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Ein Sommertag beginnt. Ein Junge erwacht. Anstatt zu lernen, lauscht er den Lauten des Sommers, dem Gesang der Vögel, träumt von der Fahrt aufs Land, vom Garten seiner Großmutter – erinnert sich an die ersten zaghaften Umarmungen eines Mädchens ... Eine Zugreise beginnt. Die Rückreise des Jungen und des Mädchens, die als Erwachsene an die Orte ihrer Kindheit reisen. Die Erinnerung des einen verschwimmt in der Erinnerung des anderen, als gäbe es keine Zeit und keinen Raum mehr, nur noch die Verzauberung des Augenblicks ... Kai Maruhns Sommerkomposition gleicht einem impressionistischen Gemälde und erinnert auf eigentümliche Weise an die sprichwörtliche proustsche Madeleine.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kai MaruhnVogelhälseRoman
Kai Maruhn wurde in Berlin geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Geschichte und arbeitete in unterschiedlichen, mehr oder weniger interessanten Jobs. Die „Vogelhälse“ haben eine ebenso unglaubliche, wie wahre Geschichte: Nachdem das erste Manuskript einem Hausbrand zum Opfer fiel, wurde der Laptop mit der zweiten Fassung gestohlen und fand sich erst Wochen später auf dem Grund eines Teiches in einem nahegelegenen Park wieder. Die dritte, hier vorliegende Fassung, erschien bei duotincta.
Für Karen und Janet
– Das hast du nicht!
– Hab ich doch!
– Hast du nicht!
– Hab ich doch!
Der Junge hatte neben dem Sekretär gestanden und gewartet, eine Weile. Er sah durch die Fenster in den Garten, und nichts rührte sich.
Wie früh es noch ist.
Niemand schien wach, nicht ein Geräusch aus dem Haus war zu hören.
Zögerlich, noch langsam und noch bevor der Tag ganz herangezogen war, wechselte das Licht. Diffuses Blau in Gelb.
Wie früh es noch ist.
Die flatternden, schnellen, fast hastigen Punkte der Schwalben, der Mauersegler, vor dem Dampf der zerfasernden Wolken, nur dann und wann durchbrach ein klares Licht den Morgen und zeigte die ganze Helligkeit eines beginnenden Tages, an dem nichts geschieht und nichts geschehen wird, der einfach nur da ist, unverrückbar und duftend.
An diesem Morgen, wie auch an den letzten Schultagen, begann es warm, ja heiß zu werden, nichts war mehr übrig vom kühlenden Wind, von den kalten Füßen, den Pullovern, die an Herbst, nicht aber an einen beginnenden Sommer denken ließen, fast erwartete man noch Harsch, noch Raureif, Schneeregen, da liefen noch Schauer über den Rücken, als der Frühling vorüber schien und es wärmer wurde, schon heiß, und sich dann doch mit aller Macht noch kühlere Tage vor den Beginn des Sommers schoben. In diesen Tagen gab es selten das Gefühl, geborgen zu sein, bis es dann eines Morgens, nach dunklen Juniregenwolken, endlich wieder warm zu werden begann. In der Nacht brach das Wetter um. Und an diesem Morgen war es heiß, diesen Vormittag trug der Junge das erste Mal seit dem Frühling, seit dem Einbruch dieser Kühle, keine Jacke, keinen Pullover mehr.
Jetzt war er da, der Sommer, hatte sich pünktlich zum Beginn der Sommerferien eingefunden, an deren erstem Morgen der Junge aufstand und neben dem Sekretär wartete und vergaß. In diesem Moment war der Junge wach, und als er noch in seinem Bett zur Decke blickte, träumte er bereits von der Fahrt, von den Ferien, vom Land. Als er noch im Bett lag und nach dem Aufwachen die Augen schloss, sah er schon die Höhenzüge, die Felder, den breiten Fluss, und er sah das weiße Meer, die Atolle, er sah Polynesien, die Zweirumpfboote und James Cook auf dem Deck seines Schiffes, der Bark Endeavour, James Cook, der Sohn eines Landarbeiters war und aufbrach, Ozeane zu überwinden, um ein magisches Südland zu suchen, ein unbekanntes Land, als Terra incognita auf den Karten verzeichnet.
Ein Südland suchen. In der Fremde.
Mit einer Dreimastbark.
Einem so kleinen Schiff.
Ein unglaubliches Unterfangen in einer Nussschale.
Man hatte ihm gesagt, dass er diese Ferien über für das nächste Schuljahr lernen solle. Jeden Tag ein bisschen, zwei, vielleicht drei Stunden, das sei ja nicht zu viel verlangt.
Er war nach unten gelaufen an diesem Morgen, in einen von der Sonne durchtränkten Raum, er hatte seine Bücher unter dem Arm und wartete, bis sie ihm sagten, wo er anfangen solle. Niemand war da. Das Haus schlief, wie alle Häuser um ihn noch schliefen, in einer schlafenden Welt, und er schaute sich um. Die Fenster und die Terrassentüren standen offen. Er hörte keinen Laut, nur das Flimmern des Lichts. Es war still, kein Wind, der ging, kein Rauschen der Obstbäume im Garten, der nahen Kiefern, der hohen Birken mit ihren hellen Blättern. Wie in einem Tanz konnten sonst die Blätter in den Wipfeln der Bäume wirken, ein Neigen, ein Rauschen, ein Winken hundertfacher Arme in einem einzigen Klang.
Es war warm und hell, noch fiel die Sonne flach in den Raum, und traf sie auf ihn, wärmte sie und brannte bereits für einen Augenblick auf der Haut, und er fuhr mit der Hand über die Stelle, auf die sie traf, als wische er sie achtlos beiseite. An diesem Tag erahnte er die Hitze eines nicht enden wollenden Sommers.
– Wann war das, wann hattest du gesagt?
– Ich erinnere mich nicht.
– Der Sommer war wohl lang?
– Ich erinnere mich nicht.
– Wir sind oft an die See gefahren, ans Meer, ich weiß noch, wie wir in der Sonne lagen, im Sand, und an nichts dachten, nur leichter, kühler Wind vom Land und der Geruch von Fisch und Tang und Salz, sagte sie, und der Tee dampfte in den Bechern und das Rattern des Zuges tat ein Übriges, schläfriger wurden sie, mit jedem Takt der Gleise, mit jedem Rauschen eines in die entgegengesetzte Richtung fahrenden Zuges, und die Sonne wärmte noch durch die Scheiben und in allen Farben standen die Laubbäume, Blätter flogen rot und gelb.
Der Junge hatte neben dem Sekretär gestanden und gewartet eine Weile. Still war es und der Hochsommer hatte begonnen, der erste Tag der großen Ferien.
– Das hast du nicht!
– Hab ich doch!
– Hast du nicht!
– Hab ich doch!
Er drehte sich nicht um, aber erschrak, als er die Kinderstimmen hörte, sie waren laut und polternd und klangen, als würden sich die Jungen draußen schlagen wollen, schnell und überhastet stolperten die Worte von den nahen Parkwegen her, und es wirkte, als riefen sie dicht vor der Terrasse und stünden in seiner Nähe, und sie übertönten für einen Moment das Hundegebell aus den Nachbargärten und das Fahren der wenigen Wagen. Schnell stritten sie, und unwillkürlich ebbten die Stimmen ab.
Und es war wieder still, von irgendwoher hörte er Schritte, das leise Schaben von Sohlen auf Sand. Kein Wind, der ging. Kein Laut. Kein Vogelzwitschern.
Noch vor einer Stunde vielleicht, war ihm im Halbschlaf in seinem Zimmer alles voller Leben erschienen. Aus allen Winkeln, aus allen Büschen, Bäumen, von den Spitzen der Dächer sangen die Vögel, als würden sie nie aufhören wollen, und sie flogen über die Gärten, unermüdlich bemüht, ihrer Brut das Futter, die Würmer und Fliegen zu bringen, und jetzt sangen sie nicht mehr, da waren nur die Mauersegler, die hoch ihr schrilles Pfeifen pfiffen und unaufhörlich ihre Bahnen zogen.
Wie Schatten.
Wie warm es in den fiependen Vogelhäusern sein musste und wie die Vögel schwitzten mussten, mit prustend offen stehenden Schnäbeln, mit ausgebreiteten Flügeln, in der kommenden Hitze des Mittags, an dem alles stillzustehen scheint, an dem keine Zeit vorüberzieht, alles geborgen, dauerhaft beständig bleibt.
Wie gern wäre er nach draußen gelaufen, hätte alles stehen und liegen gelassen, um in den Wiesen weiterzuschlafen.
Er wartete.
Früh war es und warm, nicht der Schatten einer Wolke vor der Morgensonne. Tiefblauer Himmel. Als er aufgewacht war, hatte der Junge keinen Unterschied zwischen der Wärme des Bettes und der des Tages bemerkt, er hatte einen Fuß aus der Decke gestreckt und sich gefreut.
Es war der erste Tag der Sommerferien und er war aufgestanden, ohne einen Laut war er in das Badezimmer gegangen, auf Zehenspitzen über die dösigen Hunde gestiegen, hatte ihr warmes Fell an seinen Füßen gespürt, ein Brot gegessen und kalten Tee getrunken, mit Zucker, wieder mit immer zu viel Zucker, wie seine Großmutter auf dem Land mahnte, das Land, das Westdeutschland hieß und in das sie bald fahren würden, morgen oder übermorgen früh. Kannenweise Hagebuttentee bereitete seine Großmutter, ungesüßt und wässrig, aber süß sei der doch am besten, sagte er und löffelte Zucker und später dann Honig, nimm doch lieber Honig statt Zucker, sagte seine Großmutter, und wenn er den Tee dann zu sehr süßte, sollte er Wasser dazugießen, das sei eh das Beste im Sommer, ihr müsst mehr trinken, sagte sie dann, und der Junge sah sich Kannen Hagebuttentee trinken, mit seinen aufgeschlagenen Knien, an denen der Schorf den Sand einbettete und festhielt, wie siehst du denn wieder aus, sagte sie und spuckte in ein Taschentuch und kniete sich hin und griff schon nach einem seiner Beine, das er wegzog und dabei wünschte, dass sie das nicht tun solle, weil es wieder brennen würde, hab dich nicht so, sagte sie und tupfte schon auf den frischen Schorf, ich muss das jetzt reinigen, sonst entzündet es sich noch, und dann solle er mal sehen, wie das dann wehtäte.
Und er war hinuntergelaufen. Ein Knäckebrot mit Salz in der einen Hand und die Bücher unterm Arm nah an den Körper gedrückt stand er neben dem Sekretär und wartete eine Weile, und hörte erneut das Johlen und Rufen der Kinder, die nun entfernter spielten und von ihren Ferien träumten, in Gedanken bereits an den Stränden lagen, in den Wäldern, den Badeanstalten, unter Palmen oder bei den nahen Ruinen der Burgen, und die größten Strandburgen bauten, die sie bauen konnten, größer und höher, als diejenigen, die die Welt sich vorstellen konnte.
Es war der erste Tag der Ferien und er sollte lernen, solle sich hinsetzen und lernen und erst einmal die Bücher lesen, die er zu lesen habe, und dann, wenn er noch Zeit habe, könne er die nehmen, die er so gerne las, die Logbücher James Cooks seien jetzt nicht seine Lektüre, die könne er erst mal ganz vergessen, die würden für ihn jetzt überhaupt nicht existieren, die gäbe es für ihn jetzt gar nicht, sagten sie, und auch den Vasco da Gama wollten sie bei ihm nicht sehen, nicht im Wagen und auf gar keinen Fall an seinem Bett, weil der niemals um die Erde gesegelt sei, das könne er sich jetzt ganz abschminken, und der Junge sehnte sich nach einem Gewitter, nach dem lauten, nicht enden wollenden Fallen, dem Prasseln des Regens, dem hohen Krachen der Donner, dem Vergessen.
Wenn er fertig sei, habe er ja Zeit für sich, sagten sie, da könne er das tun, was er tun wolle, wenn der Tag sich neige und verschwand und er die Zeit genutzt habe.
Untätig wartete er neben dem Sekretär, der dunkel in der Sonne stand, und wollte sich nicht setzen, noch gab es zu hören, noch galt es zu lauschen, zu sehen, die Bewegung des Laubes, das Bellen der Hunde und das weit entfernte Rufen der Kinder, als würde nie eine Sekunde verstreichen und als würde nie Abend werden, nie Nacht, und wenn, dann nur so unmerklich, dass die Hitze hing und blieb, sich nicht abkühlte, dass Grillen zirpten im Gesang der Nachtigall und die Nacht nicht leise wäre, dass es nur dunkler war, eben nicht mehr hell, und man irgendwann müde würde und zu träumen begänne, wie man über die Ebenen träumt, hinübergleitend über die Felder streicht, die ewigen Flüsse, die Steppen, die Wälder, die Hohlwege, den staubigen Lehm, die trocken brechenden Äste, in die Erzählung der Wanderung hinein, in die Kaftane, die über die Bazare schlendern, die Früchte, die goldgelb und rot und grün duftend feilgeboten werden, die Karawanen, die Fischmärkte und die Rufe der Matrosen in den Wanten, die ihre Schiffe seeklar machten und in den ewigen Weiten des silbernen, indischen Ozeans verschwanden.
Es war so still an diesem ersten Tag der Ferien. Kaum ein Wind, der ging. Nur dann und wann verfing sich das Fallen staubiger Blätter in den garnigen Kronen der Gräser.
Der ganze Duft des Sommers hüllte ihn in eine nicht enden wollende Wärme ein. Grüner Pollenstaub legte sich unaufhaltsam. Der Junge hatte die Hefte um seinen Brustkorb gelegt, gebogen, Krümel des Knäckebrots dazwischen, er achtete nicht auf einknickende Ecken, mit gekreuzten Armen und fast bewegungslos wartete er geduldig, in einem kurzärmeligen, weißen Hemd, dessen obere beide Knöpfe offen waren, und spürte die Ecken der Hefte auf der Haut kneifen.
Die Tage zuvor hatten sie das Haus geputzt, hatten auf den Knien die Fußböden geschrubbt, sie wollten es ordentlich haben, wenn sie wiederkämen, keine Vase mit verwelkten Blumen sollte in den Wochen ihrer Abwesenheit herumstehen. Sie wollten bei ihrer Rückkehr nichts zu tun haben, nur noch die Koffer auspacken, sich setzen oder legen, den Nachmittag auf der Terrasse verbringen.
Der Junge dachte daran, wie entsetzlich es wäre, wieder zurückzukommen, und er wünschte sich, nicht mehr wiederzukehren und sich nie mehr in die niemals endende Wanderung einzureihen, er sah sich in einem hölzernen Schiff in Richtung des offenen Meeres treiben und ihm war, als höre er nur das Knarren und Rumoren des Holzes und des Windes, der sich im flatternden Segel verfing, und die Stimmen spielender Kinder, die den Booten winkten und nahe dem Ufer im Wasser spielten.
Regen schien es zu geben und es dauerte nicht lange und die ersten Tropfen fielen gegen die Scheibe, die kühl war. Sie standen im Abteil, drehten sich um und blickten in das blasse Rosa der Nachmittagssonne auf der anderen Seite des Zuges und sagten so etwas Unsinniges wie, das sei ja wie am Meer.
Sie hatten vor ein paar Tagen beschlossen, zurückzufahren, um die Orte ihrer Kindheit wiederzusehen, die ihnen einmal von Bedeutung gewesen waren und in denen sie die Zeit vergessen hatten. In einen nie enden wollenden Sommer wollten sie zurückfahren.
Zu Carmen stand seine Mutter auf einer Klappleiter und wienerte über die Fenster. Laut und falsch, aber zufrieden, sang sie ihre Lieblingsoper, die erste, die sie je gesehen hatte, wie hatte sie sich damals gefreut, als man ihr sagte, dass sie das Kleid und kein anderes bekommen würde, genau das, vor dem sie stehenblieb, erinnerst du dich nicht, sagten sie, du erinnerst dich genau und tust nur so, und stellst dich nur so, sagten sie, in Köln damals bliebst du zurück. Vor einem Schaufenster war sie stehengeblieben, auf keinen Ruf hatte sie reagiert, so verzückt war sie und betrachtete sich das Kleid von allen Seiten, sie befand es für gut, ihr würde es passen, das will ich gerne haben, sagte sie strahlend, und jetzt, zu diesem Abend, ihrem ersten Opernabend, hielt sie es in den Händen, noch heute lachte die Großmutter über das verdutzte Gesicht ihrer Tochter, als sie ihr sagten, dass sie für ein solches Kleid noch zu jung sei, zu klein, du bist ja noch ein Mädchen, solche Kleider kriegst du später, wenn du größer, erwachsener bist, für die Oper reicht noch dein altes, das gute. Und sie sah sich schon an ihrem alten herumzupfen, ihr altes war nicht abgetragen, aber eben ihr altes, das Kleid eines kleinen Mädchens, nicht das einer jungen Frau, die sie war, wie sollte sie sich in diesem Kleid verstecken können, hatte sie gedacht, wie sich so klein machen, wie es irgend ging, dass sie niemand mehr sah, nie wieder sah, sie gehörte doch in das Kleid einer jungen Dame, und nun hatte sie genau das Kleid, das sie in Köln im Schaufenster bewundert hatte, das war kein Traum, das war wahr, sofort drückte sie es an sich und ohne ein Wort lief sie die Stufen hinauf in eben das Zimmer, in dem der Junge auch aufgewacht war, und sie zog das Kleid an und öffnete eine Schranktür und drehte sich voller Entzücken, barfuß, auf Zehenspitzen vor dem Spiegel, sie sah so aus, wie sie es sich vorgestellt hatte, wie es ihrer Grazie, ihrer Schönheit entsprach, wie stolz sie sich drehte und wie stolz sie ihren Mund spitzte und die Hände vor ihn legte, als dürfe sie nichts sagen, und sie gab sich das Gesicht einer Dame, und da war sie erwachsen und ihre Füße taten ihr schon weh.
Das Kleid trug sie immer wieder gerne und oft, und auch als sie schon längst viele andere hatte, war das ihr liebstes Kleid, wie sie dem Jungen einmal erzählte, als sie sich die Familienfotos betrachteten und er sie auf einem Bild sah, und daneben sah er sie in Hosen, und Hosen trug sie gerne, denn Hosen, sagte sie, galten bei den Mädchen als besonders schick.
Als sie die Zimmer aufräumten, putzten, die Betten machten, die Fenster, Rahmen, Möbel, die Bilder, lag der Junge mit dem Kopf knapp über dem Boden und kratzte das Kerzenwachs der letzten Weihnacht von den Dielen, er sah auf die Schubladen des Sekretärs, in dem sich ein Teil der Familienalben befand, die abends manchmal hervorgenommen und betrachtet wurden, da hatte er das Gesicht nahe an die Fotos gehalten und den Schmelz, das nach Rauch und Staub riechende Aroma der Bilder eingesogen, einige waren schon vergilbt, alte Schwarzweißfotos, die, wie er lernte, nicht lange genug fixiert wurden, aber es gab ja die Negative und man müsse sie nur noch einmal abziehen, sagten sie, und ob sie sich noch an den erinnern könnten oder an den, war das nicht der und der, und das war doch auf Borkum oder, nein, auf Sylt, und die hier hatte man doch in Siena, oder war es Trier, wiedergesehen, ein zauberhafter Sommer war das, sagten sie, erinnerst du dich an das Meer, diese unglaubliche Farbe, das Licht, erinnerst du dich, weißt du noch, erinnerst du dich an das Meer, damals, als du den Sand in die Augen bekamst und heultest und heultest und wir wussten gar nicht, warum, das war ja in Atlantic City, bis Papa auf die Idee kam, dass du ja so klein seist und so der einzige, der den Sand in die Augen bekam, und er dich dann auf die Schultern nahm, da hast du dann wieder gelacht und deine schwarzen Augen haben wieder gestrahlt und gefunkelt, als hättest du noch viel vor, du hast Papa vor Freude auf den Kopf getrommelt, ihr habt so gelacht, als ihr losranntet, auf das Meer zu, als wolltet ihr es fangen, es anhalten, weißt du noch, erinnerst du dich, du warst da noch so klein, sieh, das war ja in Atlantic City, am Ozean.
Sie lachten dann und erst später erfuhr er, dass sie sich den Ozean angesehen hatten, weil sie vorhatten, nicht mehr in der Heimat zu bleiben, sondern dorthin auszuwandern, um an diesem Meer zu leben im Takt der tang- und gischtbekrönten Wellen, dem Schreien der Möwen, dem ewigen Anrollen der Meeresschaufel. Vielleicht hätten sie dann in einem der Häuser dort auf den Bildern gewohnt. Der Junge sah sich die Häuser länger an, legte seine Hand auf die Seite des Fotoalbums, um ein Umblättern zu verhindern, es gab viele Häuser, die in nicht zu großen Abständen meerseitig standen. Eine Terrasse, auf der er morgens das Meer hätte sehen können, vielleicht sogar aus seinem Fenster, er liebte das Meer, da es ihm so sauber und wild und unbändig schien, es war das Meer, das Vasco da Gama faszinierte. Und er sah sich, mit einem Schiffsmodell nah an den Augen auf dieser Terrasse stehen und sah das Schiff langsam in den Horizont segeln.
Früher, dachte er, früher lief er in den Schnee, um die Rentiere zu sehen, wenn ein Weihnachtsmann in einem schneebedeckten, braunen Mantel in das Wohnzimmer trat und brummte. Kein echter Weihnachtsmann lief in einem roten Mantel und einer roten Zipfelmütze herum. Ein Weihnachtsmann war kein Gartenzwerg und hatte niemals einen weißen Bart, sondern einen verschmierten, verschneiten, verfrorenen, vereisten, graubraunen, und das Eis musste im Zimmer schmelzen, Tropfen sich im Bart verfangen, und er musste sich mit dem Handrücken über den Bart fahren, immer wieder, und vor allem war ein Weihnachtsmann gehetzt, hatte kaum Zeit, immerhin musste er die ganze Welt in einer Nacht beschenken und er konnte, und das war entscheidend, die Zeit anhalten, nicht dauerhaft, aber für eine bestimmte Zeit, er war ein Magier, Zauberer, Druide. Kein Weihnachtsmann hielt den Jungen auf, wenn er den Schlitten, die Rentiere sehen wollte, auch wenn diese zu scheu, zu müde waren und sich versteckten, da stand er dann im Schnee, unweit der Terrasse, ganz nah, dort wo jetzt der Ginster blüht, und suchte und fand den Schlitten nicht, der stand bestimmt unten auf der Straße, und früher dachte er, dass der Garten im Winter größer war und viel weiter, dass es keine Nachbarhäuser gab in der Nacht, nur Felder und verschneite Wälder, Tannenwälder wahrscheinlich, im silbernen Schnee, und er hielt die Wunderkerzen in ledernen Fäustlingen, um sich nicht an den Funken zu verbrennen, er hielt sie nur in die Höhe, mehrere Weihnachten gingen dahin, bis er sie drehte und Streifen in die Luft malte, eine nach der anderen steckte er dann in den Schnee, Trauben von brennenden Wunderkerzen, und hoch warf er die bengalischen Hölzer, so hoch, dass sie in der Luft noch erloschen. Grün, rot und blau und gelb.
Die Hundehaare, die er zu ganzen Flocken zusammenkehrte, weich und flauschig, und die, wie man ihm sagte, wie seine Haare, wenn man sie ihm im Garten scherte, nicht einfach weggeworfen werden durften, unter den Apfelbäumen sollten sie gesammelt werden, damit die Vögel ihre Nester auspolstern konnten. Er trug die Haare sorgsam in den Garten, aus jeder Ecke sammelte er sie, beide Hände voll, und zupfte sie unter den Apfelbäumen, zupfte wieder auseinander und verteilte sie. Er wartete, ob nicht einer der Vögel käme, sie mit dem Schnabel aufzupicken, sie in die Nester zu tragen und einzubauen, nie hatte er einen dies tun sehen. Dann aber im Frühjahr wunderte er sich, wenn sie die Nistkästen öffneten und die alten Nester hervorholten und er sie gegen das Licht hielt und mit eigenen Augen sehen konnte, wie stabil sie gebaut und wie viele vertrocknete Gräser, Halme, Moose und eben die Haare in ihnen verwoben waren. Er wusste, dass es gut war, seine Haare, die Haare der Hunde unter den Apfelbäumen zu verteilen, und er mochte Haar, weil es warm war und weich.
Er sah über die glänzenden Böden. Nicht ein Haar, nicht ein Fellbusch lag mehr verstreut, nicht ein Krümelchen Wachs. Er hatte gekratzt und geschrubbt, gebohnert und poliert, auf den Knien rutschte er über die Böden und lachte. Es war unerhört sauber. Es glänzte, und sie saßen zufrieden mit ihrem Werk und berieten, was sie einpacken sollten und sie sagten ihm wieder, dass er seine Bücher nicht mitnehmen sollte, zur Not noch den Cook, aber nicht den Vasco da Gama, einer von beiden müsse dableiben, müsse eben zur Not das Haus bewachen.
Er wusste nicht, warum.
Durch die offenen, silbernen Fenster fiel das Morgenlicht.
Es war immer noch früh.
Und niemand war da.
Kein Laut im Haus.
Niemand war wach.
Kein Atmen.
Es duftete nach Sommer.
Matt und friedlich.
Die Hölzer der Möbel dufteten. Und hellgrüner Pollenstaub legte sich wieder, unaufhörlich.
– Den Schiffen nicht winken!
– Den Schiffen nicht winken!, riefen sie im letzten Sommer, in den großen Ferien, er war den Abhang zum Ufer des Flusses hinuntergelaufen und sah die Lastenkähne, die nach Rotterdam, nach Hamburg, nach Bremen fuhren, um ihre Waren auf größere Schiffe zu verladen, die dann weiterfuhren, immer weiter, endlich nach Athen, wie er dachte, nach Queensland, Ottawa und Indonesien, bis nach Kioto, an das andere Ende der Welt, dort, wo die Sonne aufgeht, der Tag.
Er stand am Ufer mit den Zehen abgerundete Steine umklammernd, die Arme hatte er gehoben und winkte ihnen zu, wie ein Hampelmännchen sprang er in die Höhe und winkte den Schiffen ausgelassen, er rief nicht oder schrie, nur gewinkt hatte er.
– Nicht winken!, riefen sie, im letzten Sommer, er wusste es noch genau. Liegende waren es, die sich am Nachmittag am Ufer des Flusses die Zeit vertrieben, in der Sonne, aus Picknickkörben Limonade zogen und knirschende Verschlüsse aufschraubten und aus den Flaschen tranken, Kinder im Schneidersitz mit schmutzigen Füßen auf den karierten Wolldecken, Mütter, die rauchten und Wassermelonen zerteilten.
Hinter ihnen lag ein Freibad mit hohen Sprungtürmen, und in regelmäßigen Abständen hörten sie das Platschen und Johlen der Springer.
Nichts war an diesem Nachmittag mehr zu erledigen.
Nichts zu tun.
Nichts mehr dringend.
Sicherlich hatten sie an nichts gedacht, als sie dem Jungen zuriefen, er solle den Schiffen nicht winken, warum sollte er ihnen nicht winken, die Bootsleute winkten ihm doch zurück, und was sollte denn passieren, die Schiffe konnten doch nicht beidrehen, nicht vor seinen Füßen anlanden.
Einen Moment lang war es still, die Stimmen, das Rufen, Planschen, Johlen und Lachen aus der Badeanstalt verstummte und niemand war da, der sah, wie sich der Junge erschrocken umgedrehte.
– Den Schiffen nicht winken!
Das Dorf, in dem seine Großmutter lebte, war nicht weit vom Fluss und dem Freibad entfernt, eine Kleinstadt in der Nähe, die sie nur die Stadt nannten, man ging nicht in eine Kleinstadt, man ging in die Stadt, hier fühlte er sich heimisch, so, als lebe er hier, als wäre er hier zuhause zwischen den Fachwerkhäusern, nahe den Feldern, den Höhenzügen und Burgen, deren Ruinen ihm jahrtausendealt erschienen, hier kannte er alle Wege, die Winkel und erahnte den Verlauf einer Stadtmauer, auf deren Resten er die Schweden, die Dänen vertrieb, die im Dreißigjährigen Krieg über Land und Leute flott herfielen und plünderten und brandschatzten, waren sie dann weitergezogen, kamen die anderen, die eigenen, wie man glaubte, und wie groß muss da die Verwunderung gewesen sein, als diese die Hellebarden, die Schwerter und Dolche gegen die hielten, die sie doch zu schützen hatten.
Er stand lange vor einem Kupferstich der Stadt aus ebendieser Zeit, und wenn er aus dem Fenster sah, sah er die gleichen Fassaden, die er auf den Stichen des städtischen Museums sah, in dem er der einzige Besucher war. Und er hörte in den Gassen das Klappern der Holzschuhe, das Fließen des Wassers aus einem ausgegossenen Eimer.
– Auf welche Schule gehst du denn, bist du aus dem Gymnasium, aus der Neustadt, sprach ihn einer der Museumswärter an, was schaust du denn so, bist du stumm?
