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Wenn Hoffnung dein einziger Begleiter ist – hast du die Kraft, weiterzumachen? Esther und Nick dachten, bereits das Schlimmste durchgemacht zu haben, als sie die Siedlung erreichen. Hier scheint es endlich Sicherheit zu geben. Schnell werden sie jedoch daran erinnert, wie missgünstig Menschen sein können. Nicht jeder ist über die Ankunft der Neuen glücklich, und als erneut Gewalt ausbricht, steht fest, dass sie nicht bleiben können. Also besinnen sie sich auf Nicks Traum: Die Städte und ihr angeblicher Fortschritt. Gemeinsam mit ihren engsten Vertrauten machen sie sich auf den Weg – ohne zu wissen, dass ihnen eine weitere, schwere Prüfung bevorsteht. Wie viele Rückschläge können sie noch ertragen? Dieser Sammelband umfasst die Episoden 2.1 bis 2.5 des Serienromans „Virus – Die neue Hoffnung“.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Episode 2.1
1. Esther
2. Nick
3. Esther
4. Cho
5. Esther
6. Esther
7. Nick
8. Esther
9. Greta
10. Cho
Episode 2.2
11. Esther
12. Nick
13. Kai
14. Esther
15. Cho
16. Nick
17. Kai
18. Esther
19. Nick
20. Esther
21. Nick
Episode 2.3
22. Esther
23. Kai
24. Cho
25. Nick
26. Esther
27. Kai
28. Nick
29. Cho
30. Esther
31. Nick
32. Esther
33. Nick
Episode 2.4
34. Esther
35. Nick
36. Esther
37. Cho
38. Esther
39. Nick
40. Cho
41. Esther
42. Nick
43. Esther
44. Cho
45. Esther
46. Nick
47. Cho
Episode 2.5
48. Esther
49. Nick
50. Cho
51. Lincoln
52. Esther
53. Nick
54. Cho
55. Esther
56. Nick
57. Esther
58. Cho
59. Lincoln
60. Nick
61. Esther
62. Cho
63. Nick
64. Esther
65. Nick
Epilog
Danksagung
Über den Autor
Virus – Die neue Hoffnung, Sammelband
Tessa Tormento
1. Auflage
Januar 2019
© Emma S. Rose
Rogue Books, Inh. Carolin Veiland, Franz - Mehring - Str. 70, 08058 Zwickau
Umschlaggestaltung: Sarah Buhr, Covermanufaktur Bildmaterial von maodoltee & kenny1 & lassedesignen & Africa Studio / shutterstock.com
Alle Rechte sind der Autorin vorbehalten.
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung – auch auszugsweise – ist nur mit der ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung der Autorin gestattet. Alle Rechte, auch die der Übersetzung des Werkes in andere Sprachen, liegen alleine bei der Autorin. Zuwiderhandlungen sind strafbar und verpflichten zu entsprechendem Schadensersatz.
Sämtliche Figuren und Orte in der Geschichte sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit bestehenden Personen und Orten entspringen dem Zufall und sind nicht von der Autorin beabsichtigt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Für meine treuen Leser,
die bei dieser Staffel ganz besonders
viel Geduld bewiesen haben.
Danke!
Wenn der Weg unendlich scheint und plötzlich nichts mehr gehen will, gerade dann darfst du nicht zaudern.
DAG HAMMARSKJÖLD
Mein Name ist Esther.
Es gab Zeiten, da habe ich fast vergessen, wer ich bin. Zeiten, in denen ich mich bewusst vor einen Spiegel stellen und mich betrachten musste, damit ich mich nicht in der alles umfassenden Einsamkeit verlor. Wenn ich jetzt daran denke, läuft es mir kalt den Rücken hinunter, denn die Zeit ... sie war real. Sie war bedrohlich. Und sie lauert noch immer sehr dicht unter der Oberfläche. Die Erinnerungen sind frisch, sie schmerzen wie ein Sack voller Scherben, auf dem ich todesmutig herumkaue. Ich weiß nicht, ob sich dieses Gefühl irgendwann legen wird oder ob ich mich schlicht und ergreifend daran gewöhnen werde, es als Teil meiner Selbst akzeptiere, so wie all die anderen Veränderungen, mit denen ich mich schon arrangieren musste.
Einige Jahre ist es nun schon her, dass ich meine Familie zum letzte Mal sah. Meine Eltern, meinen Bruder. Es fällt mir so unglaublich schwer, an sie zu denken. An unser Leben, bevor all das hier losging. Das große, gemütliche, immer warme Haus, in dem wir lebten. Mein eigenes Zimmer mit dem riesigen Bett und dem Schreibtisch und dem Deckenlicht, wenn ich es brauchte. An meine Schulkameraden, die mich gerne wegen meines altmodischen Namens aufzogen. Daran, wie es war, morgens mit dem Bus zum Unterricht zu fahren - und über die Sticheleien zu lächeln, weil sie wirklich keine große Rolle in meinem ansonsten sehr behüteten Leben spielten.
Die Erinnerungen verblassen.
Auch heute stehe ich manchmal vor dem Spiegel. Es ist erstaunlich, dass es hier so einen sauberen, intakten überhaupt noch gibt. Es ist überhaupt erstaunlich, was es hier noch gibt. Ich stehe vor dem Spiegel, mustere mein Gesicht und suche nach den Anzeichen der vergangenen Monate. Sie haben ihre Spuren hinterlassen. Die Falten, die sich in meine Stirn gegraben haben, sind irreparabel. Meine Mundwinkel zucken viel zu oft nach unten, obwohl es mir eigentlich gut geht.
Es ging mir schon so verdammt viel schlechter.
Ich suche nach Anzeichen von damals. Erinnere mich daran, dass meine gerade, stolze Nase von meinem Vater stammt, meine großen, runden Augen von meiner Mutter. Ich denke daran, wie unbedarft ich war - und was sich alles in der letzten Zeit verändert hat. Dann sinkt mein Herz in die Hose und meine Augen werden traurig.
Trotzdem schaue ich immer wieder in den Spiegel, um mich zu erinnern. An die traurige, gute Vergangenheit. An die nicht so gute, jüngere Vergangenheit. Ich erinnere mich daran, dass ich Esther bin. Menschlich. Voller Werte.
Ich will mich nicht verlieren. Der Virus wird nicht gewinnen.
Das verspreche ich mir jedes Mal aufs Neue.
Manchmal weiß ich jedoch nicht, ob ich mir nur etwas vormache.
»Hey, Esther!«
Ich zucke zusammen, als unten die Tür lautstark ins Schloss fällt. Sofort wende ich mich vom Spiegel ab, als hätte ich etwas Verbotenes getan, und eile in den Flur. Nick kommt bereits die Treppe hoch. Er wirft mir ein vorsichtiges Lächeln zu, und ich weiß sofort, was er denkt. Zwischen uns schwelt ein kleiner Streit vom Vorabend. Es ging, wie immer, um die Jagd - oder, um genauer zu sein, um meine Sicherheit. Ich wollte mich anschließen, aber Nick war wieder einmal der Meinung, mich schützen zu müssen. Ich hasse es, dass er mich wie ein Mädchen behandelt. Wie eine Porzellanpuppe. Das hat er getan, bevor wir hier gelandet sind, und jetzt tut er es wieder. Eigentlich hat er nie wirklich damit aufgehört, wenn ich genauer darüber nachdenke, obwohl ich es immer und immer wieder von ihm verlangt habe.
Gestern war es jedenfalls wieder die alte Leier. Ich habe ihm vorgeworfen, er würde mir nichts zutrauen. Daraufhin hat er mir vorgeworfen, ich wäre unnötig risikofreudig. Dann haben wir beide mit großer Lücke zwischen uns geschlafen. Als er heute Morgen in der Frühe das Haus verließ, hatten sich die Wogen noch nicht wieder merklich geglättet, doch jetzt spüre ich, wie der Streit in den Hintergrund rückt. Es gibt einfach so viel wichtigere Dinge als das hier. Ob es damit zusammenhängt, dass ich mich heute wieder besonders ... verletzlich fühle? All die Erinnerungen, die mich überflutet haben, als ich in den Spiegel schaute, nagen an meinen Kräften. Es passiert nicht mehr oft, aber es kommt vor, und jedes Mal, wenn ich mich in den Sog der Vergangenheit ziehen lasse, spüre ich, dass ich jemanden brauche, der mir hinaus hilft. Als würde ein Teil von mir noch immer in der Vergangenheit stecken. Ein Teil, der nur mit größerer Kraftanwendung zurückzuholen ist. Ich fühle mich merkwürdig zwiegespalten.
Vorsichtig lächle ich ihm zu, und sofort glättet sich seine sorgenvoll verzogene Stirn. Mit wenigen Schritten ist er bei mir und zieht mich an seine Brust. Mir dringt der scharfe Geruch von Wildnis in die Nase. Wald, Erde, etwas Metallisches, das Blut sein wird. Aber darunter, schwächer und überlagert, rieche ich auch ihn. Ein tröstlicher, warmer Geruch. Mein Geruch.
»Hey«, murmelt er. Dann spüre ich seine warmen Lippen auf meinem Scheitel.
Ich gestatte es mir, mich für wenige Momente an ihn zu pressen und die Schwäche zuzugeben, die mich schon den ganzen Morgen durchströmt hat. Ich gebe sie zu - und sie verlässt mich. Einzig und allein, weil ich bei Nick bin.
Manchmal macht es mir Angst, wie sehr ich mich an ihn gewöhnt habe.
Ich löse mich aus der Umarmung, um ihm in die Augen schauen zu können. Wenn man uns von außen betrachtet, könnte vielleicht die Frage aufkommen, ob wir verwandt sind. Wir haben beide blaue Augen, auch wenn seine meiner Meinung nach noch stärker strahlen, und unsere Haare schimmern in einem ähnlichen dunklen Blondton. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie lang sein Haar war, als wir uns kennenlernten. Damals ... gehörte er noch zu einer Truppe aggressiver Kerle, die sich zusammengeschlossen hatten, um gemeinsam zu randalieren. Frauen gab es bei ihnen nur, um sich an ihnen zu vergehen. Leider geriet ich in die Fänge der Bande. Nick, der sich angeschlossen hatte, um irgendwie zu überleben, befreite mich. Gemeinsam flohen wir vor dem Abschaum. Damals hätte ich nicht gedacht, dass wir dadurch eine monatelang andauernde Auseinandersetzung haben würden, die ... mit Blut endete.
Viel Blut.
Noch heute geht es mir deshalb nicht gut. Mich quälen Albträume. Nicht, weil mir Schlimmes angetan wurde, merkwürdigerweise habe ich das verarbeitet. Nein, mich plagt ein schlechtes Gewissen. Wenn ich nachts aufschrecke und spüre, dass mein Kissen tränenfeucht ist, liegt es eigentlich immer daran, dass mich mein Unterbewusstsein wieder einmal mit äußerst realen Bildern gequält hat.
Ich gebe mir die Schuld daran, dass so viele gute Menschen sterben mussten, denn wenn ich damals nicht in die Stadt gegangen wäre, um zu plündern ... dann wäre all das nicht passiert. Ich wäre noch alleine. Ich hätte Nick nicht kennengelernt.
Thomas und Anka und Karla und Joshi ... sie würden leben.
Aber es ist geschehen.
Ich war damals alleine in der Stadt und wurde praktisch dazu gezwungen, in einem der leerstehenden Häuser zu übernachten, weil mich die Nacht überrascht hatte. Schon in der Dunkelheit hatte ich die Gruppe in der Ferne wahrgenommen und mich versteckt. Dummerweise nicht gut genug, denn die Bande fand mich und schleppte mich in ihr Versteck. Nick ... rettete mich. Er verdiente sich mein Vertrauen, schützte mich vor Luke, dem Chef der Männer, der von Rachegelüsten zerfressen war, und gemeinsam fanden wir Anschluss an eine kleine, friedliche Gruppe.
Wir brachten mit unserer Fehde Verderben über sie.
Und jetzt sind wir hier. Ich weiß, dass Nick nicht damit einverstanden ist, wie sehr ich unter den Schuldgefühlen leide. Ich weiß, dass er nichts davon hören will. Vielleicht, weil auch er unter den Ereignissen leidet. Er redet nicht darüber, aber ich sehe es in seinen Augen, die manchmal einen gehetzten Blick annehmen. In diesem Punkt sind wir uns ziemlich ähnlich. Einer der vielen Gründe, warum wir es zusammen so gut aushalten. Eine Verbindung, die kaum jemand teilt. Zwei einsame Seelen, die ihren Partner gefunden haben. Das hätte ich nun wirklich nicht gedacht, als er mich damals aus dem stinkenden, dunklen Zimmer befreite.
»Wie war die Jagd? Erfolgreich?«, frage ich ihn so leichthin wie möglich. Ich will nicht mehr auf diesem alten Thema herumhacken. Es wird früh genug wieder auftauchen.
Nicks Augen werden wachsam, aber ich sehe auch den Stolz, der in ihnen ruht. Spielerisch klopfe ich auf seine Brust.
»Kann man so sagen«, antwortet er schließlich. Er dehnt die Worte, so als müsste er nach wie vor abschätzen, ob ich die Infos aus reiner Neugierde fordere, oder ob ich mich erneut auf ihn stürzen will.
Ich versuche, mein Lächeln noch echter zu gestalten. »Erzähl. Was habt ihr gefunden?«
Er scheint mir endlich zu glauben, dass ich es ernst meine. Die Wachsamkeit weicht in den Hintergrund, als er sich von mir in unser Zimmer ziehen lässt, wo er sich aus seinen Klamotten schält. Ich werfe sie auf den Stapel Schmutzwäsche und seufze innerlich auf: Nun kann ich es nicht mehr länger vor mich hinschieben. Es wird leider Zeit, zum Fluss zu gehen.
»Wir sind auf eine Herde Damwild gestoßen«, berichtet er. Seine Stimme wird auf einmal anders. Neutraler. Er verfällt in den Berichtmodus. Noch etwas, das ich in den letzten Wochen an ihm beobachtet habe. Das wird wohl daran liegen, wie viel Zeit er mit der Anführerin dieser Siedlung, Tatjana, verbringt. Sie hat schnell begriffen, wer bei uns das Sagen hat, und seitdem bindet sie Nick und Frederick sehr ein. Ich hätte ja nicht gedacht, dass es dazu kommt, aber scheinbar ist sie wirklich daran interessiert, uns auf Augenhöhe zu begegnen. Für sie sind Nick und Frederick und auch Ben, naja, um genau zu sein wir alle keine Eindringlinge, sondern schon jetzt vollwertige Mitglieder der Neuen Hoffnung. Man könnte es naiv nennen - oder auch menschlich.
»Klingt gut«, murmle ich leise und schiebe die Wäsche in die dunkelblaue, leicht angeschlagene Plastikwanne, die ich in dem großen Abstellraum im Keller gefunden habe.
»Jep. Wir konnten sieben von ihnen erwischen.«
Oh, das ist in der Tat nicht schlecht. Wir sind eine große Gruppe. Sieben Hirsche bedeutet, dass wir alle etwas bekommen werden. Also steht mal wieder Fleisch auf dem Speiseplan.
»Die Jungs zerteilen die Beute gerade. Wir können uns später unseren Anteil abholen.«
Ich weiß noch, in der kleinen Siedlung von Frederick, da kochten wir alle zusammen. Es gab jeden Abend ein großes Lagerfeuer vor der Haupthütte, wo wir Fleisch und andere Nahrungsmittel rösteten. Anschließend aßen wir in der großen Hütte, bei schönem Wetter auch draußen. Wir waren in verschiedene Kochgruppen aufgeteilt, die sich regelmäßig abwechselten. Jeder war für jeden zuständig und wir waren wirklich eine Gemeinschaft, die sich um einander kümmerte. Hier ... läuft es anders. Natürlich, das ist nachvollziehbar, denn die Neue Hoffnung ist so viel größer als unser Lager. Hier kann gar nicht zentral für alle gekocht werden. Jedes Haus bekommt, je nach Anzahl der Bewohner, Lebensmittel ausgeteilt, die in einem größeren Lager aufbewahrt werden. Frisches, wie zum Beispiel das Fleisch, wird direkt nach der Jagd rationiert. Wir können selber entscheiden, ob wir es sofort verzehren oder aufbereiten wollen. Greta hat mir gezeigt, wie man pökelt, und das habe ich schon ein paar Mal getan. Ist schwer, Fleisch vor dem Verderben zu retten, wenn es plötzlich keine Kühlschränke mehr gibt und die Temperaturen ansteigen.
»Fehlt uns sonst noch irgendetwas?«
Nick wirft mir einen schnellen Blick zu. Er ist wieder angezogen - ein dunkles Hemd und eine Jeans, die schon bessere Tage gesehen hat. Nun, in einer früheren Zeit haben die Menschen viel Geld dafür ausgegeben. Damals, als der Used-Look modern war und niemand auf die Idee gekommen wäre, dass eine Hose auch durch exzessiven Gebrauch so aussehen könnte. »Um ehrlich zu sein, überlegen wir, nochmal loszuziehen ...«
»Diesmal nimmst du mich mit!« Ich kann es nicht verhindern, stampfe mit dem Fuß auf.
Nick sieht mich erst überrascht an, dann lacht er laut los. »Schon gut, Wildkatze. Von mir aus. Wir treffen uns gleich auf dem großen Platz. Ich wollte dich sowieso fragen, ob du uns begleiten willst.«
Ich seufze erleichtert auf. Schon ist mir die blöde Wäsche egal, darum kann ich mich später kümmern. Aufregung durchflutet mich und spült auch den letzten Rest der Melancholie fort, die mich bis eben noch fest im Griff hatte. Ich kann es kaum erwarten, die hohen Mauern der Neuen Hoffnung zu verlassen.
»Wir sind startklar.«
Ich nicke Ben zu, dessen Worte wesentlich lebhafter klingen, als er in Wirklichkeit scheint. Seine dunklen, regungslosen Augen machen mir Angst, doch das spreche ich nicht an. Nie. Selbst mit Esther rede ich nicht darüber, weil ich weiß, dass sie dadurch nur wieder in ihr Loch fällt.
Seit wir uns der neuen Gruppe angeschlossen haben, habe ich das Gefühl, die Leute entgleiten mir immer mehr. Ich wurde in eine Rolle gedrängt, die ich nie innehaben wollte. Bens Nachfolger. Ihr Anführer, zumindest was die offensiven Dinge anbelangt. Frederick ist nach wie vor unser Verstand, er ist der wahre Chef. Aber wenn er Rat benötigt, fragt er nicht mehr Ben, sondern mich. Und auch die anderen warten erst einmal ab, was ich zu sagen habe, wenn Entscheidungen anstehen.
Ich bin aufgestiegen, sozusagen. Aber Esther? Sie fällt. Mein Mädchen war einmal sehr beliebt. Sie hat sich um Wundversorgung gekümmert, hat Leserunden abgehalten und sogar ein Weihnachtsfest geplant. Jeder liebte sie, ob groß oder klein, und sie schaffte es sogar, mein verbittertes Herz aufzuweichen. Doch seit Lukes Angriff zieht sie sich mehr und mehr zurück. Es liegt nicht daran, dass die anderen ihr offen vorwerfen, Schuld an allem zu sein: Das tut sie von alleine. Und egal, was ich auch sage, daran lässt sich nichts ändern.
Mein Kiefer spannt sich an, ich mahle mit den Zähnen, weil mich dieses Thema so wütend macht. Gott sei Dank geht ihr Rückzug nicht so weit, dass sie sich von mir distanziert. Sie sieht uns als Verbündete, nach wie vor. Als Partner. Und ich gebe alles darum, dass sich nichts daran ändert. Auch wenn es bedeutet, dass ich sie heute mitnehmen muss. Mir missfällt der Gedanke, dass sie die Sicherheit der Siedlung verlässt. Ich kann nicht aus meiner Haut, ich mochte es noch nie, wenn sie sich in potentielle Gefahr begab. Wenigstens bin ich nun dabei und kann ein Auge auf sie werfen. Ich schlage also zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie kommt raus, was jene seltenen Momente der Entspannung in ihr auslöst, und gleichzeitig kann ich kontrollieren, dass ihr nichts geschieht.
Mag sein, dass ich wie ein Kontrollfreak rüberkomme. Aber ich würde es einfach nicht ertragen, wenn ihr etwas geschähe. Solange ich das verhindern kann, werde ich es tun. Auch wenn es bedeutet, dass ich Kugeln für sie einfange, mich vor plündernde Reisende schmeiße oder ihre Kämpfe für sie ausfechte.
Letzteres darf sie natürlich nicht mitbekommen, denn sonst wird sie wütend. Kleiner, eigensinniger Dickkopf.
Ich lasse meinen Blick über die kleine Gruppe schweifen. Ben begleitet uns, so wie immer. Dann ist da noch Lennard, der uns damals hierherführte, und auch Lewis wird mitkommen. Er gehört zu Tatjanas Leuten, doch er und Lennard haben sich angefreundet, und er verbringt mehr und mehr Zeit bei uns.
Ich weiß, diese Art der Gedanken ist falsch. Ich betrachte uns immer noch in diesen Kategorien: die und wir. Dabei sind wir eine Gemeinschaft. Tatjana hat keinen Zweifel daran gelassen, und auch der Großteil der Leute hat uns mit offenen Armen und ohne Widerspruch aufgenommen. Einige wenige von ihnen üben sich in Zurückhaltung - und selbst das kann ich ihnen nicht vorwerfen. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn eine größere, bewaffnete Gruppe auf einmal zu uns stieße.
»Sollen wir?«, fragt Ben. Er klingt eine Spur ungeduldiger. Merkwürdigerweise freue ich mich über diese Gefühlsregung.
»Klar«, erwidere ich mit mehr Energie, als ich gerade empfinde. Dann geht ein Ruck durch die Gruppe.
Esther marschiert vor, dicht gefolgt von Lewis und Lennard. Ben wartet, bis ich mich in Bewegung setze, dann passt er sich meinen Schritten an. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, dass er nun derjenige ist, der auf mich und auf meine Zeichen wartet, nicht umgekehrt. Er, der Ex-Soldat, der immer eine Antwort auf alles parat hatte, ist zu einem Schatten seiner selbst geworden.
Und ich kann es ihm nicht verdenken.
»Wie macht sie sich?«, murmelt er mir leise zu.
Ich seufze auf. Sofort heftet sich mein Blick wieder auf Esthers Rücken. Sie zieht den Riegel vor der kleinen Tür fort, die sich neben dem großen Tor befindet. Ed, Lewis‘ Vater, steht daneben und mustert sie mit ausdrucksloser Miene. Er hat Wachdienst, was unschwer an dem Maschinengewehr zu erkennen ist, das er auf seinem Rücken trägt. Er hat seinen Posten auf dem Turm verlassen, um die Tür hinter uns zu schließen. Auch wenn er jetzt fast schon furchteinflößend wirkt: Ich weiß, dass er ein guter Mann ist. Und er hat auch kein Problem damit, dass Lewis mit uns abhängt. Er war der Erste, auf den wir trafen, als wir herkamen. Er vertraut uns. Aber Sicherheit ist ihm einfach noch wichtiger.
»Ed.« Ich nicke ihm zu, als ich durch die Tür schlüpfe.
»Viel Erfolg, Nick.«
»Danke.« Im Geiste notiere ich mir, nach etwas für ihn Ausschau zu halten. Was auch immer. Wenn ich es sehe, wird es mir schon ins Auge springen.
Wie immer, sobald ich die hohen Mauern verlasse, atme ich tief und befreiend durch. Es ist merkwürdig. Die Mauern schützen uns vor den unkalkulierbaren Gefahren der Neuen Welt - und die bestehen im Großen und Ganzen aus plündernden Gruppen wie wir. Der bedeutende Unterschied zwischen uns und anderen ist jedoch die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, um das zu bekommen, was man will. Ich habe genug gesehen, um zu wissen, dass es noch einige Überlebende gibt, die bereit sind, für den eigenen Vorteil zu töten. Die hohen Mauern, die Wachposten mit schweren Waffen - all das dient unserem Schutz. Und doch fühle ich mich mitunter gefangen. Die Luft hier draußen ist nicht anders als zwischen den Häusern, aber sie fühlt sich süßer an, weicher. Ich weiß, dass es Esther genauso geht. Ich sehe es daran, wie sie dort steht, im Schatten einer großen Tanne, und mit geschlossenen Augen tief einatmet. Ein selten gewordener Ausdruck des Friedens breitet sich in ihren Zügen aus. Kurz nur, aber ich sehe ihn. Der Grund, warum ich sie unter kontrollierten Bedingungen mitnehme.
Wir machen uns auf den Weg.
Touren wie diese hier haben natürlich nur einen einzigen Zweck. Es geht darum, aufzustocken. Egal ob Kleidung oder Nahrungsmittel, Baumaterial oder Bücher. Wenn wir losziehen, dann, weil wir etwas beschaffen wollen. Während wir regelmäßig größere gemeinsame Touren machen und dann die Beute im Lagerhaus sammeln, wo sie jedem zur Verfügung gestellt wird, steht es uns frei, eigenständig loszuziehen. Was auch immer wir heute finden, es gehört uns. Wenn wir teilen wollen, können wir das tun, aber niemand wird es von uns verlangen, und das ist gut so.
Ein paar Kilometer westlich von uns liegen mehrere Dörfer. Natürlich waren wir schon einige Male dort, sogar mit einem Lieferwagen, der zur Neuen Hoffnung gehört, aber ich weiß, dass es dort nach wie vor genug zu finden gibt. Heute machen wir nur eine kleine Tour. Keine Übernachtung. Ich kann nicht einmal sagen, wonach wir primär schauen. Abgesehen von einigen Konserven habe ich noch keine große Vorstellung, wie wir unsere Rucksäcke füllen werden. Eigentlich ein dummes Risiko, wenn man bedenkt, dass uns jederzeit feindliche Gruppen überraschen könnten, aber wir brauchen das jetzt. Esther und Lennard mehr noch als Ben und ich.
»Sie sieht entspannt aus.«
Es ist Ben, der an unser vorheriges Gespräch anknüpft. Seine Stimme ist hohl, doch ich höre den Hauch von Zuneigung in ihr. Es ist merkwürdig. Ausgerechnet Ben und Lennard, die am meisten Grund dafür hätten, uns zu hassen, sind uns nach wie vor am nächsten. Esther versteht es nicht, ich im Grunde auch nicht, doch während ich es nicht in Frage stelle, fühlt sie sich in ihrer Nähe nicht wohl. Es ist erstaunlich, dass sie so entspannt wirkt, obwohl wir von zwei der Männer begleitet werden, denen gegenüber Esthers Schuldgefühle übermächtig sind.
»Ja«, antworte ich mit gepresster Stimme. »Endlich einmal.«
»Sie ist immer noch recht zurückgezogen. Greta macht sich Sorgen. Und Marie.«
Meine Miene wird grimmig. »Ich bin froh, dass sie sich nicht auch von mir abschottet. Mehr kann ich gerade nicht tun.«
»Ich weiß.«
Wir hängen eine Weile unseren eigenen Gedanken nach. Um nicht vollends in mieser Laune zu versinken, konzentriere ich mich auf meine Schritte. Wir durchqueren eine Heide. Der Boden ist noch feucht vom Regen der letzten Tage, und das leise Quietschen der matschigen Erde ist irgendwie beruhigend. Dann spüre ich plötzlich Bens Hand auf meiner Schulter. Mein Herz verkrampft sich bei dieser väterlichen Geste.
»Es wird gut werden, mein Junge. Sie braucht Zeit.«
So wie du, schießt es mir durch den Kopf, doch ich spreche es nicht laut aus. Esther ist nicht die Einzige, die sich abschottet. Doch bei Ben geschieht es subtiler. Er ist in Rente gegangen, sozusagen, und die Gefühle haben sich aus seinen Augen zurückgezogen. Einzig in Momenten wie diesem spüre ich, dass er noch irgendwo dort drin ist, in seiner müden, niedergeschlagenen Hülle. Ich nicke ihm zu, weil es das Einzige ist, wozu ich nun fähig bin. »Ich hoffe, du hast recht.«
Er antwortet mit Schweigen.
Das Dorf wirkt leergefegt. Natürlich können wir uns nicht darauf verlassen, denn theoretisch könnte sich in jeder Ecke jemand versteckt haben, aber ich spüre es: Wir sind alleine. Dennoch sichern wir jedes Haus, ehe wir es betreten, und wir haben unsere Waffen stets im Anschlag. Selbst Esther, auch wenn mich dieser Anblick seltsam nervös macht.
Schon komisch, man sollte meinen, dass es besser geworden ist, jetzt, da wir uns in der neuen Siedlung befinden. Sie ist groß und abgesichert und bietet uns den größtmöglichen Komfort, den man sich in der heutigen Zeit noch wünschen kann ... aber das spielt natürlich keine Rolle, wenn wir draußen sind. Es spielt gar keine Rolle. Es ist, als wenn mein Drang, sie zu schützen, mit jedem Vorstoß von Luke stärker geworden wäre. Dummerweise kann ich sie nicht einsperren. Selbst ein Mädchen mit weniger Stolz als Esther würde es nicht zulassen.
Ich knirsche mit den Zähnen, als ich sehe, wie sie flink in eines der niedrigen Ziegelhäuser eindringt, Ben auf den Fersen.
»Sauber!«
Ich folge ihr. Wie immer.
Das Haus ist ziemlich leer. Natürlich. Mit geübtem Blick scanne ich die Räume. Ich höre, wie Lennard und Lewis diskutieren. Offenbar geht es um eine alte Spielekonsole, die uns in der heutigen Zeit ziemlich wenig nützt. Es hält sie nicht davon ab, darüber zu sprechen, wie hoch ihre Rekorde in bestimmten Spielen waren. Ich kann nicht verhindern, dass meine Brust sich zusammenzieht. Auch ich kann mich an einige Abende auf der Couch erinnern, mit Kumpels und Bier und einem Joint ... aber das ist lange her. Viel zu lange. Nicht mehr von Belang.
Ben wühlt durch die Schubladen. Er sieht wenig motiviert aus, bis er plötzlich in einem Küchenschrank, ziemlich weit hinten versteckt, eine Flasche Whiskey entdeckt. Sofort hellt sich seine Miene merklich auf. Er begleitet uns, weil ich ihn darum gebeten habe. Wegen Esther. Nun hat er wenigstens eine Entschädigung für den Aufwand gefunden. Ich beobachte, wie er die Flasche stumm in seinen Rucksack steckt und ahne schon jetzt, dass er sie nicht teilen wird.
Das ist okay.
Ich weiß, dass er viel mehr trinkt als ... vorher. Mir scheint, er versucht das Loch, das Karla gerissen hat, auf die Weise zu füllen. Vielleicht dämpft er damit auch nur den Schmerz. Ich kann mir nicht ausmalen, wie es ihm geht. Der Gedanke ist unerträglich. Schon jetzt bereitet mir die Vorstellung, Esther zu verlieren, körperliche Schmerzen. Wie muss es ihm gehen, nach all den langen Jahren?
Ich wende mich ab, mit zusammengekniffenen Augen und einem Brennen in der Brust, das ich nicht näher hinterfragen will.
Auf der Suche nach Esther passiere ich das Wohnzimmer, in dem Lennard und Lewis immer noch diskutieren. Nur vage nehme ich das Chaos auf. Irgendjemand hat die Sofakissen aufgeschlitzt. Ich bin mir sicher, dass es niemand von uns war, so schätze ich die Neue Hoffnung nicht ein. Ein neuerlicher Hinweis darauf, dass wir vorsichtig sein müssen. Hier kann sich jederzeit jemand herumtreiben, der es nicht so gut meint wie wir.
»Esther?«
»Ich bin hier.«
Ihre Stimme ist leise - und bedrückt. Sofort lege ich einen Zahn zu und finde sie in einem Zimmer zu meiner Rechten. Ich zucke zurück, als ich die Einrichtung in mich aufnehme, und weiß sofort, was sie belastet.
Esther steht mitten im Raum. Ihre Hand liegt auf dem Gitter des Babybetts, das unter einem zugestaubten Baldachin steht, und ihre Miene ist zerrissen.
»Hey.« Ich trete zu ihr. Erleichtert stelle ich fest, dass sie sich von mir in den Arm nehmen lässt. Es ist noch nicht allzu lange her, dass sie sich nicht hatte trösten lassen wollen, nicht so, und ich bin dankbar, dass wir diese Phase hinter uns haben. Meine Lippen streifen sanft über ihre Schläfe.
»Hey«, erwidert sie leise. Traurig. Ich hasse die Trauer in ihrer Stimme.
Zögerlich folge ich ihrem Blick, sehe die dunklen Flecken im Bettzeug und atme scharf ein. Keine Frage. Die Flüssigkeit, die in das Bettchen gesickert ist, stammt höchstwahrscheinlich von dem kleinen Baby, das hier einst lebte. Keine Überreste, nur die dunklen, stockigen Flecken. Der Anblick ist grauenhaft. Ich ziehe Esthers Gesicht an meine Brust, weil ich nicht will, dass sie länger dorthin starrt. Ich kenne sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, wie sehr ihre Gedanken nun rasen.
Verflucht, sie nimmt sich alles immer so sehr zu Herzen.
»Komm«, murmle ich und ziehe sie fort. Fort aus dem Zimmer, fort aus dem Haus. Ich weiß, sie wird nichts mitnehmen wollen. Nichts, was sie an die eigentlichen Besitzer erinnern würde. »Zeit, ins nächste zu gehen.«
Ihre Energie ist verpufft. Ich muss nicht eins und eins zusammenzählen, um das zu wissen. In letzter Zeit braucht es nicht allzu viel, um sie in diesen Zustand zu versetzen, und ich kann nicht abstreiten, dass es mir Sorgen bereitet. Früher nannte man so etwas Depression. Früher, als es Diagnosen und Ärzte und Behandlungen gab. Heute ist es gefährlich. Ich beschließe, dass wir unseren Ausflug bald beenden werden. Ein Haus noch. Vielleicht findet sich dort etwas Nützliches, dann kehren wir um. Es hat keinen Sinn, sich herumzutreiben, wenn die eigentliche Freiheit zu einem Gefängnis wird.
Ein unerbittlicher Sturm rüttelt am Haus und hält die meisten von uns in ihren sicheren vier Wänden. Schon seit Stunden hocke ich im Erdgeschoss und versuche, die Unruhe zu bekämpfen, die tief in meiner Magengrube wütet - ohne Erfolg. Obwohl es hier geräumig ist, fühle ich mich getrieben, gehetzt. Selbst die Bücher haben es nicht geschafft, mich abzulenken. Keines konnte mich mehr als ein paar Seiten fesseln, ehe ich abschweifte. Eine absolute Premiere für mich - und irgendwie bezeichnend für die Situation. Also wandere ich weiter. Vom Regal zum Esstisch, wo ein Deck Karten darauf wartet, genutzt zu werden, dann zur offenen Küche, wo ein Gaskocher steht, bereit, unser Abendessen zu erwärmen, und dann zurück zur Couch, wo ich mit einem tiefen Seufzen in die Kissen sinke. Toll. Ich habe es geschafft, erneut ein paar Minuten totzuschlagen, doch geändert hat sich immer noch nichts. Weder an der Situation, noch an der Einsamkeit oder gar an meiner Laune.
Ich kann es nicht verhindern, meine Gedanken wandern zu den kleinen Holzverschlägen, in denen wir einst gehaust haben. Viel kleiner als hier, wesentlich unkomfortabler.
Zuhause.
Merkwürdig. Ich habe nur wenige Monate dort verbracht, nichts im Vergleich zu der Zeitspanne, in der die Welt sich bereits verändert hat, und doch denke ich nur an die Holzverschläge, betrachte sie als das, was man am ehesten ein Zuhause nennen kann.
Sie hätten diesem Wetter nicht viel entgegenzusetzen. Nur zu gut kann ich mich daran erinnern, wie viele verregnete Tage und Nächte ich in meiner Hütte verbracht habe. Sie hielt mich trocken, doch allzu scharfer Wind konnte ungehindert durch die Ritzen dringen, und kalt wurde es auch schnell. Zahlreiche Stunden habe ich zugesehen, wie die Stoffbahnen, die ich als Vorhänge angebracht hatte, im Wind flatterten.
Drinnen, wohlgemerkt.
Ob sie noch stehen? Ob sie den langen Frost überstanden haben? Das Phänomen zerfallener Gebäude ist bekannt. Erst, wenn sie nicht mehr bewohnt sind, geben sie sich dem Zahn der Zeit hin, als würden sie kapitulieren, weil sie verlassen wurden. Als wären es die Menschen, die sie vor dem Verfall hinderten, ihre Anwesenheit und Wärme.
Ein verrückter, dummer Gedanke, ich weiß.
So jedenfalls stelle ich mir unser altes Lager vor. Zerstört, weil wir es zurückgelassen haben. Baufällige Hütten, aneinandergereiht wie das faulige Grinsen eines alten Mannes. Eingedrückte Wälle, die längst keine Feinde mehr abhalten können. Und das Haupthaus ... zerfallen wie ein madiger, alter, verwesender Körper. Schwarzfleckig da, wo das Feuer des Molotowcocktails züngelte. Mittendrin die Leichen jener Männer, die uns an jenem kalten, verdammten Tag angriffen ... wegen Nick und mir.
Nur wegen uns.
Ich zucke zusammen, weil meine Fantasie schon wieder so einen schrecklichen Weg eingeschlagen hat. Mit zusammengepressten Lippen springe ich auf, richte meinen Blick zum Fenster. Der Regen klatscht mit großen Tropfen dagegen, als müsse er mich daran erinnern, dass dort draußen ein unwirtliches Chaos herrscht. Ich versuche, etwas zu erkennen, doch mehr als ein paar graue Schlieren sind nicht auszumachen. Seufzend stoße ich mich von der Fensterbank ab und beginne, erneut durch den Wohnraum zu tigern. Nick ist immer noch nicht zurück, und das passt mir gar nicht. Heute Vormittag hat Tatjana um eine spontane Besprechung gebeten. Nick ist dort, Ben, Frederick. Und natürlich all die anderen aus der Siedlung, die sich regelmäßig treffen, um was auch immer zu beratschlagen. Ich richte meinen Blick zur Zimmerdecke, so als würde ich dadurch ausmachen, ob sich Greta noch immer in ihrem Zimmer befindet. Mit ihr und den Männern teilen wir uns die Räumlichkeiten, die anderen wurden auf drei weitere Häuser verteilt.
Als wir hier ankamen, scharten wir uns zunächst alle in einem Haus zusammen, doch das war natürlich nicht gerade komfortabel. Die Hütten hier sind längst nicht so groß wie die Bauernhäuser, die uns über den Winter retteten. Streit und angespannte Nerven waren also vorprogrammiert. Ständig liefen wir einander über den Weg, es gab keine Privatsphäre und keine Ruhe. Mittlerweile haben wir Vertrauen gefasst - weitestgehend. Ich weiß, dass die meisten entspannter sind. Entspannt genug, damit wir uns aufteilen können. Man kann uns vieles vorwerfen, aber nicht, dass wir zu misstrauisch sind. Ein paar Wochen Vorsicht, dann fielen die Mauern. Es brauchte nicht viel mehr als einen andauernden Frieden mit den anderen, Freundlichkeit, Nahrung für uns alle. Ein bisschen leichtsinnig, aber so ist das nun einmal. Der Mensch versucht, sich bestmöglich zu arrangieren, und wenn nach all dem Drama plötzlich ein sicherer Hafen auftaucht, braucht es nicht allzu viel Überzeugungskraft.
Okay, vermutlich bin ich die große Ausnahme.
Ich traue dem Braten nicht, noch nicht. Vielleicht nie. Ich habe schon zu viel gesehen, um daran glauben zu können, dass hier alles gut gehen wird. Dabei ist das eigentlich ziemlich unfair, wenn man bedenkt, mit wie viel Vertrauen Tatjana und ihre Gefolgschaft uns in ihre Mitte gelassen haben. Wir sind zahlenmäßig unterlegen, doch viele der Anwohner hier sind keine Kämpfer. Wir hätten für Unruhe sorgen können, wenn wir das wirklich gewollt hätten - und das wissen die anderen. Dennoch lächelten sie uns vom ersten Tag an freundlich zu. Und jetzt sind wir irgendwie verschmolzen. Die sind verschmolzen. Ich fühle mich nach wie vor wie ein Fremdkörper. Dummerweise scheine ich da jedoch die einzige zu sein, denn selbst mein Verbündeter lässt sich nur allzu begierig auf die anderen ein.
Ich kann ja nicht einmal behaupten, dass es mich nicht stört, wie sehr sich Nick einbringt. Ich versuche, mir immer wieder einzureden, dass es nicht verkehrt ist, einen Maulwurf ganz oben zu haben. Doch wenn er stundenlang weg ist, so wie heute, dann drängt sich mir der Gedanke auf, dass dort Dinge geschehen könnten, die in keine gute Richtung gehen - und ich habe keinen Einfluss. Nicht den geringsten. Was auch immer sie hinter den hohen Holztüren von Tatjanas Bude besprechen, es muss wichtig sein, denn sonst würden sie uns nicht ausschließen. Ich kann nur hoffen, dass Nick mir wie immer berichtet, worum es ging. Ich muss an meinem Vertrauen arbeiten, oder genauer gesagt: an meinem Misstrauen. Ich muss mich darauf verlassen, dass mein Partner offen zu mir ist.
Gott, diese drückende Stille macht mich wahnsinnig!
Es dämmert bereits, als ich Geräusche an der Haustür höre. Nicht, dass es lichttechnisch einen großen Unterschied macht - der Sturm ist noch immer nicht abgeflaut. Ich kuschle mich tiefer in die Wolldecke, beobachte aber die Tür wachsam und umfasse mein Messer fester. Es befindet sich immer an meinem Gürtel. Auch wenn ich mir eigentlich sicher bin, dass keine Gefahr droht - man weiß nie.
Dann höre ich Gelächter, bekanntes Gelächter. Nick, Frederick. Ein Brummen, das von Ben stammt. Offenbar sind sie allerbester Laune, und ich entspanne mich ein wenig, starre nur noch düster zur Tür. Die Erleichterung, dass sie endlich zurückkehren, wechselt sich in einem atemberaubend schnellen Rhythmus mit dem Unwillen ab, so lange alleine gewesen zu sein. Als die Tür schließlich aufschwingt, habe ich mich so weit unter Kontrolle, dass ich es sogar zu einem leichten Lächeln schaffe - Gott sei Dank, denn der Moment, als Nicks Blick mich trifft, durchfährt mein Mark und Bein. Insbesondere, als ich sehe, wie sich sein Lächeln vergrößert.
»Hey.«
Er kommt auf direktem Wege zu mir. Regentropfen glitzern in seinem Haar, das schon wieder ziemlich lang geworden ist. Seine Miene wirkt entspannt, offenbar ging es bei diesem ach so wichtigen Treffen also um nichts Kritisches.
»Hey«, erwidere ich leise und richte mich etwas auf. Ich fühle mich wie eine Raupe, so fest habe ich die Decke um mich gewickelt, und mit unwirschen Bewegungen schüttle ich sie etwas ab.
Nicks Grinsen wird breiter. »Na, hast du dich ein bisschen entspannt?«
Das ist der Zeitpunkt, wo ich ihn anfauchen und ihm unter die Nase reiben könnte, dass ich mich verdammt nochmal gelangweilt habe, aber ich schlucke den Kommentar mühsam runter. Stattdessen zucke ich nur mit der Schulter. »Ihr wart lange weg.«
Sein Blick verändert sich, ich sehe etwas in seinen Augen aufblitzen, doch es verschwindet genauso schnell wieder. »Ja, das stimmt. Aber wir haben auch eine ganze Menge erfahren.«
Plötzlich fällt Ben auf den Sessel mir gegenüber. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Frederick die Stufen in den ersten Stock erklimmt. Bestimmt will er zu Greta.
Ich atme tief durch. »Hallo Ben. Na, habt ihr etwas Spannendes erfahren?«
Er lächelt. Es ist nichts im Vergleich zu früher, doch seine Miene hellt sich auf. Ganz kurz, so als hätte jemand eine Taschenlampe an- und sofort wieder ausgeknipst. Für einen winzigen Moment sind die Falten verschwunden, die sich tief um seine Mundwinkel eingegraben haben. Dann wird seine Miene wieder ausdruckslos und ich weiß genau, welch schmerzliche Erinnerung sich in seinem Unterbewusstsein ausbreitet. Der grausame Verlust seiner Partnerin ist noch immer sein ständiger Begleiter. Wird es vermutlich auch immer sein.
»Kann man wohl sagen«, brummt er leise. Dann reibt er über seine klamme Jeans. Das schabende Geräusch jagt eine Gänsehaut über meinen Körper.
»Erzähl«, fordere ich sowohl ihn als auch Nick auf. Die Decke fällt in meinem Schoß zusammen, als ich mich vollends aufrichte.
Nick legt seine Hand auf mein Knie. »Ich glaube, dass Tatjana und ihre Leute nun auch ihre letzten Hemmungen verloren haben. Sie haben uns in etwas ... Großes eingeweiht. Etwas, womit wir nicht gerechnet haben.«
Meine Augen huschen zwischen den beiden Männern hin und her. Ich fühle mich verwirrt und auch ein bisschen verunsichert. »Wovon redest du?«
Als ich sehe, wie die beiden sich einen bedeutungsschweren Blick zuwerfen, spüre ich diese neue, ungewohnte Hitze in meiner Brust, die meine Wut ankündigt, doch ehe ich platzen kann, redet Nick weiter.
»Wir haben uns bereits gefragt, wie sie es schaffen, die Vorräte so aufgefüllt zu lassen. Nun ... Tatjana hat uns heute von einem Netzwerk erzählt.«
»Einem ... Netzwerk?« Die Worte ergeben keinen Sinn, obwohl sie eigentlich mehr als klar sind. Ich starre meinen Freund mit offenem Mund an, sehe sicherlich genauso verwirrt aus, wie ich mich fühle. »Wie meinst du das?«
Nick lächelt mich nachsichtig an. »Handel, Esther. Auch die Neue Hoffnung ist nicht die einzige Siedlung weit und breit. Es gibt noch einige andere Gruppen wie diese hier, und zwischen ihnen und uns bestehen Handelsverbindungen. Frieden. Wir sind weitaus mehr, als wir gedacht haben. Verstehst du, was das bedeutet? Vielleicht können wir schon bald eine Gruppe zusammenstellen, die mit uns zu den großen Städten geht. Esther ... das hier ist eine riesige Chance!«
Ich beobachte das Haus. Die Fenster im Erdgeschoss sind erleuchtet, undeutliche Schemen bewegen sich durch das große Wohnzimmer, bis sie außer Sichtweite verschwinden. Auch im ersten Stock sehe ich Bewegungen im Kerzenschimmer, das erste Mal seit einigen Stunden. Es kommt Leben in die Bude. Auch wenn ich im Erdgeschoss immer wieder sehen konnte, wie jemand ans Fenster trat - die blonde, junge Frau unter ihnen - schien es doch stundenlang irgendwie verlassen. Nun, da die Männer vor einer Weile im Haus verschwunden sind, ist wieder alles in Ordnung. Ich schätze, dass sie heute nicht mehr vor die Tür gehen werden. Kein Wunder bei diesem miesen Wetter. Niemand ist auf den Straßen unterwegs, alle hängen sie zusammen herum. Auch ich könnte das tun. Könnte nach unten gehen und mich den anderen anschließen, ein bisschen quatschen und lachen, Spiele spielen oder so. Stattdessen hänge ich an meiner Fensterscheibe und glotze zu den gegenüberliegenden Häusern, als hätte ich nichts Besseres zu tun.
Ich kann nicht einmal erklären, warum ich das tue.
Die Neuen faszinieren mich, seit sie sich uns vor ein paar Wochen angeschlossen haben. Als sie die gegenüberliegenden Häuser zugeteilt bekamen, war ich erst eingeschüchtert. Ihre düsteren Blicke, die Art und Weise, wie sie gehetzt von Tür zu Tür huschten. Sie machten mir Angst - und sie lösten Erinnerungen in mir aus. Erinnerungen an mich selbst. Es war, als würden sie spiegeln, wie ich vor wenigen Monaten noch ausgesehen hatte. Nein, ich bin nicht von Anfang an Teil der Siedlung. Auch ich kam später dazu. Auch ich wurde mit offenen Armen begrüßt. Aber ... da ist ein Graben zwischen mir und der Familie, die mich aufgenommen hat. Merkwürdigerweise fühle ich mich den Neuen mehr zugehörig als allen anderen hier in der Siedlung. Vor allem mit der blonden Frau identifiziere ich mich - mehr als ich es eigentlich sollte. Sie dürfte etwa in meinem Alter sein, vielleicht ein paar Jährchen drauf, und etwas an ihr ... zieht mich einfach an. Nicht im sexuellen Sinne, um das klarzustellen, nicht ... krankhaft. Ich wünschte mir nur einfach, mit ihr reden zu können. Sie wirkt oft so nachdenklich. Verletzlich. Gerüchteweise habe ich erfahren, dass die Gruppe viel durchgemacht hat und einige Verluste erleben musste, ehe sie ankam. Die Blonde sieht aus, als hätte sie besonders tief in die Scheiße gegriffen, und ein Teil von mir will hinrennen und sie danach fragen, ihr vielleicht sogar helfen. Vergleichen, ob unsere Erfahrungen sich ähneln. Doch der größte Teil von mir regt sich nicht. Bleibt hinter dem Fenster im Obergeschoss, genau gegenüber, versteckt sich hinter dicken Vorhängen und spielt die verschiedenen möglichen Szenarien durch, als würde das Leben davon abhängen. Tagelang. Als hätte ich vollends den Verstand verloren.
Verrückt. Zwanghaft.
So kenne ich mich gar nicht.
Die Blonde heißt Esther. Ich habe gehört, wie ihr Freund sie gerufen hat. Nick. Ein heißer Kerl, der immer ziemlich nachdenklich dreinblickt, doch seine Miene wird weich, wenn er sie anschaut. Sehnsucht erfüllt mich bei so viel Liebe und Zuneigung, denn die fehlt mir am meisten. Ich habe alle verloren. Familie, Freunde, Anschluss. Und auch wenn ich, so unwahrscheinlich es auch war, hierhergefunden habe: Die Art von Zuneigung und Zusammenhalt, wie sie die Neuen untereinander empfinden, kenne ich nicht. Noch nicht. Vielleicht auch nie wieder.
Die neue Welt produziert wesentlich mehr Verlierer als Gewinner.
Ich seufze auf. Mit einem Ruck reiße ich mich von der Fensterscheibe los und hinterlasse nichts als einen raschelnden Vorhang und einen kleinen Kondenskreis, wo eben noch mein Atem das Glas getroffen hat. Mir ist mehr als deutlich bewusst, wie krank mein Verhalten eigentlich ist. Anstatt mich mit dem zufrieden zu geben, was ich habe, kapsle ich mich weiter ab. Ich sollte die Vergangenheit hinter mir lassen, in all ihrem schrecklichen Ausmaß, und mich über den neuen Status Quo freuen. Anstatt mich hinter Vorhängen zu verstecken und wie ein kranker Stalker jede Veränderung draußen aufzusaugen, sollte ich einfach den ersten Schritt machen und rübergehen. Vielleicht ...
»Cho, da bist du ja. Hast du etwas geschlafen?«
Ich wirble erschrocken herum und starre Amy an, die lautlos hinter mir im Türrahmen erschienen ist. Sie ist so etwas wie die Mutter des Hauses, kümmert sich um alle. Selbst jetzt, in der Dämmerung, trägt sie noch immer ihre verdammte Schürze, als würde sie jederzeit für potentielle Gäste ein Festmahl bereiten wollen, doch ihre Züge sind gütig und sie hat mir nie das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören. Egal, wie seltsam ich mich auch verhalte. »Ja«, erwidere ich leise, weil es die einfachste Antwort ist. Ich fühle nur einen schwachen Stich, weil ich sie belüge. »Jetzt bin ich wieder fit.«
»Und du hast bestimmt Hunger.« Sie macht nicht den Eindruck, als hätte sie mich durchschaut. »Ich habe vorhin etwas vorbereitet. Wir haben schon gegessen, aber es ist noch ausreichend für dich da. Es dürfte sogar noch warm sein.«
Ich ignoriere das schlechte Gewissen in ihrer Stimme, während ich ihr nach unten folge. Ich weiß, dass sie es nun bereut, nicht auf mich gewartet zu haben, doch das Thema hatten wir schon oft genug. Ich schaffe es noch nicht, mich ganz auf diesen Rhythmus einzulassen. Ich brauche Freiraum - und die meiste Zeit bekomme ich den auch. Flüchtig streift mein Blick über meine anderen Mitbewohner. Amys Mann Pierre und zwei Mädchen, die auf den ersten Blick ihre Kinder sein könnten, aber stattdessen aus der Nachbarschaft stammen. Einzige Überlebende ganzer Familien, die bei dem glücklichen Pärchen Anschluss gefunden haben. Und nein, Amy und Pierre waren nicht vor dem Ausbruch schon ein Paar. Auch sie haben Menschen verloren und dann einander getröstet. Ich müsste mich wesentlich wohler fühlen.
Mit einem schwachen Lächeln ziehe ich mich in die angrenzende Küche zurück, froh, für mich zu sein. Der Anblick der Familie, die am Tisch sitzt und Karten spielt, ist fast zu viel für mich. Schwer atmend greife ich mir ein paar Scheiben des frisch gebackenen Brotes und eine Schale Gemüseeintopf.
Stumm ziehe ich mich in die Sitzecke in der Küche zurück, um mein Abendbrot in Ruhe einzunehmen.
Andere Gruppen. Handel. Eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten. Plötzlich tut sich eine ganz neue Welt vor uns auf - eine Welt, die ich noch nicht wirklich begreifen kann. An diese Vorstellung muss ich mich erst noch gewöhnen. Schon seit gestern Abend kreisen die Gedanken unaufhörlich durch meinen Kopf, sobald ich zur Ruhe komme, und zeichnen Bilder, die mir nicht immer gefallen. Lange genug habe ich den Berichten von Nick und Ben gelauscht, später kamen sogar Frederick und Greta hinzu. Wir aßen gemeinsam zu Abend, die Männer hatten Fleisch und Gemüse mitgebracht, und sie alle fantasierten und spekulierten wie verrückt.
Ich hielt größtenteils den Mund.
Mehr als deutlich wird mir bewusst, wie vorsichtig ich geworden bin. Wie misstrauisch. Eigentlich ist das alles, was ich je wollte: Anschluss. Menschen. Viele Menschen. Ein Zurückkehren zur Normalität, soweit es eben geht. Hier wird mir diese Möglichkeit auf dem Silbertablett präsentiert, doch statt Freude tost Unsicherheit durch meine Magengrube. Angst. Vorsicht. Ich schätze, ich bin ein gebranntes Kind. Zu viel ist in den letzten Monaten passiert, Dinge, die mich und meine innere Grundhaltung erschüttert haben. Jedenfalls teile ich die Aufregung nicht. Je lauter die anderen am vergangenen Abend über die Möglichkeiten diskutiert haben, desto leiser war es in mir geworden. Ich habe schon genug Schwierigkeiten damit, mich mit der neuen Situation hier in der Siedlung anzufreunden. Wie soll ich da fassen und verarbeiten, dass dort draußen noch viel mehr davon sind? Gute Menschen, die Handel betreiben? Die tatsächlich versuchen, so etwas wie ein Netzwerk aufzubauen? Eine Infrastruktur? Die an ein Leben anknüpfen, wie es einst war? Vielleicht nicht wie vor wenigen Jahren, aber doch vor wenigen Jahrhunderten? Können wir etwa einfach von vorne beginnen?
Die Männer glauben daran.
Stumm folge ich Nick durch den trüben Morgen. Meine Füße platschen in die großen Pfützen, die der Sturm hinterlassen hat. Gott sei Dank ist das auch so ziemlich alles. Einen Baum hat es umgerissen, aber da der am Rand der Siedlung stand und günstig gefallen ist, hat er weder die hohen Mauern noch eines der Häuser beschädigt. Mehr Feuerholz für die, die einen Ofen im Haus haben oder für eine kommende Backaktion. Ich glaube jedenfalls nicht, dass der Baum lange hier liegen wird. Die Sonne lugt hinter dicken, bauschigen Wolken hervor, vertreibt die Feuchte in der Luft und trocknet die Wege. Es scheint ein guter Tag zu werden, wesentlich besser als gestern. Die Straßen sind wieder belebt, Menschen laufen plaudernd durch die Gegend, besuchen einander, nehmen ihr Alltagsgeschäft auf. Das Geschrei spielender Kinder dringt an meine Ohren und regt einen schmerzlichen Impuls in meiner Brust. Meine Schritte werden unwillkürlich langsamer, was Nick natürlich sofort bemerkt. Er dreht sich zu mir um und mustert mich mit fragendem Blick. »Alles okay, Esther?«
Ich nicke ihm flüchtig zu. »Klar.« Ich atme tief durch, dann setze ich mich wieder in Bewegung, weil ich nicht darüber reden will, was mich gerade entzweit. Nicht hier. Nicht jetzt. Mit großen Schritten überhole ich meinen Freund, weiche ihm aus, und mit wenigen Sekunden Verzögerung höre ich, dass er mir schließlich wieder folgt. Ich spüre seine Blicke brennend in meinem Nacken. Mit Sicherheit fragt er sich jetzt, was nicht stimmt, und ganz sicher werden wir uns deshalb sehr bald unterhalten. Zeit genug werden wir vermutlich haben, sobald wir erst einmal an unserem Ziel angekommen sind.
Wasser spritzt auf, als ich einer Pfütze zu spät ausweiche und mitten hineintrete. Ich verkneife mir den Fluch, der auf meinen Lippen liegt, und ignoriere das kalte Wasser, das durch meine Schuhe sickert und die Socken durchweicht.
