Vista Chinesa - Tatiana Salem Levi - E-Book

Vista Chinesa E-Book

Tatiana Salem Levi

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Beschreibung

Rio de Janeiro, 2014. Die Fußballweltmeisterschaft wird in Brasilien ausgetragen, die Olympischen Spiele 2016 werden folgen. Eine Atmosphäre voller Hoffnung und Euphorie prägt die Stadt. Júlia, eine junge Architektin, ist beauftragt, ein Projekt für das große Sportereignis zu realisieren. Kurz vor ihrer Präsentation im Rathaus läuft die begeisterte Joggerin zum berühmten Aussichtspunkt Vista Chinesa. Plötzlich spürt sie eine Waffe am Kopf und wird in die Tiefen des Regenwaldes gezwungen. Noch während der Mann sie vergewaltigt, rechnet sie mit ihrem Tot. Doch sie überlebt. Dem persönlichen Schmerz stehen die korrupten Polizeibeamten gegenüber, denen weniger an der psychologischen Lage der jungen Frau gelegen ist als am Erfolg ihrer Fahndung. .Júlia entscheidet, der Polizei nicht mehr zur Verfügung zu stehen. .Jahre später ist sie Mutter zweier Kinder. Sie spürt, sie muss ihnen erzählen, was ihr widerfahren ist, und vertraut sich ihrer Freundin Tatiana Salem Levy an. Gemeinsam machen sich die beiden Frauen an die Arbeit. Entstanden ist ein Buch, das mit äußerstem Feingefühl und so detailliert wie behutsam die wahre Begebenheit einer Vergewaltigung schildert. Vor dem Hintergrund des von Korruption geprägten Brasiliens wird die politische Dimension der Geschehnisse sichtbar.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Tatiana Salem Levy

Vista Chinesa

Roman

Aus dem brasilianischen Portugiesischvon Marianne Gareis

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Vista Chinesa

© 2021 Todavia, São Paulo, Brasilien

By arrangement with Literarische Agentur Mertin, Inh. Nicole Witt e. K., Frankfurt am Main, Germany.

Erste Auflage

© 2021 Tatiana Salem Levy

© 2022 by Secession Verlag für Literatur, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Marianne Gareis

Lektorat: Christian Ruzicska

Korrektorat: Peter Natter

www.secession-verlag.com

Umschlagentwurf: Eva Mutter, Barcelona

Bild: Steven Pecoraro, Unsplash

Umschlag gesetzt aus Crackvetica

Satz: Eva Mutter, Barcelona

Inhalt gesetzt aus Cormorant Garamond und Palanquin Dark

Herstellung: Daniel Klotz, Berlin

eISBN 978-3-907336-12-0

Für Vicente und Esther

Ich schreibe das ganz bestimmt aus Verzweiflung über meinen Körper und über die Zukunft mit diesem Körper.

Franz Kafka, Tagebücher 1910-1923

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Nachwort der Autorin

Mein Dank gilt

Antonia und Martim, meine Lieben,

während ihr euch gerade einen Zeichentrickfilm anschaut, frage ich mich, wie ich diesen Brief beginnen soll. Ich schreibe, lösche wieder, schreibe neu, lenke mich ab, indem ich euch ansehe. Mir fallen so viele schöne Dinge ein, dass ich davor zurückschrecke, in der Vergangenheit zu wühlen. Wenn euer Vater wüsste, dass ich beschlossen habe, euch zu erzählen, was mir passiert ist, würde er sagen, vergiss es. Anfangs dachte ich auch, das wäre möglich. Mehr noch als er, mehr noch als alle anderen sah ich im Vergessen die einzige Chance, weiterzumachen. Stundenlang habe ich mir Strategien überlegt, wie ich das real Erlebte auslöschen kann, als könnte ich einfach wieder die Júlia von einst werden. Aber es gibt Dinge, die passieren weiter, selbst wenn sie schon passiert sind. Sie lassen dich nicht vergessen, weil sie sich mit jedem Tag wiederholen. So komme ich auch nicht von dem Gedanken los, dass ihr es schon wisst. Ihr wart in meinem Bauch, habt an meinen Brüsten gesaugt, ihr badet mit mir, schlaft auf meinem Schoß, wir kuscheln uns zusammen aufs Sofa, also wisst ihr es, wie ich es weiß, jedes Mal, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Ihr habt nur keine Worte dafür.

Gestern habe ich mich schlaflos im Bett gewälzt und gedacht: Was, wenn ich sterbe, ohne es ihnen erzählt zu haben? Zuerst dachte ich, es wäre besser so. Dann aber wurde mir klar, dass euch eines Tages irgendein Gerücht zu Ohren kommen wird, ihr irgendein Ende der Geschichte zu fassen bekommt und dann vielleicht ein weiteres und noch eins – aber ein Teil wird immer fehlen. Die Wahrheit wird fehlen, weil ich es so, wie ich es jetzt erzählen werde, noch niemandem erzählt habe.

Ich kann mir euer Entsetzen vorstellen, wenn ihr irgendwann diesen Brief lest. Es wird nicht leicht für euch sein, eure eigene Mutter so gebrochen zu sehen. Wichtig ist mir, dass ihr eine Sache begreift, die ich selbst erst sehr spät akzeptiert habe: Falls ihr irgendwann das Gefühl habt, ich sei verrückt geworden, dann denkt daran, dass niemand wirklich wahrhaftig ist, wenn er bei klarem Verstand ist. Niemand. Nicht einmal eure Mutter.

Es war ein Dienstag. Im Jahr 2014. Brasilien, das Land der Zukunft, schien kurz davor zu stehen, sein Schicksal zu verwirklichen. In einem knappen Monat sollte es die Fußballweltmeisterschaft ausrichten, zwei Jahre später würden in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele ausgetragen werden. Nichts deutete auf eine Katastrophe hin, weder in der Stadt noch in den Schlagzeilen der Zeitungen und Zeitschriften oder in meinem Leben. Alles schien zu passen, zumal sich die Schicksale vermengten. Mein Büro — damals nur Cadu und ich — hatte den Wettbewerb für den Entwurf des Hauptgebäudes der Anlage fürs Golfen gewonnen, einer Disziplin, die nach 112 Jahren erstmals wieder bei einer Olympiade dabei sein sollte.

Ich erinnere mich an den Wochentag, weil ich mir einen Merkzettel für meinen Schreibtisch gemacht hatte: Dienstag, Sitzung mit der Stadtverwaltung. Genauer: unsere erste Sitzung mit dem Umweltsekretariat, dem Besitzer des Geländes in der Barra da Tijuca und dem ausländischen Golfplatzarchitekten, alle zusammen.

Severino, der Portier des Hauses, in dem ich damals wohnte, war noch nicht vom Mittagessen zurück, und ich versteckte meinen Schlüssel wie üblich in einem Blumentopf neben der Treppe. Ich nehme nie etwas mit, wenn ich joggen gehe, nur das Handy, an der Hose festgemacht, und die Ohrstöpsel. Bis dahin kann ich mich an alles erinnern, an die Haustür, die ins Schloss fällt, daran, dass ich zur Seite blicke, um zu sehen, ob ein Auto kommt, dass ich die Straße überquere, nach rechts abbiege und dann nach links, an der Bäckerei Padaria do Horto und am Kiosk vorbeikomme, doch ab dem Moment, in dem ich die Straße zum Aussichtspunkt Vista Chinesa hochlaufe, werden die Details unklarer. Ich kann nicht sagen, ob weitere Menschen unterwegs waren, ob es mehr Vögel gab als sonst, ob Äffchen meinen Weg kreuzten oder ob die Sonne, die ziemlich kräftig schien, irgendwann hinter einer Wolke verschwand. Wenn ich jogge, klinke ich mich aus der Welt aus. Ich achte weder auf den Regenwald neben der Straße noch auf etwaige Passanten, nicht einmal auf den spektakulären Ausblick von dort oben. Nur wenn die metallische Stimme aus dem Handy die Musik unterbricht und mir meine Durchschnittsgeschwindigkeit und die zurückgelegten Kilometer ansagt, finde ich in die Realität zurück.

Doch wenn der Kopf auch ganz woanders ist, ist der Körper stets präsent. Die Beinmuskeln ziehen sich zusammen, der Schmerz kommt, stechend, und ich bin kurz davor aufzugeben. Aber passiert ist das noch nie. So mühsam es auch ist, ich kann mir nicht einfach sagen, heute bin ich müde. Heute hält mein Körper nicht durch. Ich zwinge ihn, durchzuhalten.

Doch mit dem Schmerz kommt auch der Genuss, Endorphine werden ausgeschüttet, das Blut zirkuliert schnell, und ich habe das Gefühl, mein Ziel zu erfüllen.

Zweimal wöchentlich habe ich dieses Ritual durchgeführt. Anders war an dem Tag nur die Uhrzeit: Ich lief sonst nie nachmittags. Morgens sind mehr Leute unterwegs, und ich konnte es schon nicht mehr hören, dass meine Eltern oder Michel mir ständig sagten, ich solle nicht zur Vista Chinesa hochlaufen, das sei zu einsam, Rio sei selbst jetzt, da die Stadt in aller Munde war, immer noch gefährlich. Aber bis zu diesem Dienstag war die Gefahr für mich eine Abstraktion.

Ohne irgendetwas zu ahnen oder vorherzusehen, ohne mir zu denken, hier ist es so leer, ohne in der Ferne etwas Seltsames zu erblicken oder einen Anflug von Angst zu verspüren, einen Schauder, ein unbehagliches Gefühl, ohne irgendein Signal aus der Außenwelt zu erhalten, tauchte urplötzlich die Gefahr in meinem Rücken auf. Er war klein, untersetzt, und er hielt mir eine Pistole an den Kopf, sagte, komm mit, seine Stimme mischte sich mit der von Daniela Mercury, seine Hand umklammerte meinen Arm, unterbrach mein Laufen und zerrte mich in den Wald, in diesen herrlichen, üppigen Regenwald, in schönsten Gedichten besungen, in Reiseführern gepriesen und ausschlaggebend auch bei der Wahl für Rio als Austragungsort der Olympischen Spiele 2016, dieser Regenwald, von dem es heißt, er mache den Unterschied aus, denn einen Strand hätten schließlich viele Großstädte, aber einen Regenwald, so tropisch, grün, riesig, das hätte nur Rio, dieser dicht belaubte Regenwald, das Zuhause von Tukanen, Schlangen und Affen, dieser Regenwald, der einen süßlichen, Übelkeit erregenden Geruch nach Jackfrüchten verströmt, dieser Regenwald, den alle bewundern, wenn sie zur Vista Chinesa hochlaufen, und den ich fast nie bemerke, weil ich mich, wenn ich laufe, aus der Welt ausklinke, dieser Regenwald wurde zu meiner Hölle.

Als meine Füße den Asphalt verließen und auf das feuchte Laub im Wald traten, spürte ich, dass irgendetwas unangenehm war an dem Kontakt zwischen seiner Hand und meinem Arm. Ohne den Kopf zu bewegen, blickte ich zur Seite und sah, dass er Handschuhe trug. In den darauffolgenden Sekunden oder auch Minuten, das weiß ich nicht mehr, konnte ich nur noch auf diese Handschuhe starren. Die Zweige zerkratzten meinen Körper, und seine Stimme, die zwischen den Bäumen verschwindende Sonne, die Drohungen, das Geräusch der Schritte im Regenwald, all das verschwamm und verlor seine Form, und ich sah nur noch diese Handschuhe. Ich muss mich anstrengen, muss mich an alles erinnern, die Handschuhe allein sind zu wenig, aber selbst jetzt sehe ich wirklich deutlich nur die Handschuhe vor mir. Der Rest sind verwischte Bilder. Später sehe ich noch andere Dinge. Sehe Teile, Fragmente dieses Augenblicks: eine Lichtung ein Gürtel ein Schlag mein Hals Blätter am Himmel ein Mund in Bewegung eine Zunge Schuhe eine nackte Brust ein Schlag ein kleiner Vogel ein Fausthieb ein Gürtel vom Himmel fallende Blätter noch ein Fausthieb das Bedürfnis mich zu übergeben ein schlechter Geschmack eine Wolke Schmerz es reißt Moskitos ein schlechter Geruch drin ein weiterer Schlag draußen Schmerz Schmerz Schmerz eine Jackfrucht zwei Jackfrüchte mehrere Jackfrüchte ein Gesicht die Details eines Gesichts ein sich verformendes Gesicht ein Gesicht.

Ein Gesicht zu beschreiben ist schwer. Das gilt selbst für ein vertrautes Gesicht, das wir eine Weile nicht gesehen haben. Das Gesicht meiner Großmutter kann ich beispielsweise nur noch mit einem Foto wieder zusammenfügen. Manchmal frage ich mich verunsichert: Wie sah meine Großmutter nochmal aus? Ich sehe ein verschwommenes Gesicht vor mir, das nach und nach Konturen annimmt, aber sobald ich nur einen Teil davon in den Blick nehmen will, die Augen, die Nase, gelingt mir das nicht, es ist, als existierten die Teile nur zusammen, als Ganzes.

Was ist wichtiger an einem Menschen: das Ganze oder die Einzelteile? Das, was wir erinnern, oder das, was wir vergessen?

An den darauffolgenden Tagen musste ich das Gesicht des Mannes beschreiben. Seine Hautfarbe, die Form seines Mundes, die Größe seiner Nase, die Farbe seiner Augen, die Beschaffenheit seiner Haare, alles, jedes besondere Merkmal, eine Narbe, ein Fleck, ein Muttermal, eine Tätowierung. Da vermischten sich auf einmal die Dinge, die Details kamen und gingen, vermengten sich, traten in den Vordergrund und verschwanden wieder, ich musste mich erinnern, und die Erinnerung entglitt mir, wie ein Bild, das uns mitten in der Nacht einfällt und sich sofort wieder trübt, wenn wir es packen wollen, oder wie ein Negativ, das wir zu lange im Entwickler gelassen haben.

Es ist zum Verzweifeln, wenn Wort und Bild nicht übereinstimmen. Jede Erinnerungslücke ist ein Ärgernis, aber hier ist es ein körperlicher Schmerz. Ich habe Lust, schreiend hinauszurennen, so gebt mir doch das richtige Wort, und jemand sagt, das gibt es nicht, es gibt keine richtigen Wörter, niemals, aber das glaube ich nicht, ich glaube, es gibt für alles ein richtiges Wort, und wenn wir nur reden reden reden eine Stunde lang reden, dann finden wir es.

Die richtigen Wörter könnten sein: Ich wurde vergewaltigt. Eure Mutter wurde vergewaltigt. Ich, eure Mutter, wurde vergewaltigt. Ja. Vergewaltigt. Vergewaltigt. Ver-ge-wal-tigt.

Genau das werdet ihr irgendwann zu hören bekommen, jemand wird sich verquatschen, ein Glas zu viel, ein persönlicheres Gespräch, vielleicht sogar ich selbst, wusstet ihr eigentlich, dass eure Mama vergewaltigt wurde? Und doch fehlt etwas. Es fehlt, dass diesem Wort die Bedeutung zukommt, die es für mich in jenem Augenblick und in allen darauffolgenden Augenblicken dieser fünf Jahre hatte, in denen ich zu eurer Mutter wurde.

Es war bereits dunkel, als meine Füße, barfuß und zerschunden von den Zweigen, wieder den Asphalt unter sich spürten. Endlich hatte ich zurückgefunden auf die Straße, ich weiß nicht, wie lange ich orientierungslos im Wald herumirrte, mal in die eine Richtung, mal in die andere, während der Himmel sich mit erschreckender Geschwindigkeit verdunkelte, bis ich es schaffte, ich fand den Asphalt, und der Asphalt war mir noch nie so weich vorgekommen, so anheimelnd, so vertraut. Ich war am Leben, dachte ich, ich bin am Leben, nur das zählt, ich wollte an einen sicheren Ort gelangen und den anderen sagen, ich bin am Leben.

Ich vermutete, dass meine Eltern, mein Bruder und Michel mich bereits suchten. Ich hatte Cadu Bescheid gegeben, dass ich vor der Sitzung an der Vista Chinesa joggen würde, ihm versichert, dass ich nicht zu spät kommen würde, undenkbar, zu unserer ersten Sitzung mit der Stadtverwaltung zum olympischen Golfplatz zu spät zu kommen. Und wenn ich sagte, ich würde nicht zu spät kommen, kam ich auch nicht zu spät. Bestimmt hatte er schon meine Mutter oder Michel angerufen, und alle machten sich Sorgen, waren schon dutzendmal die Strecke von meiner Wohnung zur Vista Chinesa abgefahren. Gut möglich, dass ich sie auf dem Weg treffen würde.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie jemand von seinem Fahrrad abstieg, aber er war so schnell gefahren, dass er mich vermutlich gar nicht bemerkt hatte. Kurz darauf blickte ich auf und sah einen Förster. Ich dachte, er würde mich fragen, ob er mir helfen könne, doch er ging einfach weiter, als gäbe es mich nicht, und ich muss gestehen, ich war trotz meiner Verwunderung erleichtert. Ich wollte mit niemandem reden, wollte nur nach Hause und sagen, dass ich am Leben war. Als ich schon fast in Horto angelangt war, kam ein Paar direkt auf mich zu, aber ich machte eine abwehrende Handbewegung, es war eine schroffe Geste, die unmissverständlich klarmachte, dass ich nicht angesprochen werden wollte, und erst da bemerkte ich, dass mein T-Shirt zerfetzt war. Als ich daran zog, sah ich die blauen Flecken auf meinem Bauch, sie reichten bis zu den Armen hoch. Ich fasste mir ins Gesicht, und es schmerzte. Meine Nase und mein linkes Auge waren geschwollen.

Ich brach in Tränen aus. Dieser gesunde Körper, der in Leggings und T-Shirt die Vista Chinesa hochgelaufen war, der sechs Kilometer in vierzig Minuten zurücklegte, war nun ein geschundener, schwacher Körper voller blauer Flecken. Da dachte ich nicht mehr daran, dass ich am Leben war, sondern fragte mich, wie ich nach dem Geschehenen weiterleben, wie ich arbeiten, essen, duschen sollte, denn mir war klar, ich würde nie wieder schlafen oder Michel küssen oder mit ihm Liebe machen können, und die Kinder, die ich mir so wünschte, was wäre mit denen, ich war am Leben, aber ich wusste noch nicht, ob ein Leben überhaupt noch möglich wäre.

Mein Vater und mein Bruder waren gerade den Berg hochgefahren, als ich oben in meine Straße einbog. Wir verpassten uns nur knapp. Ich ging weiter die Straße hinunter, fast zehn Minuten lang, ganz langsam, mit nackten, zerkratzten Füßen. Schon von Weitem erblickte ich eine Frau am Eingang zu meinem Gebäude. Ich wusste nicht gleich, wer es war. Erst als ich näherkam, erkannte ich das Kleid, das Kleid, das sie immer trug.

Diana rannte auf mich zu, und ich spürte, dass ich mich nun ausklinken, meinen Körper einem anderen Menschen überlassen konnte, dieser Freundin, die mir so vertraut war, die mich ganz fest umarmte, zärtlich, die mich aufnahm mit ihrem hochgewachsenen Körper, und ein paar Sekunden lang verlor ich das Bewusstsein, und das war das Beste, was mir passieren konnte, besinnungslos zu sein in ihren warmen, liebevollen Armen.

Nur langsam wachte ich wieder auf, hörte, wie sie nach Severino rief, der ihr half, mich über die Treppe in den ersten Stock zu bringen. Sie betteten mich aufs Sofa, die Tür fiel ins Schloss, Severino war weg, ich blieb liegen und wartete ab. Diana griff zum Telefon und sagte zu meiner Mutter, Júlia ist da.

Ich spürte, dass sie niedergeschlagen war, ihre Schultern waren gebeugt, der Blick unstet. Wir umarmten uns und weinten, als könnte ich ein wenig von meinem kaputten Körper an sie abgeben und sie ein wenig von ihrem heilen Körper an mich. Sie fragte mich, ob ich reden wolle, und ich wehrte mit einer Handbewegung ab. Willst du vielleicht duschen? Wieder brachte ich kein Wort heraus. Da bestimmte sie einfach, los, und führte mich ins Badezimmer. Sie drehte den Wasserhahn auf und sagte, du musst nichts machen, ich helfe dir. Ich wollte nichts lieber, als meine Kleider loswerden, aber ich wollte auch nichts weniger, als nackt sein. Der Teil von mir, der gestorben war, war mein Körper, und doch war mein Körper lebendiger denn je, er brüllte mit weit aufgerissenem Maul und bleckte die Zähne.

Ich hob mein Arme hoch, und sie zog mir das T-Shirt aus. Mein BH war im Wald geblieben. Aus ihren Augen strömten unaufhörlich Tränen, und plötzlich entschuldigte sie sich, sie wollte natürlich stark sein, nicht so erschrocken, so entsetzt wirken, wollte so normal wie möglich erscheinen, mir Vertrauen einflößen, mir vergewissern, dass bald alles wieder gut wäre, aber es war einfach nichts normal, und so scheiterte sie kläglich. Wir umarmten uns wieder, das Wasser wird dir guttun, sagte sie, aber sagen wollte sie sicher, das Wasser wird den ganzen Dreck von dir abspülen.

Ich hatte nicht die Kraft, die Leggings runterzuziehen, auch das musste Diana für mich tun. Meine Schenkel sahen genauso schlimm aus wie mein Bauch, voller Flecken, und ich wusste nicht, ob ich diesen Körper wirklich noch ertragen würde, der noch nie so sehr meiner und gleichzeitig so wenig meiner war. Ich will ihn zurückgeben, ihn austauschen. Dieser Körper ist jetzt ein anderer. Als sie meinen Slip herunterziehen wollte, hielt ich ihre Hände fest. Ich verspürte Scham. Eine ungeheure Scham, als wären zwischen meinen Beinen sämtliche Details von dem eingebrannt, was mir gerade passiert war, selbst die schlimmsten. Als wären … Nein, sie waren es. Wer auch immer meinen nackten Körper betrachtete, konnte sie wahrnehmen.

Das warme Wasser führte mich weit fort, löste die Konkretheit meiner Schultern, meiner Beine auf. Eine Zeitlang verharrte ich unbeweglich, mit geschlossenen Augen, bis das Weinen wiederkam, unhaltbar. Eine Hand an der Wand, die andere an der Duschkabine, glitt ich langsam zu Boden, bis ich saß. Kurz darauf kam Diana herein. Ihre Hände auf meinem Kopf, die das Shampoo einmassierten, waren meine erste Freude. Die zweite war das Wasser, das über mein Gesicht lief und den Schaum mit sich nahm.

Als mir das bewusst wurde, fasste ich ein wenig Mut, ich versuchte, mit dem Schwamm meine Haut abzurubbeln, diese unreine Schicht, ich wollte einfach nur eine neue Haut, wir lernen von klein auf, dass die Haut sich erneuert, sich schuppt und nachwächst, nach dem Sonnen oder einem Peeling. Das konnte ich auch, ich musste nur kräftig schrubben, und alles Böse würde verschwinden, und ich wäre wieder ich, wäre heil.

Als ich die Dusche ausstellte, hörte ich die Klingel. Nachdem sie mich ins Handtuch gewickelt hatte, rannte Diana blitzschnell hinaus. Ich öffnete die Glastür und warf mich in die Arme meiner Mutter, in diesen Schoß, nach dem ich mich sehnte, seit ich die metallische Kälte an meinem Kopf gespürt hatte.

Da sprach ich zum ersten Mal. Ich musste gar nichts sagen, die Vergewaltigung war an meinem Gesicht ablesbar, an den blauen Flecken, aber sie hatte mich nicht ankommen sehen, hatte nicht die zerfetzten Klamotten gesehen, und ich wollte sichergehen, dass sie verstand, also sagte ich einen einzigen Satz und verstummte. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, was wohl schlimmer wäre, meine Lage oder die ihre, mit diesem Schmerz, der für sie nicht greifbar, nicht fassbar war, den sie nicht körperlich nachvollziehen konnte, mit dieser Lücke, die uns trennte. In den darauffolgenden Tagen sollte ich zusehen, wie meine Mutter abmagerte, und doch würde sie die Grausamkeit, die ich erlebt hatte, nie am eigenen Körper kennenlernen. Bestimmt gibt es keinen schlimmeren Kummer als dieses Nicht-Erfassen-Können des Schmerzes des eigenen Kindes.

Diana kam blass, aber entschieden ins Badezimmer und bat mich um Verzeihung, sie hatte gerade bei Bruno, unserem Frauenarzt, angerufen, der gesagt hatte, ich solle auf keinen Fall duschen, zuerst müsse die gynäkologische Untersuchung erfolgen und die Spuren gesichert werden, ich weiß nicht, warum ich daran nicht gedacht habe, sagte sie und murmelte dann ständig scheiße, scheiße vor sich hin. Mein Blick wanderte zu der Duschkabine und dem nassen Slip auf dem Boden. Meine Mutter folgte meinem Blick und verstand. Zu spät.

Ich wollte die beiden beruhigen, wollte Diana ihre Schuldgefühle nehmen, und sagte, selbst wenn ich nicht geduscht hätte, würde ich mich sowieso nicht untersuchen lassen, nie im Leben, ich würde auch nicht zur Polizei gehen, diese Geschichte endete hier, sei einzig meine Sache, unsere, und niemandes sonst. Es gehe um meine Privatsphäre, um meine Qual, und je schneller ich einen Schlusspunkt setzte, umso besser. Ehrlich gesagt, fuhr ich fort, fühle ich mich auch gar nicht in der Lage zu dieser Untersuchung, ich kann mich jetzt unmöglich auf eine Liege legen und von jemandem berühren lassen.