Visit beautiful Vietnam - Walter Schenker - E-Book

Visit beautiful Vietnam E-Book

Walter Schenker

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Beschreibung

1968 hing ein Poster mit den Worten "Visit beautiful Vietnam" an der Wand der Wohnung vom jungen Walter Schenker. Fast genau ein halbes Jahrhundert später machte er den Traum wahr und reiste nach Vietnam. Der Beitrag des 1943 in Solothurn geborenen Schriftstellers zum Jahr 1968 waren seine Solothurner Geschichten, die ihn schlagartig zum Enfant terrible stempelten. Er war dann Autor bei Rowohlt und Ammann. Sein Roman "Eifel" wurde verfilmt. 1976 erwog man seinetwegen in Solothurn einen Radikalenerlass. 1984 entließ ihn die Uni Trier als Professor. 1989 geriet er gar unter polizeilichen Terrorverdacht. Walter Schenker ist nicht vorbestraft. Seit 1974 lebt er, verheiratet mit Brigitte Hamaekers, die 2015 gestorben ist, in Trier.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über den Autor: Walter Schenker wurde 1943 als Sohn eines Schuhhändlers und einer als Hausfrau tätigen Lehrerin in Solothurn geboren, durchlief da die Schulen. Nach der Matura studierte er von 1962-1968 an der Universität Zürich Germanistik und promovierte 1968 mit einer Arbeit über die Sprache Max Frischs (in der Zusammenarbeit mit ihm). 1968 schrieb er „leider“/Solothurner Geschichten. Es folgten Assistentenjahre in Freiburg i. Br. (1968-1970) und Zürich (1970-1974). 1974 heiratete er Brigitte Hamaekers. Von 1974 bis 1984 wirkte er als Professor für germanistische Linguistik an der Universität Trier, habilitierte sich da 1975. 1977/78 hielt er eine Lehrstuhlvertretung cum spe in Freiburg i. Br. inne. Er veröffentlichte ab 1979 Romane und Erzählungen bei Rowohlt und Ammann, der Roman „Eifel" wurde verfilmt. Von 1984-1991 war er freier Schriftsteller. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ließ er sich zum katholischen Diakon ausbilden und arbeitete bis 2011 auch als solcher. Er erhielt unter anderem einen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung und den Literaturpreis des Kantons Solothurn. Er lebt seit 1974 in Trier.

Inhalt

VISIT BEAUTIFUL VIETNAM / NOVELLE

ICH BIN EIN 68ER

Heil

Aus: „leider" / Solothurner Geschichten, Bern (Kandelaber) 1969

Revolution auch in Manchester

Aus: „Professor Gifter" / Roman, Reinbek (Rowohlt) 1979

Die Geschichte vom GI

Aus: „Professor Gifter" / Roman, Reinbek (Rowohlt) 1979

Asyl in der Volksrepublik Sparta

Aus: „Anaxagoras oder Der Nord-Süd-Konflikt" / Roman, Reinbek (Rowohlt) 1981

An die Jugend

Aus: „Anaxagoras oder Der Nord-Süd-Konflikt" / Roman, Reinbek (Rowohlt) 1981

Die Lösung

Aus: „Die Schweiz begrüßt Vietnam" / Ein Lehrstück in vier Akten, Norderstedt (BoD) 2015 (Urlesung Berner Stadttheater 1981)

Das Lager von Solothurn / Eidgenössische Ausgrabungen

Aus: TransAtlantik März 3/1981

Nach Maos Tod

Aus: „Eifel" / Roman, Zürich (Ammann) 1982

Ich bin ein Radikaler im öffentlichen Dienst

Aus: „Eifel" / Roman, Zürich (Ammann) 1982

Filbinger und die paar Terroristen

Aus: „Gudrun" / Roman, Zürich (Ammann) 1985

Wird der arbeitslose Professor Knecht?

Aus: TagesAnzeigerMagazin 6.4.1985

Paranoia

Aus: „Engelsstaub" / Ein Protokoll, Zürich (Ammann) 1986

„Blick" und Zürcher Krawalle

Aus: „Zum roten Stiefel" / Roman, Norderstedt (BoD) 2005

Unausweichliches Solothurn

Aus: „Porta Nigra" / Roman, Norderstedt (BoD) 2008

Visit beautiful Vietnam / Novelle

17.03.2017

Ich sitze im Flugzeug der Vietnam Airlines und fliege nonstop von Frankfurt nach Hanoi. Damit mache ich mir einen Traum wahr. Vor fast genau 50 Jahren nämlich, 1968, hängte ich in meiner ersten eigenen Wohnung ein Poster auf, das die Worte trug „Visit beautiful Vietnam", in psychedelischen Farben.

18.03.2017

Der Himmel von Hanoi ist grau. Die ganze Gruppe fährt auf Rikschas, bei denen der Fahrer hinten radelt und der Gast vorne bequem unter einem Baldachin sitzt, durch den chaotischen und laut hupenden Altstadtverkehr. Mein Fahrer singt, pfeift, redet mit sich selbst. Wenn er mich auf etwas aufmerksam machen will (die Oper, das Hotel Metropole), klopft er mir auf die Schulter.

Auf einem Terrassencafé trinke ich ein Bier und schaue auf den nun schon gewohnten Verkehr. Das ständige Gehupe zeigt: ich bin in Hanoi. Vereinzelt eine Frau mit Kegelhut, öfter Mopedfahrer mit Gesichtsschutz. Direkt gegenüber die Vietcombank. Vietcom: Ist dies nicht ein Wort aus fernen dunklen Zeiten?

Am Abend vietnamesisches Essen mit allem durcheinander, wie es vietnamesisch ist: Ravioli, Frühlingsrollen, Reis, Schweinefleisch, Suppe und Fisch.

19.03.2017

Beim Erwachen ist Hanoi keine fremde Stadt mehr. Im dreizehnten Stockwerk des Hotels sind die Hupen nicht zu hören.

Ich muss mir unbedingt eine Ho-Chi-Minh-Büste erstehen.

Das Frühstück findet im obersten Stockwerk statt. Ich trinke Tee.

Ob aus dem Zusammenführen von Solothurn und dem 50-jährigen Jubiläum von 1968 an den Solothurner Literaturtagen von 2018 was wird? Ich habe Bichsel deswegen telefoniert. Ein Podium mit dem Manifest von Herbert Meier („Der neue Mensch steht weder rechts noch links – er geht"); von Peter Bichsel die Rede zur Tschechoslowakei 1968; von mir die Geschichte „Heil" mit dem KZ Weissenstein und Vietnam, entstanden 1968; ein Auszug aus Rolf Niederhausers „Das Ende der bloßen Vermutung", zwar später entstanden, aber angestoßen von 1968, dann ein Auszug von Urs Jaeggis „Brandeis". Lauter Solothurner mit 1968er-Literatur.

Nur drei von den 27 Gruppenteilnehmern haben Lust, sich in die stundenlange Schlange zu stellen zwecks Besichtigung der mumifizierten Leiche im Mausoleum von Ho Chi Minh. Ich bin einer der drei und stelle mich in die Schlange, die stockend auf mehreren Wegen in verschiedenen Richtungen vorangeht. Schüler und Schülerinnen sind auch darunter, die jauchzen und quatschen, sich aber diszipliniert verhalten. Soldaten in braunen und dann in weißen Uniformen sowie Frauen in Schwarz sorgen dafür, dass alles seine Ordnung hat. Endlich ist das Mausoleum, das wie ein Tempel angelegt ist, zu sehen. Soldaten in weißen Uniformen marschieren stellenweise im Stechschritt. Etwa zweieinhalb Stunden sind vergangen, bis wir vor der Treppe vom Mausoleum angelangt sind. Da ist ein roter Gummiteppich ausgelegt.

Dann geht alles schnell. Beim Eingang wird es dunkel. Die Schlange wird fast mucksmäuschenstill, so dass nur das Quietschen vom Gummi zu hören ist. Es geht im Dunkel die Treppe weiter hoch. Und dann ist sie zu sehen, die einbalsamierte Leiche. Ho Chi Minh, weiß ich aus einem Reiseführer, wollte nicht einbalsamiert, sondern, seinem Testament nach, kremiert werden. Erst besorgte man, das weiß ich von unserem Reiseleiter, die Inspektion der Einbalsamierung in Moskau, inzwischen führen sie Vietnamesen an Ort und Stelle durch. Ein weiß uniformierter Soldat winkt, dass die Schlange schnell vorbeigeht. Das Gesicht von Ho Chi Minh erstrahlt in künstlichem Licht, ich sehe auch den Ziegenbart, ob auch die Hände erstrahlen, weiß ich nicht mehr. Ich war beeindruckt und schlagartig der festen Überzeugung, die riesige Schlange, die ich ja nicht als langweilig empfand, hat sich gelohnt.

Direkt nach Verlassen des Mausoleums finde ich einen Laden, wo ich eine golden glänzende Ho-Chi-Minh-Büste finde und für fünf US-Dollar kaufe. Sie wird mir in eine Kartonschachtel und eine grüne Plastiktüte verpackt.

Beim Essen stelle ich sie zwischen meine Füße, weil sie mir sehr kostbar ist. Ich werde sie neben den Fernseher stellen.

Auch die drei Autos hatte ich gesehen: einen metallicbraunen Peugeot 404, ein älteres Auto von mir unbekannter Marke, ebenfalls braun, dann die riesige russische schwarze Staatslimousine.

Bei der späteren Busfahrt machen der Reiseleiter (Wilfried Arz) und sein vietnamesischer Begleiter ein längeres Frage- und Antwortspiel über soziale Probleme Vietnams, über das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich, über die Abtreibung von weiblichen Föten und vieles andere.

Die Landschaft ist, wie Brigitte sich ausdrücken würde, un peu comme partout, aber ich bin mir freudig bewusst: Es ist Vietnam. Es ist wirklich Vietnam!

20.03.2017

Die Halong-Bucht mit ihren tausend schroffen Kalksteinfelsen war mir zuerst bekannt geworden durch einen James-Bond-Film, ich weiß nicht welchen. Als ich ihn dem Reiseleiter erwähnte, sagte der, die Szenen wären nicht in Vietnam gedreht worden, da hätte die Drehgenehmigung gefehlt, sondern in einer ähnlichen Landschaft in Thailand. Aber heute könne man im Film ja viel mit Montage hinkriegen. Ich war ein bisschen enttäuscht, dass die Felsen der Halong-Bucht nicht ganz so einmalig zu sein schienen, aber jetzt, wo ich sie vor mir sah, in ihrer bizarren Form, waren sie mir doch einmalig. Wir fuhren auf einer Dschunke, die aber keine Segel hatte, wie man sich eine Dschunke vorstellt und wie ich sie in Hongkong gesehen habe, sie hatte einen Motor, der friedlich schnurrte. Die Felsen glitten einer nach dem anderen vorüber.

Was für ein Frieden, sagte jemand. Wir hatten die Dschunke ganz allein für uns. Ich hatte mich auf einem der wenigen Liegesessel ausgestreckt. Vielleicht machte ich einen müden Eindruck. Ich hatte die Nacht über fast nicht geschlafen wegen der vielen Eindrücke und wegen der Ideen, die ich bekam.

„Geht es Ihnen nicht gut?", fragte eine Frau.

„Doch", sagte ich, „ich bin nur etwas müde."

„Mit dem Wetter haben wir ja Glück", sagte sie.

Es regnete nicht, die Felsen lagen ein bisschen im Dunst.

„Wie hat es Sie ausgerechnet nach Vietnam verschlagen?"

Da erzählte ich ihr unverblümt von meinem Poster „Visit beautiful Vietnam" von anno '68.

Darauf erkundigte sie sich freundlich und interessiert, ob ich damals auch bei Demonstrationen mitgemacht hätte. Ich zögerte. Erwiderte dann: Ein Mal ja. Und zwar sei es da um die Abschiebung eines vietnamesischen Studenten gegangen in Freiburg, und ich marschierte mit, wohl als einziger mit Krawatte, aber ob ich Ho-hoho-Chi-Minh skandiert hätte, wüsste ich nicht mehr, wahrscheinlich eher nicht. Ist die Polizei gekommen? Nein. Sie schien enttäuscht. Da ich nun aber schon, trotz der Müdigkeit, in Fahrt gekommen war, wollte ich mich rechtfertigen und erklärte, ich sei trotzdem ein waschechter 68er, hätte ich doch auf ein KZ hingewiesen, das gerüchteweise bei Solothurn, der schweizerischen Stadt meiner Herkunft, geplant gewesen sei. „Also auch die Schweiz", stellte sie fest. Es seien aber nur Gerüchte, schwächte ich ab, die sich nicht beweisen ließen. „Trotzdem hochinteressant", meinte sie.

Das waren eben die Gerüchte um das KZ Weissenstein.

Wir schwiegen, schauten auf die unbewohnten Felsen.

Der Motor schnurrte friedlich.

„Man kann da ganz andächtig werden", sagte sie.

„Ja, wirklich", sagte ich.

Ich sann nach.

1968 wollte ich die Welt verändern mit meinen Solothurner Geschichten mit dem KZ Weissenstein. Ich erwartete, wenn ich in diese Eiterblase reinstechen würde, würde sie platzen samt der ganzen Solothurner Verlogenheit. Tatsächlich stießen meine Geschichten auf große Aufmerksamkeit in Solothurn, aber man nahm das KZ, mich schaudert noch heute, eher von der lustigen Seite. Dabei schaudert mich leise noch heute, wenn ich, sehr selten, die Bergwand des Weissenstein vor mir sehe. Das kam mir jetzt in Vietnam wieder richtig hoch. Ich hatte gewähnt, dass eine bloß geplante Nazivernichtungsstätte, da sie auf Abmachungen beruhte, so nachhaltig wirken könnte wie eine tatsächliche.

Die Dschunke fuhr an eine Anlegestelle, damit wir eine Grotte besuchen konnten.

Als ich etwas wacklig den Steg vom Schiff betrat, sagte mir der vietnamesische Begleiter, so wie er es einschätze, wären die vielen Treppenstufen zur Grotte hinauf und durch die Grotte hindurch für mich zu viel.

Heute bin ich ein alter Mann. Als ich mich dann trotzdem entschloss, zur Grotte hochzusteigen, nahm mich bald eine Frau am Arm und leitete mich über die vielen Treppen. Die Grotte dann war schön angestrahlt. Froh war ich, als ich, der Reiseleiter packte mich auch noch am Arm, den Steg zum Schiff geschafft hatte.

Vielleicht hatte mir auch die alte Solothurner Geschichte zugesetzt, jetzt, wo ich ein alter Mann war. Goodbye James Bond.

Die Reise nach Vietnam würde meine letzte große Reise sein. Künftig werde ich in Europa bleiben, sagte ich mir.

Dann die Rushhour in der gewirbligen Altstadt von Hanoi mit dem ständigen Gehupe und mit lauter kleinen Geschäften mit jungen Leuten, die auf Kundschaft warteten.

Welch ein Gegensatz zu den ruhigen Felsen der Halong-Bucht.

In Ho-Chi-Minh-Stadt würde der Verkehr noch viel größer sein, sagte der Reiseleiter.

21.03.2017

Der Flughafen Da Nang, wo wir in Mittelvietnam landen, wurde erst vor wenigen Jahren vom hochgiftigen Entlaubungsmittel Agent Orange dekontaminiert. Es ist bereits von Kennedy eingesetzt worden. Die Firma, die damit ihr Geschäft gemacht hat mit Vietnam, liefert heute genmanipulierten Reis nach Vietnam und macht so ihr Geschäft.

Ich frage den vietnamesischen Reisebegleiter, ob ich ihm eine Frage stellen dürfe. „Ja, gern". „Haben Sie etwas gegen die Amerikaner?" Er ist in einem Alter, wo er den Krieg sicher nicht mehr bewusst erlebt hat. Gegen die Amerikaner? Nein, da habe er gar nichts, er lacht, die Amerikaner hatten Vietnam bombardiert, aber das sei lange vorbei. Nein, gegen die Amerikaner habe er nichts, im Gegenteil. Er lacht.

Hoi-An, die Stadt in der Nähe des Flughafens, wurde nach dem Krieg eigentlich von Rucksacktouristen entdeckt, und heute ist sie ganz für Touristen zurechtgemacht mit vielen Läden, Lokalen und Girlanden von Lampions, die abends beleuchtet sind. Hier verkehrten japanische und chinesische Händler mit den Vietnamesen. Wir besuchen die kleine japanische Brücke, schmuck sieht sie aus, und die chinesische „Vereinigung", wo vorne der Geschäftstisch steht und hinten der bunte Altar mit Bildern an der Wand, die mit Figuren den Reichtum versinnbildlichen, dann die Fruchtbarkeit und dann, wenn ich mich nicht täusche, das Glück.

Nach der Besichtigung verziehe ich mich in ein kleines, ruhiges Lokal mit sehr bequemen Sesseln. Ich trinke einen Cappuccino und lasse in aller Ruhe die Passanten draußen in der Gasse vorbeiflanieren, junge Leute; ein altes vietnamesisches Paar, sie im Rollstuhl, fällt regelrecht auf. Gelegentlich begrüße ich jemanden von unserer Gruppe.

Am Abend mit all den beleuchteten Lampions ist dann richtige Volksfeststimmung.

22.03.2017

Es ist deutlich wärmer in Mittelvietnam, die Lederjacke, die mir mein guter Freund Karl in Trier geschenkt hat, ist fehl am Platz. Aber meine Ersatz-T-Shirts haben keine Brusttasche, wo ich den Zimmerschlüssel verstauen könnte. Beim Frühstückstisch kommt mir die gute Idee, Hannelore, die mit ihrem Mann ebenfalls ein Omelette isst und mich gestern so hilfreich über die steilen Treppen durch die märchenhafte Grotte geleitet hat, ausdrücklich bereit zu weiterer Hilfe an mir altem Mann, sie also zu fragen, ob sie mir, wenn sie nachmittags durch Hoi-An spazieren würde, zwei T-Shirts mit Brusttasche erstehen könnte. Sie ist gern dazu bereit und fragt nach meiner Größe.

Ich trage jetzt auch Mütze (Marke BOSS) wegen der Sonne.

Wir fahren ganz früh nach My Son mit seiner Cham-Kultur. Diese war indisch beeinflusst, im Gegensatz zum kulturell chinesisch beeinflussten Vietnam, obwohl, wie sich der Reiseleiter ausdrückt, China und Vietnam sich zueinander wie Hund und Katze verhalten.

Im Krieg hatte sich der Vietcong in den Cham-Tempeln versteckt, die Amerikaner hatten sie zerbombt. Nur Ruinen sind geblieben, lediglich die Tempelanlage C wurde von den Italienern wieder aufgebaut, damit man sich vorstellen kann, wie solch ein Tempelturm ausgesehen hat.

Ein Bombenkrater, wo einst eine Tempelanlage gestanden hatte, wäre zu besichtigen gewesen, aber die Treppe dazu war mir zu steil.

Bombenhülsen von B-52 waren auch im Inneren einer Tempelruine aufgestellt.

Wir essen zu Mittag bei einem Kräuterbauern, der uns nach dem Essen und nachdem wir alle Reishüte bekommen hatten, stolz um die ganze Kräuteranlage herumführt und uns die Kräuter versuchen lässt, Wasserminze, Koriander und vieles andere.

Jetzt, nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, zu müde wäre ich für einen weiteren Gang in die Stadt, zu erfüllt auch von Eindrücken, sitze ich auf dem Balkon. Direkt unter mir ist der schmale Swimmingpool, in dem ein mittelalter Mann einsam seine Bahnen zieht.

Ich spüre angenehm die leichte Brise.

Ich bin glücklich und zufrieden, Brigitte gefällt es auch in Vietnam. Als mein Psychiater mich fragte: „Und Ihre Frau, kommt sie auch mit nach Vietnam?", entgegnete ich: „Selbstverständlich."

23.03.2017

Ich denke an nichts Böses, wir hatten gerade ein Museum mit Cham-Kunst besucht und der Reiseleiter machte uns auf eine Buddha-Statue aufmerksam, wo Buddha in einer Toga sitzt und eine europäische Langnase hat, was nur zu erklären sei durch europäischen Einfluss im Rahmen des Feldzugs von Alexander dem Großen – da spricht mich eine Frau der Gruppe an und sagt: „Ich habe Sie als den Walter Schenker erkannt, der den Roman ,Eifel' geschrieben hat", und den hätte sie in den 80er-Jahren gelesen. Statt mich zu freuen, dass ich im wörtlichen Sinn ein bekannter Schriftsteller bin, fühle ich mich ertappt. Ich frage sie, wie sie das herausgefunden habe, und sie sagt, auf der Teilnehmerliste habe sie meinen Namen erkannt und dann habe sie gegoogelt und wisse jetzt über mich Bescheid. Sie ist Oberstudienrätin in Speyer und war bei den drei Gruppenteilnehmern, die das Ho-Chi-Minh-Mausoleum aufgesucht haben.

In kurvenreicher, aber gut ausgebauter Straße geht es dann dem Meer entlang hoch hinauf zur Passhöhe des Wolkenpasses. Der kann es an Höhe mit Schweizer Pässen nicht aufnehmen, er ist knapp 500 Meter hoch. Das Wetter ist gut. Oben gibt es einen Fotostopp. Man kann einen Felsen hochklettern zu einer französischen Festung. Ich will auch zur Festung hoch, Hannelore nimmt mich bei der Hand, und da passiert das Unglück, das aber viel Glück im Unglück hat. Ich rutsche nämlich auf dem Felsen aus und falle kopfvoran auf das Gesicht. Die Brille fällt mir weg, bleibt aber ganz. Ich schlage mit Stirn und Nase auf dem Felsen auf. Es tut nur kurz weh, aber ich bin verletzt. Zwei Männer bringen mich den Felsen hinunter in den Bus. Man verpflastert mich.

Ich muss mich vom Schrecken erholen.

Wir fahren nach Hue den Pass hinunter. Der Reiseleiter rät mir, wegen der vielen Treppen, davon ab, den geplanten Besuch bei einem Kaisergrab mitzumachen.

Ich sehe das ein. Möchte aber unbedingt die Zitadelle der Kaiserstadt Hue sehen.

„Warten wir ab", sagt der Reiseleiter, „Sie müssen sich von einem Arzt untersuchen lassen, das wäre sonst nicht zu verantworten."

Also bleibe ich, dieweil die Gruppe das Kaisergrab besucht, im Bus. Möchte mir aber doch ein bisschen die Beine vertreten und gehe zu einem Stand mit Hüten und Sandalen. Da ermuntert mich eine junge Vietnamesin, auf einem Plastikstuhl, den sie für mich bereitstellt, Platz zu nehmen. Ich tue es, verlegen, noch verlegener werde ich, als sie mir einen Kaffee bringt.

„Thank you."

Mit einem Fächer fächert sie mir Luft zu.

„Oh, thank you. What is your name?"

„Lo."

„My name is Walter."

Woher ich käme?

„Germany. But this is really my last big trip. Vietnam is beautiful."

Das freut sie.

Ich schätze sie auf höchstens zwanzig.

„Are you married?"

„Yes.

How old are you – Lo?"

„Twenty-eight."

„You look very younger."

„Thank you."

„Have you children?"

"A daughter."

Sie deutet auf meinen Ehering.

„Your wife is by the group?"

„My wife is dead since two years. But for me she is alive. Lo, do you understand? She is alive for me." Sie sann nach.

„Yes, Walter, I understand."

„The coffee was very good."

Ob ich einen Tee möchte?

„Yes."

Sie bringt mir einen Tee und zwei Bananen, die ganz süß schmecken.

„You are lovely."

Lo lächelt.

„I will you make a joy, Lo, but I can it only make so."

Ich gebe ihr eine Zehndollarnote.

Lo nimmt sie lächelnd entgegen, packt zwei Bananen in eine Plastiktüte und gibt sie mir.

„Thank you."

Sie fächert mir wieder mit dem Fächer Luft zu.

Dann kommt die Gruppe zurück von der Besichtigung.

„Lo, now say I you goodbye. I wish you all good things. Bye-bye, Lo."

„Bye-bye, Walter."

Wir geben uns die Hand und drücken sie fest.

Das mit dem Arzt ging dann im Hotel ganz schnell. Der vietnamesische Begleiter führte mich mit dem Taxi in die Praxis. Ich wurde desinfiziert und verbunden. Drei verschiedene Sorten Tabletten wurden mir verschrieben. Ich musste nur das Taxi und die Tabletten bezahlen und dem Arzt zehn Dollar geben. Was mich überraschte, hatte ich doch einen Hanoi-Krimi gelesen, aus dem hervorging, dass ohne Bestechung ein Arzt in Hanoi überhaupt nichts tue.

Es reichte sogar noch, dass ich mit der Gruppe die Zitadelle der Kaiserstadt Hue mit all den Plätzen und Gebäulichkeiten samt der Verbotenen Stadt besuchen konnte. Das machte mir großen Eindruck. Die Reise nach Peking erübrigte sich jetzt.

24.03.2017

Der vietnamesische Begleiter sagt, Saigon hieße für ihn immer noch Saigon, Ho-Chi-Minh-City sei für ihn lediglich ein offizieller Name.

Die Skyline von Saigon, wir sehen sie vom Schiff aus, habe ich mir imposanter vorgestellt. Es sind weniger richtige Wolkenkratzer, als ich es zum Beispiel von Shanghai, wo ich nie war und nie sein werde, gewohnt bin.

Im Postamt im Kolonialstil stoßen wir auf den uralten Letterwriter, der auf Auftrag Briefe auf Französisch, Englisch und Vietnamesisch schreibt, über die Mittagszeit eine Nudelsuppe essen geht, seine Publicity genießt (unser Reiseleiter kennt ihn seit Jahren persönlich) und um 16 Uhr mit dem Fahrrad nach Hause fährt. Ein kleines Männchen mit stets einem Lächeln auf den Lippen. Gerne lässt er sich fotografieren. Das ist Herr Ngo.

Wir fahren an den berühmten Hotels vorbei, wo Graham Green, Scholl-Latour und viele andere Prominenzen und Kriegsberichterstatter abgestiegen sind.

Am Schluss geht es noch in eine chinesische Pagode. Im Namen der gesamten Gruppe füllt eine Frau gegen Geld einen Wunschzettel aus mit den Wünschen „Glück, Gesundheit, Frieden, Liebe". Sie zündet die Räucherspirale an. Die wird hochgehängt und der Rauch steigt in den Himmel. Da will eine andere Frau von uns auch eine Räucherspirale anzünden mit dem Wunsch „Geld für noch viele Studiosusreisen".

25.03.2017

Der weiße Verband an der Stirn hält, das hautfarbene Pflaster an der Nase ebenfalls. Unter den Augen ist die Haut blau und angeschwollen. Nichts tut weh. Beim Frühstück meint mein Tischnachbar, man werde einen Kriegsversehrten aus Vietnam mit nach Deutschland nehmen. Wir lachen.

Viel vom Reiseleiter über den Vietnamkrieg vernommen. Über drei Millionen tote Vietnamesen. Achtundfünfzigtausend tote Amerikaner. Das Durchschnittsalter der US-Soldaten lag bei etwas über 19 Jahren, darunter überproportional viele Farbige. Mehr als die Hälfte der Vietnamrückkehrer wurde straffällig und musste ins Gefängnis. Und so weiter.

Heute mit Bus und Schiff ein Ausflug ins Mekongdelta, das heftig umkämpft war.

Unterwegs ein Halt.

Man kann sich mit einer Pythonschlange um den Oberkörper fotografieren lassen. Sängerinnen singen mit Musikanten vietnamesische Lieder.

Es gibt tropische Früchte zum Versuchen.

Auf dem Boot kann man mit Strohhalm aus einer aufgeschnittenen Kokosnuss Kokosmilch trinken, die erste so in meinem Leben.

Über den breiten braunen Mekong weht eine frische Brise.

Eine Fahrt mit kleinen Ruderbooten für vier Personen ist in einem kleinen Seitenarm des Deltas vorgesehen. Der Reiseleiter rät mir davon als Kriegsversehrtem ab.

Die Bilder kenne ich aus den klassischen Vietnamkriegsfilmen, wo die GIs im Wasser stehen, das Sturmgewehr mit den Händen hochhalten, das Gesicht geschwärzt und die Lucky Strike am Helm befestigt haben.

Ich kann auf das kleine Ruderboot als Kriegsversehrter gut verzichten.

Beim vietnamesischen Mittagessen frage ich die Oberstudienrätin, die für Ho Chi Minh Schlange gestanden hat und für die ich unweigerlich ein bekannter Schriftsteller bin, nach ihrem Vornamen.

Lilo.

Klingt fast wie Lo.

Die Welt ist klein.

26.03.2017

Die Kladde, aus dunkelbraunem Leder mit meinem Monogramm, hat mir vor Jahren meine Stiefenkelin Judit geschenkt.

Ich wollte sie für etwas Besonderes aufsparen.

Vietnam war der richtige Anlass. Ich teilte Judit vorher mit, dass ich sie nach Vietnam mitnehme für ganz private Notizen. Das war eine Verpflichtung.