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Christoph Brüske, Kolumnist und Kabarettist, nimmt mit satirischem Charme die vom Virus heimgesuchte Gesellschaft unters Mikroskop. Unterhaltsam und nachdenklich, kritisch und versöhnlich, intelligent und plakativ. "Ein tolles Buch. Brüskes Betrachtungen sind der ersehnte Impfstoff gegen Mutlosigkeit und Pessimismus." Hastenraths Will, Kolumnist Rheinische Post
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2020
Christoph Brüske wurde 1965 in Troisdorf/Sieg geboren. Nach seiner Zeit beim Improvisationstheater Springmaus begann er mit dem Solo-Kabarett und tourt seitdem stetig durch den deutschsprachigen Raum. Er lebt mit Tochter und zwei Rosensträuchern in Rheidt am Rhein.
Weitere Informationen unter www.brueske.de
Allen Optimisten mit Herz und Humor
„Weltkrieg in München, Fliegeralarm!
Nach einiger Zeit ist immer noch kein feindliches Flugzeug am Himmel zu sehen.
Karl Valentin kommentiert dies mit den Worten:
„Ja wo bleiben sie denn? Es wird ihnen doch nix passiert sein!“
Prolog
Ist Ihnen langweilig?
Leiden wie ein Esel
Kleine Wunder
Homeoffice mit Dramaqueen
Frohe Ostern
Es geht auch anders!
Peter Pan-Demie
Weltfrauenzeit
Die Weisen aus dem Sorgenland
Bekenntnisse eines Blockwartes
Maskerade
Iron Man
Orgien in Coronazeiten
Autokratie
Wer bietet mehr?
Der große Reibach
App dafür
Die Geister, die ich rief
Diagnose Gier
Nächste Ausfahrt Minsk
Ursel und die alten Griechen
Die Welt ist eine Scheibe
Die Spiele sind eröffnet
Whataboutism
Systemrelevant
Der makabre Medaillenspiegel
La vie en rose
Schnurstracks ins Risiko
Lachsdöner mit Nutella
Zwei Muppets
Die Angst in unseren Köpfen
Auf nach Neumoria!
Epilog
Danke
Schön, dass Sie „Virulent“ aufgeschlagen haben. Sie sind des Lesens mächtig? Prima, das macht es noch einfacher. Ich weiß natürlich nicht, ob Sie dieses Büchlein zum Originalpreis (ach Sie waren das!), zu Weihnachten geschenkt oder auf dem Krabbeltisch für 99 Cent erstanden haben. Wenn letzteres zutrifft, schreiben wir vielleicht das Jahr 2025 und Sie können sich unter Umständen nur noch dunkel an diese „Coronazeit“ erinnern. Deshalb starte ich damit, Ihnen die germanische Welt zu Beginn des neuen Jahrzehnts in Erinnerung zu rufen. Wir schreiben das Jahr 2020:
Eine weltweit beachtete Schwedin mit ökologischem Sendungsbewusstsein wird 17. Obwohl arg polarisierend, motiviert sie große Teile der Schülerinnen und Schüler zum Freitagsstreik für die Zukunft. Dass wenige Wochen später alle Schulen gleich ganz geschlossen hatten, hätte sich auch die junge Klima-Ikone nicht ausmalen können.
Schon seit Beginn der Weihnachtsferien führte ein neu getextetes Karnevalsliedchen mit der Kernzeile „alte Umweltsau“ zum größten Medienskandal seit Florian Silbereisen im Kapitänsoutfit. Eigens gegründete Institutionen wie der VDHMO, also der „Verband der im Hühnerstall Motorrad fahrenden Omas“, forderten personelle Konsequenzen und die Abschaffung der so betitelten „Zwangsgebühr“.
Gott, ging es uns gut!
Im Februar 2020 kam es dann zu einem handfesten Skandal, der die Republik fast vier Wochen in Atem hielt: Ein freidemokratischer Glatzkopf mit „Lieber Aal als liberal-Attitüde“ versuchte sich in Thüringen mit Hilfe der Höcke-Jugend an die Macht zu schlängeln. Nicht, dass es eine Petitesse wäre, wenn rechtsnationale Rabauken eine Regierungsbildung beeinflussen, aber jetzt einmal aus der Ferne betrachtet:
Ein 5-Prozent Parteipennäler lässt sich im dritten Wahlgang zum Ministerpräsidenten des elftgrößten Bundeslands im dreiundsechzig-größten Land der Erde küren.
Hatten wir keine anderen Probleme??
Doch! Wir verfolgten genüsslich die Irrfahrt einer saarländischen CDU-Politikerin und zerbrachen uns den Kopf, welche Sau (in dem Fall welcher Eber) als nächstes durchs konservative Dorf getrieben wird. Dass diese Dame mit Dreibuchstabenkürzel kurze Zeit später als Verteidigungsministerin einen für ihre Verhältnisse fast unfallfreien Job machte, auch das war in unserer Phantasie nicht implementiert.
Natürlich gab es auch reale Probleme zu jener Zeit: Im Januar brannte es lichterloh in Australien. Es entstanden Bilder, für die wir uns durch vergleichbare Vorfälle im Amazonas-Regenwald kurz zuvor trainieren konnten. Die verkohlten Koalabärchen waren dann aber auch nicht so gravierend, dass das dort produzierte RTL-Dschungelcamp „Hilfe, ich hab noch Hirn, holt das da raus!“ hätte gecancelt werden müssen. Denn ein bisschen Spaß muss sein! Dass du wenige Wochen später überhaupt nicht mehr nach Australien fliegen konntest, da die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes über das übliche Jemen und Kongo hinausging und mal locker die ganze Welt betraf: völlig illusorisch!
Soweit die deutsche Perspektive zu Beginn des Jahres 2020. Das war aber nur die eine Seite der Medaille. Denn wie schon der deutsche Philosoph und Kettenraucher Mario Basler voller Weinstraßenweisheit feststellte:
„Jede Seite hat zwei Medaillen“
Die andere, nennen wir sie „die dunkle Seite der Macht“, begann ihre unheilvolle Reise im Osten Asiens und hatte viel mit kleinen possierlichen Viechern zu tun, die wir von Grippewellen und als Anlass für das postkarnevalöse Krankfeiern kannten: den Viren!
Ganz wenigen von uns war bekannt, dass sich ein paar von ihnen pudelwohl in Flughunden und Fledermäusen fühlen. Aber erkläre das mal bitte dem durchschnittlichen Kinogänger, dass „Batman“ plötzlich der Böse ist.
Und obwohl wir uns doch rühmen, global so perfekt vernetzt zu sein, nahm das Unheil der neuesten Coronavirus-Mutation fast unbemerkt seinen Lauf. Und ob es uns nun schmeckt oder nicht: wir wurden gewarnt. Sogar mehrfach!
Wie gefährlich es nämlich ist, wenn sich Mensch und Natur zu nahe kommen, war nach den Erfahrungen mit den Corona-Kollegen SARS (2003) und MERS (2012) hinlänglich dokumentiert. Aber wen interessiert das, wenn Schweinefleisch süß sauer beim Asia-Grill um die Ecke im Angebot ist.
Das Robert Koch Institut legte im Jahr 2013 eine detaillierte Studie vor, die eine schier unglaubliche Trefferquote mit der späteren Covid-19-Pandemie aufwies. Im Gesundheitsministerium wurde sie bestenfalls kurz zur Kenntnis genommen. Damals war sie eben noch nicht so relevant wie die Studien von Bertelsmann Stiftung und Leopoldina zur Reduzierung, Verzeihung, „Optimierung“ der deutschen Krankenhäuser.
2015 hielt Bill Gates eine flammende Rede, dass die Welt auf die nächste Corona-Pandemie völlig unvorbereitet sei. Aber wen juckt der reiche Sack mit Kassengestell, wenn dein Windows dauernd abstürzt!
Und schlussendlich wies der chinesische Mikrobiologe Peng Zhou aus Wuhan schon im März 2019 in einer epidemiologischen Studie nach, dass die nächste Pandemie mit „Sicherheit“ kommt und „China der Ausgangspunkt“ sein würde. Alles nachzulesen in den bekanntesten medizinischen Zeitschriften oder noch einfacher: per Google. Aber machen wir uns nichts vor: keiner von uns „Normalos“ hat es gelesen oder gegoogelt. Es wäre ja auch wirklich zu schön, rechtzeitig den „Knall“ zu hören, nur weil der Typ „Peng“ heißt!
Wir hatten damals ganz andere Sorgen und so konnte SARS-CoV-2 seinen globalen Feldzug in Angriff nehmen: Wie vorhergesagt in Wuhan, der Stadt, die niemand kannte, obwohl dort doch so viele Ausländer arbeiten.
Einige kannten die Stadt scheinbar doch: am 31. Dezember 2019 hatte Taiwan schon alle Flüge aus Wuhan gestoppt, übrigens genau an dem Tag, an dem China den Ausbruch der Pandemie offiziell der WHO gemeldet hatte. Hatte das in Europa niemanden interessiert?
Denn während am 15. März 2020 noch die letzten Skitouristen mit komischem Husten in der Seilbahn in Ischgl saßen, hatte die Republik Usbekistan schon im Dezember 2019 (!) seine 82 Studenten aus Wuhan zurückbeordert und in Quarantäne gesteckt.
Während in der Inntalhalle zu Rosenheim noch am ersten Wochenende im März tausende von Hopfenfetischisten ihr Starkbierfest feierten, sprach der später vielgepriesene bayerische Ministerpräsident Markus Söder wenige Tage darauf den kanzlerablen Satz: „Wir wollen kein zweites Ischgl oder Heinsberg!“ Hätte er doch mal vorher lieber vor der eigenen Tür gekehrt.
Hm, was war denn noch mal in Heinsberg? Höchstwahrscheinlich wird es in einigen Jahren im Geschichtsunterricht durchgekaut: Der erste deutsche „Superspreader“, die Kappensitzung im Städtchen Gangelt mit 300 Narren. Na ja: Zum Narren haben sich die Menschen dort durchaus gemacht, denn in der Pandemie heißt es: Die Ersten beißen die (Flug)Hunde.
Wir hätten schon Anfang des Jahres reagieren müssen. Aber da hatten wir uns noch nicht mit Flughunden, sondern mit der alten Umweltsau beschäftigt. Irgendwann Ende Januar hatten wir wenigstens auf dem Schirm, dass China sein 11 Millionen-Sorgenkind per Ausgangssperre lahm gelegt hatte.
Doch das führte an den analogen und digitalen Stammtischen der Republik nur zu überheblichem Spott: „Eine Millionenstadt lahmlegen samt Sperren und Polizeikontrollen? Sowas geht ja nur bei den Chinesen. Sind ja doch alles verkappte Kommunisten! Sowas würde in Deutschland nie klappen. Wir schaffen ja noch nicht mal eine Große Koalition!! Hohoho…“
Stattdessen haben wir uns am Thüringen-Theater ergötzt und Abertausende sind am Wochenende noch fröhlich ins Fußballstadion gepilgert. Ja warum denn nicht? Das einzige Virus, dass der FC Fan aus Köln kennt, heißt Borussia Mönchengladbach (und umgekehrt)!
Doch das durchaus pandemisch zu nennende Fußballfieber grassiert ja nicht nur in unseren Breiten: Denn obwohl das Virus in Europa schon längst angekommen war, wurde in Mailand am 19. Februar noch fleißig Champions League gespielt, natürlich vor vollen Rängen. Es kickte der FC Valencia gegen Atalanta Bergamo. Ja genau das Bergamo, in dem nur Wochen später ein Konvoi von Militärfahrzeugen die Särge mit den COVID-19 Toten abtransportieren musste. Der Club aus Valencia brachte übrigens nicht nur eine 1:4 Niederlage mit nach Hause…
Machen wir uns nichts vor: Europa hat nicht nach Asien geschaut. Über unsere Arroganz und Ignoranz sollen andere urteilen. Vielleicht ist es etwas besser geworden, während Sie diese Zeilen lesen.
Und nachdem es bei uns Mitte März nun wirklich nichts mehr zu beschönigen und ignorieren gab, über eine Welt, die daraufhin ins Wanken geriet und über das, was das mit der Gesellschaft, der Politik und mit mir gemacht hat:
Davon handelt dieses Buch.
Zwei Tage gilt er nun in Deutschland: Der erste staatlich verordnete Hausarrest seit den Wimbledon-Triumphen von Boris Becker. Das musst du erstmal sacken lassen!
Und, wird Ihnen schon langweilig? Der erste Schock über pulverisierte Freiheiten ist dem Umstand gewichen, dass wir mit Partner und Kindern den lieben langen Tag zu Hause bleiben dürfen. Und während Frauen vereinzelt schon von Scheidung und Männer von Sterilisation träumen, fällt vielen von uns so langsam die Decke auf den Kopf. Und jetzt, wo ein Kontaktverbot ab zwei Personen gilt und selbst unsere Kanzlerin in Quarantäne muss, weil ihr Arzt (!) positiv getestet wurde, kannst du da überhaupt noch guten Gewissens an die frische Luft? Und die, die im Moment neben sich stehen, dürfen die zum Spaziergang überhaupt noch jemand mitnehmen? Fragen über Fragen..
Eigentlich gibt es aber doch keinen Grund Trübsal zu blasen. Die Fernsehgucker schauen Fernsehen. Denn es lohnt sich: Die Sendeanstalten wittern das große Werbegeschäft und zeigen die schönsten Wiederholungen aus 50 Jahren Farbbild. Die Eloquenten telefonieren, skypen oder schreiben, was das Zeug hält. Denn es gibt zurzeit keinen auch noch so entfernten Verwandten oder Freund, der sich nicht über eine Kontaktaufnahme freut!
Die Herzbefleckten (und das sind mehr als wir denken) bieten sich den diversen Nachbarschaftshilfen an. Die Sportlichen, denen die Schließung ihrer Fitnessstudios zusetzt, melden sich bei den hiesigen Landwirten, ob sie beim Säen und Ernten einspringen dürfen. Und haltet euch fest: Dieses neuartige Workout aus den Übungen Spargel-Stretching und Erdbeerbeugen wird sogar bezahlt!
Die Spirituellen, die gerade jetzt so gerne in den Gottesdienst gehen würden, schmökern mal wieder in der Bibel. Und wer hindert uns daran, beim Onlineshop unseres vertrauten Buchhändlers Literatur anderer Religionen zu ordern? Eine solche Toleranztherapie über den theologischen Tellerrand kann aus meiner Sicht nie schaden.
Und was macht ihr Vermieter, Pächter und Großgrundbesitzer? Falls euch beim Geld zählen langweilig werden sollte: Schaut doch kurz, ob es unter euren Schäfchen vielleicht Einzelhändler, Kellner oder Freiberufler gibt. Die freuen sich bestimmt wie Bolle, wenn ihr ihnen beim Sparen unter die Arme greift.
Ach ja: Und dann gibt es noch einen Typus, dem garantiert nie langweilig wird: den „Homo Hakle“, sprich der gemeine Klopapierhamster. Der setzt sich schon frühmorgens um 4:00 Uhr ins Auto, schleicht sich zum Supermarktparkplatz und wartet auf die nächste Lieferung. Wie ein Schauspieler auf der Suche nach der nächsten Rolle zählt für ihn nur eins: die Vervollständigung seiner Sammlung! Ich konnte mir dieses Verhalten lange nicht erklären. Meine einzige Theorie ist mittlerweile: Wer im Grunde seines Herzens ein Arschloch ist, muss eben dieses als erstes versorgen. Stellt euch doch mal vor: Eine Krankenschwester, die nach einer Zwölf-Stunden-Schicht (wenn nicht sogar mehr) noch ein paar Einkäufe erledigen muss, steht wegen euch vor leeren Regalen. Wollt ihr das? Also bitte: Hört auf damit oder nehmt einen Waschlappen, ihr Waschlappen!
Ich gehe jetzt zu meinem Vermieter und biete ihm zehn Rollen gegen Rabatt an. Hätte nie gedacht, dass der Besitz von derlei Hygieneartikeln einmal die halbe Miete ist.
Jetzt, wo das Kontaktverbot gilt und uns das Corona-Schutzgesetz mit voller Wucht getroffen hat, geht jeder auf seine Art und Weise mit der Situation um. Der eine wartet schon sehnsüchtig auf die ersten Verschwörungstheorien, der nächste ist stolz auf seine prall gefüllte Garage voller Klopapier und Mehl (Achtung: Maden!). Und dann gibt es noch die Leidensfähigen.
Ich würde mich in die letzte Gruppe einordnen. Leidensfähigkeit ist nämlich eine durchaus entwicklungsfähige Mentalität. Auf die Gefahr, dass
