte sie mir die Geschichte ihres Lebens, die auch meine Geschichte war.
Liebe besteht aus einer einzigen Seele, die zwei Körper bewohnt.
Aristoteles
Alles begann mit einem Schuss in der Nacht. Als Valeria und Piero ihn hörten, kannten sie sich noch nicht. Sie waren Kinder. Valeria, die ich eines Tages Mamma nennen würde, stand an der Hand ihrer Mutter auf der Piazza. Irgendwo unter all den Menschen, die aus ihren Häusern getrieben wurden, standen auch Piero und seine Schwester Attilia, an den Händen ihrer Mutter. Deutsche Soldaten riefen Befehle. Valeria fürchtete sich. Aber sie durfte nicht weinen, weil die Mutter ihr eingeschärft hatte, still zu sein.
Als Stunden später die Sonne über Valperga aufging, hatte sie keinen Vater mehr. Aber niemand sagte es ihr, weil sie zu klein war, um es zu verstehen. Alles, woran sie sich erinnerte, war, dass fremde Männer kamen, um alles mitzunehmen, was dem Vater gehört hatte, seinen Hammer, seinen Amboss, sogar die hölzerne Werkbank rissen sie heraus, bis am Ende des Tages die ganze Schmiede ausgeweidet war. Kurz darauf tanzten die Menschen auf dem Dorfplatz, weil der Krieg vorbei war.
Ein Jahr später hungerten sie immer noch. Valerias Mutter packte das Wenige, was ihnen geblieben war, in zwei Koffer.
»Wir gehen weg«, sagte sie.
»Wohin?«, fragte Valeria.
»Wo es besser ist. Bei den Rivoltas. Sie geben uns Brot und ein Dach über dem Kopf.«
»Aber ich will hierbleiben.«
»Los, beeil dich, was stehst du da rum?«
Zum ersten Mal im Leben fuhr Valeria mit einem Bus. Zwei endlose Stunden lang. Die Landstraße nach Mailand führte mitten durch einen kleinen Ort namens Bresso. Hier stiegen sie aus, der Staub legte sich, und der Bus dieselte weiter. Es war ein schwülheißer Sommertag; Valerias Kleid klebte an ihrer verschwitzten Haut. Es gab nicht viel zu sehen – einen Kirchturm, alte Gehöfte und eine Bar, vor der Männer im Schatten saßen. Am Straßenrand sah Valeria ein offenes, schmiedeeisernes Tor, dahinter eine Wiese und eine Allee, gesäumt von Platanen.
Sie folgte ihrer Mutter. Die Bäume warfen schützenden Schatten. Sie gelangten vor ein zweites, verschlossenes Tor. Die Mutter läutete an einer Glocke. Ein schmaler, älterer Mann kam ihnen entgegen, begrüßte sie freundlich und nahm ihre Koffer. Sie gingen auf eine ockerfarbene Villa mit grauen Fensterläden zu, die eine erhabene und friedliche Würde ausstrahlte, unberührt vom Treiben der Welt. Der Rasen war satt und gepflegt. Vögel zwitscherten. Hohe Kiefern, Pinien und Zypressen beschützten das Anwesen. Ein Brunnen plätscherte.
Aus der Terrassentür trat ein Prinz mit schwarzen Locken, der mit seinen fünf Jahren so unbeschwert in die Sonne blinzelte, als gehörten ihm das Haus, der Garten und die ganze Welt. Er stieg die Treppe herunter und wartete, bis die Gäste näher kamen. Valeria spürte, wie der Griff ihrer Mutter sich anspannte, als eine schlanke Frau mit hochgesteckten blonden Haaren und tiefblauen Augen aus der Tür trat. Sie trug ein helles Sommerkleid und silberne Ringe an ihren feinen Händen. Sie befahl dem Mann, die Koffer in die Mezzanine zu tragen, reichte Valerias Mutter die Hand und sagte:
»Benvenuti a Villa Rivolta. Hatten Sie eine angenehme Reise?«
Ihre Stimme klang zurückhaltend, aber freundlich. Alles an ihr verströmte Stil und Klasse; sie besaß die Grazie einer Künstlerin und die Strenge eines Generals.
»Sì, grazie, Signora Rivolta.«
Valerias Mutter machte einen Knicks und senkte den Blick. Piero beobachtete Valeria mit einem verschmitzten Lächeln, als freue er sich über die Abwechslung. Sie lächelte zurück. In diesem ersten Augenblick stand nichts zwischen ihnen – keine Scheu, keine Scham und kein Gesetz, das ihnen verschiedene Klassen zuwies; solche Regeln galten für Erwachsene, aber Piero und Valeria waren einfach nur zwei Kinder nach dem Krieg, in einem Garten voller Licht und Geheimnis.
»Piero, geh zu deiner Schwester!«, rief die Signora. Er zögerte einen Moment lang, bevor er gehorchte und hinter das Haus lief. Valeria vermisste ihn sofort, aber ihr blieb keine Zeit, ihm nachzuschauen.
»Kommen Sie herein, Caterina«, sagte die Signora. »Und du, wie heißt du?«
»Valeria.«
Sie folgte, unsicher, ob die Signora sie mochte oder nicht. Deren Blick, zugleich gutmütig und distanziert, ließ sie spüren, dass sie zwar willkommen, aber nicht wichtig war. Und tatsächlich gab es keinen Grund, warum das vierjährige Kind einer Hausangestellten irgendeine Rolle spielen sollte. Sie war überflüssig. Ihre Mutter gab ihr wortlos zu verstehen, dass sie am besten nicht auffiel – weder zu wild, um jemanden zu stören, noch zu hübsch, um jemandem Konkurrenz zu machen.
Vor allem aber war es die Villa selbst, die Valeria einschüchterte. Noch nie hatte sie einen so großen Salon gesehen, in dem jedes einzelne Objekt an seinem ausgewählten Platz stand, als dürfe man auf keinen Fall etwas berühren oder gar verändern: die roten Samtsessel vor lindgrünen Wänden, die goldgerahmten Familienfotos auf der Kommode und die frischen Blumen in den Porzellanvasen. Feine Teppiche schluckten jedes Geräusch ihrer Schritte, zwischen alten Spiegeln hingen Ölgemälde, die Kuppeldecken waren mit Fresken verziert. Sanft gedämpftes, gelbliches Licht fiel durch die farbigen Fenster und spiegelte sich in den goldenen Verzierungen der Wandkassetten, Kommoden und Sessel. Valeria fühlte sich wie in einem Zauberschloss. Kein Wunder, dachte sie, dass die Rivoltas heil durch den Krieg gekommen waren. Wer das Glück hatte, hier zu leben, stand über dem Chaos jener verwirrenden Jahre – Deutsche, die erst Freunde und dann Feinde waren, Partisanen und Faschisten, Legenden, Gerüchte und Lügen.
Valeria verstand davon nur eins: Ihr Vater hatte sterben müssen, um Italien zu befreien, doch die Freiheit brachte kein Brot auf den Tisch. Das verlorene Gefühl von Sicherheit – in diesem Haus fand sie es wieder. Im Vorbeigehen blieb ihr Blick an einer barocken Standuhr hängen, geschmückt mit zwei vergoldeten Engeln, die ihre Hände behütend auf das Zifferblatt legten, als könnten sie alle Wunden der Zeit heilen.
Valeria hatte Durst. Doch ihre Mutter hatte ihr unterwegs eingeschärft, auf keinen Fall um ein Glas Wasser zu bitten – die Bewirtung von Gästen sei die Aufgabe der Bediensteten, welche die Signora ja erst einzustellen wünschte. Einen Vertrag habe die Mutter noch nicht unterschrieben, möglicherweise würde die Signora auf einer Probezeit bestehen.
Während die Erwachsenen sich über Dinge unterhielten, die Valeria nichts angingen, versuchte sie, den Zweck der Räume zu begreifen, die sie durchquerten. Da war der große Salon mit seinen Sofas, Sesseln und Familienfotos, dann das Esszimmer mit seinem langen Tisch und den riesigen, biblischen Wandgemälden – Männer mit muskulösen Armen, Frauen mit nackter Brust, ein blondes Kind mit Engelsflügeln, Grausamkeit neben Zärtlichkeit. Es folgte das Studierzimmer des Signore mit einem Porträt der Signora in Öl und einem Bild, das die Signora selbst gemalt hatte: ein fröhlicher Reigen tanzender Kinder.
Dann betraten sie einen dunklen Gang, der zu den Bädern, den Gästezimmern und der großen Küche führte: ein gewaltiger Herd, Kupfertöpfe, Schöpfkellen, Kochlöffel und zwei Kühlschränke, die bis zum Rand gefüllt waren. Dort erblickte Valeria eine Wasserflasche. Der Durst brannte, aber sie erinnerte sich an die Ermahnung ihrer Mutter, auf keinen Fall die Signora um ein Glas zu bitten. Als die Signora die Kühlschranktür schloss, musste sie Valerias große Augen bemerkt haben.
»Magst du ein Glas Wasser?«, fragte sie.
Valeria blickte zu ihrer Mutter hoch. Erst als sie nickte, antwortete Valeria leise:
»Ja.«
»Sie auch, Caterina?«
»Grazie, Signora.«
Die Signora schenkte erst Valeria, dann ihrer Mutter ein Glas Wasser ein und lächelte dabei freundlich. Valeria nahm das große, kühle Glas in ihre kleinen, verschwitzten Hände, hob es an die Lippen und trank es aus, in einem einzigen gierigen Schluck. Es war das Köstlichste, was sie je getrunken hatte. Die Kühle breitete sich in ihrem Körper aus und gab ihr das unbeschreibliche Gefühl, angekommen zu sein. Die Signora zeigte auf das Logo an der Kühlschranktür: Isothermos.
»Unsere Geräte sind die leisesten auf dem Markt.«
Dass der Wohlstand der Familie Rivolta auf so etwas Einfachem beruhte wie der Idee, Menschen in Kriegszeiten mit kühlem Wasser und frischen Lebensmitteln zu versorgen, bedeutete für Valeria, dass Signor Rivolta ein guter Mann sein musste. Nach allem, was sie bisher von dieser Welt erfahren hatte – dass Männer ihren Lauf bestimmten und jedes Glück in wenigen Sekunden zerstören konnten –, erschien ihr die Villa Rivolta als eine Oase des Friedens.
»Sag danke zur Signora.«
»Danke, Signora.«
Die Mutter nahm ihr das Glas ab. Erst jetzt spürte Valeria, wie müde ihre Beine von der langen Reise waren. Eine Welt war zusammengebrochen, der Vater gestorben, das Land zerstört, doch hier fügte sich alles wieder zusammen. Sie setzte sich auf die Bank am Küchentisch, während die Signora ihrer Mutter die Speisekammer zeigte und die Tür zum Innenhof öffnete. Männerstimmen drangen herein, das Motorengeräusch eines anfahrenden Lastwagens, das Geklacker von Schreibmaschinen. Eine Biene summte.
Valerias Augenlider wurden schwer. Endlich, nach Monaten der Entbehrung, nach dem Geschrei auf der Beerdigung und dem nächtlichen Weinen der Mutter, durchströmte sie das vergessene Gefühl, dass alles in Ordnung war, dass sie einschlafen konnte, umgeben von sicheren Mauern, die sie hielten. Sie legte sich auf die Bank, faltete ihre Hände unter die Wange und schloss die Augen.
Ein Geräusch weckte Valeria aus dem Schlaf. Sie fand sich allein in der Küche und wusste erst nicht, ob sie träumte oder wach war. In der Luft lag ein eigenartiges Rauschen. Sie kletterte von der Bank, ging zur Tür und öffnete den inneren Fensterladen. Draußen prasselte ein heftiges Gewitter herab. Im Innenhof tanzten schwere Tropfen zwischen den Kieseln. Valeria presste die Nase an die Scheibe, die von ihrem Atem beschlug, und sah zu, wie die anschwellenden Pfützen den Hof in einen See verwandelten. Sie öffnete die Tür, glücklich über die kühlende Luft auf ihrem Gesicht. Wasser spritzte auf ihre Beine. Dann sah sie Piero. Am gegenüberliegenden Seitenflügel stand er unter einem Torbogen, neben Rosenstöcken, die an der Wand hochrankten. Der Boden unter seinen Füßen blieb trocken, als würde das Haus ihn beschützen. Er blickte zu ihr hinüber. Und dann, ohne Ankündigung und Eile, trat er hinaus in den Hof. Er kam direkt auf sie zu, aber blieb vor einer Pfütze stehen, sah nach unten, als hätte er dort etwas entdeckt, vielleicht ein Tier oder sein Spiegelbild. Dann trat er mit seinen Schuhen hinein und lachte Valeria verschmitzt an. Sie war hingerissen, blieb aber in der Küchentür stehen. Er stampfte ins Wasser, ließ es spritzen, und dann wieder, um es noch weiterspritzen zu lassen.
»Komm!«, rief er.
Valeria dachte kurz an ihre Mutter, aber dann lief sie los. Der Regen benetzte ihr Gesicht, ihren Hals und ihre Haare.
»Wie heißt du?«, fragte er, als sie vor der Pfütze stand. Seine Locken fielen ihm nass in die Stirn.
