Vita eines Laubenpiepers - Hellmut Thier - E-Book

Vita eines Laubenpiepers E-Book

Hellmut Thier

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Beschreibung

Schon als junger Mensch wollte der Knabe niemals ein Kleingärtner werden, lernte er doch schon früh die Mühen der Gartenarbeit kennen. Aber die Zeiten und das Leben wiesen ihm immer wieder den Weg, mit zusätzlicher Tätigkeit zum Beruf den Unterhalt der Familie zu sichern. Als ihm die Gartenarbeit Freude zu bereiten begann, wäre das beinahe »ins Auge gegangen«. Mit Schwiegermutters Hilfe gelang dann die Arbeit als »Laubenpieper« doch noch. Immerhin kann der Autor auf eine fünfundfünfzigjährige Tätigkeit im Kleingartenwesen zurückblicken. Hellmut Thier wurde 1921 in einem kleinen Dorf im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Nach der Lehre bei Junkers und der Kriegsdienstzeit blieb er schließlich als Lehrer und Leiter von Bildungseinrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern. Von dort wurde er nach Berlin gerufen. Zuletzt arbeitete er im Zentralinstitut für Weiterbildung in Ludwigsfelde als ein Wissenschaftlicher Mitarbeiter.

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EPUB

Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Hellmut Thier

VITA EINES LAUBENPIEPERS

Engelsdorfer VerlagLeipzig2011

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2011) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Scherenschnitt Titelseite und Abb. hier:

Karl-Heinz Mantel

www.engelsdorfer-verlag.de

eISBN: 978-3-86268-689-6

Inhaltsverzeichnis

Vita eines Laubenpiepers

Warum einer meiner Vorfahren Blumenopa genannt wird

Blumenopa und die Kultur

Wie mich der Blumenopa vor Schaden bewahren will

Woher soll ich alle Arten der Blumen kennen

Wie wir der Umwelt Hilfe leisteten

Der Meisenhahn Felix und sein Sohn Biskuit

Blumenopa und die gefiederten Sänger

Lampionumzug zum Gartenfest

Blumenopas beste Helfer

Vita eines Laubenpiepers

Wenn ich heute darüber nachdenke, muss ich offen gestehen, ich wollte niemals ein Laubenpieper werden. Wer es besser ausgedrückt sehen möchte, dem will ich dann den Begriff Kleingärtner darbieten. Hier in Berlin benennt man diese Kategorie von Freizeitwerktätigen von jeher als Laubenpieper. Weshalb, das kann ich auch nicht sagen, obwohl ich nun schon über fünfzig Jahre in Berlin lebe und fast eben so lange einen Kleingarten gepachtet habe. Meiner Meinung nach werden diese Leute höchst wahrscheinlich deshalb so genannt, weil zur Parzelle eine Laube gehört und weil es rings herum piept, denn einen Kleingarten, zu dem keine Amseln, Meisen, Stare und vieles andere Getier zählt, das ein Federkleid trägt, kann man sich kaum vorstellen. Das Konzert, was von ihnen im Frühjahr und oft bis weit in den Sommer hinein veranstaltet wird, lieben die Kleingärtner sehr und diese Liebe zu Boden, Laube und Vögeln hat ihnen höchstwahrscheinlich diesen ulkigen Beinamen eingebracht.

Aber doch bitte der Reihe nach, denn geboren wurde ich im Anhaltinischen und wir drei Kinder der Familie Thier sind bei unserer Urgrossmutter nach original ländlichen Sitten und mit ebensolcher Muttersprache aufgewachsen.

Dass aus dieser Sprachwüste durch Luther die deutsche Sprache geschaffen werden konnte, erscheint mir heute noch als eine gigantische Leistung dieses Kirchenmannes. Urgrossmutter war schon über siebzig Jahre alt, ging aber noch immer zum Bauern zur Arbeit und hatte darüber hinaus auch einen großen Garten am Haus, der auch bearbeitet sein wollte. Klar, dass wir Knaben bei der Obsternte schon in jungen Jahren helfen mussten Die Kirschenernte machte anfangs noch Spaß, aber je länger das dauerte und schließlich Arbeit daraus wurde, ließ das spaßige Wirken nach. Am Schlimmsten war das Ernten der Pflaumen, denn deren Bäume trugen in jedem Jahr wahre Massen an Früchten und die mussten von den Bäumen geholt werden. Gott sei Dank, die Uromi sah ein, dass dazu ein Mann bestellt werden musste, der den Segen zur Erde brachte. Aber ein Baum blieb uns Jungen erhalten, wir sollten auch unseren Beitrag zur Herstellung des Pflaumenmuses leisten. Das war auch genug für uns Piepels, wie Mutter uns öfters nannte.

Pflaumenmus sei eine köstliche Gabe Gottes hat Uroma uns deutlich zu machen versucht, wir konnten aber in jedem Jahr erleben, dass es durch viel und harte Arbeit entstand. Das begann schon mit dem Reinigen des großen Waschkessels, ein tagelanges Schruppen des Kupferkessels bis auch keine Spur von Schmutz oder – was wichtiger war – von Grünspan daran enthalten war. Vater war mal nicht zur Montage und half deshalb schon bei der Vorbereitung mit. Er reparierte den „Galgen“, wie wir das Gestell zum Rühren der dicken Pflaumenmasse nannten, und er war auch aktiv bei eifrigem Rühren. Klar, dass wir „Helfer“ beim Pflücken nun auch beim Kosten vom fertigen Muss mit an der Spitze standen.

Nebenbei bemerkt, auch Apfelmuss schmeckt sehr gut. Dazu braucht man aber keinen solchen Aufwand.

Traurig waren wir bei der Kirschenernte vor allem darüber, dass Uroma in ihrem großen Garten nicht eine Süßkirsche angepflanzt hatte, nur lauter Sauerkirschbäume. Deren Früchte schmeckten zwar auch, aber auf die Dauer konnte man beim Pflücken nicht immer wieder „nachlegen“, das machte der Magen nicht mit. Später – als ich in der Stadt zur Mittelschule ging – hatte ich Glück, denn an der Straße, auf der ich mit dem Fahrrad nach Köthen fuhr, gab es auch Süßkirschbäume, welche Wonne. Doch leider wurden sie in der Reifezeit vom Pächter argwöhnisch bewacht. Und dennoch: Eine handvoll der süßen Pracht konnte ich jedes Mal ergattern.

Na ja, in der Zeit als es zur Stadtschule ging, hatte ich mit der Gartenarbeit nicht mehr viel im Sinne. Uroma hatte diese gesamte Tätigkeit fast allein zu bewältigen.

Als sie mir und meinem Bruder zu sehr leid tat beim Graben, wollten wir ihr helfen. Spaten und Rechen wurden geholt und munter ging es an die Arbeit. Doch schon nach einer knappen halben Stunde taten die Muskeln so weh, dass wir das Werkzeug nahmen und wieder in den Schuppen brachten, sogar ohne den Rechen zu gebrauchen. Und das war ein Fehler, denn als Uroma von der Arbeit nach Hause kam, sah sie ihren Garten und machte ein fürchterliches Trara.

Erst schien es als wollte sie heulen, aber dann ging über uns ein gewaltiges Geschimpfe los. „Wer hat denn nur meinen schönen Garten so verunstaltet?“ fragte sie in die Runde. Wir schwiegen erst einmal, sagten aber dann zwar kleinlaut, doch mit etwas Stolz: „Wir sind es gewesen! Wir wollten Dir doch helfen.“

Ich fügte noch hinzu: „Wir sehen doch, wie Du im Garten immer so schwer zu arbeiten hast.“

„Na ja“, sagte sie schon versöhnlicher, „aber meint ihr, nun ist es für mich leichter geworden?“

Und sofort holte sie Spaten und Rechen und machte sich an die Wiederherstellungsarbeit. Bei ihr ging das schnell von der Hand und als es fertig war, sah es wesentlich besser aus als unser „Werk“.

Ich zog als Resümee, dass ich später mal nichts mit einem Garten zu tun haben möchte, das sei doch für Laien viel zu schwer und arbeitsaufwändig, das müsste schon ein Profi machen.

Aber wie das so ist im Leben – der Mensch denkt und irgendein anderer lenkt. Ich glaube nicht, dass es Gott gewesen sein könnte, er hätte bestimmt das, was dann über unser schönes Land kam, verhindert. Es kam nämlich das Jahr 1933 und damit ein Herr Hitler an die Macht des Staates. Die Nazis im Dorf jubelten und feierten, obwohl sie noch nie die meisten Stimmen bei Wahlen erhalten hatten, auch bei der letzten nicht.

Doch es dauerte nicht sehr lange und es wurden Leute aus dem Dorf verhaftet und dazu gehörten auch die aus dem Vorstand der hiesigen SPD. Angst und Bange breiteten sich aus im Dorf und alle, auch die ohne ein Parteibuch schimpften auf LEKA, den Müller, der in der Nazipartei im Ort die Führung inne hatte. Es müsse doch einer, der Bescheid weiß, die Meldungen an die Obrigkeit – die neue – gegeben haben.

Nach einiger Zeit, waren die meisten wieder daheim und es sah aus als wäre alles wieder im Lot. Das sagte aber niemand mehr, nachdem man erfahren hatte, dass jeder Inhaftierte unterschreiben musste, nichts über das Erlebte verlauten zu lassen. Es wurde aber dennoch ruchbar, dass dort, wo sie waren, geschlagen und gequält worden ist.

Mein Vater zog die Konsequenz, in die Stadt zu ziehen, weil man dort noch unbekannt war und auch verhältnismäßige Sicherheit herrschte. Er fand nach kurzer Zeit auch ein kleines Haus, das er kaufte und was ihn nun mit einer Hypothek belastete.

Mutter, die ihre Wäscherei und Bügelei im Dorf lassen musste, jubelte als ihr Mann mit der Nachricht kam, er habe einen Garten gepachtet. Er war zwar ein kleiner, nur 250 Quadratmeter groß, aber fürs Erste werde man über die Notzeit hinweg kommen. Noch gab es Arbeitslose in hoher Zahl und Vater hat auch zu ihnen gehört.

Die Zeit, da es ein wenig Arbeit gab und dann wieder mal keine, wechselte immerzu ab und es war so auch mit dem Verdienst, mal gab es mehr und mal weniger.

Mit Gartenarbeit über die Notzeit kommen, war eine Parole.

Da war sie also wieder die Gartenarbeit und mir schwante nichts Gutes. Immerhin war ich schon zwölf Jahre alt und da musste man mit zupacken, wenn es um Arbeit im Garten ging. Mein Bruder hatte erst zehn Jahre erreicht und ihm wurde manches nachgesehen. Wagte ich einmal zu bemerken, das Brüderlein sei doch auch noch da, kam regelmäßig die Bemerkung, ich sei der Ältere. Und dabei blieb es auch solange ich denken kann. Er war immer jünger als ich, auch als sein Alter meinem vor zwei Jahren längst entsprach und ich damals schon ganz schön helfen musste. In meiner Kinderseele fand ich das als ungerecht und auch als Bevorzugung des „Kleinen“.

Aber erst wurde ja mal der Garten aufgeräumt, denn der bisherige Pächter war schon ganz schön alt als er endlich das Kleingärtnern aufgab. Das Ausgraben von Sträuchern und Absägen zu vieler Äste und ähnliche „Facharbeiten“ machte Vater allein, da durfte nicht mal Mutter mit ran.

Leider – ich betone – leider blieb er auch bei seiner Einmannarbeit als er Sträucher, Äste und altes Krautzeug verbrannte. Wir protestierten als es in der Familie bekannt wurde und selbst Mutter sagte, dieses Erlebnis hätten wir Kinder schon mal mit ansehen dürfen.

Es war geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen.

Und so wurde es von Vater auch weiterhin gehandhabt. Zwar hatte er mit Mutter den „Generalplan“ des Anbaus oder besser der Gestaltung des Gartens erarbeitet, aber dann passierte es, dass er plötzlich mit einem kleinen Baum ankam und ihn in ein Gebiet pflanzen wollte, wo Mutter in diesem Jahr Kohl anzubauen begonnen hatte, der für die Familienernährung dringend benötigt wurde.

Erst gab es Krach deswegen, aber schließlich erklärte Mutter doch, dass es sehr gut sei, wenn wir auch leckere Pfirsiche ernten könnten. In Gedanken dachte ich mir, na, die wirst du wohl dann auch ernten müssen. Aber bis dahin war ja noch viel Zeit.

Beim ersten Bodenumbruch und den vielen anderen Dingen, die es in einem Garten zu tun gibt, wie Blumenzwiebeln stecken, Sträucher pflanzen und noch manch andere interessante Tätigkeit durften wir nur zusehen, mit helfen wurde nicht gefordert, ja nicht einmal gestattet. Das könnt ihr noch nicht so gut wie das von einem Garten gefordert wird, hieß es dann. Ich dachte dann an unsere Hilfe bei Uroma und sagte nichts zu dieser Bemerkung.

Vater kam aber plötzlich mit dem Gedanken, dass es sehr gut wäre, wenn der Boden auch etwas Dünger zu sehen bekäme. Der Bauer an der Ecke Hallesche Straße vergebe besten Kuhdünger. Und er fügte hinzu, dass es doch für uns Jungs nicht schwer wäre, einen großen Eimer voll zu holen. Ich hoffte, er würde diese Aufgabenstellung für uns wieder vergessen, aber sein Gehirn funktionierte ausgezeichnet und daheim drückte er mir eine Mark in die Hand und brachte uns einen schönen verzinkten großen Eimer und als wir wohl nicht richtig drein schauten, meinte er: Jeder an einer Seite, zu zweit ist das zu schaffen! Das klang wie ein Befehl und wir zogen los, den auszuführen. Unser lieber Papa schien aber keine Ahnung zu haben, wie schwer ein Eimer Kuhmist ist, hatte uns doch der Bauer aus „Fürsorge“ für den Gartenboden fast ausschließlich feuchten Mist gegeben also mit viel Jauche. Hinzu kam, dass mein kleiner Bruder in der Tat ein kleiner Bruder war, der hing mehr am Eimer als dass er mit tragen half. So kam es, dass ich nach der Hälfte der Strecke völlig erschöpft den Eimer abstellte und den Kleinen bat, Vater zu holen, damit er den Rest der Strecke bewältige. Sag aber, ich würde darum bitten.

Vater hat dann den Rest der Strecke doch ohne große Schwierigkeiten geschafft. Ich hörte am Abend, wie Mutter zu ihm sagte, dass er da zu viel von uns verlangte und er bestätigte das mit der Bemerkung, dass ihm selbst der Eimer ganz schön schwer gewesen sei. Er hat das „kostbare Gut“ dann mit dem Handwagen zum Garten gefahren. Am tollen Ertrag der ersten Ernte rechneten wir uns einen besonders hohen Anteil aus.

Die Sache hatte aber noch eine unangenehme Seite. Des Bauern Sohn ging in die gleiche Klasse der Mittelschule wie der größere unter den beiden Düngerträgern und der war ja ich. Klar, dass es in der Klasse bekannt geworden war. Und nun wurde gehänselt und auch provoziert. Ein Schüler wollte unbedingt an der rechten Hand riechen, ob denn der Transport nicht doch wenigstens kleine Geruchspuren hinterlassen hätte. Ehe nicht einer der „lieben Klassenkameraden“ einen Schlag als Quittung für das Hänseln abbekommen hatte, hörte das nicht auf. Aber der Belästigte wurde dann noch vom Klassenlehrer mit einer Rutenerziehung bedacht, er hatte ja einen Mitschüler geschlagen. Dafür musste er auch etwas abbekommen. Das war damals so üblich.

Der Rohrstock als Schiedsrichter im Kampf der Rivalen.

Nun ist es heutzutage kaum noch bekannt und auch nur selten vorstellbar, dass es in dieser Kleinstadt erst Anfänge von Abwasseranlagen gab. Spülwasser wurde über den Rinnstein entsorgt und die Notdurft verrichtete man auf dem Plumpsklo. Es gab auch eine Abfuhr der Fäkalien, aber das dauerte und bei einem Kleingärtner konnte man sich nicht vorstellen, dass er seinen guten „Dünger“ einfach wegfahren ließ und dafür auch noch Geld ausgeben musste. Nein, der kam in den Kleingarten und hatte dort für hohe Erträge zu sorgen.

Als wir 1933 nach der Stadt zogen, gab es noch jede Menge Arbeitslose in Deutschland und Vater gehörte auch dazu. Also pachtete er noch einen halben Morgen Ackerland hinzu und ließ den von einem Bauern umpflügen, so dass dann noch Kartoffeln gepflanzt und Gemüse angebaut werden konnte. Es war ja nicht voraus zu sagen, wie lange diese Zeit des Nichtstunkönnens dauern würde. Die Familie mit drei Kindern musste aber versorgt werden. Das geschah meist im Eigenanbau und der Kleingarten konnte das nicht hergeben, was benötigt wurde. Also ran an die Arbeit in der Landwirtschaft und wir Kinder mussten dazu unseren Beitrag leisten. Maulten wir mal, hieß es recht eindeutig, dass wir zwar gerne essen würden, aber nicht so gerne arbeiten. Da schwiegen wir dann lieber. Aber den Acker bearbeiteten die Eltern gern allein, wir könnten dabei doch zu viel Unsinn machen. Doch Kartoffelsaatgut in die von den Eltern gegrabenen Löcher zu werfen, das konnten wir schon und da erhielten wir die „Erlaubnis“, unsere jungen Kräfte mit einzusetzen. Anfangs machte das sogar Spaß, aber ein halber Morgen ist eine ganz schöne Fläche für uns Kinder und Pflanzkartoffeln sind auch nicht gerade leicht. Da tat die Arbeit weh.

Na ja, wir hatten ja auch noch genügend im Kleingarten zu tun. Aber da bestand auch nicht alles aus Tätigkeiten, die große Freude bereiteten.

Als besonders unangenehm gestaltete sich eine Arbeit, die uns Vater aufgetragen hatte. Wenn das Plumsklo zu voll geworden war, nahm er zwei kleine Fässer, stellte sie in unseren stabilen Handwagen und füllte die beiden Gefäße beinahe bis zum Rand. Dann kamen Deckel drauf, damit nichts verloren gehen konnte und ab ging die Fuhre. Zwei mal hat Vater geholfen, damit wir sehen konnten, wie man einen solchen Transport in den Garten bringt. Dann konnten wir allein diese Arbeit verrichten.

Von den Kräften her konnten wir diese Tätigkeit schon bewältigen, nicht aber von der psychischen Seite her, denn die Fahrt ging mitten durch die Stadt. Die Gefahr, dabei von Klassenkameraden getroffen oder gesehen zu werden, war sehr groß und tatsächlich, das geschah bereits als Vater noch dabei war und uns anlernte. Einen Handwagen durch die Kleinstadt zu ziehen war für Mittelschüler schon eine Zumutung.

Es kam in diesem Falle noch hinzu, dass trotz der sorgsam zugedeckelten Fässer der Inhalt einen nicht gerade sehr angenehmen Geruch verbreitete. Und so hatte ich dann am nächsten Tag in der Schule wieder einen neuen Spitznamen, nämlich „Scheißefahrer“. Wieder mussten die Fäuste für Unterbrechung der Belästigung sorgen und wieder rief der Lehrer mit dem Rohrstock zu friedlichem Miteinander auf, was besonders an mich gerichtet war.

Zwei mal mussten wir dennoch die Fahrt wagen und wer weiß, vielleicht wäre es doch noch öfter notwendig gewesen, wäre die Fuhre nicht kurz vor dem Garten umgekippt. Der ganze „Segen“ lief in die Rinne und verschwand mit unserer Besenhilfe. Da erklärte Vater, dass der Garten genügend mit Dünger versorgt worden sei und für uns entfiel eine äußerst lästige Mithilfe an der Versorgungssicherung.

In der Stadt gab es eine Arbeit weniger zu verrichten als auf dem Lande, das Sammeln von Pferdeäpfeln für die Düngung und Bedeckung der freien Stellen zwischen den Erdbeerpflanzen. Auf dem Dorfe war das eine alltägliche Tätigkeit für uns Kinder, sie war sogar als „Wettbewerb“ verrichtet worden. Besonders in der Zeit der Zuckerrüben und ihrer Transporte auf Pferdewagen durch unser Dorf gestalteten sich die Erträge an „Äpfeln“ ganz schön hoch. Wer die meisten Äpfel hatte, war der Bessere und würde die größten Erdbeeren ernten.

Das entfiel in der Stadt – Gott sei Dank. Sonst hätte das auch noch einen zusätzlichen „Vornamen“ gegeben.

Entschuldigen Sie, liebe Leser, wenn ich jetzt einmal etwas abschweife und nicht bei unserem Garten bleibe. Uromas Garten kennen Sie ja schon und genau der sollte uns nun einmal besuchen. Richtiger gesagt, unsere Uroma sollte uns besuchen und auch unseren Garten kennen lernen. Das war aber nicht so einfach, wie sich unsere Eltern das dachten, denn Uroma hatte in all den Jahren ihres hohen Alters ihr Heimatdorf nicht einmal verlassen. Ihr Leben im Dorfe bestand in der Hilfsarbeit beim Bauern und die füllte sie voll aus, wenn sie auch nicht gerade leicht war.

Morgens früh aufstehen und erst spät wieder vom Feld zurück kommen, das war ihr Lebensrhythmus in der Zeit der Feldbestellung und Ernte.

Und so war sie auf keinen Fall bereit, in ein solches Ding zu steigen, das man Automobil nannte. Es hat Wochen gedauert, ehe die Überredungskünste von Vater dazu führten, dass dann ein kleiner DKW-Reichsklasse vor ihrem Hause vorfahren konnte und sie zu uns in die Stadt brachte. Es war ihre erste große Reise und sie hat noch lange von den Ängsten berichtet – bei jeder Gelegenheit und zu jedem Menschen – die sie bei dieser Fahrt ausgestanden hatte. Aber nun war sie da und stand auf unserm Hof mit einem Korb voller Pflanzkartoffeln, die sie extra für unseren Garten mitgebracht hatte. So gestaltete sich die Kooperation von zwei Gärten.

Selbstverständlich wurde auch unser kleines Gärtchen in Augenschein genommen und freundlich zustimmend und auch recht kritisch wertend bedacht. So wurde Vater sehr wenig freundlich darauf hingewiesen, dass es in ihrem Garten keinen Apfelbaum gebe, der mit einer unschönen Lehmmanschette am Leben gehalten würde. Das gehöre sich besonders in kleineren Gärten nicht, weil diese Bäume da noch eher auffallen als in einem großen wie der ihre. Vater schluckte die Kritik hinunter und sagte, dass er den Baum im Herbst fällen würde. Der stand aber noch als schon Spalierobst Mode war und er trug auch so schöne Äpfel, dass man ihm nicht ans Leben gehen konnte und auch nicht wollte. Nachdem Uroma auch das Haus intensiv betrachtet hatte und mit gut gemeinten Ratschlägen für Verbesserung der Wohnqualität nicht gespart hatte, äußerte sie den unerwarteten Wunsch, nun bald wieder nach hause in ihr Dorf zu fahren. Wir staunten nicht schlecht, als sie die Absicht kund tat, nicht wieder mit dem Auto nach ihrem Hof – ja, Uromas Haus war ein ehemaliger Bauernhof – zu fahren, sie wolle lieber mit dem Dampfross die Heimreise antreten und bald, denn der „Sechsenzog“ – so nannte man zu diesen Zeiten den Sechsuhrzug in der Sprache der Alten – den könne sie noch erreichen und so müsse sie sich sputen und wir alle uns mit. So endete die zwar kurze aber bedeutsame „Weltreise“ unserer Altvorderen. Im Dorf hat sie aber viele schöne Dinge über ihre Reise mit Auto und Eisenbahn berichtet.

Kein Wort fiel über den „verschandelten“ Apfelbaum und auch von den Wohnverhältnissen in dieser Kleinstadt wusste sie den aufmerksamen Zuhörerinnen nur lauter Angenehmes kund zu tun.

Die Pflanzkartoffeln wurden im Acker gepflanzt und da es eine besonders ertragreiche und schmackhafte, auch mehlig kochende Art war, wurden kleine Erdäpfel bei der Ernte gleich wieder für die neue Aussaat ausgelesen. Uromas Kurzbesuch hatte sich also auch für unsere Familie gelohnt.

Hitler war nun inzwischen auch Reichkanzler geworden und die Verhältnisse in Deutschland wurden immer weniger erträglich. Auch wurde deutlich, dass alles auf eine Aufrüstung hinaus lief. In unserer Kleinstadt entstand ein Werk, welches in seiner Größe imponierend war und in dem Flugmotoren produziert werden sollten.

Die Junkers-Werke waren ja als Flugzeugproduzenten bekannt, vor allem mit der Ju 52, einem guten Verkehrs-Flugzeug. Die alte Tante Ju fliegt ja heute noch zu Rundflügen in den blauen Himmel großer Städte.

Aber hier sollten keine Verkehrsflugzeuge entstehen, sondern schnelle Stukas und auch Langstreckenbomber.

Der Herr Junkers träumte aber von großen Maschinen, die viele Flugreisende zu fernen Zielen bringen könnten.

Und er stellte zur Eröffnung der Landesbühnen Anhalt in Dessau ein großartiges viermotoriges Flugzeug vor, das aber nicht den Beifall der Nazigrößen fand, betrachteten sie doch alles, was fliegen kann unter dem Gesichtswinkel der Brauchbarkeit als Bombenflugzeug. Diese Maschine war ihnen zu groß und daher zu langsam, für geplante Überraschungsangriffe völlig ungeeignet.

Vater war aus seinem Betrieb – wo noch immer Zuckerfabriken hergestellt und im Ausland montiert wurden – ausgeschieden und auf anraten eines guten Freundes zu Junkers in eine andere Tätigkeit getreten.

Die Auslandsmontagen waren ihm zu lästig geworden und so arbeitete er mit am Aufbau dieses Werkes. Dort war es noch üblich, dass den Arbeitern das Mittagessen ans Werktor gebracht wurde. Diese wichtige Tätigkeit hatte ich zu verrichten, damit Vater etwas Warmes in den Magen bekäme – wie mir Mutter bedeutete – und dabei lernte ich einen jungen Mann kennen, der mir immer wieder riet, auch bei Junkers einzusteigen und am Aufbau des Werkes mit zu tun. Er war sehr hartnäckig und stand am Tor, wenn das Mittagessen gebracht wurde.

Nun hatte ich aber gerade meinen Lehrvertrag an einer bekannten Druckerei unserer Stadt erhalten und dann zu Junkers als Helfer, ja erst einmal als Hilfsarbeiter zu gehen, das wollte mir und vor allem meinen Eltern nicht sonderlich gefallen.