Viper's Dream - Jake Lamar - E-Book

Viper's Dream E-Book

Jake Lamar

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Beschreibung

New York, 1961. Clyde Morton, genannt Viper, hat gerade seinen dritten Mord begangen, den ersten, den er bereut. Doch anstatt zu fliehen – sein Kontaktmann bei der Polizei hat ihm drei Stunden gegeben –, hängt er im Cathouse der Baroness Pannonica de Koenigswarter, kurz Nica, und grübelt. Wie allen Musikern, die bei ihr ein- und ausgehen, hat die Schutzpatronin der New Yorker Jazzszene ihm aufgetragen, drei Wünsche aufzuschreiben. Viper weiß, dass ihm nicht viel Zeit bleibt und er sicher im Knast endet, wenn er nicht augenblicklich verschwindet, aber das scheint plötzlich nicht wichtig. Er blickt zurück auf seine Ankunft in Harlem im Jahr 1936, als er noch hoffte, hier seinen Traum als Trompeter zu verwirklichen. Da sein Talent dafür nicht ausreicht, fängt er als Geldeintreiber an, steigt in den Drogenhandel ein und wird bald zu einem gefürchteten und respektierten Boss. Im Rhythmus des Jazz und im Rauch von Marihuana regiert er Harlem. Doch abseits seiner Kontrolle breitet sich das Heroin aus und richtet auch unter den Jazz-Leuten Verheerung an. Das ehemals pulsierende, bunte Harlem geht vor die Hunde, und Viper wird von seiner Vergangenheit eingeholt … Mit einem fesselnden Figurenensemble und in unvergleichlichem Sound erzählt Jake Lamar in diesem preisgekrönten Gangster-Jazzroman vom Aufstieg und Fall eines gewalttätigen Antihelden inmitten New Yorks zu Zeiten der Segregation – mit Gastauftritten von Miles Davis, Thelonious Monk, Charlie Parker und Little Richard. »Ein einziger langer Höhenflug, der uns durch das Harlem der 1930er bis 1960er Jahre fegt, zu Riffs von melancholischer Poesie, durchzogen von den hardboiled Beats der Gangster und ihrer Straßen. Ein wahrhaftiger, purer Jazz-Noir-Klassiker, der süchtig macht.« David Peace »Man kann förmlich sehen, wie der Schweiß von den angeschlagenen Saiten eines Kontrabasses fliegt. Man hat der Musik zugehört, im Buch gelesen, schon seit Stunden – und es steckt immer noch voller Überraschungen.« James Sallis »Ein hervorragender historischer Thriller, der es mit dem großen US-Krimiautor Chester Himes aufnehmen kann.« The Sun »Ein stimmungsvoller Noir. Lamars größte Stärke ist sein Gespür für Orte.« The New York Times »Düster, poetisch und mitreißend.« Deborah Levy

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2025

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JAKE LAMAR(*1961) wuchs in der Bronx/New York auf, studierte an der Harvard University und schrieb für das Time Magazine. Er lebt seit 1993 in Paris und unterrichtete Kreatives Schreiben an der Sciences Po. Er schreibt Romane, Essays, Rezensionen, Kurzgeschichten und Theaterstücke und wurde mehrfach ausgezeichnet. Viper’s Dream erhielt einen Dagger Award 2024, Das schwarze Chamäleon wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2024 ausgezeichnet (1. Platz International).

ROBERT BRACK(*1959) lebt als Autor und Übersetzer in Hamburg. Er wurde mit dem Marlowe der Raymond-Chandler-Gesellschaft und mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und übersetzte u. a. die Kriminalromane von Declan Burke. Zuletzt erschien 2023 sein Kriminalroman Schwarzer Oktober.

Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien unter dem Titel Viper’s Dream bei No Exit Press, London 2023

Copyright © 2021 by Jake Lamar

Das Gedicht »The Truth« von Ted Joans wird zitiert nach der Übersetzung von Michael Kellner in Ted Joans, MehrBlitzliebe, Poems, Verlag Michael Kellner, Hamburg 1982

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49a

D-22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten, ausdrücklich auch

die Nutzung dieses Werks für Text- und

Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG

© Edition Nautilus 2025

Deutsche Erstausgabe September 2025

Umschlaggestaltung: Maja Bechert

www.majabechert.de

Satz: Corinna Theis-Hammad

www.cth-buchdesign.de

Porträt des Autors auf Seite 2:

© Dr. Michael Cheers

1. Auflage

ePub ISBN 978-3-96054-485-2

Inhalt

1

2

3

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5

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8

9

10

PLAYLIST DES AUTORS

Für Dorli

Es ist wie bei einem Mord, man spielt mit der Absicht, etwas zu begehen.

Duke Ellington

1

»Also, Viper«, sagte die Baroness, »was sind deine drei Wünsche?«

Ich spreche jetzt vom November 1961. Es war gegen Mitternacht im Cathouse, wo ungefähr zwanzig Jazzmusiker versammelt waren. Sie redeten, lachten, tranken und tanzten, aßen, rauchten und spielten auf ihren Instrumenten. Aus einer Ecke weiter hinten drang das Geräusch eines sanft gezupften Kontrabasses, aus einer anderen das schräge Quäken eines Saxophons, beantwortet vom Echo eines zweiten Horns und dem verspielten Klimpern eines Klaviers. Dazwischen mischte sich eine Kakophonie miauender, schnurrender, fauchender Katzen, deren Klauen über die Oberflächen der Möbel kratzten. Das Cathouse war eine Art Zuflucht für die zweibeinigen Cats der Jazzszene wie auch die Heimat von über hundert Vierbeinern mit flauschigem Fell.

Das Cathouse gehörte der Baroness Pannonica de Koenigswarter, von ihren vielen Freunden schlicht »Nica« genannt. Sie war eine Rothschild-Erbin, eine blaublütige Europäerin, die in der New Yorker Jazzszene auftauchte, als wäre sie vom Himmel gefallen, um zur Patronin, Beschützerin und zum Groupie der Bebop-Generation zu werden. Sie veranstaltete nächtliche Jam-Session-Partys in verschiedenen Hotels in Manhattan, was immer lustig gewesen war, bis eines Tages Charlie Parker tot in der Suite der Baroness im Stanhope Hotel gefunden wurde. Sehr zum Verdruss des Managements. Das war vor sechs Jahren. Der nachfolgendeSkandal hatte zur Folge, dass Nica nirgendwo in der Stadt eine Unterkunft fand, die ihr gefiel und genügend Platz bot für die nächtlichen Jams. Also kaufte sie ein im Bauhaus-Stil errichtetes Gebäude in Weehawken, New Jersey, am anderen Ufer des Hudson River, wo riesige Panoramafenster den Blick auf die glitzernde Metropole freigaben. Thelonious Monk war im Cathouse mehr oder weniger zu Hause, und die Gästeliste der Musiker, die vorbeikamen oder länger blieben, umfasste Duke, Satchmo, Dexter, Dizzy, Mingus, Miles, Coltrane … ich könnte noch mehr aufzählen. Viele bekannte Namen, aber auch viele, von denen ihr noch nie gehört habt. Dies ist die Geschichte eines Mannes, von dem ihr wahrscheinlich nie gehört habt. Er war kein Musiker, aber er war genauso willkommen im Cathouse wie all die berühmten Jazzmen. Sein Name war Clyde Morton. Aber alle nannten ihn Viper.

Ihr habt vielleicht nie von ihm gehört, aber ihr habt ihn ganz bestimmt mal gesehen, auf grobkörnigen Schwarzweiß-Fotografien, manche davon schon aus den 1930ern. Darauf sieht man ihn, immer im Schatten stehend, in Jazzclubs, Aufnahmestudios, bei spontanen Jam-Sessions, meist am Rand oder ganz weit hinten, in einem piekfeinen Anzug, die Lippen unter dem bleistiftdünnen Schnurrbart zu einem listigen Lächeln verzogen, die Haare immer glatt gegelt. Vielleicht habt ihr ihn auch mal auf einer After-Show-Party gesehen – an einem Tisch in der hinterletzten Ecke sitzend, hinter halb geleerten Schnapsflaschen, überquellenden Aschenbechern und Tellern mit übereinandergestapelten abgenagten Hühnchenknochen – und diesen Blick bemerkt. Gleichgültig, träge und doch gefährlich. Wie erstarrt, aber immer wachsam. Irgendwas an diesem Mann erinnerte tatsächlich an eine Schlange. Alle hatten Angst vor Clyde »The Viper« Morton. Mit Ausnahme der Baroness vielleicht.

»Hatschi!«

»Viper, hast du eine Allergie?«

»Bisschen.«

»Ist mir nie aufgefallen.«

»Ist nicht schlimm, Nica.«

»Das überrascht mich aber. Ich dachte immer, du hättest keine Schwächen. Tränen deine Augen?«

»Mir geht’s gut, Nica.«

»Viper, weinst du etwa?«

»Nein, das ist nur wegen der Katzen.«

»Soll ich dir was zu trinken holen? Bourbon on the rocks, richtig?«

»Ja.«

Nein, der Viper war kein Musiker. Aber er wäre gern einer gewesen. Mit ganzem Herzen. Leider fehlte ihm das Talent dazu. Und da er nun mal keine Musik machen konnte, hatte er sich entschlossen, denen zu helfen, die es konnten, indem er sie mit dem versorgte, was sie brauchten: Inspiration, genauer gesagt mit jenem Elixier, das ihre Kreativität förderte. Weshalb ihm auch in dieser Nacht alle Musiker mit der gewohnten Dankbarkeit und Achtung begegneten.

»Hey, Viper, wie geht’s denn so, Mann? Vielen Dank noch mal für dieses Hammerzeug.«

»Viper, hast du noch was von diesem unglaublich guten Shit für mich?«

»Yeah, Mann, ich weiβ nicht, ob es dieses kalifornische Zeug war oder dieses Kraut aus Indochina, aber ich war so high bei meinem Gig im Vanguard letzte Woche – ich hab noch nie so gespielt. Besten Dank, Viper!«

An diesem Abend waren fast alle im Cathouse berauscht von der Green Lady. Der süße Duft von Marihuana hing in der Luft. Und Clyde Morton hatte die Anwesenden mit dem Stoff versorgt, wenn nicht direkt, dann über sein Netzwerk von Dealern. Jede Unze, jedes Körnchen stammte von ihm.

»Yo, Mann, willst du mir nix von deinem Joint abgeben?«

»Zieh dir noch einen rein und versuch’s dann mal mit B-Moll.«

»Nee, so wie Pops es gespielt hat! Die Trompete muss richtig quietschen am Schluss. Du musst sie zum Quietschen bringen …«

Viper lehnte sich auf Nicas Wohnzimmersofa zurück und schaute sich um, träge und wachsam zugleich. Niemand außer der Baroness hatte eine Veränderung an ihm wahrgenommen. Aber er kämpfte tatsächlich mit den Tränen. Seit fünfundzwanzig Jahren ging er seinem Beruf nach. Und bis zu diesem Abend im November 1961 hatte er nur zwei Menschen umgebracht. Aber heute war ein drittes Opfer hinzugekommen. Zum dritten Mal in diesen fünfundzwanzig Jahren hatte er einen Menschen getötet. Aber es war das erste Mal, dass er es bereute.

* * *

Eine Stunde zuvor hatte Clyde Morton in einer Telefonzelle an der Lenox Avenue gestanden und die Nummer seines alten Kumpels bei den Cops gewählt.

»Hallo, Detective Carney.«

»Viper, bist du das?«

»Schick eine Streife rüber zu Yolandas Wohnung. Und einen Krankenwagen.«

»Ist jemand tot?«

»Yeah.«

»Ich kann dir drei Stunden geben, Viper, mehr nicht.«

»Danke, Carney. Muss wohl sein.«

»Mein Rat: Verlass das Land. Geh nach Kanada. Oder nach Mexiko. Oder steig in ein Flugzeug nach Europa. Aber mach schnell, Viper. Mehr als drei Stunden sind nicht drin.«

Klick. Freizeichen.

Leicht benommen trat Viper aus der muffigen, übelriechenden Telefonzelle in die neonfarbene Kakophonie der Lenox Avenue. Jetzt traf es ihn mit voller Wucht, und ihm wurde klar, was passiert war, was er getan hatte. Das ganze Ausmaß seines Verbrechens, seiner Todsünde, wurde ihm bewusst und es packte ihn, als hätte er eine Droge genommen. Sein Blick trübte sich, als ihm die Tränen in die Augen schossen. Er kam sich vor wie in einem Traum, aber nicht so, als würde sein ganzes Leben vor seinen Augen vorbeiziehen, eher als würde seine Vergangenheit wie eine Welle über ihm zusammenschlagen. Er schaute sich um auf dem fiebrigen, pulsierenden Boulevard, den er so liebte. Schon war ein kalter Hauch zu spüren und ein leichter Nieselregen setzte ein. Aber noch immer tobte auf dem Boulevard das nächtliche Leben. Autoverkehr, Stimmengewirr. Aus den Bars und Clubs traten die Leute und reihten sich ein in den hektischen Menschenstrom. Die Tür eines Restaurants schwang auf und Viper wehte ein würziger, aromatischer Lufthauch entgegen, der Fettgeruch aus der Küche, von in Pfannen gebratenen knusprigen Hühnchen, kräftiger Barbecue-Sauce und erdigem Kohlgemüse. Down home cookin’ nannten die Leute das. Soul Food war der neu geprägte Begriff dafür. Die Küche der Schwarzen. Der Duft von Zuhause. So hatte es in der Küche seiner Mutter in Meachum, Alabama gerochen. Und jetzt hier in der Hauptstadt des Schwarzen Amerika.

»Wir Schwarzen müssen aufwachen!« Viper bemerkte einen gestriegelten jungen Mann in schwarzem Mantel mit bestickter Mütze auf dem Kopf, der beschwörend auf die Passanten einredete, die ihn ignorierten. »Amerika gehört nicht uns. Dieses Land ist nicht unser Land. Und es wird niemals unser Land sein, auch wenn unsere Vorfahren schon dreihundert Jahre als Sklaven hier gelebt haben. Der amerikanische Traum gilt nicht für die Schwarzen. Wacht endlich auf! Erkennt, dass Afrika eure schwarze Heimat ist! Wir müssen wieder nach Hause – zurück zu Mutter Afrika!«

Viper konnte nicht anders als hämisch grinsen, obwohl ihm zum Heulen zumute war. Die gleichen Slogans hatte er schon oft an den gleichen Straßenecken gehört, seit über einem Vierteljahrhundert, seit dem Tag, an dem er hier angekommen war, in Harlem, dem Zentrum des afro-amerikanischen Universums. Wie er da stand, inmitten des unverschämten Treibens auf der Lenox Avenue, leicht schwankend und zutiefst erschüttert, in dieser Nacht seines dritten Mordes, wusste Viper, dass er sie zum letzten Mal sah, seine süße Hure Harlem.

»Wir haben unsere eigene Geschichte vergessen«, rief der propere junge Mann mit der bestickten Mütze den Passanten zu, die im leichten Nieselregen an ihm vorbeieilten. »Die Schwarzen haben den Kontakt zu ihrer Vergangenheit verloren!«

Vielleicht stimmt es ja, was dieser junge Bruder da sagt, dachte Viper jetzt, als seine eigene Vergangenheit in Wellen über ihn stürzte und die Lenox Avenue sich in einen wirbelnden Strom verwandelte.

Haarlem. Mit zwei A. Mr. O war der Erste gewesen, der dem jungen Clyde Morton von der ursprünglichen Schreibweise dieses Ortes erzählt hatte.

New York war eine Stadt, in der Stämme ansässig waren, hatte Mr. O ihm erklärt, damals, bevor er »Viper« genannt wurde. Die grasbewachsene Prärie des nördlichen Manhattan war zuerst von den indigenen Algonquin-Stämmen besiedelt worden. Im 17. Jahrhundert kamen holländische Stämme, eigneten sich das Land an und benannten die Gegend nach einer Stadt in den Niederlanden. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Land von Bauern bewirtschaftet, bis Angehörige aristokratischer New Yorker Stämme, zumeist britischer und protestantischer Herkunft, große Wohnhäuser in die Landschaft setzten, weil sie dem dicht bevölkerten Lower Manhattan entfliehen wollten. Auf der ländlichen Harlem Lane wurden Pferderennen veranstaltet. Herren mit Zylindern und Damen mit Sonnenschirmen fanden sich am Ufer des Harlem River zusammen, um der Bootsparade am Wochenende beizuwohnen. Dann trafen die jüdischen Stämme ein und die Urbanisierung wurde vorangetrieben, Reihenhäuser und Mietskasernen errichtet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übernahmen die italienischen Stämme Harlem. »Little Italy« hatte oben im Norden gelegen, bevor es in Lower Manhattan ansässig wurde. Als Nächstes kam die große Migration der Schwarzen, die aus den Südstaaten in den Norden flohen. Clyde Morton war einer von ihnen. Latino-Stämme trafen ebenfalls ein und siedelten sich im Osten an, jener Gegend, die bald Spanish Harlem genannt wurde. Aber für Viper Morton war das wahre Harlem, das pulsierende Herz des Viertels, eindeutig schwarz.

»Der große Marcus Garvey hatte recht«, rief der junge Mann mit der Mütze aus. »Wir müssen zurück nach Afrika!«

Viper staunte immer wieder über diesen Satz. Wie kann man an einen Ort zurückkehren, an dem man nie gewesen war? Detective Red Carney hatte ihm geraten, nach Kanada zu fliehen oder nach Mexiko oder Europa. Vielleicht sollte ich in ein Flugzeug nach Nairobi steigen, überlegte Viper.

In diesem Moment hielt die Baroness in ihrem silbernen Bentley neben ihm an. »Viper, du siehst so verloren aus.«

Sie saß am Steuer, die Zigarettenspitze zwischen den Zähnen. Neben ihr hockte Thelonious Monk, er trug eine chinesische Seidenkappe und starrte ins Nichts.

»Vielleicht habe ich ja auf dich gewartet, Nica«, sagte Viper.

»Wir fahren zu mir. Komm doch mit.«

Viper rutschte auf den Rücksitz. »Hey, Monk.«

»Was läuft, Viper?«, knurrte der Pianist.

Alle wussten, dass Monk unter den Cats im Cathouse den obersten Rang einnahm. In dieser kühlen, feuchten Nacht eines beginnenden Montags hockte er mit seiner chinesischen Kappe auf dem Kopf in einer Ecke von Nicas Wohnzimmer. Ganz offensichtlich war er nicht in der Stimmung Klavier zu spielen. Oder etwas zu rauchen, oder mit jemandem zu reden. Er hockte bloß in der Ecke und starrte gutmütig ins Leere.

Viper entschied, im Cathouse zu bleiben. In zwei Stunden würde Red Carney hier auftauchen und nach ihm suchen. Dann musste er bereit sein. Er wusste, diese Nacht, die Nacht seines dritten Mordes, könnte seine letzte sein.

»Hier ist dein Bourbon, Viper.«

»Danke, Nica.«

»Darf ich dich etwas fragen?«

»Kommt drauf an.«

»Wenn du drei Wünsche frei hättest, die sofort in Erfüllung gingen, welche wären das?«

»Willst du dich über mich lustig machen, Nica?«

»Ich meine es absolut ernst. Das ist mein neues Ding. Ich frage jeden danach. Na ja, alle interessanten Leute. Die Antworten schreibe ich auf.«

»Du schreibst sie auf?«

»Du kannst sie auch selbst aufschreiben.«

»Warum?«

»Für die Nachwelt natürlich. Also, Viper, was sind deine drei Wünsche?«

»Los doch, Viper!«, rief Sonny Clarke, der Pianist, der gerade vorbeischlenderte, vollgedröhnt bis in die Haarspitzen. »Das ist echt witzig. Nica hat mich gestern damit gelöchert.«

»Und, Sonny«, sagte Viper, »was waren deine drei Wünsche?«

»Erstens: Geld! Zweitens: Alle Weiber der Welt! Und drittens: Alle Steinways!«

Alle drei fingen an zu lachen.

»Also gut, Nica. Lass mich mal drüber nachdenken.«

»Hier hast du einen Notizblock und einen Stift. Versuch’s mal, Viper. Du wirst staunen, was dir einfällt.«

Viper entschied, die Frage ernsthaft anzugehen. Er saß da, Notizblock und Stift in der Hand, das Glas Bourbon auf dem kleinen Tisch vor ihm. Er holte einen Joint aus der Tasche und zündete ihn an. Zum ersten Mal seit über einem Jahr hatte er wieder Lust darauf. Er nahm einen tiefen Zug und atmete langsam aus. Wieder erfasste ihn dieser Schwindel wie auf der Lenox Avenue. Er ließ sich davontragen, weit weg, bis die Wellen der Vergangenheit wieder über ihm zusammenschlugen. Er schloss die Augen und stellte sich vor, er wäre wieder daheim in Meachum, Alabama im Jahr 1936.

* * *

»Nach New York City alle einsteigen!«, rief der Schaffner.

Clyde Morton saß neben Bertha, seiner Verlobten, auf einer Bank im »Warteraum für Farbige«. Er stand auf und griff mit der einen Hand nach dem Koffer, mit der anderen nach dem Kasten mit der Trompete.

»Willst du mich wirklich verlassen, Clyde?«, fragte Bertha mit zitternder Stimme.

»Ich verlass nicht dich, Bertha. Ich verlasse Meachum und den Süden.«

»Aber wir haben’s doch gut hier, Clyde. Wir haben ’nen guten Schulabschluss. Und Jobs in der Baumwollmühle.«

»Das reicht mir nicht.«

»Aber ich liebe dich, Clyde. Wir sind verlobt. Und meine Liebe, ist die dir denn nicht genug?«

»Nach New York City alle einsteigen!«, rief der Schaffner erneut.

»Ich hab ’ne Begabung für die Musik, Bertha. Das hat Onkel Wilton festgestellt.«

»Aber Clyde, dein Onkel Wilton ist ein Herumtreiber. Ein Säufer, ein Dieb und ’n Lügner!«

»Jedenfalls kann er Gitarre spielen, das musst du zugeben.«

»Er spielt Blues, Clyde. Das ist die Musik des Teufels.«

»Und ich werd’ Jazz spielen, Bertha. Das ist noch schlimmer und sündhafter.«

Clyde machte sich auf den Weg zum Bahnsteig. Bertha rannte hinter ihm her.

»Aber Clyde, was ist, wenn du nicht gut genug bist? Wenn du’s nicht schaffst?«

»Ich bin gut genug. Ich weiß, dass ich’s schaffen werde.«

»Verlass mich nicht, Clyde!«

»Alle einsteigen. Letzter Aufruf für New York!«

Bertha klammerte sich an Clyde, riss an seinen Kleidern in dem verzweifelten Versuch, ihn zum Wartesaal zurückzuzerren, während er den Bahnsteig entlang Richtung Zug eilte.

»Ich muss los, Bertha! Lass mich gehen!«

»Verlass mich nicht, Clyde!«, kreischte sie und wurde hysterisch. »Bitte, lass mich nicht allein, Clyde! Ich bring mich um, wenn du gehst!«

»Lass mich endlich los!« Clyde stieß sie von sich und sie fiel auf die Knie.

»Ich schwör’s bei Gott, ich bring mich um!« Bertha kroch verzweifelt hinter ihm her, umklammerte sein Bein.

»Verdammt, Bertha, lass mich los!«

Clyde gelang es, sich loszureißen und in den Wagen zu steigen. Die Stahltür fiel krachend zu. Er schaute durchs Fenster auf Bertha, die jammernd auf dem Bahnsteig kniete. »Ich bring mich um!«

Clyde hörte das Stampfen der Lokomotive, das Kreischen der stählernen Räder auf den Schienen. Der Zug setzte sich in Bewegung und rollte aus dem Bahnhof. Clyde starrte durchs Fenster auf seine Verlobte, die immer noch jammerte, aber ihre Stimme verlor sich in der Ferne. »Verlass mich nicht, Clyde! Ich bring mich um! Und unser …«

Das laute Signal der Lok übertönte ihre Stimme. Clyde konnte ihre letzten Worte nicht hören. Aber er wusste, was sie meinte.

* * *

»Letzter Halt New York City!«, rief der Schaffner.

Nach seiner Ankunft an der Penn Station nahm Clyde den A-Train, seine erste Fahrt mit der Subway. Wenig später stieg er die Treppe aus dem Untergrund hinauf und trat an einem strahlend hellen Nachmittag im September 1936 auf eine der Straßen des sagenumwobenen Harlem. Sofort war er überwältigt von dem Lärm, der Energie und dem Anblick der zahllosen Schwarzen, die allen nur denkbaren Tätigkeiten nachgingen: Geschäftsmänner, Geschäftsfrauen, Mütter mit Kinderwagen, Straßenprediger, Obdachlose, Trinker, zwielichtige Frauen in Hauseingängen, ehrwürdige Damen, die wie Lehrerinnen aussahen, Kerle, die an der Straßenecke Würfel spielten – und sogar ein schwarzer Polizist! Clyde lief umher wie benommen, den Koffer in der Hand, den Kasten mit der kostbaren Trompete unter den Arm geklemmt, und kam sich vor wie ein Trottel vom Land, während ihm vor Staunen beinahe die Augen aus dem Kopf fielen und der Mund offen stand. Die größte Stadt, die er jemals gesehen hatte, war Birmingham, Alabama gewesen.

Die Nacht brach herein, als er immer noch herumstreifte, die Lenox Avenue hoch, die Seventh Avenue hinunter, dann wieder die Lenox hoch. Er sah mit eigenen Augen all die Orte, von denen er bislang nur im Radio gehört hatte: das Apollo Theater, den Savoy Ballroom, Small’s Paradise. Und andere Lokale, von denen er noch nie gehört hatte, die er eines Tages aber kennenlernen würde: Red Rooster, Glady’s Clam House, Tillie’s Fried Chicken Shack. Er starrte die weißen Pärchen an, die in schicken Autos am Straßenrand hielten, um einen aufregenden Abend hier zu verbringen, und bewunderte die schwarzen Pärchen, die genauso elegant aussahen und an den Weißen vorbeiflanierten, ohne sie groß zu beachten. Die Colored Folks hier taten sogar überlegen, als würde diese Welt ihnen gehören. Denn dies war Harlem. Dies war unser Revier. Er nahm sich ein Zimmer in einer billigen Absteige, ließ sich auf sein schmales Bett fallen, immer noch aufgeregt, und hörte den Straßenlärm, der auch in der Nacht nicht leiser wurde. Irgendwann schlief er ein, wachte aber abrupt wieder auf, als das Getöse des neuen Tages begann, mit Lastwagen, Schulkindern und der Sonne, die durch die schmutzigen Fensterscheiben strahlte. Es war schon Mittag. Clyde setzte sich in ein Diner an der Ecke und bestellte ein Frühstück mit Schinken, Ei und Grütze. Anschließend schlenderte er die Straße entlang, die Trompete unter den Arm geklemmt, in dem Vertrauen, dass sich nun sein Schicksal entscheiden würde. Und so war es dann auch. Bald stand er vor einem Club, an dem er gestern Abend schon vorbeigekommen war: Er hieß »Mr. O’s«. Und auf einer aufgestellten Tafel neben dem Eingang stand mit Kreide geschrieben: TROMPETER GESUCHT. VORSPIEL GANZTÄGIG.

Einerseits konnte er das kaum glauben, andererseits hatte er nichts anderes erwartet. Das war eben Schicksal. Er betrat diesen Club namens »Mr. O’s« in der festen Überzeugung, dass sich hier seine Zukunft entscheiden würde.

»Hallo?«, rief er laut. »Jemand da? Hallo?«

Im Club war es dunkel. Er sah die Umrisse von auf Tische gestellten Stühlen. Plötzlich ging ein Licht an, weiter hinten, wo sich offenbar die Küche befand. Weitere Lichter flackerten auf, und Clyde stellte fest, dass er mitten auf einer Tanzfläche stand. Ein großer Schwarzer, eine Gestalt wie ein Bär, trat aus einem Durchgang. Er hatte ein rundes, fröhliches Gesicht und trug einen Hut mit vorne hochgeklappter Krempe, den er weit in den Nacken geschoben hatte.

»Hey, Jungchen, hallo. Ich bin Pork Chop Bradley.«

»Sie sind Pork Chop Bradley?«, fragte Clyde. »Der Bassist?«

»Du hast von mir gehört?«

»Jawohl, Sir!«

»Ich wurde gerade als Bandleader für Mr. O’s engagiert. Bist du neu in der Stadt?«

»Gestern angekommen, Sir.«

»Hör auf, mich Sir zu nennen. Ich bin nicht dein Daddy und auch kein Cop.«

»Jawohl, Sir! Ich meine, sorry, Mr. Pork Chop, äh, also Mr. Bradley.«

Pork Chop grinste. Er war freundlich und ein bisschen amüsiert. »Wo kommst du denn her, Country?«

»Alabama.«

»Ich bin aus Arkansas. Aber ich lebe schon seit zehn Jahren in der großen Stadt. Spiele in Bands in Harlem. Ist das dein Traum, Country? In einer Band in Harlem zu spielen?«

»Ja, das ist mein Traum.«

»Wie alt bist du?«

»Neunzehn.«

»Wie, sagtest du, war dein Name?«

»Sagte ich gar nicht, sorry. Ich heiße Clyde Morton.«

»Na schön, Clyde. Lassen wir das Geplänkel. Hol das Horn aus dem Kasten. Kennst du ›Stardust‹?«

»Klar kenn ich das.«

»Dann leg los.«

Clyde schloss die Augen beim Spielen. Zuerst fühlte es sich an, als wäre er im Clinch mit seinem Instrument, als wäre es ein riesiger, glitschiger mannsgroßer Fisch. Er rang damit, plantschte im flachen Wasser herum, versuchte das Biest ans Ufer zu ziehen. Schließlich hörte es auf zu zappeln. Er hatte das störrische Tier bezwungen und die Trompete endlich unter Kontrolle. Ja, klar, er kannte ›Stardust‹ von Hoagy Carmichael, in der Version von Louis Armstrong. Er hatte das Stück immer wieder auf Onkel Wiltons Grammophon abgespielt, es genauestens studiert. Und nun stand er hier in Mr. Os Nachtclub und spielte es Pork Chop Bradley vor, und er spielte es genau wie Satchmo, jedenfalls soweit ihm das möglich war.

»Okay, okay, hör auf«, rief Pork Chop mittendrin. »Hör sofort auf, Junge. Aufhören! Stopp!«

Clyde nahm die Trompete herunter und schaute ihn verwundert an. »Ich hab’s doch noch gar nicht zu Ende gespielt«, sagte er.

»Doch, hast du. Du bist fertig. Es tut mir leid, Clyde, aber das war grauenhaft.«

»Wie bitte? Was?«

»Soll das ein Scherz sein? Hat Mr. O dich geschickt, um mir einen Streich zu spielen? Bist du deswegen hier?«

»Äh, nein, Mr. Pork Chop. Mr. O kenn’ ich gar nicht.«

»Heilige Muttergottes! Du bist ernsthaft zum Vorspielen gekommen? Spielst du wirklich so? Das war das Schlimmste, was ich je in meinem Leben gehört habe.«

»Ich … ich hab mein Bestes gegeben … Soll ich’s noch mal versuchen?«

»Nein, bitte nicht. Lass gut sein, es hat keinen Zweck. Das hör ich sofort. Du bist kein Trompeter, du bist überhaupt kein Musiker. Wer hat dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?«

»Mein Onkel Wilton.« Clydes Stimme brach. »Unten in Alabama.«

»Tut mir wirklich leid, dass ich dir das so sagen muss, Junge«, sagte Pork Chop.

»Er wird furchtbar enttäuscht sein.«

»Jetzt fang nicht gleich an zu heulen, Junge. Du hast einfach den falschen Traum geträumt.«

»Und was soll ich jetzt tun?«

Pork Chop schaute Clyde lange an, freundlich und leicht amüsiert. Dann fragte er: »Kennst du Mary Warner?«

»Mary Warner?« Clyde musste schlucken und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. »Wer ist die Dame?«

Pork Chop lachte leise. »Lass uns mal aufs Dach gehen. Ich stell sie dir vor.«

Natürlich dachte Clyde, es ginge um eine Frau. Um eine Prostituierte namens Mary Warner. Als sie die sechs Treppen hinaufstiegen, wunderte er sich darüber, dass sie auf dem Dach sein sollte. Aber er grübelte nicht weiter darüber nach. Er war immer noch erschüttert wegen Pork Chops Urteil über sein Talent – oder sein fehlendes Talent. Er wusste, dass er recht hatte. Clyde hatte den falschen Traum geträumt. Als sie aufs Dach traten, hatte er das Gefühl, er würde in Ohnmacht fallen. In seinem ganzen Leben war er noch nie so weit oben gewesen. Der Straßenlärm tief unten klang unwirklich. Er hörte Tauben flattern und gurren. Aber eine Prostituierte war weit und breit nicht zu sehen.

Pork Chop zog eine Zigarette aus der Tasche, die er ganz offensichtlich selbst gedreht hatte. Clyde sah zu, wie er die Zigarette anzündete und daran zog. Es klang wie ein leises Zischeln. Pork Chop behielt den Rauch eine Weile in der Lunge, dann atmete er langsam aus. Clyde roch das süße und zugleich pfeffrige Aroma, das ihm völlig unbekannt war. Aber er mochte es. Und jetzt wurde ihm klar: Das war Reefer. Ja, davon hatte er schon gehört, aber er hatte es noch nie gesehen oder gerochen. Pork Chop hielt ihm die Selbstgedrehte hin.

»Darf ich vorstellen, Clyde, Mary Warner. Auch bekannt als Marihuana. Ist das dein erstes Mal?«

»Ja, ist es.«

»Zieh mal dran, so wie ich es gerade getan habe.«

Clyde zog heftig an dem Joint. Ssssssssss…

Pork Chop sagte: »Willkommen in unserer Bruderschaft, Mr. Clyde Morton. Du bist zwar kein Musiker, aber jetzt weißt du etwas, das die Jazzleute wissen. Mary Warner war dabei, unten in Storyville, in New Orleans, als der Jazz geboren wurde. Alle großen Jazzmusiker haben an Mary Warners Zitzen gesaugt.«

Es dauerte einen Moment, aber dann stellte sich die Wirkung ein. Jetzt verstand Clyde, was die Leute meinten, wenn sie über das Joint-Rauchen sagten, sie würden »high« davon. Wie er jetzt hier auf diesem Dach mitten in Harlem stand und zuschaute, wie die Wolken vorbeizogen, hatte er das Gefühl, traumhaft abgehoben zu sein.

»Mary Warner ist reine Magie«, sagte Pork Chop. »Ich nenne es auch das Elixier der Kreativität.«

Clyde nahm einen weiteren Zug. Ssssssssss…

»Hey, Clyde«, sagte Pork Chop lachend. »Willst du den Stick etwa allein aufrauchen?«

Auch Clyde musste lachen und gab Pork Chop den Joint zurück.

Als er vorhin in den Nachtclub getreten war, hatte er noch gedacht, hier würde sich sein Schicksal entscheiden, hatte geglaubt, er würde seine Karriere als Profimusiker starten. Und prompt hatte sich gezeigt, dass er als Musiker nichts taugte. Aber das Schicksal wies ihm seinen Weg.

»Vipers«, sagte Pork Chop. »So nennen sich alle, die dem Herb ergeben sind. Wegen diesem zischelnden Geräusch, das entsteht, wenn wir an einem Joint ziehen. Und so wie ich das sehe, bist du der geborene Viper, Clyde Morton.«

Pork Chops Stimme klang weich und tröstlich. Der dicke Bassist mit seinem ramponierten Fedora-Hut und der hochgeklappten Krempe verströmte eine angenehme Gelassenheit. Pork Chop sog noch ein paarmal an dem Joint, dann reichte er ihn wieder seinem Novizen.

Clyde nahm einen Zug und schaute über die Skyline von Harlem. In seinem Kopf hörte er »Stardust« in der Fassung von Louis Armstrong und fühlte sich wach und neugeboren, kribbelig und aufgekratzt. Und gleichzeitig cool. So cool wie überhaupt möglich.

»Sagen Sie mal, Mr. Pork Chop Bradley. Woher kriegt man dieses Zeug hier, dieses Mary Warner?«

»Vom Besitzer des Nachtclubs, von Mr. O persönlich«, sagte Pork Chop. »Auch bekannt unter dem Namen Abraham Orlinsky. Ich werde ihn dir bei Gelegenheit vorstellen, wenn du möchtest. Ich schätze, du hast nicht die Absicht, nach Alabama zurückzukehren?«

Ssssssss.

»Nee, Pork Chop. Ich bleib’ hier.«

»Willkommen in Harlem, Viper Clyde.«

* * *

»Wenn du drei Wünsche frei hättest«, hatte die Baroness gefragt, »die sofort in Erfüllung gingen, welche wären das?«

November 1961: Die Nacht von Clyde »The Viper« Mortons drittem Mord. Viper war stoned. Er saß im Cathouse, den Notizblock mit dem Stift vor sich, und dachte über Nicas Frage nach. Er wusste, in ein paar Stunden wäre er tot, oder auf dem Weg in den Knast. Red Carney, sein Kumpel bei den Cops, hatte ihm drei Stunden gegeben, um die Stadt zu verlassen. Aber er saß immer noch hier in dem riesigen Wohnzimmer der Baroness de Koenigswarter zwischen all den Cats – echten Katzen und Jazz-Cats – und grübelte über seine drei wichtigsten Wünsche.

»Denk nicht zu viel darüber nach«, mahnte Nica. »Schreib einfach die ersten drei Dinge auf, die dir in den Sinn kommen.«

»Ich überlege noch, Nica«, sagte Viper, und seine Stimme klang leicht angespannt. »Ich überlege.«

»Ja, klar, in Ordnung, Viper«, sagte Nica, die jetzt ein bisschen nervös wurde. »Kein Grund zur Eile. Lass dir Zeit.«

Es klingelte an der Tür.

»Oh, ein Neuankömmling!«, rief die Baroness und bahnte sich ihren Weg durch das Katzenmeer, um die Tür zu öffnen.

Was Nica betraf, war Viper immer argwöhnisch gewesen. Seit jener Nacht vor sechs Jahren, als Charlie Parker in ihrer Suite im Stanhope Hotel gestorben war. Es hieß, er hätte einen Herzinfarkt gehabt. Bird war vierunddreißig Jahre alt gewesen, aber der Gerichtsmediziner hatte ihn auf sechzig geschätzt, angesichts des Zustands seiner Leiche. Ja, technisch betrachtet war der große Charlie Parker an einem Herzinfarkt gestorben. Aber alle wussten, dass das Heroin ihn umgebracht hatte.

Eines müsst ihr nämlich wissen über Clyde Morton, den »Viper«. Ja, er dealte mit Marihuana. Aber Heroin konnte er nicht ausstehen. Er hat es nie genommen und würde es niemals verkaufen. Allen, die für ihn arbeiteten, hatte er verboten, damit zu dealen. Heroin war ein tödliches Gift. Das absolute Gegenteil von Herb. Marihuana sorgte für Kreativität im Jazz. Heroin zerstörte den Jazz, indem es seine größten Künstler umbrachte. Viper wusste nicht, ob die Baroness de Koenigswarter Birds Drogenmissbrauch ermöglicht hatte. Aber er wusste, dass dieser Dreck Bird umgebracht hatte, und zwar in Nicas Hotelsuite. Er hatte nie gesehen, wie jemand sich im Cathouse einen Schuss setzte. In seiner Gegenwart würde sich das sowieso niemand trauen. Alle wussten, dass Viper der Mann war, zu dem man ging, wenn man Marihuana brauchte. Und alle wussten, was er von Heroin hielt. Sie wussten, wer in Vipers Einflussbereich mit Heroin dealte … den würde er töten.

»Clyde. Hey, Clyde.«

Viper schaute auf. Vor ihm stand Pork Chop Bradley. Offenbar war er gerade im Cathouse angekommen. Pork Chop, der seit fünfundzwanzig Jahren sein Freund war. Er war immer noch dick und trug einen Fedora mit hochgeklappter Krempe. Aber inzwischen war er ein alter Mann. Er schaute Viper mit einem Ausdruck unendlicher Traurigkeit an. Er wusste, was Viper an diesem Abend getan hatte. Er kannte die Person, die er umgebracht hatte.

»Hallo, Pork Chop.«

»Möge Gott dir gnädig sein, Clyde. Ich war gerade in der Wohnung von Yolanda.«

»Das dachte ich mir.«

»Da war sehr viel Blut, Clyde. Sehr viel Blut.«

Viper schwieg.

»Wie fühlst du dich jetzt, Mann?«, fragte Pork Chop.