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Diese Geschichten wurden nicht am Schreibtisch erdacht - es sind Geschichten, "die das Leben schrieb". Gut, manchmal mögen auch Träume mitgewirkt haben an dieser bunten Auswahl von Erlebnissen aus einem nicht minder bunten Leben, das eben nicht am Schreibtisch stattgefunden hat, sondern "draußen" in der Natur, "draußen" in der weiten Welt, immer aber mit einem beobachtenden Blick, ob kritisch, ob sarkastisch, ob leicht amüsiert oder mit leiser Wehmut ob einer lang schon dahingeschwundenen Zeit. Und die Liebe... die erfüllte, die unerfüllte, die erträumte... die Liebe hat sich natürlich auch in einigen Geschichten eingenistet.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Wenn einer eine Blume liebt,
die es nur ein einziges Mal gibt
auf allen Millionen und Millionen Sternen,
dann genügt es ihm völlig,
dass er zu ihnen hinaufschaut, um glücklich zu sein.
Antoine de Saint-Exupéry
Aquis submersus
Beim Friseur in Khartum
Schäferstündchen
Das schwarze Entsetzen
Die drei Frauen im Leben des Mario B
Die Puppe
Die Stiere von Gonfaron
Die rote Ampel
Eine Erntegeschichte
Eisgang
Engelchen und der Floh
Entgleisung
Fun-Ex GmbH
Geheimnis
Kunst am Bau
Mira im Walfisch
Müllerbrot
Schneesturm
Spuren
Mein Stern von Afrika
Abschied
Tante Hiltrud wird nicht singen
Teddy
Vogelfreunde
Wie ein kleiner König
Ein Hauch von Ewigkeit
Die Hitze im Bus ist kaum auszuhalten. Aber nur so kann man die nasse Novemberkälte da draußen, den düsteren Nebel, der auf der Hattstedter Marsch lastet, und die beginnende Finsternis einigermaßen erträglich machen, meint wohl der Busfahrer. Doch Nebel pestet auch im Innern des Busses, der gefüllt ist mit Studenten der Literaturwissenschaft, die fast alle eine Zigarette nach der anderen rauchen. Daran und auch daran, dass hier nicht von „Studentinnen und Studenten“ oder von „Studierenden“ erzählt wird, erkennt der geneigte Leser (und die geneigte Leserin), dass wir uns in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befinden... Unsere Studis werden sich später voller Stolz zu den „Achtundsechzigern“ zählen, frei von allen bürgerlichen Zwängen und täglich damit beschäftigt, den Muff von tausend Jahren, der unter den nicht mehr vorhandenen Talaren der vergreisten Professorenschaft lastet, durch mehr oder weniger witzige Aktionen, Happenings genannt, endgültig fortzublasen und durch eine frische Brise zu ersetzen, immer jedoch mit einer selbst gedrehten filterlosen Zigarette im Mund.
Aber noch sitzen unsere Studis im rauchverpesteten Bus, der sie durch die nebelverhangene Düsternis der Hattstedter Marsch nach Norden trägt. Tagsüber hat man in Husum die Wirkungsstätten des Dichters Theodor Storm besucht, in seinem damaligen Wohnhaus in der Wasserreihe einem Vortrag des Vorsitzenden der Storm-Gesellschaft gelauscht, aus Respekt vor den Original-Einrichtungsgegenständen und (weil es verboten war) ganz ohne Tabakqualm. Man hat das Schloss besucht, jetzt im Nebel, im Frühling aber umgeben von einem Meer von Krokusblüten, und schließlich, auf dem Sankt-Jürgen-Friedhof, den bedrückenden Granitwürfel der Storm-Woldsen-Gruft. Eine Grabstätte wie eine Festung, als müsse sich da einer über den Tod hinaus verbarrikadieren vor der Welt.
Zum letzten Besichtigungsort dieses Tages soll die Fahrt des verqualmten Busses durch immer dichter werdenden Nebel und hereinbrechende Finsternis führen: nach Drelsdorf, in dessen Kirche sich der „Bonnix'sche Epitaph“ befindet, das Bildnis eines Knaben, der im Jahr 1656 „incuria servi“, durch die Schuld des Knechtes, im Wasser ertrunken ist: „Aquis sub mersus“. Bei dem empfindsamen Theodor Storm hatte dieses Gemälde einen tiefen Eindruck hinterlassen. Er schrieb damals: „Diese seltsam harte, die Nachlässigkeit des armen Kerls verewigende Inschrift prägte sich mir ein und ging mir nach, bis sie mich endlich zu dieser Dichtung anregte.“
Zu dieser Dichtung: gemeint ist Storms Novelle „Aquis submersus“, in welcher er die Aussage des Epitaph-Textes noch wesentlich dramatisierte, indem er den Knaben „culpa patris“, durch die Schuld des Vaters, im Wasser versinken ließ.
Der Student Hans hatte im Seminar ein Referat zu dieser Novelle gehalten, und sein Professor, der diese Exkursion „Auf den Spuren Storms“ leitete, hatte ihn gebeten, auf der Fahrt von Husum nach Drelsdorf einen kurzen, aber für diese Geschichte aussagekräftigen Abschnitt über das Bordmikrofon vorzutragen. Der kratzende, knackende Lautsprecher, die knarrende Heiserkeit seiner Raucherstimme ließen zwar keinen „akustischen Hörgenuss“ zu, wie sein Professor bemerkte, aber als Vorleser sei er dennoch „ein Talent“. Und so liest unser Student Hans auf der Fahrt durch Nebel und Finsternis zur Drelsdorfer Dorfkirche als Einstimmung auf das Totenbild, das man besichtigen will, aus der Storm-Novelle vor:
„Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen, bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie Hülfe flehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand.“
Hans schaut vom Reiseleiterplatz neben dem Busfahrer nach hinten: alles ist still, man hat aufgehört miteinander zu reden und zu scherzen, und da es die modernen Medien noch nicht gibt, dappert auch niemand auf seinem Notebook oder Handy herum, keiner hat die Ohren verstöpselt... für einen Vorleser ein wunderbarer Zustand... und der Storm-Text hat die jungen Menschen offensichtlich ergriffen...
Draußen ist es mittlerweile völlig finster geworden. Aber bald schon fährt der Bus unter dem spärlichen Licht der Straßenlaternen durch den Zielort: Drelsdorf ist erreicht.
Schemenhaft das spitze Dach des Kirchturms, kaum zu erkennen im Dunklen das massive Mauerwerk des Kirchenschiffs aus gewaltigen Granitsteinen. Vergebliches Rütteln an der Klinke des Portals. „Na klar, die Evangelen sperren ihre Kirchen ja immer ab!“, höhnt ein offenbar katholischer Jüngling. Enttäuschung, Resignation und leiser Protest wegen der „mal wieder unmöglichen Vorbereitung“ dieser Exkursion durch den Professor. Eine Studentin fragt eine neugierig stehengebliebene ältere Frau, wo man denn den Kirchenschlüssel erhalten könne. „Ach, den Schlüssel, den hat doch der Totengräber! Der ist dahinten auf dem Friedhof und buddelt grade ein Grab aus! Aber stören Se den man nich dabei, der is ein büschen seltsam, wenn er buddelt!“ Und damit geht die Frau weiter und ist nach wenigen Schritten in Nebel und Finsternis verschwunden.
Vom Friedhof hinter der Kirche hört man jetzt deutlich die Geräusche einer Hacke, irgendwo dahinten unter den geisterhaften Spitzen der hochragenden Wacholderbüsche, die wie eine Versammlung von dunklen Gespenstern die neblige Düsternis des Gottesackers bevölkern.
„Leute, ich glaube, wir sollten da wirklich nicht stören. Hier ist nämlich die Spökenkiekerei noch immer zuhause wie einst zu Storms Zeiten. Man glaubt noch an Geister, an Wiedergänger und finstere Gestalten. Außerdem sind wir ja hier im 'Krog' zum Abendessen angemeldet!“ Der Professor öffnet seine lederne Aktentasche und entnimmt ihr ein gefaltetes Blatt Papier: „Hier habe ich ein Foto von diesem Epitaph, wenn Sie das einmal betrachten wollen!“ Er faltet das Blatt auseinander und hält es hoch: „Hat jemand eine Taschenlampe?“
Eine Studentin kramt in ihrer Umhängetasche, es ist das Mädchen, das Hans schon seit drei Semestern heimlich wie einen Engel anbetet. Da – was die Mädchen so alles mit sich herumtragen – da hat sie ein Lämpchen in der Hand und beleuchtet das Blatt, das der Professor noch immer hochhält: ein schwarz-weißes Bild, auf dem das Schwarze überwiegt. Nur das angstvoll verzogene Kindergesicht und eine Hand treten aus der Dunkelheit hervor. Mit einiger Mühe lässt sich auch ein Teil der Inschrift unter dem Bild erkennen: AETATIS 10, der Knabe war also nicht fünf, sondern zehn Jahre alt. „Dichterische Freiheit“, stellt der Professor fest. „So, dann wollen wir mal den historischen Krog aufsuchen!“ Auch der Busfahrer muss der Gruppe folgen: „Sie sind natürlich eingeladen!“
In der Gaststätte ist es heimelig und vor allem warm. Mehrere Tische sind mit „Reserviert“-Schildern versehen. Dort nehmen sie unter den Augen der wenigen Einheimischen – alles Männer, die an der Theke lehnen – ihre Plätze ein, nachdem sie die Jacken und Mäntel an die Kleiderbügel im Flur gehängt haben. Die freundliche Wirtin verteilt die Speisekarten, man bestellt schon mal Bier, Cola und Limo und überlegt dann, ob man Schnitzel mit Pilzen, Bratwurst mit Fritten, Fisch oder etwa gar Labskaus bestellen soll.
„Ich habe eigentlich gar keinen Hunger“, sagt das schöne Mädchen, das wie durch ein Wunder die Sitznachbarin von Hans geworden ist. „Ich auch nicht“, antwortet dieser darauf, und das stimmt sogar. Aber selbst, wenn ihn heftigster Hunger gequält hätte, das würde er diesem Engel gegenüber niemals zugeben. Ein strahlendes Lächeln zeigt ihren Dank. Wofür eigentlich? Für seine Einfühlsamkeit dann wohl. „Du hast übrigens ganz toll vorgelesen, vorhin“, beginnt sie ein Gespräch mit ihm. Sie spricht mit ihm, sie lobt ihn für seine Vorleserei – Hans ist ganz außer sich vor Freude. Er nimmt abwechselnd einen Schluck aus seinem Bierglas und einen Zug aus seiner Zigarette und erzählt ihr von seiner Stormbegeisterung, die ihn als zehnjährigen Jungen gepackt hatte: „Da war ich so alt wie der ertrunkene Knabe.“ Im Bücherschrank seiner Eltern hatte er ein Buch entdeckt „Von Meer und Heide“ und darin die traurig-schöne Geschichte „Immensee“ mit wachsender Teilnahme buchstäblich verschlungen.
Das Mädchen nippt an der Cola und sagt mit leiser Stimme: „Das finde ich wunderbar, dass es so etwas noch gibt... heute lesen die Jungs doch nur noch Krimis und Groschenromane.“ Hans wird es ganz kribbelig vor Freude, und als die Wirtin mit dem Notizblock die Bestellungen aufzunehmen beginnt, wird ihm noch freudiger ums Herz, als die Schöne ihn fragt: „Wollen wir nicht noch einmal zur Kirche gehen und schauen, ob der Totengräber sein Loch fertig gebuddelt hat? Vielleicht können wir dann doch noch das Bild sehen. Ich würde mich so sehr darüber freuen!“
Hans fühlt sich wie im Rausch. Ein lange herbeigesehntes Wunder ist geschehen, der Engel seiner Träume will mit ihm in Nebel und Finsternis aufbrechen, um das Bild eines toten Knaben anzuschauen.
„Nein, danke!“, das sagt er nicht zu dem Engel, das sagt er zur Wirtin, die seine Essenswünsche erfragt, „Nein danke, wir beide haben keinen Hunger, wir wollen noch das Dorf anschauen. Ich bezahle das Bier und die Cola!“
Und dann verabschieden sie sich von der Gruppe. „Denken Sie daran: um 20.00 Uhr fahren wir zurück nach Husum!“, ermahnt sie der Professor, und aus der Gruppe werden Stimmen laut: „Oho – im Dunkeln ist gut Munkeln“... „Passt nur auf, dass ihr euch nicht verlauft!“... „Bleibt anständig!“, und was dergleichen Nach-Rufe in solchen Fällen ja stets beinhalten.
Die beiden treten hinaus aus der Wärme des Krogs in die nebelfeuchte Finsternis und gehen den Weg zurück, den sie vorhin gekommen sind, den Weg zur Kirche.
Stille herrscht jetzt auf dem Friedhof. Der Totengrund mit seinen einsamen, düsteren Wächtergestalten, die aussehen wie in schwarze Kutten gehüllte, schweigsame Mönche. Wacholder, der Wachehalter, bei dessen Namensgebung wohl auch die Totengöttin Hel einst mitzureden hatte: Weghel, Helweg. „Was Du alles weißt!“, staunt das Mädchen voller Bewunderung, und Hans erzählt, dass auch die düster durch den Nebel drohenden Eiben seit germanischer Frühzeit als zauber- und geisterbannend galten und daher so oft auf Friedhöfen zu finden seien. „Gut, dass Du bei mir bist, ich würde mich sonst ja zu Tode gruseln!“ Ein Schauer überläuft das Mädchen.
Im Dunkel neben dem Kirchenportal lehnt ein Spaten an den Granitblöcken der Wand: der Spaten des Totengräbers. Vorsichtig drückt Hans die Türklinke hinab, und das Wunder geschieht, die Tür öffnet sich. „Eigentlich müsste sie unheimlich knarren oder quietschen, das wäre doch auch recht gruselig“, versucht er zu scherzen; aber ganz wohl ist ihm nicht, da es in der Kirche stockfinster ist. Wenn jetzt der Totengräber erscheint!? Wo ist denn der geblieben? „Ach ja, das war bestimmt der Mann in den schmutzigen Klamotten, der in den Krog kam, als wir hinausgingen.“
Das Mädchen leuchtet mit ihrer Taschenlampe nach einem Lichtschalter. Da ist er ja, direkt neben dem Eingang! Aber das Schalten an ihm ist zwecklos, es gibt kein Licht. „Die drehen wohl immer die Sicherung raus! Aber seltsam doch, dass die Tür nicht abgeschlossen ist!“ Und im spärlichen Lichtkegel des Lämpchens betreten die beiden sehr vorsichtig, als könnten sie jederzeit in einen schwarzen Abgrund stürzen, das Innere der Kirche.
Entlang der schnitzereiverzierten Bankreihen gehen sie auf einen Gewölbebogen zu, hinter dem ein Altar mit einer barockumrahmten Christgeburtsdarstellung aus der Finsternis erscheint. Kein Epitaph!
Die beiden gehen vorsichtig zurück durch das immer unheimlicher wirkende Kirchenschiff, sorgsam die Seitenwände ableuchtend – und da taucht plötzlich vor der helleren Wand das fast schwarze Gemälde auf. Im Schein der Taschenlampe blickt der tote Knabe auf sie herab, mit offenen Augen und ängstlich verzogenem Mund, in ein langes schwarzes Gewand gehüllt, mit langen dunklen Haaren steht er dort über der Inschrift, die vom Verschulden des Knechtes am Tod dieses Kindes kündet: AQUIS IN CURIA SERVI SUB MERSUS.
„Aber er hat ja eine rote Rose in der Hand, keine weiße Wasserlilie!“, flüstert das Mädchen. „Dichterische Freiheit!“, antwortet Hans im Tonfall des Professors.
Doch ganz so witzig, wie dieser Satz klingen soll, ist ihm eigentlich nicht zumute, im Gegenteil: Er fühlt sich förmlich in das Bild hineingezogen, das vom Engel neben ihm in langsam schwächer werdendes Licht getaucht wird: Der tote Knabe schließt die Augen und löst sich in Nebel auf, in einen Nebel, aus dem jetzt der weiße Vollbart Theodor Storms erscheint. Der siebzigjährige Storm, todkrank, vom Magenkrebs gezeichnet, so erscheint er im vergehenden Licht der Lampe und murmelt: „Hans... Du heißt Hans?... So hieß auch mein ältester Sohn: Hans... Als hätte ich damals schon gewusst, dass auch ich einstmals meinen geliebten Sohn verlieren muss, meinen Hans... auch er ist versunken, nicht im Wasser, aber im Alkohol... verloren habe ich ihn, für immer verloren... Hans, Hans, gehe schnell aus dieser Kirche hinaus! Lass Dich führen von dem Engel neben Dir und geh zurück ins Leben, geh hinaus und lebe!“
Mit diesen Worten verlischt das weißbärtige Greisengesicht in Finsternis und totaler Dunkelheit. Hans steht wie versteinert, bewegungslos, von Grauen erfüllt. Was ist das denn... was soll das...? Er kann keinen klaren Gedanken fassen in der Schwärze seiner Umgebung.
Da fühlt er die Berührung einer Hand an seiner geballten Faust. „Du bist ja ganz kalt!“, flüstert das Mädchen neben ihm und umfasst seine klammen Finger mit ihren Händen, die eine wunderbare Wärme ausstrahlen. „Komm, wir müssen hinaus aus dieser Kirche“, sagt sie leise. Und Hand in Hand tasten sich die beiden dem Ausgang zu.
Abends kamen wir aus unseren Löchern: Wenn der riesenrote Glutball der tropischen Sonne in den staubgelben Ebenen hinter der Stadt versank und die Menschen aufzuatmen begannen und sich vom feurigen Hauch des glastenden Tages erholten. Oh, diese Gerüche! Sie sind ein Teil des schwarzen Kontinents: dieser Staubgeruch, der Dunst nach Vieh und nach gekochten Bohnen, vermischt mit schwerem, süßen Blütenduft, der in Schwaden aus feuchtgrünen Gärten über den ausgetrockneten Wegen hing...
Und dann waren die Sterne da, die prächtigen afrikanischen Sterne: dicke, funkelnde Diamanten am samtschwarzen Nachthimmel, der nur im Westen noch einen schmalen gelbroten Abend zeigte.
Und wir gingen durch die staubigen, breiten Straßen und sogen den Duft ein, dieses berauschende afrikanische Geruchserlebnis, wir tappten im Dunkeln und kamen nur langsam voran, denn im Weg waren tiefe Löcher.
Grellweiße Rechtecke waren in die Finsternis geschnitten, das Licht aus den Läden der Kaufleute, in denen das bunte Gewimmel des Vormittags seine Fortsetzung fand. Nach der heißen, jede Lebensregung erstickenden Gluthölle des sudanesischen Nachmittags ein Labsal für Augen und Gemüt...
Wir gingen von Rechteck zu Rechteck und schauten aus der Dunkelheit heraus auf die kleinen, hell erleuchteten Bühnen des Lebens, und wir schauten, und unsere Augen tranken sich satt.
Und die Ohren schwelgten in fremden Geräuschen; Händlerrufe erklangen, exotische Musik, der hinreißende Rhythmus der Trommeln, Lachen, Geschrei, Autohupen und das Schrillen der großen Insekten. Und dann und wann der erschreckte Schrei eines Nachtvogels, das Weinen eines Kindes.
Und das alles eingehüllt in diese kostbare, warme Nachtluft mit ihren fremden Gerüchen. Und unsere Füße tappten wie auf Watte im dicken Staub der schwarzen Straße.
Vor einem besonders hellen Rechteck bleiben wir stehen. Ein weißer, kahler Raum ist mit mannshohen Spiegeln ausgestattet, vor denen sich in luxuriösen Polstersesseln dunkelhäutige Männer die Haare schneiden lassen. Ein ganzes Friseurteam ist im Einsatz und kürzt in Windeseile die krause, dunkle Wolle der Kunden, die nachlässig in den Sesseln liegen, teils Zeitung lesen, teils mit ihrem Friseur in heftige Debatten verwickelt sind.
Meine Haare ärgern mich schon lange bei dieser großen Hitze, und so beschließen wir, dass ich in einem der Sessel Platz nehme. Sofort schießt ein eilfertiger, weißbekittelter Schwarzer auf mich zu, umhüllt mich mit einem Leinentuch und beginnt zu schnippeln – was sage ich – er beginnt zu schneiden, als gelte es, einen Akkord zu brechen. Mir wird schnell wesentlich kühler auf der Kopfhaut, doch lässt die Entspannung merklich nach, als ich im Spiegel meine Freundin sehe, die entsetzt dort im Hintergrund sitzt und die vor lauter Schreck erst eingreift, als der halbe Schädel bereits kahl ist.
Sie staucht meinen armen Friseur mächtig zusammen, und der versucht sich zu rechtfertigen, in dem er auf eine seitlich angebrachte große Tafel zeigt, auf der afrikanische Frisuren zu sehen sind. Und die sind alle sehr kurz; die Frauen haben die hübschen kleinen Haarschwänzchen, die lustig wie Antennen vom Kopf abstehen oder kunstvoll geflochtene Netze, Schnecken und Zöpfe – aber wir sind hier bei einem Herrenfriseur – und die Herren tragen die Haare „drei Millimeter unter der Kopfhaut“, wie es beim Militär so schön heißt.
Also: ich bin's sehr zufrieden, obgleich ich wirklich übel aussehe. Zum rostrot verbrannten Gesicht diese fast weiße Platte – wie eine Bombe!
Die Afrikaner lachen; nicht schadenfroh oder gemein, nein, sie sind fröhlich und freuen sich, dass ich hier sitze und mir die Haare schneiden lasse. Ich sitze im Sessel und betrachte mich, und überlege, woher eigentlich die Weißen ihren Dünkel nehmen, wenn sie glauben, sich über farbige Menschen erheben zu können. Wie ästhetisch wirkt doch der fast kahle Ebenholzschädel des Mannes neben mir – und wie plump und schweinchenrosa sehe ich dagegen aus!
Nein, die schönsten Menschen hat die Weiße Rasse nicht gerade hervorgebracht; im graukalten Norden, wo man dick eingehüllt durch die nebelfrostigen Tage hastet, ist ein schnupfengerötetes Gesicht etwas Alltägliches, wenn auch nichts Schönes. Hier aber, im Herzen Afrikas, inmitten der wundervoll gewachsenen, gleichmäßig schwarzen Menschen mit ihren perlweißen Zähnen und den leuchtenden Augen – da sieht man irgendwie krank aus, krank und nicht für ein Leben auf Gottes Erdboden geschaffen.
Aber dann gehen wir wieder durch die Dunkelheit und durch die berauschenden tropischen Gerüche – und trotz der immer noch herrschenden Hitze fühlt sich mein Kopf so wunderbar frisch und kühl an, und auch meine Freundin hat ihren Schock wohl überwunden, denn sie geht fröhlich plaudernd neben mir her unter den funkelnden afrikanischen Sternen.
„Ja, ja“, sagte der alte Schäfer, indem er sein Holzbein abschnallte und neben sich ins Gras legte, „über dieses Dorf muss man nur ein großes Dach bauen, dann ist der Puff fertig!“ Wir drei Jungen wussten zwar nicht, was ein Puff ist, aber wir verfolgten interessiert alle Bewegungen des Schäfers beim Abschnallen der Prothese.
„Mein Bein hat ja der Franzmann behalten, damals vor Verdun. Das war im großen Krieg, da war ich noch ein junger Mann. Der Franzmann war ja ganz wild auf die Beine unserer Familie: Mein Vater war 1870 beim Todesritt von Mars-la-Tour dabei und verlor sein rechtes Bein bei den Siebenten Kürassieren.“ Was Kürassiere waren, das wussten wir, denn wir spielten oft mit den Zinnsoldaten auf Eckhards Dachboden. Aber, ähnlich wie der „Puff“ war uns „der Franzmann“ , von dem ständig die Rede war, eine unbekannte Größe. Wir stellten uns da so eine Art Vogelscheuche vor mit vielen Fransen daran zum Vertreiben der Vögel... Also, der Franzmann hatte das rechte Bein vom Vater des Schäfers. Was wollte er nur mit all den Beinen? Ich beschloss, abends meinen Vater danach zu fragen, der war auch im Krieg gewesen, aber beim Iwan, den kannte ich schon genauer!
Nun gut, der Franzmann also hatte das rechte Bein vom Vater des Schäfers, was diesen – den Vater, nicht den Franzmann – aber nicht daran hinderte, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu Ruhm und Aufbau des jungen Deutschen Kaiserreiches mehrere Kinder zu zeugen, von denen unser Schäfer das Jüngste war. Und nun hatte der Franzmann auch dessen Bein, und zwar das linke.
Der Schäfer streckte sich im Grase aus, massierte seinen Beinstumpf und pfiff seinem Hund, der schweifwedelnd neben uns stand: „Hasso, an die Arbeit, du fauler Sack!“ Und gehorsam zog Hasso seinen Schwanz ein und begann die Schafherde wieder zusammenzutreiben, die sich am grasigen Hang verstreut hatte.
„Wieso ist das Dorf ein Puff?“, wollten wir nun wissen, auch wenn uns die Bedeutung des Wortes ein Rätsel war, aber das konnten siebenjährige Bengel ja nicht zugeben – und außerdem: Puff – das klang doch so nett, so nach Silvester und nach der Puffbahn, die ja damals noch durch das Dorf fuhr mit mächtiger Rauchfahne unter Schnaufen und Puffen... Aber mein Vater würde mich am Abend ja gewiss aufklären...
„Naja, wieso Puff... soll ich euch mal sagen, warum das hier im Dorf so viele Leute gibt, die Müller heißen?“ Klar, das interessierte uns sehr, denn der Schäfer hieß ebenfalls Müller. Dafür hieß der Müller des Dorfes Schäfer – darüber hatte sich schon die Lokalzeitung mehrfach lustig gemacht. Und einer dieser vielen Müller hatte das Dorf sogar in ganz Deutschland bekannt gemacht, als die Bildzeitung (damals noch für 10 Pfennig) in ihrer Schlagzeile von ihm berichtete: „Barfuß bis zum Hals durch das Dorf“. Diese Geschichte kannten wir aber bereits: Vor einiger Zeit war einer der vielen Müllers in Abwesenheit des Müllers Schäfer in dessen Haus, in sein Schlafzimmer und schließlich in die Müllerin eingedrungen, obwohl sie keine schöne Müllerin war, eher eine hässliche Schäferin. Doch wie das Leben so spielt und oft – wer kam nach Haus, ganz unverhofft? Na klar, der Müller Schäfer kehrte heim und verdarb dem Schäfer-Verwandten Müller das Schäferstündchen, indem er ihn splitternackt wie er war – der Müller, nicht der Schäfer – aus der Mühle jagte, die ja Eigentum des Herrn Schäfer war.
In der Abenddämmerung pflegten die Dorfbewohner gerne vor ihren Häusern zu sitzen um des vergangenen Tages Mühe und Lasten zu besprechen. Von der Mühle, die naturgemäß im unteren Teil des Ortes lag, bis zum Hof des gedemütigten Herrn Müller im oberen Teil war es ein relativ langer Weg, den die untergehende Sonne oder der aufgehende Mond beleuchtete. So etwas zieht sich und so etwas zieht Kreise, nicht nur bis zur erbitterten Gattin, in diesem Fall sogar von den Alpen bis zur Nordsee. Dem Gelächter und dem Spott des Dorfes ist seine Familie bis heute ausgesetzt. Seine Enkel fragt man noch immer: „Ach, war Dein Opa nicht der Nacktmüller?“
Nunja, so konnte man allmählich dann auch die einzelnen Müller-Linien von einander unterscheiden. Da gab es den Dödel-Müller, den Saumüller, den Kohlen-Müller, den Bölk-Müller, den Sauf-Müller (aber das waren sie eigentlich alle) und schließlich den Humpel-Müller, unseren Schäfer, der neben uns saß und immer noch seinen Beinstumpf massierte.
